Geld für Gemeinden – Wo bleibt die Kirchensteuer?

Obwohl die Einnahmen sprudeln, kommt in den Gemeinden erstaunlich wenig davon an. In der evangelischen Kirche begehren die ersten Pfarrer auf. Sie beklagen Verschwendung.

Von Reinhard Bingener (FAZ vom 27.03.2017)

„Dabei hat eine aufwendige soziologische Untersuchung erst jüngst nachgewiesen, dass gerade die mittleren Ebenen der kirchlichen Hierarchie von den Mitgliedern so gut wie gar nicht wahrgenommen werden. Das wohl interessanteste Ergebnis der Großstudie bestand darin, dass es sich mit den einfachen Pfarrern ganz anders verhält. Die Wahrscheinlichkeit eines Kirchenaustritts sinkt gegen null, wenn ein Kirchenmitglied den Pfarrer auch nur namentlich kennt oder ihn schon einmal von ferne gesehen hat. Die Kirche hätte also ein Interesse daran, ihre Präsenz vor Ort zu stärken.

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack war an dieser Kirchenmitgliedschaftstudie beteiligt und bestätigt die Eindrücke von Pfarrer Wackerbarth. Die Kirche habe ihr Geld lange in „funktionale Dienste“ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. „Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.“ Mittlerweile liegt die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer „ganz persönlichen Leidenserfahrung“. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kirchensteuer-kommt-in-gemeinden-nicht-an-14942573.html

 

10 Jahre „Kirche der Freiheit“ – kritische Würdigungen im Rundfunk

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Impulspapiers der EKD „Kirche der Freiheit“ wird im Rundfunk berichtet und das auch kritisch! Nein, nicht in kirchlichen Medien, sondern z.B. beim WDR und NDR …

10 Jahre „Kirche der Freiheit“
NDR Kultur – 03.07.2016 08:40 Uhr Autor/in: Bingener, Reinhard
Bessere Predigten, schlankere Strukturen und ein deutlicheres Profil: ehrgeizige Ziele des Reformprogramms „Kirche der Freiheit“. Was ist aus den Reformen geworden?

10 Jahre „Kirche der Freiheit“
WDR 5 Diesseits von Eden | 03.07.2016 | 07:40 Min.
Das Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ sollte den Protestantismus fit machen für die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Was hat der Impuls bisher gebracht? Im Interview die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle.

Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“
Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?
Von Michael Hollenbach
Deutschlandradio Kultur vom 26.06.2016

Kirche der Freiheit
Zehn Jahre EKD-Reformprozess. Von Holger Gohlad
24:26 min | 26.6.2016 | 12.05 Uhr | SWR2
Geistliche Profilierung, Schwerpunktsetzung, Beweglichkeit und Außenorientierung lauten die vier Hauptthemen, die Anfang Juli 2006 die künftige Richtung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgaben. Eine Expertenkommission hatte dazu Gedanken und Strategievorschläge in einem 110 Seiten umfassenden Impulspapier „Kirche der Freiheit“ festgehalten.

 

Warum die Kirche keine Pfarrer mehr braucht

Von Pfr. Dr. Christoph Bergner

„Die EKD hat schon 2006 in ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ die Reduzierung von 50% der Kirchengemeinden bis 2030 gefordert. Selbstverständlich müssen auch die Pfarrstellen reduziert werden. Das soll durch ein Netzwerk von Prädikanten aufgefangen werden. Da nur ein geringer Bedarf an qualifizierter Theologie nötig zu sein scheint, können Gemeinden auch von Ehrenamtlichen versorgt werden. Martin Luther sah das noch anders. So sagte er in einer Tischrede: „In Kürze wird es an Pfarrern und Predigern so sehr mangeln, dass man die jetzigen aus der Erde wieder herauskratzen würde, wenn man sie haben könnte. Denn Ärzte und Juristen bleiben genug, die Welt zu regieren; man muss aber zweihundert Pfarrer haben, wo man an einem Juristen genug hat. Wenn zu Erfurt einer ist, ists genug. Aber mit den Predigern geht’s nicht so zu; es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben. Mein gnädiger Herr (der Kurfürst zu Sachsen) hat an zwanzig Juristen genug, dagegen muss er wohl an die 1800 Pfarrer haben. Wir müssen noch mit der Zeit aus Juristen und Ärzten Pfarrer machen, das werdet ihr sehen.“ Zum Reformationsjubiläum steht Luther mit seiner Vorstellung eines qualifizieren Pfarramts in der EKD ziemlich allein da. Wer „Dörfer und Flecken“ mit Pfarrern versorgen will, wird bei den Personalplanern der Kirche nur noch ein müdes Lächeln erwarten dürfen. (…)

Die Kirche hat sich unter einen enormen Reformdruck gesetzt. Der wichtigste Grund waren jeweils schlechte Prognosen und ein scharfer Blick auf Probleme und Defizite. Aber die funktionale Bestimmung der Kirche offenbart nicht nur vielfältige Defizite, sie ist selbst hoch defizitär. Sie setzt ein Karussell in Gang, das kaum noch zu bremsen ist. Wer z.B. Pfarrstellen an bestimmten Kennziffern festmacht, muss ständig Stellen überprüfen und verändern. Der Zwang zur Reform macht die Reform zum Selbstzweck.

Die funktionale Bestimmung definiert die Kirche aber vor allem von außen, von organisatorischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen her. Wolfgang Schäuble hat jüngst kritisiert, dass der Kirche „der spirituelle Kern“ abhandengekommen sei. „Es entsteht der Eindruck, als gehe es der evangelischen Kirche primär um Politik, als seien politische Überzeugungen ein festeres Band als der eigene Glaube.“

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob Prognosen der Maßstab sind, an dem sich Kirche orientieren soll. Immanuel Kant hat in seiner Schrift „Der Streit der Fakultäten“ behauptet, eine „wahrsagende Geschichtsschreibung“ sei nur dann möglich, „wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum Voraus verkündigt (…) Geistliche weissagen gelegentlich den gänzlichen Verfall der Religion und die nahe Erscheinung des Antichrist, während dessen sie gerade das tun, was erforderlich ist, ihn einzuführen.“ Auch wenn niemand in offiziellen Papieren der EKD den Antichrist erwartet, so ist es in den hochkomplexen Strukturen der Moderne um die Prognosemöglichkeiten noch schlechter bestellt als zu Kants Zeiten. (…)

Vielleicht entdeckt auch die evangelische Kirche wieder die Bedeutung des Pastors und Pfarrers. Dann würde ihr auch wieder wichtig, was ihren Dienst eigentlich ausmacht und wofür sie in dieser Gesellschaft gebraucht wird. Nicht der funktionale Dienst, sondern die personale Präsenz ist die Voraussetzung für ihre unverzichtbare pastorale Aufgabe.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://wort-meldungen.de/wp-content/uploads/2016/06/Warum-die-Kirche-keine-Pfr.-mehr-braucht.pdf

Der Artikel ist auch im Deutschen Pfarrerblatt Nr. 8/2006 erschienen: http://pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4105

Wie der Reformprozess in der EKD die Kirche hierarchisiert

Von Ingo Baldermann

Es geht um den Kern: um eine betriebswirtschaftlich kontrollierte Evaluation der Effizienz von Gottesdienst und Seelsorge, Predigt und Unterricht, und alles unter der Verheißung, dadurch das Profil zu schärfen und der kirchlichen Arbeit neue Attraktivität zu verleihen. Ob die Vertreter dieser Strategie nicht merken, wie sie mit den Kategorien des Marketing das Wesen der Kirche verändern? Sie gewinnt tatsächlich ein neues Profil: das eines Konzerns, der seine religiösen Wahrheiten möglichst gewinnbringend zu vermarkten sucht. Ich versuche einige der Konsequenzen beim Namen zu nennen …

„6. Bisher war die Kirche in der modernen wie schon in der spätantiken Gesellschaft gerade dadurch  attraktiv, dass hier exemplarisch ein anderes Zusammenleben praktiziert wurde als in den autoritären Strukturen der Massengesellschaft, die damals wie heute ohne Sklavenarbeit nicht funktioniert. Diese Attraktivität, die unsre Gemeinden noch immer trägt, wird von Grund auf zerstört, wenn die Kirche nun nach den Kriterien einer  ideologisch radikalisierten Betriebswirtschaft umstrukturiert wird. In diesen Strukturen werden wir alle heimatlos.

7. Durch die NKF (Neue kirchliche Finanzordnung) wird die genaue Erfassung und Erhaltung aller Sachwerte zum entscheidenden Maßstab, und die Erfahrung zeigt, wie blühende Gemeinden dadurch unversehens bettelarm gerechnet werden können und nicht mehr die notwendigsten Mittel für ihre profilierte Gemeindearbeit behalten. Dagegen explodieren die Kosten der Verwaltung durch das Anwerben „hochqualifizierter Fachkräfte“. Wir vergessen nicht, wie durch die beflissene Anpassung an die Praktiken moderner Geldwirtschaft schon Kirchensteuergelder in Millionenhöhe durch Fehlspekulation sinnlos verbrannt worden sind. Fazit: Auf der Suche nach dem Sinn derart sinnlos und zerstörerisch wirkender Ordnungen gewinnt man am ehesten Klarheit durch die Frage: Cui bono – wem nützt das? Hier ist die Antwort erschreckend einfach: Die von oben her (wie gegenwärtig auch in den Schulen) angeordnete Qualitätskontrolle erzeugt von selbst hierarchisch strenge autoritäre Strukturen. Die neue „Ordnung“ wird von oben nach unten durchgesetzt und kontrolliert, und so wird die Verwaltung, bisher von den Gemeinden dankbar als Hilfe akzeptiert, zu einer Kontrollinstanz, die künftig auf keine Kritik der Basis mehr hören, geschweige denn antworten muss.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekd/jetzt-auch-noch-dies-qualitaetsmanagement-in-der-ekd.php

Gemeinde der Zukunft

Vortrag vor dem Regionalen Strukturausschuss der Siegener Gemeinden am 30. Januar 2016 von Manfred Alberti

„Das EKD Konzept „Kirche der Freiheit“ hat auf die genialen Ideen der Leitungsgremien in Hannover gesetzt und wollte „Leuchtfeuer“ in den Mittelpunkt der Ausstrahlung der Evangelischen Kirche setzen wie ein weitbekanntes Markenprodukt. Nach immer stärker werdender Kritik, auch weil sich das Konzept nicht durchsetzte und kaum Erfolg zeigte, hat nun die V Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD deutlich erkennen lassen, warum dieses Konzept der Kirche der Freiheit mit der Kirchenlenkung von oben zum Scheitern verurteilt war: Die völlige Missdeutung und Missachtung der Rolle der Gemeinden.

In den Augen der Gemeindeglieder sind die Gemeinden die eigentlichen Repräsentanten der Kirche, nicht irgendwelche Leitungsgremien. Die Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen sind die Repräsentanten der Kirche, die Presbyter, Mitarbeiter und Gottesdienstbesucher die Ansprechpartner in religiösen Fragen: Ferne Akademien der Landeskirchen spielen da keine Rolle. Mit Sicherheit kennen viele Gemeindeglieder besser den Namen ihres Gemeindepfarrers als den Namen des EKD-Vorsitzenden: Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel: Verbinden Sie viel mit dem bayrischen Landesbischof und EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm? (…)

Evangelisches Kirchenverständnis ist aufgebaut auf in ihrem Glauben mündigen Gemeindegliedern. Das ist eine Kernkompetenz evangelischen Glaubens. (…)

Die gemeindegliedernahe Ortsgemeinde ist der Kern der Kirchenbindung: Wenn dieses Fundament wieder stärker die Grundlage der Kirchenpolitik der EKD werden würde und die EKD und die Landeskirchen ihre primäre Aufgabe darin sähen, diese Gemeinden zu unterstützen, dann würde die Evangelische Kirche ein stabileres Fundament für die Zukunft haben als mit noch so tollen Leuchtfeuern. Das Schiff der Gemeinde braucht seine Orientierung nicht aus Marketingkonzepten der Wirtschaft sondern aus dem immer wieder neu aktuellen Nachdenken über die Bibel und den Glauben.

Diese Rückkehr von einem falschen Weg ist eine gute Orientierung für das Reformationsjubiläum im nächsten Jahr. In einem Satz gesagt im Sinne Luthers und der anderen Reformatoren: Nicht die Großorganisation Kirche soll im Mittelpunkt stehen, sondern der Glaube der einzelnen Gemeindeglieder und ihrer Gemeinde.“

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag: http://kirchenbunt.de/gemeinde-der-zukunft/

 

Gefahr der Unduldsamkeit – Kritik der EKD-Theologie

Zu einer Politisierung des Kirchenverständnisses führt die „Öffentliche Theologie“, die der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm ebenso wie sein Vorgänger Wolfgang Huber vertritt. Diese These erläutert Johannes Fischer, der an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich Ethik lehrte. Und er warnt vor der Vorstellung, auf ethische Fragen könnten Theologie und Kirche nur eine eindeutige Antwort geben.

„Lässt sich aus der Feststellung, dass die Kirche eine „Kirche für die Welt“ ist, die Schlussfolgerung ableiten, dass auch die Theologie ihren eigentlichen Adressaten in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit hat, der sie ethische Orientierung vermittelt? Und lässt sich dafür Bonhoeffer in den Zeugenstand rufen?

Seine Theologie richtete sich ja nicht an die Welt oder die gesellschaftliche Öffentlichkeit, sondern an die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden. Diese soll in Frontstellung gegen das Denken in zwei Räumen über die Wirklichkeit aufgeklärt werden, die Inhalt ihres Glaubens ist. Dass die Kirche eine Kirche für die Welt ist, ist ein Satz dieser kirchen- und glaubensbezogenen Theologie. Aber man wird ihr nicht gerecht, wenn man ihr nur diesen Satz entnimmt, um sie alsdann hinter sich zu lassen und auf diesen Satz das Konzept einer Öffentlichen Theologie zu gründen, die dezidiert weltbezogen ist und sich an die gesellschaftliche Öffentlichkeit wendet. Die Pointe von Bonhoeffers Kritik des Denkens in zwei Räumen zielt ja nicht darauf, die Welt zum Bezugspunkt und Adressaten von Kirche und Theologie zu machen. Bezugspunkt ist vielmehr die Wirklichkeit des menschgewordenen Gottes, in welche die Welt hineingenommen ist. Und diese Wirklichkeit muss die Theologie denkend durchdringen. Dieser Aufgabe gilt Bonhoeffers ganze theologische Leidenschaft. Sie entzündet sich eben nicht daran, dass die Welt der ethischen Orientierung bedarf, sondern dass Glaube und Kirche der geistlichen Orientierung bedürfen. Gewiss hat dies auch ethische und politische Implikationen. Aber sie sind nicht der letzte und eigentliche Zweck des theologischen Nachdenkens.

Gute und artikulationskräftige Theologie ist immer das Ergebnis der Auseinandersetzung mit der eigenen Gegenwart. Und ob man sich dabei Bonhoeffers Theologie in ihrem Denkstil und sprachlichen Duktus heute noch umstandslos zu eigen machen kann, muss jede Theologin, jeder Theologe für sich selbst herausfinden. Aber alle, die sich mit Theologie befassen, kommen nicht um die Frage herum: Ist die theologische Aufgabe in ihrem Kern eine Ethik für die Welt oder die geistliche Orientierung derer, die sich zur Kirche halten oder religiös auf der Suche sind?“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.zeitzeichen.net/religion-kirche/kritik-an-der-ekd-theologie/  (Zeitzeichen, Mai 2016, S. 43 ff.)

Konsistoriale Kirche oder Gemeindekirche?

Von PROF. DR. EBERHARD MECHELS

Vortrag in Rommerskirchen, 25.10.2015

Wenn wir diese Stabilisierungsfunktion von Institutionen auf das Verhältnis von Kirche und Gemeinden übertragen, dann handelt es sich um die Beziehung zwischen der Sozialform „versammelte Gemeinde“ und der Institution Kirche. Und gemäß evangelischem Verständnis von „Kirche“ bedeutet das: alle Ebenen und Formen der Institutionalisierung haben die Funktion, durch ihre Stabilität die Aktualität des Ereignisses „Gemeinde“ auf Dauer zu ermöglichen, besser gesagt (denn die Ermöglichung der Gegenwart Gottes in der Gemeinde ist Gottes Sache allein): dem Ereignis „Gemeinde“ den Raum freizuhalten. Das beginnt mit der Verabredung: Wir versammeln uns am Sonntag um 10 Uhr in der Kirche, oder: Das Gemeindebüro hat geöffnet Montag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 13 Uhr, es setzt sich fort über Kirchenkreis und Landeskirche bis zur EKD. Wichtig in unserem Zusammenhang ist, was Manfred Josuttis so formuliert: „Der entscheidende Vorsprung von Gemeinde … gegenüber der Organisation/Institution ist für die phänomenologische Wahrnehmung offenkundig: In der Gemeinde wird das realisiert, was die Kirche zum Leib Christi macht.“

Was Josuttis als „Vorsprung“ beschreibt, ist der Sache nach eine eindeutige Zuordnung und Priorität: Alle institutionellen kirchlichen Strukturen haben dem  zu dienen und das zu fördern, was in der versammelten Gemeinde geschieht. Denn sie ist die „Gemeinde, in der Jesus Christus … gegenwärtig handelt“. Sie ist das Sakrament seiner Gegenwart. (Barmer Erklärung, These 3) Die Geschichte der protestantischen Kirche lässt sich beschreiben als eine ständige Auseinandersetzung zwischen der Institution „Kirche“ und dem Ereignis „versammelte Gemeinde“.

Es handelt sich also hier um die Beziehung zwischen der „Gemeinde“ im reformatorischen Sinne des Wortes und der Institution Kirche. Gemeinde – das ist die Versammlung, neutestamentlich: die „ekklesia“ als ein Geschehen, als Akt der Begegnung Gottes mit den versammelten Menschen und der Menschen miteinander. Geschehende Begegnung ist etwas Aktuelles, Bewegtes, Flüchtiges. Da geht es um „weiche“ Faktoren. Institution – das sind die Konsistorien, die kirchlichen Behörden, die Verwaltungen, die Landeskirchenämter, das EKD-Kirchenamt. Institutionen sind etwas Dauerhaftes, Stabiles. Das sind „harte“ Faktoren.

Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Größen erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt in dem im „Impulspapier“ 2006 erhobenen Anspruch, dass die Institution EKD „die Kirche als solche“ ist (S. 38). Die Kirchenmitglieder in ihrer Mehrheit, so wird behauptet entgegen allen 5  von der EKD seit 1972 veranstalteten Stabilitäts-Umfragen, „wollen nicht zuerst Gemeindeglieder oder Landeskirchenkinder sein, sondern (!) evangelische Christen.“ Die Richtung der ganzen Argumentation ist klar: Die Kirche – das sind wir, die EKD mit Sitz und Büro in Hannover. Dem steht ebenso das reformatorische Verständnis von Kirche gegenüber: „Die christliche Kirche i s t die Gemeinde…“ Was nun seit ca. 20 Jahren geschieht, ist die schrittweise Umkehrung der o.g. eindeutigen Priorität: die so genannten „über“- gemeindlichen Ebenen – die Kirchenkreise, Landeskirchen und die Dachorganisation EKD – entziehen den Gemeinden Schritt für Schritt ihre Autonomie, ihre Entscheidungsbefugnisse, ihr Geld und ihren Rechtsstatus.

Es ist ein Streit, der so alt ist wie die protestantische Kirche. Und gegenwärtig besteht „die Tendenz, dass die Kirchenkreise (die so genannte ‚mittlere Ebene‘), die Landeskirchen, die EKD immer mehr Kompetenzen an sich ziehen und insbesondere das Recht der Personalsteuerung auch für die Gemeinden beanspruchen (…) Wir sind der Ansicht, dass dies auf eine Entmündigung der Gemeinden hinausläuft.“

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag: http://kirchenbunt.de/?wpdmdl=1475

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