Doppik formt die Kirche um

Seit 125 Jahren gibt es den Pfarrer- und Pfarrerinnenverein
in der evang.-luth. Kirche in Bayern. Für die Vorsitzende Corinna Hektor Anlass genug, auf ihre Kirche einen kritischen Blick zurück und nach vorn zu werfen.

„»Vom Auftrag her denken«, so heißt es in den letzten Jahren immer wieder, wenn Mitglieder des Landeskirchenrates über Kirche sprechen. Sie haben recht, wir sollten vom Auftrag her denken. Theologisch also. Und von dort aus auf die Strukturen schauen und uns für oder gegen bestimmte Formen entscheiden. Weil Kirche in der sichtbaren Welt Strukturen braucht und diese Strukturen, die Sprache, in der wir reden und die Bilder, die wir verwenden, unser Bild von der Wirklichkeit prägen – und unser Handeln in bestimmte Bahnen lenken, im schlimmsten Fall einengen. Mit fällt auf, dass in den letzten Jahren entsprechende Entscheidungen meist ganz ohne solche Überlegung und ohne theologische Diskussion getroffen wurden, die Folgen werden inzwischen sichtbar.

Viele davon sind Finanzentscheidungen. Doppik zum Beispiel. Erst hieß es, Doppik berücksichtige kirchliche Besonderheiten, inzwischen muss sich die Kirche nach der Doppik richten. Nach einer speziellen Form der Haushaltslehre genauer gesagt. Das HGB, Handelsgesetzbuch, wurde faktisch zu einer Art heiligem Gesetzbuch – und zwingt, quasi kanonisch geworden, nicht nur unsere Finanzen in eine bestimmte Form, sondern bestimmt auch Inhalte. Es formt Kirche um. Die Folgen: Handlungsspielräume werden eng, Entscheidungen bekommen noch längeren Vorlauf, da bereits noch ein halbes Jahr früher angemeldet werden muss, was haushaltsrelevant entschieden werden soll. Rücklagen als Planungsgröße haben ausgedient. Die Angst vor der Armut wächst – trotz aller Rekordergebnisse bei den Kirchensteuern.

Gleichzeitig werden Finanzdebatten dominanter auf den Synoden, bestimmen nun nicht mehr nur den Herbst. Dazu lebt wieder auf, was ich in der Zeit der Konsolidierung nach 2003 schon als problematisch erlebt habe: Abteilungsbudgets, die gegeneinander zu rechnen sind – und in denen es kaum Möglichkeiten zum Übertrag gibt, so dass Geld bis zu einem Stichtag ausgegeben sein muss, damit es nicht verfällt. Die Mechanismen sind bekannt und waren schon damals wenig hilfreich. (…)

Früher wurde im Herbst auf der Synode ein Haushalt erläutert, es wurden Investitionen begründet, große Linien gezogen – und damit immer auch ein Blick auf die laufende Arbeit geworfen. Heute dominiert die Ertragsbilanz. Lesefreundlich auf einer Seite, ein buntes Bild – eigentlich zwei nebeneinander. Und dort erscheint dann unter »Verpflichtungen« ein dicker schwarzer Balken – die Pensionsrückstellungen für die Kirchenbeamtlnnen, Diakonlnnen, verbeamteten Religionspädagoglnnen und die Pfarrerlnnen. Die Versorgungslasten. Scheinbar erdrückend.

Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass die durch die deutsche Rentenversicherung abgesicherten Gelder mit abgebildet sind. Dass die bereits dafür zurückgelegten Gelder 98 % der erwarteten Kosten bereits abdecken, gerät dabei aus dem Blick. Die Einnahmen auch.

Manches hat sich verändert. Wir hatten mal ein System mit Rücklagen als Planungsgröße. Heute haben wir stattdessen einen großen Topf und die Aussage, dass auf der Kostenseite insgesamt etwas fehle. So wird aus der Planung eine neue Aufgabe: kürzen. Was dabei nicht gesagt wird: Die Kosten sind eine Schätzung, genauer: eine Prognose aufgrund mehrerer Schätzungen. Stattdessen ist die Rede von Personalkostenquoten, Benchmarks und Gewinnen, die wir als gemeinnützige Organisation gar nicht machen dürfen. Es sieht düster aus. Sparen scheint die einzige Chance. Ja, Doppik und HGB bescheren uns einen besseren Blick auf die Immobilien – aber wenig Übersicht für vieles andere; vor allem aber eine Systematik, die den meisten innerkirchlichen Fachleuten fremd ist. Selbst im Finanzausschuss haben nach eigener Aussage nicht alle verstanden, was beschlossen wurde. Und die Folgen erst recht nicht. Wenn das die versprochene Transparenz sein soll, hätte ich gern das alte intransparente System zurück. (…)

Was ist Volkskirche? Was sind wir? Eine Organisation? Ein Unternehmen? Unsere Sprache verrät uns: Wir reden plötzlich von Produkten und Gewinn – oder gar von Kunden. Orientieren uns an den Maßstäben von Wirtschaftsbetrieben. Wir haben aber keine Kunden, sondern Mitglieder (Prof. Chr. Möller) – und so soll es bitte bleiben.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrverein-bayern.de/ablage/kblatt-1606.pdf

Warum die Kirche keine Pfarrer mehr braucht

Von Pfr. Dr. Christoph Bergner

„Die EKD hat schon 2006 in ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ die Reduzierung von 50% der Kirchengemeinden bis 2030 gefordert. Selbstverständlich müssen auch die Pfarrstellen reduziert werden. Das soll durch ein Netzwerk von Prädikanten aufgefangen werden. Da nur ein geringer Bedarf an qualifizierter Theologie nötig zu sein scheint, können Gemeinden auch von Ehrenamtlichen versorgt werden. Martin Luther sah das noch anders. So sagte er in einer Tischrede: „In Kürze wird es an Pfarrern und Predigern so sehr mangeln, dass man die jetzigen aus der Erde wieder herauskratzen würde, wenn man sie haben könnte. Denn Ärzte und Juristen bleiben genug, die Welt zu regieren; man muss aber zweihundert Pfarrer haben, wo man an einem Juristen genug hat. Wenn zu Erfurt einer ist, ists genug. Aber mit den Predigern geht’s nicht so zu; es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben. Mein gnädiger Herr (der Kurfürst zu Sachsen) hat an zwanzig Juristen genug, dagegen muss er wohl an die 1800 Pfarrer haben. Wir müssen noch mit der Zeit aus Juristen und Ärzten Pfarrer machen, das werdet ihr sehen.“ Zum Reformationsjubiläum steht Luther mit seiner Vorstellung eines qualifizieren Pfarramts in der EKD ziemlich allein da. Wer „Dörfer und Flecken“ mit Pfarrern versorgen will, wird bei den Personalplanern der Kirche nur noch ein müdes Lächeln erwarten dürfen. (…)

Die Kirche hat sich unter einen enormen Reformdruck gesetzt. Der wichtigste Grund waren jeweils schlechte Prognosen und ein scharfer Blick auf Probleme und Defizite. Aber die funktionale Bestimmung der Kirche offenbart nicht nur vielfältige Defizite, sie ist selbst hoch defizitär. Sie setzt ein Karussell in Gang, das kaum noch zu bremsen ist. Wer z.B. Pfarrstellen an bestimmten Kennziffern festmacht, muss ständig Stellen überprüfen und verändern. Der Zwang zur Reform macht die Reform zum Selbstzweck.

Die funktionale Bestimmung definiert die Kirche aber vor allem von außen, von organisatorischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen her. Wolfgang Schäuble hat jüngst kritisiert, dass der Kirche „der spirituelle Kern“ abhandengekommen sei. „Es entsteht der Eindruck, als gehe es der evangelischen Kirche primär um Politik, als seien politische Überzeugungen ein festeres Band als der eigene Glaube.“

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob Prognosen der Maßstab sind, an dem sich Kirche orientieren soll. Immanuel Kant hat in seiner Schrift „Der Streit der Fakultäten“ behauptet, eine „wahrsagende Geschichtsschreibung“ sei nur dann möglich, „wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum Voraus verkündigt (…) Geistliche weissagen gelegentlich den gänzlichen Verfall der Religion und die nahe Erscheinung des Antichrist, während dessen sie gerade das tun, was erforderlich ist, ihn einzuführen.“ Auch wenn niemand in offiziellen Papieren der EKD den Antichrist erwartet, so ist es in den hochkomplexen Strukturen der Moderne um die Prognosemöglichkeiten noch schlechter bestellt als zu Kants Zeiten. (…)

Vielleicht entdeckt auch die evangelische Kirche wieder die Bedeutung des Pastors und Pfarrers. Dann würde ihr auch wieder wichtig, was ihren Dienst eigentlich ausmacht und wofür sie in dieser Gesellschaft gebraucht wird. Nicht der funktionale Dienst, sondern die personale Präsenz ist die Voraussetzung für ihre unverzichtbare pastorale Aufgabe.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://wort-meldungen.de/wp-content/uploads/2016/06/Warum-die-Kirche-keine-Pfr.-mehr-braucht.pdf

Der Artikel ist auch im Deutschen Pfarrerblatt Nr. 8/2006 erschienen: http://pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4105

Wie der Reformprozess in der EKD die Kirche hierarchisiert

Von Ingo Baldermann

Es geht um den Kern: um eine betriebswirtschaftlich kontrollierte Evaluation der Effizienz von Gottesdienst und Seelsorge, Predigt und Unterricht, und alles unter der Verheißung, dadurch das Profil zu schärfen und der kirchlichen Arbeit neue Attraktivität zu verleihen. Ob die Vertreter dieser Strategie nicht merken, wie sie mit den Kategorien des Marketing das Wesen der Kirche verändern? Sie gewinnt tatsächlich ein neues Profil: das eines Konzerns, der seine religiösen Wahrheiten möglichst gewinnbringend zu vermarkten sucht. Ich versuche einige der Konsequenzen beim Namen zu nennen …

„6. Bisher war die Kirche in der modernen wie schon in der spätantiken Gesellschaft gerade dadurch  attraktiv, dass hier exemplarisch ein anderes Zusammenleben praktiziert wurde als in den autoritären Strukturen der Massengesellschaft, die damals wie heute ohne Sklavenarbeit nicht funktioniert. Diese Attraktivität, die unsre Gemeinden noch immer trägt, wird von Grund auf zerstört, wenn die Kirche nun nach den Kriterien einer  ideologisch radikalisierten Betriebswirtschaft umstrukturiert wird. In diesen Strukturen werden wir alle heimatlos.

7. Durch die NKF (Neue kirchliche Finanzordnung) wird die genaue Erfassung und Erhaltung aller Sachwerte zum entscheidenden Maßstab, und die Erfahrung zeigt, wie blühende Gemeinden dadurch unversehens bettelarm gerechnet werden können und nicht mehr die notwendigsten Mittel für ihre profilierte Gemeindearbeit behalten. Dagegen explodieren die Kosten der Verwaltung durch das Anwerben „hochqualifizierter Fachkräfte“. Wir vergessen nicht, wie durch die beflissene Anpassung an die Praktiken moderner Geldwirtschaft schon Kirchensteuergelder in Millionenhöhe durch Fehlspekulation sinnlos verbrannt worden sind. Fazit: Auf der Suche nach dem Sinn derart sinnlos und zerstörerisch wirkender Ordnungen gewinnt man am ehesten Klarheit durch die Frage: Cui bono – wem nützt das? Hier ist die Antwort erschreckend einfach: Die von oben her (wie gegenwärtig auch in den Schulen) angeordnete Qualitätskontrolle erzeugt von selbst hierarchisch strenge autoritäre Strukturen. Die neue „Ordnung“ wird von oben nach unten durchgesetzt und kontrolliert, und so wird die Verwaltung, bisher von den Gemeinden dankbar als Hilfe akzeptiert, zu einer Kontrollinstanz, die künftig auf keine Kritik der Basis mehr hören, geschweige denn antworten muss.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekd/jetzt-auch-noch-dies-qualitaetsmanagement-in-der-ekd.php

Gemeinde der Zukunft

Vortrag vor dem Regionalen Strukturausschuss der Siegener Gemeinden am 30. Januar 2016 von Manfred Alberti

„Das EKD Konzept „Kirche der Freiheit“ hat auf die genialen Ideen der Leitungsgremien in Hannover gesetzt und wollte „Leuchtfeuer“ in den Mittelpunkt der Ausstrahlung der Evangelischen Kirche setzen wie ein weitbekanntes Markenprodukt. Nach immer stärker werdender Kritik, auch weil sich das Konzept nicht durchsetzte und kaum Erfolg zeigte, hat nun die V Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD deutlich erkennen lassen, warum dieses Konzept der Kirche der Freiheit mit der Kirchenlenkung von oben zum Scheitern verurteilt war: Die völlige Missdeutung und Missachtung der Rolle der Gemeinden.

In den Augen der Gemeindeglieder sind die Gemeinden die eigentlichen Repräsentanten der Kirche, nicht irgendwelche Leitungsgremien. Die Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen sind die Repräsentanten der Kirche, die Presbyter, Mitarbeiter und Gottesdienstbesucher die Ansprechpartner in religiösen Fragen: Ferne Akademien der Landeskirchen spielen da keine Rolle. Mit Sicherheit kennen viele Gemeindeglieder besser den Namen ihres Gemeindepfarrers als den Namen des EKD-Vorsitzenden: Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel: Verbinden Sie viel mit dem bayrischen Landesbischof und EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm? (…)

Evangelisches Kirchenverständnis ist aufgebaut auf in ihrem Glauben mündigen Gemeindegliedern. Das ist eine Kernkompetenz evangelischen Glaubens. (…)

Die gemeindegliedernahe Ortsgemeinde ist der Kern der Kirchenbindung: Wenn dieses Fundament wieder stärker die Grundlage der Kirchenpolitik der EKD werden würde und die EKD und die Landeskirchen ihre primäre Aufgabe darin sähen, diese Gemeinden zu unterstützen, dann würde die Evangelische Kirche ein stabileres Fundament für die Zukunft haben als mit noch so tollen Leuchtfeuern. Das Schiff der Gemeinde braucht seine Orientierung nicht aus Marketingkonzepten der Wirtschaft sondern aus dem immer wieder neu aktuellen Nachdenken über die Bibel und den Glauben.

Diese Rückkehr von einem falschen Weg ist eine gute Orientierung für das Reformationsjubiläum im nächsten Jahr. In einem Satz gesagt im Sinne Luthers und der anderen Reformatoren: Nicht die Großorganisation Kirche soll im Mittelpunkt stehen, sondern der Glaube der einzelnen Gemeindeglieder und ihrer Gemeinde.“

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag: http://kirchenbunt.de/gemeinde-der-zukunft/

 

Strategisch evangelisch – Die Kunst, Kirche zu gestalten

Wie ist Kirche heute zu leiten? Was sind sinnvolle Strategien im Umgang mit den vielfältigen Herausforderungen, mit denen sich Kirchenleitungen konfrontiert sehen? Lässt sich die evangelische Kirche überhaupt steuern? Diesen kybernetischen Fragen geht der Beitrag von Christoph Dinkel nach.

„Wenn Kirchenleitungen über eine Strategie für die evangelische Kirche nachdenken, überrascht es nicht, dass im Ergebnis die zentralistischen Tendenzen gestärkt werden. Das ist angesichts der Entwicklungen unserer Gesellschaft in gewissem Umfang unvermeidlich. Zentralisierung kann Kräfte freisetzen, die an der Basis sinnvoll für die konkrete Arbeit mit Menschen eingesetzt werden können. Zentralisierung ermöglicht in manchen Bereichen eine höhere Qualität und eine bessere Sichtbarkeit der Arbeit. Bedenklich werden Zentralisierungstendenzen allerdings dann, wenn sie die Autonomie der Gemeinden und ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer beeinträchtigen, wenn also von oben verordnet wird, was zu tun ist, und die Gemeinden zu Filialen der Gesamtkirche und die Pfarrer zu Filialleitern der Kirchenorganisation werden. Dem Zentralisierungsdruck darf also nur dort nachgegeben werden, wo dies absolut unerlässlich ist.

Die evangelische Kirche – Schleiermacher wird nicht müde das einzuschärfen – ist von unten aufgebaut. Sie verdankt sich der Kommunikation des Evangeliums an konkreten Orten. Allein von dort her bezieht die Kirchenorganisation ihre Existenzberechtigung. Das Prinzip der Subsidiarität und die interne Pluralität gehören zum Wesen protestantischer Kirchentümer. Die föderale Struktur des Protestantismus ist ein hohes Gut. Das Zentrum und die Spitze wissen keinesfalls alles besser. Sie sind auch nicht notwendig strategisch kompetenter. Vielmehr hat gerade die Spitze spezifische Blindheiten, denn das meiste, was in der Kirche geschieht, bekommt die Leitung nie in den Blick. Fehler, die in einer föderal aufgestellten Kirche gemacht werden, schlagen auch nicht gleich auf alle durch. Fehler sind in einer kleinteilig organisierten Kirche besser einzudämmen und zu korrigieren als in einer zentralistischen Organisation.

Vor allem aber sichert die dezentrale und plurale Struktur der evangelischen Kirche ihre finanzielle Basis. Die meisten, die Kirchensteuer zahlen, zahlen sie nicht für die Landeskirche oder gar die EKD. Sie zahlen sie für die Gemeinde vor Ort, für das Kirchengebäude in der Nähe, für die Kantorei, den Posaunenchor und die Jugendarbeit, für die diakonische Einrichtung, die Vesperkirche und den diakonischen Pflegedienst in der Nachbarschaft. Kirchensteuer zahlt man für die Pastorin, die sichtbar in der Gemeinde präsent ist, die erreichbar ist, wenn ein Kasus anliegt. Religion lebt von der Nähe, von konkreter Hilfe und von konkreten Orten, an denen die Seele erbaut wird. Vertrauen wächst durch bekannte Gesichter und Menschen, die als Gesicht der Kirche bekannt sind. Nur auf der Basis dieses Vertrauens sind Menschen bereit, der Kirche ihr Geld zu geben. Gesteigerter Zentralismus widerspricht nicht nur dem Prinzip einer Kirche von unten und dem allgemeinen Priestertum, gesteigerter Zentralismus würde auch die finanzielle Basis der Kirche untergraben.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Nr. 2/2016: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3987

Renaissance der Kirchengemeinde?

Überraschende Sichtweisen in der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der EKD

Mit den Ergebnissen der jüngsten Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD rücken die Kirchengemeinden in den Fokus des Interesses. Das ist – verglichen mit früheren Studien – neu und eröffnet neue Einsichten in die Beschreibung kirchengemeindlichen Lebens.

Von Gerhard Wegner

Die Fokussierung auf Kirchengemeinden überrascht deswegen, weil nicht zuletzt die Tradition der KMU selbst mitursächlich für eine Ausblendung der Kirchengemeinden aus vielen Bereichen der empirisch sozialen Erforschung der kirchlichen Praxis der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Kirchengemeinden galten spätestens seit den End60er Jahren für viele – unter Bezug auf eine Reihe von Untersuchungen aus den 50er Jahren – als im Kern bornierte, milieuverengte, überalterte und sozial letztendlich marginalisierte Restbestände des volkskirchlichen Christentums. Sich näher mit ihnen zu beschäftigen galt deswegen als relativ langweilig; die große Zahl der kirchlich distanzierten Mitglieder zog wesentlich mehr Interesse auf sich, als die Lebenswelt der hochverbundenen Kirchenmitglieder in den Kirchengemeinden. Diese Interessenlage war – und ist – insofern problematisch, als die Kirchen mindestens 2/3, wenn nicht noch mehr ihrer gesamten Ressourcen in eben diese Kirchengemeinden investieren. Natürlich haben sich zum Glück neben den Kirchengemeinden andere Formen kirchlicher Beteiligung und Bindung ausgebildet – aber die Bedeutung der Kirchengemeinden haben sie ohne Zweifel nicht erreicht. Sich sozialwissenschaftlich kaum um das zu kümmern, was dort geschieht, stellt deswegen einen argen Realitätsverlust dar – und zwar ganz gleich, wie man die Praxis der Kirchengemeinden letztendlich bewertet. Wer realistisch Entwicklungsperspektiven der Volkskirche in den Blick nehmen will, der muss sich mit der Lage in den Gemeinde befassen (wenn auch natürlich nicht nur!).

Kirchengemeinde = Evangelische Kirche

Es gibt nun in der KMU 5 eine Zahl, die zunächst übersehen worden ist, die die Bedeutung der Kirchengemeinden schlagartig in ein helles Licht rückt: Demgemäß fühlen sich 45% der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44% der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelische und diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber weit ab. Nähere Berechnungen ergeben dann, dass zwischen der Verbundenheit mit der Ortsgemeinde und der der evangelischen Kirche keine Differenz unter den Befragten besteht. Die KMU 5 macht insofern ausdrücklich deutlich, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche gleichzusetzen ist und umgekehrt: Wer sich der Ortsgemeinde verbunden fühlt, fühlt sich in der Regel auch der evangelischen Kirche generell verbunden. Ja, die starke Verbundenheit (»sehr« verbunden) liegt bei der Ortsgemeinde mit 22% noch höher als bei der Kirche insgesamt mit nur 15%! Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft. Wobei man allerdings gleich kritisch dazu bemerken kann: wenn sie so bedeutsam ist, muss ihre Praxis auch mit ursächlich für die offenkundigen Verfallserscheinungen kirchlicher Performanz sein.

Die zwingende Folge ist, dass die immer wieder geäußerte Vermutung, es gebe eine große Gruppe von Evangelischen, die sich zwar der Kirche insgesamt, aber nicht der Kirchengemeinde verbunden fühlen würde, nicht (mehr) bestätigen lässt. Damit sind die Ortskirchengemeinden eindeutig die Basis der Arbeit der evangelischen Kirche – wenn auch natürlich längst nicht alles! – und deswegen muss mehr Aufmerksamkeit auf das gerichtet werden, was sie tun und wie sie es tun. Bei einem Anteil von 45% kann man von etwa 10 Mio. Menschen ausgehen, die sich über die Kirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. Sie sind damit das zentrale Feld in dem sich zunächst einmal relativ verlässlich Resonanzen auf die Kommunikation der evangelischen Kirche erwarten lassen – keine kleine Zahl!

Lesen Sie hier den ganzen Artikel (Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 1/2016): http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3974

Auch interessant: Potentiale vor Ort – Ersten Kirchengemeindebarometer

Was die Kirche vom VW-Skandal lernen kann

Herbert Dieckmann, Mitglied im Vorstand des Hannoverschen Pfarrvereins, fordert kritisch-demokratische Prozesse in der Kirche.

Es ist höchste Zeit, wie von Bernd Osterloh für VW gefordert, auch für unsere Landeskirche endlich ein Klima angstfreien, rationalen und gleichberechtigten Streitens in Synode, Kirchenkreistagen, Kirchenvorständen, Pfarrkonventen, Kirchenkreiskonferenzen und kirchlichen Publikationsorganen zu etablieren und eine neue demokratische Kritik-Kultur zu installieren, damit wir die schlimmen Fehler der Vergangenheit rasch beheben und die dramatische Gefährdung unserer kirchlichen Organisation durch unkontrollierte Hierarchie endlich beenden.

Eine Leitung, die berechtigte Kritik an offensichtlichen Fehlentwicklungen so beharrlich überhört, setzt auf Dauer die Existenz der eigenen Organisation aufs Spiel. So fragen unsere Mitglieder seit Jahrzehnten vor allem nach Ortsgemeinden und Gemeinde-PfarrerInnen, die sie lebenslang pastoral begleiten, wie die fünf großen wissenschaftlichen EKD-Befragungen von 1972 bis 2012 immer wieder ergeben haben und wie in jeder beliebigen Kirchengemeinde täglich zu besichtigen ist. Und dennoch werden durch die Vorgaben der Kirchenleitung seit etwa zwanzig Jahren ausgerechnet unsere mitgliedernahen Ortsgemeinden, die bei hinreichend pastoraler Versorgung Kirchenbindung geradezu „garantieren“ (s. R. Bingener, FAZ v. 9.3.2014 zur V. KMU), finanziell wie personell ausgezehrt, aufgelöst, zusammengelegt, um dann auf ihre Kosten mitgliederferne anonyme Mittelebenen wie Kirchenkreise, Verwaltungen und kirchliche Werke finanziell und personell immer weiter aufzublähen – mit verheerenden Folgen für unsere gemeindezentrierte Volkskirche: haupt- und ehrenamtliche Gemeinde-Mitwirkende resignieren, viele erkranken langfristig; Scharen von Kirchenmitgliedern verlassen unsere Kirche jährlich, vom 30.6.1995 bis zum 30.06. 2015 inzwischen 641.528!

(…)

Am Jahresverlauf dieser Verluste lässt sich die Fieberkurve gemeindeschädlicher „Reformen“ gut ablesen: in den reformmoderaten Jahren 1995-1998 betrug der Jahresverlust noch durchschnittlich 0,54%; in den reformforcierten Jahren 1998-2007 stieg er dann schon um 51% auf 0,82%, um danach von 2007- 2015 im Feuer irrationalen Reformeifers um 157% auf 1,39% im Jahresdurchschnitt hochzuschnellen.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.hannoverscher-pfarrverein.de/?cat=3

Christen-Frösche erhebt euch!

zu „Ecclesia semper reformanda“ in Korrespondenzblatt Nr. 10/2015

… denn einst gab es viele blühende Gemeinde-Seen mit glücklichen Christen-Fröschen. Sie schafften sich zur Förderung ihrer Seen eine Organisation namens Kirche und finanzieren sie bis heute.

Aus organisationstheoretischer Sicht wird erklärt, dass Gemeinden nur kostenintensiv und unproduktiv seien. Nachdem es nicht populär ist, ganz offen die Abschaffung von Gemeinden zu fordern, der gute Rat im Artikel für die Organisation Kirche: „Wenn du einen Teich auspumpen willst, frage nicht die Frösche.“

Und genauso geschieht es: Gemeinden werden ausgetrocknet, indem sie finanziell und vom Einfluss her entmachtet werden. Ein Votum der Frösche dazu ist natürlich nicht erwünscht. Und wo es aufkeimen möchte, gaukelt man ihnen eine Entwicklung zum Guten vor und stellt sie ruhig.

So kämpfen die Christen-Frösche um ihr Überleben und um das letzte bisschen Wasser um sie herum. Dabei bekämpfen sie sich gegenseitig, so dass die Organisation der Austrocknung leichtes Spiel hat.

Und wir Pfarrerinnen und Pfarrer haben freilich das Problem, dass wir in der Regel von der Organisation Kirche bezahlt sind. Wir fliehen aus der Gemeinde auf Sonderpfarrstellen oder stecken den Kopf in den Sand, um den geplanten Tod der Christen-Frösche nicht sehen zu müssen. Dabei sollten wir uns auf die Seite der machtlosen Christen-Frösche stellen – auch wenn wir dabei sicher nicht Karriere in der Organisation machen. Jesus jedenfalls hat sich stets an die Seite der Schwachen gestellt und ist dort sogar geblieben bis zum Ende.

Außerdem sollte sich nicht jede sinnlose und schädliche Reform Luther oder Barth als Gewährsmänner wählen. Denn eine solche Reform des zentralistischen Rückbaus ohne Vision, die auf Kosten der Gemeinden die Organisation Kirche zu retten versucht, hätten beide gewiss nicht gut gefunden.

Christine Theilacker-Dürr
Geilsheim
Korrespondenzblatt Nr. 11/2015, S. 160

Der Leserbrief bezieht sich auf den Artikel von Dr. Markus Ambrosy in Korrespondenzblatt Nr. 10/2015, S. 133-137.

Dieses Spiel ist aus – Über das verdrängte Sterben der EKD-Kirchenwelt

Von Karl Richard Ziegert

Erstaunlich findet es Karl Richard Ziegert, mit welcher Chuzpe die Landeskirchen oder die EKD ihre Strategiepapiere wie z.B. »Kirche der Freiheit« von 2006 als Erfolgskonzept verkaufen. Was damit beabsichtigt wird, ist für ihn kaum unklar: die EKD zum privilegierten Träger »öffentlicher Religion« zu erklären und eine eindimensionale Politisierung des Evangeliums voranzutreiben. (aus Deutsches Pfarrerblatt,  Heft 10/2014)

„(…) mit dem neuen Zentralismus in der EKD verschwindet in der Fläche der Bundesrepublik auch eine gesellschaftlich ebenso elementare wie kostbare Sache: der für viele Menschen wichtige, ohne Bedingungen greifbare Notausgang bei schwer lösbaren menschlichen und gesellschaftlichen Problemlagen. Was hier eine im Bedarfsfall in wenigen Stunden bis in den letzten Winkel der Bundesrepublik alle gesellschaftlichen Institutionen kontaktierbare Struktur eines kirchengemeindlichen Kümmerns um die Menschen auch am kleinsten Ort löst und leistet, war einmal eine stille, aber für die Betroffenen fast immer bemerkenswert erfolgreiche gesellschaftliche Kraft, die nun die EKD-Kirchen selbst für ihren Plan einer politisch-moralischen Herrschaft über die Gesellschaft opfern.

Man muss sich diese Verhältnisse nüchtern vor Augen führen, um die ganze Dramatik der in den letzten fünf Jahrzehnten immer intensiver eingerasteten Zweck-Mittel-Verkehrung von Finanzierung und Organisation in der EKD begreifen zu können. Die Beteuerung von Synoden und Kirchenleitungen, dass die Gemeinden das Herz der Kirche seien, ist pure Fensterrede. Dass Günter Jauch in der ARD zum Thema »Bischof von Limburg« am 20. Oktober 2013 einfach behauptet hat, »die Kirchensteuer fließt überwiegend in den Unterhalt der Gemeinden«, ist für den EKD-Bereich schlicht unzutreffend. Denn von der Kirchensteuer finanziert wird überwiegend eine katastrophal überinstitutionalisierte Kirchenorganisation. Anstatt wie vor 1960 – und der Stand dieses Jahres wäre die Messlatte für den Rückbau des Kirchenapparates – in die personale Grundstruktur der Gemeinden zu investieren und in gleicher Weise die notwendigen Ressourcen für die Gemeinschaftsbildung vor Ort und in den kirchlichen Jugendfreizeiten in maximaler Weise zu pflegen, wie dies die Finnische Lutherische Kirche mustergültig praktiziert, werden nur noch diejenigen Organisationszwecke erhalten und ausgebaut, die die zentralistische Äußerungsstruktur der kirchlichen Nomenklatura unterstützen, d.h.: die EKD zerstört ihre eigene Religionsfähigkeit. Klaus Mertes benennt in der FAS vom 20. April 2014 im direkten Bezug auf die EKD diese Krankheit, die »am Anfang schwer zu erkennen und leicht zu heilen, am Ende unübersehbar fast nicht mehr zu kurieren ist«, in treffender Weise den »institutionellen Narzissmus«.

Natürlich gibt es im kirchlichen Feld auch noch anderes als institutionellen Narzissmus zu besichtigen und sogar handfeste Gegenbeispiele, die die geschilderte Lage aber nicht verändern. Die Bewegung des Systems ist eindeutig und von der herrschenden EKD-Elite kein Einlenken zu erwarten. Wohl erst wenn alles am Boden liegt, kann eine restlos neue personelle Aufstellung mit religiös wieder sprachfähigen und glaubwürdigen Leitungsgremien, einer konsequenten Restrukturierung der kirchlichen Arbeit als Gemeindearbeit mit einem »ordentlichen« Gottesdienst – ein eigenes Thema – und der Befreiung der Pfarrerschaft zur »Inkarnation« in das Leben ihrer Gemeinde mindestens ab 1.000 Mitgliedern die Menschen hoffentlich wieder etwas von dem wahrnehmen lassen, was christliche Kirche wirklich ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=3690

Dorfforscher befürchtet Auflösung der Volkskirche durch Fusionen

„Wir brauchen die Bürgerkommune – und die Bürgerkirche“ (Gerhard Henkel)

Der Geografieprofessor und Experte für Dorfentwicklung, Gerhard Henkel, kritisiert den Trend zu Gemeindefusionen in den beiden großen Kirchen. Dadurch gebe es immer weniger dörfliche Kirchengemeinden, schreibt Henkel in einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ (Samstagsausgabe vom 27.10.2014): „Die Auswirkungen sind dramatisch.“ Es drohe die „Auflösung der Volkskirche in der Fläche. Amtskirche beseitigt Volkskirche.“

„Durch die Beseitigung gerade der dörflichen Kirchengemeinden wird das Vertrauen der Menschen in die Kirche weiter erschüttert“, beklagt Henkel. „Die Fusionen beschleunigen die Flucht selbst der Treuen aus der Kirche.“ Katholische Bistümer und evangelische Landeskirchen lösten die lokale Basis der Kirche auf. „Sie stoßen mit ihrem Zentralismus die Gläubigen in den Dörfern vor den Kopf.“ Auf Einwände von Landpfarrern werde nicht reagiert.

Die kirchlichen Gemeindefusionen wiederholen nach den Worten Henkels die „gravierenden Fehler“ der kommunalen Gebietsreformen der zurückliegenden Jahrzehnte in einigen Bundesländern. Dort seien ungefähr 400.000 ehrenamtlich tätige Bürger aus den Gemeindeparlamenten wegrationalisiert worden, was zu Desinteresse an der Kommunalpolitik geführt habe. Vergleichbare Konsequenzen drohten nun den Kirchen: „Hunderttausende gewählte und ehrenamtlich tätige Christen würden durch den Wegfall der lokalen Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände nicht mehr gebraucht.“

Henkel räumt indes ein, dass eine organisatorische Vernetzung von Kirchengemeinden sinnvoll sei, um die Verwaltungsarbeit zu reduzieren. „Aber man brauch dazu keine Fusionen.“ Als Alternative biete sich die Verbandsgemeinde an. „Diese schafft eine starke zentrale Organisation und Verwaltung und belässt den zugehörigen Ortsgemeinden ihre Autonomie, ihr lokales Verantworten und Handeln.“

(Quelle: http://aktuell.evangelisch.de/artikel/109867/dorfforscher-befuerchtet-aufloesung-der-volkskirche-durch-Fusionen)

 

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