Die „gärtnernde“ Kirche – Newsletter August 2017

Von Visionen, Humus und Dünger

Von Pfr. Hans-Ulrich Pschierer

Der in diesem Jahr verstorbene Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat im Blick auf die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts konstatiert: „Die Moderne ist das Zeitalter artifizieller gesellschaftspolitischer Entwürfe, das Zeitalter der Planer, Visionäre (…) und ‚Gärtner‘, die die Gesellschaft als jungfräuliches Stück Land auffassen, das unter fachmännischer Obhut zu bestellen und zu kultivieren ist. Der Ehrgeiz und die Anmaßung auf diesem Gebiet ist grenzenlos.“ Bauman sah neben den Segnungen der Moderne die teilweise zerstörerische Eigendynamik ihrer „rational-technisierten Tendenzen“. Er identifizierte diese Tendenzen in der „Einschränkung der Interessenvertretung und Selbstverwaltung an der gesellschaftlichen Basis“ und dem dadurch bedingten „Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus.“ (Z. Bauman, Dialektik der Ordnung, Hamburg 2012, 3. Aufl., S.128f.)

Auch unsere Kirche hat in den letzten Jahrzehnten viele Planer, Visionäre und „Gärtner“ gesehen. Immer ging es dabei um eine bessere Organisation des Gartens mit dem Ziel der Bestandssicherung. Kirchengemeinden, bisher Basis der Kirche, kamen in diesem Denken vor allem als defizitär, weil angeblich milieuverengt und ohne große Ausstrahlung in den Blick.  Im Bestreben, die „Beete zu reinigen“, griff man diese Basis an. Die Zukunft der Kirche sah man in Zentralisierung und in einer Stärkung von spezialisierten und funktionalen Diensten. In seiner Auswertung zur letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) konstatiert Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit Blick auf die letzte große „Vision“ von Kirche: „So stellte das Reformpapier der EKD ‚Kirche der Freiheit‘ in großen Teilen geradezu ein Abschaffungsprogramm von Kirchengemeinden dar und propagiert anstelle von ihnen unter dem Titel der ‚Leuchtfeuer‘ religiöse Dienstleistungszentren, die nunmehr die religiöse Versorgung der Bevölkerung angesichts schwindender Ressourcen möglichst effizient organisieren soll.“ (G. Wegner, Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung, Leipzig 2015, S.102)

Auch die bayrische Landeskirche hat nicht nur diesen Prozess mit finanziellen und personellen Ressourcen unterstützt, sondern insgesamt eine große Umverteilung zum Nachteil der Gemeinden vorgenommen. Aus dem letzten von OKR Hübner vorgelegten innerkirchlichen Finanzausgleich geht hervor, dass der Anteil der Gemeinden am  verteilbaren Kirchensteueraufkommen in den Jahren 2007 bis 2015 drastisch verringert wurde. Das verteilbare Kirchensteueraufkommen ist um 37 % gestiegen, der Gemeindeanteil aber um 14% gesunken. In den Gemeinden hat sich das in der personellen und finanziellen Ausstattung deutlich negativ ausgewirkt. Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen. In meiner bisherigen Dienstzeit war ich nach 7 Jahren Gemeindedienst 9 Jahre am Predigerseminar und hatte Einblick in viele andere funktionale Arbeitsbereiche.

Seit 7 Jahren bin ich nun wieder in der Gemeinde. Schon in der Ausstattung mit Sekretär-, Mesner- und Hausmeisterstunden ist der Unterschied zwischen beiden Diensten deutlich spürbar. Von Zeitbudgets, um sich angemessen vorzubereiten, auf Ungeplantes zu reagieren und an der Qualität zu arbeiten, will ich gar nicht reden. Klaus Raschzok hat in seinem Artikel im Korrespondenzblatt zum Verhältnis von Gemeinde- und Funktionspfarramt vom „Neidfaktor“ gesprochen (KorrBl. 2017/5 S.79) Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse muss solcher „Neid“ m.E. nicht verwundern.

Entsprechend hat seit vielen Jahren eine Bewegung in Richtung Funktion eingesetzt, die auch von anderen Faktoren unterstützt wird, die Wegner verdeutlicht: „Ganz praktisch setzt sich die Distanz gegenüber Kirchengemeinden dann auch in pastoralen Karrierewegen um. Für viele Pastoren ist der Weg aus der Kirchengemeinde heraus in den  übergemeindlichen Dienst oder in kirchliche Leitungsämter ein Stück Befreiung, da sie auf diesen Ebenen besser über ihre Arbeitszeit verfügen und auf größere Distanz(!) zu den immer wieder andrängenden Wünschen der Kirchenmitglieder und zu dem ach so diffusen Arbeitsprofil in den Kirchengemeinden geraten können.“ (a.a.O. S.103) Klaus Raschzok beklagt entsprechend das „Funktionsstellen-Hopping“ angesichts von Unlust oder Unfähigkeit zum Gemeindedienst (ebd.). Einige „hoppen“ noch nicht mal. Sie „hocken“ vielmehr und bauen ihre Macht aus. Nicht wenige Stellen in den Werken und Diensten sind seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten gleich besetzt.

Freilich hat sich die Marginalisierung der Gemeinden durch die Ergebnisse der letzten KMU empirisch als Fehlentwicklung herausgestellt. Es hat sich gezeigt, dass die Ortsgemeinden durch ihre verschiedenen Arbeitsbereiche und über die Milieus hinweg deutlich mehr Mitglieder ansprechen und binden, als durch funktionale Dienste zu erreichen sind. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.3.2017 kommt der führende Religionssoziologe Detlef Pollack zu Wort: „Die Kirche habe ihr Geld lange in ‚funktionale Dienste‘ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. ‚Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.‘ Mittlerweile liegt  die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer ‚ganz persönlichen Leidenserfahrung‘. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“ (FAZ „Wo bleibt die Kirchensteuer?“ von Reinhard Bingener) Wegner bestätigt das und bringt uns wieder zu Bauman und zum Thema Garten zurück: „Es scheint (…) eben gerade die Diffusität der kirchengemeindlichen Kommunikation zu sein, die einen Humus für sozial-integrative, sozialmoralische bis sozial-protestative Haltungen bietet.“ (a.a.O. S. 116)

„Hier liegen Schätze (…), die durch stärkere Formatierung – insbesondere in Formen neoliberaler Governance – ausgeschaltet würden.“ (a.a.O. S.118). Für die in Jahren des Gemeindepfarramts ausgebildete und offenbar keineswegs selbstverständliche Fähigkeit, sehr verschiedene Arbeitsformen nicht nur zu bewältigen, sondern fruchtbar aufeinander zu beziehen, kennt die kirchliche Personalentwicklung keine Anerkennung außer dem Angebot, eine Sonderstelle anzunehmen, also sich zu spezialisieren und in die Funktion zu gehen. Karrieren in der Kirche führen nicht in die viel beschworene größere „Nähe zu den Menschen“, sondern vor allem in größere Nähe zur Organisation und ihrer Hierarchie. Gemeinsam mit der finanziellen Hungerkur stellt deshalb die Abwertung des Gemeindepfarramts einen Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche dar, wie ihn Bauman als Gefahr für die Gesellschaft konstatiert. Sie fördert außerdem die Erosion der kirchlichen Basis.

Doch der von Bauman genannte Ehrgeiz und die Anmaßung der „Gärtner“ bleibt davon unbeeindruckt. Ja, er nimmt teilweise absurde Formen an, etwa in der Behauptung, dass Gemeindepfarrerinnen 80 % ihrer Arbeitskraft nur in die Hochverbundenen stecken würden. Man fragt sich, wer da gerechnet hat. Schon die 6 Pflichtstunden Religionsunterricht sind etwa 20-25% einer pädagogischen Vollzeitstelle (und tragen nebenbei bemerkt positiv nicht unerheblich zur Refinanzierung der Gemeindestellen bei und auch negativ zur Attraktivität der vielen vom Unterricht befreiten Funktionsstellen). Von den 75%, die eine Gemeinde also faktisch noch vom Pfarrer hat, bestreitet er wenigstens die Kasualien, in meinem Fall noch die Betreuung von drei gemeindlichen Kindertagesstätten, weiterhin – in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen – den monatlichen Familiengottesdienst, den Gemeindebrief, die Konfiarbeit zusammen mit der Kollegin, die Seelsorgebesuche bei – bis dahin oft  unerreichten – Menschen zuhause und die Gottesdienste, die schon allein an den kirchlichen Festen weit über den Kreis der Hochverbundenen hinausgehen. Das differiert natürlich unter den Kolleginnen und Kollegen, aber ungewöhnlich ist mein Stellenprofil nicht. Wer glaubt,  ich hätte nur mit Hochverbundenen zu tun, kann gerne mal vorbeikommen. Hier wird  einfach etwas erfunden, um dann „ex negativo“ zu argumentieren, nach dem Motto: Die Gemeinden erreichen nur Hochverbundene, also müssen die Gelder heraus aus den Gemeinden und hinein in die überparochiale Arbeit. Da sind wir wieder im Garten. Soll der Hase doch rennen. Am Ende der Furche steht immer ein Igel und ruft: „Ich bin schon da!“  Der Nachweis, dass man durch diese Umverteilung – mit vertretbarem Ressourceneinsatz! – all die sogenannten Distanzierten erreicht, steht noch aus und scheint schon allein  angesichts der Kirchenentwicklung der letzten 30 Jahre nicht zu erbringen.

Der versierte Gärtner neigt deshalb dazu, nicht nur ein Apfelbäumchen zu pflanzen, sondern zur Sicherheit gleich noch ein paar Kisten Äpfel dazu zu ordern, um bei der Ernte gut da zu stehen und nichts „dem Zufall“ oder sollte ich besser sagen „dem lieben Gott“ zu überlassen.

„Oberhalb“ der Gemeindeebene scheut man keinen Aufwand, um den Misserfolg strategisch auszuschließen. Am verschwenderischen Ressourceneinsatz für kirchliche Prestigeprojekte und deren mediale Vermarktung ließe sich das vielfach nachweisen. Dabei werden oft gar keine konkreten Ziele benannt. So kann man sie nicht verfehlen. Für „Visionen“ muss man eben auch einmal „Geld in die Hand nehmen“, heißt es dann gerne. Mit diesen Ressourcen werden im schlimmsten Fall auch noch Imagekampagnen mit identitärem Beigeschmack finanziert. Dann schaut z.B. Jahre lang von jeder kirchlichen Handreichung ein irritierend deutscher, schwarz-rot-goldener Luther herunter. Eine Kirchenleitung, die dergestalt auf die medial vermittelbare Corporate Identity setzt, hat vor der Sperrigkeit und Komplexität der eigenen Botschaft längst kapituliert. Aber wehe, man würde sich das sparen und jede Gemeinde auf ihre Art der Reformation gedenken lassen.

Im Gegenzug nimmt man hässliche Begleiterscheinungen in Kauf: Bei seit Jahren stetig steigenden Steuereinnahmen setzen viele Gemeinden, weil sie unter ständigen Sparzwang gestellt werden, gerade bei den Kasualien ihren Service herunter und die Gebühren hoch. Anderes Beispiel: Für eine Gemeinde wie unsere mit fast 4000 Seelen (das sind anteilig deutlich über eine Million an erbrachten Kirchensteuern), sieht die magere Schlüsselzuweisung einfach keine Stunden für hauptamtliche Jugendarbeit vor. Das ist sehr schmerzlich für uns, weil wir viele Jugendliche haben, die sich gerne engagieren. Nun kann eine Gemeinde mit gutem Grund einfach auf die Dekanatsebene oder die nächstgelegene Jugendkirche verweisen und viele tun das auch. Manchmal fragt vielleicht noch jemand leise, ob die bayrische Landeskirche wirklich diesen oder jenen Beauftragten braucht und wie sie damit die Milieuverengung aufbrechen will. Aber die meisten schweigen, um nicht als „unsachlich“ zu gelten. Wenn die Jugendlichen auf der Dekanatsebene nicht ankommen, machen die klugen „Gärtner“ auf ein „Vernetzungsproblem“ aufmerksam. Früher wären viele Kollegen daraufhin noch Mitglied einer Arbeitsgruppe geworden, die sich mit diesem Problem beschäftigt.

Nach einschlägigen Erfahrungen zucken inzwischen die meisten nur noch bedauernd die Schultern. Das Ergebnis: Verantwortung versickert! Nach Bauman ist auch dies ein typischer Mechanismus einer rational-technisierten Moderne.

Um der finanziellen Austrocknung abzuhelfen, schicken die „Gärtner“ Fundraising- beauftragte, die dafür sorgen, dass Gemeinden von nun an bei allem, was sie tun, stets zuerst und zuletzt um mehr Geld bitten. Dann werden z.B. Kirchgeldbriefe verschickt mit dem Verweis, dass dieses Geld „direkt den Gemeinden zu Gute komme“. Distanziertere fragen sich da, was denn bitte mit der Kirchensteuer selbst geschieht. Werbeaktionen werden gestartet, für die natürlich auch die Gemeindepfarrerin als „Gesicht“ der Gemeinde zusätzlich Zeit und Energie aufbringen muss. Immer mehr „guten Ideen“ flattern in die Pfarrämter, während die Ressourcen zur Umsetzung verschwinden. So gliedert die finanzielle Abhängigkeit Gemeinden ein in die funktionale Dynamik der Organisation. Gemeinden werden zu Filialen einer religiösen Organisation mit einem grandiosen finanziellen Appetit. Der „Gärtner“ lobt die Kreativität in der Finanzbeschaffung vor Ort, schaut nebenher aus nach den besten Lehrlingen für eine Gartenbaukarriere. Von innen gesehen ist das schön.  Nur von außen betrachtet scheint das Wasser in diesem Garten immer schneller zu versickern. Wenn die Kirchensteuerzahlerin zusammen mit dem – schön gestalteten – Kirchgeldbrief die Zeitungsnachricht von kirchlichen Rekordeinnahmen auf dem Tisch hat, drängt sich ihr der Eindruck auf, dass hier die Gier zur rational-technisierten Grundhaltung geworden ist. In vielen Gesprächen gerade mit den Distanzierten und den Nicht-Mitgliedern, sehe ich mich als Gemeindepfarrer immer öfter herausgefordert, mich genau dafür zu rechtfertigen. Eine der Kirche verbundene Bekannte holte auf Wunsch ihrer kranken Schwiegereltern einen Kollegen für ein Krankenabendmahl. Er kam, tat seine Arbeit und beim Gehen drückte sie ihm ein Kuvert mit 20 Euro in die Hand. Er schaute hinein und merkte an, dass dieser Service eigentlich 50 Euro koste. Sie gab ihm die fehlenden 30 Euro und trat am nächsten Tag aus. Solche „Kreativität“ in der Finanzbeschaffung spricht sich  auch so herum. Da brauchen wir nicht einmal eine „best-practice“ – Kampagne.

Wer den Gemeinden bei steigenden Einnahmen seit Jahren immer mehr Mittel vorenthält, treibt sie in Sorge und Aktionismus und damit in die Unglaubwürdigkeit und Distanz zu den Mitgliedern. Die Fixierung auf den Selbsterhalt im Verbund mit der ständig präsenten Mitgliedschaftsfrage führt nicht in die Nähe, sondern in immer größere Ferne zu den Menschen. Die Botschaft von Gottes Hingabe am Kreuz, die jeder Angst und Sorge um den Selbsterhalt grundlegend widerspricht und die vor Ort in Verkündigung, Unterricht,  Seelsorge und Feier gelebt werden muss, ist immer noch vielen Menschen ihre  Kirchensteuer wert. Weniger binnenkirchlich, sondern aus der Distanz betrachtet, wird diese Botschaft angesichts der gezeichneten Fehlentwicklung immer mehr zum Zeugnis gegen die Kirche selbst.

Bauman sieht die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts nicht nur als Störfälle der Moderne. Sie sind vielmehr auch Folge ihrer rational-technisierten und funktionalistischen Tendenzen. Seine Analyse zielt darauf, dass auch ein repräsentatives, demokratisches  System vor diesen Tendenzen nicht gefeit ist. Hier liegen m.E. wichtige kritische Impulse für die Kirchentwicklung. Dabei geht es nicht um die Idealisierung von Kirchengemeinden, sehr wohl aber um die Stärkung ihrer Selbstverwaltung und Eigenverantwortung und gegen ihre funktionale Entmündigung über den finanziellen und personalplanerischen Hebel. Es wird gerne betont, dass funktionaler und parochialer Dienst, Gesamtkirche und Kirchengemeinde, nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Genau das geschieht aber seit Jahren zum Nachteil der Parochie. Deshalb ist die weder theologisch noch empirisch zu rechtfertigende finanzielle Benachteiligung der Ortsgemeinden aus den letzten Jahrzehnten zu korrigieren.

Gerade in ihrer Diversität sichern Gemeinden sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche und der Gesellschaft. Sie sind in aller menschlichen Bedingtheit die soziale Gestalt, inmitten derer die Botschaft konkret und plausibel, aber auch befragbar und gestaltbar ist. Seit fast 10 Jahren macht der „Aufbruch Gemeinde“ und der daraus entstandene „Gemeindebund“ auf die Fehlentwicklung in unserer Kirche aufmerksam. Dafür mussten sich die Kritikerinnen und Kritiker oft als „Nestbeschmutzer“ bezeichnen lassen. Das passt nun wieder zum Thema Garten. In einer Kirche, die sich als Garten Gottes versteht, könnte offene Kritik ja der Dünger sein!

Hans-Ulrich Pschierer, Pfarrer in Fürth,
V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern
Im Sprecherkreis „Gemeindebund Bayern – Aufbruch Gemeinde“

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„… und dafür braucht es Gemeinden“ – Neue Erkenntnisse aus Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft.

Von Prof. Dr. Gerhard Wegner
Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD
Mitglied im wissenschaftlichen Beirat KMU V

„Die Reformation und die Kirchengemeinde – 500 Jahre einer höchst widerspruchsvollen Entwicklung. Das gilt zumindest, wenn man einen Blick auf die Entwicklung der lutherischen Kirchen wirft. Da stehen zu Beginn bei Martin Luther revolutionäre Thesen von einer Kirche, die ihre Basis in den sich selbst organisierenden, ja im Grunde genommen genossenschaftlich organisierten, Kirchengemeinden hat. In denen sich die Menschen als Priester und Priesterinnen ihresgleichen versammeln und einen oder eine der ihren damit beauftragen, kontinuierlich das Evangelium auszulegen und die Sakramente zu spenden. Keine heilige Hierarchie und kein sakraler Überbau mehr. Die Bauern forderten gar, dass sie ihre Pastoren selbst wählen könnten. Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen mit Gott. Es waren genau diese Gedanken, die Luther im Volk äußerst populär machten und zumindest in den ersten Jahren aus der Reformation eine wirkliche Volksbewegung erwachsen ließen.

Aber dann kamen ganz andere Entwicklungen. Nüchtern gesagt: die Kirche wurde verstaatlicht. Kein Vertrauen mehr in die Basis. Landesherren übernehmen die Kirche in ihre Obhut, bereichern sich dabei an den Kirchengütern und stehen nun selbst an der Spitze der Kirche, die etwas verkündigen soll was durchaus in Distanz zu staatlicher Gewalt steht: das Reich Gottes. Spätestens mit der Abkehr von den Bauern 1525 – unter Legitimierung ihrer Abschlachtung – ist die Reformation keine Volksbewegung mehr. Seitdem ist eine Kirchengemeinde zumindest immer auch eine abhängige Filiale; in der Wahrnehmung vieler gesteuert „von denen da oben“. Viele Entwicklungen hat es gegeben in den fünfhundert Jahren. Aber eines unser Probleme bleibt, dass das „Oben und Unten“ immer noch vielfach so erlebt wird – obwohl das niemand mehr so will. Der Kraft, die möglicherweise in einer „genossenschaftlichen“ Organisation der Kirche vor Ort steckt, wird nicht vertraut. Im Gegenteil! Oder ändert sich das gerade in Bayern?

Die widersprüchliche Dynamik von Kirche und Kirchengemeinde

Nun kann man diese Entwicklungen kontrovers diskutieren: man kann sie kritisieren, man kann sie legitimieren, man kann sie für unvermeidlich halten. Was aber unbestritten ist: seit Beginn unterliegt unsere Kirche – und zwar insbesondere die Situation der Gemeinden – einer widersprüchlichen und höchst ambivalenten Dynamik. Da steht auf der einen Seite der aus dem Priestertum aller Gläubigen erwachsene Anspruch auf sozusagen „selbstwirksame“ Kirchenmitglieder, der sich in einer entsprechend funktionierenden Gemeinde ausdrückt. Er hat sich in dieser Form in besonderer Deutlichkeit sicherlich eher nicht in den lutherischen, sondern in den reformierten Kirchen verwirklicht. Auf der anderen Seite wirkt sich aber das staatskirchliche Erbe unserer Kirche bis heute aus. Es steht für eine 400-jährige Tradition einer betonten ‚Verwaltung‘ der christlichen Religion; in der sie selbst letztlich quasi als Teil des staatlichen Handelns erfahren worden ist. Sie lebt vor allem in der letztlich anstaltlichen, parochialen Gemeindetradition Mittel und Nordeuropa weiterhin fort. Und sie führt bis heute dazu, dass die Kirchengemeinden faktisch immer wieder an den Rand der Aufmerksamkeit der Kirche rücken, denn das organisationsentscheidende Zentrum liegt in den nach wie vor quasi parastaatlich organisierten Synoden und hierarchisch wirkenden Amtsstrukturen.

Zwar betont unsere Kirche immer wieder, dass ihr Zentrum natürlich in den Gemeinden läge (wobei der Begriff auch nicht selten komplett vergeistigt wird). Gleichzeitig aber bildet sich spätestens mit den ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen ein prägender Mythos heraus, demgemäß die realen Kirchengemeinden eigentlich eine Verfallsform des Christlichen seien. In ihnen würden sich nur mehr Restbestände der Mitgliedschaft finden, die eigentlich  längst aus der Gesellschaft ausgewandert seien. Viel spannender seien jene vielen Christen, die sich nicht an ihnen beteiligen würden – die ‚Distanzierten‘ – wobei seltsamerweise die Menschen in den Gemeinden aber genau jene sind, die sich der Kirche und dem christlichen Glauben am stärksten verbunden fühlen. Diese aber, so meint man, würden sich nur mit sich selbst beschäftigen. Und genau dies sei, so die weitverbreitete These, einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und der religiösen Kommunikation in der Gesellschaft. Das alles wird immer wieder penetrant behauptet – und daraus werden organisatorische Konsequenzen gezogen, die sich seit der „Kirche der Freiheit“ letztlich in eine Reduktion der Ressourcen, die den Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt werden, umsetzen sollen. Untersucht worden ist hingegen die Lage in den Kirchengemeinden in den letzten 50 Jahren so gut wie nicht. So ist es wirklich erstaunlich: Statt einmal genau hinzuschauen, was die der Kirche treu Verbundenen und sich religiös Engagierenden tatsächlich denken und tun, richtet sich das Augenmerk vieler Kirchenleitungen – und zwar je stärker die Krise offensichtlich wird, umso deutlicher – eher auf die anderen: auf die, die sich in Distanz zur Kirche befinden. Als wären die einen von den anderen völlig getrennt. Diese Situation lässt sich bestenfalls als paradox beschreiben – ebenso paradox wie es die Geschichte der Kirchen und ihrer Gemeinden seit 500 Jahren ist. Von diesen 500 Jahren sind zumindest die letzten 150 Jahre als ein beständiges Schwanken zwischen einer sich emanzipierenden Welt der Kirchengemeinden und den Steuerungsansprüchen der Kirchenleitungen beschreibbar.

Die neueren Entwicklungen, die nunmehr quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit die Gefahr heraufführen, dass die Gemeinden faktisch weiter marginalisiert werden, werden durch die Vorstellung der Möglichkeit neuerer Gemeindeformen jenseits der Parochie legitimiert. Tatsächlich aber geht es hier oft genug, so meine These, nicht wirklich um die Bildung sich selbst organisierender Gemeinden, sondern um die Bereitstellung religiöser und sonstiger Dienstleistungen, die sich an die unter den distanzierten Christenmenschen vermuteten religiösen und sozialen Konsumentenwünschen orientieren. Natürlich kann man – und muss man – diese Vorstellungen im Blick auf eine Stabilisierung der Kirchenmitgliedschaft unter jenen, die sich mit Gedanken an Austritt tragen, diskutieren. Und natürlich wird man auch nicht behaupten können, dass die Kirchengemeinden, wie sie sich heute darstellen, allesamt nur strahlende Perlen einer christlich religiösen Massenkultur wären. Die Kirchengemeinden tragen selbst zum Rückgang der Kirchlichkeit und der religiösen Kommunikation ohne Zweifel Entscheidendes bei. Sie tun dies genauso, wie es Pastorinnen und Pastoren als zentrale Repräsentanten der evangelischen Kirchen tun. Wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen kritisch in den Blick nimmt, dann also auf keinen Fall mit restaurativen Absichten. Die Krise der Kirche muss ernsthaft in den Blick genommen werden; wir stecken mit Leib und Seele fest in einer Institution, die sich im Bedeutungsrückgang befindet. Aber ob der Abzug von Ressourcen, statt einer entschlossenen Zuwendung zu den Kirchengemeinden und ihrer Stärkung, der richtige Weg ist, scheint mir ausgesprochen zweifelhaft zu sein.

(…)

Es ist nun erstaunlich, dass sich die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung – wenn auch wider Willen – deutlich von der Tradition ihrer Vorgängerinnen abgewendet hat und sich im Auswertungsband (‚Vernetzte Vielfalt‘) deutlich der Bedeutung der Kirchengemeinden zugewendet hat. Hier überrascht vor allen Dingen eine Zahl, die interessanterweise in der Auswertung zunächst übersehen worden ist: so fühlen sich 45 % der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 % der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelisch diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber  weit ab. Nähere Berechnungen haben ergeben, dass zwischen den Verbundenen mit der Ortsgemeinde und denen mit der evangelischen Kirche insgesamt keine Differenzen bestehen: es sind dieselben Menschen. Das lässt nur die eine Schlussfolgerung zu, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche insgesamt gleichzusetzen ist. Und umgekehrt: wer sich der Ortsgemeinde verbunden fühlt, fühlt sich in der Regel auch der evangelischen Kirche generell verbunden. Ja, die starke Verbundenheit (sehr verbunden) liegt bei der Gemeinde mit 22% noch höher als bei der Kirche insgesamt mit 15%.

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund deren randständiger Existenz Abstand halten würde, ist mit diesen Zahlen widerlegt. Und hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: die Vorstellung davon, dass sich die Kirchenmitglieder in eine kleine Gruppe Hochverbundener und Hochreligiöser von bis zu 15% und dem großen Rest kirchlich Distanzierter aufteilen ließen stimmt so nicht. Tatsächlich sieht es sehr viel differenzierter aus. Es gibt etwa 15% stark Verbundene, von denen große Teile in den Kirchengemeinden auch aktiv sind.

Aber dann gibt es einen – wie ich es nennen möchte – „Resonanzraum“ um die zentrale Gemeinschaft in der Kirchengemeinden herum von insgesamt etwa 45% der Mitglieder, die prinzipiell das entscheidende Potenzial für eine kirchliche Kommunikation darstellen. Des weiteren wird man dann wahrscheinlich von weiteren etwa 45% distanzierten Kirchenmitgliedern und 10% kurz vor dem Austritt Stehenden sprechen können. Das Kommunikationsfeld ist also wesentlich differenzierter, als viele denken und es ist, zumindest was die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kommunikation anbetrifft, stark an die Kirchengemeinden angebunden. 45%: das sind aber etwa 10 Millionen Menschen, die sich über die Kirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. Diese Gruppe stellt das zentrale Feld von denjenigen Menschen dar, unter denen sich relativ verlässlich Resonanzen auf die Kommunikation der evangelischen Kirche erwarten lassen. Sucht man nach kommunikativen Potenzialen, so liegen sie in diesem Feld, und nicht unter den Distanzierten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem KorrBl. Nr. 6/2017, S. 107 ff.:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kblatt-1706wegner.pdf

Was die Kirche vom VW-Skandal lernen kann

Herbert Dieckmann, Mitglied im Vorstand des Hannoverschen Pfarrvereins, fordert kritisch-demokratische Prozesse in der Kirche.

Es ist höchste Zeit, wie von Bernd Osterloh für VW gefordert, auch für unsere Landeskirche endlich ein Klima angstfreien, rationalen und gleichberechtigten Streitens in Synode, Kirchenkreistagen, Kirchenvorständen, Pfarrkonventen, Kirchenkreiskonferenzen und kirchlichen Publikationsorganen zu etablieren und eine neue demokratische Kritik-Kultur zu installieren, damit wir die schlimmen Fehler der Vergangenheit rasch beheben und die dramatische Gefährdung unserer kirchlichen Organisation durch unkontrollierte Hierarchie endlich beenden.

Eine Leitung, die berechtigte Kritik an offensichtlichen Fehlentwicklungen so beharrlich überhört, setzt auf Dauer die Existenz der eigenen Organisation aufs Spiel. So fragen unsere Mitglieder seit Jahrzehnten vor allem nach Ortsgemeinden und Gemeinde-PfarrerInnen, die sie lebenslang pastoral begleiten, wie die fünf großen wissenschaftlichen EKD-Befragungen von 1972 bis 2012 immer wieder ergeben haben und wie in jeder beliebigen Kirchengemeinde täglich zu besichtigen ist. Und dennoch werden durch die Vorgaben der Kirchenleitung seit etwa zwanzig Jahren ausgerechnet unsere mitgliedernahen Ortsgemeinden, die bei hinreichend pastoraler Versorgung Kirchenbindung geradezu „garantieren“ (s. R. Bingener, FAZ v. 9.3.2014 zur V. KMU), finanziell wie personell ausgezehrt, aufgelöst, zusammengelegt, um dann auf ihre Kosten mitgliederferne anonyme Mittelebenen wie Kirchenkreise, Verwaltungen und kirchliche Werke finanziell und personell immer weiter aufzublähen – mit verheerenden Folgen für unsere gemeindezentrierte Volkskirche: haupt- und ehrenamtliche Gemeinde-Mitwirkende resignieren, viele erkranken langfristig; Scharen von Kirchenmitgliedern verlassen unsere Kirche jährlich, vom 30.6.1995 bis zum 30.06. 2015 inzwischen 641.528!

(…)

Am Jahresverlauf dieser Verluste lässt sich die Fieberkurve gemeindeschädlicher „Reformen“ gut ablesen: in den reformmoderaten Jahren 1995-1998 betrug der Jahresverlust noch durchschnittlich 0,54%; in den reformforcierten Jahren 1998-2007 stieg er dann schon um 51% auf 0,82%, um danach von 2007- 2015 im Feuer irrationalen Reformeifers um 157% auf 1,39% im Jahresdurchschnitt hochzuschnellen.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.hannoverscher-pfarrverein.de/?cat=3

Erosion auf fast allen Ebenen – Die neue Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD

Zur neuen Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD

FAZ vom 09.03.2014  ·  Die neue Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche zeichnet ein düsteres Bild. Von den jüngsten Mitgliedern hält sich nur jeder zweite für religiös erzogen. Zwei von fünf denken an Austritt. / Von Reinhard Bingener

Nach wie vor gilt: „Es dominiert die Face-to-face-Kommunikation. Ebenso wird die Kirche nicht als Großorganisation, Landeskirche oder Dekanat wahrgenommen, sondern als Ortsgemeinde, vertreten vor allem und mit überragender Bedeutung durch ihre Pfarrer und wahrgenommen insbesondere bei den sogenannten Kasualien wie Taufe, Trauung und Bestattung. Auch schon in losem Kontakt mit einem Pastor zu stehen, kommt statistisch beinahe einem Garantieschein gleich, dass die betreffende Person in der Kirche bleibt und ihre Kinder taufen lässt.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel Mitgliederuntersuchung der EKD: Erosion auf fast allen Ebenen – Inland – FAZ.

Ein düsteres Bild entsteht vor allem für die, die in der Vergangenheit und auch jetzt beratungsresistent nach Konsequenzen und Reformen schreien. Der Artikel von Reinhard Bingerer enthält m.E. eine klare Ansage an den innerkirchlichen Reformbetrieb: Hört endlich auf! (meint der Webmaster Johannes Taig)

 

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