„Die Gemeinden sind momentan die Verlierer“

Gemeindebund Bayern fordert mehr Mittel für die kirchliche Arbeit am Ort

epd-Gespräch: Helmut Frank

München (epd). Der Gemeindebund Bayern setzt sich für eine Stärkung der Kirchengemeinden am Ort ein. In einem epd-Gespräch erläutern der Pegnitzer Dekan Gerhard Schoenauer, 1. Vorsitzender des Netzwerks, und der Priener Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth als 2. Vorsitzender die Anliegen und Ziele des Gemeindebundes. 41 Gemeinden sind Mitglied des Bundes, die bayerische Landeskirche umfasst insgesamt rund 1.540 Gemeinden.

epd: Den Kirchengemeinden in Bayern geht es doch ganz gut. Warum gibt es einen Gemeindebund?

Wackerbarth: Man muss es ganz klar sagen: Betriebswirtschaftlich stehen viele Gemeinden kurz vor der Pleite. Die vergangenen Jahre hat man die Finanzierung der Gemeinden aus dem Blick verloren, die schmalen Zuwächse sind ja unter Inflationsniveau geblieben. Gleichzeitig wurde eine Vielzahl an Aufgaben in die Gemeinde verlagert. Wir haben den Eindruck, dass unser Anliegen noch nicht überall durchgedrungen ist. Manche meinen, das sei Jammern auf hohem Niveau oder man müsse doch mehr auf das Ganze schauen. Aber das ist es nicht.

Dekan Dr. Gerhard Schoenauer
Dekan Dr. Gerhard Schoenauer

Schoenauer: Die Gemeinden sind momentan die Verlierer. Die sogenannten Schlüsselzuweisungen, von denen sie alles bezahlen müssen, gingen von ca. 38 Prozent der Kirchensteuereinnahmen auf 24 Prozent zurück.

epd: Nimmt man jedoch die Gehälter und die Versorgung der Pfarrer und Diakone dazu, sind es 67 Prozent des Kirchensteueraufkommens, das in den Gemeinden ankommt. Dazu kommen Zuschüsse bei Baumaßnahmen.

Schoenauer: Das reicht nicht. Die Konsequenz ist, dass die Gemeinden überall reduzieren müssen, bei Bürostunden, beim Hausmeister, beim Mesner, beim Kirchenmusiker. Ausgerechnet bei den Menschen, die das Gemeindeleben am Laufen halten. Und das, obwohl die Kirchensteuereinnahmen stetig gestiegen sind. Da gab es Zuwächse um 30 Prozent. Aber bald werden die Kirchensteuern zurückgehen.

Karl Wackerbarth
Karl Wackerbarth

Wackerbarth: Das hören wir nun schon seit 30 Jahren, es gab aber stets Zuwächse, im Rahmen von 50 bis 60 Millionen. Das Verrückte: Mehr als ein Drittel der Einnahmen werden an den Gemeinden vorbei verteilt. Und die Synodalen machen sich keine Gedanken darüber. Das ist bitter!

 

epd: Wie sieht es konkret in Ihrer Gemeinde in Prien aus?

Wackerbarth: Von unseren 3.000 Gemeindegliedern in Prien zahlen etwa 1.000 Kirchensteuer. Nehmen wir einmal den bayernweiten Durchschnitt von rund 780 Euro pro Person, wären das – bezogen auf Prien – jährlich 780.000 Euro. Davon kommen aber nur 70.000 Euro in unsere Gemeinde zurück. Davon müssen wir – mit Ausnahme der beiden Pfarrer – das Personal und alles andere bezahlen: den Mesner, die Pfarramtssekretärin, den Hausmeister und den Kirchenmusiker. Dafür reichen die 70.000 Euro nicht.

epd: Der Gemeindebund fordert nun 25 Prozent mehr Geld für die Gemeinden.

Wackerbarth: Das ist mal ein Pflock, den wir jetzt einschlagen, das ist viel, aber nicht genug. Aber wir müssen ja auch mal Tacheles reden. Die Arbeit ist mehr geworden und die Ansprüche sind gewachsen. Ein Gemeindebrief muss heute bunt und professionell gemacht sein, sonst wandert er in die Tonne. Die Versorgung von Flüchtlingen kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Dann sind Aufgaben in der Ökumene dazugekommen, die Zielgruppenarbeit, zum Beispiel in einer Vielfalt von Gottesdiensten, die es früher nicht gab.

epd: Das sind Dinge, die auch Ehrenamtliche übernehmen können.

Schoenauer: Die Begleitung Ehrenamtlicher kostet aber auch Zeit und Geld.

Wackerbarth: Dann kommt ganz viel von der Landeskirche, wo es heißt: „Macht doch mal“: Leitbildentwicklung, Gemeindeentwicklung. Alles toll, aber was wird da alles investiert? Man hat nicht bemerkt, was dies auf Dauer an Arbeits- und Personalaufwand bedeutet. Das geht alles zulasten der Präsenz in der Gemeinde. Dazu gibt es immer mehr Vorgaben, was mit den Zuweisungen geschehen soll. Wir müssen zum Beispiel Geld zurücklegen für die Immobiliensicherung.

Schoenauer: Was ja auch sinnvoll ist, aber die Gemeinde Lindenhardt in unserem Dekanat muss nach den Vorgaben die gesamte Zuweisung zurücklegen. Die haben ein großes Gemeindehaus, eine große Kirche, aber zum Leben nichts mehr. Wenn die nicht einen großen Wald hätten, von dem sie jedes Jahr was verkaufen könnten, dann könnten sie nicht mehr leben.

epd: Wo soll das Geld herkommen, was ist verzichtbar?

Wackerbarth: Das ist uns egal. Wir verstehen uns als Anwalt der Ortsgemeinden, unsere Stimme muss gehört werden. Wir wollen, dass die Kirche vor Ort wieder lebensfähig wird.

Schoenauer: Darum geht es. Die Gemeinde Lindenhardt in unserem Dekanat Pegnitz muss nach den Vorgaben die gesamte Zuweisung zurücklegen. 14.000 Euro für den Gebäudeunterhalt, 4.500 Euro Pfarrhausrücklage, und sie bekommen 17.000 Euro als Schlüsselzuweisung. Von was sollen sie den Kirchenmusiker, Mesner etc. bezahlen?

epd: Die Landeskirche hat den Pfarrerbildprozess angestoßen, um die Pfarrer zu entlasten.

Schoenauer: Die Entlastung ist ernst gemeint, zum Beispiel bei der Weiterbildung der Pfarramtssekretärinnen zu Büroassistentinnen. Die können bald den Pfarrerinnen und Pfarrern viel mehr abnehmen. Da sind wir in Bewegung, aber die Aufgaben und Ansprüche nehmen weiter zu. Vor Ort brauchen wir auch die Mittel, um das umsetzen zu können.

epd: Was muss sich ändern?

Schoenauer: Der Pfarrerberuf muss auch wieder Freude machen. Pfarrer haben ein Standbein, das sind Gottesdienst, Seelsorge, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Sie haben aber auch ein Spielbein, das sind ihre besonderen Fähigkeiten, die einfach oft zu kurz kommen. Ich habe einige Pfarrer im Dekanat, die am Rande ihrer Kraft sind. Und man sieht auch, dass der Nachwuchs ausbleibt.

Wackerbarth: Die Frage ist, wie wir unter dieser Belastung weiterhin die Verbundenheit zur Ortsgemeinde erhalten können. Wir müssen uns entscheiden, ob wir Volkskirche in der Fläche sein wollen oder Zentren im Sinne des Konzepts „Kirche der Freiheit“ haben wollen. Beides geht nicht. Wir fühlen uns da von der Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD bestätigt. Da heißt es, dass die Bindung an die Kirche über die Ortsgemeinde geschieht.

epd: Was erwarten Sie vom Landesstellenplan 2020?

Schoenauer: Nur 72 Prozent der Pfarrer sind momentan im Gemeindedienst, da darf es keine weitere Reduzierung der Pfarrstellen bei den Ortsgemeinden geben. Natürlich muss man schauen, wo wie viele Gemeindeglieder sind, aber in einer vernünftigen Art und Weise. Wir sind gegen Fusionen, befürworten dagegen Kooperationen, die die Arbeit erleichtern. Was für Folgen das Zusammenlegen von Gemeinden hat, sieht man in den Landeskirchen, die sogenannte Zentren geschaffen haben. Die haben die Leute verloren, die nicht mobil sind: die Alten und die Schwachen, die Armen. Die fahren nicht 20 Kilometer zum Pfarrer. Da können wir uns so fortschrittlich geben, wie wir wollen – im Sinne des Evangeliums haben wir unser Ziel verfehlt.

epd: Was erwarten Sie noch?

Schoenauer: Dass auch die übergemeindlichen Angebote genau angeschaut werden. Der Stellenplan bei den Gemeinden orientiert sich ja an objektiven Fakten und Zahlen. Bei übergemeindlichen Angeboten findet das nicht statt.

Wackerbarth: Ein höchstes Ärgernis sind die Jugendkirchen. Leider wurden die Gemeinden nie so gut ausgestattet wie beispielsweise die Jugendkirche in Nürnberg. Wenn man die Schulgottesdienste abzieht, dann ist dort doch nicht mehr viel los, da sind an manchen Wochenenden weniger Gäste als Beteiligte da. Und ganz nebenbei geht die Jugendarbeit in den Nürnberger Gemeinden kaputt. Und weil keiner sich traut, das zu sagen, wird nun in München und Lindau derselbe Unsinn gemacht. Das darf doch nicht wahr sein!

epd: Ist in anderen Landeskirchen nicht alles viel schlimmer?

Schoenauer: Wir sind froh, in Bayern zu sein. Das EKD-Programm „Kirche der Freiheit“ wurde zwar auch in Bayern anfangs unterstützt. Die Gemeinden wurden als milieuverengend diffamiert, das empfanden wir als unfair. Auch deshalb wurde der Gemeindebund gegründet. Die neue Kirchenmitgliedschaftsstudie bestätigt unser Anliegen: Bindung an die Kirche geschieht im Wesentlichen über die Ortsgemeinde.

epd: Sie haben als Protestbewegung „Aufbruch Gemeinde“ begonnen, nun sind bei Ihren jährlichen Treffen regelmäßig auch Mitglieder des Landeskirchenrats beteiligt. Fühlen Sie sich vereinnahmt?

Schoenauer: Nein. Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner als Verantwortlicher für die Gemeinden ist immer dabei. Dadurch konnte in der Vergangenheit so manche falsche Entscheidung verhindert werden. Wir bekommen viel positives Echo, aber die Schwelle zum Beitritt ist bei den Gemeinden hoch. Eine gewisse Ängstlichkeit ist bei manchen da.

epd: Wie begeht der Gemeindebund 500 Jahre Reformation?

Wackerbarth: Für den 2. April planen wir einen Thesenanschlag an unsere Kirchentüren. Wir hoffen, dass unsere Anliegen diskutiert werden. (00/3720/18.11.2016)

epd lbm as

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung es epd-bayern: http://www.epd.de/landesdienst/bayern/frontpage

Das Interview im „Sonntagsblatt“: http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2016_47_04_01.htm

Lesen Sie auch die Antwort auf das Interview von OKR Dr. Hübner (Gemeindereferat der ELKB) im Sonntagsblatt:
http://www.sonntagsblatt.de/news/aktuell/2016_49_11_01.htm

5. Aktionstag am 27. September 2014 in Nürnberg

logogembundkleinSehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren des Kirchenvorstands, sehr geehrte Interessierte,

Wir dürfen Sie sehr herzlich zum Aktionstag des Gemeindebunds Bayern einladen. Im Gemeindebund Bayern sind derzeit ca. 35 Kirchengemeinden unterwegs mit dem Ziel, die Gemeinden vor Ort zu stärken, die Finanzierung der Gemeinden kritisch zu durchleuchten und neue Wege zu initiieren. Es ist uns ein Anliegen, theologisch über den zukünftigen Weg unserer Kirche nachzudenken und darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir möchten ein Forum für die Gemeinden bieten, Lobbyarbeit für die Gemeinden leisten in Anlehnung an den Städtetag.

Gelegenheit zur Information und zum Gespräch bietet der Aktionstag am Samstag, den 27. September 2014 in Nürnberg, bei dem auch unser Landesbischof Prof. Dr. Bedford-Strohm, die Präsidentin der Landessynode Frau Preidel, sowie OKR Dr. Hübner vom Gemeindereferat anwesend sein und sich unseren Fragen stellen werden. Da neben den Mitgliedern des Gemeindebundes nur begrenzte Plätze zur Verfügung stehen, werden wir diese Plätze entsprechend dem Eingang der Anmeldung vergeben.

Alle Infos und Berichte finden Sie auf unserer Webseite: http://www.aufbruch-gemeinde.de/aktionstag5.htm

Die Einladung als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/einladung14.pdf

Gegen zentrale Steuerungslogik

Unter diesem Titel erschien der Rückblick auf die dreijährige  Arbeit des Forums Aufbruch Gemeinde im Korrespondenzblatt Nr. 6/2011. Dr. Herbert Lindner schrieb hierzu einen Leserbrief unter dem Titel „Zukunft der Gemeinde“ im Korrespondenzblatt Nr. 8/2011.  Sein Vorwurf: „Eine einflächig gedachte und praktizierte »Beteiligungskirche« hätte nach allem was die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen zeigen, einen scharfen Rückgang in den Mitgliederzahlen und eine Milieuverengung innerhalb der verbleibenden Mitglieder zur Folge. Hier müsste sehr viel genauer nachgedacht und ekklesiologisch und kirchenpraktisch argumentiert werden. Kirchliches Handeln muss »multifaktoriell«  bleiben, denn es lässt sich eindimensional nicht optimieren.“

Johannes Taig antwortet Dr. Lindner im Korrespondenzblatt Nr 10/2011, S. 169f.:

Soziologie statt Theologie?

Dr. Lindners Kritik im Korrespondenzblatt Nr. 8/2011 stützt sich hauptsächlich auf der Vorwurf der „Eindimensionalität“ der Anliegen von Aufbruch Gemeinde: „Eine einflächig gedachte und praktizierte »Beteiligungskirche« hätte nach allem, was die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen zeigen, einen scharfen Rückgang in den Mitgliederzahlen und eine Milieuverengung innerhalb der verbleibenden Mitglieder zur Folge.“(S. 146) Mit Verlaub: Weder vertritt Aufbruch Gemeinde eine „einflächig gedachte Beteiligungskirche“, die Lindner offenbar als Gemeindeprofil versteht, noch kann man aus den Mitgliedschaftsuntersuchungen solche Schlussfolgerungen ziehen.

Grundlage seiner Argumentation sind die bisher vier Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft, die, um es verkürzt zu sagen, ergeben hätten, dass die Ortsgemeinde sozusagen als Geburtsort der Kirchenmitgliedschaft zu gelten habe, die Kirchenmitgliedschaft im Weiteren aber durch allerlei andere „übergemeindliche“ Angebote gepflegt und stabilisiert werden müsse. Der moderne Mensch schwirre nun einmal herum und sei nicht auf die Ortsgemeinde festzulegen. Hieraus zieht Lindner direkt genauere Angaben, wie die Kirchensteuereinahmen entsprechend auf die verschiedenen Bereiche und Ebenen der Kirche von der Ortsgemeinde bis zum landesweiten Dienst zu verteilen wären – also so ähnlich, wie dies heute bereits der Fall ist. Dies halte ich für wenig überzeugend.

Nicht nur weil theologische Gesichtspunkte hier durch vermeintlich eindeutige soziologische Befunde vollständig ersetzt und damit scheinbar überflüssig werden, sondern weil die soziologischen Befunde der bisherigen Untersuchungen keineswegs so eindeutig und vergleichbar sind, wie Lindner glauben machen will. Wer mehr hierzu lesen möchte, sei auf den Beitrag von Jan Hermelink in dem von ihm zitierten Band „Kirchenreform“ (hrsg. von Isolde Karle, Leipzig 2009, ab Seite 143 ff) verwiesen. Hermelink weist dort unter der Überschrift „Kirche als Dachorganisation und Symbolisierung des Unverfügbaren“ darauf hin, dass der Einfluss „übergemeindlichen“ und „zielorientierten“ Handelns der „Kirche“ auf die Kirchenmitgliedschaft grundsätzlich überschätzt wird. Hermelink begründet dies ausdrücklich an den erhobenen Befunden.

In diesem Zusammenhang gehört auch, was Wolfgang Schoberth im gleichen KorrBl. (Nr. 8/2011) auf Seite 148 schreibt: „Es wäre freilich fatal, wenn hier die in Theologie und Kirche allerdings nicht selten anzutreffende Naivität ausschlaggebend wäre, die die religionssoziologischen Untersuchungen und Theorien für die Wirklichkeit selbst hält: Wie jede Wissenschaft liefert auch die Religionsforschung ein methodisch konstruiertes Bild der Wirklichkeit, nicht diese selbst; und dieses Bild ist wiederum abhängig von den Kategorien, die als analytische Leitsonden angewandt werden. Die theologische Analyse und das kirchenleitende Handeln kommen nicht darum herum, die soziologischen Forschungen noch einmal kritisch und innerhalb eines theologischen Referenzrahmens zu reflektieren. Dann freilich zeigt sich ein Bild, das von den gängigen pseudo-soziologischen Konstrukten theologischer Theoriebildung noch einmal gründlich unterschieden ist. Die theologisch wie empirisch entscheidende Frage ist die nach Kirchenstrukturen, die dem entsprechen, was als das Wesen der Kirche erkannt wird. Die Diskussion darum wäre allererst zu öffnen.“ (http://aufbruch-gemeinde.de/wordpress/?p=279) Für Lindner ist sie bereits erledigt!

Noch einmal: „Warum sollte die Kirche und warum sollten die an ihrer Gestaltung verantwortlich Beteiligten ein Interesse daran haben, sich in konkreten Gestaltungsaufgaben an dogmatischen Modellen der Kirche zu orientieren? Aus meiner Sicht zum einen deshalb, weil die Kirche nur in Orientierung an einer genuin theologischen Selbstbeschreibung ihrer Eigenart als religiöser Organisation entsprechen kann: Um festzuhalten, dass ihr primärer Referenzrahmen das gesellschaftliche Teilsystem „Religion“ ist – und nicht „Medien“ oder „Wirtschaft“ -, ist die Kirche darauf angewiesen, sich selbst (auch) religiös zu beschreiben und damit zugleich ihre Differenz zu anderen gesellschaftlichen Organisationen deutlich zu machen. Die Orientierung an dogmatischen Beschreibungen der Kirche scheint mir zum anderen notwendig zu sein, um inhaltlich begründet aus bestehenden Gestaltungsmöglichkeiten wählen und mit den normativen Implikationen nicht-theologischer Beschreibungen kritisch umgehen zu können. Um dies an einem Beispiel zu erläutern: Eine an Bonhoeffer anschließende dogmatische Beschreibung der Kirche wird deren intrinsische Sozialität hervorheben und daher die Bedeutung von Ortsgemeinden unterstreichen, in der diese Sozialität in der realen Interaktion der Glaubenden Gestalt gewinnt. Eine an ihr orientierte Gestaltung der Kirche wird daher solche Gestaltungsmöglichkeiten ergreifen, durch die Ortsgemeinden mit ihren vielfältigen und oft unscheinbaren Möglichkeiten direkter Begegnung gestärkt werden. Und sie wird Tendenzen der Abwertung von Ortsgemeinden widersprechen, wie sie sich in „Kirche der Freiheit“ als Folge einer spezifischen nicht-theologischen Beschreibungen der Kirche als Organisation beobachten lassen. (Markus Höfner, Geglaubte und empirische Kirche, in: Isolde, Karle, Kirchenreform, aaO, S. 53 f)

Ich muss an dieser Stelle hoffentlich nicht noch einmal betonen, dass auch nach der Auffassung des „Forums Aufbruch Gemeinde“ kirchliches Handeln multifaktoriell bleiben muss und sich das Leben der Kirche nicht in den Gemeinden am Ort erschöpft. Umgekehrt gilt: Eindimensional wird das Leben der Gemeinden am Ort gerade dann, wenn diesen von der Zentrale die Aufgabe der „Grundversorgung“ und mithin die Aufgabe der Bewältigung des „grauen Alltags“ zugewiesen wird und alles, was an der Kirche toll ist und die Mitglieder bindet, angeblich von übergemeindlichen Diensten angeboten werden muss. Gerade Kirchengemeinden, die vonseiten der „Zentrale“ zur „Filiale“ degradiert werden, und deren Aufgabe mehr und mehr darin besteht, die Angebote von weiter oben nach unten zu kommunizieren, werden eindimensional! Die Entwicklung dahin ist weit fortgeschritten und tägliche Praxis, vom Immobilienmanagement bis zur Unterschriftenaktion zur Transaktionssteuer. Und wie viele Schreiben, die wichtige Entscheidungen für die Gemeinde beinhalten, gehen über den Schreibtisch mit dem Vermerk: „Der Beschluss des Kirchenvorstands wird nachgereicht.“ „Beteiligungsgemeinde“ meint eben nicht Uniformität im Sinne einer bestimmten Gemeindeprofilierung, sondern die grundsätzliche Möglichkeit, das eigene Gemeindeleben und damit die eigene Verkündigung aktiv zu gestalten und Eigenverantwortung zu übernehmen. Tatsache ist, dass Gemeinden, die auch in finanzieller Hinsicht mit dem Rücken zur Wand stehen, dazu immer weniger Möglichkeiten haben.

Dass Lindner die Schuld an dieser Situation ganz bei den Gemeinden sieht, die eben faul und egoistisch sind, statt zu fusionieren, bzw. zu kooperieren, kann von diesen schon als Spott und Hohn empfunden werden. Dort wird es vielerorts ein böses Erwachen geben, weil nun die Pfarrhausrücklage nicht länger durch Sonderzuweisungen abgefedert wird, sondern voll auf den Haushalt durchschlägt. Zukünftig wird auch noch eine Gemeinderücklage für die anderen Immobilien gefordert, aber keiner hat bisher eine Idee, wovon die Gemeinden sie bilden sollen. Man kann den Gemeinden nicht ständig neue Lasten zuweisen und auf der Einnahmenseite alles beim Alten lassen. Da wird “freiwilliges Engagement an Zeit und Geld”, das es in den Gemeinden längst gibt, auch keine Wunder vollbringen können. Es war übrigens in den 70er Jahren eine kirchenpolitische Entscheidung, den Bauunterhalt nicht in den innerkirchlichen Finanzausgleich (Schlüsselzuweisung) einzupreisen, sondern bei der Zentrale zu lassen. Man kann ihn jetzt nicht einfach an die Gemeinden zurückgeben, ohne das Finanzierungssystem zu ändern.

Es wird nicht funktionieren, wenn Lindner meint, er könnte den Ortgemeinden die zukünftige Marschrichtung „Konzentration und Kooperation“ mit dem Argument vorgeben, dass nur so die „Basisstruktur“ der Ortsgemeinde erhalten werden könnte. Organisationstheoretische, soziologische oder ökonomische Gründe werden nicht ausreichend sein können und dürfen (!) für eine Kirche, die sich als Kirche Jesu Christi versteht. Die Diskussion darum wäre allererst zu öffnen und sie wird sich auch nicht in gewohnt paternalistischer Manier beschränken lassen auf die Synode. In wessen Interesse wäre das denn? Der Gemeindebund Bayern (www.aufbruch-gemeinde.de), der am 4. Februar 2012 in Nürnberg gegründet werden wird, wird sich u.a. mit solchen Fragen befassen.

Pfr. Johannes Taig
Mitglied der Landessynode
Mitglied im Grundfragenausschuss

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