Kritik der aufblasbaren Kirche

Quelle: theomag

Über Klerikalismus, Banalität und Gleichheit

Wolfgang Vögele

„Selbst die Kirchenkritik folgt ihren Ritualen. Insider kennen die Namen der Journalisten, die in den überregionalen deutschen Tageszeitungen regelmäßig über die evangelische und die katholische Kirche schreiben. Kritische Artikel über die Kirche tauchen mit solider Regelmäßigkeit auf, und diese folgt den Feiertagen des Kirchenjahres. Genauso regelmäßig werden solche Artikel in den sozialen Netzwerken herumgereicht, stets schnell mit einer großen Menge von Kommentaren angereichert. Leser und User wissen genau, wer am besten formuliert, wer eher der konservativen oder der liberalen Kirchenkritik zuzurechnen ist, wo die Gewährsleute und Informanten in München, Hannover und Berlin zu suchen sind, welcher Journalist aus der Landeskirche ausgetreten und in eine kleine, vermeintlich konfliktfreie Freikirche gewechselt ist, welche Religionssoziologen und Meinungsforschungsinstitute im Hintergrund ihre Untersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Aber genauso regelmäßig wie die evangelischen Kirchen als reformunfähig, mitgliederfreundlich und eingemauert in ihre alltägliche frömmelnde Geschäftigkeit dargestellt werden, genauso regelmäßig verläuft jede Kritik im Sande. Es ändert sich nichts: Die Mühlen von Frömmigkeit, Strukturdebatten und Leitbildprozessen mahlen weiter, als ob nichts geschehen wäre und als ob nichts geschehen müsste. (…)

Eine andere Krise, die theologisch und kirchlich relevant erscheint, zielt auf die veränderte Rolle der Intellektuellen in öffentlichen Debatten. Immer wieder haben in letzter Zeit Intellektuelle beklagt, dass ihre philosophischen und politischen Interventionen nicht mehr in der Weise gehört werden, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Wer sich wie in der nostalgisch verklärten Vergangenheit in Essays und Büchern zu Wort meldet, wird kaum noch gehört, weil beides nicht mehr gelesen wird. Auf Twitter und Facebook, in Kommentaren von weniger als tausend Zeichen, kann niemand Meinungen, Kritik, Projekte und Initiativen ausreichend begründen. Dasselbe gilt für politische und kulturelle Talkshows, die zwar noch Reichweite und Zuschauerquoten versprechen, aber eben nicht mehr der Ort sind, ausführlich, begründet und auf hohem Niveau Argumente auszutauschen und Vorschläge zu machen. Auch dieser Prozess der De-Intellektualisierung der Gesellschaft schlägt in die Kirchen hinein, und er zeigt sich am schwindenden Einfluss der Theologie auf das kirchliche und gemeindliche Leben.[1] Beispiele dafür sollen in den folgenden Überlegungen dargestellt werden.

Es ist der Prozess der Banalisierung zu beschreiben, dem kirchliches Leben im Moment unterworfen ist (2.-9.). Danach sollen Ursachen für solche Banalisierungsprozesse beschrieben werden (10.-13.), die im Moment zu neuen theologischen Deutungsmodellen verdichtet werden, weswegen solchen Modellen ebenfalls ein kritischer Blick gebührt (14.-17.). Am Ende steht ein unzureichender, erster Vorschlag, die gegenseitige Lähmung zwischen Kräften der Kritik und der Beharrung zu überwinden (18.). (…)

Notwendige Konzentrationsprozesse

Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass gegenwärtiges kirchliches Leben sowohl in seinen Binnenbeziehungen wie auch in seinen Beziehungen zur Gesellschaft und zur Zivilgesellschaft wie auch zu anderen Religionen von der Frage des Umgangs mit dem Pluralismus geprägt ist. Evangelischer Glaube muss damit umgehen, dass seine eigenen Gewissheiten von anderen Glaubenden, von anderen religiösen Personen, von Menschen ohne Religion nicht unbedingt geteilt werden. Um diese Fragen und Probleme zu behandeln, können unterschiedliche Wege eingeschlagen werden. In diesem Essay wurde herausgearbeitet, dass sich dabei ein Weg der Banalisierung und ein Weg der Intellektualisierung und Theologisierung unterscheiden lassen. Wer mit Harmlosigkeit und Anbiederung und Nivellierung von Differenzen punkten will, der ver­schenkt die Botschaft des Evangeliums. Der Weg des Fundamentalismus, der Abgrenzung von bestimmten Bereichen der Erfahrung, steht theologisch nicht offen. Offen dagegen steht ein Weg der Besinnung auf theologische Argumentation und Interpretation, eine Konzentration auf Theologie, Gottesdienst und Predigt. Daran wäre weiter zu arbeiten.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus Ta Katoptrizomena, Heft 115: https://www.theomag.de/115/wv046.htm

Das autoritäre Echo – Kirche in Zeiten des Rechtspopulismus

Von Hans-Jürgen Volk

Wer heute rechtspopulistische Strömungen analysiert, darf den Wurzelboden nicht vergessen, aus dem sich diese politischen Entwicklungen nähren. Hierzu zählt nach Hans-Jürgen Volk auch die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik der Schröder- und Agenda 2010-Jahre. Volk zeigt aber auch auf, inwiefern die evangelische Kirche im Strom dieser neoliberalen Neuausrichtung mitgeschwommen ist und dies nun mit einem Vertrauensverlust bezahlt, der wenig verwunderlich ist

„Die evangelische Kirche ist mit dem Strom geschwommen. Wahrnehmbar für einzelne Gemeindeglieder sind vor allem die Schließung von Kirchen und Gemeindezentren, Fusionen von Gemeinden und Kirchenkreisen und die immer größer werdende Schwierigkeit, bei eigenen Anliegen einen verlässlichen Ansprechpartner zu finden. Kurz: Für den in den letzten Jahren stetig gestiegen Kirchensteuerbeitrag gibt es immer weniger Gegenleistung. Das erzeugt Frust und Entfremdung. Frust erzeugt die Bevormundung der Praktiker vor Ort durch Menschen, die ihr berufliches Leben vor allem in Büros und Sitzungsräumen verbringen. Frust ohne ­Ende entstand durch die vielfachen sozialen Härten bei kirchlichen Mitarbeitern, die von Rückbauprozessen und Sparprogrammen trotz stetig steigender Kirchensteuereinnahmen betroffen sind. Wenn Vertreter der Kirche sich öffentlich wohlmeinend zur Flüchtlingsfrage oder zu sozialen Themen äußern, wird dies als moralisierend empfunden. Die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Verfassung ist Teil einer Problemlage, die Rechtspopulisten in Deutschland Auftrieb gegeben hat.

Nötig wäre eine konsequente Umkehr von einem falschen und letztlich unkirchlichen Kurs, wie sie das »Wormser Wort« einfordert. Nötig wären mutige Schritte, innerhalb des kirchlichen Lebens eine wirksame Teilhabe der Kirchenmitglieder zu ermöglichen. Die Mitglieder könnten durch kirchliche Plebiszite bei Fusionsprozessen und anderen strukturellen Veränderungen mit eingebunden werden. Mutig wäre es, z.B. Spitzenämter auf Kirchenkreisebene durch eine Wahl der Kirchemitglieder zu vergeben. Mutig wäre es, Gewaltenteilung und Machtkontrolle zu praktizieren.

Wer Menschen als Objekt betrachtet und behandelt, die sich denen mit angeblich größerem Überblick unterzuordnen und zu fügen haben, erzeugt Frust und Entfremdung. Das Hartz IV-Regiment macht den Menschen, der eigentlich als Bürger der Souverän sein sollte, zum Fürsorge- und Strafobjekt, das man gelegentlich demütigen muss. Eine evangelische Kirche sollte hier bewusst Gegenakzente setzen und partnerschaftlich mit Gemeindegliedern und Beschäftigten umgehen. Unsere Gesellschaft, die in der Tat durch rechtspopulistische Kräfte bedroht ist, braucht eine Kirche, die mit ihren Strukturen und ihrem Umgang mit Kirchenmitgliedern und Beschäftigten ihre Botschaft bezeugt. Das könnte heißen: mehr direkte Demokratie und Teilhabe in den verschiedenen kirchlichen Körperschaften und Einrichtungen, die Pflege eines bewusst sozialen Umgangs mit den eigenen Beschäftigten, größere Spielräume für die, die vor Ort in der kirchlichen Arbeit engagiert sind sowie die Rückkehr zum Prinzip der kollegialen Leitung und der Einmütigkeit. Hierbei hilft es nicht, Einmütigkeit formaljuristisch zu interpretieren. Das Ringen um Einmütigkeit ist eine geistliche Aufgabe, die auf Augenhöhe in partnerschaftlich-geschwisterlicher Weise zu leisten ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Heft 7/2018, S. 374ff.: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4539

Das Kirchenverständnis der Reformatoren, gegründet in den Zeugnissen des Neuen Testaments

Mich wundert schon, dass eine evangelische Landeskirche, noch dazu lutherischer Prägung, ihr eigenes Handeln, ihre eigenen, die von ihr zu leistenden Werke, derart in das Zentrum ihrer Erneuerungsbemühungen stellt. Aber besteht nicht der grundlegende Auftrag der Kirche zu allererst darin,  immer  wieder  neu Kirche, d.  h.  Gemeinde Jesu Christi, zu werden?

„Wenn ich die Reformpapiere richtig verstanden habe, so soll an die Stelle eines „verzagten Festhaltens am Vergangenen“ jetzt der „kraftvolle Blick in die Zukunft“ treten. Die Denkbewegung der kirchlichen Arbeit gehe in der Regel „aus, von dem was ist, von dem, wie kirchliche Arbeit jetzt organisiert ist“. Dagegen hat sich die Begleitgruppe zu „Profil und Konzentration“ dafür entschieden, „von der Zukunft her Kirche zu denken“ (Inhaltliche Einführung zur Konferenz der kirchenleiten- den Organe am 10./11. Juni 2016 in Tutzing). Doch ist das die Alternative, ob wir die Kirche von der Gegenwart oder der Zukunft her denken, einer Zukunft zumal, wie wir sie uns ausmalen oder prognostizieren? Müssen wir dagegen nicht immer wieder sehr selbstkritisch die Gestalt und Ausrichtung der Kirche von Jesus Christus her bedenken?

Genau das ist ja mit der so oft und falsch zitierten Formel von der „ecclesia semper reformanda“ gemeint (vgl. meinen Aufsatz in DPfBl 4/2018, 207-210). Dass sich die Kirche gerade nicht den Strukturen und Maßstäben der Welt anzupassen hat, sondern sich, da selbst in den sich wandelnden Zeiten unterwegs, immer wieder neu zurückformen, reformieren, lassen muss in die Gestalt und Form, die Jesus Christus entspricht, darum geht es. Wie das schon im Wirken Jesu, seiner Sammlung der „kleinen Herde“ (Lk 12,32), geschah und dann später in den urchristlichen Gemeinden gelebt wurde, hat Gerhard Lohfink überzeugend dargestellt. („Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast“, Aktualisierte Neuausgabe, Stuttgart 2015). Sein Votum: „Aber offenbar leben viele Christen weit von der Welt der Bibel entfernt. Einer der Grundgedanken der Bibel (…) ist der Gedanke, dass Gott in der Welt ein Volk haben muss (…) Ein Volk gerade um der Welt willen und um über dieses Volk die ganze Welt zu erreichen (…) Um aber Welt verändern zu können, darf sich das Gottesvolk nicht der Gesellschaft anpassen oder sogar ‚Anschlussfähigkeit‘ an die Gesellschaft demonstrieren, sondern muss das Neue leben, das mit Abraham in die Welt gekommen ist und durch Jesus vollendet wurde.“ (S.174)1

Reformierte Christen haben im Heidelberger Katechismus die schöne Frage 54, die sich übrigens ziemlich deutlich an einen Passus im Großen Katechismus Luthers anlehnt (vgl. Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche, 657,25-38). Da wird gefragt:

„Was glaubst du von der »heiligen allgemeinen christlichen Kirche«?

Die Antwort lautet:

„Daß der Sohn Gottes aus dem ganzen Menschengeschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und Wort in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält, und daß ich ein lebendiges Glied derselben bin und ewig bleiben werde.“

Nicht wir, unsere Synoden, Bischöfe, Projektgruppen, Fachabteilungen sind es, die die Kirche „entwickeln“, „bauen“, in die Zukunft führen können. Der Sohn Gottes ist es, der seine Kirche „versammelt, schützt und erhält“. Unser Tun ist an anderer Stelle gefordert. Wie der Sämann in den Gleichnissen Jesu sollen wir das Wort aussäen. Für das Wachsen und Gedeihen ist dagegen ein anderer zuständig. Dies zu wissen und zu glauben, ist eine große Entlastung für alle, die „im Weinberg des Herrn“ tätig sind.“

Prof. i. R. Dr. Gisela Kittel, Detmold

Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 139ff. Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kittel1806.pdf

 

Und Gott lachte

Ich hatte einen Traum. Ob es ein Albtraum war, das weiß ich nicht, ob es ein Wahrtraum war, kann ich nicht sagen. Aber dass er mich nicht loslässt und immer wieder kommt, mit jedem Sonntagsblatt und Synode aktuell und manchmal einfach so zwischen Abend und Morgen, das ist wahr.

Ich sah und siehe, meine Kirche und ihre Mitarbeitenden beschäftigt mit immer neuen Papieren, die immer die gleichen Fragen stellen. Und ich sah, wie sie geschäftig mit Eifer neue Antworten suchten auf die alten Fragen und Papiere entwarfen, wie Kreise tagten, die die Texte beschlossen und Moderatoren sie Unkundigen deuteten. Wer nicht mitmachen mochte, wem alles bekannt vorkam, den erklärte man zu einem Fossil, versteinert, Sie verstehen? Am Ende waren die Antworten ebenso alt wie die Fragen, aber das sagte niemand – ob jemand es merkte?

Und ich sah andere, die das Unberechenbare in Zahlen fassen, Zukunft planen und so Zuversicht schöpfen wollten. Und ich verstand die Verzweiflung, die sie trieb und doch ihre Antworten nicht. Wie viele überhaupt noch in der Kirche sein würden in dreißig Jahren, wie viele Mitarbeitende wir uns leisten können, fragten sie und fügten nicht hinzu „nach menschlichem Ermessen“ oder „so Gott will“, der Unberechenbare kam in den Rechnungen nicht vor.

Und wieder andere sah ich, die priesen neue Medien. Per WLAN mit Gott verbunden oder wenigstens mit der Kirchenleitung und jeden Tag eine Predigt des Bischofs frei Haus: Was brauchst Du die kalten Kirchen noch, sagten sie, außer als Raum für den godspot. Per Internet Starprediger frei Haus und das Echo zurück, das andere in den Gemeinden selten hören: „Es liegt so viel Segen in Ihren Worten!“ schrieben einige und fanden keine Schleimspur. Andere erfanden Events, bis sie so am Ende waren, dass sie nicht einmal mehr berichten konnten von all dem Guten, das sie erzeugt hatten.

Ja, da gab es auch Menschen, die Kirche am Evangelium gemessen planten und redeten, als seien sie von Paulus persönlich unterrichtet worden. Gemeinden sahen sie und sahen die nicht, die in keiner Gemeinde sein wollten. Sie träumten von Kirche ohne Kirchenleitung und sahen keinen Wandel der Zeiten. Am Ende rangen sie dann nur noch mit den anderen, die alles das für bloß historisch erklärten, das man nicht übertragen könne, wie sie sagten.

Wieder andere waren beschäftigt, Arbeitszeit in Dienstordnungen zu fassen und weil es nicht ging, konnten sie manchen Besuch nicht mehr machen und mussten Predigten suchten im weltweiten Netz.

Ob das auch Arbeitszeit sei, fragten sie dann und merkten nicht, wie sie Freiheit verspielten und Kreativität. Dass sie vor den unendlichen Ansprüchen von Menschen sich retten wollten, die einen verschlingen können, das spürte ich, aber auch, wie Menschen sich abgewiesen fühlten von ihnen, ausgegrenzt, weil die sich abgrenzten.

Und ich sah, dass es mit meiner Kirche gar nicht so schlecht stehe, wenn Menschen Rat suchen und Hilfe und Orientierung. Ich sah, die ihr wieder beitraten und mithalfen an ihrem Ort. Nur fanden sie, was sie taten, gering geschätzt in den Papieren und in der Versammlung der klugen und kirchenleitenden Menschen. Die hatten wohl keine Zeit, das Einzelne zu sehen, weil sie das Ganze planten und indem sie es planten, zerfiel ihnen alles in Teile und die Teile wieder in Teile, bis Verzweiflung sie ergriff und sie Fachleute suchten, das Ganze wieder herzustellen. Und schrieben neue Papiere und hörten neue Referate, aber was Kirche sei, das wussten sie nicht, das sollte die mittlere Ebene planen.

Dass Kirche ein Teil dieser Gesellschaft sei, die so vielfältig ist, dass kein Teil Wirkung im Ganzen haben kann, das sahen sie nicht. Dass ihre Worte kaum jemand las, selbst nicht die verkürzte Form in der Zeitung, und Geschichten aus dem Plenum keinen interessierten, das sahen sie nicht. Dass keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Interessengruppe alle erreichte, wollten sie nicht sehen.

Und ich sah, dass Menschen nach Kirche fragten, die eine Grundlage für das Leben suchten, einen Halt in der Auseinandersetzung um Menschen und Meinungen. Weil aber all die Geschäftigen beschäftigt waren und eingedeckt mit Papieren und Bilanzen, Prognosen und Berechnungen, Ängsten und Streit, wer denn nun Kirche sei, suchten die Menschen andere Orte. In kleinen Gemeinden, die Wärme boten und Antwort und wirkliche Menschen.

Und so träumte ich, dass all das, was das Ende der Kirche verhindern sollte, dieses Ende beschleunigen könnte. Und spürte die Angst der Rechner, die am Ende noch mit einer Mehrung der Mitglieder nicht nur ihre Prognosen dahingehen sahen, auch alle Berechenbarkeit und das Geld werde nicht reichen, so sagten sie. 2050 machen die Letzten das Licht aus und gründen eine Immobiliengesellschaft und stellen Leute ein für kundige Führungen durch erhabene Räume.

Was Gott im Himmel machte, das sah ich nicht. Vielleicht hatte er keine Zeit für all diese Geschäfte, beschäftigt mit Gebeten derer, die keine Worte mehr fanden für ihren Glauben, den sie suchten und noch immer nicht hatten. Und manche vermissten ihn nicht, weil sie gar nicht wussten, was sie vermissen könnten und niemand ihnen davon redete.

Und ich erwachte und erschrak, weil ich merkte, dass ich lange schon wach gewesen war. Und hätte nun gern, dass es ein Traum gewesen sei, Alb- oder Wunschtraum. Denn es war mir, als ob Gott lachte. Und sein Lachen hallte wider von einem Ende der Welt zum anderen, aber all die Geschäftigen hörten es nicht, weil sie zu laut waren und die Frommen hörten es nicht, weil ihr Gott nicht lachen konnte. Und dass sie alle nur lebten, weil er lachen konnte, das sahen sie nicht. Dass er noch lacht oder lächelt und seine Liebe kein Ende habe, das wünsche ich mir und uns allen. Ob ich es glauben kann? Manchmal weiß ich selbst das nicht.

Ja, wir müssen überlegen, wie mit weniger Pfarrerinnen und Pfarrern das Evangelium weitergegeben werden kann – nur: War davon irgendwo die Rede? Wer wird diesen Beruf ergreifen oder auch nur sein Leben der Kirche widmen, wenn das ihre Arbeit sein soll?

Martin Ost, Berlin

Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 136f.: http://www.pfarrverein-bayern.de/sites/www.pfarrverein-bayern.de/files/korrespondenzblaetter/Kblatt-1806.pdf

Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus

Von Frank Weyen (Deutsches Pfarrerblatt Heft 5/2018)

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist.

„Das neoliberalistische Wirtschaftsmodell hat seinen Siegeszug durch die westlichen Gesell­schaften ungebremst vollzogen. Die Kirchen blieben davon nicht verschont. Frank Weyen stellt in seinem Beitrag zunächst die Grundlagen neoliberalistischen Denkens dar. In einem zweiten Schritt arbeitet er heraus, wie neoliberalistische Denk- und Gestaltungsformen in kirchlichen Debatten und Verlautbarungen Einzug hielten, um daran anschließend zu skizzieren, zu welchen absehbaren Konsequenzen diese Strategien in der Kirche führen werden.“

„Über diese Beispiele hinaus ließen sich noch weitere aus der kirchlichen Praxis heranziehen, z.B. der Ersatz der althergebrachten Kameralistik zu Gunsten der Doppelten Buchführung, Doppik genannt, in einem System, dass über Jahrhunderte hinweg mit der einfachen Einnahme-Ausgabenrechnung gut gefahren ist, sodass es auch betriebswirtschaftliche Laien in den Kirchenpflegen und Presbyterien verstehen konnten. »Die sozialen Sicherungssysteme werden zunehmend Markt-, betriebswirtschaftlichen Leistungs- und Konkurrenzgesetzen unterworfen. Genauso wie Länder, Regionalverbände und Kommunen, die ihre Verwaltung schon vor der Jahrtausendwende mittels sog. neuer Steuerungsmodelle auf eine nur schwer messbare Qualitätssicherung orientiert haben, streben sie nach größtmöglicher kaufmännischer Effizienz, während ihr eigentlicher Zweck, Menschen in schwierigen Lebenslagen wirksam zu unterstützen, deutlich dahinter zurücktritt. Ganz im Sinne der Ökonomisierung des Sozialen verdrängt dabei ein betriebswirtschaftlich orientiertes Leitbild von Qualitätsmanagement traditionelle Orientierungen von religiös oder ethisch motivierter Nächstenliebe, von Subsidiarität und Solidarität«.

Oder auch die Einführung von Jahresdienstgesprächen im Pfarrberuf: Der Fragenkatalog dokumentiert neben seelsorglichen und dienstrechtlichen Erörterungsgegenständen auch Fragen nach Selbstoptimierung, Effizienzsteigerung und Zielvereinbarungen für die folgenden Jahre.

Vielleicht sind aber auch die Optimierungen von Kirchgemeinden durch Bildung größerer Einheiten ein gesellschaftliches Spiegelbild neoliberalistischen Denkens. Ökonomische Sachzwänge treten hierbei in den Konflikt mit der theologischen Programmatik.

Auf der anderen Seite haben sich die Landeskirchen einem Sparzwang unterworfen, der sich als Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern als Konsequenz aus dem neoliberalistischen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Steuersenkungen und niedrigen Erwerbseinkommen auswirkte. Infolgedessen wurden auch bei kirchlichen Mitarbeitenden Gehaltsgrenzen eingeführt und sogar das Pfarrsalär durch Entkoppelung von den Besoldungsstufen und durch Streichung bzw. Kürzung von Sonderzuwendungen z.B. in der Westfälischen Kirche massiv geschmälert. Dieser Vorgang produziert in Folge das, was die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle mit der Deprofessionalisierung des Pfarrberufes als Schlüsselberuf (Grethlein) der Kirche bezeichnet hat. »Die entscheidende Schwachstelle des Neoliberalismus bilden zudem weder das kaum mehr übersehbare Scheitern seiner ökonomischen Konzepte noch sein Plädoyer für eine Hochleistungs-, Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft, in der sich nur die leistungsstärksten Mitglieder behaupten, sondern sein unermüdlicher Kampf gegen einen Wohlfahrtsstaat, der Leistungsschwächere auffängt, sie sozial integriert und überhaupt erst zu gleichberechtigten Gesellschaftsmitgliedern macht.«

Vereine, Parteien und sonstige Freizeitangebote können gleiches tun wie die Kirchen. Das charakteristische Sujet, der Verkündigungs- und Bildungscharakter, den kirchliche Angebote stets als protestantische Merkmale ausgezeichnet haben, und die zu den Identitätsmerkmalen protestantischer Kirchlichkeit mit seinem Bildungsideal gehören, gehen dabei jedoch gänzlich verloren. Die Konsequenz daraus ist ein massiver Relevanzverlust kirchlicher Themen unter der Bevölkerung und eine bis zur theologischen Unkenntlichkeit sich selbst herabmindernde neoliberalistisch geprägte Werbung um Menschen, die als Mission oder Missionierung euphemisiert wird.

Damit gehen zugleich von den Kirchen gegenüber der Gesellschaft bereitgestellte Faktoren verloren, die für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig sind. Daher ist die teils durch Eventisierung, Unterhaltungs- und Freizeitprogramm der kirchlichen Angebote selbst verursachte theologische Deprofessionalisierung zugleich ein Beitrag dazu, dass kirchliche Antworten auf die Anfragen unserer Zeit nicht mehr angemessen vernommen, ja mittlerweile durch die Bevölkerung sogar aktiv ignoriert werden.

Der Zugriff des Monetarismus auf das kirchliche Leben sowie alle ökonomischen Optimierungsbestrebungen stellen eine freiwillige Einwilligung der Kirchen auf dieses ideologische Gesellschaftsmodell dar, anstatt daran zu arbeiten, ein politisch-ökonomisches Gegenmodell zu entwickeln, beispielsweise durch die Stärkung vorhandener ordoliberaler Alternativen wie die Soziale Marktwirtschaft oder den Rheinischen Kapitalismus.

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen in diesem Zusammenhang weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne (J.F. Lyotard) dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist (Mt. 28,19; Lk. 10).

Was dabei durch die freiwillige Einwilligung in die Unterwanderung der Kirche durch neoliberalistisches Begriffs- und Gedankengut zu kurz zu kommen droht, sind die protestantische Programmatik sowie der Verkündigungs- und Bildungscharakter der Kirche, um dem zunehmenden religiösen Analphabetismus unter der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dies wäre ein Wirkungshorizont, der der kirchlich-theologischen Programmatik entspräche und dieser Wirkungshorizont würde zugleich mehr Theologie wagen.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, Heft 5/2018: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4506

Die Neuentdeckung der Kirche – Eine Erinnerung an Martin Luthers ekklesiologische Grundoptionen

Die Kirche hat da ihr Sein, wo eine Gemeinde (gottesdienstlich) um einen Altar und um eine Kanzel versammelt ist.

Von Wilhelm Christe

Kirche als Organisation und Ortsgemeinde

An dieser »Neuentdeckung der Kirche« seien noch zwei Akzentuierungen herausgestellt: Zum einen versteht Luther die Kirche nicht zuerst von der Institution, der Organisation her: also nicht, wie es sich damals nahe legte, von der Kirche als »heiliger Ordnung«, als »Hierarchie« her, die ein eigenes sakrales Recht besaß und sich vor allem im Papst, den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten darstellte, d.h. wesentlich Klerikerkirche war. Heute müsste man von Luther her sagen: die Kirche besteht nicht zuerst in den einem Verein ähnlichen Großorganisationen von Landeskirche oder EKD, denen man durch bloß formale Mitgliedschaft angehört, sondern Kirche ist primär die eben verborgene geistliche Gemeinschaft der Glaubenden auf der ganzen Welt, über alle Grenzen von Institutionen und Organisationen hinweg. Sie ist primär Gemeinschaft, Gemeinde, ein »Haufen«, wie Luther sagt, von Menschen, die Jesus Christus im Heiligen Geist gerufen und versammelt hat, eben sein einiges Volk auf der ganzen Erde. Man sollte, so denke ich, das ruhig stehen lassen und nicht sofort apologetisch umdeuten: Luthers Kirchenbegriff hat durchaus eine geistig-geistliche, »spiritualistische« (und aktualistische) Schlagseite!

Und das Zweite: Was die äußere, sichtbare Gestalt dieser weltweiten unsichtbaren Kirche betrifft, so kristallisiert sie sich zuerst und bleibend in der Gemeinde vor Ort, der Pfarrgemeinde, als Gemeinschaft der Menschen, die um eine Kirche, einen Kirchturm herum leben. Und dies deshalb, weil die Pfarrgemeinde, die Ortsgemeinde zusammen mit ihrem Kirchengebäude der genuine Ort ist, an dem die Predigt des Evangeliums und die Feier von Taufe und Abendmahl geschehen, also jene Vollzüge, die Kirche immer wieder neu entstehen lassen. Dies geschieht eben nicht in den übergeordneten Strukturen etwa des Dekanates, der Landeskirche oder der EKD. Joachim Ringleben formuliert deshalb treffend: »Die Kirche hat da ihr Sein, wo eine Gemeinde (gottesdienstlich) um einen Altar und um eine Kanzel versammelt ist.«

Luther lehnt indessen solche übergemeindlichen Einheiten und Dienste nicht rundweg ab, sie sind ihm aber sekundär, müssen der Grundgestalt der sichtbaren Kirche, der Ortsgemeinde, sowie ihrem Grundgeschehen dienen und sind nach diesem Maßstab jeweils pragmatisch (»de jure humano«), fern aller theologischen Überhöhung, ein­zurichten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt, Heft 4/2018: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4489

Kirchliche Handlungsräume oder Gemeinde Jesu Christi? Eine missverstandene Formel und das Zeugnis des Neuen Testaments

Inmitten der sich wandelnden Welt, in der auch die Kirche lebt, soll sie sich immer wieder in Jesus Christus zurück–formen, re–formieren lassen! Und das heißt: Sie soll sich zurück in die Form bringen lassen, die Jesus Christus entspricht.

Von Prof. i.R. Dr. Gisela Kittel

Am Anfang mögen zwei Verse aus dem Römerbrief des Apostels Paulus stehen.

Röm 12,1f: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Schlagen wir Vers 2 in der Übersetzung der Vulgata nach, so lesen wir: „Et nolite conformari huic saeculo sed reformamini in novitate sensus vestri ut probetis quae sit voluntas Dei …“

Der Anklang an die heute so gern benutzte Formel von der „ecclesia semper reformanda“ ist nicht zu überhören. Bedeutet sie wirklich, dass sich die Kirche immer neu dem Wandel der Zeit stellen soll? Muss sie sich beständig der Zeit entsprechend verändern?

Die Herkunft der besprochenen Formel ist noch immer nicht ganz geklärt. Von den Reformatoren stammt sie jedenfalls nicht![1] Wenn ich richtig informiert bin, wurde sie im reformierten Frühpietismus zu Anfang des 17. Jahrhunderts zum ersten Mal wörtlich nachgewiesen.[2] Aber der Gedanke, dass die Kirche immer wieder einer „reformatio“ bedarf, reicht viel weiter zurück, in die Reformbewegungen des Mittelalters, ja bis zu den lateinischen Kirchenvätern.[3]

Doch wie auch immer man die Herkunft der Formel bestimmen mag, klar ist, dass die Rede von der „ecclesia semper reformanda“ gerade nicht die Aufforderung beinhaltet, die Kirche möge sich immer wieder neu der Welt, ihren Strukturen und Prinzipien anpassen. Sie solle sich beständig wandeln, um mit der Zeit zu gehen.

Das Gegenteil ist gemeint!

Inmitten der sich wandelnden Welt, in der auch die Kirche lebt, soll sie sich immer wieder in Jesus Christus zurück–formen, re–formieren lassen! Und das heißt: Sie soll sich zurück in die Form bringen lassen, die Jesus Christus entspricht. So wie es der Apostel Paulus im Brief an die Gemeinden in  Galatien ausdrückt. An den Galatern irre geworden, beschwört sie der Apostel Gal 4,19: „Meine lieben Kinder, die ich abermals unter Wehen gebäre, bis Christus in euch Gestalt gewinne!“ – Röm 12,2: „Und macht euch nicht dieser Welt konform, sondern lasst euch re-formieren durch Erneuerung eures Sinnes …“

Wir befinden uns gegenwärtig in einem Umformungsprozess, wie es ihn in unserer evangelischen Kirche bisher nicht gegeben hat.[4] Da dieser Umbau inzwischen in fast allen Landeskirchen begonnen wurde und erlebt werden kann, sei er hier nicht weiter erläutert. Ich beschränke mich auf die Stichworte:

  • Regionalisierung (Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse von der Gemeindeebene weg auf die jeweilige mittlere Ebene und deren Stärkung)[5];
  • Funktionalisierung (Abbau von Gemeindepfarrstellen zu Gunsten von Sonderpfarrstellen und funktionalen Diensten)[6];
  • Zentralisierung (Leuchtfeuer, Kompetenzzentren, Zentralgottesdienste, Gemeindefusionen, Zentrale Verwaltungsämter)[7];
  • Ökonomisierung (Neues kirchliches Finanzsystem – NKF, Doppelte Buchführung – Doppik, Substanzerhaltungspauschale, Erweiterter Solidarpakt)[8].

Lauter Prozesse, die als Kehrseite die Marginalisierung und Entmündigung der Ortsgemeinden und ihrer Kirchenvorstände zur Folge haben. Denn die örtlichen Gemeinden werden in diesen Prozessen wichtiger Entscheidungsbefugnisse beraubt (Personalhoheit, Finanzhoheit), durch das neue Kirchliche Finanzsystem arm gerechnet (wenn sie z.B. wertvolle Immobilien besitzen) und – falls sie den angelegten Kriterien nicht standhalten – zum Aufgehen in Großverbänden wie Gesamt- oder Kirchenkreisgemeinden gedrängt, um nicht zu sagen: gezwungen [9]

Noch einen Schritt weiter als bisher erlebt, geht mittlerweile die Evangelische Kirche in Bayern (die kleine braunschweigische Kirche ist schon vor ein paar Jahren vorausgegangen), die mit ihrer Synodenvorlage „Profil und Konzentration“ (PuK genannt) die bisherigen Entwicklungen noch einmal übertrumpft.[10]

Jetzt soll die Landeskirche in „Handlungsräume“ oder „Gestaltungsräume“ entsprechend den „Sozialräumen“ gegliedert werden. In ihnen sind „multiprofessionelle Teams“ mit „multiprofessionellen Kompetenzen“ als „Akteure“ tätig, um in funktional aufgeteilten Diensten von „kirchlichen Zentren“ aus das Kirchenvolk und vor allem die Kirchenfernen religiös zu erwecken und zu versorgen. Die örtlichen Gemeinden, die „Parochien“, kommen in diesem Konzept nur noch am Rande vor.[11] Auch sie sind nur „Akteure“ unter vielen anderen „Akteuren“ und haben für die am Ort „weniger Mobilen“, Senioren und Familien mit kleinen Kindern, immerhin noch einen gewissen Nutzen.[12]

Ich habe mich immer wieder gefragt und frage mich weiterhin, was eigentlich hinter diesem Umbau der evangelischen Kirche steckt?

Sind es die Sparzwänge? In der Tat war im Zuge des EKD-Impulspapiers „Kirche der Freiheit“ in allen Landeskirchen und ihren Entscheidungsgremien der große Alarmruf zu hören. Es gäbe zu den durchgeführten Streichungen von Pfarrstellen, Schließungen von Kirchen und Gemeindehäusern, Fusionierungen von Einzelgemeinden zu Großgemeinden keine Alternative! Denn die evangelische Kirche könne – so wurde warnend prognostiziert – wegen ihres Mitgliederschwundes im Jahr 2030 nur noch über die Hälfte der Steuereinnahmen verfügen, die sie im Jahr 2002 noch hatte einnehmen können. Damals betrugen die Kirchensteuereinnahmen in der gesamten EKD 4 Milliarden Euro, im Jahr 2030 würden es aber nur noch 2 Milliarden sein.[13] – Doch seit 2006 sind die Kirchensteuereinnahmen ständig gestiegen! Sie betrugen im Jahr 2016 laut EKD-Statistik 5,45 Milliarden Euro.

Daher sei die Frage noch einmal gestellt. Warum und zu welchem Zweck betreiben die EKD-Kirchen diesen radikalen Umbau? Was wird von denen, die den Prozess antreiben und leider auch durchsetzen, wirklich gewollt?

Bestimmte Formulierungen in amtlichen Papieren, ja, die Sprache dieser „Kirchenreform“, können vielleicht einen Fingerzeig geben:

So spricht etwa das Impulspapier der EKD nicht von der Zukunft der Gemeinden, um die man sich Sorgen macht – diese kommen nur in Negativzusammenhängen vor – , die Rede ist von der „Zukunft des Protestantismus in Deutschland“ und dem „Mentalitätswandel“, mit dem „der deutsche Protestantismus die Chance (habe), neue Zukunft zu gewinnen“[14]. Daher muss bei  jeder finanziellen Unterstützung die Frage überzeugend beantwortet werden, „ob es für die Zukunft des Protestantismus in Deutschland von herausregender Bedeutung sei, diese Aufgabe fortzusetzen.[15] In einem wichtigen Vortrag wird These 10 des Papiers der Berliner Kirche „begabt leben – mutig verändern“ so ausgelegt, dass wir „dann eine gesellschaftlich relevante Kirche (bleiben), wenn wir ein Konzept regionaler Vernetzung gestalten …“[16]. Oder es wird gefragt, „was unsere Kirche in Zukunft wieder ˏbemerkenswerterˊ macht“[17]. „Im Jahr 2030 ist die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung dadurch stark, dass sie gemeinsame Themen und Positionen vorgibt, die in die Gesellschaft hineingetragen und vertreten werden.“[18].

Vom erhofften „Ausstrahlen der Kirche“ in den gesellschaftlichen Raum hinein ist immer wieder die Rede. So soll es im Jahr 2030 „zentrale Begegnungsorte des evangelischen Glaubens“ geben, „die missionarisch-diakonisch-kulturell ausstrahlungsstark sind und angebotsorientiert in einer ganzen Region evangelische Kirche erfahrbar machen“[19]. An diesen Orten zeigt dann die evangelische Kirche „die Fülle ihrer geistlichen Kraft“[20]. Wir müssen von Zeit zu Zeit neu schauen, ob „unsere kirchlichen Verhältnisse mit ihren gewachsenen Strukturen, mit der Art, wie Gemeinde gelebt, das Ehrenamt positioniert, wie das Pfarramt verstanden wird…“, ob das alles noch so passt, „dass wir eine gewisse Ausstrahlungskraft in unsere Gesellschaft hinein“ [21] besitzen. „Kasualien als wichtige Kontaktpunkte der Kirche mit Kirchenmitgliedern und Nichtmitgliedern sind professionell und qualitativ so weiterzuentwickeln, dass ihre geistliche Attraktivität gesteigert wird“[22]. …

Was ist das für eine Kirche, die so fragt und redet und dann auch handelt? Sie macht in hohem Maß den Eindruck einer „außengeleiteten“ Kirche. Nicht, „was Gottes Wille ist“ Röm 12,2, scheint im Vordergrund der Überlegungen und Planungen zu stehen, sondern wie sie sich selbst zu einer öffentlichen Größe machen kann, die gesellschaftliche Anerkennung, öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung erlangt und so ihre Zukunft sichert.[23]

Doch wird eine solche Kirche auch in den Augen Gottes eine Zukunft haben? Wird sie, derart auf sich selbst ausgerichtet, Menschen zu Jesus Christus führen und, wie behauptet, missionarisch wirken können? Ja, ist sie selber noch die Gemeinde des Gekreuzigten, bereit, zu ihm aus dem Lager hinauszugehen, um seine Schmach zu tragen? (Hebr 13,13)

Auch wenn es heute vielfach heißt, dass wir liebgewordene Traditionen verabschieden und unsere Gemeindebilder verändern müssen, soll hier doch noch einmal in das Neue Testament zurückgeblickt und an die Aussagen und starken Metaphern erinnert werden, in denen die neutestamentlichen Zeugen von der Gemeinde Jesu Christi sprechen.

Es gibt, wie wir wissen, im neutestamentlichen Sprachgebrauch keinen Unterschied zwischen den Begriffen „Kirche“ und „Gemeinde“. Die Kirche ist die Gemeinde. Beide werden mit dem einen Wort „ekklesia“ bezeichnet, das im profanen Gebrauch schlicht die „Versammlung“, die „Volksversammlung“ bedeutet und im christlichen Kontext u.a. durch den Genitiv „Gottes“ näher bestimmt wird. Die „Ekklesia Gottes“ ist die Versammlung der durch Gott bzw. Jesus Christus in seinen Dienst berufenen Menschen. Und diese Ekklesia wird, obwohl es sie in ökumenischer Weite gibt, doch sichtbar und konkret an ganz bestimmten Orten, in den örtlichen Gemeinden, auch in Versammlungen in einzelnen Häusern. So schreibt der Apostel Paulus z.B. die Korintherbriefe an die Ekklesia Gottes, die in Korinth ist (1. Kor 1,2; 2.Kor 1,1), oder er lässt die Ekklesia grüßen, die im Haus von Prisca und Aquila zusammenkommt (Röm 16,5; 1. Kor 16,19). Paulus spricht aber auch von den Gemeinden, die in Judäa sind (1. Thess 2,14), oder allen Gemeinden der Heiden (Röm 16,4).

Der Sprachgebrauch im Neuen Testament schwankt zwischen Singular und Plural, wozu Karl Ludwig Schmidt in seinem Artikel im Theologischen Wörterbuch bemerkt: „Es ist nicht so, dass die  ̉ekklesía in  ̉ekklesíai zerfällt. Es ist auch nicht so, dass erst eine Addition von  ̉ekklesíai die  ̉ekklesía ergibt. Es ist vielmehr so, dass an den genannten Orten sich die  ̉ekklesía findet …“[24]

Jürgen Roloff erläutert noch ausführlicher:

„Die Ortsgemeinden repräsentieren die ekklesia Gottes, freilich nicht in der Weise, daß sie nur Ausschnitte aus einer übergreifenden empirisch gedachten Größe, einer ‚Gesamtkirche‘, wären, sondern so, daß in ihnen das Wesen der pneumatisch-christologischen Größe ‚ekklesia Gottes‘ gültig zum Ausdruck kommt. Jede einzelne Gemeinde ist in einem vollen Sinn ekklesia Gottes. Was sie als solche ausweist, ist nicht ihre Anteilhabe an einer ‚Gesamtkirche‘, sondern ihr Sich-Versammeln ‚in Christus‘, d.h. als Bereich des durch den Geist gegenwärtig wirksamen Christus.“[25]

Für diese Ekklesia Gottes, die in jeder einzelnen Gemeinde gegenwärtig ist, wie wenige oder viele in ihr auch zusammenkommen, hält das Neue Testament verschiedene aussagestarke Bilder bereit:

Sie ist nach Paulus der „Leib Jesu Christi“, eine Gemeinschaft von Menschen, die im Abendmahl an dem für uns gegebenen Leib des Herrn Anteil haben (1. Kor 10,16f) und in der Taufe in seinen Leib, in die durch ihn bewirkte Versöhnung, hineingetaucht wurden (1. Kor 12,13). So dürfen sie alle nun miteinander als „begnadete Sünder“ leben. Da ist nicht mehr Jude, Grieche, Sklave, Freier, Mann, Frau (Gal 3,28). Sie sind alle eins in Jesus Christus und untereinander Glieder, die sich gegenseitig brauchen und stützen, wie es die Glieder eines natürlichen Leibes tun (1. Kor 12,12-27; Röm 12,4+5). Wahrhaftig, ein Kontrastmodell zur zerrissenen antiken Gesellschaft, aber ein Modell, das ganz konkret in der Ekklesia eines Ortes gelebt wird!

Ein anderes Bild für die Ekklesia Gottes ist der Tempel. Nicht mehr der Tempel in Jerusalem oder heidnische Tempelgebäude in einer antiken Stadt sind Begegnungsorte mit dem Heiligen. Die Ekklesia Gottes, die Gemeinschaft der Heiligen, ist der „Tempel des lebendigen Gottes“ (2. Kor 6,16), ein geistliches Haus, aus lebendigen Steinen erbaut (1. Petr 2,4-8), von  Gottes Geist durchdrungen (1. Kor 3,16f) und auf dem Eckstein, Jesus Christus, gegründet (Eph 2,20-22).

Im ersten Petrusbrief (1. Petr 1,17; 2,11) findet sich das Bild der „paroikia“, der „Parochie“. Der Begriff bezeichnet das Leben der Christen, die in dieser Welt als „Beisassen“, als Fremdlinge wohnen und deren Erbe im Himmel aufbewahrt ist (1. Petr 1,4).

Und da ist das „wandernde Gottesvolk“, Menschen, die zu dem in Schande „draußen vor dem Tor“ hingerichteten Jesus Christus hinausgehen, um seine Schmach zu tragen. Und die wissen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr 13,13f).

Zuletzt sei noch auf das wunderbare Bild in Jesu Abschiedsreden im Johannesevangelium verwiesen. Wer sind die Seinen? „Reben“ sind sie am Weinstock, die allein von ihm, ihrem Meister und Herrn, ihren Saft und ihre Lebenskraft erhalten und denen gesagt ist: „ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,1-5).

All diesen Bildern und Aussagen ist eines gemeinsam: Es geht um Gemeinschaft, eine Gemeinschaft von Menschen, die zueinander gehören und die zugleich – als diese Gemeinschaft – einem anderen angehören: Jesus Christus, dessen Herrschaft über alle tödlichen Mächte und Gewalten sie schon jetzt in ihren Gottesdiensten feiern, dem sie entgegen gehen, auf den hin sie versuchen, ihr Leben auszurichten (Eph 4,15f). Es geht in diesen neutestamentlichen Aussagen um das Wesen der Kirche, nicht einfach um eine zeitbedingte Organisationsform, die man auch wechseln kann.

Daher lautet die entscheidende Frage: Hilft der gegenwärtige Umbau der evangelischen Kirche dieser Ekklesia Gottes? Hilft er unseren Gemeinden, zum „Leib Jesu Christi“ zu werden, zum „Tempel des lebendigen Gottes“, zur „Rebe“ am Weinstock, die nicht verdorrt und weggeworfen wird (Joh 15,6)? Nur dann könnten wir vielleicht auch von einer „Ausstrahlung“ sprechen, die nicht von Menschen hergestellt oder angestrebt werden kann, sondern allein von dem, der das „Licht der Welt“ ist, geschenkt wird. Nur dann könnten und dürften wir vielleicht die großen Zusagen wiederholen, die Jesus seiner Jüngergemeinde zugesprochen hat: Ihr – nicht die Kirchenorganisation, sondern die konkret und praktisch Jesus Nachfolgenden – seid das „Licht der Welt“ (Mt 5,14), weil ich euch in mein Licht gezogen habe. Ihr seid das „Salz der Erde“ (Mt 5,13), weil durch eure Gemeinschaft etwas erfahrbar wird von der Umkehrung der Maßstäbe, die sonst im Überlebenskampf auf dieser Erde gelten. Die Stadt, die  auf einem Berg liegt und in der schon jetzt die kommende Herrschaft Gottes verkündigt und gefeiert wird, kann doch nicht verborgen bleiben! (Mt 5,14)

Resümee

  • Ich hoffe auf eine demütige Kirche, die den grundlegenden Schaden unserer heutigen Kirche: unsere geistliche Armut, die Sprachlosigkeit in den Fragen des Glaubens, unsere Gottesvergessenheit, nicht überspielt mit Aufsehen erregenden Aktionen, Großkundgebungen, Schönrednerei, sondern die in kritischer Selbstbesinnung nach dem fragt, was sie selber hält und trägt.[26]
  • Ich hoffe auf eine Kirche, die wieder lernt, zu unterscheiden zwischen dem, was Gottes Sache, und dem, was uns aufgetragen ist. Wachstum und Bestand der Kirche liegen in Gottes erhaltender oder richtender Hand. „Die Zukunft ist sein Land“, wie es im so oft und gern gesungenen Lied von Klaus Peter Hertzsch (EG 395) in der dritten Strophe heißt. Wir sind an einer anderen Stelle gefordert, die der Apostel Paulus deutlich benannt hat. Gegenüber dem Vorwurf, dass sein Auftreten und seine Predigt nicht so weisheitlich und glänzend wie die des Apostels Apollos sei, erwidert er in 1. Kor 4,1f:  „Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“
    Treue in Lehre und Verkündigung gegenüber dem biblischen Wort, Treue aber auch gegenüber den Menschen ist angesagt. Dass die Mitarbeiter der Gemeinde in der Nähe der Menschen bleiben, Pfarrern und Pfarrerinnen Zeit und Freiraum gegeben wird, Menschen in ihren Lebenssituationen seelsorgerlich zu begleiten, dass Gottesdiensträume nicht zugeschlossen werden, sondern überall, wo Christen leben, das Zusammenkommen zum gemeinsamen Lob, zu Fürbitte, Bibellesung und Gebet besonders am Tag des Herrn möglich ist, dass der diakonische Dienst in der Nähe der Gemeinden bleibt und nicht an überregionale Organisationen abgegeben wird, deren kirchliche Ausrichtung nicht mehr erkennbar ist – dies und vieles mehr gehört zu der Arbeit, die die Gemeinde Jesu in Treue auszurichten hat.
  • Ich hoffe auf eine Kirche, die die stille, bescheidene Arbeit vor Ort wieder wertschätzt, die nicht nur von der Freiheit – nach außen gewandt – redet oder sie für ihre eigenen Strukturveränderungen in Anspruch nimmt, sondern die auch Freiheit gibt: den Gemeinden, Kirchenvorständen, Pfarrpersonen, Mitarbeitenden, dass sie auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen und in eigener Verantwortung je an ihrem Ort ihre Arbeit tun können, ohne bedroht zu werden mit Stellenabzug, Mittelkürzungen oder gar disziplinarischen Maßnahmen, wenn sie den Weisungen aus der Mittelebene Kritik und Widerstand entgegensetzen.
  • Ich hoffe auf eine Kirche, die Konflikte menschlich austrägt, durch Anhörung aller Betroffener, Gespräch, echte Mediation, Supervision, und die dem Vorkommen von Mobbing und Willkürentscheidungen in den eigenen Reihen durch Änderung ihrer Gesetzgebung endlich einen Riegel vorschiebt.[27]
  • Ich hoffe auf eine Kirche, in der die Theologische Erklärung von Barmen nicht nur in der Präambel der Verfassung steht, sondern die auch nach diesen theologischen Erkenntnissen handelt.
    These III
    „Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern (und Schwestern), in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.
    Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.“

[1] Die Reformatoren haben Gottes Wort ins Zentrum ihres theologischen Denkens gerückt und die Kirche als Geschöpf des Wortes Gottes gesehen. Vgl. Gisela Kittel, Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein, DPfBl 11/2017, 624-628.
[2] Th. Mahlmann, „Ecclesia semper reformanda“. Eine historische Aufklärung. Neue Bearbeitung, in: R. Johansson u.a. (Hg.), Hermeneutica Sacra. Studien zur Auslegung der Heiligen Schrift im 16. Und 17. Jahrhundert, Berlin/New York 2010, 381-442: 438.
[3] Emidio Campi, „Ecclesia semper reformanda“. Metamorphosen einer altehrwürdigen Formel, Zwingliana 37 (2010), 1-19, 3-6.
[4] Eine Ausnahme war der Versuch der Einführung des Führerprinzips in die evangelische Kirche durch die Deutschen Christen in den Jahren 1933/34. Damals sollte die Kirche, dem Geist der Zeit folgend, in eine Reichskirche umgeformt werden mit einem Reichsbischof an der Spitze, was zusammen mit der Einführung des „Arierparagraphen“ den Kirchenkampf ausgelöst hat.
[5] Vgl. z.B. Andreas Dreyer, „Stärkung der mittleren Ebene“. Wie sich die Hannoversche Landeskirche von ihren Kirchengemeinden distanzierte, in: G. Kittel/E.Mechels (Hg.), Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr, Göttingen 20172, 128-139; Georg Hoffmann, Umgestaltung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zum „Erweckungs“-Unternehmen auf der Grundlage eines reformationswidrigen Verständnisses von Gemeinde und Synode, in: Kirche der Reformation? 165-180.
[6] Vgl. Christoph Bergner, Der Triumph der funktionalen Kirche. Warum die evangelische Kirche keine Pfarrer mehr braucht, DPfBl 8/2016, 436-439; Hans-Ulrich Pschierer, Die „gärtnernde“ Kirche. Von Visionen, Humus und Dünger, in: Die mündige Gemeinde 6, 8-12 (http://aufbruch-gemeinde.de/wordpress/?p=1386)
[7] Vgl. Manfred Alberti, „Wie das Gemeindeprinzip in der EKiR ausgehebelt wurde“, in: Kirche der Reformation? 140-161.
[8] Friedhelm Schneider, Epoche der Selbstbeschäftigung. Eine Zwischenbilanz zum kirchlichen Impulsprozess „Kirche der Freiheit“, in: Kirche der Reformation? 71-86; Hans-Jürgen Volk, Kirche – Gemeinwesen oder Großkonzern? Die bedrückende Entwicklung einer Kirche auf Gemeindebasis zum finanzorientierten Konzern, ebd. 87-101. Ders., Teure Umbauprojekte lassen die Gemeinden verarmen. http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekir/teure-umbauprojekte-lassen-die-gemeinden-verarmen.php
[9] Vgl. Herbert Dieckmann, Plädoyer für eine kirchliche Erneuerung von unten, in: Kirche der Reformation? 216-232; Manfred Alberti, Aspekte zur Reform der Rheinischen Kirche EKiR, http://manfredalberti.de/a-10-2-reformentwicklungen-im-rheinland-vortrag-in-bremen-17-11-2017/ Vgl. auch den Beitrag unter Anm. 7.
[10] Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Profil und Konzentration. Zeugnis geben von der Liebe des menschgewordenen Gottes, Stand: 29. März 2017.
[11] In seiner Einführungsrede betont Bischof Bedford-Strohm zwar, dass die „Räume“ die Gemeinden nicht überflüssig machen und nicht entwerten, doch die „Arbeitspakete“ weisen in eine andere Richtung.
[12] Arbeitspaket A: Kirche im Raum, 2.3.
[13] Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, 22.
[14] AaO 29.
[15] AaO 42.
[16] Bischof Dröge, Vortrag vor der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern am 19. April 2016, Teil III.
[17] Impulspapier des Moderamens der Gesamtsynode der Evangelisch-reformierten Kirche „Wir wollen eine krasse Herde bleiben“, 13.
[18] Kirche der Freiheit, 85.
[19] AaO 59.
[20] Ebenda.
[21] Ulrike Trautwein, Rundbrief Pfarrverein EKBO 1/2017, 12.
[22] Profil und Konzentration, Arbeitspaket C: Geistliche Profilierung, 4.2.
[23] Der im April 2017 verstorbene Eberhard Mechels hat in seinem Beitrag „Der Reformprozess als Strategie der Integration von Christentum, Kirche und Gesellschaft“ in: Kirche der Reformation? 335-346, die „Christentumstheorie“ als Grundkonzeption dieser Reform erhellend beschrieben.
[24] ThWNT III; 506,23ff.
[25] Jürgen Roloff, Die Kirche im Neuen Testament, NTD-Ergänzungsreihe 10, Göttingen 1993, 97.
[26] Mit Recht ist dies von Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff in ihrem im Herbst 2017 veröffentlichten Memorandum angemahnt worden: „Reformation in der Krise. Wider die Selbsttäuschung. Ein Memorandum zum Reformationsfest 2017.“
[27] Vgl. den „Ungedeihlichkeitsparagraphen“ in den Pfarrdienstgesetzen der Landeskirchen, durch den ohne Untersuchung, ohne Schuldnachweis Pfarrpersonen und kirchliche Beamte in Wartestand und anschließenden Zwangsruhestand versetzt werden können, wenn nur von irgendeiner interessierten Seite Unruhe geschürt wird. Vgl. hierzu die Beiträge in: Kirche der Reformation? 302-328.

Lasst die Kirche im Dorf! – mit lutherischem Profil und geistlicher Konzentration

Ich bete wahrlich mit Fleiß für Dich, und es tut mir weh, dass Du unverbesserlicher Sorgen-Blutegel meine Gebete so vergeblich machst. Ich wenigstens bin, was die Sache (des Glaubens) angeht – ob es Dummheit ist oder der Geist, mag Christus sehen – nicht sonderlich beunruhigt, vielmehr besserer Hoffnung, als ich zu sein gehofft hatte. (Luther an Melanchthon)

Von Prof. Dr. Christian Möller, Heidelberg

Vortrag vor den Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern des Dekanats Gunzenhausen in Mittelfranken am 20.11.2017.

In kurzer Zeit bin ich jetzt dreimal nach Mittelfranken eingeladen worden:

Am 16. Oktober in die Sauerkrautstadt Merkendorf, um über Martin Luther zu sprechen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich dort keinen Vortrag über „Luther und das Sauerkraut“ gehalten habe, wie es im Lutherjahr 2017 üblich war: „Luther und das Wittenbergisch Bier“, „Luther bei Tisch“ oder „Luther und das Apfelbäumchen“ usw. Nein, ich habe über „Luther als Seelsorger“ gesprochen, um das Bild eines leisen Luthers in Erinnerung zu rufen, der dem Menschen dazu hilft, für seine eigene Seele zu sorgen, damit er vor Gottes Gericht bestehen könne. Die lauten Töne habe ich an diesem Abend dem großen Merkendorfer Posaunenchor überlassen, der uns mit kräftigen Tönen zum Singen von Lutherliedern eingestimmt hat, während zum Schluss eine junge Maid vom alten Posaunenchorleiter erstmals die Leitung des Posaunenchors übertragen bekam; sie hat es, zwar aufgeregt, aber sehr gut gemacht. Ich aber bekam als Referent zwei Konserven Sauerkraut mit auf die Reise,  die ich in unserer Heidelberger Vorratskammer wohl verwahrt habe, um sie zu Weihnachten zu öffnen, wenn es wieder Schlesische Weißwürste gibt – und dazu Merkendorfer Sauerkraut – lecker!

Am 4. November bin ich nach Mönchsroth in das Dekanat Dinkelsbühl eingeladen worden, um dort in der Klosterkirche am Samstagabend bei einem Reformationsgottesdienst über „Luther und seine Lieder“ eine Lied – Predigt zu halten. Chor und Orchester waren aus Würzburg angereist, um ihr Konzertprogramm in einem mittelfränkischen Gottesdienst schon mal zu erproben. Und siehe, es wurde ein wunderschöner Gottesdienst in einer gut gefüllten Kirche. Auch der Dekan war aus Dinkelsbühl herbeigekommen. Und doch gab es an diesem Abend noch eine Hintergrundmusik der besonderen Art: Der Gemeinderat hatte einige Wochen zuvor die Bürgermeisterin von Mönchsroth mit 20 Kritikpunkten zum Rücktritt genötigt und hatte einen neuen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl am 5.11. aufgestellt. Doch auch die abgewählte Bürgermeisterin hatte sich wieder zur Neuwahl gestellt. Und sie saßen alle miteinander am Samstagabend in jenem Reformationsgottesdienst an ganz verschiedenen Stellen in der Klosterkirche. Man spürte förmlich die Ruhe vor dem Wahl-Sturm am Sonntag. Der Ortspfarrer verabschiedete am Ausgang alle, auch die abgewählte Bürgermeisterin, und wünschte ihr für diese Nacht einen ruhigen Schlaf. Was bekomme ich in Heidelberg am Montag früh zu hören? Sie, die abgewählte Bürgermeisterin,  ist am Sonntag mit 67% wiedergewählt worden, und der  Gemeinderat hat gleich verkündet, dass er sich Mühe geben will, mit ihr wieder zusammenzuarbeiten. Das ist Franken – wie es leibt und lebt! Vital, stur, unabhängig!

Nun bin ich gespannt, wie es heute in Gunzenhausen mit Ihnen, den Kirchenvorstehern und Kirchenvorsteherinnen des Dekanats wird! Vielleicht denkt ja der eine oder die andere unter Ihnen schon insgeheim: Warum redet der so lang von Merkendorf und Mönchsroth? Der soll endlich zu seinem Thema in Gunzenhausen kommen: „Lasst die Kirche im Dorf!“ Ich antworte darauf: Meine Damen und Herren, ich bin ja schon mitten im Thema drin! Denn so ist das, wenn die Kirche mitten im Dorf steht: Dann gehören Posaunenchor und Sauerkraut, dann gehören die um ihre Wahl zitternde Bürgermeisterin  mit dem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott!“ zusammen, das wir natürlich im Gottesdienst auch gesungen haben.  Alles ist ein großer, wohl unterschiedener Zusammenhang, und die Kirche ist mittendrin.

Kirche mitten in der Welt, aber nicht von der Welt

Die Kirche ist mitten im Dorf, und ist zugleich nicht mitten drin, weil sie Kirche mitten in der Welt ist, aber nicht von der Welt ist. Das wird in Merkendorf am ehesten an dem hohen Kirchenturm deutlich, der zum Himmel weist und mit den Glocken zwei- oder dreimal am Tag der Stadt von einer Gnade kündet, die niemand verdient hat. Und in Mönchsroth bietet der Gottesdienst mit seinem Evangelium, mit den Liedern und Gebeten dem in sich zerstrittenen und gespannten Dorf eine Versöhnung um Gottes willen an, die auch niemand verdient hat und doch alle zusammenhält, die Anwesenden mit den Abwesenden, die Linken mit den Rechten, die Lebenden mit den Toten. Dieses zweifache Wesen der Kirche will bedacht sein, wenn wir von der Kirche mitten im Dorf reden.

Am prägnantesten kam diese doppelte Gestalt der Kirche vielleicht zum Ausdruck, als sich die evangelische Kirche in den Zeiten der DDR nannte: „Wir sind Kirche mitten im Sozialismus, aber nicht Kirche vom Sozialismus“. Diese Spannung gab der Kirche die Freiheit, mitten im Sozialismus von einem Frieden Gottes in Montagsgebeten zu künden, der höher ist als alle sozialistische Vernunft. Was bemerkte daraufhin ein Mitglied des Politbüros der SED im Rückblick auf die Zeit der friedlichen Wende? „Wir haben mit allem gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten!“ (Horst Sindermann).

Ein Ruf nach der Kirche

„Lasst die Kirche im Dorf!“ – das kann freilich auch ein sehr schmerzhafter Ruf sein, wie ich an einer kurzen Geschichte des russischen Schriftstellers A. Solschenizyn aus den 50er Jahren verdeutlichen will: „Am Oka-Fluß entlang“.

„Wer die Dörfer Zentralrußlands durchwandert, findet den Schlüssel zur Friedsamkeit der russischen Land­schaft. Es sind die Kirchen. Sie gleichen weißen und roten Prinzessinnen, die hügelan eilten, Höhen bestiegen und an das Ufer der breiten Ströme traten, ge­schmückt mit schlanken, spitzen, vielfältigen Glockentürmen, die sich über die Strohdächer und Holzhütten des Alltags erheben. Sie nicken einander von weitem zu. Aus verstreuten Ortschaften, die für einander unsichtbar bleiben, erheben sie sich zum gleichen Himmel! Und wo du auch durch Feld oder Wiesen streifen magst – weit von menschlichen Behausungen – bist du doch nie allein: Jenseits der Wand des Waldes und aufgetürmter Heuschober, über die Wölbung der Erde hinweg, lockt dich immer die Spitze eins Türmchens, sei es aus Gorki Lowezkije, sei es aus Ljubitschi oder aus Gawriloskoje.

Beim Betreten des Dorfes jedoch erfährst du, dass nicht Lebende, sondern Erschlagene dich von weitem grüßten. Die Kreuze sind längst zerschlagen oder schief, aus der zerstörten klaffenden Kuppel ragen die Stümpfe des verrosteten Gerüstes. Auf den Dä­chern und in den Mauerritzen wuchert Unkraut. Kaum ein Friedhof ist noch rings um die Kirche erhalten. Meist sind die Kreuze umgestoßen, die Gräber zer­wühlt. Die Altarbilder – vom Regen der Jahrzehnte verwaschen – sind mit schamlosen Aufschriften ver­schmiert.

Dicht vor der Kirchentür stehen Fässer mit Dieselöl. In ihre Richtung wendet ein Traktor. Dort wieder fährt ein Lastwagen zum Tor der Kirchenvorhalle hinein und wird mit Säcken beladen. In einer dritten Kirche dröhnen Werkzeugmaschinen. Eine andere ist abgeschlossen – stumm. Noch eine und wieder eine andere sind zu Klubs geworden. „Lasst uns hohe Milcher­träge erzielen!“, „Die Dichtung vom Frieden“, „Große Ruhmestat“.

Immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut. Aber das Abendläuten erklang, schwebte über dem Dorf, über den Feldern, über dem Wald. Es mahnte, die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen. Dieses Läuten, das nur noch in einem alten Lied erhalten ist, be­wahrte die Menschen davor, zu vierbeinigen Kreaturen zu werden. In diese Steine, in diese Glockentürme legten unsere Ahnen ihr Bestes, die ganze Erkenntnis eines Lebens.

So wühl doch, Witjka! Hack nur zu! Hab keine Beden­ken!

Das Kino fängt um sechs Uhr an, der Tanz um acht.“

Da sind sie wieder, die Glockentürme, „in die unsere Ahnen ihr Bestes, die ganze Erkenntnis eines Lebens, legten“. Da ist es wieder, „das Abendläuten, das über dem Dorf, über den Feldern, über dem Wald schwebte“. Aber nun ist es verstummt. Die Kirchen ist zwar noch im Dorf, aber nunmehr geschlossen oder zu Werkzeugschuppen umfunktioniert. Und die Menschen sind zu Arbeitstieren geworden und ab acht Uhr zu Tanzaffen in einem sinnlosen Karussell von Kino, Tanz und Arbeit. So kann es gehen, wenn ein System über die Menschen hinweg rollt, sie alle gleich macht und platt, die Kirchentürme ebenso wie die Grabkreuze, die Ewigkeit ebenso wie die Zeit. Was statt der Glocken im Dorf blieb, waren die Sirenen und die Lautsprecher und  der Traktorenlärm.

Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Als ich 1959 an einer Reise der Deutschen Friedensunion in die Sowjetunion teilnahm und durch Moskau und Leningrad zog, sah ich solche Kirchen, die mit Brettern und Balken versperrt waren und kurz vor dem Abriss standen. Chrustschow, der 1. Parteisekretär der KPDSU, hatte gerade verkündet, dass es mit der Kirche in der Sowjetunion bald vorbei sein werde. Es seien nur noch zwei oder drei oder vier Babuschkas in den Kirchen, und die würden bald aussterben. Tatsächlich traf ich solche Kirchen, in denen wenige alte Frauen in dunklen Ecken knieten und beteten.  Ein Priester hastete an ihnen vorbei, aber ich konnte ihn, zusammen mit einer Dolmetscherin, gerade noch anhalten und fragen, ob denn hier noch Gottesdienste stattfänden. Natürlich, sagte er. Ob denn Leute dazu kämen, fragte ich weiter. Er zuckte mit den Schultern und meinte: Ach, manchmal kommt keiner, aber das ist für uns Orthodoxe nicht so schlimm. Wieso? wollte ich wissen. Nun, gab er zur Antwort, wenn ich den Gottesdienst „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes feiere, bin ich ja gar nicht mehr allein, sondern zu viert. Dann kommen noch die Heiligen an der Ikonostase dazu, die uns anblicken, und die Cherubim und die Seraphim sind auch da, wenn wir sie anrufen. Da ist die Kirche ja schon gut gefüllt. Aber natürlich freuen wir uns über jeden, der noch dazu kommt und mitfeiert. Wir feiern ja die göttliche Liturgie „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. In diesem Zeitraum ist der Kommunismus nur eine kurze Zeiterscheinung, die kommt und wieder geht.“

Ich verließ diese Kirche sehr nachdenklich und verglich sie mit unserer Evangelischen Kirche, die von Modeerscheinung zu Modererscheinung hastet, um ja nicht unzeitgemäß zu erscheinen. Doch eben dadurch verliert sie den Rhythmus der Zeit, der ihr durch die Liturgie vorgegeben ist: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Die Ewigkeit ist ja das Geheimnis der Zeit. Wer die Ewigkeit verliert, der verpasst auch die Zeit, weil er nicht mehr weiß, was an der Zeit ist.  Die Orthodoxe Kirche in Russland ist jetzt wieder an der Zeit, und man muss früh zur Kirche aufbrechen, wenn man noch einen Stehplatz finden will, um die göttliche Liturgie mitzufeiern.

Die Evangelische Kirche in Deutschland aber sucht noch, was für sie jetzt nach dem Lutherjubiläum an der Zeit ist, und wie sie zeitgemäß in einer digital gehetzten Zeit werden kann. Ob vielleicht auch für unsere Kirche gilt, dass sie  nur dann zeitgemäß wird, wenn sie der Ewigkeit als dem Geheimnis der Zeit auf die Spur kommt? Wo aber findet sich die Ewigkeit? Wo verbirgt sie sich? Meine Antwort ist vielleicht überraschend: Die Ewigkeit verbirgt sich bei den Toten, und von dort aus kommt sie immer wieder neu auf uns im Leben zu, wenn wir uns Zeit für sie nehmen.

Zeit für die Toten

Das will ich an einem Beispiel wiederum aus einem fränkischen Dorf erläutern: War es bei einem vorbereitenden Gespräch für eine Beerdigung, oder war es bei einer Kirchenvorstandssitzung oder sonst bei einer Gelegenheit, jedenfalls kam der Seufzer auf: Ach, wenn es doch wieder, wie früher, die Aussegnung des Toten in seinem Wohnhaus oder auf seinem Hof gäbe! Der Pfarrer nahm diesen Seufzer auf und regte in der nächsten Kirchenvorstandssitzung an,  man könne es ja mal mit der häuslichen Aussegnung wieder versuchen und sie im Kirchenblatt anbieten. Mal sehen, ob dieses Angebot auf Nachfrage stößt. Und siehe, 95 % aller Angehörigen wünschten sich ab sofort wieder eine Aussegnung im Hause. Dafür schafften sie sogar die im Krankenhaus Verstorbenen wieder nach Haus, damit sie dort ausgesegnet würden, wo sie gelebt haben. Ebenso natürlich wie die Aussegnung schloss sich daran nun auch wieder eine Prozession mit dem Verstorbenen durch das Dorf zur Kirche an, wofür auch die Dorfpolizei gewonnen werden konnte, damit sie die Straße für die Autofahrer eine halbe Stunde sperrte. Der Sarg mit dem Verstorbenen wird dann in der Kirche vor den Altar getragen und die Trauergemeinde nimmt gottesdienstlich von dem Toten Abschied, betet, singt und hört Gottes Wort von der Auferstehung angesichts des Todes. Anschließend geht es hinaus auf den Friedhof, wo nun die endgültige Aussegnung des Toten und die Einsenkung ins Grab mit dem Segen des Dreieinigen Gottes stattfindet. Die nunmehr erschütterte und hoffentlich getröstete, auf jeden Fall aber verfrorene Trauergemeinde eilt nun einer Gastwirtschaft zu, wo schon der heiße Kaffee und der notorische Streuselkuchen auf den Tischen wartet, vielleicht noch ein wärmender Korn dabei. Kurz: Es sind nunmehr also vier Stationen, die eine Beerdigung umfasst: 1. Die Aussegnung im Hause; 2. Die gottesdienstliche Feier der Auferstehung; 3. Die Aussegnung am Grab und 4. Der Leichenschmaus.

Als mir der Pfarrer jenes fränkischen Dorfes diese lange Prozedur schilderte, seufzte ich auf: „Das dauert ja eine Ewigkeit!“ Eben, meinte der Pfarrer, eine Ewigkeit! Da haben wir sie auch wieder im Dorf als das Geheimnis der Zeit entdeckt. Die 2 oder gar 3 Stunden, die so eine Beerdigung jetzt dauert, bringen uns so intensiv wieder im Dorf zusammen wie kaum etwas anderes. Es ist, als ob die Kirche dann wieder im Dorf ist: Verabredungen werden beim Leichenschmaus getroffen, Hilfsangebote gemacht,  vergessene Menschen tauchen in Gesprächen wieder auf. Und am kommenden Sonntag kommen noch einmal viele zum Gottesdienst, um für den Verstorbene und seine Angehörigen öffentlich zu beten.

Natürlich weiß ich, dass so eine Beerdigung mit vier Stationen nicht überall stattfinden kann, am wenigsten wohl in Großstädten, am ehesten in überschaubaren Dörfern und Kleinstädten. Doch ebenso weiß ich, dass der Umgang mit den Toten an vielen Stellen nur noch einer Entsorgung gleicht, einem Wegschütten und Wegkippen der sterblichen Überreste, die möglichst rasch unter die Erde gebracht werden. „Machen Sie`s kurz, Herr Pfarrer!“, lautet häufig der erste Satz eines Beerdigungsgespräches. Und der Pfarrer, der auf diesen Wunsch mit einer Rips-Raps-Beerdigung eingeht, ahnt wohl nicht, dass nun der Trauerprozess für die Angehörigen um so länger wird. Denn Tote lassen sich nicht so schnell entsorgen. Sie kommen dann auf verborgenen Pfaden wieder ins Leben der Angehörigen zurück, mal in Gestalt eines Alptraumes, mal in Gestalt von bösen Gedanken, mal in Gestalt von Hetze und Verzettelung. Vielleicht ist das ja überhaupt die Rache der Toten, dass sie, die hastig weggekippt wurden, nun auch unser Leben immer hastiger und eiliger machen, so dass die Zeitnot das Merkmal unserer Zeit geworden ist, weil uns die Ewigkeit abhanden gekommen ist. Schon 1968 beschrieb der russische Dichter Jewtuschenko diese Zeitnot eindrücklich in der Moskauer Prawda:

In Zeitnot geraten
Wie in ein Netz
Ist der Mensch.
Atemlos hetzt er durch sein Leben
Und wischt sich den Schweiß.
Ein Fluch des Jahrhunderts ist diese Eile.
Es wird ganz eilig gezecht
Und ganz eilig geliebt.
Ganz tief sinkt die Seele dabei;
Man martert ganz eilig,
vernichtet ganz eilig,
ganz eilig sind später Reue und Buße vorbei.

Halt ein,
bleib doch stehen,
der du wie auf Laub über Gesichter stampfst
und sie nicht ansiehst.
Blind bist du, ganz blind,
durch den Irrsinn der Eile.
Töte nicht durch sie deine einzige Chance,
jetzt inne zu halten,
halt ein,
bleib doch stehen,
du hast Gott vergessen
und schreitest ja über dich selbst hinweg.

Was für ein nachdenkenswerter Schluss: „Du hast Gott vergessen und schreitest ja über dich selbst hinweg“ – und das 1968 in der Prawda, dem Organ der Kommunistischen Partei Russlands!

Doch ich will nicht bei der Klage bleiben, schon gar nicht bei der Anklage. Das besorgen die Toten schon selbst zur Genüge, übrigens auch die Toten, die, auf Gefallenendenkmälern geschrieben, an Kirchenwänden hingen, dort aber irgendwo ins Abseits geschafft wurden, weil die Kirche ja nichts mit „Heldengedenken“ zu tun habe. In einer Kirche, wo das geschah, bemerkten erst die Kirchenvorsteher und dann auch der Pfarrer, dass die noch im Dorf lebenden Angehörigen dieser Gefallenen alsbald nicht mehr zur Kirche kamen, dann bald die ganze Nachbarschaft nicht mehr und schließlich fast das ganze Dorf nicht mehr, als wollten sie zum Ausdruck bringen: Schafft ihr unsere Toten aus der Kirche raus, dann gehen wir Lebenden auch. So kann die Kirche aus einem Dorf verschwinden, obwohl sie als Gebäude noch da steht.

„Es ist noch eine Ruhe vorhanden …“

Gibt es Abhilfe? Ja, es gibt sie im Zeichen jenes Wortes aus Hebr. 4: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volk Gottes“! Für die Gestaltung solcher Ruhe sorgen so manche Pfarrer und Pfarrerinnen, z.B. jener Pfarrer, der sich bei einer Beerdigung in gar keiner Weise davon irritieren ließ, dass keiner mehr mitsang, weil alle in ihrem Glauben an die Auferstehung verstummt waren. Da kehrte sich der Pfarrer zum Sarg um und sang dem Toten deutlich und laut zu: „Christ ist erstanden von der Marter alle …“, und am Ende summten sogar einige wieder mit.

Oder jene Kirchenvorsteherinnen, die ein Auge auf den Friedhof werfen, damit er ein Ort der Begegnung werde, am Samstag etwa, wenn so viele mit ihrer Kanne kommen, um die Gräber zu begießen. Dass dann Bänke da sind, wo sich müde Menschen setzen und vielleicht sogar ein Schwätzchen miteinander beginnen können. Und dass die Friedhofskirche offen ist, vielleicht sogar ein bisschen beheizt, damit man sich aufwärmen kann.

Oder jener Rentner, der in seinem Ruhestand ein Hüter der Stadtkirche geworden ist, weil er sie morgens und abends auf- und abschließt, damit sie tagsüber für neugierige Gäste geöffnet sei, aber auch für solche, die sich mit ihrem Gebet in die Kirche flüchten wollen, weil sie hier dem lieben Gott näher auf die Pelle rücken können als in ihrem öden Haus.

So gäbe es jetzt noch Beispiele über Beispiele dafür, wie die Kirche im Dorf gelassen oder wieder zurück ins Dorf  geholt werden kann, wenn nur ein wenig Aufmerksamkeit für das Nächstliegende und nahezu Selbstverständliche da ist.

Lutherisches Profil und geistliche Konzentration

Ich will jetzt noch versuchen, den angestimmten Ruf „Lasst die Kirche im Dorf“ mit dem Thema zu verbinden, das die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Bayern, die 2017 in Coburg tagte, den Gemeinden und Dekanatssynoden zur Beratung über den zukünftigen Weg der Kirche  ans Herz gelegt hat: „Profil und Konzentration“. In einer lutherischen Landeskirche, zumal im Reformationsjahr 2017, kann dieses Thema  konkret ja nur heißen: „Lutherisches Profil und geistliche Konzentration“. Der Ruf für den zukünftigen Weg der Kirche lautet dann ein wenig ausführlicher: „Lasst die Kirche mit lutherischem Profil und geistlicher Konzentration im Dorf, damit sie nächstliegende Schritte in die Zukunft geht!“

Was heißt das? Die Synode gab für ihr Thema einen „strategischen Hauptleitsatz“, der zwei Teile hat:

„Lutherisches Profil“

1. „Die Evangelisch-Lutherische Kirche von Bayern gibt Zeugnis von der Liebe des menschgewordenen Gottes.“ Martin Luther gab in seiner Heidelberger Disputation von 1518 ein anschauliches „Zeugnis von der  Liebe des menschgewordenen Gottes“, wenn er in der letzten seiner 28. theologischen Thesen die „Liebe des menschgewordenen Gottes“ von der Liebe der Menschen in folgender Weise unterscheidet: „Die Liebe Gottes macht dich liebenswert, die Liebe von Menschen wird von Liebenswertem angezogen“.

Diese These fügt die Verhältnisse in einem Dorf, in einer Stadt, in einem Gemeinwesen völlig neu zueinander: Während es nicht nur üblich, sondern auch unter Menschen natürlich ist, sich dem Liebenswerten zuzuwenden und deshalb auch selbst gern liebenswert zu sein – und das heißt konkret: „Gleich und gleich gesellt sich gern“ – gibt es von Gott her „eine menschgewordene Liebe“, die den Menschen liebenswert macht, auch wenn er von Haus aus in den Augen anderer Menschen gar nicht liebenswert ist. Das sprengt die Grenzen der Gesinnungs- und Sympathiekreise unter Menschen auf. Es rückt Menschen in ein völlig neues Licht. Auch die manchmal engen Grenzen unter Menschen können  weit geöffnet werden, wenn im Licht von Gottes Liebe Menschen liebenswert werden, die nach den natürlichen Umständen eigentlich gar nicht liebenswert sind. Genau deshalb steht ja auch die Kirche mit ihrem Kirchturm im Dorf oder in der Stadt, um die üblichen Grenzziehungen unter Menschen noch einmal neu im Licht von Gottes Liebe zu vermessen und die Augen für die Überraschungen offenzuhalten, die dann in den Blick kommen.

Nehmen wir z.B. die Ehebrecherin, die vor Jesus geschleppt wird von Menschen, die die Steine schon in der Hand haben, um sie nach den gewohnten Gesetzen zu steinigen. Wie sieht er sie im Licht von Gottes Liebe? „Wenn einer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Da fallen die Steine aus der Hand und die Menschen gehen ihrer Wege,  weil sie auf befreiende Weise Sünder geworden sind. So sieht das konkret aus, wenn ein Mensch im Licht von Gottes Liebe liebenswert gemacht worden ist, der es von Haus aus gar nicht mehr ist. Luther kommentiert seine These: „Die Sünder werden nicht geliebt, weil sie schön sind; aber sie werden schön, weil sie geliebt werden.“ Da bricht vieles auf, was sonst unter der Decke gehalten wird, unter der nur geliebt wird, was liebenswert ist. Die Kirche macht unter dieser Voraussetzung geradezu weltweit.

Geistliche Konzentration“

2. Der zweite Teil des „strategischen Hauptleitsatzes“ von „Profil und Konzentration“ lautet: „Die Evangelisch-Lutherische Kirche Bayerns orientiert sich am Auftrag der Heiligen Schrift und organisiert ihre Arbeitsthemen und ihren Ressourceneinsatz konsequent auf das Ziel hin, Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen niederschwelligen Zugang zu dieser Liebe zu eröffnen“. Wie könnte diese Aufgabe mit „geistlicher Konzentration“ angegangen werden? Ich will es zunächst am Beispiel von drei Pfarrern aus England deutlich machen, die sich in ihrer Arbeit mit den Gemeinden zu „geistlicher Konzentration“ entschlossen haben, indem sie ihr Vertrauen zur Gegenwart des Heiligen Geistes in praktische Arbeit umzusetzen versuchten:

„Die härteste und zugleich erfreulichste Sache, die wir (sc. Pfarrer) lernen müssen, ist die nahezu verloren gegangene Wahrheit, dass wir dem Heiligen Geist vertrauen dürfen. Er will die Gemeinde Jesu bauen, wenn wir ihm Raum geben, das tun zu können, was nur er für uns tun kann. Als Pastoren von Our Heritage stellten wir eine ziemlich drastische Regel auf, als wir mit dem Versuch begannen, selbst aus dem Weg zu gehen und den Geist wirken zu lassen: Alles aus dem Gemeindeprogramm, was nicht ohne ständigen Druck des Pastors aufrechterhalten werden kann, sollte eines natürlichen Todes sterben. Innerhalb von zwei Monaten starben drei Chöre. Ähnlich erging es der Mittwochstunde und mehreren Komitees. Innerhalb von 18 Monaten war der Frauenkreis verschwunden. Von allen geschäftlichen Sitzungen blieb nur noch die monatliche Vorstandssitzung. Als wir mit neuen Gedanken und Programmen kamen, hatten wir eine solche Entwicklung beabsichtigt. Einige unsere Vorstellungen waren erfolgreich. Viele überstanden nicht einmal die erste Sitzung. Wir haben uns ehrlich bemüht, an dem Grundsatz festzuhalten: Falls Gott es nicht tut, werden wir nicht versuchen, etwas durchzusetzen. Heute überrascht es unsere Gemeinde nicht mehr, wenn der Pastor bekannt gibt, dass sein Vorschlag nicht durchführbar sei, weil der Heilige Geist sich nicht dafür interessiert habe. Aber so schmerzlich es auch sein mag, für den Pastor ist es besser, Ansehen zu verlieren, als es auf Kosten nutzlos verbrauchter Zeit zu erhalten, nur um etwas zu schaffen, was sich am Ende doch als Holz, Heu und Stroh erweist (…) Mein überaktives Gewissen sagte mir, ich sei ein Drückeberger. Einige Leute hatten diesen Gedanken auch. „Warte!“ schien aber das Signal von der göttlichen Befehlsstelle zu sein. „Vertraue mir!“, war die Botschaft. Langsam lernte ich, zur Ruhe zu kommen, zu vertrauen, zu warten.“ [1]

Zuerst fragte ich mich angesichts dieses Berichtes: Ist etwa der Heilige Geist ein Ersatz für unsere Tätigkeit? Natürlich nicht! Meine Tätigkeit bekommt nur im Spitzen der Ohren auf das, was Gott mir in der Kraft seines Geistes sagen will, eine neue Qualität. Es ist dann etwa so wie bei einem Schwimmer, dessen Schwimmbewegungen eine neue Qualität bekommen, wenn er der Tragkraft des Wassers vertrauen lernt, während der Anfänger, der die Tragkraft des Wassers noch nicht erfahren hat, ganz jämmerliche Verrenkungen macht, weil er meint, er müsse sich aus eigener Kraft über Wasser halten und sich verzweifelt fragt: Wie lange schaff ich das noch? Diese Pfarrer aus „Our heritage“ haben in dem Moment ein geschärftes Ohr für das gewonnen, was Gott ihnen jetzt sagen will, als sie ihr sinnloses Werkeln einstellten, mit dem sie zuerst auf sich selbst und dann auf die Gemeinde Druck ausübten, nur damit irgendetwas läuft, irgendeine Betriebsamkeit vor dem eigenen überaktiven Gewissen demonstriert werden kann, eine Routine für die Gemeinde aufrecht erhalten werden kann. Und siehe da, als dieses sinnlose Werkeln, diese ungeistliche Gschaftlhuberei eingestellt wurde, gingen die Ohren für die „Signale von der göttlichen Befehlsstelle“ langsam auf: „Langsam lernte ich, zur Ruhe zu kommen, zu vertrauen, zu warten“.

„Geistliche Konzentration“ hilft der Kirche wie den einzelnen Gemeinden dazu, sich auf diejenige Aufgabe zu konzentrieren, die von ihr jetzt angepackt werden muss. Geistliche Konzentration hilft aber auch, die Aufgaben abzuwehren und sich den Aufregungen zu verweigern, die jetzt nicht an der Zeit sind. „Lasst die Kirche im Dorf“ – dieser Ruf  spitzt  sich nun auf die Frage zu: Was ist jetzt der nächstliegende Schritt, den wir in geistlicher Konzentration zu tun haben? Dafür braucht es auch das geschwisterliche Gespräch unter Kirchenvorstehern und Pfarrern. Es braucht das Gebet, das Gottes Rat um Hilfe anruft. Es braucht das geistliche Zuwarten. Es braucht das Hören auf die Heilige Schrift. Das alles wird nunmehr gleichsam das Vorzeichen für den Umgang mit der täglichen Plage, die es natürlich auch in der Kirche zu Hauf gibt: Einen Haushalt erstellen, Briefe schreiben, Mails erledigen, Predigt vorbereiten, Gebete verfassen, Gefangene besuchen, Jugendliche begleiten und Menschen auf der Straße freundlich grüßen oder mit ihnen ein Schwätzchen halten.

Zieht nun aber in diesen Umgang mit der täglichen Plage auf irgendeine Weise die „Sorge um den morgigen Tag“ ein, dann kann es sehr, sehr schwer werden im Amt eines Kirchenvorstehers oder einer Kirchenvorsteherin, im Amt von Pfarrer oder Pfarrerin oder gar im Amt eines Dekans, weil die Sorge den Blick in die Ferne zieht, so dass die tägliche Plage mit ihrem Gewicht bleiern schwer wird und die Kräfte aus diesem Tag abgezogen werden. Wie kann dann Jesu Gebot aus der Bergpredigt eingeübt werden: „Sorget nicht für den morgigen Tag. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe“ (Matth 6, 34)?

Dann braucht es „Seelsorge an einer zersorgten Seele“, wie sie Martin Luther an seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon übt, der sich Sorgen um die evangelische Sache beim Reichstag in Augsburg macht und über diesen Sorgen das Nächstliegende aus dem Auge verliert. Deshalb ruft ihn Luther auf der Coburg in einem Brief vom 27.Juni 1530  wieder zu seiner täglichen Aufgabe zurück:

„An Philipp Melanchthon, den geliebtesten Schüler Christi und Christophorus. Gnade und Frieden in Christo, in Christo sage ich, nicht in der Welt. Amen. (…)

Deine elenden Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst, hasse ich von Herzen. Dass sie in Deinem Herzen regieren, ist nicht der großen Sache, sondern unsers großen Unglaubens Schuld…Was marterst Du Dich selbst denn so ohne Unterlass? Ist die Sache (unseres Glaubens) falsch, so lasst sie uns widerrufen, ist sie aber wahr, warum machen wir Gott in so großen Verheißungen zum Lügner, da er uns doch heißt müßig sein und ruhig schlafen? „Wirf“, sagt er, „deine Sorgen auf den Herrn.“ (Ps 55, 23) „Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen“ (Ps 34, 19 und 145,18). Redet er denn solche Worte in den Wind oder wirft sie den wilden Tieren vor? (…) Als ob Ihr mit Eurem unnützen Sorgen etwas ausrichten könntet! Was kann denn der Teufel mehr tun, denn dass er uns töte? Was noch? Ich beschwöre dich, der du doch sonst in allen Sachen kämpfst, kämpfe auch gegen dich selbst, Deinen größten Feind, der du dem Teufel so viele Sachen gegen Dich reichst. (…) Der unser Vater geworden ist, wird auch unserer Kinder Vater sein. Ich bete wahrlich mit Fleiß für Dich, und es tut mir weh, dass Du unverbesserlicher Sorgen-Blutegel meine Gebete so vergeblich machst. Ich wenigstens bin, was die Sache (des Glaubens) angeht – ob es Dummheit ist oder der Geist, mag Christus sehen – nicht sonderlich beunruhigt, vielmehr besserer Hoffnung, als ich zu sein gehofft hatte. Mächtig ist Gott, die Toten zu erwecken, mächtig ist er auch, seine Sache, wenn sie gleich fällt, zu erhalten, wenn sie gefallen ist, wieder aufzurichten. Werden wir dazu nicht würdig sein, so geschehe es durch andere. Denn wenn wir durch seine Verheißungen nicht aufgerichtet werden – ich bitte Dich, wer anders ist denn schon auf der Welt, den sie sonst angehen sollten? Aber ein andermal mehr, ich trage doch nur Wasser ins Meer“ (WA Br 5, 398-400 Nr. 1605).

Solche Briefe von der Coburg braucht es, um sich auch heute in „lutherisches Profil und geistliche Konzentration“ einzuüben, damit die Kirche im Dorf gelassen und das Nächstliegende getan werden kann.


[1] Robert C. Girard, Brüder, laß los…Gemeinde Jesu zwischen Betriebsamkeit und Leben, Stuttgart 1974, 64f.

Luthers reformatorische Entdeckung und ihre Folgen für das evangelische Kirchenverständnis

Erst die Erneuerung der Herzen, dann die Neuerungen in der Kirche!

Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein

Von Gisela Kittel

„Luther hat sich Zeit seines Lebens schwer getan, Neuerungen in der Kirche einzuführen. Erst wenn er ganz gewiss sein konnte, dass dies abgeschafft, jenes neu gestaltet werden müsse, und wenn er gewisse Gründe aus der Schrift dafür wusste, hat er sich ans Werk gemacht. Und dies mit aller Behutsamkeit, ohne Zwänge. Denn erst müssen die Herzen gewonnen sein, so betont Luther immer wieder, ehe man in Gottesdienst, Liturgie, äußerer Kirchenorganisation etwas ändern dürfe. Ein schönes Beispiel hierfür ist Luthers zweite Predigt, die er – angesichts der Wittenberger Unruhen von der Wartburg herbeigeeilt – in der Woche nach Invocavit 1522 in der Schlosskirche in Wittenberg hielt.22 Aber auch in späteren Texten hat er diesen Grundsatz, dass niemand aus eigenem Belieben die Kirche umgestalten dürfe, den in der Kirche »Regierenden« eingeschärft. Ein Zitat aus den Predigten Luthers über den 1. Petrusbrief (1523) soll dies bestätigen:

»›So yemand eyn ampt hat, das ers thue als auss dem vermügen, das Gott dar reycht.‹ (1. Petr 4,11)

»Das ist: wer da regirt ynn der Christlichen kirchen und eyn ampt odder eyn dienst hatt die seelen zuversorgen, der soll nicht faren wie er will, und sagen: ›Ich byn ein uber herr, man muss mir gehorchen, was ich schaff, das soll geschafft seyn.‹ Gott will es also haben, das man nichts anders thun soll, denn was er gibt, Also, das es Gottis werck und ordnung sey. Darumb soll eyn Bischoff nichts thun, er sey denn gewiss, das es Gott thut, das es Gottis wort odder werck sey. Und das darumb, denn Gott will nicht, das mans fur gauckelspiel halte, was er mit der Christlichen kirchen thut.«

In heutigem Deutsch: Wer da regiert in der Christlichen Kirche und ein Amt oder einen Dienst hat, die Seelen zu versorgen, der soll nicht fahren, wie er will, und sagen: Ich bin ein Ober-Herr, man muss mir gehorchen; was ich schaffe, das soll geschafft sein. Gott will es also haben, dass man nichts anders tun soll, denn was er gibt, also, dass es Gottes Werk und Ordnung sei. Darum soll ein Bischof nichts tun, er sei denn gewiss, dass es Gott tut, dass es Gottes Wort oder Werk sei. Und das darum, denn Gott will nicht, dass man’s für Gaukelspiel halte, was er mit der Christlichen Kirche tut.

Eine knappe Zusammenfassung und nochmals O-Ton Martin Luther

Luther hat das Kirchenverständnis wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Kirche ist nicht eine irdische, sichtbare Großorganisation, hierarchisch geordnet, in der kirchliche Vorgesetzte, die »Über-Herren«, ihre Weisungen nach unten durchgeben und die Macht haben, deren Befolgung zu kontrollieren, deren Nichtbefolgung zu sanktionieren. Die Kirche Jesu Christi ist vielmehr die Kirche des Wortes. In ihrem Zentrum steht das Evangelium von Jesus Christus: die rettende, tröstende, richtende, zurechtbringende Anrede Gottes an den in seiner Sünde gefangenen Menschen.

Daher gehören die Wortämter in dieser Kirche an die erste Stelle. Ohne Prediger, Lehrer, Seelsorger – und ich füge hinzu: ohne Kirchenmusiker – kann eine evangelische Kirche nicht sein. Weil das Wort Gottes allein die Macht hat, in die Herzen der Menschen einzudringen und Glauben zu wecken, daher ist es nötig, dass überall dort, wo Christen leben – also nicht nur in den Zentren, sondern gerade auch in den ländlichen Gebieten – zum Wortdienst berufene Menschen da sind, die die Gemeinde unter das Wort Gottes sammeln und zur Antwort des Glaubens einladen.

Eine auf das Evangelium ausgerichtete Kirche lässt Raum für das Wirken des lebendigen Gottes und seines heiligenden Geistes. Die Hybris, dass wir selber es sind, die die Kirche in die Zukunft hinein erhalten und wachsen lassen und dass wir dies mit den entsprechenden Zielvorgaben, Planungen und Steuerungsinstrumenten auch tun können, führt in die Selbstzerstörung. Denn sie klammert Gott aus. Eine Kirche, die darum weiß, dass sie auf das Wirken des lebendigen Gottes und seines heiligen Geistes angewiesen ist, kann daher nur eine demütige Kirche sein.

So möge dieser Artikel mit den letzten Worten der am Anfang zitierten Vorrede Luthers schließen:

»In Summa, wir sind nichts, Christus allein ist alles. Wenn der sein Angesicht abwendet, gehen wir zugrunde und der Satan triumphiert, auch wenn wir Heilige, wenn wir Petrus und Paulus wären. Daher wollen wir unsere Seelen unter die gewaltige Hand Gottes demütigen, damit er uns zu seiner Zeit erhöhe. Denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1. Petr. 5, 5f.). Wie nun vor Gott ein geängsteter Geist ein Opfer ist (Ps. 51, 19), so ist ohne Zweifel ein halsstarriger und selbstsicherer Geist ein Opfer des Teufels. Gehab dich wohl in dem Herrn, und wenn du es nötig hast, bessere dich durch meine Arbeit und mein Beispiel.«

Aus: Prof. i.R. Dr.Gisela Kittel, „Luthers reformatorische Entdeckung und ihre Folgen für das evangelische Kirchenverständnis –  Ohne Predigt des Evangeliums kann keine evangelische Kirche sein.“ (Deutsches Pfarrerblatt, Heft 11, 2017, S. 624ff.)

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4395

Lesen Sie auch das Buch von Gisela Kittel u.a.: Kirche der Reformation – Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr

Sechs konkrete theologische Grundregeln kirchenleitenden Handelns

Jedes kirchenleitende Handeln wird in theologischer Verantwortlichkeit darauf zu achten haben, dass der von ihr zu leistende Dienst an den Gemeinden diesen eine primäre Dignität zugestehen muss und ihre eigene Dignität subsidiärer Natur bleibt.

„Im Hinblick auf die soziologisch-empirisch feststellbare Tatsache, dass es in der Kirche Machtstrukturen gibt, wird allerdings zu formulieren sein, wie damit umzugehen ist. Eine Voraussetzung für diese Formulierung ist, dass deren Prämisse theologischer Art ist.

  1. Jedes kirchenleitende Handeln wird nach Luther davon ausgehen müssen, dass die Existenz und das Leben der Kirche nicht auf menschliche Kunst und menschliches Handeln zurückzuführen ist, sondern auf Gott selber (Heiligkeit der Kirche). »Denn wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten; unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen; unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewest, ist’s noch, wird’s sein, der da spricht: ›Ich bin bei euch bis zur Welt Ende‹, wie Hebr. 13, 8 steht: ›Jesus Christus heri et hodie et in saecula‹« (W 2, XX, 1621).
  2. Jedes kirchenleitende Handeln wird die Gebrochenheit und die Zerrissenheit (um das Wort »Sünde« zu vermeiden) menschlichen Handelns innerhalb und außerhalb der Kirche als ein Teil des Wesens der Kirche zu berücksichtigen haben (peccatrix). Wo dies innerhalb der Kirche nicht geschieht, setzt sich die Kirche gegenüber ihren Mitgliedern absolut, beschwert die Gewissen oder spielt sich auf als Mittlerinstanz zwischen Gott und den Menschen. Wo dies außerhalb der Kirche nicht geschieht, setzt sich die Kirche gegenüber der Welt absolut und gibt diese der Verlorenheit anheim oder maßt sich eine Bevormundung an.
  3. Jedes kirchenleitende Handeln wird damit um seine eigene Begrenztheit wissen und daher den Auftrag als alleinige Autorität anzuerkennen haben und für die Ämter in der Kirche keinen Autoritätsanspruch erheben (Apostolizität der Kirche). Der verliehene Auftrag und die damit verbundene Macht sind nicht identisch mit der Wahrheit des Evangeliums, sondern werden im Vollzug sich von dieser beurteilen lassen müssen. Die Verantwortung der Gewissen vor Gott hat einen höheren Stellenwert, als die Oboedienz gegenüber menschlichen Autoritäten oder Ordnungen.
  4. Jedes kirchenleitende Handeln wird in theologischer Verantwortlichkeit darauf zu achten haben, dass der von ihr zu leistende Dienst an den Gemeinden diesen eine primäre Dignität zugestehen muss und ihre eigene Dignität subsidiärer Natur bleibt (Allgemeinheit der Kirche).
  5. Jedes kirchenleitende Handeln wird seine Funktion daran zu messen haben, ob es gelingt, eine konsensuale Gemeinschaft unter den Gemeinden und innerhalb der Gemeinden zu fördern, sofern es nur eine Kirche Jesu Christi gibt (Einheit der Kirche).
  6. Jedes kirchenleitende Handeln erfolgt aufgrund der Sendung Jesu Christi: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.« (Joh. 20,21) Dabei ist die Sendung Jesu Christi das Analogans und das Handeln der Kirchenleitung das Analogatum. Damit ist die Aufopferung Jesu Christi, sein Leiden und seine Demut Vorbild (Exempel) für das Selbstverständnis kirchenleitenden Handelns.“

Aus: Joachim Kuklik, „Macht und Wahrheit in der evangelischen Kirche – »Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener«“ (Deutsches Pfarrerblatt, Heft 11/2017, S. 628ff.). Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4396