Dorfforscher befürchtet Auflösung der Volkskirche durch Fusionen

„Wir brauchen die Bürgerkommune – und die Bürgerkirche“ (Gerhard Henkel)

Der Geografieprofessor und Experte für Dorfentwicklung, Gerhard Henkel, kritisiert den Trend zu Gemeindefusionen in den beiden großen Kirchen. Dadurch gebe es immer weniger dörfliche Kirchengemeinden, schreibt Henkel in einem Beitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ (Samstagsausgabe vom 27.10.2014): „Die Auswirkungen sind dramatisch.“ Es drohe die „Auflösung der Volkskirche in der Fläche. Amtskirche beseitigt Volkskirche.“

„Durch die Beseitigung gerade der dörflichen Kirchengemeinden wird das Vertrauen der Menschen in die Kirche weiter erschüttert“, beklagt Henkel. „Die Fusionen beschleunigen die Flucht selbst der Treuen aus der Kirche.“ Katholische Bistümer und evangelische Landeskirchen lösten die lokale Basis der Kirche auf. „Sie stoßen mit ihrem Zentralismus die Gläubigen in den Dörfern vor den Kopf.“ Auf Einwände von Landpfarrern werde nicht reagiert.

Die kirchlichen Gemeindefusionen wiederholen nach den Worten Henkels die „gravierenden Fehler“ der kommunalen Gebietsreformen der zurückliegenden Jahrzehnte in einigen Bundesländern. Dort seien ungefähr 400.000 ehrenamtlich tätige Bürger aus den Gemeindeparlamenten wegrationalisiert worden, was zu Desinteresse an der Kommunalpolitik geführt habe. Vergleichbare Konsequenzen drohten nun den Kirchen: „Hunderttausende gewählte und ehrenamtlich tätige Christen würden durch den Wegfall der lokalen Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände nicht mehr gebraucht.“

Henkel räumt indes ein, dass eine organisatorische Vernetzung von Kirchengemeinden sinnvoll sei, um die Verwaltungsarbeit zu reduzieren. „Aber man brauch dazu keine Fusionen.“ Als Alternative biete sich die Verbandsgemeinde an. „Diese schafft eine starke zentrale Organisation und Verwaltung und belässt den zugehörigen Ortsgemeinden ihre Autonomie, ihr lokales Verantworten und Handeln.“

(Quelle: http://aktuell.evangelisch.de/artikel/109867/dorfforscher-befuerchtet-aufloesung-der-volkskirche-durch-Fusionen)

 

„Kirche wird sich nicht aus der Fläche zurückziehen“

Oberkirchenrat verspricht keine „verordneten Fusionen von Kirchengemeinden“

Bad Alexandersbad (epd). Auf den demografischen Wandel wird die bayerische evangelische Landeskirche nicht mit einer Benachteiligung einzelner Regionen reagieren. „Die Kirche kann es sich nicht leisten, sich aus der Fläche zurückzuziehen“, sagte der für Gemeindefragen zuständige Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner (München) am Samstag bei einer Veranstaltung im Evangelischen Bildungszentrum Alexandersbad (Landkreis Wunsiedel).

Nach Hübners Worten sei es möglich, „gewisse Nachteilsausgleiche“ zu schaffen, wenn ein bestimmter Bedarf und ein aktives Gemeindeleben vorhanden seien. Präsenz in der Fläche bedeute freilich nicht, dass es überall ein Pfarrhaus, ein Gemeindehaus und „das volle Programm“ geben könne, räumte der Oberkircherat ein. Gemeindliche Aktivitäten müssten sich künftig stärker vernetzen und flexibler gestalten.

Vor dem Hintergrund deutschlandweit sinkender Mitgliedszahlen ist die evangelische Kirche in Bayern laut Hübner noch „gut aufgestellt“. Sie habe dank vergleichsweise guter Bedingungen mehr Zeit als andere Landeskirchen, sich auf die strukturellen Veränderungen einzustellen. „Wir sollten diese Zeit gut nutzen“, so Hübner.

So setze die Landeskirche verstärkt auf das Prinzip „Kooperation statt Fusion“, sagte Hübner am Rande der Veranstaltung dem Evangelischen Pressedienst (epd). So könnten die Kräfte der Gemeinden nach seinen Worten „am besten zusammen gebracht werden“. Neben den üblichen Kooperationen auf Ebene von Pfarreien oder Dekanatsbezirken gebe es inzwischen auch neue Formen wie Arbeitsgemeinschaften oder Zweckverbände. „Es gilt, den Kirchturmhorizont zu überwinden und zusammenzuarbeiten, aber nicht alles zu vergemeinschaften.“

Hübner bekräftigte, dass es keine von der Landeskirche verordneten Fusionen von Kirchengemeinden geben werde. „Auch in kleinen Gemeinden ist unheimlich viel lebendig.“ Dies zeige sich beispielsweise in der Beteiligung an den Kirchenvorstandswahlen oder in den Eigenleistungen bei Baumaßnahmen. Zuletzt schlossen sich im Jahr 2010 die beiden oberfränkischen Dekanatsbezirke Kronach und Ludwigsstadt zusammen. Weitere Fusionen dieser Art sind laut Hübner vorerst nicht in Sicht: „Die Bindekraft zu einer Gemeinde, in der man wohnt, ist viel stärker als zu einem Dekanatsbezirk.“ (epd/01.02.2014)

Alles außer Gottes Haus

Beim Blick in die katholische Kirche, trifft man auf altbekannte Probleme. Kein Wunder. Offenbar ist die katholische Kirche genauso schlecht beraten worden.

Zu wenig Gläubige – oder zu wenig Glauben an sich selbst? Warum der Trend zur Kirchenumnutzung in die Irre führt

Von Dankwart Guratzsch (Welt am Sonntag vom 21.07.2013)

„Im Rausch einer neuen Weltoffenheit, eines gesellschaftlichen Aktionismus, einer plakativen Hinwendung zu karitativen Werken, Jugend- und Altenarbeit, Frauenkreisen und Kinderbetreuung ist der Aufmerksamkeit entglitten, dass alle diese Kompensationen des Kernauftrags den Niedergang der Kirchen, den Rückgang der Gottesdienstbesuche nicht nur nicht aufgefangen, sondern vielleicht sogar befördert haben. Mit der Absage an die Identität der Kirchengebäude ist auch die Bindung an Kirche zurückgegangen, mit der Profanierung von kirchlichem Handeln die Befähigung, Spiritualität darzustellen, sie zu leben und ihr Raum zu geben. Schon im 19. Jahrhundert hatten Pastoren beklagt, dass der Kirchenbesuch zu wünschen übrig lasse, allein, es wurden die entgegengesetzten Schlüsse daraus gezogen. Nach einer Bestandsaufnahme von 1853 wurden in einer Gemeinde mit 40.000 Seelen nurmehr 20 Kirchgänger gezählt. Eine „Kommission zur Abhülfe kirchlicher Nothstände“ schätzte, in ganz Berlin seien es gerade mal noch fünf Prozent.

Diesem Verlust an öffentlicher Geltung der Kirchen trat die Kirche nicht mit Rückzug, sondern mit einem beispiellosen Bauprogramm entgegen – exakt dem Gegenteil dessen, was Kirchen heute praktizieren. Mit ebenso großen wie großartigen Kirchenneubauten im Stile einer neuen Gotik positionierte und verankerte sich die Kirche im öffentlichen Bewusstsein der Industriegesellschaft als wichtig, zukunftsfähig und expansiv. Ein halbes Jahrhundert später vermeldeten Chronisten, dass die nun noch viel zahlreicheren Kirchen „gut besucht“ seien – freilich nur jene, „in denen Gottes Wort nach den Bekenntnissen der Väter verkündet wird“, während „freisinnige Pastoren“ vor leeren Bänken stünden.

Sind Kirchen heute noch Orte, an denen „Gottes Wort nach den Bekenntnissen der Väter“ verkündet wird? Wohl eher immer seltener. Die Umnutzungseuphorie, die von den Kirchenleitungen selbst und nicht von den Laien forciert wird, der Rationalisierungsfuror zur Straffung und Zusammenlegung von Gemeinden, der zu „XXL-Gemeinden“ führt, die dem älter werdenden Kirchenvolk immer längere Wege aufbürden und regionale Bindungen auflösen, der exorbitante finanzielle Aufwand, mit dem „Pilotprojekte“ für die „erweiterte Nutzung“ von Kirchen (oftmals gegen erhebliche Widerstände aus den Gemeinden) durchgedrückt werden, die Deklassierung, die man aufgegebenen Gemeinden und den Mitgliedern „weiterer Kirchen“ zuteil werden lässt, indem man sie unter ferner liefen verbucht – all dies zeugt von ganz anderen Ambitionen: Es soll ein neues Bild von Kirche erschaffen werden, das „zeitgemäß“ ist und der Kirche ihre hohe weltliche Bedeutung zurückgibt. Die Erfahrungen, die man mit dieser Strategie macht, ähneln verblüffend jenen, die den „freisinnigen Pastoren“ schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten zuteil wurden.“

Lesen Sie mehr unter: http://www.welt.de/print/wams/kultur/article118236101/Alles-ausser-Gottes-Haus.html

Gemeindebund Berlin kämpft gegen Gemeindefusionen

In der Landeskirche Berlin-Brandenburg  hat sich ein Verbund von Gemeinden gebildet, der sich gegen die von oben verordnete Fusion von Gemeinden zur Wehr setzt. Ein Beispiel für die Tendenz innerhalb der EKD zur Zentralisierung.

Die Gemeinden am Scheideweg
von Georg Hoffmann

Das Perspektivprogramm unserer Kirche mit dem etwas unbescheidenen Titel „Salz der Erde“ ist in den Gemeinden und in den Synoden wiederholt Gesprächsthema gewesen. Auch die Bischofskandidaten wurden gebeten, sich hierzu zu äußern. Gleichwohl ist bei vielen der Eindruck entstanden, es sei um das Perspektivprogramm ruhig geworden.

Dieser Eindruck täuscht indes. Unsere Landeskirche ist in einer prekären und so nicht länger haltbaren Situation. In vielen Gemeinden ist das kirchliche Leben fast am Nullpunkt angelangt. Personal und Immobilien können kaum länger gehalten werden. Die überkommenen Formen der Volkskirche werden zur Last, die droht, alles mit sich hinunterzureißen. Das Vermögen der Gemeinden wird gebraucht, um anderswo Lücken zu stopfen. Keine Gemeinde wird in ihrem jetzigen Bestand überdauern, wenn sie nicht rechtzeitig Vorsorge trifft.

Wir alle müssen uns Gedanken machen, wie es mit unserer Kirche weitergehen soll. Insoweit hat das Perspektivprogramm „Salz der Erde“ einen wichtigen Anstoß gegeben. Allerdings greift es zu kurz, denn es unternimmt den Versuch einer Reform der Kirche, ohne alles darauf zuzuspitzen, was Christum treibet.

In der „Kirche der Freiheit“ ist es kaum mehr möglich, sich auf eine Theologie zu einigen, die die Freiheit ordnet und ihr eine Richtung gibt. Schrift und Bekenntnis werden zwar wortreich gebraucht, aber auf praktische Folgerungen können wir uns in den Synoden kaum noch verständigen. Das wird besonders augenfällig beim Perspektivprogramm „Salz der Erde“, denn obwohl es um die Reform der Kirche geht, wird nicht die Theologie in den Blick genommen, sondern nur das, was weniger strittig ist als diese, weil es beispielsweise den Wirtschaftswissenschaften oder der Soziologie entnommen werden kann.

Das Ergebnis verwundert nicht und kommt uns aus dem Wirtschaftsleben bekannt vor: Kirchengemeinden werden zu immer größeren Einheiten umgeformt, damit sie wirtschaftlich bleiben, d.h. ihr Personal und ihre Immobilien bezahlen können, wodurch fortschreitend Regionen, Gesamt- und Großgemeinden entstehen. Die Verkündigung wird nach soziologischen Kriterien „verbessert“, ohne die Misere der Landeskirche zum Anlass zu nehmen zu hinterfragen, ob sie nicht etwa darin ihre Ursache hat, dass in den Gemeinden nicht mehr in allen Stücken Christum getrieben wird.

Das Perspektivprogramm „Salz der Erde“ gleicht also dem untauglichen Versuch, der Kirche durch den Geist der Welt den Geist Gottes einzuhauchen. Dies schreit nach einem Gegenmodell. Um ein solches zu entwerfen, hat sich im letzten Jahr ein Gemeindebund gegründet, dem zur Zeit 40 Gemeinden unserer Landeskirche angehören. Ihm geht es darum – vereint in der Hochachtung vor Schrift und Bekenntnis und in einem gemeinsamen Gemeindeverständnis – die Gemeinde als Keimzelle der Kirche und als Ort der Verkündigung und des Sakramentsgebrauchs zu bewahren und ihre Existenz von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung nach Möglichkeit abzukoppeln. Gleichzeitig versteht sich der Gemeindebund als Netzwerk, das geistliche Stärkung und weltliche Hilfe zum Ziel hat. Den Gemeinden will er helfen, auch in finanzieller Hinsicht Vorsorge zu treffen, beispielsweise durch die Gründung von Fördervereinen und Stiftungen.

Die Gemeinden stehen am Scheideweg. Entweder klammern sie sich an die letzten äußeren Reste der in sich zusammenbrechenden Volkskirche oder sie finden zu eigener geistlichen Erneuerung. Sie müssen sich rechtzeitig entscheiden, denn auf dem Weg der Nachfolge Jesu ist keine Rast! (Quelle: http://www.gemeindebund-online.de/inhalt/text.php

Alle aktuellen Informationen und Pressemeldungen finden Sie unter: http://www.gemeindebund-online.de/

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