Jeder hat seinen Blues – Anmerkungen zu „Profil und Konzentration“ (PuK) – Newsletter November 2017

Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein.

Von Dr. Gerhard Schoenauer

Jede hat ihre eigene Geschichte. Jeder hat seine eigene Vorstellung, wie Kirche aussehen soll. Jede hat ihren eigenen Traum von Kirche und Gemeinde. Jeder kennt auch den Kampf um seine Kirche und das Leiden an seiner Kirche. „Jeder hat seinen Blues“.[1]

Darum ist es zu begrüßen, dass die Verantwortlichen für das Strategiepapier „Profil und Konzentration“ eine breite Diskussion wünschen, eine Beteiligung an diesem Prozess.[2] Dem wollen wir gerne nachkommen – konstruktiv, aber auch mit vielen Fragen.

Durchaus positiv und ganz im Sinne des Gemeindebundes sind Aussagen des Strategiepapiers wie:

  • „Kirche muss vom biblischen Auftrag her gedacht werden.“
  • geistliche Profilierung: „Die ELKB lebt aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus in Wort und Sakrament.“
  • die Nähe zu den Menschen: „(…) dass die Kirche heute verstärkt dorthin gehen muss, wo die Menschen leben.“
  • Blick auf die einzelne Gemeinde: „Die Gemeinden werden ihre Funktion behalten als stabile Präsenz vor Ort.(…) Angeordnete Fusionen oder Ähnliches soll es nicht geben.“
  • Völlig korrekt wird – endlich! – nach „Analyse der bisherigen Prozesse zur Kirchentwicklung“ festgestellt, dass diese „(…) zu sehr beschreibend und auf Einigkeit zielend (waren) und daher zu wenig Wirkung entfalteten.“ (1.2) Das sind dürre Worte dafür, dass man Millionen in den Sand gesetzt hat, aber immerhin.
  • Zu begrüßen ist auch, dass die ursprüngliche Einleitung zu dem Strategiepapier von der Landessynode nicht übernommen wurde. Der Gemeindebund hat alle Synodalen dazu aufgefordert. In der ursprünglichen Fassung wurden parochiale Gemeinden als ein überaltertes Auslaufmodell charakterisiert: „.die parochiale Gemeinde ist in ihrer oft statischen selbstbezogenen Organisation zu wenig einladend und entfaltet Bindung vor allem nach innen.“

Es ließen sich noch mehr Punkte finden, denen wir gerne zustimmen könnten, die freilich auch verschiedene Auslegungsvarianten und Lesarten zulassen. Das Papier ist so weit gefasst, dass sich viele Anliegen unterschreiben lassen. Jeder hat seinen Blues. Das mag für eine Diskussionsgrundlage auch hilfreich sein. Aufs Ganze gesehen allerdings, wird eine Richtung vorgegeben, die viele kritische Fragen aufwirft:

  • Das Strukturpapier „Profil und Konzentration“ atmet den Geist eines Pro- Existenzdenkens. Eine kleine Gruppe entwirft ein neues Kirchenmodell, weiß, was für andere gut ist und was nicht und entscheidet, wie die Zukunft der Kirche aussehen soll. Die Beteiligung ist zwar erwünscht, aber wichtige Pfeiler sind schon fest eingerammt und es geht mehr um die Umsetzung eines Programmes als und um dessen Ausrichtung. Die Gemeinden werden zum Objekt der Fürsorge, aber nicht zu gleichwertigen Partnerinnen. Es wäre sinnvoll gewesen, zunächst einmal die Gemeinden zu fragen, was sie für ihren Dienst und ihre Arbeit benötigen und sie auf diese Weise bei der Entstehung dieses Papiers mit einzubeziehen. So hätte man verhindern können, was die Gemeinde unter die Herrschaft vorgedachter Pläne bringt und ihr vorschreibt, wie sie in Zukunft arbeiten soll. PuK soll unter breiter Beteiligung durchgeführt werden, ergebnisoffen. Letztlich aber jedoch steht eine bereits fertige Konzeption dahinter, was vermuten lässt: Es handelt sich entgegen aller Beteuerungen um einen Top-Down-Prozess. Andere Kirchenmodelle, die es durchaus gibt, kommen nicht den Blick. Warum, so fragen wir weiter, wurden bei der Erstellung des Papiers nicht Vertreter der theologischen Fakultäten mit einbezogen?
  • Die Sprache suggeriert zwar den großen Sprung, die Neuausrichtung aller Arbeitsformen in der ganzen Kirche und die entsprechende strategische Verteilung der Ressourcen. Gleichzeitig steht aber der funktionale Bereich gar nicht zur Disposition. Die bestehende Benachteiligung der Gemeindeebene wird festgeschrieben, indem man sich die Kritik daran auch noch vom Hals schafft bzw. die Verantwortung und den Diskurs auf die mittlere Ebene verschiebt. Man scheut die Vielfalt und Diversität, ändert wenig an der Verteilung der Macht, nichts an der des Geldes. Man legt erneut das Gewand des Modernisierers an und zementiert ganz konservativ die zentralistischen Steuerungsmechanismen der Institution.
  • Die in diesem Papier sehr verbreitete apodiktische Sprache (muss, soll) kann so gedeutet werden: Hier wird eine Kirche neu gebaut. Die Mahnung von Dietrich Bonhoeffer könnte uns alle da sehr viel behutsamer sein lassen: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung; denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen – ER baut. Wir sollen verkündigen – ER baut. Wir sollen zu ihm beten – ER baut. Wir kennen seinen Plan nicht. Es ist ein großer Trost, den Christus seiner Kirche gibt: Du bekenne, verkündige, zeuge von mir. Ich allein aber will bauen, wo es mir gefällt. Fahr mir nicht ins Regiment. Kirche, tu du das Deine recht, dann hast du genug getan. Aber tue es auch recht. Sieh nicht nach Meinungen und Ansichten, frage nicht nach Urteilen, rechne nicht immer wieder.“[3]
  • Ich frage mich, wie weit ist dieser Prozess wirklich offen, wenn andere wichtige Prozesse wie z.B. „die Landesstellenplanung oder die Verwaltungsreform auf der gemeinsamen PuK- Strategie aufsetzen können oder diese bereits in Aspekten vorweggenommen haben“, wenn bereits finanzielle Mittel für die Umsetzung bereitgestellt werden, wenn die knappe Zeitschiene eine Beteiligung der Gemeinden nur schwer ermöglicht? Irgendwie ähnelt es auch der Geschichte vom Hasen und Igel. Die einen sind schon angekommen, beginnen schon den PuK-prozess umzusetzen, die anderen sind nicht einmal losgelaufen, haben noch keinerlei Kenntnis davon, in welche Richtung sie aufbrechen sollen.
  • Am Anfang standen Kürzungen im Raum, dann kam PuK. Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit Reformpapieren sind diese meist verbunden gewesen mit Kürzungen von Geldern und Personal im Bereich der Gemeinden. Steckt das hinter dem Wort „Konzentration“?
  • Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen, so fasst Gerhard Wegner, der Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen: „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“.
  • Auch Soziologen wie Dr. Maren Lehmann (Universität Erfurt) kommen auf gleiche Ergebnisse: „Was bleibt, und zwar im Wortsinne: was Bestand hat, allen Formalisierungsbemühungen zum Trotz, ist die variantenreich wildernde religiöse Kommunikation. Sie bleibt auch dann, wenn man darauf verzichtet, ihr durch konfessionelle, dogmatisch erfahrene Beobachter Orientierung und Verlässlichkeit zu geben. Die Gemeinde hat daher auf jeden Fall Zukunft. Die Mitgliedschaftskirche nicht.“[4]
  • Was nun die Gemeinde betrifft, finden sich in PuK doch unterschiedliche und manchmal schwer einzuordnende Aussagen. Die Gemeinden sollen ihre Funktion als stabile Präsenz vor Ort behalten, andererseits müssen sie eine Organisationsgröße haben, die der Raumlogik von PuK entspricht, also größere Pfarreien, Regionen, fusionierte Gemeinden usw. Ein weiteres Beispiel: „Parochialgemeinden müssen sich als Teil von Handlungsräumen verstehen, die diese über die entsprechenden Gremien mitgestalten, dann aber auch an den verabredeten Schwerpunktsetzungen mitwirken.“ Einerseits werden die Offenheit, was ein Handlungsraum ist, welche Größe er hat usw. konstatiert, auf der anderen Seite doch wieder größere Einheiten beschrieben: „Es wird vorgeschlagen, den Begriff „Handlungsraum“ zu verstehen als den Dekanatsbezirk oder Teil eines Dekanatsbezirks oder Vielfaches von Dekanatsbezirken.“
  • Fraglich erscheint uns auch, wie die Umsetzung auf mittlerer Ebene geschehen kann, wenn dem Stellenanteil des Dekans, der Dekanin bei der neuen Landesstellenplanung kein größeres Zeitbudget zur Verfügung gestellt werden soll. Das ist nur schwer mit der Vorgabe, gut, gerne und wohlbehalten in dieser Kirche arbeiten zu können, zu vereinbaren.
  • Weitere Fragen werden hier nur kurz angerissen:
    • Immer wieder wird auf die Notwendigkeit von Kooperationsbereitschaft der Gemeinden verwiesen, auf Netzwerkbildung. Das ist zu begrüßen und geschieht vielerorts längst und in großem Umfang und viele arbeiten daran, dies auszubauen. Dafür braucht es kein Strukturpapier. Und wir wissen alle, dass es immer Gemeinden geben wird, die nur ihren eigenen Kirchturm im Blick haben und eben andere, die darüber hinausschauen.
    • „In den jeweiligen Räumen sollen Zentralkirchen identifiziert werden.“ Warum hat man nicht aus anderen Landeskirchen Erfahrungen gesammelt, in denen solch ein Unternehmen gescheitert ist?
    • „50 % der Arbeitskraft Hauptamtlicher für die Kommunikation mit den bisher unerreichten Kirchengemeindegliedern soll sichergestellt werden.“ Dass dies längst geschieht und eine völlig überflüssige Feststellung ist, hat Ulrich Pschierer in seinem Artikel „die gärtnernde Kirche“ sehr deutlich beschrieben.[5] Religionsunterricht, Kasualien, Konfirmandenarbeit, Seelsorgebesuche, Grußworte bei Vereinsjubiläen, Öffentlichkeitsarbeit, Arbeit in Kindertagesstätten und Diakonie erreicht Menschen weit über den Kreis der Hochverbunden hinaus.

Wir nehmen das ernst: Es soll ein offener Prozess sein und darum kann und darf auch ein anderes Kirchenmodell angedeutet und kurz umrissen werden. Jeder hat seinen Blues:

Die einzelnen Gemeinden bilden die Basis und sind die primäre Gestalt der Kirche (dafür lassen sich sowohl theologische wie soziologische Argumente finden). In den lateinamerikanischen Kirchen gibt es das Sprichwort. „Das universale Wort spricht nur Dialekt“. Die Verkündigung des Wortes von Angesicht zu Angesicht, das gemeinsame Feiern an einem Tisch (die diakonische Dimension der Gemeinde hat ihren Ursprung in der Tischgemeinschaft), die Not meines Nächsten, der in meiner Straße direkt vor meiner Haustüre anzutreffen ist – hier muss Kirche vor Ort sein, nicht in einem unbestimmten Raum. Eine Kirche der „Armen“, der Benachteiligten und Vergessenen, der Gescheiterten, der Alten und nicht Mobilen sollten wir bleiben und werden. Zentralkirchen und Kausalagenturen sind nicht die richtige Antwort. Die Nähe zu den Menschen braucht eine Kirche der „kurzen Wege“. Sehr große Gemeinden müssten geteilt und verkleinert werden. Die Zahl derer, die Verantwortung für die Gemeinde übernehmen, würde sich vergrößern, die Beteiligung vermehren. Zur Stärkung der einzelnen Gemeinden gehört auch eine neue Regelung des gesamten Finanzwesens. Die Entscheidung darüber, welche Projekte, welche übergemeindlichen Aufgaben finanziert werden, muss auf gemeindenaher Ebene getroffen werden. Die krautige Vielfalt, ein buntes Kaleidoskop der Gemeinden, die unter einem landeskirchlichen Dach aufblühen, sind ein großer Schatz der Kirche und der Ausgangspunkt für jede Kirchenreform. Jede Gemeinde hat eben ihren Blues. „Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig“ (so der Schriftsteller Robert Menasse). Wenn irgendwo wieder einer das Klagelied über die so klein werdende Gottesdienstgemeinde, über das schwindende Interesse an gemeindlichen Aktivitäten anstimmt und dafür die Enge parochialer Grenzen verantwortlich macht, sollten wir in aller Gelassenheit singen:

Verzage nicht, du Häuflein klein
obschon die Feinde willens sein,
dich gänzlich zu verstören,
und suchen deinen Untergang,
davon dir wird recht angst und bang;
es wird nicht lange währen. (EG 249/1)
 

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan Pegnitz, 1. Vorsitzender des Gemeindebundes Bayern V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern


[1] Martin Luther King

[2] Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in der Einbringungsrede der Bayerischen Landessynode: „Das vorgelegte Papier ist eine Diskussionsgrundlage. (…) Eine zweite Ebene der Weiterarbeit ist die Dialogarbeit in den Gemeinden.

[3] GS IV 134,f

[4] Texte aus der VELKD, Nr.179, September 2017, S.9.

[5] Korrespondenzblatt, Nr.10 Oktober 2017, S. 170.

Der Newsletter als PDF

Newsletter Gemeindebund Bayern Februar 2017 – Von Erfolgsmodellen und harten Fakten

Transparenter Umgang mit Statistischem und Wünschenswertem

Von Matthias Ewelt

Von zwei Erfolgsmodellen in unserer Kirche wird immer wieder berichtet. Zum einen das „Erfolgsmodell Jugendkirche“, das dezidiert so genannt wurde und zum anderen die Erfolge der beiden Kircheneintrittsstellen.

Wenn Unternehmungen unserer Kirche erfolgreich sind, ist das erst einmal ein Grund zur Freude. Dennoch sollten wir mit dem Wort „Erfolg“ differenzierter umgehen. So war es bei Dekanatsentwicklungen bisher ein ungeschriebenes aber sinnvolles und deshalb nachvollziehbares Gesetz, die harten Faktoren wie Gemeindemitgliederzahlen,  Einrichtungen und Pflichtaufgaben zu zählen, die sog. „weichen Faktoren“ jedoch nicht (wie viele kommen in meinen Gottesdienst?, etc.).

Auch unser ausführlicher Pfarrerbildprozess mit den Dienstordnungen zielt –aus wirklich  sehr gutem Grund- auf eine strukturelle Vergleichbarkeit und nicht auf unterschiedliche Erfolge und die charismatische Wirkung der Hauptamtlichen (wie etwa in den USA).

Der Erfolg der Jugendkirche wird mit im Schnitt 150 Gottesdienstbesuchern, hohem ehrenamtlichen Engagement und einer großen regionalen Reichweite begründet. Der Erfolg der Kircheneintrittsstellen mit den vielen generierten Eintritten, vor allem von Menschen,  die beim klassischen Gemeindeeintritt nicht „anbeißen“. Allerdings: schon die harten Zahlen sind, mit Verlaub, erst einmal andere. Die Kircheneintrittszahlen waren z.B. 2011 bis auf einen Eintritt exakt auf dem Niveau von 2001 (3139/3140). Ein insgesamt seitdem erfolgter Anstieg war aber auch in den Kirchengemeinden zu verzeichnen, so dass dieser nicht aufs Konto der Stellen gehen kann, sondern einen Trend abbildet. Der berechtigte Einwand könnte lauten: der Erfolg liegt nicht bei den absoluten Zahlen, sondern bei den bisher nicht erreichten Eintrittswilligen liegt, die mit Gemeinde nichts anfangen können. Das ist jedoch eher eine Frage, ob und wie wir die Rahmenbedingungen für Eintritte verändern wollen. Kircheneintrittsstellen sind jedenfalls nicht die einzig mögliche Antwort.

Das Grundparadigma der Gemeindebindung in unserer parochial strukturierten Volkskirche ist bei den Jugendkirchen berührt (siehe auch Kirchliche Mitgliedschaftsuntersuchung). Den Besucherzahlen in den Jugendkirchen müssten die örtlichen Jugendgottesdiensten in Gemeinden und Dekanaten der Region gegenübergestellt werden, und auch die Investition in Gebäude und Equipment im Vergleich zu den genannten Erfolgen. Jede Gemeinde und jedes Dekanat, das für seine Jugendarbeit ähnlich gutes Material und diese Möglichkeiten hätte, würde vermutlich auf ähnliche Teilnehmerzahlen bei Jugendgottesdiensten kommen und dabei einen klaren Gemeinde- oder mindestens regionalen Bezug zur Kirche vor Ort behalten, wenn wir das noch wollen.

Wenn es nur um die Erfolge geht, wäre das zu kurz gegriffen, weil es die Grundstruktur in Frage stellt. Die Frage, was in der bisherigen Gemeindestruktur alles möglich wäre an Erfolgen, wenn die intensiven finanziellen und Stellenbemühungen dort angesiedelt blieben, wurde ja nicht alternativ ausprobiert. Allerdings kommen manche Angebote in den Gemeinden auch ohne dieses qualitativ hochwertige Material vielfach auf Zahlenerfolge, die nicht weiter ausgewertet, ausgebaut oder gefördert worden sind.

Bisher hat der Erfolg in Zahlen keine Rolle gespielt. Er war ein weicher Faktor und Landesstellenpläne sind leidlich gelungen, weil diese Faktoren aus Stellen- und in der Folge auch Budgetentscheidungen draußen geblieben sind. Wenn nun aber Erfolg das Thema ist, dann können gerade einzelne Gemeinden aus einer Fülle dieser Faktoren heraus, die sie schon immer im Köcher hatten und bisher nicht verwenden konnten, neue Stellen  und Gelder anfordern. Beispiele?

  • Spendenbereitschaft pro Kopf Gemeindemitglied
  • Gottesdienstbesuchszahlen prozentual zur Gesamtmitgliederzahl
  • Zahl Ehrenamtlicher in besonderen Projekten

Manch amerikanisch denkender Kirchenvorstand ist mir schon so gekommen: die Kirche muss in Wachstum denken und nicht den Niedergang der Gemeindegliederzahlen betrauern. Ich werde nicht müde zu begründen, dass in einer Volkskirche für mehr evangelische Zuzüge in einer Gemeinde der Bürgermeister zuständig ist und für mehr evangelische Geburten     die Eltern und die Politik. Das begründete  bisher  grundsätzlich  unsere  Stellenverteilung und nicht die Zahlen an Veranstaltungen, Ehrenamtlichen, Bindungsgefühl, Teilnehmenden und generierten Spenden.

Lassen Sie uns bitte lieber miteinander darauf achten, dass dieser von mir beschriebene Weg der Erfolgsgeschichten bei der Errichtung von Stellen und Investitionen so nicht weiter verfolgt wird. Denn er bringt uns meiner Meinung nach entweder in schreckliche Erklärungsnöte oder führt in Verteilungskämpfe um Geld und Stellen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Feiern wir gerne Erfolge, aber dann bitte schön 1. nicht nur die allerneuesten, sondern auch die stetigen und althergebrachten; 2. als weiche Faktoren, nachdem die harten Faktoren über Stellenausstattung, Dienstbeschreibungen und Budget befunden haben und 3. mindestens mit einer statistisch, besser noch wirtschaftlich belastbaren Abwägung von Aufwand, Nutzen und vor allen Dingen, Vergleichbarkeit.

Quellen: Kirchliches Leben in Zahlen

V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterFeb2017.pdf

Dekanatssynode Rügheim fordert Sonderzahlung

Eingabe der Dekanatssynode Rügheim an die Landessynode der ELKB

Sehr geehrte Frau Präsidentin Dr. Preidel, sehr geehrte Damen und Herren Synodale,

die von der Herbstsynode des DB Rügheim am 17.10.15 beschlossene Eingabe wurde von der Landessynode der ELKB leider abgelehnt (Eingabe 88 LS Ansbach). Die Herbstsynode des DB Rügheim hat während ihrer Tagung am 15.10.16 den ablehnenden Bescheid (Schreiben des Hr. KR Dr. Frisch vom 27.04.16) zur Kenntnis genommen. Das Problem mangelnder Finanzierung der Kirchengemeinden besteht aber weiterhin. Deshalb hat die Dekanatssynode Rügheim eine neue Eingabe an die Landessynode beschlossen, mit folgendem Wortlaut:

Eingabe der Dekanatssynode Rügheim an die Landessynode der ELKB

Die Dekanatssynode Rügheim hat sich am 15.10.16 unter anderem mit der finanziellen Situation der Kirchengemeinden befasst und stellt fest:

Steigende Personal- und Sachkosten im laufenden Haushalt können in vielen Kirchengemeinden nicht mehr durch die jährliche Schlüsselzuweisung ausgeglichen werden. Das führt zu einer angespannten finanziellen Situation in den Gemeinden und zur Verringerung der Rücklagen, während gleichzeitig der Gesamthaushalt der ELKB auch im vergangenen Jahr wieder mit einem Überschuss abschließt.

Die Dekanatssynode Rügheim stellt deshalb den Antrag, die Landessynode möge zunächst für das Jahr 2016 und für das Jahr 2017 jeweils eine Sonderzahlung an die Kirchengemeinden beschließen, mit Option weiterer Zahlungen in den Folgejahren, solange der Gesamthaushalt der ELKB einen Überschuss erwirtschaftet.

Diese Sonderzahlung soll – unabhängig von der durch die Vorsteuerung verursachten Deckelung des Haushaltes der Gemeindeabteilung im LKA – aus dem allgemeinen Finanzhaushalt der ELKB entnommen werden.

Beschluss: Einstimmig, ohne Enthaltungen.
J. Blechschmidt, Dekan

Kopien: Frau Traudi Wießler, Landessynodale
Herrn Robert Glenk, Landessynodaler

„Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele Synodale und Kirchengemeinden sich anschließen könnten, bzw. eine eigene Eingabe mit ähnlichem Inhalt einbringen.“

Gemeinde vor Ort – Zukunft der Kirche

Newsletter des Gemeindebunds Bayern, Dezember 2016

Die Ergebnisse der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD lassen erkennen: Die Ortsgemeinden sind der Herzschlag der Kirche. Theologisch war das vielen längst klar, aber jetzt ist es auch noch durch eine breite, empirische Untersuchung unterfüttert und bestätigt. Es ist erstaunlich, dass der Fokus auf die Kirchengemeinden in den seit 1972 durchgeführten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen kaum eine Rolle spielt. Dementsprechend wurden andere Organisationsformen der Kirchen favorisiert und die Ortsgemeinden als im Kern bornierte  und  rückständige  Restbestände der  Volkskirche  angesehen.  In  dem EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ fand diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Sie enthält eine  erschreckende Geringschätzung der  Ortsgemeinde.  In  ihr, so  diese  EKD-Schrift,  herrschen „ungutes Kirchturmdenken, überzogene Autonomievorstellungen, Defizite in der Verantwortungsbereitschaft für das Ganze, Mängel in der Identifikation vieler Mitarbeitenden, fehlende Qualitätsstandards, Milieuverengung“ usw. Demgemäß sollte der Ressourcenanteil für Ortsgemeinden von bisher 80 % auf 50 % heruntergefahren werden. Der Ungeist dieser Schrift hat in vielen Landeskirchen Einzug gehalten. Es ist nur  zu hoffen, dass durch die neue Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ein Umdenken einsetzt. Waren doch jahrzehntelang diese Untersuchungen Ausgangspunkt für Veränderungen der kirchlichen Strukturen.

Kirchengemeinden bilden die Basis der evangelischen Kirche. Dies lässt sich durch die KMU 5 an vielen Beispielen belegen. Drei möchte ich nennen:

  1. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen. Man kann davon ausgehen, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder der evangelischen Kirchen über die Ortsgemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“ – so Gerhard Wegner, Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD.
  2. Wie schon bei allen bisherigen Kirchenmitgliederbefragungen haben die Pfarrerinnen und Pfarrer in den Ortsgemeinden eine Schlüsselrolle. Die hohe Wertschätzung des Pfarramtes wurde durch die Kirchenmitglieder eindrücklich bestätigt.
  3. Kirchengemeinden sind nach wie vor der wichtigste Ort religiöser Erfahrungen. Die religiösen Bedürfnisse, die von Kirchenmitgliedern artikuliert werden, werden in den Kirchengemeinden befriedigt. Das hängt mit der Nähe zu den Menschen zusammen, was gerade für die Verlierer unserer Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist. Die Dimension des Sozialen spielt dabei eine herausragende Rolle.

Aus all dem lässt sich folgern: Die parochial verfassten Ortsgemeinden müssen der Ausgangspunkt einer Kirchenreform sein und dürfen nicht länger als deren Problem behandelt werden. Ein Aufbruch des Protestantismus in Deutschland geschieht von unten. Die Ressourcen einer Kirchengemeinde müssen von daher erheblich gesteigert werden, was bei einem guten Kirchensteueraufkommen auch möglich ist. (Die Kirchensteuereinnahmen der EKD sind im letzten Jahrzehnt um über 30 % gestiegen. In den Jahren 1967 bis 1970 haben sie sich verdoppelt und von 1970 bis 1990 verdreifacht.)

Wenn theologische Argumente nicht mehr überzeugen, dann vielleicht empirische Ergebnisse. Trotzdem sei in Erinnerung gerufen, was Jürgen Moltmann bei einem öffentlichen Festvortrag zur Barmer Theologischen Erklärung zum Auftakt des Studientages der vier kirchenleitenden Organe der evangelischen Landeskirche in Bayern den Synodalen ins Stammbuch geschrieben hat:

„Die Gemeinden sind nicht Ortsvereine der Landeskirche. Und alles, was den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – ansonsten sind es überflüssige Super – Strukturen.“

V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern,
Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan
1. Vorsitzender

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterDez2016.pdf

Finanzausstattung der Gemeinden in der ELKB verschlechtert

Eindrücke von der Herbsttagung der bayerischen Landessynode in Bad Reichenhall vom 20. – 24. November 2016 (Auszug)

Von Dr. Martin Seibold und Hans-Joachim Vieweger (Mitglieder der Landessynode der ELKB)

Landeskirchlicher Haushalt …

Die Synode hat dem landeskirchlichen Haushalt für das kommende Jahr 2017 mit einem Volumen von (erstmals) mehr als 900 Millionen Euro zugestimmt. Obwohl die Ausgaben durch die so genannte „Vorsteuerung“ gedeckelt wurden und trotz weiter wachsender Kirchensteuereinnahmen steht unterm Strich nur ein kleiner Überschuss.

Ein ganz wesentlicher Teil des Haushalts sind die Personalkosten, von denen wiederum allein rund 200 Millionen Euro für die Altersvorsorge bestimmt sind. Dabei sind die Verpflichtungen, die die Landeskirche gegenüber ihren Mitarbeitern hat, noch nicht „ausfinanziert“, wie Bilanzexperten sagen. Vor diesem Hintergrund debattiert schon seit einer ganzen Weile ein „Gemischter Ausschuss Versorgung“ (bestehend aus Mitgliedern des Landeskirchenrats und der Landessynode) über mögliche Veränderungen bei der Altersversorgung. Klare Vorschläge liegen derzeit noch nicht vor, offenbar tut sich der – von Versorgungsempfängern dominierte – Ausschuss schwer, zu Einschnitten im Versorgungssystem zu kommen.

… und Gemeindefinanzen

Heftig diskutiert wurde im Zusammenhang mit dem Haushalt über den Vorwurf des Gemeindebunds, die Gemeinden würden finanziell vernachlässigt, sie seien die Verlierer (Wir berichteten). Oberkirchenrat Dr. Hans-Peter Hübner meinte unter Hinweis auf das gesamte Gemeindebudget in Höhe von 148 Millionen Euro: „Verlierer sehen anders aus.“ Freilich: In diesem Betrag sind auch die Ausgaben für Dekanate und Verwaltungsstellen sowie für Bauprojekte enthalten. Die „Schlüsselzuweisungen“, die unmittelbar bei den Kirchengemeinden ankommen und über die die Gemeinden verfügen können (freilich abzüglich der „Ergänzungszuweisung“), liegt nur bei knapp 80 Millionen Euro. Interessant ist dabei, wie sich dieser Haushaltsposten in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Gemessen an den geplanten Ausgaben fiel der Anteil der Schlüsselzuweisungen von 10,14 Prozent im Jahr 2007 kontinuierlich auf nur noch 8,81 Prozent im Haushalt für das Jahr 2017 (für Kenner: ein Vergleich mit den „Ist-Zahlen“ würde aus Gemeindesicht noch schlechter ausfallen). Das heißt: Verglichen mit anderen Haushaltsposten hat sich die unmittelbare Finanzausstattung der Gemeinden in den letzten Jahren verschlechtert – wobei zu einem vollständigen Bild selbstverständlich auch andere Unterstützungen für die Gemeinden, insbesondere im Baubereich, gehören.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Nr. 3 der unabhängigen Kirchenzeitung „Die mündige Gemeinde“ erschienen

Die mündige Gemeinde - eine protestantische Zeitung - Nr. 3/2016
Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung – Nr. 3/2016

Editorial

Am 18. und 19. September 2016 trafen sich zum ersten Mal die Gemeindebünde der vier Landeskirchen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Nordkirche, Evangelisch-Lutherische Kirche Bayern und Evangelische Kirche im Rheinland in der evangelischen Landjugendakademie zu Altenkirchen. U.a. wurde der Wunsch nach einem basisorientierten Presseorgan geäußert, das sich kritisch mit den Reformprozessen innerhalb der EKD auseinandersetzt und eine alternative Berichterstattung zu den etablierten Kirchenzeitungen bieten soll.

Da die finanziellen Mittel und logistischen Möglichkeiten der Vereine begrenzt sind, entstand die Idee, diese Zeitschrift in einer Onlineausgabe zu veröffentlichen und es der Initiative der Gemeinden zu überlassen, für eine Verbreitung als Printmedium zu sorgen. Unter der Internetadresse  www.muendige-gemeinde.de stehen daher unterschiedliche Formatvorlagen zum Download bereit, die eine flexible Weiterverarbeitung ermöglichen.

„Die mündige Gemeinde“ knüpft in ihrer inhaltlichen Ausrichtung an die beiden ersten Ausgaben an, die unter der maßgeblichen Regie von Pfarrerin Katharina Dang in den Jahren 2013 und 2014 im Zeitungsformat erschienen sind. Auch diese Ausgaben finden Sie auf der Webseite. Unser Anliegen ist es, auch auf diesem Wege einen breit angelegten Diskurs um die Zukunft unserer Kirche zu unterstützen, die in allen Landeskirchen initiierten Reformprozesse kritisch zu begleiten und konstruktiv an alternativen Ideen mitzuarbeiten, die unsere Kirche – trotz struktureller und finanzieller Herausforderungen – als Kirche für andere und vor Ort bei den Menschen bewahrt.

Denn Kirche lebt von und an der Basis, ihre gesellschaftliche Relevanz erhält sie aus den Kirchengemeinden und den Einrichtungen und Werken, die vor Ort ihren Dienst verrichten. Zu diesem Ergebnis ist nicht nur die 5. Kirchenmitgliederuntersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD gekommen, sondern dies erweist sich täglich in der Begegnung mit den Nahen und Fernen der Gemeinden. Darum treten wir für die Stärkung der Ortsgemeinden ein und wenden uns gegen eine Verlagerung von finanziellen Ressourcen und organisatorischen Kompetenzen auf andere Ebenen.

Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.

Die Gemeindebünde Bayern
Gemeindebund Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Gemeinde im Aufwind der Nordkirche
KirchenBunt im Rheinland

Direkter Download: http://muendige-gemeinde.de/DmG/DmG_2016-03.pdf

gemeindebuende

http://ev-gemeindebuende.de/

 

„Die Gemeinden sind momentan die Verlierer“

Gemeindebund Bayern fordert mehr Mittel für die kirchliche Arbeit am Ort

epd-Gespräch: Helmut Frank

München (epd). Der Gemeindebund Bayern setzt sich für eine Stärkung der Kirchengemeinden am Ort ein. In einem epd-Gespräch erläutern der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer, 1. Vorsitzender des Netzwerks, und der Priener Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth als 2. Vorsitzender die Anliegen und Ziele des Gemeindebundes. 41 Gemeinden sind Mitglied des Bundes, die bayerische Landeskirche umfasst insgesamt rund 1.540 Gemeinden.

epd: Den Kirchengemeinden in Bayern geht es doch ganz gut. Warum gibt es einen Gemeindebund?

Wackerbarth: Man muss es ganz klar sagen: Betriebswirtschaftlich stehen viele Gemeinden kurz vor der Pleite. Die vergangenen Jahre hat man die Finanzierung der Gemeinden aus dem Blick verloren, die schmalen Zuwächse sind ja unter Inflationsniveau geblieben. Gleichzeitig wurde eine Vielzahl an Aufgaben in die Gemeinde verlagert. Wir haben den Eindruck, dass unser Anliegen noch nicht überall durchgedrungen ist. Manche meinen, das sei Jammern auf hohem Niveau oder man müsse doch mehr auf das Ganze schauen. Aber das ist es nicht.

Dekan Dr. Gerhard Schoenauer
Dekan Dr. Gerhard Schoenauer

Schoenauer: Die Gemeinden sind momentan die Verlierer. Die sogenannten Schlüsselzuweisungen, von denen sie alles bezahlen müssen, gingen von ca. 38 Prozent der Kirchensteuereinnahmen auf 24 Prozent zurück.

epd: Nimmt man jedoch die Gehälter und die Versorgung der Pfarrer und Diakone dazu, sind es 67 Prozent des Kirchensteueraufkommens, das in den Gemeinden ankommt. Dazu kommen Zuschüsse bei Baumaßnahmen.

Schoenauer: Das reicht nicht. Die Konsequenz ist, dass die Gemeinden überall reduzieren müssen, bei Bürostunden, beim Hausmeister, beim Mesner, beim Kirchenmusiker. Ausgerechnet bei den Menschen, die das Gemeindeleben am Laufen halten. Und das, obwohl die Kirchensteuereinnahmen stetig gestiegen sind. Da gab es Zuwächse um 30 Prozent. Aber bald werden die Kirchensteuern zurückgehen.

Karl Wackerbarth
Karl Wackerbarth

Wackerbarth: Das hören wir nun schon seit 30 Jahren, es gab aber stets Zuwächse, im Rahmen von 50 bis 60 Millionen. Das Verrückte: Mehr als ein Drittel der Einnahmen werden an den Gemeinden vorbei verteilt. Und die Synodalen machen sich keine Gedanken darüber. Das ist bitter!

 

epd: Wie sieht es konkret in Ihrer Gemeinde in Prien aus?

Wackerbarth: Von unseren 3.000 Gemeindegliedern in Prien zahlen etwa 1.000 Kirchensteuer. Nehmen wir einmal den bayernweiten Durchschnitt von rund 780 Euro pro Person, wären das – bezogen auf Prien – jährlich 780.000 Euro. Davon kommen aber nur 70.000 Euro in unsere Gemeinde zurück. Davon müssen wir – mit Ausnahme der beiden Pfarrer – das Personal und alles andere bezahlen: den Mesner, die Pfarramtssekretärin, den Hausmeister und den Kirchenmusiker. Dafür reichen die 70.000 Euro nicht.

epd: Der Gemeindebund fordert nun 25 Prozent mehr Geld für die Gemeinden.

Wackerbarth: Das ist mal ein Pflock, den wir jetzt einschlagen, das ist viel, aber nicht genug. Aber wir müssen ja auch mal Tacheles reden. Die Arbeit ist mehr geworden und die Ansprüche sind gewachsen. Ein Gemeindebrief muss heute bunt und professionell gemacht sein, sonst wandert er in die Tonne. Die Versorgung von Flüchtlingen kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Dann sind Aufgaben in der Ökumene dazugekommen, die Zielgruppenarbeit, zum Beispiel in einer Vielfalt von Gottesdiensten, die es früher nicht gab.

epd: Das sind Dinge, die auch Ehrenamtliche übernehmen können.

Schoenauer: Die Begleitung Ehrenamtlicher kostet aber auch Zeit und Geld.

Wackerbarth: Dann kommt ganz viel von der Landeskirche, wo es heißt: „Macht doch mal“: Leitbildentwicklung, Gemeindeentwicklung. Alles toll, aber was wird da alles investiert? Man hat nicht bemerkt, was dies auf Dauer an Arbeits- und Personalaufwand bedeutet. Das geht alles zulasten der Präsenz in der Gemeinde. Dazu gibt es immer mehr Vorgaben, was mit den Zuweisungen geschehen soll. Wir müssen zum Beispiel Geld zurücklegen für die Immobiliensicherung.

Schoenauer: Was ja auch sinnvoll ist, aber die Gemeinde Lindenhardt in unserem Dekanat muss nach den Vorgaben die gesamte Zuweisung zurücklegen. Die haben ein großes Gemeindehaus, eine große Kirche, aber zum Leben nichts mehr. Wenn die nicht einen großen Wald hätten, von dem sie jedes Jahr was verkaufen könnten, dann könnten sie nicht mehr leben.

epd: Wo soll das Geld herkommen, was ist verzichtbar?

Wackerbarth: Das ist uns egal. Wir verstehen uns als Anwalt der Ortsgemeinden, unsere Stimme muss gehört werden. Wir wollen, dass die Kirche vor Ort wieder lebensfähig wird.

Schoenauer: Darum geht es. Die Gemeinde Lindenhardt in unserem Dekanat Pegnitz muss nach den Vorgaben die gesamte Zuweisung zurücklegen. 14.000 Euro für den Gebäudeunterhalt, 4.500 Euro Pfarrhausrücklage, und sie bekommen 17.000 Euro als Schlüsselzuweisung. Von was sollen sie den Kirchenmusiker, Mesner etc. bezahlen?

epd: Die Landeskirche hat den Pfarrerbildprozess angestoßen, um die Pfarrer zu entlasten.

Schoenauer: Die Entlastung ist ernst gemeint, zum Beispiel bei der Weiterbildung der Pfarramtssekretärinnen zu Büroassistentinnen. Die können bald den Pfarrerinnen und Pfarrern viel mehr abnehmen. Da sind wir in Bewegung, aber die Aufgaben und Ansprüche nehmen weiter zu. Vor Ort brauchen wir auch die Mittel, um das umsetzen zu können.

epd: Was muss sich ändern?

Schoenauer: Der Pfarrerberuf muss auch wieder Freude machen. Pfarrer haben ein Standbein, das sind Gottesdienst, Seelsorge, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Sie haben aber auch ein Spielbein, das sind ihre besonderen Fähigkeiten, die einfach oft zu kurz kommen. Ich habe einige Pfarrer im Dekanat, die am Rande ihrer Kraft sind. Und man sieht auch, dass der Nachwuchs ausbleibt.

Wackerbarth: Die Frage ist, wie wir unter dieser Belastung weiterhin die Verbundenheit zur Ortsgemeinde erhalten können. Wir müssen uns entscheiden, ob wir Volkskirche in der Fläche sein wollen oder Zentren im Sinne des Konzepts „Kirche der Freiheit“ haben wollen. Beides geht nicht. Wir fühlen uns da von der Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD bestätigt. Da heißt es, dass die Bindung an die Kirche über die Ortsgemeinde geschieht.

epd: Was erwarten Sie vom Landesstellenplan 2020?

Schoenauer: Nur 72 Prozent der Pfarrer sind momentan im Gemeindedienst, da darf es keine weitere Reduzierung der Pfarrstellen bei den Ortsgemeinden geben. Natürlich muss man schauen, wo wie viele Gemeindeglieder sind, aber in einer vernünftigen Art und Weise. Wir sind gegen Fusionen, befürworten dagegen Kooperationen, die die Arbeit erleichtern. Was für Folgen das Zusammenlegen von Gemeinden hat, sieht man in den Landeskirchen, die sogenannte Zentren geschaffen haben. Die haben die Leute verloren, die nicht mobil sind: die Alten und die Schwachen, die Armen. Die fahren nicht 20 Kilometer zum Pfarrer. Da können wir uns so fortschrittlich geben, wie wir wollen – im Sinne des Evangeliums haben wir unser Ziel verfehlt.

epd: Was erwarten Sie noch?

Schoenauer: Dass auch die übergemeindlichen Angebote genau angeschaut werden. Der Stellenplan bei den Gemeinden orientiert sich ja an objektiven Fakten und Zahlen. Bei übergemeindlichen Angeboten findet das nicht statt.

Wackerbarth: Ein höchstes Ärgernis sind die Jugendkirchen. Leider wurden die Gemeinden nie so gut ausgestattet wie beispielsweise die Jugendkirche in Nürnberg. Wenn man die Schulgottesdienste abzieht, dann ist dort doch nicht mehr viel los, da sind an manchen Wochenenden weniger Gäste als Beteiligte da. Und ganz nebenbei geht die Jugendarbeit in den Nürnberger Gemeinden kaputt. Und weil keiner sich traut, das zu sagen, wird nun in München und Lindau derselbe Unsinn gemacht. Das darf doch nicht wahr sein!

epd: Ist in anderen Landeskirchen nicht alles viel schlimmer?

Schoenauer: Wir sind froh, in Bayern zu sein. Das EKD-Programm „Kirche der Freiheit“ wurde zwar auch in Bayern anfangs unterstützt. Die Gemeinden wurden als milieuverengend diffamiert, das empfanden wir als unfair. Auch deshalb wurde der Gemeindebund gegründet. Die neue Kirchenmitgliedschaftsstudie bestätigt unser Anliegen: Bindung an die Kirche geschieht im Wesentlichen über die Ortsgemeinde.

epd: Sie haben als Protestbewegung „Aufbruch Gemeinde“ begonnen, nun sind bei Ihren jährlichen Treffen regelmäßig auch Mitglieder des Landeskirchenrats beteiligt. Fühlen Sie sich vereinnahmt?

Schoenauer: Nein. Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner als Verantwortlicher für die Gemeinden ist immer dabei. Dadurch konnte in der Vergangenheit so manche falsche Entscheidung verhindert werden. Wir bekommen viel positives Echo, aber die Schwelle zum Beitritt ist bei den Gemeinden hoch. Eine gewisse Ängstlichkeit ist bei manchen da.

epd: Wie begeht der Gemeindebund 500 Jahre Reformation?

Wackerbarth: Für den 2. April planen wir einen Thesenanschlag an unsere Kirchentüren. Wir hoffen, dass unsere Anliegen diskutiert werden. (00/3720/18.11.2016)

epd lbm as

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung es epd-bayern: http://www.epd.de/landesdienst/bayern/frontpage

Das Interview im „Sonntagsblatt“: http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2016_47_04_01.htm

Lesen Sie auch die Antwort auf das Interview von OKR Dr. Hübner (Gemeindereferat der ELKB) im Sonntagsblatt:
http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2016_49_11_01.htm

Erstes gemeinsames Treffen der Gemeindebünde in der EKD

4Am 18. und 19. September 2016 trafen sich Vertreterinnen der Gemeindebünde der Gliedkirchen der EKD in Altenkirchen. Ihre Teilnahme hatten zugesagt u.a. die Gemeindebünde in Bayern (Aufbruch Gemeinde), der Nordkirche (Gemeinde im Aufwind) und Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz (Gemeindebund). Lesen Sie hier einen Bericht: http://kirchenbunt.de/schritte-in-eine-andere-richtung/

Frau Prof. em. Dr. Gisela Kittel stellte in ihrem in Altenkirchen gehaltenen Referat die folgenden theologischen Implikationen heraus, die der gegenwärtige Strukturumbau der evangelischen Kirche einschließt:

  • Ein anderes Kirchenverständnis. Nach dem Neuen Testament und den Bekenntnissen der Reformatoren ist die “ekklesia” die Versammlung der Glaubenden, die sich je am konkreten Ort unter dem Wort Gottes versammeln, das Mahl miteinander feiern und in ihrem Zusammenleben zeigen, dass sie “Leib Jesu Christi” sind, der “Tempel des lebendigen Gottes”, das Haus Gottes, aus lebendigen Steinen erbaut, und dass sie allein ihrem Herrn Jesus Christus gehören. Von diesen Zeugnissen her müsse man eingestehen, dass die heutige evangelische Kirche, die sich vornehmlich als Großorganisation versteht, wieder dabei ist, in vorreformatorisches Denken zurückzufallen.
  • Ein die biblische Offenbarung verharmlosendes Gottesverständnis. Was aus der biblischen Gottesrede gemacht werde, ist der milde lächelnde, all unsere Planungen absegnende gütige Gott-Vater, uns in allem verfügbar, und dem man “vertrauen” und so “das Leben gestalten” soll. Von Jesus Christus und seinem heiligenden Geist sei schon gar nicht mehr die Rede.
  • Weil Gott, von dem in dieser Weise gesprochen wird, keine richtende und rettende Instanz mehr ist, daher habe auch sein Ruf und Auftrag keine wegweisende Bedeutung mehr. Es gehe eigentlich nur noch um die Frage, “wie wir eine gesellschaftlich relevante Kirche bleiben” können (Bischof Dröge); “was unsere Kirche in Zukunft wieder bemerkenswerter” mache (Impulspapier der ev.-ref. Kirche 2016); “dass die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung stark” sein möge (Kirche der Freiheit, S.85) etc.

5. Aktionstag am 27. September 2014 in Nürnberg

logogembundkleinSehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren des Kirchenvorstands, sehr geehrte Interessierte,

Wir dürfen Sie sehr herzlich zum Aktionstag des Gemeindebunds Bayern einladen. Im Gemeindebund Bayern sind derzeit ca. 35 Kirchengemeinden unterwegs mit dem Ziel, die Gemeinden vor Ort zu stärken, die Finanzierung der Gemeinden kritisch zu durchleuchten und neue Wege zu initiieren. Es ist uns ein Anliegen, theologisch über den zukünftigen Weg unserer Kirche nachzudenken und darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir möchten ein Forum für die Gemeinden bieten, Lobbyarbeit für die Gemeinden leisten in Anlehnung an den Städtetag.

Gelegenheit zur Information und zum Gespräch bietet der Aktionstag am Samstag, den 27. September 2014 in Nürnberg, bei dem auch unser Landesbischof Prof. Dr. Bedford-Strohm, die Präsidentin der Landessynode Frau Preidel, sowie OKR Dr. Hübner vom Gemeindereferat anwesend sein und sich unseren Fragen stellen werden. Da neben den Mitgliedern des Gemeindebundes nur begrenzte Plätze zur Verfügung stehen, werden wir diese Plätze entsprechend dem Eingang der Anmeldung vergeben.

Alle Infos und Berichte finden Sie auf unserer Webseite: http://www.aufbruch-gemeinde.de/aktionstag5.htm

Die Einladung als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/einladung14.pdf

Was stärkt die Gemeinde? – Auf der Suche nach einer Gemeindetheologie

 „Die Scheidung der Geister, die heute für die Gemeinden am dringlichsten ist, hat es mit der Relativierung und Befreiung der Kirche von einem Effizienz-Denken zu tun, das sich in einer Organisationswut austobt und die Gemeinden daran hindert, auf das zu hören, was der Geist ihnen jetzt sagen will.“ (Christian Möller)

Was stärkt die Gemeinde? – Auf der Suche nach einer Gemeindetheologie

… so lautete das Thema des Vortrags beim Gemeindetag des Gemeindebunds Bayern in Nürnberg am 16. März 2013. Prof. Möller, der beim 1. Aktionstag von „Aufbruch Gemeinde“ 2008 in Nürnberg gesprochen hatte, zog eine Bilanz der bisherigen EKD-Reformprozesse und berichtete von den Gruppen, die sich EKD-weit kritisch mit den Entwicklungen in ihren Landeskirchen auseinandersetzen.

Prof. Christian Möller, Heidelberg
Prof. Christian Möller, Heidelberg

Stand am Anfang von „Aufbruch Gemeinde“ vor allem der Protest gegen die Entwicklungen im Gefolge des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, so ist es inzwischen Zeit, sich konstruktiv über eine „Theologie der Gemeinde“ Gedanken zu machen. Die vielbeschworene „Krise der Kirche“ ist eine theologische Orientierungskrise.

„Lassen wir den Gedanken an eine weitere Reform einmal ruhen und begeben wir uns stattdessen auf die Suche nach einer Gemeindetheologie, die die Gemeinden gerade in Zeiten von Sparplänen und Stellenreduzierungen stärken und ihnen „Vernunft und alle Sinne“ wecken könnte für eine neue Wahrnehmung der Gemeinde.“ (Prof. Möller)

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag als PDF:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/VortragMoeller13.03.16.pdf

Mehr zum Gemeindetag in Nürnberg finden Sie hier:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/aktionstag4.htm

Was wir tun können – Konkrete Schritte

  1. Diskutieren Sie unsere Themen in Ihren Kirchenvorständen und Dekanatsausschüssen. Unsere Themen eignen sich gut, um in ihren Kirchenvorständen und Dekanatsausschüssen diskutiert zu werden. Material dafür finden Sie auf unseren Webseiten und in unserem Blog. Diskutieren und schreiben sie mit!
  2. In diesem Jahr steht die Wahl zur Landessynode an. Es wäre gut, wenn in der Landessynode viele Stimmen vertreten sind, die die Bedeutung der Ortsgemeinden und die Liebe zu ihnen schätzen. Wir sollten die Kandidatinnen und Kandidaten zur Landessynodalwahl befragen, wie wichtig ihnen unser Anliegen ist.
  3. Um eine bessere Verbindung zwischen landesweiten Diensten und Ortsgemeinden zu erreichen, hatten wir den Antrag an die Synode gestellt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer erst nach sechs Jahren Gemeindedienst in eine Funktionsstelle im landesweiten Dienst wechseln können. Dieser Antrag wurde leider von der Landessynode zurückgewiesen. Wir könnten einen neuen Anlauf nehmen und viele Gemeinden könnten diesen Antrag unterstützen.
  4. Wenn Sie die Entwicklung der Finanzen Ihrer Kirchengemeinde beobachten, werden sie merken, dass es gerade kleinere Gemeinden in Zukunft kaum schaffen werden, ihren Haushalt ausgeglichen zu gestalten.
  5. Überlegen Sie, was eine erneute Kürzung im Landesstellenplan für Ihre Gemeinde oder Ihr Dekanat bedeuten würde.
  6. Visitationen haben Verfassungsrang und sind ein Instrument kirchenleitendes Handeln zu beeinflussen. Es geht hierbei nicht um eine Inspektion, sondern um einen geschwisterlichen Besuchsdienst, der die Nöte und Sorgen, aber auch die Freuden einer Kirchengemeinde wahrnimmt und den kirchenleitenden Organen weitergibt. Sie können um eine Visitation Ihrer Gemeinde bitten.
  7. Gerne können Sie sich auf unserer Webseite in die Unterstützerliste eintragen lassen oder auf Facebook zeigen, dass Ihnen unsere Anliegen gefallen: www.facebook.com/gemeindebund.bayern. Unterstützen Sie uns durch einen Hinweis auf Ihrer Homepage.
  8. Wenn Sie eine Gemeinde für unseren Gemeindebund gewinnen können, wäre das eine tolle Sache. Je mehr wir werden, desto unüberhörbarer wird unsere Stimme für die Gemeinden sein!
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