Falsche Therapie

Protestanten lieben Betriebswirtschaft: Genau das schadet ihrer Kirche gewaltig – meint Martin Hoffmann, ehem. Rektor des Nürnberger Predigerseminars

Die Kirchengemeinden müssen wieder gestärkt werden. Plädoyer gegen die verbreitete Bevormundung von oben

Von Martin Hoffmann (Publik-Forum Nr. 9/2009)

Wenn du bemerkst, dass du ein totes Pferd reitest, dann steig ab!« Wenn die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und viele Landeskirchen bei ihren Reformbemühungen nur diese alte Indianer-Weisheit befolgen würden! Aber nein: Marktbehauptung durch zentrale Steuerung wird unverdrossen angepriesen. Ein Programm, das seine Plausibilität aus seiner Beschreibung der Krisenphänomene der Kirche einerseits und einer bestimmten Art von Organisationslogik andererseits gewinnen will.

Die Krise, in allen Facetten gezeichnet und beschworen – von der kleiner werdenden Mitgliedschaft über den schwindenden gesellschaftlichen und kulturellen Einfluss bis zur unklaren inhaltlichen Orientierung und nicht zuletzt den fehlenden Finanzen -, ist aber nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist die Krisentherapie. Sie besteht in einer schlichten Top-Down-Logik – einer betriebswirtschaftlichen Organisationstheorie entnommen. Vor allem drei Prinzipien sollen die evangelische Kirche genesen lassen:

1. das Prinzip der zentralen Steuerung;

2. das Prinzip der Regionalisierung und Filialisierung der Gemeinden;

3. das Prinzip der medialen Präsenz als Qualitätsmerkmal kirchlicher Aktivität.

Erschreckend dabei ist zweierlei: die Unverdrossenheit, mit der das grandiose Scheitern dieser Strategie an vielen Stellen, zum Beispiel dem Evangelischen München-Programm oder der bayerischen Kommunikationsinitiative, verdrängt wird; und die Unbekümmertheit, mit der die theologische Frage nach Wesen und Auftrag der Kirche gerade in ihrer Handlungsorientierung verabschiedet wird.

Ein totes Pferd aber gewinnt keine Rennen mehr. Es genügt nicht, eine abstrakte Auftragsformulierung wie »die Kommunikation der Liebe Gottes zu den Menschen« sozusagen in die Präambel einer Strategie zu setzen, ohne dass diese zur Richtschnur für notwendige Gestaltungsschritte auf der kirchlichen Strukturebene wird.

Freilich ist die gewählte Rezeptur kein Zufall, sondern ist dem Kirchenbild zu verdanken, das hinter diesen Prinzipien steht: Es ist das Bild, das die Kirche selbst primär als Organisation begreift. Damit reagiert die Kirche auf den Transformationsprozess der Moderne. Er löst gewachsene Institutionen immer mehr auf und überführt sie in Organisationen, die gesellschaftliche Teilbedürfnisse erfüllen. Um das entsprechende Marktsegment zu besetzen, müssen sie intern und extern optimiert und effizient gemacht werden. Das geschieht durch Top-Down-Steuerung. Es bleibt aber zu befürchten, dass das tote Pferd nicht wieder auf die Beine kommt. Es gibt leider auch Maßnahmen, die die Krise gerade verschärfen, die sie beheben wollen.

Die Fragen, denen sich die Kirche stellen muss, sind: Wofür steht die evangelische Kirche inhaltlich in der Gesellschaft? Und wie kann ihre Botschaft Plausibilität gewinnen? Gerade wer ökonomisch denkt, der kommt um diese inhaltliche Auskunft nicht herum. Wie soll dem Kirchensteuerzahler plausibel gemacht werden, dass sein finanzieller Beitrag sinnvoll und notwendig ist? Doch nur dadurch, dass er den inneren Zusammenhang erkennt zwischen seiner Finanzierung und dem, was sich an kirchlichem Leben und kirchlicher Botschaft in seiner Alltagswirklichkeit ereignet.

Der Gottesdienst und die Seelsorge in der Gemeinde; der kirchliche Kindergarten, der sich um religiöse Sozialisation und gleichzeitig um interreligiöse Integration bemüht; die diakonischen Aktivitäten der Gemeinde am Ort, die den Bedürftigen in ihrer Umgebung zugute kommen – das sind die Plausibilitäten, die auch zur Beteiligung und zur Mitverantwortung motivieren. Die kirchlichen Fundraising-Grundregeln haben das längst erkannt und betont. Der zentralistisch verwaltete kirchliche Haushalt aber setzt weiter auf anonyme Zahler und Mitglieder, die in Distanz zu den kirchlichen Lebensvollzügen verharren.

Das hat in Bayern viele Gemeinden, die mit ihrem zugewiesenen Haushalt die nötigen Aufgaben nur mehr schlecht erfüllen können, aufgeschreckt. Für kirchliche Großprojekte stellt die Landessynode Millionenbeträge zur Verfügung, vom zentralen EDV-Programm über Neubauten bis hin zur Jugendkirche in Nürnberg. Sie stehen in krassem Widerspruch zur Finanznot der kirchlichen Arbeit vor Ort.

160 Vertreter der fränkischen Gemeinden versammelten sich im Oktober auf einem Gemeindetag, um konkrete Schritte hin zu einer eindeutigen Beteiligungs- und Verantwortungsstruktur in einer »Kirche von unten« zu fordern. Damit wollen sie Ernst machen mit den ur-evangelischen Grundlagen des Kirchenverständnisses: Die Kirche des Wortes ist die Gemeinschaft der Glaubenden, das Priestertum aller Gläubigen. Wo sich dieses ereignet – in Verkündigung, Taufe und Abendmahl -, da ist die Basis der Kirche; theologisch gesprochen: Jesus Christus, der einzige Grund, der gelegt ist. Wenn diese theologische Wahrheit auch das Handeln der Kirche steuern und organisieren soll, dann muss die Entscheidungsmacht an diese Basis verlegt werden, in inhaltlicher, personeller und finanzieller Hinsicht. So kam es zu den fünf Forderungen des Forums Aufbruch Gemeinde. Sie lauten:

1. Eine Kirche »von unten«

Wir wollen eine Kirche, die ihre Bedeutung von ihrer Botschaft her gewinnt und ihr im konkreten Lebensumfeld der Menschen Gestalt gibt. Die Volkskirche kann auf die Herausforderungen am besten reagieren, wenn sie sich auch in ihrer Organisation »von unten«, von der Basis der Gemeinden her, aufbaut.

2. Die Ortsgemeinden stärken

Der Charakter der Kirche als Bewegung, die in der Ortsgemeinde ihre Dynamik entfaltet, tritt immer mehr zurück. Die Ortsgemeinde ist zu stärken gegenüber dem organisatorischen Überbau der Kirche. Es ist der Dynamik des Wortes Gottes zu vertrauen, das von unten, das heißt vor Ort, seine Wirkung entfaltet. Damit Gemeinden in eigener Verantwortung über eine sinnvolle Verwendung der Finanzen entscheiden können, ist der Geldfluss umzukehren. Die Steuermittel kommen in der Gemeinde an und werden dort verantwortet. Für übergemeindliche Zwecke leitet die Gemeinde einen Teil weiter.

3. Beteiligung und Selbstverantwortung

Zu dieser Beteiligung gehört die Selbstbestimmung der Gemeinden bezüglich Personal, Bauwesen und Einsatz ihrer Finanzen. Dies gebietet nicht zuletzt das Prinzip der Subsidiarität. Viele Gremien und damit verbundene Fahrtkosten, aufwendige Informations- und Entscheidungswege werden dadurch eingespart. Es gibt weiterhin Verwaltungszentren, die die Kirchengemeinden entlasten (zum Beispiel für Gehaltsabrechnungen, Personalverwaltung).

4. Transparenz der Finanzmittel

Eine Kirchengemeinde muss in Auseinandersetzung mit ihrem Auftrag und ihrer spezifischen Situation vorrangige Themen und Aktivitäten feststellen und Nachrangiges zurückstellen. In dieser Verantwortung ist sie Kirche Jesu Christi am Ort. Dazu braucht sie Klarheit über ihre Situation und ihre Mittel. Jede Gemeinde muss darüber informiert sein, wer bei ihr wie viel Kirchensteuer zahlt.

5. Solidarität der Gemeinden

Gemeinden, die sich vom Evangelium bewegen lassen, verpflichten sich zur gegenseitigen solidarischen Unterstützung. »Von unten« werden unverzichtbare übergemeindliche Aufgaben, wie zum Beispiel die Diakonie und weltweite Partnerschaft, unterstützt. So wird der Zusammenhang der Gemeinden mit übergemeindlichen Arbeitsbereichen gestärkt. Diese werden – protestantischem Denken entsprechend – an synodale Gremien zurückgebunden, sodass auch hier eine Rückkopplung von zahlenden, sich beteiligenden Mitgliedern und kirchlichen Einrichtungen stattfindet.

Für den 7. November 2009 hat »Aufbruch Gemeinde« einen zweiten Aktionstag in Nürnberg angekündigt, der dieses Mal alle bayerischen evangelischen Gemeinden ansprechen soll. Bündnisse mit ähnlichen Bewegungen wie mit dem Gemeindebund in Berlin sind im Wachsen. Unter www.aufbruch-gemeinde.de finden sich die einschlägigen Texte des Aufbruchs.

Martin Hoffmann, geboren 1957, war Rektor des Predigerseminars Nürnberg. Er war vorher Gemeindepfarrer und veröffentlichte mit Hans-Ulrich Pschierer das Buch »Reich Gottes im Werden – Ein Modell auftragsorientierter Gemeindeentwicklung«, Evangelische Verlagsanstalt, 16,80 Euro. Heute hat Martin Hoffmann einen Lehrauftrag an einer Universität in Südamerika.

Wirtschaftliche Optimierung der Kirche?

Aus einem Interview mit Anna Stöber ( Kirche – gut beraten? Betrachtung einer Kirchgemeinde aus betriebswirtschaftlicher und funktionalistisch- systemtheoretischer Perspektive, 2005):

In Ihrer neuesten Publikation beim Carl Auer Verlag erarbeiten Sie die Differenz, die sichtbar wird, wenn man eine Kirchengemeinde aus betriebswirtschaftlicher und aus funktionalistisch-systemtheoretischer Optik beobachtet.

Wie sind sie vorgegangen?

Meine Vorgehensweise bei dieser Auseinandersetzung mit Beratung von Kirchengemeinde war ein Wechsel aus Empirie und Theorie.

Mir war aufgefallen, dass in der Presse, aber auch in Kirchengemeinden selbst, Kirche immer häufiger im Kontext wirtschaftlicher Fragestellungen auftauchte – also Verkauf von Kirchen, Gemeindefusion, Sparzwang und solche Sachen.

Ich habe mich dann damit beschäftigt, wem das sonst noch aufgefallen war und wie das Thema Kirche & Wirtschaft theoretisch reflektiert wurde. Dabei bin ich auch auf die McKinsey-Studie „Evangelisches München-Programm“ gestoßen. In dieser Studie werden Kirchengemeinden nach betriebswirtschaftlichen Kriterien analysiert, und dann werden aus dieser Analyse Vorschläge zur Optimierung abgeleitet. Diese Studie ist recht verbreitet und hat zu verschiedenen Folgeaufträgen von der evangelischen und der katholischen Kirche an McKinsey geführt. Allerdings hat die Umsetzung der Vorschläge auch nach einigen Jahren nicht zu den erwünschten Ergebnissen geführt – und mich hat interessiert: warum nicht?

Um das rauszufinden bin ich in drei Schritten vorgegangen: Erstens habe ich die McKinsey-Studie auf ihr Grundverständnis von Organisation und ihren Aufbau hin untersucht. Zweitens habe ich ausgehend von der frühen Systemtheorie einen alternativen Studienaufbau mit vor allem einem anderen Organisationsverständnis gewählt. Und drittens habe ich dann eine Kirchengemeinde hier in Berlin aus beiden Perspektiven untersucht.

Diese empirische Studie war äußerst aufschlussreich. Die Gemeinde hat mir nicht nur Zugang zu ihren sämtlichen wirtschaftlichen und historischen Dokumenten verschafft und mich bereitwillig über ein knappes halbes Jahr als teilnehmende Beobachterin in alle ihre Veranstaltungen vom Gottesdienst bis zum Posaunenchor aufgenommen; sondern die Gemeinde hat mir vor allem auch ermöglicht, gut dreißig Interviews mit Gemeindegliedern, Pfarrern, Kantorin und verschiedenen Vertretern übergemeindlicher Einrichtungen zu führen.

Zum Schluss habe ich dann die Ergebnisse der beiden theoriegeleiteten empirischen Studien verglichen.
 

Und wie sehen die Ergebnisse aus?

Die Antwort auf die Frage, warum betriebswirtschaftliche Optimierungsmaßnahmen in Kirchengemeinden nicht wirklich greifen, ist, dass sie den Kern der Stabilisierung von Kirchengemeinde zerstören. Betriebswirtschaftliche Vorschläge setzten bei der formalen Organisation an. Auch die McKinsey-Vorschläge zielen auf eine Stärkung von Steuerungs- und Kontrollinstanzen ab, um dann von da aus optimal entscheiden zu können. Das funktioniert bei Gemeinde aber nicht.

Um diesen Punkt zu sehen, ist es wichtig, Gemeinde nicht isoliert zu betrachten. Kirchengemeinde ist nur eine der drei Dimensionen Religion, Kirche als Organisation und Gemeinschaft. Religion ist dabei das ortsungebundene und ewige Band zwischen Gott und den Menschen, das mit der Taufe begründet wird und auch nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. Die Kirche als bürokratische Organisation sorgt mit ihren über Hierarchie stabilisierten Rollen, Riten und Symbolen dafür, dass über Zeit, Raum und wechselnde soziale Verhältnisse hinweg bestimmte Strukturen wiedererkennbar bleiben. Und die konkrete Gemeinschaft vor Ort ist die „zweite Familie“, für die man sich verantwortlich fühlt, in der man sich entwickeln darf und die sehr zeitgebunden, sehr ortsgebunden und sehr abhängig von konkreten Personen jeweils ihre ganz eigene Geschichte entwickelt. Und nur wenn Religion, Kirchenbürokratie und die Gemeinschaft vor Ort zusammenwirken, funktioniert das, was man dann als Kirche oder Kirchengemeinde beobachten kann. Ohne die Inhalte der Religion und die Formen der Kirche würde die Gemeinschaft zur Freizeitveranstaltung unter anderen werden. Aber wenn eine Stärkung der bürokratischen Organisation auf Kosten der Freiheiten der Gemeinschaft vor Ort geht, dann geht auch dieses ganz individuelle Aufgehobensein, das Vertrauen und damit die Motivation zur Arbeit in und für diese Gemeinschaft verloren. Und man darf nicht vergessen, wie stark Gemeinden auch heute noch von ehrenamtlicher Mitarbeit abhängig sind. Außerdem darf man sich nicht wundern, dass so viele Leute aus der Kirche austreten, wenn sie Kirche nicht mehr als lebendige Gemeinschaft erleben.

Mein Fazit ist deshalb: Kirche muss sich stärker als Dienstleister der Kirchengemeinden sehen. Betriebswirtschaftliche Beratung zur Beschleunigung von Verwaltungsaufgaben kann dabei sicherlich sehr hilfreich sein. Ziel muss es aber sein, Kirchengemeinde, Kirche und Religion auch im öffentlichen Bewusstsein wieder als Einheit wahrnehmbar zu machen. Kirchliche Dienstleistungen nur noch oder doch primär über den Weg über Gemeinde anzubieten, wäre neben der stärkeren Zuarbeit von der Kirche an die Gemeinden eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen.

Lesen Sie hier das ganze Interview:
http://www.sozialarbeit.ch/kurzinterviews/anna_stoeber.htm
Überbracht nach einem Tipp von Herrn Pschierer von Johannes Taig