Aktion Judika – Thesen der Gemeindebünde in der EKD

Im Jubiläumsjahr der Reformation laden die Gemeindebünde in der EKD zur Diskussion über den Weg der Evangelischen Kirche ein!

Diskutieren Sie mit! Hier oder auf Facebook.

Die Thesen

  1. Als Kirche der Reformation vertrauen wir auf Gottes Gerechtigkeit, in der er uns annimmt, befreit und ermächtigt, uns für ein Leben in gerechten Verhältnissen einzusetzen.

  2. Als Kirche der Reformation müssen wir uns zuerst selbst von Jesu Person und Botschaft her hinterfragen und erneuern lassen. Kirche der Reformation ist immer eine stets neu zu reformierende Kirche.

  3. Die notwendige Reformation der Kirche geht in die falsche Richtung, wenn sie in erster Linie um ihre Selbsterhaltung besorgt ist. Wir erkennen diese falsche Ausrichtung in den Reformideen der EKD, die in den Landeskirchen zentralistisch umgesetzt werden durch:

    – die finanzielle Schwächung der Ortsgemeinden trotz steigender Kirchensteuereinnahmen;
    – die Streichung und Reduzierung von Pfarrstellen;
    – die Fusionierung von Gemeinden zu anonymen Pfarrverbänden;
    – den Aufbau von zentralen „Service-Stellen“;
    – die Ausweitung von Verwaltungsbehörden mit immer größerer Kontrollfunktion;
    – die zunehmende Hierarchisierung kirchlicher Ämter;
    – die Durchsetzung eines verfehlten, unevangelischen Kirchenverständnisses, das Gemeinden nur noch als „Filialen“ einer sie dirigierenden Großorganisation versteht.


  4. Solche Maßnahmen verfehlen den Auftrag der Kirche, Freiheit, Gleichheit und Solidarität als Gemeinschaft der Glaubenden zu realisieren und in der Gesellschaft für ein Leben in gerechten Verhältnissen und Beziehungen einzutreten.

  5. Wir fordern die leitenden Organe unserer Kirche auf, sich neu auf ihren Auftrag zu besinnen und die Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Gemeinden zu stärken, damit sie diesen Auftrag in ihrem Umfeld verwirklichen können. Die Gemeinden und Mitarbeitenden der Kirche fordern wir auf, sich zu verbünden, den falschen Reformbemühungen Widerstand entgegenzusetzen und ihre Kirchenleitung im Sinne des Auftrags der Kirche in die Pflicht zu nehmen.

Wenn Sie mitmachen wollen und auch in Ihrer Gemeinde über diese Thesen im Jubiläumsjahr der Reformation diskutieren wollen, finden Sie Vorlagen und mehr unter: http://ev-gemeindebuende.de/

Lesen Sie hierzu auch den Newsletter des Gemeindebunds Bayern (April 2017):
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterApril2017.pdf

Nr. 3 der unabhängigen Kirchenzeitung „Die mündige Gemeinde“ erschienen

Die mündige Gemeinde - eine protestantische Zeitung - Nr. 3/2016
Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung – Nr. 3/2016

Editorial

Am 18. und 19. September 2016 trafen sich zum ersten Mal die Gemeindebünde der vier Landeskirchen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Nordkirche, Evangelisch-Lutherische Kirche Bayern und Evangelische Kirche im Rheinland in der evangelischen Landjugendakademie zu Altenkirchen. U.a. wurde der Wunsch nach einem basisorientierten Presseorgan geäußert, das sich kritisch mit den Reformprozessen innerhalb der EKD auseinandersetzt und eine alternative Berichterstattung zu den etablierten Kirchenzeitungen bieten soll.

Da die finanziellen Mittel und logistischen Möglichkeiten der Vereine begrenzt sind, entstand die Idee, diese Zeitschrift in einer Onlineausgabe zu veröffentlichen und es der Initiative der Gemeinden zu überlassen, für eine Verbreitung als Printmedium zu sorgen. Unter der Internetadresse  www.muendige-gemeinde.de stehen daher unterschiedliche Formatvorlagen zum Download bereit, die eine flexible Weiterverarbeitung ermöglichen.

„Die mündige Gemeinde“ knüpft in ihrer inhaltlichen Ausrichtung an die beiden ersten Ausgaben an, die unter der maßgeblichen Regie von Pfarrerin Katharina Dang in den Jahren 2013 und 2014 im Zeitungsformat erschienen sind. Auch diese Ausgaben finden Sie auf der Webseite. Unser Anliegen ist es, auch auf diesem Wege einen breit angelegten Diskurs um die Zukunft unserer Kirche zu unterstützen, die in allen Landeskirchen initiierten Reformprozesse kritisch zu begleiten und konstruktiv an alternativen Ideen mitzuarbeiten, die unsere Kirche – trotz struktureller und finanzieller Herausforderungen – als Kirche für andere und vor Ort bei den Menschen bewahrt.

Denn Kirche lebt von und an der Basis, ihre gesellschaftliche Relevanz erhält sie aus den Kirchengemeinden und den Einrichtungen und Werken, die vor Ort ihren Dienst verrichten. Zu diesem Ergebnis ist nicht nur die 5. Kirchenmitgliederuntersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD gekommen, sondern dies erweist sich täglich in der Begegnung mit den Nahen und Fernen der Gemeinden. Darum treten wir für die Stärkung der Ortsgemeinden ein und wenden uns gegen eine Verlagerung von finanziellen Ressourcen und organisatorischen Kompetenzen auf andere Ebenen.

Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.

Die Gemeindebünde Bayern
Gemeindebund Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Gemeinde im Aufwind der Nordkirche
KirchenBunt im Rheinland

Direkter Download: http://muendige-gemeinde.de/DmG/DmG_2016-03.pdf

gemeindebuende

http://ev-gemeindebuende.de/

 

Erstes gemeinsames Treffen der Gemeindebünde in der EKD

4Am 18. und 19. September 2016 trafen sich Vertreterinnen der Gemeindebünde der Gliedkirchen der EKD in Altenkirchen. Ihre Teilnahme hatten zugesagt u.a. die Gemeindebünde in Bayern (Aufbruch Gemeinde), der Nordkirche (Gemeinde im Aufwind) und Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz (Gemeindebund). Lesen Sie hier einen Bericht: http://kirchenbunt.de/schritte-in-eine-andere-richtung/

Frau Prof. em. Dr. Gisela Kittel stellte in ihrem in Altenkirchen gehaltenen Referat die folgenden theologischen Implikationen heraus, die der gegenwärtige Strukturumbau der evangelischen Kirche einschließt:

  • Ein anderes Kirchenverständnis. Nach dem Neuen Testament und den Bekenntnissen der Reformatoren ist die “ekklesia” die Versammlung der Glaubenden, die sich je am konkreten Ort unter dem Wort Gottes versammeln, das Mahl miteinander feiern und in ihrem Zusammenleben zeigen, dass sie “Leib Jesu Christi” sind, der “Tempel des lebendigen Gottes”, das Haus Gottes, aus lebendigen Steinen erbaut, und dass sie allein ihrem Herrn Jesus Christus gehören. Von diesen Zeugnissen her müsse man eingestehen, dass die heutige evangelische Kirche, die sich vornehmlich als Großorganisation versteht, wieder dabei ist, in vorreformatorisches Denken zurückzufallen.
  • Ein die biblische Offenbarung verharmlosendes Gottesverständnis. Was aus der biblischen Gottesrede gemacht werde, ist der milde lächelnde, all unsere Planungen absegnende gütige Gott-Vater, uns in allem verfügbar, und dem man “vertrauen” und so “das Leben gestalten” soll. Von Jesus Christus und seinem heiligenden Geist sei schon gar nicht mehr die Rede.
  • Weil Gott, von dem in dieser Weise gesprochen wird, keine richtende und rettende Instanz mehr ist, daher habe auch sein Ruf und Auftrag keine wegweisende Bedeutung mehr. Es gehe eigentlich nur noch um die Frage, “wie wir eine gesellschaftlich relevante Kirche bleiben” können (Bischof Dröge); “was unsere Kirche in Zukunft wieder bemerkenswerter” mache (Impulspapier der ev.-ref. Kirche 2016); “dass die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung stark” sein möge (Kirche der Freiheit, S.85) etc.

„Die mündige Gemeinde“ – Nr. 2 der unabhängigen Kirchenzeitung erschienen

"Die mündige Gemeinde" Nr. 2
„Die mündige Gemeinde“ Nr. 2

„Kirche im Aufbruch“ auf dem falschen Gleis

Schafft es die EKBO-Synode, die Notbremse zu ziehen?

Der jetzt von der Kirchenleitung vorgelegte Entwurf zur Änderung des Verwaltungsämtergesetzes ist ein Beispiel für die weitere Entmündigung der Ortsgemeinden. Der Entwurf dient der Weiterentwicklung des „Rechts der Kirchlichen Verwaltungsämter“. Sie sollen als Monopolbetriebe mit Anschluss- und Benutzungszwang eingerichtet werden. Die Mitfinanzierung über Gebühren soll künftig zwingend vorgesehen sein. Der Kirchenkreisverband soll das Recht erhalten, Satzungen zur Konkretisierung der Regelaufgaben und über die zu erhebenden Gebühren zu erlassen.

Dabei soll er sich an einem Gesetzesanhang orientieren, in dem wohl keine denkbare Verwaltungsaufgabe einer Kirchengemeinde ausgelassen ist. Berufliche und ehrenamtliche Mitarbeiter der Gemeinden und Kirchenkreise dürfen nur noch ausnahmsweise etwas davon erledigen. Der Reformprozess „Kirche im Aufbruch“ hat die Kirche auf das falsche Gleis gesetzt, das nicht der Freiheit oder dem Ehrenamt, sondern der bürokratischen Betreuungskirche entgegenführt.

G. Hoffmann

Lesen Sie hier die gesamte Ausgabe: http://www.gemeindebund-online.de/material/die-muendige-gemeinde02.pdf

Der Gemeindebund Berlin-Brandenburg: http://www.gemeindebund-online.de/

 

Gemeindebund Berlin-Brandenburg gibt Zeitung heraus: Die mündige Gemeinde Nr. 1

Zum Reformationsfest 2013 ist die erste Ausgabe einer Zeitung des Gemeindebundes Berlin-Brandenburg erschienen. Die Zeitung soll von einem gut protestantischen Standpunkt aus unabhängig von der kirchlichen Bürokratie über christliche und kirchliche Themen berichten und den Kirchengemeinden in der EKBO ein Forum zum Austausch ihrer Erfahrungen, Erfolge und Sorgen in einer immer säkularer werdenden Umwelt bieten.

"Die mündige Gemeinde"Ausgangspunkt war die Feststellung, dass in den evangelischen Synoden eine kritische Opposition kaum noch zu erkennen ist und dies offenbar auch daran liegt, dass eine analysierende Presseberichterstattung über kirchliche Themen so gut wie fehlt. Die einzige evangelische Zeitung in unserer Region, die Wochenzeitung „Die Kirche“, ist von der Landeskirche abhängig und kann es kaum unbefangen wagen, die offizielle Linie der Landeskirche ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Dies wird umso spürbarer, als auch die Pfarrerschaft in der EKBO noch kein regelmäßiges unabhängiges Forum etabliert hat, um sich über positive und negative Entwicklungen in unserer Kirche auszutauschen.

Auf der Mitgliederversammlung des Gemeindebundes im März dieses Jahres kam von Frau Dr. Harre die Anregung, der von der Landeskirche getragenen Wochenzeitung „Die Kirche“ eine von Gemeinden getragene Zeitung „Die Gemeinde“ gegenüberzustellen. Diese Anregung griff der Vorstand des Gemeindebundes auf und gewann aus seinen Reihen Pfarrerin Dr. Dang für die Redaktion der ersten Nummer der nun vorliegenden Zeitung, jetzt mit dem Titel „Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung“.

Lesen Sie hier die erste Ausgabe: http://www.gemeindebund-online.de/material/die-muendige-gemeinde.pdf

oder besuchen Sie die Webseite des Gemeindebundes: http://www.gemeindebund-online.de/

Organisierte Erweckung in Berlin-Brandenburg

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (VII)

Von Georg Hoffmann (Vorsitzender des Gemeindebunds Berlin-Brandenburg)

Was  das EKD-Papier »Kirche der Freiheit« in der landeskirchlichen  Wirklichkeit verändern soll, lässt sich besonders rein und  fortgeschritten am Beispiel der Evang. Kirche  Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ersehen, war doch  deren langjähriger Bischof Wolfgang Huber Ratsvorsitzender der EKD, als  das EKD-Papier 2006 herauskam, und beherrschte dieser bis vor kurzem die  Institutionen der Landeskirche so, wie es kaum einem anderen möglich  war.

1. Erweckung von oben nach unten

Die EKD strebt mit »Kirche der Freiheit« nichts anderes als einen Erweckungsprozess von oben nach unten an.  Dies wirft unter anderem die Frage auf, wie die Kirchenleitungen in die  Lage versetzt werden sollen, eine Erweckung zu organisieren. Nach den  Vorstellungen der EKD haben sie sich hierbei vorrangig der kirchlichen  Mittelebene (Kirchenkreise, Dekanate) zu bedienen, die zur Umsetzung von  Reformen in den Kirchengemeinden am besten geeignet sei.  Darüber hinaus wird der Pfarrberuf als Schlüsselberuf für die Umsetzung  der Reformen angesehen, weil nur er für die ganze Landeskirche stehe und  der Dienstaufsicht unterliege, die das wirksamste Mittel  landeskirchlicher Rechtsaufsicht darstelle.

2. Modellkirchenkreis Wittstock-Ruppin

Schon  seit Februar 2005 liefen im Konsistorium der EKBO Überlegungen zur  modellhaften Umgestaltung des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin.

2.1 Abschaffung des Gemeindepfarramtes

Die Kirchenleitung der EKBO erließ 2007 eine Erprobungsverordnung  für den Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, die vorsah, dass der  Kirchenkreis als ein einziger Pfarrsprengel gelten solle und die  Gemeindepfarrstellen als Pfarrstellen dieses Pfarrsprengels zu behandeln  seien. Die Aufgaben des Gemeindekirchenrates habe dabei der  Kreiskirchenrat wahrzunehmen. Dieser sollte also darüber  entscheiden können, welcher Mitarbeiter im Kirchenkreis welche Aufgaben  wahrnimmt. Insoweit sollte jede Region im Kirchenkreis einen Pfarrer als  Grundversorger erhalten, während insbesondere der  Konfirmandenunterricht sowie die Jugend- und Erwachsenenarbeit  überregional von Pfarrern als Spezialisten wahrgenommen werden sollten.  Der Kreiskirchenrat beschloss zu diesem Zweck eine Liste, in der allen  Pfarrern und sonstigen Mitarbeitern im Kirchenkreis eine entsprechende  Aufgabe zugewiesen wurde. Das Einverständnis der Mitarbeiter sollte  angestrebt werden, war jedoch nicht erforderlich. Auf die Zustimmung der  betroffenen Gemeinde sollte es nicht ankommen.

2.2 Bildung von sog. Gesamtkirchengemeinden

Die  54 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin wurden zu fünf  Kirchengemeinden zusammengeschlossen, die nach der Erprobungsverordnung  die Struktur von sog. Gesamtkirchengemeinden erhielten, innerhalb derer  die bisherigen Kirchengemeinden als Ortskirchengemeinden fortexistieren  sollten. Allerdings verloren sie dabei ihren  Körperschaftsstatus und wurden auf bloße Mitbestimmungsgremien  reduziert, während der Gesamtgemeindekirchenrat allein als  Gemeindekirchenrat anzusehen ist. Die Bezeichnung Gesamtkirchengemeinde  ist also beschönigend und irreführend.

2.3 Erfolgreiche Klagen gegen Gemeindefusionen

Die  Kirchenkreisreform stieß nicht nur auf Zustimmung. 21 der insgesamt 54  Kirchengemeinden des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin klagten 2008  erfolgreich beim Verwaltungsgericht der EKBO gegen die  Gemeindefusionen, so dass zwei der geplanten fünf Gesamtkirchengemeinden  des Kirchenkreises nicht zustande kamen. Grund für den Erfolg der  Klagen war, dass die Kirchenleitung der EKBO nicht ermächtigt war,  Erprobungsverordnungen für Kirchengemeinden zu erlassen. Gleichwohl  wurde die Kirchenkreisreform seit dem 1. Januar 2008 unbeirrt und der  kirchlichen Ordnung zuwider praktiziert. Eine gültige Rechtsgrundlage  musste erst noch geschaffen werden.

2.4 Wegbrechen des Kernstücks der Reform und Nachspiel

In  dieser schwierigen Phase der Reform entstand ein neuer Konflikt in  einer der drei wirksam gebildeten Gesamtkirchengemeinden, der sich daran  entzündet hatte, dass der Kreiskirchenrat nach der Reform darüber  bestimmen können sollte, welcher Pfarrer in der Gemeinde tätig ist. Die  betroffene Gesamtkirchengemeinde Temnitz schloss sich daher den Anliegen  der aufgrund ihrer erfolgreichen Klagen weiterhin selbständigen 21  Gemeinden an, sodass im Frühjahr 2009 ein Kompromiss gefunden werden  konnte, der diese Gemeinden wunschgemäß von der Kirchenkreisreform  ausnahm und im übrigen vorsah, dass der Kreiskirchenrat über den Einsatz  der Mitarbeiter im Kirchenkreis nur im Einvernehmen mit dem betroffenen  Mitarbeiter und der betroffenen Gemeinde entscheiden darf. Damit war  das Kernstück der Reform – die zentrale Steuerung des  Mitarbeitereinsatzes durch den Kirchenkreis – weggebrochen. Die  Landessynode sicherte diesen bis 2013 befristeten Kompromiss durch ein  besonderes Verfassungsgesetz ab.

Für die  Gesamtkirchengemeinde Temnitz gab es aber noch ein unerfreuliches  Nachspiel: Der Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates, ein  Gemeindepfarrer und ein ordinierter Gemeindepädagoge wurden unter  Beteiligung von Bischof Wolfgang Huber aus ihren Ämtern gedrängt und die  Gesamtkirchengemeinde Temnitz auf diese Weise institutionell wieder  reformwillig gemacht. Dies war für die Fortführung der  Kirchenkreisreform ab 2013 sowie zur landeskirchenweiten Einführung des  Reformmodells wesentlich, denn jetzt war es vordergründig wieder  möglich, die Kirchenkreisreform in ihrer ursprünglichen Gestalt vor dem  Kompromiss als Erfolg zu präsentieren.

3. Organisierung einer Erweckung

Die  von der EKD geplante Erweckung bedarf der Organisation. Dafür eröffnen  sich zwei Handlungsfelder: zum einen müssen die Reformideen, soweit es  geht, in die Gemeinden getragen werden, um dort möglichst eine  freiwillige Übernahme zu bewirken; zum anderen müssen aber auch  rechtliche Vorkehrungen dafür getroffen werden, die greifen können, wenn  eine freiwillige Übernahme in den Gemeinden nicht herbeigeführt werden  kann. Denn auch zur Anwendung solchen Zwanges seien die Kirchenleitungen  berufen, da es nun einmal eine synodale Struktur in der evangelischen  Kirche gebe und Kirchenleitung auch wirklich Kirchenleitung bedeute.

3.1 Festlegen und Einhalten von Zielen

Im Jahr 2007 legte Bischof Huber das landeskirchliche Perspektivprogramm »Salz der Erde« vor, dem 2011 eine Konzeption zur Fortführung des Reformprozesses mit 12 Projekten folgte.  Projekt 1 sieht die Ausbildung von 70 Trainern vor, die die Bedeutung  von Zielen lernen und dabei die Gesamtheit der EKBO in den Blick nehmen  sollen. In einem zweiten Schritt sollen aus jeder Gemeinde zwei Personen  entsprechend fortgebildet werden. Projekt 3 sieht sodann vor, dass die  Gemeinden unter Hilfestellung der genannten Trainer zwei bis acht  Handlungsfelder planen, davon jährlich eins. Mit den Verantwortlichen  sollen Zielvereinbarungen geschlossen werden. Auch die Visitationen  sollen mit Projekt 2 in den Dienst der Kirchenreform gestellt werden,  indem sie eine Verständigung über Zielsetzungen herbeiführen und die  Planungsprozesse motivieren und begleiten sollen. Zur Stärkung der  Identität der Mitarbeitenden in den Gemeinden sieht Projekt 4 alle fünf  Jahre eine Art Kirchentags-Event auf Landeskirchenebene vor.

Ergänzend verabschiedete die Landessynode 2012 das Diskussionspapier »Orientierungspunkte für den Reformprozess«,  das einen missionarischen Ansatz der EKBO feststellt und thematisiert,  wie zielorientiert zu handeln ist und wie die Zielerreichung  sichergestellt werden kann, bspw. durch Einführung eines sog.  Interimspfarramtes, bei dem ein ausgewählter Interimspfarrer Vorschläge  zu gemeindlichen Strukturveränderungen unterbreitet und die reguläre  Wiederbesetzung der Pfarrstelle erst nach Umsetzung dieser Vorschläge  erfolgt.

3.2 Zwangsweise Durchsetzung von Zielen

Übernehmen  die Gemeinden die ihnen nahe gebrachten Ziele nicht freiwillig, ist  inzwischen durch wesentliche Rechtsänderungen Abhilfe möglich. Die  kirchliche Mittelebene ist durch diverse Kirchenkreisfusionen gegenüber  den Gemeinden gestärkt worden. Die Kreissynoden können kreiskirchliche  Stellenpläne beschließen, mit denen die Gemeinden ihre Stellenhoheit  verlieren. Für die Wiederbesetzung einer Gemeindepfarrstelle ist das Einverständnis des Kreiskirchenrates erforderlich,  so dass der Kreiskirchenrat entscheiden kann, wann und für welchen  regionalen Bereich Gemeindepfarrstellen besetzbar sind. Damit kann er  nach seinem Befinden auch sog. Interimspfarrstellen einrichten. Die  Abhängigkeit der Pfarrer von der landeskirchlichen Dienstaufsicht ist  wesentlich dadurch erhöht worden, dass Gemeindepfarrstellen nur noch  befristet auf 10 Jahre übertragen werden können. Das von  der EKBO übernommene neue Pfarrdienstgesetz der EKD hat darüber hinaus  die Neuerung gebracht, dass Pfarrer versetzt werden können, so bspw.  nach Ablauf der zehnjährigen Befristung oder bei Änderung der  kreiskirchlichen Stellenplanung. Eine nach badischem Vorbild gestaltete neue Visitationsordnung  führt zielorientierte Visitationen mit zwingenden Zielvereinbarungen  ein; die Einhaltung der vereinbarten Zielvorstellungen soll ein oder  zwei Jahre nach der Visitation über einen Zwischenbesuch kontrolliert  werden.

3.3 Landeskirchenweite Übernahme des Reformmodells von Wittstock-Ruppin

Die  erheblichsten Rechtsänderungen nahm die Landessynode der EKBO im  November 2012 vor, indem sie umfangreiche Änderungen der Grundordnung  beschloss und ein Gesamtkirchengemeindegesetz einführte23.  Damit soll die Kirchenkreisreform in Wittstock-Ruppin in ihrer  ursprünglichen Gestalt von allen Kirchenkreisen der EKBO übernommen  werden können. Den Kreissynoden wird es überlassen, durch einfachen  Mehrheitsbeschluss das Gemeindepfarramt abzuschaffen und den Pfarrdienst  im Kirchenkreis in Grundversorger und Spezialisten aufzuteilen und beim  Kirchenkreis anzusiedeln.

Weiter werden die Kirchenkreise dadurch aufgewertet, dass die Gemeindeglieder nunmehr auch Mitglieder der Kirchenkreise sind. Die Kirchenkreise können Stellen für kirchengemeindliche Aufgaben beim Kirchenkreis errichten und Aufgaben der Kirchengemeinden dem Kirchenkreis übertragen.

Die  Zahl der Gemeindefusionen soll durch die neue Möglichkeit, sog.  Gesamtkirchengemeinden zu bilden, erleichtert werden. Diese sind ganz  nach dem Vorbild von Wittstock-Ruppin gestaltet. Es ist insbesondere  keine Garantie für den Fortbestand der örtlichen Untergliederungen  vorgesehen, und die Ältesten werden nur noch mittelbar von der  Gemeindesynode aus den Reihen der Mitglieder der Ortskirchenräte gewählt.

4. Kritik und Gründung eines Gemeindebundes

Bisher  ist nicht feststellbar, dass die Reformbemühungen »Kirche der Freiheit«  zu einer Erweckung geführt haben, weder in Wittstock-Ruppin noch  anderswo in der EKBO. Das angestrebte Wachstum gegen den Trend ist  ausgeblieben. Christliche Erweckung kann auch nicht  organisiert werden, da sich niemand am eigenen Schopf aus dem Unglauben  herausziehen kann. Die offenbar gegenteiligen Vorstellungen der Urheber  des von der EKD ausgegangenen Reformprozesses beruhen auf einem  semipelagianischen Denkansatz und folgen mehr dem Freiheitsbegriff des  Erasmus von Rotterdam als demjenigen Luthers.

Der  Gedanke der innerkirchlichen Solidargemeinschaft darf nicht so weit  getrieben werden, dass Gemeinden aus bloßen Zweckmäßigkeitserwägungen  heraus als Steinbruch für andere Gemeinden genutzt oder zur Fusion mit  anderen Gemeinden gezwungen werden dürfen, nur um ihr Vermögen zwischen  den Gemeinden teilen oder mit dem Vermögen einer reichen Gemeinde ein  »Leuchtfeuer« setzen zu können, das über die Gemeinde hinaus erstrahlt.  In der EKBO hat sich als Gegenbewegung der »Gemeindebund« gegründet, dem  zurzeit zwar nur 53 Kirchengemeinden angehören, aber immerhin aus fast  allen Teilen der Landeskirche. Der Gemeindebund sucht, eine theologische  Diskussion über den Zustand der evangelischen Kirche in den Gemeinden  anzuregen und auf Gefahren für die Gemeinden vor synodalen  Reformbeschlüssen hinzuweisen. Er versteht sich als Netzwerk von  Gemeinden, die sich in Bedrängnis helfen und in einem gegenseitigen  Austausch stehen wollen. Er gibt einen Newsletter heraus und unterhält  eine Homepage (http://www.gemeindebund-online.de/).

Der jetzige  Landesbischof von Hannover und damalige Generalsuperintendent von Berlin  Ralf Meister warf ihm eine theologische Überhöhung seines Anliegens  vor. Die Kirchengemeinden seien bloße Verwaltungsstrukturen der  Landeskirchen und als solche »historisch kontingent« (zufällig). Aber  sogar nach der aktuellen Verfassungslage in der EKBO sind die  Kirchengemeinden in ihrem Bereich Kirche im Vollsinn. Es scheint  allerdings einzureißen, Kirche im Vollsinn auch fast überall woanders zu  sehen, nämlich sowohl im Kirchenkreis als auch in der Landeskirche,  weil auch dort wenigstens gelegentlich gemeinsame Gottesdienste  stattfinden, sei es auch nur anlässlich einer Kreis- oder Landessynode.  Damit entsteht aber eine Verschiebung in der presbyterial-synodalen  Ordnung, die droht, diese durch Herabsetzung des presbyterialen Elements  zu kippen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 2/2013 (Hier finden Sie auch die zum Artikel gehörenden Anmerkungen.)

Gemeindebund Berlin kämpft gegen Gemeindefusionen

In der Landeskirche Berlin-Brandenburg  hat sich ein Verbund von Gemeinden gebildet, der sich gegen die von oben verordnete Fusion von Gemeinden zur Wehr setzt. Ein Beispiel für die Tendenz innerhalb der EKD zur Zentralisierung.

Die Gemeinden am Scheideweg
von Georg Hoffmann

Das Perspektivprogramm unserer Kirche mit dem etwas unbescheidenen Titel „Salz der Erde“ ist in den Gemeinden und in den Synoden wiederholt Gesprächsthema gewesen. Auch die Bischofskandidaten wurden gebeten, sich hierzu zu äußern. Gleichwohl ist bei vielen der Eindruck entstanden, es sei um das Perspektivprogramm ruhig geworden.

Dieser Eindruck täuscht indes. Unsere Landeskirche ist in einer prekären und so nicht länger haltbaren Situation. In vielen Gemeinden ist das kirchliche Leben fast am Nullpunkt angelangt. Personal und Immobilien können kaum länger gehalten werden. Die überkommenen Formen der Volkskirche werden zur Last, die droht, alles mit sich hinunterzureißen. Das Vermögen der Gemeinden wird gebraucht, um anderswo Lücken zu stopfen. Keine Gemeinde wird in ihrem jetzigen Bestand überdauern, wenn sie nicht rechtzeitig Vorsorge trifft.

Wir alle müssen uns Gedanken machen, wie es mit unserer Kirche weitergehen soll. Insoweit hat das Perspektivprogramm „Salz der Erde“ einen wichtigen Anstoß gegeben. Allerdings greift es zu kurz, denn es unternimmt den Versuch einer Reform der Kirche, ohne alles darauf zuzuspitzen, was Christum treibet.

In der „Kirche der Freiheit“ ist es kaum mehr möglich, sich auf eine Theologie zu einigen, die die Freiheit ordnet und ihr eine Richtung gibt. Schrift und Bekenntnis werden zwar wortreich gebraucht, aber auf praktische Folgerungen können wir uns in den Synoden kaum noch verständigen. Das wird besonders augenfällig beim Perspektivprogramm „Salz der Erde“, denn obwohl es um die Reform der Kirche geht, wird nicht die Theologie in den Blick genommen, sondern nur das, was weniger strittig ist als diese, weil es beispielsweise den Wirtschaftswissenschaften oder der Soziologie entnommen werden kann.

Das Ergebnis verwundert nicht und kommt uns aus dem Wirtschaftsleben bekannt vor: Kirchengemeinden werden zu immer größeren Einheiten umgeformt, damit sie wirtschaftlich bleiben, d.h. ihr Personal und ihre Immobilien bezahlen können, wodurch fortschreitend Regionen, Gesamt- und Großgemeinden entstehen. Die Verkündigung wird nach soziologischen Kriterien „verbessert“, ohne die Misere der Landeskirche zum Anlass zu nehmen zu hinterfragen, ob sie nicht etwa darin ihre Ursache hat, dass in den Gemeinden nicht mehr in allen Stücken Christum getrieben wird.

Das Perspektivprogramm „Salz der Erde“ gleicht also dem untauglichen Versuch, der Kirche durch den Geist der Welt den Geist Gottes einzuhauchen. Dies schreit nach einem Gegenmodell. Um ein solches zu entwerfen, hat sich im letzten Jahr ein Gemeindebund gegründet, dem zur Zeit 40 Gemeinden unserer Landeskirche angehören. Ihm geht es darum – vereint in der Hochachtung vor Schrift und Bekenntnis und in einem gemeinsamen Gemeindeverständnis – die Gemeinde als Keimzelle der Kirche und als Ort der Verkündigung und des Sakramentsgebrauchs zu bewahren und ihre Existenz von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung nach Möglichkeit abzukoppeln. Gleichzeitig versteht sich der Gemeindebund als Netzwerk, das geistliche Stärkung und weltliche Hilfe zum Ziel hat. Den Gemeinden will er helfen, auch in finanzieller Hinsicht Vorsorge zu treffen, beispielsweise durch die Gründung von Fördervereinen und Stiftungen.

Die Gemeinden stehen am Scheideweg. Entweder klammern sie sich an die letzten äußeren Reste der in sich zusammenbrechenden Volkskirche oder sie finden zu eigener geistlichen Erneuerung. Sie müssen sich rechtzeitig entscheiden, denn auf dem Weg der Nachfolge Jesu ist keine Rast! (Quelle: http://www.gemeindebund-online.de/inhalt/text.php

Alle aktuellen Informationen und Pressemeldungen finden Sie unter: http://www.gemeindebund-online.de/

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