Das autoritäre Echo – Kirche in Zeiten des Rechtspopulismus

Von Hans-Jürgen Volk

Wer heute rechtspopulistische Strömungen analysiert, darf den Wurzelboden nicht vergessen, aus dem sich diese politischen Entwicklungen nähren. Hierzu zählt nach Hans-Jürgen Volk auch die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik der Schröder- und Agenda 2010-Jahre. Volk zeigt aber auch auf, inwiefern die evangelische Kirche im Strom dieser neoliberalen Neuausrichtung mitgeschwommen ist und dies nun mit einem Vertrauensverlust bezahlt, der wenig verwunderlich ist

„Die evangelische Kirche ist mit dem Strom geschwommen. Wahrnehmbar für einzelne Gemeindeglieder sind vor allem die Schließung von Kirchen und Gemeindezentren, Fusionen von Gemeinden und Kirchenkreisen und die immer größer werdende Schwierigkeit, bei eigenen Anliegen einen verlässlichen Ansprechpartner zu finden. Kurz: Für den in den letzten Jahren stetig gestiegen Kirchensteuerbeitrag gibt es immer weniger Gegenleistung. Das erzeugt Frust und Entfremdung. Frust erzeugt die Bevormundung der Praktiker vor Ort durch Menschen, die ihr berufliches Leben vor allem in Büros und Sitzungsräumen verbringen. Frust ohne ­Ende entstand durch die vielfachen sozialen Härten bei kirchlichen Mitarbeitern, die von Rückbauprozessen und Sparprogrammen trotz stetig steigender Kirchensteuereinnahmen betroffen sind. Wenn Vertreter der Kirche sich öffentlich wohlmeinend zur Flüchtlingsfrage oder zu sozialen Themen äußern, wird dies als moralisierend empfunden. Die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Verfassung ist Teil einer Problemlage, die Rechtspopulisten in Deutschland Auftrieb gegeben hat.

Nötig wäre eine konsequente Umkehr von einem falschen und letztlich unkirchlichen Kurs, wie sie das »Wormser Wort« einfordert. Nötig wären mutige Schritte, innerhalb des kirchlichen Lebens eine wirksame Teilhabe der Kirchenmitglieder zu ermöglichen. Die Mitglieder könnten durch kirchliche Plebiszite bei Fusionsprozessen und anderen strukturellen Veränderungen mit eingebunden werden. Mutig wäre es, z.B. Spitzenämter auf Kirchenkreisebene durch eine Wahl der Kirchemitglieder zu vergeben. Mutig wäre es, Gewaltenteilung und Machtkontrolle zu praktizieren.

Wer Menschen als Objekt betrachtet und behandelt, die sich denen mit angeblich größerem Überblick unterzuordnen und zu fügen haben, erzeugt Frust und Entfremdung. Das Hartz IV-Regiment macht den Menschen, der eigentlich als Bürger der Souverän sein sollte, zum Fürsorge- und Strafobjekt, das man gelegentlich demütigen muss. Eine evangelische Kirche sollte hier bewusst Gegenakzente setzen und partnerschaftlich mit Gemeindegliedern und Beschäftigten umgehen. Unsere Gesellschaft, die in der Tat durch rechtspopulistische Kräfte bedroht ist, braucht eine Kirche, die mit ihren Strukturen und ihrem Umgang mit Kirchenmitgliedern und Beschäftigten ihre Botschaft bezeugt. Das könnte heißen: mehr direkte Demokratie und Teilhabe in den verschiedenen kirchlichen Körperschaften und Einrichtungen, die Pflege eines bewusst sozialen Umgangs mit den eigenen Beschäftigten, größere Spielräume für die, die vor Ort in der kirchlichen Arbeit engagiert sind sowie die Rückkehr zum Prinzip der kollegialen Leitung und der Einmütigkeit. Hierbei hilft es nicht, Einmütigkeit formaljuristisch zu interpretieren. Das Ringen um Einmütigkeit ist eine geistliche Aufgabe, die auf Augenhöhe in partnerschaftlich-geschwisterlicher Weise zu leisten ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Heft 7/2018, S. 374ff.: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4539

Das Kirchenverständnis der Reformatoren, gegründet in den Zeugnissen des Neuen Testaments

Mich wundert schon, dass eine evangelische Landeskirche, noch dazu lutherischer Prägung, ihr eigenes Handeln, ihre eigenen, die von ihr zu leistenden Werke, derart in das Zentrum ihrer Erneuerungsbemühungen stellt. Aber besteht nicht der grundlegende Auftrag der Kirche zu allererst darin,  immer  wieder  neu Kirche, d.  h.  Gemeinde Jesu Christi, zu werden?

„Wenn ich die Reformpapiere richtig verstanden habe, so soll an die Stelle eines „verzagten Festhaltens am Vergangenen“ jetzt der „kraftvolle Blick in die Zukunft“ treten. Die Denkbewegung der kirchlichen Arbeit gehe in der Regel „aus, von dem was ist, von dem, wie kirchliche Arbeit jetzt organisiert ist“. Dagegen hat sich die Begleitgruppe zu „Profil und Konzentration“ dafür entschieden, „von der Zukunft her Kirche zu denken“ (Inhaltliche Einführung zur Konferenz der kirchenleiten- den Organe am 10./11. Juni 2016 in Tutzing). Doch ist das die Alternative, ob wir die Kirche von der Gegenwart oder der Zukunft her denken, einer Zukunft zumal, wie wir sie uns ausmalen oder prognostizieren? Müssen wir dagegen nicht immer wieder sehr selbstkritisch die Gestalt und Ausrichtung der Kirche von Jesus Christus her bedenken?

Genau das ist ja mit der so oft und falsch zitierten Formel von der „ecclesia semper reformanda“ gemeint (vgl. meinen Aufsatz in DPfBl 4/2018, 207-210). Dass sich die Kirche gerade nicht den Strukturen und Maßstäben der Welt anzupassen hat, sondern sich, da selbst in den sich wandelnden Zeiten unterwegs, immer wieder neu zurückformen, reformieren, lassen muss in die Gestalt und Form, die Jesus Christus entspricht, darum geht es. Wie das schon im Wirken Jesu, seiner Sammlung der „kleinen Herde“ (Lk 12,32), geschah und dann später in den urchristlichen Gemeinden gelebt wurde, hat Gerhard Lohfink überzeugend dargestellt. („Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast“, Aktualisierte Neuausgabe, Stuttgart 2015). Sein Votum: „Aber offenbar leben viele Christen weit von der Welt der Bibel entfernt. Einer der Grundgedanken der Bibel (…) ist der Gedanke, dass Gott in der Welt ein Volk haben muss (…) Ein Volk gerade um der Welt willen und um über dieses Volk die ganze Welt zu erreichen (…) Um aber Welt verändern zu können, darf sich das Gottesvolk nicht der Gesellschaft anpassen oder sogar ‚Anschlussfähigkeit‘ an die Gesellschaft demonstrieren, sondern muss das Neue leben, das mit Abraham in die Welt gekommen ist und durch Jesus vollendet wurde.“ (S.174)1

Reformierte Christen haben im Heidelberger Katechismus die schöne Frage 54, die sich übrigens ziemlich deutlich an einen Passus im Großen Katechismus Luthers anlehnt (vgl. Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche, 657,25-38). Da wird gefragt:

„Was glaubst du von der »heiligen allgemeinen christlichen Kirche«?

Die Antwort lautet:

„Daß der Sohn Gottes aus dem ganzen Menschengeschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und Wort in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält, und daß ich ein lebendiges Glied derselben bin und ewig bleiben werde.“

Nicht wir, unsere Synoden, Bischöfe, Projektgruppen, Fachabteilungen sind es, die die Kirche „entwickeln“, „bauen“, in die Zukunft führen können. Der Sohn Gottes ist es, der seine Kirche „versammelt, schützt und erhält“. Unser Tun ist an anderer Stelle gefordert. Wie der Sämann in den Gleichnissen Jesu sollen wir das Wort aussäen. Für das Wachsen und Gedeihen ist dagegen ein anderer zuständig. Dies zu wissen und zu glauben, ist eine große Entlastung für alle, die „im Weinberg des Herrn“ tätig sind.“

Prof. i. R. Dr. Gisela Kittel, Detmold

Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 139ff. Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kittel1806.pdf

 

Und Gott lachte

Ich hatte einen Traum. Ob es ein Albtraum war, das weiß ich nicht, ob es ein Wahrtraum war, kann ich nicht sagen. Aber dass er mich nicht loslässt und immer wieder kommt, mit jedem Sonntagsblatt und Synode aktuell und manchmal einfach so zwischen Abend und Morgen, das ist wahr.

Ich sah und siehe, meine Kirche und ihre Mitarbeitenden beschäftigt mit immer neuen Papieren, die immer die gleichen Fragen stellen. Und ich sah, wie sie geschäftig mit Eifer neue Antworten suchten auf die alten Fragen und Papiere entwarfen, wie Kreise tagten, die die Texte beschlossen und Moderatoren sie Unkundigen deuteten. Wer nicht mitmachen mochte, wem alles bekannt vorkam, den erklärte man zu einem Fossil, versteinert, Sie verstehen? Am Ende waren die Antworten ebenso alt wie die Fragen, aber das sagte niemand – ob jemand es merkte?

Und ich sah andere, die das Unberechenbare in Zahlen fassen, Zukunft planen und so Zuversicht schöpfen wollten. Und ich verstand die Verzweiflung, die sie trieb und doch ihre Antworten nicht. Wie viele überhaupt noch in der Kirche sein würden in dreißig Jahren, wie viele Mitarbeitende wir uns leisten können, fragten sie und fügten nicht hinzu „nach menschlichem Ermessen“ oder „so Gott will“, der Unberechenbare kam in den Rechnungen nicht vor.

Und wieder andere sah ich, die priesen neue Medien. Per WLAN mit Gott verbunden oder wenigstens mit der Kirchenleitung und jeden Tag eine Predigt des Bischofs frei Haus: Was brauchst Du die kalten Kirchen noch, sagten sie, außer als Raum für den godspot. Per Internet Starprediger frei Haus und das Echo zurück, das andere in den Gemeinden selten hören: „Es liegt so viel Segen in Ihren Worten!“ schrieben einige und fanden keine Schleimspur. Andere erfanden Events, bis sie so am Ende waren, dass sie nicht einmal mehr berichten konnten von all dem Guten, das sie erzeugt hatten.

Ja, da gab es auch Menschen, die Kirche am Evangelium gemessen planten und redeten, als seien sie von Paulus persönlich unterrichtet worden. Gemeinden sahen sie und sahen die nicht, die in keiner Gemeinde sein wollten. Sie träumten von Kirche ohne Kirchenleitung und sahen keinen Wandel der Zeiten. Am Ende rangen sie dann nur noch mit den anderen, die alles das für bloß historisch erklärten, das man nicht übertragen könne, wie sie sagten.

Wieder andere waren beschäftigt, Arbeitszeit in Dienstordnungen zu fassen und weil es nicht ging, konnten sie manchen Besuch nicht mehr machen und mussten Predigten suchten im weltweiten Netz.

Ob das auch Arbeitszeit sei, fragten sie dann und merkten nicht, wie sie Freiheit verspielten und Kreativität. Dass sie vor den unendlichen Ansprüchen von Menschen sich retten wollten, die einen verschlingen können, das spürte ich, aber auch, wie Menschen sich abgewiesen fühlten von ihnen, ausgegrenzt, weil die sich abgrenzten.

Und ich sah, dass es mit meiner Kirche gar nicht so schlecht stehe, wenn Menschen Rat suchen und Hilfe und Orientierung. Ich sah, die ihr wieder beitraten und mithalfen an ihrem Ort. Nur fanden sie, was sie taten, gering geschätzt in den Papieren und in der Versammlung der klugen und kirchenleitenden Menschen. Die hatten wohl keine Zeit, das Einzelne zu sehen, weil sie das Ganze planten und indem sie es planten, zerfiel ihnen alles in Teile und die Teile wieder in Teile, bis Verzweiflung sie ergriff und sie Fachleute suchten, das Ganze wieder herzustellen. Und schrieben neue Papiere und hörten neue Referate, aber was Kirche sei, das wussten sie nicht, das sollte die mittlere Ebene planen.

Dass Kirche ein Teil dieser Gesellschaft sei, die so vielfältig ist, dass kein Teil Wirkung im Ganzen haben kann, das sahen sie nicht. Dass ihre Worte kaum jemand las, selbst nicht die verkürzte Form in der Zeitung, und Geschichten aus dem Plenum keinen interessierten, das sahen sie nicht. Dass keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Interessengruppe alle erreichte, wollten sie nicht sehen.

Und ich sah, dass Menschen nach Kirche fragten, die eine Grundlage für das Leben suchten, einen Halt in der Auseinandersetzung um Menschen und Meinungen. Weil aber all die Geschäftigen beschäftigt waren und eingedeckt mit Papieren und Bilanzen, Prognosen und Berechnungen, Ängsten und Streit, wer denn nun Kirche sei, suchten die Menschen andere Orte. In kleinen Gemeinden, die Wärme boten und Antwort und wirkliche Menschen.

Und so träumte ich, dass all das, was das Ende der Kirche verhindern sollte, dieses Ende beschleunigen könnte. Und spürte die Angst der Rechner, die am Ende noch mit einer Mehrung der Mitglieder nicht nur ihre Prognosen dahingehen sahen, auch alle Berechenbarkeit und das Geld werde nicht reichen, so sagten sie. 2050 machen die Letzten das Licht aus und gründen eine Immobiliengesellschaft und stellen Leute ein für kundige Führungen durch erhabene Räume.

Was Gott im Himmel machte, das sah ich nicht. Vielleicht hatte er keine Zeit für all diese Geschäfte, beschäftigt mit Gebeten derer, die keine Worte mehr fanden für ihren Glauben, den sie suchten und noch immer nicht hatten. Und manche vermissten ihn nicht, weil sie gar nicht wussten, was sie vermissen könnten und niemand ihnen davon redete.

Und ich erwachte und erschrak, weil ich merkte, dass ich lange schon wach gewesen war. Und hätte nun gern, dass es ein Traum gewesen sei, Alb- oder Wunschtraum. Denn es war mir, als ob Gott lachte. Und sein Lachen hallte wider von einem Ende der Welt zum anderen, aber all die Geschäftigen hörten es nicht, weil sie zu laut waren und die Frommen hörten es nicht, weil ihr Gott nicht lachen konnte. Und dass sie alle nur lebten, weil er lachen konnte, das sahen sie nicht. Dass er noch lacht oder lächelt und seine Liebe kein Ende habe, das wünsche ich mir und uns allen. Ob ich es glauben kann? Manchmal weiß ich selbst das nicht.

Ja, wir müssen überlegen, wie mit weniger Pfarrerinnen und Pfarrern das Evangelium weitergegeben werden kann – nur: War davon irgendwo die Rede? Wer wird diesen Beruf ergreifen oder auch nur sein Leben der Kirche widmen, wenn das ihre Arbeit sein soll?

Martin Ost, Berlin

Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 136f.: http://www.pfarrverein-bayern.de/sites/www.pfarrverein-bayern.de/files/korrespondenzblaetter/Kblatt-1806.pdf

Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus

Von Frank Weyen (Deutsches Pfarrerblatt Heft 5/2018)

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist.

„Das neoliberalistische Wirtschaftsmodell hat seinen Siegeszug durch die westlichen Gesell­schaften ungebremst vollzogen. Die Kirchen blieben davon nicht verschont. Frank Weyen stellt in seinem Beitrag zunächst die Grundlagen neoliberalistischen Denkens dar. In einem zweiten Schritt arbeitet er heraus, wie neoliberalistische Denk- und Gestaltungsformen in kirchlichen Debatten und Verlautbarungen Einzug hielten, um daran anschließend zu skizzieren, zu welchen absehbaren Konsequenzen diese Strategien in der Kirche führen werden.“

„Über diese Beispiele hinaus ließen sich noch weitere aus der kirchlichen Praxis heranziehen, z.B. der Ersatz der althergebrachten Kameralistik zu Gunsten der Doppelten Buchführung, Doppik genannt, in einem System, dass über Jahrhunderte hinweg mit der einfachen Einnahme-Ausgabenrechnung gut gefahren ist, sodass es auch betriebswirtschaftliche Laien in den Kirchenpflegen und Presbyterien verstehen konnten. »Die sozialen Sicherungssysteme werden zunehmend Markt-, betriebswirtschaftlichen Leistungs- und Konkurrenzgesetzen unterworfen. Genauso wie Länder, Regionalverbände und Kommunen, die ihre Verwaltung schon vor der Jahrtausendwende mittels sog. neuer Steuerungsmodelle auf eine nur schwer messbare Qualitätssicherung orientiert haben, streben sie nach größtmöglicher kaufmännischer Effizienz, während ihr eigentlicher Zweck, Menschen in schwierigen Lebenslagen wirksam zu unterstützen, deutlich dahinter zurücktritt. Ganz im Sinne der Ökonomisierung des Sozialen verdrängt dabei ein betriebswirtschaftlich orientiertes Leitbild von Qualitätsmanagement traditionelle Orientierungen von religiös oder ethisch motivierter Nächstenliebe, von Subsidiarität und Solidarität«.

Oder auch die Einführung von Jahresdienstgesprächen im Pfarrberuf: Der Fragenkatalog dokumentiert neben seelsorglichen und dienstrechtlichen Erörterungsgegenständen auch Fragen nach Selbstoptimierung, Effizienzsteigerung und Zielvereinbarungen für die folgenden Jahre.

Vielleicht sind aber auch die Optimierungen von Kirchgemeinden durch Bildung größerer Einheiten ein gesellschaftliches Spiegelbild neoliberalistischen Denkens. Ökonomische Sachzwänge treten hierbei in den Konflikt mit der theologischen Programmatik.

Auf der anderen Seite haben sich die Landeskirchen einem Sparzwang unterworfen, der sich als Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern als Konsequenz aus dem neoliberalistischen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Steuersenkungen und niedrigen Erwerbseinkommen auswirkte. Infolgedessen wurden auch bei kirchlichen Mitarbeitenden Gehaltsgrenzen eingeführt und sogar das Pfarrsalär durch Entkoppelung von den Besoldungsstufen und durch Streichung bzw. Kürzung von Sonderzuwendungen z.B. in der Westfälischen Kirche massiv geschmälert. Dieser Vorgang produziert in Folge das, was die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle mit der Deprofessionalisierung des Pfarrberufes als Schlüsselberuf (Grethlein) der Kirche bezeichnet hat. »Die entscheidende Schwachstelle des Neoliberalismus bilden zudem weder das kaum mehr übersehbare Scheitern seiner ökonomischen Konzepte noch sein Plädoyer für eine Hochleistungs-, Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft, in der sich nur die leistungsstärksten Mitglieder behaupten, sondern sein unermüdlicher Kampf gegen einen Wohlfahrtsstaat, der Leistungsschwächere auffängt, sie sozial integriert und überhaupt erst zu gleichberechtigten Gesellschaftsmitgliedern macht.«

Vereine, Parteien und sonstige Freizeitangebote können gleiches tun wie die Kirchen. Das charakteristische Sujet, der Verkündigungs- und Bildungscharakter, den kirchliche Angebote stets als protestantische Merkmale ausgezeichnet haben, und die zu den Identitätsmerkmalen protestantischer Kirchlichkeit mit seinem Bildungsideal gehören, gehen dabei jedoch gänzlich verloren. Die Konsequenz daraus ist ein massiver Relevanzverlust kirchlicher Themen unter der Bevölkerung und eine bis zur theologischen Unkenntlichkeit sich selbst herabmindernde neoliberalistisch geprägte Werbung um Menschen, die als Mission oder Missionierung euphemisiert wird.

Damit gehen zugleich von den Kirchen gegenüber der Gesellschaft bereitgestellte Faktoren verloren, die für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig sind. Daher ist die teils durch Eventisierung, Unterhaltungs- und Freizeitprogramm der kirchlichen Angebote selbst verursachte theologische Deprofessionalisierung zugleich ein Beitrag dazu, dass kirchliche Antworten auf die Anfragen unserer Zeit nicht mehr angemessen vernommen, ja mittlerweile durch die Bevölkerung sogar aktiv ignoriert werden.

Der Zugriff des Monetarismus auf das kirchliche Leben sowie alle ökonomischen Optimierungsbestrebungen stellen eine freiwillige Einwilligung der Kirchen auf dieses ideologische Gesellschaftsmodell dar, anstatt daran zu arbeiten, ein politisch-ökonomisches Gegenmodell zu entwickeln, beispielsweise durch die Stärkung vorhandener ordoliberaler Alternativen wie die Soziale Marktwirtschaft oder den Rheinischen Kapitalismus.

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen in diesem Zusammenhang weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne (J.F. Lyotard) dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist (Mt. 28,19; Lk. 10).

Was dabei durch die freiwillige Einwilligung in die Unterwanderung der Kirche durch neoliberalistisches Begriffs- und Gedankengut zu kurz zu kommen droht, sind die protestantische Programmatik sowie der Verkündigungs- und Bildungscharakter der Kirche, um dem zunehmenden religiösen Analphabetismus unter der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dies wäre ein Wirkungshorizont, der der kirchlich-theologischen Programmatik entspräche und dieser Wirkungshorizont würde zugleich mehr Theologie wagen.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, Heft 5/2018: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4506

Kirchliche Handlungsräume oder Gemeinde Jesu Christi? Eine missverstandene Formel und das Zeugnis des Neuen Testaments

Inmitten der sich wandelnden Welt, in der auch die Kirche lebt, soll sie sich immer wieder in Jesus Christus zurück–formen, re–formieren lassen! Und das heißt: Sie soll sich zurück in die Form bringen lassen, die Jesus Christus entspricht.

Von Prof. i.R. Dr. Gisela Kittel

Am Anfang mögen zwei Verse aus dem Römerbrief des Apostels Paulus stehen.

Röm 12,1f: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Schlagen wir Vers 2 in der Übersetzung der Vulgata nach, so lesen wir: „Et nolite conformari huic saeculo sed reformamini in novitate sensus vestri ut probetis quae sit voluntas Dei …“

Der Anklang an die heute so gern benutzte Formel von der „ecclesia semper reformanda“ ist nicht zu überhören. Bedeutet sie wirklich, dass sich die Kirche immer neu dem Wandel der Zeit stellen soll? Muss sie sich beständig der Zeit entsprechend verändern?

Die Herkunft der besprochenen Formel ist noch immer nicht ganz geklärt. Von den Reformatoren stammt sie jedenfalls nicht![1] Wenn ich richtig informiert bin, wurde sie im reformierten Frühpietismus zu Anfang des 17. Jahrhunderts zum ersten Mal wörtlich nachgewiesen.[2] Aber der Gedanke, dass die Kirche immer wieder einer „reformatio“ bedarf, reicht viel weiter zurück, in die Reformbewegungen des Mittelalters, ja bis zu den lateinischen Kirchenvätern.[3]

Doch wie auch immer man die Herkunft der Formel bestimmen mag, klar ist, dass die Rede von der „ecclesia semper reformanda“ gerade nicht die Aufforderung beinhaltet, die Kirche möge sich immer wieder neu der Welt, ihren Strukturen und Prinzipien anpassen. Sie solle sich beständig wandeln, um mit der Zeit zu gehen.

Das Gegenteil ist gemeint!

Inmitten der sich wandelnden Welt, in der auch die Kirche lebt, soll sie sich immer wieder in Jesus Christus zurück–formen, re–formieren lassen! Und das heißt: Sie soll sich zurück in die Form bringen lassen, die Jesus Christus entspricht. So wie es der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinden in  Galatien ausdrückt. An den Galatern irre geworden, beschwört sie der Apostel Gal 4,19: „Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne!“ – Röm 12,2: „Und macht euch nicht dieser Welt konform, sondern lasst euch re-formieren durch Erneuerung eures Sinnes …“

Wir befinden uns gegenwärtig in einem Umformungsprozess, wie es ihn in unserer evangelischen Kirche bisher nicht gegeben hat.[4] Da dieser Umbau inzwischen in fast allen Landeskirchen begonnen wurde und erlebt werden kann, sei er hier nicht weiter erläutert. Ich beschränke mich auf die Stichworte:

  • Regionalisierung (Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse von der Gemeindeebene weg auf die jeweilige mittlere Ebene und deren Stärkung)[5];
  • Funktionalisierung (Abbau von Gemeindepfarrstellen zu Gunsten von Sonderpfarrstellen und funktionalen Diensten)[6];
  • Zentralisierung (Leuchtfeuer, Kompetenzzentren, Zentralgottesdienste, Gemeindefusionen, Zentrale Verwaltungsämter)[7];
  • Ökonomisierung (Neues kirchliches Finanzsystem – NKF, Doppelte Buchführung – Doppik, Substanzerhaltungspauschale, Erweiterter Solidarpakt)[8].

Lauter Prozesse, die als Kehrseite die Marginalisierung und Entmündigung der Ortsgemeinden und ihrer Kirchenvorstände zur Folge haben. Denn die örtlichen Gemeinden werden in diesen Prozessen wichtiger Entscheidungsbefugnisse beraubt (Personalhoheit, Finanzhoheit), durch das neue Kirchliche Finanzsystem arm gerechnet (wenn sie z.B. wertvolle Immobilien besitzen) und – falls sie den angelegten Kriterien nicht standhalten – zum Aufgehen in Großverbänden wie Gesamt- oder Kirchenkreisgemeinden gedrängt, um nicht zu sagen: gezwungen [9]

Noch einen Schritt weiter als bisher erlebt, geht mittlerweile die Evangelische Kirche in Bayern (die kleine braunschweigische Kirche ist schon vor ein paar Jahren vorausgegangen), die mit ihrer Synodenvorlage „Profil und Konzentration“ (PuK genannt) die bisherigen Entwicklungen noch einmal übertrumpft.[10]

Jetzt soll die Landeskirche in „Handlungsräume“ oder „Gestaltungsräume“ entsprechend den „Sozialräumen“ gegliedert werden. In ihnen sind „multiprofessionelle Teams“ mit „multiprofessionellen Kompetenzen“ als „Akteure“ tätig, um in funktional aufgeteilten Diensten von „kirchlichen Zentren“ aus das Kirchenvolk und vor allem die Kirchenfernen religiös zu erwecken und zu versorgen. Die örtlichen Gemeinden, die „Parochien“, kommen in diesem Konzept nur noch am Rande vor.[11] Auch sie sind nur „Akteure“ unter vielen anderen „Akteuren“ und haben für die am Ort „weniger Mobilen“, Senioren und Familien mit kleinen Kindern, immerhin noch einen gewissen Nutzen.[12]

Ich habe mich immer wieder gefragt und frage mich weiterhin, was eigentlich hinter diesem Umbau der evangelischen Kirche steckt?

Sind es die Sparzwänge? In der Tat war im Zuge des EKD-Impulspapiers „Kirche der Freiheit“ in allen Landeskirchen und ihren Entscheidungsgremien der große Alarmruf zu hören. Es gäbe zu den durchgeführten Streichungen von Pfarrstellen, Schließungen von Kirchen und Gemeindehäusern, Fusionierungen von Einzelgemeinden zu Großgemeinden keine Alternative! Denn die evangelische Kirche könne – so wurde warnend prognostiziert – wegen ihres Mitgliederschwundes im Jahr 2030 nur noch über die Hälfte der Steuereinnahmen verfügen, die sie im Jahr 2002 noch hatte einnehmen können. Damals betrugen die Kirchensteuereinnahmen in der gesamten EKD 4 Milliarden Euro, im Jahr 2030 würden es aber nur noch 2 Milliarden sein.[13] – Doch seit 2006 sind die Kirchensteuereinnahmen ständig gestiegen! Sie betrugen im Jahr 2016 laut EKD-Statistik 5,45 Milliarden Euro.

Daher sei die Frage noch einmal gestellt. Warum und zu welchem Zweck betreiben die EKD-Kirchen diesen radikalen Umbau? Was wird von denen, die den Prozess antreiben und leider auch durchsetzen, wirklich gewollt?

Bestimmte Formulierungen in amtlichen Papieren, ja, die Sprache dieser „Kirchenreform“, können vielleicht einen Fingerzeig geben:

So spricht etwa das Impulspapier der EKD nicht von der Zukunft der Gemeinden, um die man sich Sorgen macht – diese kommen nur in Negativzusammenhängen vor – , die Rede ist von der „Zukunft des Protestantismus in Deutschland“ und dem „Mentalitätswandel“, mit dem „der deutsche Protestantismus die Chance (habe), neue Zukunft zu gewinnen“[14]. Daher muss bei  jeder finanziellen Unterstützung die Frage überzeugend beantwortet werden, „ob es für die Zukunft des Protestantismus in Deutschland von herausregender Bedeutung sei, diese Aufgabe fortzusetzen.[15] In einem wichtigen Vortrag wird These 10 des Papiers der Berliner Kirche „begabt leben – mutig verändern“ so ausgelegt, dass wir „dann eine gesellschaftlich relevante Kirche (bleiben), wenn wir ein Konzept regionaler Vernetzung gestalten …“[16]. Oder es wird gefragt, „was unsere Kirche in Zukunft wieder ˏbemerkenswerterˊ macht“[17]. „Im Jahr 2030 ist die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung dadurch stark, dass sie gemeinsame Themen und Positionen vorgibt, die in die Gesellschaft hineingetragen und vertreten werden.“[18].

Vom erhofften „Ausstrahlen der Kirche“ in den gesellschaftlichen Raum hinein ist immer wieder die Rede. So soll es im Jahr 2030 „zentrale Begegnungsorte des evangelischen Glaubens“ geben, „die missionarisch-diakonisch-kulturell ausstrahlungsstark sind und angebotsorientiert in einer ganzen Region evangelische Kirche erfahrbar machen“[19]. An diesen Orten zeigt dann die evangelische Kirche „die Fülle ihrer geistlichen Kraft“[20]. Wir müssen von Zeit zu Zeit neu schauen, ob „unsere kirchlichen Verhältnisse mit ihren gewachsenen Strukturen, mit der Art, wie Gemeinde gelebt, das Ehrenamt positioniert, wie das Pfarramt verstanden wird…“, ob das alles noch so passt, „dass wir eine gewisse Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein“ [21] besitzen. „Kasualien als wichtige Kontaktpunkte der Kirche mit Kirchenmitgliedern und Nichtmitgliedern sind professionell und qualitativ so weiterzuentwickeln, dass ihre geistliche Attraktivität gesteigert wird“[22]. …

Was ist das für eine Kirche, die so fragt und redet und dann auch handelt? Sie macht in hohem Maß den Eindruck einer „außengeleiteten“ Kirche. Nicht, „was Gottes Wille ist“ Röm 12,2, scheint im Vordergrund der Überlegungen und Planungen zu stehen, sondern wie sie sich selbst zu einer öffentlichen Größe machen kann, die gesellschaftliche Anerkennung, öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung erlangt und so ihre Zukunft sichert.[23]

Doch wird eine solche Kirche auch in den Augen Gottes eine Zukunft haben? Wird sie, derart auf sich selbst ausgerichtet, Menschen zu Jesus Christus führen und, wie behauptet, missionarisch wirken können? Ja, ist sie selber noch die Gemeinde des Gekreuzigten, bereit, zu ihm aus dem Lager hinauszugehen, um seine Schmach zu tragen? (Hebr 13,13)

Auch wenn es heute vielfach heißt, dass wir liebgewordene Traditionen verabschieden und unsere Gemeindebilder verändern müssen, soll hier doch noch einmal in das Neue Testament zurückgeblickt und an die Aussagen und starken Metaphern erinnert werden, in denen die neutestamentlichen Zeugen von der Gemeinde Jesu Christi sprechen.

Es gibt, wie wir wissen, im neutestamentlichen Sprachgebrauch keinen Unterschied zwischen den Begriffen „Kirche“ und „Gemeinde“. Die Kirche ist die Gemeinde. Beide werden mit dem einen Wort „ekklesia“ bezeichnet, das im profanen Gebrauch schlicht die „Versammlung“, die „Volksversammlung“ bedeutet und im christlichen Kontext u.a. durch den Genitiv „Gottes“ näher bestimmt wird. Die „Ekklesia Gottes“ ist die Versammlung der durch Gott bzw. Jesus Christus in seinen Dienst berufenen Menschen. Und diese Ekklesia wird, obwohl es sie in ökumenischer Weite gibt, doch sichtbar und konkret an ganz bestimmten Orten, in den örtlichen Gemeinden, auch in Versammlungen in einzelnen Häusern. So schreibt der Apostel Paulus z.B. die Korintherbriefe an die Ekklesia Gottes, die in Korinth ist (1. Kor 1,2; 2.Kor 1,1), oder er lässt die Ekklesia grüßen, die im Haus von Prisca und Aquila zusammenkommt (Röm 16,5; 1. Kor 16,19). Paulus spricht aber auch von den Gemeinden, die in Judäa sind (1. Thess 2,14), oder allen Gemeinden der Heiden (Röm 16,4).

Der Sprachgebrauch im Neuen Testament schwankt zwischen Singular und Plural, wozu Karl Ludwig Schmidt in seinem Artikel im Theologischen Wörterbuch bemerkt: „Es ist nicht so, dass die  ̉ekklesía in  ̉ekklesíai zerfällt. Es ist auch nicht so, dass erst eine Addition von  ̉ekklesíai die  ̉ekklesía ergibt. Es ist vielmehr so, dass an den genannten Orten sich die  ̉ekklesía findet …“[24]

Jürgen Roloff erläutert noch ausführlicher:

„Die Ortsgemeinden repräsentieren die ekklesia Gottes, freilich nicht in der Weise, daß sie nur Ausschnitte aus einer übergreifenden empirisch gedachten Größe, einer ‚Gesamtkirche‘, wären, sondern so, daß in ihnen das Wesen der pneumatisch-christologischen Größe ‚ekklesia Gottes‘ gültig zum Ausdruck kommt. Jede einzelne Gemeinde ist in einem vollen Sinn ekklesia Gottes. Was sie als solche ausweist, ist nicht ihre Anteilhabe an einer ‚Gesamtkirche‘, sondern ihr Sich-Versammeln ‚in Christus‘, d.h. als Bereich des durch den Geist gegenwärtig wirksamen Christus.“[25]

Für diese Ekklesia Gottes, die in jeder einzelnen Gemeinde gegenwärtig ist, wie wenige oder viele in ihr auch zusammenkommen, hält das Neue Testament verschiedene aussagestarke Bilder bereit:

Sie ist nach Paulus der „Leib Jesu Christi“, eine Gemeinschaft von Menschen, die im Abendmahl an dem für uns gegebenen Leib des Herrn Anteil haben (1. Kor 10,16f) und in der Taufe in seinen Leib, in die durch ihn bewirkte Versöhnung, hineingetaucht wurden (1. Kor 12,13). So dürfen sie alle nun miteinander als „begnadete Sünder“ leben. Da ist nicht mehr Jude, Grieche, Sklave, Freier, Mann, Frau (Gal 3,28). Sie sind alle eins in Jesus Christus und untereinander Glieder, die sich gegenseitig brauchen und stützen, wie es die Glieder eines natürlichen Leibes tun (1. Kor 12,12-27; Röm 12,4+5). Wahrhaftig, ein Kontrastmodell zur zerrissenen antiken Gesellschaft, aber ein Modell, das ganz konkret in der Ekklesia eines Ortes gelebt wird!

Ein anderes Bild für die Ekklesia Gottes ist der Tempel. Nicht mehr der Tempel in Jerusalem oder heidnische Tempelgebäude in einer antiken Stadt sind Begegnungsorte mit dem Heiligen. Die Ekklesia Gottes, die Gemeinschaft der Heiligen, ist der „Tempel des lebendigen Gottes“ (2. Kor 6,16), ein geistliches Haus, aus lebendigen Steinen erbaut (1. Petr 2,4-8), von  Gottes Geist durchdrungen (1. Kor 3,16f) und auf dem Eckstein, Jesus Christus, gegründet (Eph 2,20-22).

Im ersten Petrusbrief (1. Petr 1,17; 2,11) findet sich das Bild der „paroikia“, der „Parochie“. Der Begriff bezeichnet das Leben der Christen, die in dieser Welt als „Beisassen“, als Fremdlinge wohnen und deren Erbe im Himmel aufbewahrt ist (1. Petr 1,4).

Und da ist das „wandernde Gottesvolk“, Menschen, die zu dem in Schande „draußen vor dem Tor“ hingerichteten Jesus Christus hinausgehen, um seine Schmach zu tragen. Und die wissen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr 13,13f).

Zuletzt sei noch auf das wunderbare Bild in Jesu Abschiedsreden im Johannesevangelium verwiesen. Wer sind die Seinen? „Reben“ sind sie am Weinstock, die allein von ihm, ihrem Meister und Herrn, ihren Saft und ihre Lebenskraft erhalten und denen gesagt ist: „ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,1-5).

All diesen Bildern und Aussagen ist eines gemeinsam: Es geht um Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Menschen, die zueinander gehören und die zugleich – als diese Gemeinschaft – einem anderen angehören: Jesus Christus, dessen Herrschaft über alle tödlichen Mächte und Gewalten sie schon jetzt in ihren Gottesdiensten feiern, dem sie entgegen gehen, auf den hin sie versuchen, ihr Leben auszurichten (Eph 4,15f). Es geht in diesen neutestamentlichen Aussagen um das Wesen der Kirche, nicht einfach um eine zeitbedingte Organisationsform, die man auch wechseln kann.

Daher lautet die entscheidende Frage: Hilft der gegenwärtige Umbau der evangelischen Kirche dieser Ekklesia Gottes? Hilft er unseren Gemeinden, zum „Leib Jesu Christi“ zu werden, zum „Tempel des lebendigen Gottes“, zur „Rebe“ am Weinstock, die nicht verdorrt und weggeworfen wird (Joh 15,6)? Nur dann könnten wir vielleicht auch von einer „Ausstrahlung“ sprechen, die nicht von Menschen hergestellt oder angestrebt werden kann, sondern allein von dem, der das „Licht der Welt“ ist, geschenkt wird. Nur dann könnten und dürften wir vielleicht die großen Zusagen wiederholen, die Jesus seiner Jüngergemeinde zugesprochen hat: Ihr – nicht die Kirchenorganisation, sondern die konkret und praktisch Jesus Nachfolgenden – seid das „Licht der Welt“ (Mt 5,14), weil ich euch in mein Licht gezogen habe. Ihr seid das „Salz der Erde“ (Mt 5,13), weil durch eure Gemeinschaft etwas erfahrbar wird von der Umkehrung der Maßstäbe, die sonst im Überlebenskampf auf dieser Erde gelten. Die Stadt, die  auf einem Berg liegt und in der schon jetzt die kommende Herrschaft Gottes verkündigt und gefeiert wird, kann doch nicht verborgen bleiben! (Mt 5,14)

Resümee

  • Ich hoffe auf eine demütige Kirche, die den grundlegenden Schaden unserer heutigen Kirche: unsere geistliche Armut, die Sprachlosigkeit in den Fragen des Glaubens, unsere Gottesvergessenheit, nicht überspielt mit Aufsehen erregenden Aktionen, Großkundgebungen, Schönrednerei, sondern die in kritischer Selbstbesinnung nach dem fragt, was sie selber hält und trägt.[26]
  • Ich hoffe auf eine Kirche, die wieder lernt, zu unterscheiden zwischen dem, was Gottes Sache, und dem, was uns aufgetragen ist. Wachstum und Bestand der Kirche liegen in Gottes erhaltender oder richtender Hand. „Die Zukunft ist sein Land“, wie es im so oft und gern gesungenen Lied von Klaus Peter Hertzsch (EG 395) in der dritten Strophe heißt. Wir sind an einer anderen Stelle gefordert, die der Apostel Paulus deutlich benannt hat. Gegenüber dem Vorwurf, dass sein Auftreten und seine Predigt nicht so weisheitlich und glänzend wie die des Apostels Apollos sei, erwidert er in 1. Kor 4,1f:  „Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“
    Treue in Lehre und Verkündigung gegenüber dem biblischen Wort, Treue aber auch gegenüber den Menschen ist angesagt. Dass die Mitarbeiter der Gemeinde in der Nähe der Menschen bleiben, Pfarrern und Pfarrerinnen Zeit und Freiraum gegeben wird, Menschen in ihren Lebenssituationen seelsorgerlich zu begleiten, dass Gottesdiensträume nicht zugeschlossen werden, sondern überall, wo Christen leben, das Zusammenkommen zum gemeinsamen Lob, zu Fürbitte, Bibellesung und Gebet besonders am Tag des Herrn möglich ist, dass der diakonische Dienst in der Nähe der Gemeinden bleibt und nicht an überregionale Organisationen abgegeben wird, deren kirchliche Ausrichtung nicht mehr erkennbar ist – dies und vieles mehr gehört zu der Arbeit, die die Gemeinde Jesu in Treue auszurichten hat.
  • Ich hoffe auf eine Kirche, die die stille, bescheidene Arbeit vor Ort wieder wertschätzt, die nicht nur von der Freiheit – nach außen gewandt – redet oder sie für ihre eigenen Strukturveränderungen in Anspruch nimmt, sondern die auch Freiheit gibt: den Gemeinden, Kirchenvorständen, Pfarrpersonen, Mitarbeitenden, dass sie auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen und in eigener Verantwortung je an ihrem Ort ihre Arbeit tun können, ohne bedroht zu werden mit Stellenabzug, Mittelkürzungen oder gar disziplinarischen Maßnahmen, wenn sie den Weisungen aus der Mittelebene Kritik und Widerstand entgegensetzen.
  • Ich hoffe auf eine Kirche, die Konflikte menschlich austrägt, durch Anhörung aller Betroffener, Gespräch, echte Mediation, Supervision, und die dem Vorkommen von Mobbing und Willkürentscheidungen in den eigenen Reihen durch Änderung ihrer Gesetzgebung endlich einen Riegel vorschiebt.[27]
  • Ich hoffe auf eine Kirche, in der die Theologische Erklärung von Barmen nicht nur in der Präambel der Verfassung steht, sondern die auch nach diesen theologischen Erkenntnissen handelt.
    These III
    „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern (und Schwestern), in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.
    Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“

[1] Die Reformatoren haben Gottes Wort ins Zentrum ihres theologischen Denkens gerückt und die Kirche als Geschöpf des Wortes Gottes gesehen. Vgl. Gisela Kittel, Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein, DPfBl 11/2017, 624-628.
[2] Th. Mahlmann, „Ecclesia semper reformanda“. Eine historische Aufklärung. Neue Bearbeitung, in: R. Johansson u.a. (Hg.), Hermeneutica Sacra. Studien zur Auslegung der Heiligen Schrift im 16. Und 17. Jahrhundert, Berlin/New York 2010, 381-442: 438.
[3] Emidio Campi, „Ecclesia semper reformanda“. Metamorphosen einer altehrwürdigen Formel, Zwingliana 37 (2010), 1-19, 3-6.
[4] Eine Ausnahme war der Versuch der Einführung des Führerprinzips in die evangelische Kirche durch die Deutschen Christen in den Jahren 1933/34. Damals sollte die Kirche, dem Geist der Zeit folgend, in eine Reichskirche umgeformt werden mit einem Reichsbischof an der Spitze, was zusammen mit der Einführung des „Arierparagraphen“ den Kirchenkampf ausgelöst hat.
[5] Vgl. z.B. Andreas Dreyer, „Stärkung der mittleren Ebene“. Wie sich die Hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte, in: G. Kittel/E.Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 20172, 128-139; Georg Hoffmann, Umgestaltung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zum „Erweckungs“-Unternehmen auf der Grundlage eines reformationswidrigen Verständnisses von Gemeinde und Synode, in: Kirche der Reformation? 165-180.
[6] Vgl. Christoph Bergner, Der Triumph der funktionalen Kirche. Warum die evangelische Kirche keine Pfarrer mehr braucht, DPfBl 8/2016, 436-439; Hans-Ulrich Pschierer, Die „gärtnernde“ Kirche. Von Visionen, Humus und Dünger, in: Die mündige Gemeinde 6, 8-12 (http://aufbruch-gemeinde.de/wordpress/?p=1386)
[7] Vgl. Manfred Alberti, „Wie das Gemeindeprinzip in der EKiR ausgehebelt wurde“, in: Kirche der Reformation? 140-161.
[8] Friedhelm Schneider, Epoche der Selbstbeschäftigung. Eine Zwischenbilanz zum kirchlichen Impulsprozess „Kirche der Freiheit“, in: Kirche der Reformation? 71-86; Hans-Jürgen Volk, Kirche – Gemeinwesen oder Großkonzern? Die bedrückende Entwicklung einer Kirche auf Gemeindebasis zum finanzorientierten Konzern, ebd. 87-101. Ders., Teure Umbauprojekte lassen die Gemeinden verarmen. http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekir/teure-umbauprojekte-lassen-die-gemeinden-verarmen.php
[9] Vgl. Herbert Dieckmann, Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten, in: Kirche der Reformation? 216-232; Manfred Alberti, Aspekte zur Reform der Rheinischen Kirche EKiR, http://manfredalberti.de/a-10-2-reformentwicklungen-im-rheinland-vortrag-in-bremen-17-11-2017/ Vgl. auch den Beitrag unter Anm. 7.
[10] Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Profil und Konzentration. Zeugnis geben von der Liebe des menschgewordenen Gottes, Stand: 29. März 2017.
[11] In seiner Einführungsrede betont Bischof Bedford-Strohm zwar, dass die „Räume“ die Gemeinden nicht überflüssig machen und nicht entwerten, doch die „Arbeitspakete“ weisen in eine andere Richtung.
[12] Arbeitspaket A: Kirche im Raum, 2.3.
[13] Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, 22.
[14] AaO 29.
[15] AaO 42.
[16] Bischof Dröge, Vortrag vor der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern am 19. April 2016, Teil III.
[17] Impulspapier des Moderamens der Gesamtsynode der Evangelisch-reformierten Kirche „Wir wollen eine krasse Herde bleiben“, 13.
[18] Kirche der Freiheit, 85.
[19] AaO 59.
[20] Ebenda.
[21] Ulrike Trautwein, Rundbrief Pfarrverein EKBO 1/2017, 12.
[22] Profil und Konzentration, Arbeitspaket C: Geistliche Profilierung, 4.2.
[23] Der im April 2017 verstorbene Eberhard Mechels hat in seinem Beitrag „Der Reformprozess als Strategie der Integration von Christentum, Kirche und Gesellschaft“ in: Kirche der Reformation? 335-346, die „Christentumstheorie“ als Grundkonzeption dieser Reform erhellend beschrieben.
[24] ThWNT III; 506,23ff.
[25] Jürgen Roloff, Die Kirche im Neuen Testament, NTD-Ergänzungsreihe 10, Göttingen 1993, 97.
[26] Mit Recht ist dies von Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff in ihrem im Herbst 2017 veröffentlichten Memorandum angemahnt worden: „Reformation in der Krise. Wider die Selbsttäuschung. Ein Memorandum zum Reformationsfest 2017.“
[27] Vgl. den „Ungedeihlichkeitsparagraphen“ in den Pfarrdienstgesetzen der Landeskirchen, durch den ohne Untersuchung, ohne Schuldnachweis Pfarrpersonen und kirchliche Beamte in Wartestand und anschließenden Zwangsruhestand versetzt werden können, wenn nur von irgendeiner interessierten Seite Unruhe geschürt wird. Vgl. hierzu die Beiträge in: Kirche der Reformation? 302-328.

Luthers reformatorische Entdeckung und ihre Folgen für das evangelische Kirchenverständnis

Erst die Erneuerung der Herzen, dann die Neuerungen in der Kirche!

Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein

Von Gisela Kittel

„Luther hat sich Zeit seines Lebens schwer getan, Neuerungen in der Kirche einzuführen. Erst wenn er ganz gewiss sein konnte, dass dies abgeschafft, jenes neu gestaltet werden müsse, und wenn er gewisse Gründe aus der Schrift dafür wusste, hat er sich ans Werk gemacht. Und dies mit aller Behutsamkeit, ohne Zwänge. Denn erst müssen die Herzen gewonnen sein, so betont Luther immer wieder, ehe man in Gottesdienst, Liturgie, äußerer Kirchenorganisation etwas ändern dürfe. Ein schönes Beispiel hierfür ist Luthers zweite Predigt, die er – angesichts der Wittenberger Unruhen von der Wartburg herbeigeeilt – in der Woche nach Invocavit 1522 in der Schlosskirche in Wittenberg hielt.22 Aber auch in späteren Texten hat er diesen Grundsatz, dass niemand aus eigenem Belieben die Kirche umgestalten dürfe, den in der Kirche »Regierenden« eingeschärft. Ein Zitat aus den Predigten Luthers über den 1. Petrusbrief (1523) soll dies bestätigen:

»›So yemand eyn ampt hat, das ers thue als auss dem vermügen, das Gott dar reycht.‹ (1. Petr 4,11)

»Das ist: wer da regirt ynn der Christlichen kirchen und eyn ampt odder eyn dienst hatt die seelen zuversorgen, der soll nicht faren wie er will, und sagen: ›Ich byn ein uber herr, man muss mir gehorchen, was ich schaff, das soll geschafft seyn.‹ Gott will es also haben, das man nichts anders thun soll, denn was er gibt, Also, das es Gottis werck und ordnung sey. Darumb soll eyn Bischoff nichts thun, er sey denn gewiss, das es Gott thut, das es Gottis wort odder werck sey. Und das darumb, denn Gott will nicht, das mans fur gauckelspiel halte, was er mit der Christlichen kirchen thut.«

In heutigem Deutsch: Wer da regiert in der Christlichen Kirche und ein Amt oder einen Dienst hat, die Seelen zu versorgen, der soll nicht fahren, wie er will, und sagen: Ich bin ein Ober-Herr, man muss mir gehorchen; was ich schaffe, das soll geschafft sein. Gott will es also haben, dass man nichts anders tun soll, denn was er gibt, also, dass es Gottes Werk und Ordnung sei. Darum soll ein Bischof nichts tun, er sei denn gewiss, dass es Gott tut, dass es Gottes Wort oder Werk sei. Und das darum, denn Gott will nicht, dass man’s für Gaukelspiel halte, was er mit der Christlichen Kirche tut.

Eine knappe Zusammenfassung und nochmals O-Ton Martin Luther

Luther hat das Kirchenverständnis wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Kirche ist nicht eine irdische, sichtbare Großorganisation, hierarchisch geordnet, in der kirchliche Vorgesetzte, die »Über-Herren«, ihre Weisungen nach unten durchgeben und die Macht haben, deren Befolgung zu kontrollieren, deren Nichtbefolgung zu sanktionieren. Die Kirche Jesu Christi ist vielmehr die Kirche des Wortes. In ihrem Zentrum steht das Evangelium von Jesus Christus: die rettende, tröstende, richtende, zurechtbringende Anrede Gottes an den in seiner Sünde gefangenen Menschen.

Daher gehören die Wortämter in dieser Kirche an die erste Stelle. Ohne Prediger, Lehrer, Seelsorger – und ich füge hinzu: ohne Kirchenmusiker – kann eine evangelische Kirche nicht sein. Weil das Wort Gottes allein die Macht hat, in die Herzen der Menschen einzudringen und Glauben zu wecken, daher ist es nötig, dass überall dort, wo Christen leben – also nicht nur in den Zentren, sondern gerade auch in den ländlichen Gebieten – zum Wortdienst berufene Menschen da sind, die die Gemeinde unter das Wort Gottes sammeln und zur Antwort des Glaubens einladen.

Eine auf das Evangelium ausgerichtete Kirche lässt Raum für das Wirken des lebendigen Gottes und seines heiligenden Geistes. Die Hybris, dass wir selber es sind, die die Kirche in die Zukunft hinein erhalten und wachsen lassen und dass wir dies mit den entsprechenden Zielvorgaben, Planungen und Steuerungsinstrumenten auch tun können, führt in die Selbstzerstörung. Denn sie klammert Gott aus. Eine Kirche, die darum weiß, dass sie auf das Wirken des lebendigen Gottes und seines heiligen Geistes angewiesen ist, kann daher nur eine demütige Kirche sein.

So möge dieser Artikel mit den letzten Worten der am Anfang zitierten Vorrede Luthers schließen:

»In Summa, wir sind nichts, Christus allein ist alles. Wenn der sein Angesicht abwendet, gehen wir zugrunde und der Satan triumphiert, auch wenn wir Heilige, wenn wir Petrus und Paulus wären. Daher wollen wir unsere Seelen unter die gewaltige Hand Gottes demütigen, damit er uns zu seiner Zeit erhöhe. Denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1. Petr. 5, 5f.). Wie nun vor Gott ein geängsteter Geist ein Opfer ist (Ps. 51, 19), so ist ohne Zweifel ein halsstarriger und selbstsicherer Geist ein Opfer des Teufels. Gehab dich wohl in dem Herrn, und wenn du es nötig hast, bessere dich durch meine Arbeit und mein Beispiel.«

Aus: Prof. i.R. Dr.Gisela Kittel, „Luthers reformatorische Entdeckung und ihre Folgen für das evangelische Kirchenverständnis –  Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Heft 11, 2017, S. 624ff.)

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4395

Lesen Sie auch das Buch von Gisela Kittel u.a.: Kirche der Reformation – Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr

Jeder hat seinen Blues – Anmerkungen zu „Profil und Konzentration“ (PuK) – Newsletter November 2017

Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein.

Von Dr. Gerhard Schoenauer

Jede hat ihre eigene Geschichte. Jeder hat seine eigene Vorstellung, wie Kirche aussehen soll. Jede hat ihren eigenen Traum von Kirche und Gemeinde. Jeder kennt auch den Kampf um seine Kirche und das Leiden an seiner Kirche. „Jeder hat seinen Blues“.[1]

Darum ist es zu begrüßen, dass die Verantwortlichen für das Strategiepapier „Profil und Konzentration“ eine breite Diskussion wünschen, eine Beteiligung an diesem Prozess.[2] Dem wollen wir gerne nachkommen – konstruktiv, aber auch mit vielen Fragen.

Durchaus positiv und ganz im Sinne des Gemeindebundes sind Aussagen des Strategiepapiers wie:

  • „Kirche muss vom biblischen Auftrag her gedacht werden.“
  • geistliche Profilierung: „Die ELKB lebt aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus in Wort und Sakrament.“
  • die Nähe zu den Menschen: „(…) dass die Kirche heute verstärkt dorthin gehen muss, wo die Menschen leben.“
  • Blick auf die einzelne Gemeinde: „Die Gemeinden werden ihre Funktion behalten als stabile Präsenz vor Ort.(…) Angeordnete Fusionen oder Ähnliches soll es nicht geben.“
  • Völlig korrekt wird – endlich! – nach „Analyse der bisherigen Prozesse zur Kirchentwicklung“ festgestellt, dass diese „(…) zu sehr beschreibend und auf Einigkeit zielend (waren) und daher zu wenig Wirkung entfalteten.“ (1.2) Das sind dürre Worte dafür, dass man Millionen in den Sand gesetzt hat, aber immerhin.
  • Zu begrüßen ist auch, dass die ursprüngliche Einleitung zu dem Strategiepapier von der Landessynode nicht übernommen wurde. Der Gemeindebund hat alle Synodalen dazu aufgefordert. In der ursprünglichen Fassung wurden parochiale Gemeinden als ein überaltertes Auslaufmodell charakterisiert: „.die parochiale Gemeinde ist in ihrer oft statischen selbstbezogenen Organisation zu wenig einladend und entfaltet Bindung vor allem nach innen.“

Es ließen sich noch mehr Punkte finden, denen wir gerne zustimmen könnten, die freilich auch verschiedene Auslegungsvarianten und Lesarten zulassen. Das Papier ist so weit gefasst, dass sich viele Anliegen unterschreiben lassen. Jeder hat seinen Blues. Das mag für eine Diskussionsgrundlage auch hilfreich sein. Aufs Ganze gesehen allerdings, wird eine Richtung vorgegeben, die viele kritische Fragen aufwirft:

  • Das Strukturpapier „Profil und Konzentration“ atmet den Geist eines Pro- Existenzdenkens. Eine kleine Gruppe entwirft ein neues Kirchenmodell, weiß, was für andere gut ist und was nicht und entscheidet, wie die Zukunft der Kirche aussehen soll. Die Beteiligung ist zwar erwünscht, aber wichtige Pfeiler sind schon fest eingerammt und es geht mehr um die Umsetzung eines Programmes als und um dessen Ausrichtung. Die Gemeinden werden zum Objekt der Fürsorge, aber nicht zu gleichwertigen Partnerinnen. Es wäre sinnvoll gewesen, zunächst einmal die Gemeinden zu fragen, was sie für ihren Dienst und ihre Arbeit benötigen und sie auf diese Weise bei der Entstehung dieses Papiers mit einzubeziehen. So hätte man verhindern können, was die Gemeinde unter die Herrschaft vorgedachter Pläne bringt und ihr vorschreibt, wie sie in Zukunft arbeiten soll. PuK soll unter breiter Beteiligung durchgeführt werden, ergebnisoffen. Letztlich aber jedoch steht eine bereits fertige Konzeption dahinter, was vermuten lässt: Es handelt sich entgegen aller Beteuerungen um einen Top-Down-Prozess. Andere Kirchenmodelle, die es durchaus gibt, kommen nicht den Blick. Warum, so fragen wir weiter, wurden bei der Erstellung des Papiers nicht Vertreter der theologischen Fakultäten mit einbezogen?
  • Die Sprache suggeriert zwar den großen Sprung, die Neuausrichtung aller Arbeitsformen in der ganzen Kirche und die entsprechende strategische Verteilung der Ressourcen. Gleichzeitig steht aber der funktionale Bereich gar nicht zur Disposition. Die bestehende Benachteiligung der Gemeindeebene wird festgeschrieben, indem man sich die Kritik daran auch noch vom Hals schafft bzw. die Verantwortung und den Diskurs auf die mittlere Ebene verschiebt. Man scheut die Vielfalt und Diversität, ändert wenig an der Verteilung der Macht, nichts an der des Geldes. Man legt erneut das Gewand des Modernisierers an und zementiert ganz konservativ die zentralistischen Steuerungsmechanismen der Institution.
  • Die in diesem Papier sehr verbreitete apodiktische Sprache (muss, soll) kann so gedeutet werden: Hier wird eine Kirche neu gebaut. Die Mahnung von Dietrich Bonhoeffer könnte uns alle da sehr viel behutsamer sein lassen: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung; denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen – ER baut. Wir sollen verkündigen – ER baut. Wir sollen zu ihm beten – ER baut. Wir kennen seinen Plan nicht. Es ist ein großer Trost, den Christus seiner Kirche gibt: Du bekenne, verkündige, zeuge von mir. Ich allein aber will bauen, wo es mir gefällt. Fahr mir nicht ins Regiment. Kirche, tu du das Deine recht, dann hast du genug getan. Aber tue es auch recht. Sieh nicht nach Meinungen und Ansichten, frage nicht nach Urteilen, rechne nicht immer wieder.“[3]
  • Ich frage mich, wie weit ist dieser Prozess wirklich offen, wenn andere wichtige Prozesse wie z.B. „die Landesstellenplanung oder die Verwaltungsreform auf der gemeinsamen PuK- Strategie aufsetzen können oder diese bereits in Aspekten vorweggenommen haben“, wenn bereits finanzielle Mittel für die Umsetzung bereitgestellt werden, wenn die knappe Zeitschiene eine Beteiligung der Gemeinden nur schwer ermöglicht? Irgendwie ähnelt es auch der Geschichte vom Hasen und Igel. Die einen sind schon angekommen, beginnen schon den PuK-prozess umzusetzen, die anderen sind nicht einmal losgelaufen, haben noch keinerlei Kenntnis davon, in welche Richtung sie aufbrechen sollen.
  • Am Anfang standen Kürzungen im Raum, dann kam PuK. Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit Reformpapieren sind diese meist verbunden gewesen mit Kürzungen von Geldern und Personal im Bereich der Gemeinden. Steckt das hinter dem Wort „Konzentration“?
  • Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen, so fasst Gerhard Wegner, der Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen: „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“.
  • Auch Soziologen wie Dr. Maren Lehmann (Universität Erfurt) kommen auf gleiche Ergebnisse: „Was bleibt, und zwar im Wortsinne: was Bestand hat, allen Formalisierungsbemühungen zum Trotz, ist die variantenreich wildernde religiöse Kommunikation. Sie bleibt auch dann, wenn man darauf verzichtet, ihr durch konfessionelle, dogmatisch erfahrene Beobachter Orientierung und Verlässlichkeit zu geben. Die Gemeinde hat daher auf jeden Fall Zukunft. Die Mitgliedschaftskirche nicht.“[4]
  • Was nun die Gemeinde betrifft, finden sich in PuK doch unterschiedliche und manchmal schwer einzuordnende Aussagen. Die Gemeinden sollen ihre Funktion als stabile Präsenz vor Ort behalten, andererseits müssen sie eine Organisationsgröße haben, die der Raumlogik von PuK entspricht, also größere Pfarreien, Regionen, fusionierte Gemeinden usw. Ein weiteres Beispiel: „Parochialgemeinden müssen sich als Teil von Handlungsräumen verstehen, die diese über die entsprechenden Gremien mitgestalten, dann aber auch an den verabredeten Schwerpunktsetzungen mitwirken.“ Einerseits werden die Offenheit, was ein Handlungsraum ist, welche Größe er hat usw. konstatiert, auf der anderen Seite doch wieder größere Einheiten beschrieben: „Es wird vorgeschlagen, den Begriff „Handlungsraum“ zu verstehen als den Dekanatsbezirk oder Teil eines Dekanatsbezirks oder Vielfaches von Dekanatsbezirken.“
  • Fraglich erscheint uns auch, wie die Umsetzung auf mittlerer Ebene geschehen kann, wenn dem Stellenanteil des Dekans, der Dekanin bei der neuen Landesstellenplanung kein größeres Zeitbudget zur Verfügung gestellt werden soll. Das ist nur schwer mit der Vorgabe, gut, gerne und wohlbehalten in dieser Kirche arbeiten zu können, zu vereinbaren.
  • Weitere Fragen werden hier nur kurz angerissen:
    • Immer wieder wird auf die Notwendigkeit von Kooperationsbereitschaft der Gemeinden verwiesen, auf Netzwerkbildung. Das ist zu begrüßen und geschieht vielerorts längst und in großem Umfang und viele arbeiten daran, dies auszubauen. Dafür braucht es kein Strukturpapier. Und wir wissen alle, dass es immer Gemeinden geben wird, die nur ihren eigenen Kirchturm im Blick haben und eben andere, die darüber hinausschauen.
    • „In den jeweiligen Räumen sollen Zentralkirchen identifiziert werden.“ Warum hat man nicht aus anderen Landeskirchen Erfahrungen gesammelt, in denen solch ein Unternehmen gescheitert ist?
    • „50 % der Arbeitskraft Hauptamtlicher für die Kommunikation mit den bisher unerreichten Kirchengemeindegliedern soll sichergestellt werden.“ Dass dies längst geschieht und eine völlig überflüssige Feststellung ist, hat Ulrich Pschierer in seinem Artikel „die gärtnernde Kirche“ sehr deutlich beschrieben.[5] Religionsunterricht, Kasualien, Konfirmandenarbeit, Seelsorgebesuche, Grußworte bei Vereinsjubiläen, Öffentlichkeitsarbeit, Arbeit in Kindertagesstätten und Diakonie erreicht Menschen weit über den Kreis der Hochverbunden hinaus.

Wir nehmen das ernst: Es soll ein offener Prozess sein und darum kann und darf auch ein anderes Kirchenmodell angedeutet und kurz umrissen werden. Jeder hat seinen Blues:

Die einzelnen Gemeinden bilden die Basis und sind die primäre Gestalt der Kirche (dafür lassen sich sowohl theologische wie soziologische Argumente finden). In den lateinamerikanischen Kirchen gibt es das Sprichwort. „Das universale Wort spricht nur Dialekt“. Die Verkündigung des Wortes von Angesicht zu Angesicht, das gemeinsame Feiern an einem Tisch (die diakonische Dimension der Gemeinde hat ihren Ursprung in der Tischgemeinschaft), die Not meines Nächsten, der in meiner Straße direkt vor meiner Haustüre anzutreffen ist – hier muss Kirche vor Ort sein, nicht in einem unbestimmten Raum. Eine Kirche der „Armen“, der Benachteiligten und Vergessenen, der Gescheiterten, der Alten und nicht Mobilen sollten wir bleiben und werden. Zentralkirchen und Kausalagenturen sind nicht die richtige Antwort. Die Nähe zu den Menschen braucht eine Kirche der „kurzen Wege“. Sehr große Gemeinden müssten geteilt und verkleinert werden. Die Zahl derer, die Verantwortung für die Gemeinde übernehmen, würde sich vergrößern, die Beteiligung vermehren. Zur Stärkung der einzelnen Gemeinden gehört auch eine neue Regelung des gesamten Finanzwesens. Die Entscheidung darüber, welche Projekte, welche übergemeindlichen Aufgaben finanziert werden, muss auf gemeindenaher Ebene getroffen werden. Die krautige Vielfalt, ein buntes Kaleidoskop der Gemeinden, die unter einem landeskirchlichen Dach aufblühen, sind ein großer Schatz der Kirche und der Ausgangspunkt für jede Kirchenreform. Jede Gemeinde hat eben ihren Blues. „Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig“ (so der Schriftsteller Robert Menasse). Wenn irgendwo wieder einer das Klagelied über die so klein werdende Gottesdienstgemeinde, über das schwindende Interesse an gemeindlichen Aktivitäten anstimmt und dafür die Enge parochialer Grenzen verantwortlich macht, sollten wir in aller Gelassenheit singen:

Verzage nicht, du Häuflein klein
obschon die Feinde willens sein,
dich gänzlich zu verstören,
und suchen deinen Untergang,
davon dir wird recht angst und bang;
es wird nicht lange währen. (EG 249/1)
 

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan Pegnitz, 1. Vorsitzender des Gemeindebundes Bayern V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern


[1] Martin Luther King

[2] Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in der Einbringungsrede der Bayerischen Landessynode: „Das vorgelegte Papier ist eine Diskussionsgrundlage. (…) Eine zweite Ebene der Weiterarbeit ist die Dialogarbeit in den Gemeinden.

[3] GS IV 134,f

[4] Texte aus der VELKD, Nr.179, September 2017, S.9.

[5] Korrespondenzblatt, Nr.10 Oktober 2017, S. 170.

Der Newsletter als PDF

So nicht! – Eine Auseinandersetzung mit dem Buch des Theologischen Referenten der Landessynode der ELKB

Von Dr. Karl Eberlein             Der Artikel als PDF

Zu: Ralf Frisch: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017 (Evangelische Verlagsanstalt), 280 Seiten, 24€

Ralf Frisch: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017 (Evangelische Verlagsanstalt), 280 Seiten, 24€

Vorliegendes Werk ist seitens der Präsidentin der Landessynode, Dr. Annekathrin Preidel, sehr anerkennend gewürdigt worden.[1] Also bin auch ich mit einer ausgesprochen positiven Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen: Erwartet habe ich mir eine seriöse, sicher auch kritische kirchliche Bestandsaufnahme. Erwartet habe ich weiter Denkanstöße, die durchaus auch Sand in unserem kirchlichen Getriebe sein können, aber inhaltlich konsistent und gedanklich nachvollziehbar deutlich machen, was für unsere Kirche an der Zeit ist. In beiderlei Hinsicht hat sich für mich diese Erwartungshaltung leider nicht bestätigt.

Ralf Frisch ist enttäuscht von seiner Kirche. Er schreibt aus einer „enttäuschten Liebe“ heraus (17). Aber er gibt die Hoffnung für seine Kirche nicht auf und tröstet sich dabei etwa mit dem Lied Jochen Kleppers „Die Nacht ist vorgedrungen …“ (17). Und für diese Hoffnung braucht er schließlich ein Überspringen der Zeiten. Als literarische Fiktion stellt er sich einen 50-jährigen Schlaf vor, aus dem er im Jahr 2068 erwacht. Dann ist endlich vor dem Hintergrund nahezu apokalyptisch beschriebener Zeiten (270ff) in der Kirche alles anders und besser geworden (277ff). Dann ist er „glücklicher in die evangelische Kirche verliebt als je zuvor“ (280).

Der Autor, der solches schreibt, ist kein Irgendjemand. Er ist Professor an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Theologischer Referent der Landessynode und in dieser Funktion auch am Prozess „Profil und Konzentration“ (PuK) beteiligt. Und er widmet sein Buch der Synodalpräsidentin sowie „den Weggefährten in der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, die eine höchst vitale, intellektuell und spirituell quicklebendige Widerlegung aller kirchenkritischen Thesen der folgenden Seiten darstellen“ (8). Eine solche Widmung lässt aufhorchen – und motiviert zusätzlich, sich mit den Darlegungen dieses Buches etwas genauer auseinanderzusetzen.

Das Anliegen

Was hat Ralf Frisch aktuell an der von ihm (eigentlich) so geliebten Kirche zu kritisieren? Kurz gesagt: eigentlich alles – vom äußeren Erscheinungsbild über die innere Motivation der Akteure bis hin zur grundsätzlichen Ausrichtung. Der Autor ist in seiner Polemik alles andere als zimperlich. Die Versuchung ist groß, sich gleich hierauf zu stürzen. Trotzdem möchte ich an den Anfang eine eher behutsame Formulierung stellen, die für mich so etwas wie die Kernthese des ganzen Buches ist: Es brauche in der Kirche ein „neues Gefühl“, „dass der christliche Glaube ein Medium des Kontakts zu den letzten Dingen und zu den Tiefenschichten des menschlichen Daseins ist und nicht nur eine religiöse Gestalt der sozialen, politischen und moralischen Verbesserung der Lebensumstände von Menschen“ (29). Es gehe um „den letzten Sinn und das letzte Geheimnis des Seins“ (30). Eben dies müsse wieder erheblich stärker ins kirchliche Bewusstsein treten.

Mit dieser Intention ist Ralf Frisch nun keineswegs der einsame Rufer in der Wüste. Solche und ähnliche Töne sind schon seit längerer Zeit zu hören, etwa von bekannten Theologen (Hans-Martin Barth, Johannes Fischer u.a.[2]) bis hin zu Kommentatoren der FAZ. Ralf Frisch greift also etwas auf, über das ohnehin schon geredet wird und worüber (sicher auch kontrovers) geredet werden muss. Es geht ja schließlich um das Wesen und den Auftrag der Kirche. Zu wünschen wäre dann allerdings, dass der Autor gemäß des Buchtitels tatsächlich brauchbare reformatorische Impulse gibt und diese mit sorgfältigen Analysen und umsichtigen Wahrnehmungen verbindet. In einem immerhin 280 Seiten starken Buch darf man so etwas erwarten, man findet es aber nicht bzw. viel zu wenig. An die Stelle treten polemische Rundumschläge, Verzerrungen bis hin zu Unterstellungen sowie diffuse ekklesiologische Ausführungen.[3]

Polemische Rundumschläge gegen die eigene Kirche

Mit der evangelischen Kirche in Deutschland verhält es sich für Frisch wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: „In einer leeren, innerlich nackten Kirche kann man keine wirklich tiefen und wirklich erhebenden religiösen Erfahrungen machen“ (36). „Wenn der Protestantismus jemals zugrunde gehen sollte, dann geht er allenfalls an seiner Kraftlosigkeit, an seiner Substanzlosigkeit und an seiner Selbstbanalisierung und Selbsttrivialisierung zugrunde“ (71). Der deutsche Protestantismus verharre „vielerorts in seiner saturierten Bequemlichkeit“ (73). Die evangelische Kirche diene „als Petersilie auf jeder Suppe“ (107). Der „Bezug auf das Heilige“ sei derzeit „allenfalls ein Produkt neben anderen kirchlichen Produkten und Dienstleistungen“ (108). Es seien „gar nicht so wenige“ der Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen „geistlich desorientiert, spirituell leer, transzendental obdachlos und nicht mehr verliebt in das Evangelium“ (165). Natürlich müssen dann die Pfarrer auch noch speziell ins Visier kommen: Die ohnehin beklagenswerte „Dominanz der Pfarrerinnen und Pfarrer in ihren Gemeinden“ sei „dann umso schlimmer, wenn sie mit einer theologischen, spirituellen, ästhetischen, rhetorischen, liturgischen, dramaturgischen und emotionalen Lieblosigkeit einhergeht, für die es keine Rechtfertigung geben kann“ (256).

So und ähnlich gehen Rundumschläge in wohldosierter Streuung durch das ganze Buch. Gewiss: Für all das, was da angeführt wird, gibt es auch Beispiele. Die Frage ist nur, ob eine solche Addition von Negativ-Wahrnehmungen ein auch nur halbwegs faires und seriöses Gesamtbild ergibt. Ich nehme einmal an, dass sich Frisch der karikierenden Art seiner Darstellung sehr wohl bewusst ist. Aber er ist anscheinend der Meinung, dass es eine solche Methode der Aufmerksamkeitserregung braucht, um überhaupt gehört zu werden. Sollte dem tatsächlich so sein, wäre das ein Alarmzeichen für die Diskurskultur in unserer Kirche – auch mit Hinblick auf den anstehenden PuK-Prozess.

Verzerrungen und Unterstellungen

Wiederholt schimmert bei Ralf Frisch durch, dass er das soziale und diakonische Engagement seiner Kirche als Ersatzhandlung versteht: Weil die Kirche „von den letzten Dingen schweigt“, müsse sie sich auf die „vorletzten, weltlichen Dinge“ konzentrieren (154). Auffallend ist hier, wie die Unterscheidung, die Dietrich Bonhoeffer zwischen dem „Letzten“ und dem „Vorletzten“ vorgenommen hat, nun völlig gegen Bonhoeffers Intention in Stellung gebracht wird. Bonhoeffer war bekanntlich der Meinung, dass die Gewissheit des Letzten das Vorletzte keineswegs entwichtet, sondern umgekehrt Kraft gibt für ein entschlossenes Handeln in dieser Welt. Und dass in der Kirche über die letzten Dinge geschwiegen wird, ist eine steile Behauptung, die keineswegs nur, aber allein schon durch jede kirchliche Beerdigung zu widerlegen ist. Behaupten kann man so etwas allenfalls, wenn man das, was medial in bewusst selektiver Auswahl von der Kirche wahrgenommen wird, schon für die kirchliche Realität selber hält. Etwas anderes wäre es, sprachliche Schwierigkeiten und Defizite konkret aufzuzeigen, die es in unserer Kirche in der Tat geben kann, wenn es darum geht, die befreiende Kraft des Evangeliums in allen(!) seinen Dimensionen zur Sprache zu bringen.

Mehr als ärgerlich ist sodann, wenn Frisch dann speziell das kirchlichen Engagement für Flüchtlinge als Ersatzhandlung versteht (168f): „Es scheint jedenfalls geradezu, als hätten wir als Kirche nur darauf gewartet, dass unser Land von einer Herausforderung überwältigt wird, auf die wir uns nun stürzen können, um zu demonstrieren, wie unentbehrlich wir sind. Aber täuschen wir uns nicht: die Flüchtlinge sind nicht der Messias – so sehr uns ihr Wohlergehen und ihre Zukunftsperspektiven (…) am Herzen liegen müssen.“ Bei derartigen Unterstellungen hilft auch der angefügte Nachsatz nicht mehr viel.

Mehr als ärgerlich ist schließlich auch, wenn Ralf Frisch meint, im Gefolge der von ihm diagnostizierten sozialethischen Vereinseitigung auch bei der Gestaltung kirchlicher Räume ein ästhetisches Defizit dergestalt feststellen zu müssen, dass „eine im buchstäblichen Sinn sozialdemokratisierte Mehrzweckästhetik dominiert“, die „allenfalls langweilt“ (227). Es wäre besser, der Autor würde seine eigenen ästhetischen Kriterien auch wirklich benennen, statt mit solchen verallgemeinernden, irgendwie auch zynischen Formulierungen so manchen intensiven Bemühungen bei der Gestaltung von Kirchenräumen ins Gesicht zu schlagen.

Eine diffuse Ekklesiologie

Wenn Ralf Frisch ein spirituell erfahrungsintensivierter und ästhetisch neu eingekleideter Protestantismus vor Augen schwebt, stellt sich auch die Frage, mit welcher organisatorischen Verfasstheit solches einhergehen kann. Sehe ich es richtig, dann hat sich der Autor von der Vorstellung einer Kirche, die wirklich vor Ort nahe bei den Menschen ist, bereits verabschiedet: „Die sichtbare evangelische Kirche der Zukunft (…) könnte nicht mehr Volkskirche für alle, sondern eine Kirche für diejenigen sein, die inmitten der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft einen Ort suchen, an dem sich eine Tür zum ganz Anderen und zu einer ganz anderen Erfahrung der Welt und ihrer Gesellschaft öffnet“ (238).

Diese Art des Rückzugs bedeutet für Frisch zugleich eine Relativierung der Bedeutung von Kirchenmitgliedschaft und damit auch des Gemeinschaftscharakters der Kirche. Unabhängig von solcher Mitgliedschaft könne man gegen entsprechende Bezahlung religiöse Dienstleistungen in Gestalt von Übergangsritualen anbieten, ebenso „spirituelle Krafträume“, die als „religiöse Fitnessstudios“ fungieren könnten (246). Denen, für die die Kirche nach wie vor primär „als Gemeinde und als Gemeinschaft“ zu verstehen ist, hält er vor, dass es ihnen „verständlicherweise“ ja auch um monetäre Gründe gehe: Als „Profiteure der Volkskirche“ seien sie „naturgemäß“ daran interessiert, „dass diese Volkskirche noch lange Bestand hat“ (247). Dass man auch aus theologischen Gründen und um der Menschen selbst willen weiter für eine flächendeckend organisierte Volkskirche eintreten kann, um auf dieser Basis die „Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen VI), scheint Frisch nicht sonderlich in Betracht zu ziehen.

In alledem ist nun höchst bemerkenswert, dass er sich selbst als ein entschiedener Verfechter der Barmer Theologischen Erklärung (BTE) präsentiert. Denjenigen unter den universitären Theologen, die sich skeptisch zur Aufnahme der BTE in die Kirchenverfassung geäußert haben, bescheinigt er schon mal in der weiteren Konsequenz eine „Selbstabschaffung der christlichen Theologie und des Protestantismus“ (204). Dabei scheint er selber übersehen zu haben, dass die BTE nicht nur aus den ersten beiden Thesen besteht (hierzu 142ff), sondern hieran gleich die dritte und vierte These anschließen, in denen es eben um die Gestalt und die Ordnung der Kirche sowie um ihren Gemeinschaftscharakter geht. Mit seinen eigenen Vorstellungen ist er weit davon entfernt. Und wenn er sodann auch noch „Luthers Unterscheidung von geistlichem und weltlichem Regiment“ innerkirchlich(!) als „Unterscheidung und Zuordnung von geistlichem und kybernetischem Handeln“ angewandt sehen möchte (111) und damit weiter in Gegensatz zu der von ihm so verteidigten BTE gerät – ja, dann wird es endgültig diffus.

Die Kirche des Jahres 2068

Wie eingangs schon erwähnt, steht am Schluss des Buches die literarische Fiktion eines 50-jährigen Schlafes, auch dem Frisch im Jahr 2068 erwacht. Er skizziert ein düsteres gesellschaftliches und globales Szenario (270ff): gesteigerte soziale und politische Verwerfungen; brutale Abschottungsstrategien gegenüber Völkerwanderungen; soziale Eiszeit; weitere Ausbreitung eines militanten politischen Islam; Ende der europäischen Vision; exzessive Biotechnologie usw. Kirchlicherseits ist die „Zeit der kirchensteuerfinanzierten Mehrheitsvolkskirche“ vorüber (273).

Am Ende dieser Zukunftsschilderungen fragt der Autor: „Aber gibt es auch Hoffnungsschimmer in der wenig erhebenden, halszuschnürenden Gegenwart dieses fernen Jahres 2068?“ (276). Seine Antwort: „Ja, es gibt Hoffnung – insbesondere aus kirchlicher Sicht“ (277). Damit leitet der Autor seine ekklesiologische Zukunftsvision (277ff) ein. Die „evangelische Kirche des Jahres 2068 verkörpert eine im besten Sinne öffentliche, ausstrahlungsstarke Theologie“. Sie ist „als Minderheitskirche freier denn je“. Sie erscheint „endlich als faszinierende Alternative zum Geist ihrer Zeit“ und leitet Menschen „zu spirituellen Exerzitien im Alltag“ an. Diese Kirche „erschöpft sich nicht in inflationärer Präsenz“, sie „konzentriert sich“. Ihr Herz „schlägt in geistlichen Zentren, in die sie ihre großen Kirchen und Bildungsorte verwandelt hat“. Auch ästhetisch stimmt jetzt alles: „Neu gebaute Kirchen sind Architekturen des offenen Himmels.“ Durch bezahlte spirituelle Dienstleistungen und durch Zuwendungen (sicher auch finanzstarker) Geldgeber hat man also auch hierfür noch genügend finanzielle Mittel, um sich nicht mehr in Kirchenräumen mit einer langweiligen Mehrzweckästhetik (vgl. 227) aufhalten zu müssen.

Mit dieser seiner Landeskirche feiert dann Ralf Frisch „ein Fest des euphorischen Nichtwiedererkennens“. Verwundert ist man freilich, dass Ralf Frisch dabei immer noch von der evangelischen Kirche und der Landeskirche im Singular redet. Denn auch dies gehört für ihn zum ekklesiologischen Zukunftsszenario (und er schildert dies ohne großes Bedauern): „Viele christliche Gruppierungen, die sich im Jahr 2017 noch der institutionalisierten Volkskirche zugehörig fühlten, haben sich allerdings mittlerweile von ihrer Mutterkirche abgespalten. Aus dem innervolkskirchlichen Pluralismus ist ein Pluralismus verschiedener Kirchen geworden“ (277).

Wenn man all das liest (und das vorher bereits Ausgeführte mit dazu nimmt), dann zeichnen sich etwa folgende Konturen dieses Hoffnungsszenarios ab: Der gerade mal gut zehn Jahre alte forsche EKD-Imperativ, „gegen den Trend“ wachsen zu sollen und zu können (Impulspapier „Kirche der Freiheit“), ist nun völlig verschwunden. An die Stelle getreten ist nicht nur ein Mut zur Minderheit (dem ich durchaus folgen könnte), sondern geradezu eine Sehnsucht nach Minderheit. Die ELKB des Jahres 2068 hat eine spirituelle Großreinigung hinter sich. Diejenigen, die in eine derart aus ihren spirituellen Zentren leuchtende Kirche nicht so recht passen, haben sich quasi selber entsorgt: Sie gehören dann entweder überhaupt keiner Kirche mehr an – oder sie sind jetzt in anderen Gruppierungen, die sich von der ELKB losgelöst haben, zu finden.

Vielleicht wird (so möchte ich ergänzen) dieses Bild noch etwas dadurch getrübt, dass da immer noch einige Ortsgemeinden mit ihrer banalen Alltäglichkeit und mit ihrer spirituellen und ästhetischen Unterbelichtung da sind, die man als Auslaufmodelle dahinfristen lässt. Nicht auszuschließen wäre dann freilich auch (wie ich weiter ergänzend hinzufügen möchte), dass dieser ELKB mit ihren spirituellen Krafträumen und Fitnessstudios (vgl. 246) ein Evang.-Luth. Gemeindebund in Bayern gegenübersteht, der sich keineswegs aus Ewig-Gestrigen zusammensetzen muss, wohl aber die Zeichen der Zeit anders deutet. Es könnte ja sein, dass es gerade in gesellschaftlich raueren Zeiten (von denen Frisch ja ausgeht) umso mehr eine Kirche vor Ort (wirklich am Ort!) mit entsprechenden Vernetzungen und Interaktionsmöglichkeiten braucht – statt die spirituell und ästhetisch besonders Sensiblen an besondere Orte zu locken, die der komplexen Alltäglichkeit entzogen sind.

Kurzum: Das, was Ralf Frisch als ekklesiologisches Hoffnungsbild skizziert, ist für mich eher ein Szenario des Erschreckens – und das aus theologischen, nicht aus besitzstandswahrenden Gründen. Da gibt ein Autor keine reformatorischen Denkanstöße mehr, sondern geht glatt an dem vorbei, was man noch eine halbwegs seriöse lutherische Ekklesiologie nennen könnte.

Nach-Gedanken

Ralf Frisch ist nicht der erste, der einen Blick in die Kirche in 50 Jahren wirft. Kurz vor ihm hat es bereits die Synodalpräsidentin Dr. Annekathrin Preidel im Rahmen ihrer Eröffnungsansprache auf der Synodaltagung in Coburg (27.3.2017) getan (mit der Variation, dass sie nicht vom Jahr 2068, sondern vom Jahr 2067 redet). Bei ihr schaut das „Fest des Nichtwiedererkennens“ (gleiche Formulierung wie bei Frisch!) mit der evangelischen Kirche, das die jetzt Jungen noch erleben werden, so aus: „Sie hat weniger Mitglieder, aber sie ist geistesgegenwärtig und vital. Sie ist weniger schwerfällig und weniger bürokratisch. Ihre Sprache ist verständlicher geworden. Spirituelle Inhalte zeugen von einem neuen Geist in unserer Kirche. Diejenigen, die im Jahr 2067 nach wie vor vom Evangelium begeistert sind, haben die alten Strukturen losgelassen, um neu aufzubrechen. Sie haben sich in kleinen flexiblen Keimzellen organisiert.“ Im Jahr 2067 gehe es auch darum, „den Mut zu haben, zur Profilkirche zu werden – zur Jugendkirche, zur Vesperkirche, zur Meditiationskirche, zur Kirche der ästhetischen Erfahrung, zur Kirche der ‚fresh expressions’“. Die Christen werden – so Preidel im Anschluss an den Planungsreferenten Thomas Prieto Peral – „interessante Leute“ sein (man beachte das Futur!).[4] Für die Kirche der Gegenwart jedoch gilt: „Wenn wir nicht schwimmen lernen, werden wir untergehen wie ein Stein“, nämlich an der „eigenen bleiernen Schwere und Behäbigkeit“.

Bei der Synodalpräsidentin klingt gewiss einiges wieder etwas anders als bei Frisch, in der Relation von Gegenwart und Zukunft sind jedoch die Übereinstimmungen sehr deutlich: Die Zukunft wird in sehr hellen Farben gemalt. Eigene Leitvorstellungen werden zur zukünftigen Realität erklärt. Und dazu braucht es die düstere Eintönung der Gegenwart. Diese Art von Reformrhetorik ist in unserer Kirche keineswegs neu – auch wenn sie inhaltlich sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich plausibilisiert werden kann (was natürlich all diejenigen irritiert, die nicht nur ein Kurzzeitgedächtnis haben). Es setzt sich das fort, was auch sonst schon in der kirchlichen Reformrhetorik der Fall war: Es werden weder die eigenen Mitgliedschaftsbefragungen wirklich ernst genommen noch relevante religions- und kirchensoziologische Untersuchungen, sobald diese dem eigenen Weltbild widersprechen. Vor allem aber kommt ein biblisch-theologisches Nachdenken zu kurz, das nicht bereits durch vereinzelte, gezielt ausgewählte Bibelzitate gewährleistet ist.

Was also vor allem fehlt, ist ein wirklich genaues(!) Hinsehen in unsere Gegenwart. Hierfür brauchen wir gewiss keine rosa, aber eben auch keine schwarz gefärbte Brille. Wir brauchen ein genaues Hinschauen auf die ‚Logik‘ (auch: ‚Theo-Logik‘) des Vorhandenen, wo manches auf den zweiten Blick sich anders darstellt, als man es zunächst beurteilt hat. Erst wenn diese ‚Logiken‘ einmal verstanden worden sind, kann auch erwogen werden, woran unter veränderten Bedingungen weiter festzuhalten ist – und woran nicht. Man könnte so etwa darauf kommen, dass die Frage nach dem Stellenwert von örtlichen Kirchengemeinden sich nicht so ohne weiteres unter dem Aspekt vergänglicher volkskirchlicher Strukturen abhandeln lässt. Man könnte statt dessen entdecken, dass hier grundsätzliche Fragen der Ekklesiologie berührt sind, wo uns der Apostel Paulus in seinen Korintherbriefen einiges ins Stammbuch geschrieben hat (übrigens auch zur Bewertung berauschender spiritueller Erfahrungen, von denen Ralf Frisch so gerne redet; vgl. 25ff).

Kurzum: Ein biblisch geschärfter Blick könnte zu einem geistlichen Realismus und zu protestantischer Nüchternheit führen, wenn es um die Kirche der Gegenwart geht. Dann (aber erst dann!) mag man auch ein Fernglas in die Hand nehmen, um in eine Zeit in 50 Jahren zu schauen. Allerdings sollten wir dabei auch wissen: Durch ein solches Fernglas schauen wir allemal nur unsere eigenen Zukunftsprojektionen und noch lange nicht das, was vom Herrn der Kirche tatsächlich auf uns zukommen wird. Vielleicht tun wir dabei auch gut daran, unser geschichtliches Gedächtnis zu aktivieren: In den für uns etwas deutlicher überblickbaren Zeiträumen der jüngeren Vergangenheit ist es schließlich meist anders gekommen, als man es erwartet, erhofft oder auch befürchtet hatte. So leicht lässt sich der Herr der Kirche nun Mal nicht in die Karten schauen!

So bleibt zu hoffen, dass die Töne, denen ich in meinem Beitrag nachzulauschen versucht habe, nicht die Marschmusik für den (in seiner Kontur noch völlig offenen) Prozess „Profil und Konzentration“ sein werden.

Dr. Karl Eberlein, Pfarrer i.R. und ehem. Mitglied der Landessynode,
Roth-Eckersmühlen


[1] In ihrer Kolumne in den beiden Sonntagsblättern vom 11.6.17

[2] H.-M. Barth, Das Vaterunser als Thema öffentlicher christlicher Theologie, in: Deutsches Pfarrerblatt 2/2016, 64-67; J. Fischer, Gefahr der Unduldsamkeit, in: Zeitzeichen 5/2016, 43-45.

[3] Wenigstens angemerkt sei, dass in dem Buch nicht nur auf die Kirche selber geschaut wird, sondern auch auf die allgemeine religiös-weltanschauliche Situation. Dabei ist neben dem Atheismus insbesondere der Islam im Visier. Was hier Frisch an grobschlächtiger Analyse und Auseinandersetzung bietet, unterscheidet sich ganz erheblich von der seriösen Tonlage, wie man sie etwa von der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen her kennt.

[4] Verblüfft stellt man in diesem Zusammenhang nun auch noch Folgendes fest: Diese Zukunftsbeschreibungen des Jahres 2067 sind inhaltlich sehr nahe an dem, was in der Fassung des PuK-Konzeptes vom 6.3.2017 bereits für 2030 als Zukunftsszenario in den Raum gestellt wurde (dort 8f). In der nach den synodalen Beratungen veröffentlichten Fassung (29.3.2017) ist diese Passage – worauf mich Pfarrerin Cornelia Meinhard aufmerksam gemacht hat – ersatzlos gestrichen. So genau wollte man sich wohl konsensual und zeitlich in der näheren Zukunft lieber doch nicht festlegen. Ersatzweise werden so auf individueller Basis für die Zukunftsreise die Jahre 2068 (Frisch) bzw. 2067 (Preidel) gesetzt und damit Zeiträume, in denen mit ziemlicher Sicherheit die aktuell in der Kirche Verantwortlichen keine Rechenschaft mehr über ihre Annahmen im Jahr 2017 ablegen müssen.

 

Die „gärtnernde“ Kirche – Newsletter August 2017

Von Visionen, Humus und Dünger

Von Pfr. Hans-Ulrich Pschierer

Der in diesem Jahr verstorbene Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat im Blick auf die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts konstatiert: „Die Moderne ist das Zeitalter artifizieller gesellschaftspolitischer Entwürfe, das Zeitalter der Planer, Visionäre (…) und ‚Gärtner‘, die die Gesellschaft als jungfräuliches Stück Land auffassen, das unter fachmännischer Obhut zu bestellen und zu kultivieren ist. Der Ehrgeiz und die Anmaßung auf diesem Gebiet ist grenzenlos.“ Bauman sah neben den Segnungen der Moderne die teilweise zerstörerische Eigendynamik ihrer „rational-technisierten Tendenzen“. Er identifizierte diese Tendenzen in der „Einschränkung der Interessenvertretung und Selbstverwaltung an der gesellschaftlichen Basis“ und dem dadurch bedingten „Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus.“ (Z. Bauman, Dialektik der Ordnung, Hamburg 2012, 3. Aufl., S.128f.)

Auch unsere Kirche hat in den letzten Jahrzehnten viele Planer, Visionäre und „Gärtner“ gesehen. Immer ging es dabei um eine bessere Organisation des Gartens mit dem Ziel der Bestandssicherung. Kirchengemeinden, bisher Basis der Kirche, kamen in diesem Denken vor allem als defizitär, weil angeblich milieuverengt und ohne große Ausstrahlung in den Blick.  Im Bestreben, die „Beete zu reinigen“, griff man diese Basis an. Die Zukunft der Kirche sah man in Zentralisierung und in einer Stärkung von spezialisierten und funktionalen Diensten. In seiner Auswertung zur letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) konstatiert Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit Blick auf die letzte große „Vision“ von Kirche: „So stellte das Reformpapier der EKD ‚Kirche der Freiheit‘ in großen Teilen geradezu ein Abschaffungsprogramm von Kirchengemeinden dar und propagiert anstelle von ihnen unter dem Titel der ‚Leuchtfeuer‘ religiöse Dienstleistungszentren, die nunmehr die religiöse Versorgung der Bevölkerung angesichts schwindender Ressourcen möglichst effizient organisieren soll.“ (G. Wegner, Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung, Leipzig 2015, S.102)

Auch die bayrische Landeskirche hat nicht nur diesen Prozess mit finanziellen und personellen Ressourcen unterstützt, sondern insgesamt eine große Umverteilung zum Nachteil der Gemeinden vorgenommen. Aus dem letzten von OKR Hübner vorgelegten innerkirchlichen Finanzausgleich geht hervor, dass der Anteil der Gemeinden am  verteilbaren Kirchensteueraufkommen in den Jahren 2007 bis 2015 drastisch verringert wurde. Das verteilbare Kirchensteueraufkommen ist um 37 % gestiegen, der Gemeindeanteil aber um 14% gesunken. In den Gemeinden hat sich das in der personellen und finanziellen Ausstattung deutlich negativ ausgewirkt. Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen. In meiner bisherigen Dienstzeit war ich nach 7 Jahren Gemeindedienst 9 Jahre am Predigerseminar und hatte Einblick in viele andere funktionale Arbeitsbereiche.

Seit 7 Jahren bin ich nun wieder in der Gemeinde. Schon in der Ausstattung mit Sekretär-, Mesner- und Hausmeisterstunden ist der Unterschied zwischen beiden Diensten deutlich spürbar. Von Zeitbudgets, um sich angemessen vorzubereiten, auf Ungeplantes zu reagieren und an der Qualität zu arbeiten, will ich gar nicht reden. Klaus Raschzok hat in seinem Artikel im Korrespondenzblatt zum Verhältnis von Gemeinde- und Funktionspfarramt vom „Neidfaktor“ gesprochen (KorrBl. 2017/5 S.79) Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse muss solcher „Neid“ m.E. nicht verwundern.

Entsprechend hat seit vielen Jahren eine Bewegung in Richtung Funktion eingesetzt, die auch von anderen Faktoren unterstützt wird, die Wegner verdeutlicht: „Ganz praktisch setzt sich die Distanz gegenüber Kirchengemeinden dann auch in pastoralen Karrierewegen um. Für viele Pastoren ist der Weg aus der Kirchengemeinde heraus in den  übergemeindlichen Dienst oder in kirchliche Leitungsämter ein Stück Befreiung, da sie auf diesen Ebenen besser über ihre Arbeitszeit verfügen und auf größere Distanz(!) zu den immer wieder andrängenden Wünschen der Kirchenmitglieder und zu dem ach so diffusen Arbeitsprofil in den Kirchengemeinden geraten können.“ (a.a.O. S.103) Klaus Raschzok beklagt entsprechend das „Funktionsstellen-Hopping“ angesichts von Unlust oder Unfähigkeit zum Gemeindedienst (ebd.). Einige „hoppen“ noch nicht mal. Sie „hocken“ vielmehr und bauen ihre Macht aus. Nicht wenige Stellen in den Werken und Diensten sind seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten gleich besetzt.

Freilich hat sich die Marginalisierung der Gemeinden durch die Ergebnisse der letzten KMU empirisch als Fehlentwicklung herausgestellt. Es hat sich gezeigt, dass die Ortsgemeinden durch ihre verschiedenen Arbeitsbereiche und über die Milieus hinweg deutlich mehr Mitglieder ansprechen und binden, als durch funktionale Dienste zu erreichen sind. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.3.2017 kommt der führende Religionssoziologe Detlef Pollack zu Wort: „Die Kirche habe ihr Geld lange in ‚funktionale Dienste‘ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. ‚Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.‘ Mittlerweile liegt  die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer ‚ganz persönlichen Leidenserfahrung‘. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“ (FAZ „Wo bleibt die Kirchensteuer?“ von Reinhard Bingener) Wegner bestätigt das und bringt uns wieder zu Bauman und zum Thema Garten zurück: „Es scheint (…) eben gerade die Diffusität der kirchengemeindlichen Kommunikation zu sein, die einen Humus für sozial-integrative, sozialmoralische bis sozial-protestative Haltungen bietet.“ (a.a.O. S. 116)

„Hier liegen Schätze (…), die durch stärkere Formatierung – insbesondere in Formen neoliberaler Governance – ausgeschaltet würden.“ (a.a.O. S.118). Für die in Jahren des Gemeindepfarramts ausgebildete und offenbar keineswegs selbstverständliche Fähigkeit, sehr verschiedene Arbeitsformen nicht nur zu bewältigen, sondern fruchtbar aufeinander zu beziehen, kennt die kirchliche Personalentwicklung keine Anerkennung außer dem Angebot, eine Sonderstelle anzunehmen, also sich zu spezialisieren und in die Funktion zu gehen. Karrieren in der Kirche führen nicht in die viel beschworene größere „Nähe zu den Menschen“, sondern vor allem in größere Nähe zur Organisation und ihrer Hierarchie. Gemeinsam mit der finanziellen Hungerkur stellt deshalb die Abwertung des Gemeindepfarramts einen Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche dar, wie ihn Bauman als Gefahr für die Gesellschaft konstatiert. Sie fördert außerdem die Erosion der kirchlichen Basis.

Doch der von Bauman genannte Ehrgeiz und die Anmaßung der „Gärtner“ bleibt davon unbeeindruckt. Ja, er nimmt teilweise absurde Formen an, etwa in der Behauptung, dass Gemeindepfarrerinnen 80 % ihrer Arbeitskraft nur in die Hochverbundenen stecken würden. Man fragt sich, wer da gerechnet hat. Schon die 6 Pflichtstunden Religionsunterricht sind etwa 20-25% einer pädagogischen Vollzeitstelle (und tragen nebenbei bemerkt positiv nicht unerheblich zur Refinanzierung der Gemeindestellen bei und auch negativ zur Attraktivität der vielen vom Unterricht befreiten Funktionsstellen). Von den 75%, die eine Gemeinde also faktisch noch vom Pfarrer hat, bestreitet er wenigstens die Kasualien, in meinem Fall noch die Betreuung von drei gemeindlichen Kindertagesstätten, weiterhin – in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen – den monatlichen Familiengottesdienst, den Gemeindebrief, die Konfiarbeit zusammen mit der Kollegin, die Seelsorgebesuche bei – bis dahin oft  unerreichten – Menschen zuhause und die Gottesdienste, die schon allein an den kirchlichen Festen weit über den Kreis der Hochverbundenen hinausgehen. Das differiert natürlich unter den Kolleginnen und Kollegen, aber ungewöhnlich ist mein Stellenprofil nicht. Wer glaubt,  ich hätte nur mit Hochverbundenen zu tun, kann gerne mal vorbeikommen. Hier wird  einfach etwas erfunden, um dann „ex negativo“ zu argumentieren, nach dem Motto: Die Gemeinden erreichen nur Hochverbundene, also müssen die Gelder heraus aus den Gemeinden und hinein in die überparochiale Arbeit. Da sind wir wieder im Garten. Soll der Hase doch rennen. Am Ende der Furche steht immer ein Igel und ruft: „Ich bin schon da!“  Der Nachweis, dass man durch diese Umverteilung – mit vertretbarem Ressourceneinsatz! – all die sogenannten Distanzierten erreicht, steht noch aus und scheint schon allein  angesichts der Kirchenentwicklung der letzten 30 Jahre nicht zu erbringen.

Der versierte Gärtner neigt deshalb dazu, nicht nur ein Apfelbäumchen zu pflanzen, sondern zur Sicherheit gleich noch ein paar Kisten Äpfel dazu zu ordern, um bei der Ernte gut da zu stehen und nichts „dem Zufall“ oder sollte ich besser sagen „dem lieben Gott“ zu überlassen.

„Oberhalb“ der Gemeindeebene scheut man keinen Aufwand, um den Misserfolg strategisch auszuschließen. Am verschwenderischen Ressourceneinsatz für kirchliche Prestigeprojekte und deren mediale Vermarktung ließe sich das vielfach nachweisen. Dabei werden oft gar keine konkreten Ziele benannt. So kann man sie nicht verfehlen. Für „Visionen“ muss man eben auch einmal „Geld in die Hand nehmen“, heißt es dann gerne. Mit diesen Ressourcen werden im schlimmsten Fall auch noch Imagekampagnen mit identitärem Beigeschmack finanziert. Dann schaut z.B. Jahre lang von jeder kirchlichen Handreichung ein irritierend deutscher, schwarz-rot-goldener Luther herunter. Eine Kirchenleitung, die dergestalt auf die medial vermittelbare Corporate Identity setzt, hat vor der Sperrigkeit und Komplexität der eigenen Botschaft längst kapituliert. Aber wehe, man würde sich das sparen und jede Gemeinde auf ihre Art der Reformation gedenken lassen.

Im Gegenzug nimmt man hässliche Begleiterscheinungen in Kauf: Bei seit Jahren stetig steigenden Steuereinnahmen setzen viele Gemeinden, weil sie unter ständigen Sparzwang gestellt werden, gerade bei den Kasualien ihren Service herunter und die Gebühren hoch. Anderes Beispiel: Für eine Gemeinde wie unsere mit fast 4000 Seelen (das sind anteilig deutlich über eine Million an erbrachten Kirchensteuern), sieht die magere Schlüsselzuweisung einfach keine Stunden für hauptamtliche Jugendarbeit vor. Das ist sehr schmerzlich für uns, weil wir viele Jugendliche haben, die sich gerne engagieren. Nun kann eine Gemeinde mit gutem Grund einfach auf die Dekanatsebene oder die nächstgelegene Jugendkirche verweisen und viele tun das auch. Manchmal fragt vielleicht noch jemand leise, ob die bayrische Landeskirche wirklich diesen oder jenen Beauftragten braucht und wie sie damit die Milieuverengung aufbrechen will. Aber die meisten schweigen, um nicht als „unsachlich“ zu gelten. Wenn die Jugendlichen auf der Dekanatsebene nicht ankommen, machen die klugen „Gärtner“ auf ein „Vernetzungsproblem“ aufmerksam. Früher wären viele Kollegen daraufhin noch Mitglied einer Arbeitsgruppe geworden, die sich mit diesem Problem beschäftigt.

Nach einschlägigen Erfahrungen zucken inzwischen die meisten nur noch bedauernd die Schultern. Das Ergebnis: Verantwortung versickert! Nach Bauman ist auch dies ein typischer Mechanismus einer rational-technisierten Moderne.

Um der finanziellen Austrocknung abzuhelfen, schicken die „Gärtner“ Fundraising- beauftragte, die dafür sorgen, dass Gemeinden von nun an bei allem, was sie tun, stets zuerst und zuletzt um mehr Geld bitten. Dann werden z.B. Kirchgeldbriefe verschickt mit dem Verweis, dass dieses Geld „direkt den Gemeinden zu Gute komme“. Distanziertere fragen sich da, was denn bitte mit der Kirchensteuer selbst geschieht. Werbeaktionen werden gestartet, für die natürlich auch die Gemeindepfarrerin als „Gesicht“ der Gemeinde zusätzlich Zeit und Energie aufbringen muss. Immer mehr „guten Ideen“ flattern in die Pfarrämter, während die Ressourcen zur Umsetzung verschwinden. So gliedert die finanzielle Abhängigkeit Gemeinden ein in die funktionale Dynamik der Organisation. Gemeinden werden zu Filialen einer religiösen Organisation mit einem grandiosen finanziellen Appetit. Der „Gärtner“ lobt die Kreativität in der Finanzbeschaffung vor Ort, schaut nebenher aus nach den besten Lehrlingen für eine Gartenbaukarriere. Von innen gesehen ist das schön.  Nur von außen betrachtet scheint das Wasser in diesem Garten immer schneller zu versickern. Wenn die Kirchensteuerzahlerin zusammen mit dem – schön gestalteten – Kirchgeldbrief die Zeitungsnachricht von kirchlichen Rekordeinnahmen auf dem Tisch hat, drängt sich ihr der Eindruck auf, dass hier die Gier zur rational-technisierten Grundhaltung geworden ist. In vielen Gesprächen gerade mit den Distanzierten und den Nicht-Mitgliedern, sehe ich mich als Gemeindepfarrer immer öfter herausgefordert, mich genau dafür zu rechtfertigen. Eine der Kirche verbundene Bekannte holte auf Wunsch ihrer kranken Schwiegereltern einen Kollegen für ein Krankenabendmahl. Er kam, tat seine Arbeit und beim Gehen drückte sie ihm ein Kuvert mit 20 Euro in die Hand. Er schaute hinein und merkte an, dass dieser Service eigentlich 50 Euro koste. Sie gab ihm die fehlenden 30 Euro und trat am nächsten Tag aus. Solche „Kreativität“ in der Finanzbeschaffung spricht sich  auch so herum. Da brauchen wir nicht einmal eine „best-practice“ – Kampagne.

Wer den Gemeinden bei steigenden Einnahmen seit Jahren immer mehr Mittel vorenthält, treibt sie in Sorge und Aktionismus und damit in die Unglaubwürdigkeit und Distanz zu den Mitgliedern. Die Fixierung auf den Selbsterhalt im Verbund mit der ständig präsenten Mitgliedschaftsfrage führt nicht in die Nähe, sondern in immer größere Ferne zu den Menschen. Die Botschaft von Gottes Hingabe am Kreuz, die jeder Angst und Sorge um den Selbsterhalt grundlegend widerspricht und die vor Ort in Verkündigung, Unterricht,  Seelsorge und Feier gelebt werden muss, ist immer noch vielen Menschen ihre  Kirchensteuer wert. Weniger binnenkirchlich, sondern aus der Distanz betrachtet, wird diese Botschaft angesichts der gezeichneten Fehlentwicklung immer mehr zum Zeugnis gegen die Kirche selbst.

Bauman sieht die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts nicht nur als Störfälle der Moderne. Sie sind vielmehr auch Folge ihrer rational-technisierten und funktionalistischen Tendenzen. Seine Analyse zielt darauf, dass auch ein repräsentatives, demokratisches  System vor diesen Tendenzen nicht gefeit ist. Hier liegen m.E. wichtige kritische Impulse für die Kirchentwicklung. Dabei geht es nicht um die Idealisierung von Kirchengemeinden, sehr wohl aber um die Stärkung ihrer Selbstverwaltung und Eigenverantwortung und gegen ihre funktionale Entmündigung über den finanziellen und personalplanerischen Hebel. Es wird gerne betont, dass funktionaler und parochialer Dienst, Gesamtkirche und Kirchengemeinde, nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Genau das geschieht aber seit Jahren zum Nachteil der Parochie. Deshalb ist die weder theologisch noch empirisch zu rechtfertigende finanzielle Benachteiligung der Ortsgemeinden aus den letzten Jahrzehnten zu korrigieren.

Gerade in ihrer Diversität sichern Gemeinden sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche und der Gesellschaft. Sie sind in aller menschlichen Bedingtheit die soziale Gestalt, inmitten derer die Botschaft konkret und plausibel, aber auch befragbar und gestaltbar ist. Seit fast 10 Jahren macht der „Aufbruch Gemeinde“ und der daraus entstandene „Gemeindebund“ auf die Fehlentwicklung in unserer Kirche aufmerksam. Dafür mussten sich die Kritikerinnen und Kritiker oft als „Nestbeschmutzer“ bezeichnen lassen. Das passt nun wieder zum Thema Garten. In einer Kirche, die sich als Garten Gottes versteht, könnte offene Kritik ja der Dünger sein!

Hans-Ulrich Pschierer, Pfarrer in Fürth,
V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern
Im Sprecherkreis „Gemeindebund Bayern – Aufbruch Gemeinde“

Der Newsletter als PDF

Profil und Konzentration (PuK) – Anmerkungen zum neuen Reformprozess in der ELKB

Von Corinna Hektor
1. Vorsitzende des Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins in der ELKB

Die Kirche braucht eine Reformation. Diese Reformation ist aber nicht die Angelegenheit nur des Papstes noch der Kardinale. Es ist eine Angelegenheit der ganzen Christenheit, oder besser, Gottes allein. Nur er weiß die Stunde der Reformation. M. Luther

Was verbirgt sich nun eigentlich hinter PuK, werde ich immer wieder gefragt. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Auf alle Fälle eine Menge Begeisterung, große Aufbruchsstimmung und die Hoffnung, damit alles zurückzulassen, was gerade Probleme, Ärger und Arbeit verursacht. Das ist schön zu sehen. Schwierig wird es, wenn man nachfragt, wohin es eigentlich gehen soll.

Näher zu den Menschen, aber in Räumen, viel größer gedacht als die bisherigen Gemeinden, in der Fläche bleiben, mit Zielgruppengemeinden und ganz neue Formen, Raum für Experimente und Umgestaltung, es gibt viel zu entdecken. PuK ist hier sehr sehr offen – für fast alles. Das hat eine Menge Charme, da findet jeder etwas. Sobald man an die Umsetzung denkt, stellen sich allerdings viele Fragen. Wer entscheidet künftig, was ein Raum ist und wer in diesem Raum welche Rolle und welche Aufgabe hat? Wie vertragen sich bisherige Strukturen und Regeln mit der neuen Freiheit?

Als Pfarrvertretung hatten wir bislang wenig Möglichkeiten, uns ausführlich mit dem Papier zu befassen. Wir waren ja in die Entstehung nicht einbezogen und die Sondersitzung der Pfarrerkommission steht noch aus. Einige wichtige Punkte aus unserer bisherigen Diskussion kann ich aber bereits nennen:

Wir haben kein Erkenntnisproblem, sagt das PuK-Papier, sondern ein Umsetzungsproblem. Stimmt. Eigentlich hätten wir es besser wissen können. Mitgliedschaftsstudien, H. Lindners Untersuchungen zur Beteiligung an Kirchenvorstandswahlen, die Zahlen zum Gottesdienstbesuch, Negativ-Beispiele aus anderen Landeskirchen und die florierende Arbeit so mancher Freikirche – sie alle zeigen: überschaubare, kleine Einheiten funktionieren am besten. Soziologische Literatur stützt diese Erfahrung wissenschaftlich. Auch große Gemeinden haben kaum mehr als 200 ehrenamtlich Mitarbeitende. Das ist die Grenze der Überschaubarkeit und der Möglichkeit, Kontakte zu pflegen. Und das zeigt sich auch in anderen Bereichen. So entsprach der Gottesdienstbesuch meiner knapp über 2000 Seelen großen Gemeinde in etwa dem einer großen Münchner Innenstadtgemeinde.

Es wäre darum gut gewesen, bei Überlegungen für die Zukunft der Volkskirche die für teuer Geld im Auftrag der EKD erstellte Studie einzubeziehen als Momentaufnahme von Erwartungen, Haltung und Bindungsverhalten unserer Mitglieder. Erst recht da, wo sie über die Jahrzehnte Kontinuität zeigt: bei den zentralen Erwartungen und der ebenso zentralen Rolle des Pfarrers / der Pfarrerin. Sicher: Empirie ist nicht alles, aber eine Strategie, die nur von den persönlichen Einschätzungen der Mitglieder der Projektgruppe und deren Gemeinde- und Leitungserfahrung lebt, auch nicht.

Der in der Vision einer Kirche der Zukunft vorausgesetzte Abschied von der Volkskirche erscheint mir jedenfalls voreilig. Da gebe ich E. Herms recht, wenn er schreibt: Nichts verrät größere Unkenntnis vom Wesen und Auftrag der Kirche, als wenn schwindende Mitgliederzahlen zum Anlass von Gedanken über das Ende der Volkskirche werden. Für mich definiert sie sich weniger über Prozentzahlen als in einer Haltung als Kirche für das Volk. Und was wäre die Alternative?

Zudem habe ich einige Anfragen an das Bild des ewigen Aufbruchs. ‚Semper reformanda‘  ist ja kein Slogan der Reformation, sondern des 20. Jahrhunderts. J. H. Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD, sagt „Wer je in irgendeiner Institution Verantwortung getragen hat, weiß, welche administrative, gedankliche und körperliche Anstrengung es kostet, gute Dinge zu bewahren und Normalität am Leben zu erhalten. Vielleicht reden deshalb viele Verantwortungsträger lieber davon „Zukunft zu gestalten“, irgendendetwas „zukunftsfähig zu machen“ und was der hässlichen Floskeln mehr ist. Eine halbwegs gelingende Normalität, ein geregelter Ablauf ohne Not und Grauen, eine verlässliche Herrschaft des Rechts, eine gute Ordnung – das wäre schon ziemlich viel.“ Auch das keine neue Erkenntnis – aber eine wichtige. Normalität ist ein Segen.

Luther hat sich gegen alle Schwärmer gewandt, der Täuferrepublik ebenso misstraut wie den Bilderstürmen und der Eventkirche seiner Zeit: den Auftritten des populären Predigers Tetzel. Er wollte eine Veränderung, weg von dem, was damals bestens funktionierte: eine gute Show, Erlösung gegen Cash, weg von vollen Marktplätzen und gut gefüllten Kirchen. Zurück zu dem, was wesentlich ist. Wort und Sakrament. Und gut. Auf Ordnungen und Strukturen hat er dennoch nicht verzichtet. Die Parochie ebenso geschätzt wie die Unabhängigkeit der Verkündigung und eine wohlbegründete Streitkultur.

Ohne Verstand, Weisheit und Gesetze können weder Türken noch Tataren leben und haushalten. M. Luther

Strukturen sind das, was entsteht, wenn etwas größer wird und länger andauert – was wir bei Kirche ja auch für die Zukunft hoffen. Sie sortieren und vereinfachen, wenn sie gut sind. Ihre Karikatur heißt Bürokratie. Die kennen wir auch. Daran muss man arbeiten, denn ich will bestimmt nicht behaupten, dass an unseren Abläufen  und Strukturen alles ideal ist. Aber auch in Veränderungen brauchen wir Nüchternheit, langen Atem, Klarheit und Verfahrenssicherheit. Wenn PuK umgesetzt wird, werden sich wohl neue Handlungs- und Entscheidungsebenen profilieren. Die mittlere Ebene wird viel stärker werden. Das hat den Vorteil, dass deutlich schneller und unabhängiger entschieden werden kann; wenn es gut geht passend zur Situation am Ort. Es birgt aber auch die Gefahr, dass damit ohne die Kontrolle einer zentralen Regelung und starken Gemeinden mit festen Stellen DekanInnen und Dekanatsausschüsse entscheiden. In Hannover sind so sehr eigenständige Kirchenkreise entstanden, regelrechte Fürstentümer. Diese Form der Machtkonzentration auf der mittleren Ebene schafft große persönliche Abhängigkeiten.

Aufgefallen ist mir auch, dass bei allem Wunsch nach Neuland gleichzeitig die Präsenz und die Angebote in der Fläche bewahrt werden sollen. Das verspricht mehr und Besseres in größeren Dimensionen und mit weniger Menschen. Aber Arbeitskraft, die in neue Formen gesteckt wird, kann nicht gleichzeitig in das fließen, was auch erhalten werden soll. Und neue Projekte, die gleichzeitig das bewältigen sollen, was bisher als Parochie am Ort war, werden nicht genug Luft haben für beides. Der durchgehende Ton einer Abwertung von Ortsgemeinde und bestehenden Formen lässt da eine Richtung vermuten, das Problem löst er nicht. Gleichzeitig wissen wir, dass die Autoren recht haben, wenn sie konstatieren, dass es nicht einfach so weitergehen kann, weil uns die Ressourcen ausgehen, vor allem die Menschen, die die Arbeit tragen sollen.

Dieses Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden. Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Kein Wesen, sondern ein Werden. Keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht; werden es aber. M. Luther

Aus der Projektgruppe war zu hören, es soll nun ein Diskussionsprozess in den Dekanaten und Gemeinde beginnen. Allerdings soll nicht die Strategie diskutiert werden, sondern deren Umsetzung. Wie die Diskussionsbeiträge oder Ergebnisse dann von wem weiterbearbeitet werden sollen, habe ich leider nicht heraushören können. Insgesamt ist offenbar noch vieles im Fluss. Auch im Papier selbst. „Kirchentheoretisch unterkomplex“ hat es ein Vertreter der Fakultäten in der Diskussion genannt. Das erinnert an seinen geistigen Vorgänger „Kirche der Freiheit“, das man in Bayern mit guten Gründen nicht adaptierte und auf EKD-Ebene heute so auch nicht mehr machen würde – ebenso wie der Reflex, Kritik mit dem Hinweis zu begegnen, es sei ja nur ein Impuls – und gleichzeitig den Anspruch zu erheben eine umsetzbare Strategie entwickelt zu haben.

Ist das Papier eine Strategie, kann man es auf seine Umsetzbarkeit hin befragen. Wenn es nur ein Impuls ist, sollte das  ausgefeilte Konzept noch folgen oder in der angestoßenen Diskussion erst entstehen. Dafür liefert PuK eine Menge Stoff. Doch wer so in den Wald hineinruft, sollte damit rechnen, dass er Antwort bekommt – und dass sich die Erstellung einen Konzeptes noch eine Weile hinzieht. Denn Erfahrungen, Fragen und Einschätzungen werden weit auseinandergehen. Wie nötig ist z.B. eine wenigstens formale Abdeckung in der Fläche und wie essentiell gute Arbeits- und Existenzbedingungen für Gemeinden, Arbeitsbereiche und Mitarbeitende andererseits – notfalls auf Kosten der Fläche? Auch die Frage, wieviel Einheit und wieviel Verschiedenheit diese Kirche braucht und aushält, wird sich nicht auf die Schnelle beantworten lassen.

Gleichzeitig wird mit dem Prozess aber bereits der Aufbruch in eine neue Zeit ausgerufen. „Hier schreibt die Synodalpräsidentin“ ist im Rothenburger Sonntagsblatt zum Synodenbeginn zu lesen. Von der Rhetorik und den Bildern, die sie heraufbeschwört, will ich gar nicht reden. Dass aber bereits vor Diskussion und Beschluss in der Synode und vor einer Veröffentlichung der Ergebnisse alle eventuellen Kritiker als ewig gestrige, Unken und ihr Platz in der Kirche als Sumpf diffamiert werden, verrät eine Menge über Diskussionskultur und Selbstverständnis. Nur zwei Bemerkungen: Es stimmt mich immer misstrauisch, wenn Kritik grundsätzlich ausgeschlossen wird. Mit welchen Bildern auch immer. Wer die Kritiker dabei Echoräumen zuweist, sollte sich aber bewusst sein, dass  gerade so eine Haltung einen Echoraum ausmacht. Und wer die biblischen Bilder vom Aufbruch aus Ägypten bemüht, sollte nachlesen, was nach der Euphorie des „jetzt geht‘s los“ in der Bibel kommt: 40 Jahre Wüste!

Wer gestalten will, braucht einen langen Atem und Geduld. Und wer es innerkirchlich tut, hat dienende Funktion und steht nicht über den Strukturen – auch wenn das manchmal nervt und immer verlangsamt. So ungeduldig ich auch bin, ich habe gelernt als Chance zu sehen, dass Dinge gut bedacht werden, Kritik gewälzt, Probleme erkannt und anerkannt, manches gebessert wird und anderes sehenden Auges in Kauf genommen. Übergänge müssen gestaltet werden, nicht nur verkündet. Wege geklärt werden. Und für alle, die Verantwortung oder gar ihren Beruf und ihr Auskommen in der Kirche haben, muss klar sein, was sie erwarten können – und  wie sie ihr Expertenwissen einbringen können.

Ich kann nur sagen: lesen Sie selbst – am besten beides und die leider sträflich vernachlässigte Mitgliedschaftsuntersuchung auch! Im Intranet finden sich die Einbringungsrede und die beschlossenen 5 Punkte und nach einem Gespräch mit dem Planungsbeauftragten erfreulicherweise auch wieder die überarbeitete Vorlage 3 (Stand 19.5.2017). Schön, dass das so schnell geklappt hat. Schade allerdings, dass der Text so gut versteckt ist. Er steht unter Landessynode bei den Dokumenten unter https://www2.elkb.de/intranet/node/13308  (Passwort erforderlich). Damit wird hoffentlich künftig auch auf Dekanatssynoden und in Pfarrkapiteln das Projekt mit allen nötigen Unterlagen dargestellt. Bisher wurden leider oft die Papiere nur in Auswahl zitiert, nachlesen war nicht vorgesehen. Die Diskussion fördert das nicht.

Unklar ist auch, welche Rolle dabei eigentlich die Finanzen spielen. Ich hatte mich sehr gefreut zu hören, dass nach Zielen und Theologie gefragt werden soll, nicht nach Einsparmöglichkeiten. Gleichzeitig erlebe ich aber, dass die Diskussionen sehr unter dem Diktat des Sparens stehen. Fakt ist: Wir haben gute Einnahmen. Wie in den vergangenen Jahren auch. Aber es ist damit zu rechnen, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Darum beschränkt die Synode das Haushaltsvolumen über die Vorsteuerung.

In früheren Jahren hat man stattdessen mit zweckbestimmten Rücklagen und Fonds dafür sorgen wollen, dass der Geldsegen von heute die Kirche auch in Zukunft erhält. FSGtheol., Kirchensanierungsfonds, Pfarrhaussanierungsfonds. Davon ist wenig geblieben. Es gibt ja keine Rücklagen mehr. Aber gewirkt haben sie doch. Nicht nur was saniert werden konnte ist ein Segen, sondern auch das Finanzierungssicherungsgesetz – obwohl das Geld kaum verbraucht wurde. Es war ein Signal an den Nachwuchs, dass man Stellen haushaltsunabhängig absichern wollte. Wir brauchen euch – und ihr seid uns etwas wert. Das war gut und es hat gewirkt. Solche Signale wünsche ich mir auch heute. Investitionen für die Zukunft. Denn Investitionen sind es, die Zukunft ermöglichen. Wer dagegen den Eindruck vermittelt, wir hätten kein Geld mehr, macht depressiv – und wirkt angesichts der Kirchensteuereinnahmen unglaubwürdig. Beides hilft uns nicht weiter.

So oder so wird der Prozess im Konzert der aktuell laufenden großen Prozesse und Projekte der Landeskirche Folgen haben, in all seiner Offenheit und Diversität – und hoffentlich auch mit seiner Begeisterung. Landesstellenplanung, Verwaltungsreform, Assistenz im Pfarramt, Miteinander der Berufsgruppen, Pfarrbildprozess, die Umstrukturierung des PSZ, Vorsteuerung und Sparanstrengungen, große Gesetzesvorhaben, um nur einige zu nennen, sie alle binden Kraft und setzen Fakten – oder um in der Sprache von PuK zu bleiben – Strukturen. Ich bin gespannt, was da wem diktieren wird, wo es lang geht auf dem Weg durch die Wüste.“

Lesen Sie hier den gesamten Frühjahrsbericht der 1. Vorsitzenden des Pfarrervereins aus dem KorrBl. 6/2017, S. 93ff.:
http://www.pfarrverein-bayern.de/ablage/kblatt-1706.pdf