Gemeinwesen oder Großkonzern

Diese Skizze soll verdeutlichen, in welchem gesellschaftlichen Kontext die kirchlichen Umbaukonzepte entwickelt wurden. In zentralen Elementen folgen sie einer neoliberalen Agenda. Was völlig fehlt, ist die Anknüpfung an das große biblische Freiheitsepos, das den Auszug der Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten beschreibt. Auch einen handlungsleitenden Bezug auf den paulinischen Freiheitsbegriff (Vgl. z.B. Gal. 4-5) sucht man vergeblich. Was offenbar sehr zielgerichtet angestrebt wird, ist die Transformation eines immer noch bemerkenswert vielfältigen protestantischen Gemeinwesens in einen religiösen Dienstleistungskonzern.

Von Hans-Jürgen Volk

http://kirchenbunt.de/gemeinwesen-oder-grosskonzern/

Die Glaubensfrage spaltet die Deutschen

Gott oder gar nicht: Viele Deutsche können mit Religion nichts mehr anfangen. Die anderen wollen Kirche – aber eine, an der sie sich beteiligen können. Gemeinden, die das beherzigen, haben Erfolg. Von Matthias Kamann (Die Welt vom 20.04.2014).

Ein „doppelter Paradigmenwechsel“ zeigt sich

Dass sich Glaube vor allem im Nahbereich vollzieht, konstatiert auch ein katholischer Gemeindeexperte, Bernd Galluschke, Propst in Duderstadt im ländlichen Eichsfeld. Galluschke sieht jetzt eine kirchliche Protestbewegung der letzten Jahre ins Recht gesetzt. Diese Bewegung richtet sich dagegen, dass die beiden Kirchen in immer neuen Fusionswellen die einzelnen Ortsgemeinden zu immer größeren Einheiten verschmelzen. Dagegen wehren sich viele Gemeindeglieder und verlangen, dass die jeweilige Ortsgemeinde erkennbar und die Kirche im Dorf bleiben soll. „Das“, sagt Galluschke, „müssen die Institutionen jetzt endlich akzeptieren.“

Ähnlich wie Karle wendet sich Galluschke zugleich gegen Vereinnahmungsstrategien bei Engagierten. Man dürfe die Leute nicht mit Glaubenssätzen traktieren. Vielmehr entwickele sich christliches Denken „quasivon allein, wenn wir die Menschen in ihrem Engagement würdigen“. Als Beispiel führt Galluschke eine Erzieherin in einem kirchlichen Kindergarten an. Wenn diese Frau religiös distanziert sei, sich aber liebevoll um die Kinder kümmere, dann müsse man diesen Einsatz loben und unterstützen, „statt die Frau missionieren zu wollen“. Dem Christentum werde sie sich schon von selbst öffnen, wenn sie spüre, dass Christen sie schätzen.

Im Grunde besinnen sich hier Praktiker und Gemeindeexperten auf zwei alte Stärken des Christentum. Darauf, dass die Kirche persönlichen Umgang und die Erfahrung von Nähe ermöglicht, im Gebäude am Ort, in den persönlich ansprechbaren Pfarrerinnen und Pfarrern, in kleinteiligen Aktivitäten. Zudem wird Christen jetzt wieder klar, dass sie doch nette Leute sind: Die meisten sind freundlich, können ihre Aggressionen zügeln und deshalb wohlwollend ganz normale Leute anerkennen, wenn die etwas Gutes machen.

Von einem „doppelten Paradigmenwechsel“ spricht denn auch einer der besten Kenner evangelischer Gemeindeentwicklung, Hans-Hermann Pompe, der in Dortmund das „EKD-Zentrum Mission in der Region“ leitet. Zum einen setze sich „die Erkenntnis durch, dass die Ortsgemeinden weiterhin das beste Pferd im Stall sind“. Der Blick auf die Ortsgemeinden, genauer auf die lokalen kirchlichen Strukturen, sei „sehr viel freundlicher als noch vor zehn Jahren“.

Zum anderen, so Pompe, werde wieder deutlich, dass es dem Christentum gut gehe, wenn Christen freundlich seien, zugewandt. Wenn sie also „Neugier entwickeln für die realen, aktuellen Bedürfnisse der Menschen in der Nähe, wenn sie ihnen die Möglichkeit geben, das für sie Wichtige in großer Eigenverantwortung zu entdecken und in ihr Leben zu integrieren“.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus der WELT vom 20.04.2014: http://www.welt.de/politik/deutschland/article127131684/Die-Glaubensfrage-spaltet-die-Deutschen.html

Die EKiR im Umbruch

Von Hans-Jürgen Volk

Operationen an einer Landeskirche

Die  Evang. Kirche im Rheinland (EKiR) befindet sich erneut in einer Phase  des Umbruchs. Der mit einem Führungswechsel Anfang 2013 verbundene  Kurswechsel gibt Anlass zu neuerlicher  Reformkritik. Hans-Jürgen Volk über anfängliche Hoffnungen und erste  Ernüchterungen.

„Eine Begründung für  die Umbauprozesse war die Finanzlage und vor allem die langfristige  finanzielle Perspektive. Hier orientierte man sich an EKD-Zahlen,  vereinfachte diese wie folgt: »Die evangelische Kirche wird im Jahr 2030  ein Drittel weniger Mitglieder als 2002 haben und nur noch über die  Hälfte ihrer Finanzkraft verfügen.«4 Die »einfache Formel«  war geboren, die von nun an gebetsmühlenartig von Superintendenten und  Kirchenleitungsmitgliedern vorgetragen wurde. Es zeigte sich, dass nicht  viel dazu gehört, eine Landeskirche dauerhaft in eine depressive  Stimmung zu führen, zumindest was die Finanzentwicklung betrifft. Mit  der Realität hatte dies wenig zu tun: 2002 verfügte die EKiR über ein  Nettokirchensteueraufkommen von 529 Mio. Euro, 2013 werden es über 600  Mio. Euro sein. Nominal ist dies eine Steigerung von 14,5%. Auch unter  Berücksichtigung des Kaufkraftverlusts entspricht die tatsächliche  Finanzentwicklung seit über 10 Jahren keineswegs dem mit der »einfachen  Formel« dargestellten Negativszenario.

Die zweite Begründung  insbesondere für verfassungsrechtliche Veränderungen bestand in der  wachsenden Komplexität, die angeblich Presbyterien überfordern würde.  Das synodale Element müsse gegenüber dem presbyterialen gestärkt werden.  Durch »Reform«-Maßnahmen im Einheitslook wie die Forderung nach einem  Personalkonzept der Kirchenkreise, eine halbherzige Reform der vordem  dezentralen Rechnungsprüfung, die Umstellung auf NKF (»Neues kirchliches  Finanzwesen«) oder eine Verwaltungsstrukturreform vergrößerte man  allerdings die Komplexität und unterschätzte das Problem gesteigerter  Komplexität von zentral gelenkten Prozessen in einer derart  vielgestaltigen Landeskirche. Die Folge dieser Selbstüberschätzung war,  dass kaum etwas gelang, vieles aber gründlich daneben ging.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt Nr. 10/2013:
http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3466

Isolde Karle: „Wachsen gegen den Trend“ führt ins Burn-Out

Isolde Karle, Professorin für Praktische Theologie in Bochum (Quelle evangelisch.de)

Der aktuelle Umbau in den evangelischen Kirchen orientiere sich zu sehr an Profit-Unternehmen, meint Isolde Karle, Theologieprofessorin in Bochum. Das viel diskutierte EKD-Reformpapier „Kirche der Freiheit“ gehe an der Realität vorbei. Angesichts von „Alarmismus“ und „Zentralisierung“ plädiert Karle für Gelassenheit und Gottvertrauen.

Lesen Sie das ganze Interview unter: http://aktuell.evangelisch.de/artikel/85227/isolde-karle-wachsen-gegen-den-trend-fuehrt-ins-burn-out

Mehr Texte von Isolde Karle finden Sie, wenn Sie in der Suche ihren Namen eingeben oder auf unserer Webseite nach ihrem Namen suchen: http://www.aufbruch-gemeinde.de/links.htm#suche

Alles außer Gottes Haus

Beim Blick in die katholische Kirche, trifft man auf altbekannte Probleme. Kein Wunder. Offenbar ist die katholische Kirche genauso schlecht beraten worden.

Zu wenig Gläubige – oder zu wenig Glauben an sich selbst? Warum der Trend zur Kirchenumnutzung in die Irre führt

Von Dankwart Guratzsch (Welt am Sonntag vom 21.07.2013)

„Im Rausch einer neuen Weltoffenheit, eines gesellschaftlichen Aktionismus, einer plakativen Hinwendung zu karitativen Werken, Jugend- und Altenarbeit, Frauenkreisen und Kinderbetreuung ist der Aufmerksamkeit entglitten, dass alle diese Kompensationen des Kernauftrags den Niedergang der Kirchen, den Rückgang der Gottesdienstbesuche nicht nur nicht aufgefangen, sondern vielleicht sogar befördert haben. Mit der Absage an die Identität der Kirchengebäude ist auch die Bindung an Kirche zurückgegangen, mit der Profanierung von kirchlichem Handeln die Befähigung, Spiritualität darzustellen, sie zu leben und ihr Raum zu geben. Schon im 19. Jahrhundert hatten Pastoren beklagt, dass der Kirchenbesuch zu wünschen übrig lasse, allein, es wurden die entgegengesetzten Schlüsse daraus gezogen. Nach einer Bestandsaufnahme von 1853 wurden in einer Gemeinde mit 40.000 Seelen nurmehr 20 Kirchgänger gezählt. Eine „Kommission zur Abhülfe kirchlicher Nothstände“ schätzte, in ganz Berlin seien es gerade mal noch fünf Prozent.

Diesem Verlust an öffentlicher Geltung der Kirchen trat die Kirche nicht mit Rückzug, sondern mit einem beispiellosen Bauprogramm entgegen – exakt dem Gegenteil dessen, was Kirchen heute praktizieren. Mit ebenso großen wie großartigen Kirchenneubauten im Stile einer neuen Gotik positionierte und verankerte sich die Kirche im öffentlichen Bewusstsein der Industriegesellschaft als wichtig, zukunftsfähig und expansiv. Ein halbes Jahrhundert später vermeldeten Chronisten, dass die nun noch viel zahlreicheren Kirchen „gut besucht“ seien – freilich nur jene, „in denen Gottes Wort nach den Bekenntnissen der Väter verkündet wird“, während „freisinnige Pastoren“ vor leeren Bänken stünden.

Sind Kirchen heute noch Orte, an denen „Gottes Wort nach den Bekenntnissen der Väter“ verkündet wird? Wohl eher immer seltener. Die Umnutzungseuphorie, die von den Kirchenleitungen selbst und nicht von den Laien forciert wird, der Rationalisierungsfuror zur Straffung und Zusammenlegung von Gemeinden, der zu „XXL-Gemeinden“ führt, die dem älter werdenden Kirchenvolk immer längere Wege aufbürden und regionale Bindungen auflösen, der exorbitante finanzielle Aufwand, mit dem „Pilotprojekte“ für die „erweiterte Nutzung“ von Kirchen (oftmals gegen erhebliche Widerstände aus den Gemeinden) durchgedrückt werden, die Deklassierung, die man aufgegebenen Gemeinden und den Mitgliedern „weiterer Kirchen“ zuteil werden lässt, indem man sie unter ferner liefen verbucht – all dies zeugt von ganz anderen Ambitionen: Es soll ein neues Bild von Kirche erschaffen werden, das „zeitgemäß“ ist und der Kirche ihre hohe weltliche Bedeutung zurückgibt. Die Erfahrungen, die man mit dieser Strategie macht, ähneln verblüffend jenen, die den „freisinnigen Pastoren“ schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten zuteil wurden.“

Lesen Sie mehr unter: http://www.welt.de/print/wams/kultur/article118236101/Alles-ausser-Gottes-Haus.html

Organisierte Erweckung in Berlin-Brandenburg

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (VII)

Von Georg Hoffmann (Vorsitzender des Gemeindebunds Berlin-Brandenburg)

Was  das EKD-Papier »Kirche der Freiheit« in der landeskirchlichen  Wirklichkeit verändern soll, lässt sich besonders rein und  fortgeschritten am Beispiel der Evang. Kirche  Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) ersehen, war doch  deren langjähriger Bischof Wolfgang Huber Ratsvorsitzender der EKD, als  das EKD-Papier 2006 herauskam, und beherrschte dieser bis vor kurzem die  Institutionen der Landeskirche so, wie es kaum einem anderen möglich  war.

1. Erweckung von oben nach unten

Die EKD strebt mit »Kirche der Freiheit« nichts anderes als einen Erweckungsprozess von oben nach unten an.  Dies wirft unter anderem die Frage auf, wie die Kirchenleitungen in die  Lage versetzt werden sollen, eine Erweckung zu organisieren. Nach den  Vorstellungen der EKD haben sie sich hierbei vorrangig der kirchlichen  Mittelebene (Kirchenkreise, Dekanate) zu bedienen, die zur Umsetzung von  Reformen in den Kirchengemeinden am besten geeignet sei.  Darüber hinaus wird der Pfarrberuf als Schlüsselberuf für die Umsetzung  der Reformen angesehen, weil nur er für die ganze Landeskirche stehe und  der Dienstaufsicht unterliege, die das wirksamste Mittel  landeskirchlicher Rechtsaufsicht darstelle.

2. Modellkirchenkreis Wittstock-Ruppin

Schon  seit Februar 2005 liefen im Konsistorium der EKBO Überlegungen zur  modellhaften Umgestaltung des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin.

2.1 Abschaffung des Gemeindepfarramtes

Die Kirchenleitung der EKBO erließ 2007 eine Erprobungsverordnung  für den Kirchenkreis Wittstock-Ruppin, die vorsah, dass der  Kirchenkreis als ein einziger Pfarrsprengel gelten solle und die  Gemeindepfarrstellen als Pfarrstellen dieses Pfarrsprengels zu behandeln  seien. Die Aufgaben des Gemeindekirchenrates habe dabei der  Kreiskirchenrat wahrzunehmen. Dieser sollte also darüber  entscheiden können, welcher Mitarbeiter im Kirchenkreis welche Aufgaben  wahrnimmt. Insoweit sollte jede Region im Kirchenkreis einen Pfarrer als  Grundversorger erhalten, während insbesondere der  Konfirmandenunterricht sowie die Jugend- und Erwachsenenarbeit  überregional von Pfarrern als Spezialisten wahrgenommen werden sollten.  Der Kreiskirchenrat beschloss zu diesem Zweck eine Liste, in der allen  Pfarrern und sonstigen Mitarbeitern im Kirchenkreis eine entsprechende  Aufgabe zugewiesen wurde. Das Einverständnis der Mitarbeiter sollte  angestrebt werden, war jedoch nicht erforderlich. Auf die Zustimmung der  betroffenen Gemeinde sollte es nicht ankommen.

2.2 Bildung von sog. Gesamtkirchengemeinden

Die  54 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin wurden zu fünf  Kirchengemeinden zusammengeschlossen, die nach der Erprobungsverordnung  die Struktur von sog. Gesamtkirchengemeinden erhielten, innerhalb derer  die bisherigen Kirchengemeinden als Ortskirchengemeinden fortexistieren  sollten. Allerdings verloren sie dabei ihren  Körperschaftsstatus und wurden auf bloße Mitbestimmungsgremien  reduziert, während der Gesamtgemeindekirchenrat allein als  Gemeindekirchenrat anzusehen ist. Die Bezeichnung Gesamtkirchengemeinde  ist also beschönigend und irreführend.

2.3 Erfolgreiche Klagen gegen Gemeindefusionen

Die  Kirchenkreisreform stieß nicht nur auf Zustimmung. 21 der insgesamt 54  Kirchengemeinden des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin klagten 2008  erfolgreich beim Verwaltungsgericht der EKBO gegen die  Gemeindefusionen, so dass zwei der geplanten fünf Gesamtkirchengemeinden  des Kirchenkreises nicht zustande kamen. Grund für den Erfolg der  Klagen war, dass die Kirchenleitung der EKBO nicht ermächtigt war,  Erprobungsverordnungen für Kirchengemeinden zu erlassen. Gleichwohl  wurde die Kirchenkreisreform seit dem 1. Januar 2008 unbeirrt und der  kirchlichen Ordnung zuwider praktiziert. Eine gültige Rechtsgrundlage  musste erst noch geschaffen werden.

2.4 Wegbrechen des Kernstücks der Reform und Nachspiel

In  dieser schwierigen Phase der Reform entstand ein neuer Konflikt in  einer der drei wirksam gebildeten Gesamtkirchengemeinden, der sich daran  entzündet hatte, dass der Kreiskirchenrat nach der Reform darüber  bestimmen können sollte, welcher Pfarrer in der Gemeinde tätig ist. Die  betroffene Gesamtkirchengemeinde Temnitz schloss sich daher den Anliegen  der aufgrund ihrer erfolgreichen Klagen weiterhin selbständigen 21  Gemeinden an, sodass im Frühjahr 2009 ein Kompromiss gefunden werden  konnte, der diese Gemeinden wunschgemäß von der Kirchenkreisreform  ausnahm und im übrigen vorsah, dass der Kreiskirchenrat über den Einsatz  der Mitarbeiter im Kirchenkreis nur im Einvernehmen mit dem betroffenen  Mitarbeiter und der betroffenen Gemeinde entscheiden darf. Damit war  das Kernstück der Reform – die zentrale Steuerung des  Mitarbeitereinsatzes durch den Kirchenkreis – weggebrochen. Die  Landessynode sicherte diesen bis 2013 befristeten Kompromiss durch ein  besonderes Verfassungsgesetz ab.

Für die  Gesamtkirchengemeinde Temnitz gab es aber noch ein unerfreuliches  Nachspiel: Der Vorsitzende des Gesamtgemeindekirchenrates, ein  Gemeindepfarrer und ein ordinierter Gemeindepädagoge wurden unter  Beteiligung von Bischof Wolfgang Huber aus ihren Ämtern gedrängt und die  Gesamtkirchengemeinde Temnitz auf diese Weise institutionell wieder  reformwillig gemacht. Dies war für die Fortführung der  Kirchenkreisreform ab 2013 sowie zur landeskirchenweiten Einführung des  Reformmodells wesentlich, denn jetzt war es vordergründig wieder  möglich, die Kirchenkreisreform in ihrer ursprünglichen Gestalt vor dem  Kompromiss als Erfolg zu präsentieren.

3. Organisierung einer Erweckung

Die  von der EKD geplante Erweckung bedarf der Organisation. Dafür eröffnen  sich zwei Handlungsfelder: zum einen müssen die Reformideen, soweit es  geht, in die Gemeinden getragen werden, um dort möglichst eine  freiwillige Übernahme zu bewirken; zum anderen müssen aber auch  rechtliche Vorkehrungen dafür getroffen werden, die greifen können, wenn  eine freiwillige Übernahme in den Gemeinden nicht herbeigeführt werden  kann. Denn auch zur Anwendung solchen Zwanges seien die Kirchenleitungen  berufen, da es nun einmal eine synodale Struktur in der evangelischen  Kirche gebe und Kirchenleitung auch wirklich Kirchenleitung bedeute.

3.1 Festlegen und Einhalten von Zielen

Im Jahr 2007 legte Bischof Huber das landeskirchliche Perspektivprogramm »Salz der Erde« vor, dem 2011 eine Konzeption zur Fortführung des Reformprozesses mit 12 Projekten folgte.  Projekt 1 sieht die Ausbildung von 70 Trainern vor, die die Bedeutung  von Zielen lernen und dabei die Gesamtheit der EKBO in den Blick nehmen  sollen. In einem zweiten Schritt sollen aus jeder Gemeinde zwei Personen  entsprechend fortgebildet werden. Projekt 3 sieht sodann vor, dass die  Gemeinden unter Hilfestellung der genannten Trainer zwei bis acht  Handlungsfelder planen, davon jährlich eins. Mit den Verantwortlichen  sollen Zielvereinbarungen geschlossen werden. Auch die Visitationen  sollen mit Projekt 2 in den Dienst der Kirchenreform gestellt werden,  indem sie eine Verständigung über Zielsetzungen herbeiführen und die  Planungsprozesse motivieren und begleiten sollen. Zur Stärkung der  Identität der Mitarbeitenden in den Gemeinden sieht Projekt 4 alle fünf  Jahre eine Art Kirchentags-Event auf Landeskirchenebene vor.

Ergänzend verabschiedete die Landessynode 2012 das Diskussionspapier »Orientierungspunkte für den Reformprozess«,  das einen missionarischen Ansatz der EKBO feststellt und thematisiert,  wie zielorientiert zu handeln ist und wie die Zielerreichung  sichergestellt werden kann, bspw. durch Einführung eines sog.  Interimspfarramtes, bei dem ein ausgewählter Interimspfarrer Vorschläge  zu gemeindlichen Strukturveränderungen unterbreitet und die reguläre  Wiederbesetzung der Pfarrstelle erst nach Umsetzung dieser Vorschläge  erfolgt.

3.2 Zwangsweise Durchsetzung von Zielen

Übernehmen  die Gemeinden die ihnen nahe gebrachten Ziele nicht freiwillig, ist  inzwischen durch wesentliche Rechtsänderungen Abhilfe möglich. Die  kirchliche Mittelebene ist durch diverse Kirchenkreisfusionen gegenüber  den Gemeinden gestärkt worden. Die Kreissynoden können kreiskirchliche  Stellenpläne beschließen, mit denen die Gemeinden ihre Stellenhoheit  verlieren. Für die Wiederbesetzung einer Gemeindepfarrstelle ist das Einverständnis des Kreiskirchenrates erforderlich,  so dass der Kreiskirchenrat entscheiden kann, wann und für welchen  regionalen Bereich Gemeindepfarrstellen besetzbar sind. Damit kann er  nach seinem Befinden auch sog. Interimspfarrstellen einrichten. Die  Abhängigkeit der Pfarrer von der landeskirchlichen Dienstaufsicht ist  wesentlich dadurch erhöht worden, dass Gemeindepfarrstellen nur noch  befristet auf 10 Jahre übertragen werden können. Das von  der EKBO übernommene neue Pfarrdienstgesetz der EKD hat darüber hinaus  die Neuerung gebracht, dass Pfarrer versetzt werden können, so bspw.  nach Ablauf der zehnjährigen Befristung oder bei Änderung der  kreiskirchlichen Stellenplanung. Eine nach badischem Vorbild gestaltete neue Visitationsordnung  führt zielorientierte Visitationen mit zwingenden Zielvereinbarungen  ein; die Einhaltung der vereinbarten Zielvorstellungen soll ein oder  zwei Jahre nach der Visitation über einen Zwischenbesuch kontrolliert  werden.

3.3 Landeskirchenweite Übernahme des Reformmodells von Wittstock-Ruppin

Die  erheblichsten Rechtsänderungen nahm die Landessynode der EKBO im  November 2012 vor, indem sie umfangreiche Änderungen der Grundordnung  beschloss und ein Gesamtkirchengemeindegesetz einführte23.  Damit soll die Kirchenkreisreform in Wittstock-Ruppin in ihrer  ursprünglichen Gestalt von allen Kirchenkreisen der EKBO übernommen  werden können. Den Kreissynoden wird es überlassen, durch einfachen  Mehrheitsbeschluss das Gemeindepfarramt abzuschaffen und den Pfarrdienst  im Kirchenkreis in Grundversorger und Spezialisten aufzuteilen und beim  Kirchenkreis anzusiedeln.

Weiter werden die Kirchenkreise dadurch aufgewertet, dass die Gemeindeglieder nunmehr auch Mitglieder der Kirchenkreise sind. Die Kirchenkreise können Stellen für kirchengemeindliche Aufgaben beim Kirchenkreis errichten und Aufgaben der Kirchengemeinden dem Kirchenkreis übertragen.

Die  Zahl der Gemeindefusionen soll durch die neue Möglichkeit, sog.  Gesamtkirchengemeinden zu bilden, erleichtert werden. Diese sind ganz  nach dem Vorbild von Wittstock-Ruppin gestaltet. Es ist insbesondere  keine Garantie für den Fortbestand der örtlichen Untergliederungen  vorgesehen, und die Ältesten werden nur noch mittelbar von der  Gemeindesynode aus den Reihen der Mitglieder der Ortskirchenräte gewählt.

4. Kritik und Gründung eines Gemeindebundes

Bisher  ist nicht feststellbar, dass die Reformbemühungen »Kirche der Freiheit«  zu einer Erweckung geführt haben, weder in Wittstock-Ruppin noch  anderswo in der EKBO. Das angestrebte Wachstum gegen den Trend ist  ausgeblieben. Christliche Erweckung kann auch nicht  organisiert werden, da sich niemand am eigenen Schopf aus dem Unglauben  herausziehen kann. Die offenbar gegenteiligen Vorstellungen der Urheber  des von der EKD ausgegangenen Reformprozesses beruhen auf einem  semipelagianischen Denkansatz und folgen mehr dem Freiheitsbegriff des  Erasmus von Rotterdam als demjenigen Luthers.

Der  Gedanke der innerkirchlichen Solidargemeinschaft darf nicht so weit  getrieben werden, dass Gemeinden aus bloßen Zweckmäßigkeitserwägungen  heraus als Steinbruch für andere Gemeinden genutzt oder zur Fusion mit  anderen Gemeinden gezwungen werden dürfen, nur um ihr Vermögen zwischen  den Gemeinden teilen oder mit dem Vermögen einer reichen Gemeinde ein  »Leuchtfeuer« setzen zu können, das über die Gemeinde hinaus erstrahlt.  In der EKBO hat sich als Gegenbewegung der »Gemeindebund« gegründet, dem  zurzeit zwar nur 53 Kirchengemeinden angehören, aber immerhin aus fast  allen Teilen der Landeskirche. Der Gemeindebund sucht, eine theologische  Diskussion über den Zustand der evangelischen Kirche in den Gemeinden  anzuregen und auf Gefahren für die Gemeinden vor synodalen  Reformbeschlüssen hinzuweisen. Er versteht sich als Netzwerk von  Gemeinden, die sich in Bedrängnis helfen und in einem gegenseitigen  Austausch stehen wollen. Er gibt einen Newsletter heraus und unterhält  eine Homepage (http://www.gemeindebund-online.de/).

Der jetzige  Landesbischof von Hannover und damalige Generalsuperintendent von Berlin  Ralf Meister warf ihm eine theologische Überhöhung seines Anliegens  vor. Die Kirchengemeinden seien bloße Verwaltungsstrukturen der  Landeskirchen und als solche »historisch kontingent« (zufällig). Aber  sogar nach der aktuellen Verfassungslage in der EKBO sind die  Kirchengemeinden in ihrem Bereich Kirche im Vollsinn. Es scheint  allerdings einzureißen, Kirche im Vollsinn auch fast überall woanders zu  sehen, nämlich sowohl im Kirchenkreis als auch in der Landeskirche,  weil auch dort wenigstens gelegentlich gemeinsame Gottesdienste  stattfinden, sei es auch nur anlässlich einer Kreis- oder Landessynode.  Damit entsteht aber eine Verschiebung in der presbyterial-synodalen  Ordnung, die droht, diese durch Herabsetzung des presbyterialen Elements  zu kippen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt – Heft: 2/2013 (Hier finden Sie auch die zum Artikel gehörenden Anmerkungen.)

Plädoyer wider die Einheitslösungen

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (VI)
Von: Ingrid Schneider

Ein systemisch-integraler Blick auf die Reformen in der EKiR

Wer  sich die Reformdiskussionen in der EKD und ihren Landeskirchen  anschaut, wird bemerken: Der Trend geht hin zu größeren Einheiten – bei  Landeskirchen, Kirchenkreisen oder Dekanaten, in Gemeinden oder auch  Verwaltungseinheiten und Einrichtungen. Größer, weiter, schneller,  effizienter, komplexer, unübersichtlicher, zunehmend losgelöst von  Menschen vor Ort – ein Muster, das alltäglich erlebbar ist in unserer  Gesellschaft. Die Reformbemühungen innerhalb der rheinischen Kirche – so  Ingrid Schneider – weisen ebensolche Tendenzen zu größeren Einheiten  und übergeordneten Strukturen auf: ein Weg, der jedoch in die falsche  Richtung weist.

Durch Zusammenlegung von Kapazitäten  sollen neue Handlungsspielräume eröffnet, eine größere Professionalität  durch Spezifizierung ermöglicht, ein einheitliches und gleichbleibend  für Qualität sorgendes Bild nach außen erreicht und zugleich die  Steuerbarkeit in komplexen Systemen erhöht werden. Unter diesen  Gesichtspunkten sind viele der Maßnahmen, die (auch) in der rheinischen  Kirche in den letzten Jahren auf den Weg gebracht wurden, gut  verständlich und angemessen. Wenn hier im Folgenden dennoch ein Plädoyer  gehalten wird, auf diesem Wege in der rheinischen Kirche nicht  konsequent fortzufahren, dann hängt das mit einem systemisch-integralen  Blickwinkel zusammen. Aus ihm heraus stellen sich die entwickelten  Lösungen noch einmal in einem anderen Licht dar. Dann erscheinen fast  alle Reformanstrengungen als Lösungen, die aus dem Paradigma der Moderne  stammen. Doch wir tun nicht gut daran, dem im Raum Kirche das Feld so  weitgehend zu überlassen. So verlockend es auch erscheint, weil es  scheinbar in der Lage ist, die strukturellen und finanziellen Probleme  zu lösen, es bietet keine nachhaltigen Lösungen. In längeren Zeiträumen  gedacht vermag es keine Prozesse in Gang zu setzen, die Kirche in der  Gesellschaft einen guten Platz verschaffen. Und dies liegt an mehreren  Faktoren: Zum einen ist der zu zahlende Preis für kurz- und  mittelfristige Entlastung insbesondere im finanziellen Bereich viel zu  hoch. Funktionierende Strukturen werden zerstört und die  presbyterial-synodale Identität gefährdet. Darüber hinaus ist es ein  Paradigma, das den tradierten Werten von Kirche an vielen Stellen  widerspricht. In seiner extremen Ausprägung wird es oft genug in  kirchlichen Verlautbarungen zu Recht angegriffen, weil Menschlichkeit  und Menschenwürde nachrangig angesehen werden gegenüber dem finanziellen  Gewinn. Was muten wir uns selber zu, wenn wir hier das Feld komplett  öffnen? Drittens wird eine Unterordnung unter dieses Paradigma der  Verschiedenheit der Menschen in den Gemeinden und der Gesellschaft nicht  gerecht. Im Gegenteil, all jene Menschen, die sich durch diese mit  solchem Handeln verbundenen Werte nicht vertreten fühlen – und derer  gibt es eine Menge im Raum Kirche – werden sich mehr und mehr abwenden.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3303
(Deutsches Pfarrerblatt Nr. 1/2013)

Kippt die presbyterial-synodale Ordnung der EKiR?

Presbyterien* vor dem Ende ihrer Leitungsverantwortung
Von Manfred Alberti

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (V)

Wird die Evang. Kirche im Rheinland (EKiR) ihre Basisorientierung als  Kirche mit einer presbyterial-synodalen Grundordnung behalten oder wird  sie zu einer von oben geleiteten Institution, in der Gemeinden wie  Filialen eines Konzerns behandelt werden? Manfred Alberti sieht die EKiR  vor einer Grundsatzentscheidung und diskutiert die Optionen mit  eindeutiger Präferenz.

… Wenn die Landessynode der EKiR  diesen eingeschlagenen Weg weitergeht, wird die Verwaltung zu einem  bestimmenden Leitungsgremium unserer Kirche und löst nicht nur die  Presbyterien als Leitungsgremien ab, sondern greift auch tief in die  Rechte von Kreissynodalvorständen und Superintendenten ein. Die  Presbyterien werden auf Dauer zu bedeutungslosen Gremien wie die  Bezirksvertretungen in größeren Städten.

Vor einigen Jahrzehnten  besaßen viele rheinische Presbyterien vor allen mit reformierten  Wurzeln und nach den Erfahrungen des Dritten Reiches ein ausgeprägtes  Selbstbewusstsein als verantwortliche Gemeindeleitung. Kirchenkreise und  Kirchenleitung hatten mit den ihnen zugewiesenen Aufgaben wenig  Einfluss auf die Gemeindeleitung. Im Glauben fest verwurzelte Presbyter  und Presbyterinnen und starke Pfarrer und Pfarrerinnen achteten sehr auf  die unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortlichkeiten in der  presbyterial-synodalen Ordnung. Verwaltung hatte dabei alleine eine  dienende, keine leitende Funktion.

Mit dem Aussterben dieser  Generation von Presbytern und Pfarrern kommt das Machtgefüge in der  Rheinischen Kirche in eine Schieflage. Die von Superintendenten und der  kirchlichen Mittelebene geprägte Landessynode überführt immer mehr  Verantwortlichkeiten von den Gemeinden und Presbyterien auf die  kirchliche Mittelebene, ohne dass aus der Gemeindeebene lautstarker  Widerstand kommt. Die aus der Aufgabenübertragung logisch resultierende  Überforderung der Superintendenten und Kreissynodalvorstände lässt immer  mehr planende und aufsichtliche Aufgaben auf die Verwaltung übergehen,  die so die Chance sieht, selbst verantwortlicher Teil der Leitung zu  werden.

Ein Teufelskreis: Je weniger Kompetenzen die Gemeinden  und Presbyterien haben, desto uninteressanter ist die  Presbyteriumsmitarbeit für kompetente Gemeindeglieder. Bald werden dann  auch für die Kreissynodalvorstände kaum noch geeignete Persönlichkeiten  zur Verfügung stehen: Der Einfluss der Verwaltung steigt immer weiter.

Solange die Rheinische Kirche sich nicht darauf zurückbesinnt, mit  allen Mittel die Verantwortlichkeiten und Kompetenzen der Presbyterien  und Gemeinden zu stärken und Gemeinden primär auf dem ehrenamtlichen  Engagement der Gemeindeglieder aufzubauen und dieses zu unterstützen,  wird die Gemeindearbeit immer mehr geschwächt, da viel zu viel Geld für  die Verwaltung statt für Gemeindearbeit ausgegeben werden muss:  Verwaltung statt Pfarrstellen und Gemeindearbeit. …

Der Finanzskandal um  eine kircheneigene Firma der EKiR mit zig Millionen Euro Verlust aus  einem riskanten Geschäftsmodell und die ebenfalls zig Millionen  Kirchengelder verschlingende Einführung eines neuen kirchlichen  Finanzsystems (NKF) zeigen überdeutlich die Risiken des eingeschlagenen  Weges der Zentralisierung: Falsche Entscheidungen einzelner Personen  oder Institutionen gefährden die solide Finanzbasis einer ganzen  Landeskirche. Kleinteilige Verantwortungsteilung auf Gemeindeebene lässt  Fehler einzelner oder einzelner Gemeinden leichter solidarisch tragen.

Die Kirche wird angesichts der finanziellen Unwägbarkeiten nur als  Zusammenschluss vieler Gemeinden mit selbst verantworteten Aktivitäten  vieler Ehrenamtlicher zusammen mit den Theologen eine gesunde Zukunft  haben können. Bei einer von oben geleiteten Firma »Kirche« werden viele  Ehrenamtliche dagegen keine Lust verspüren, sich einzubringen, wenn sie  sich fremden Konzepten unterordnen müssen.

Auf diesem jetzt  eingeschlagenen Weg der Zentralisierung und Delegation von  Leitungsverantwortung an Verwaltungsmitarbeiter verliert die EKiR allen  Bekenntnissen zur presbyterial-synodalen Ordnung zum Trotz ihr Profil  und ihre Stärke als Kirche mit einer Leitung von unten, von den  Gemeinden aus: presbyterial-synodal geordnet.

* in Bayern: Kirchenvorstände

Lesen Sie hier den ganzen Artikel (Deutsches Pfarrerblatt 12/2012, S. 695 ff.) : http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3290

25 Jahre Reform in der EKHN – Eine kleine Bilanz

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (II)

Innerhalb des in der letzten Ausgabe des DPfBl von Friedhelm  Schneider entwickelten kirchlichen Koordinationschemas nimmt Bergner  eine gemeindetheologische, Theologie und Selbstregulierung betonende  Position ein. Diese ist verknüpft mit der Forderung nach  Rationalisierungsprozessen der Bürokratie. Christoph Bergner führt aus,  dass gerade in der Administration der Kirche große  Rationalisierungspotenziale schlummern.

Was bleibt nach 25 Jahren?

1.  Der Selbstbeschäftigungsgrad der Kirche ist erheblich gestiegen.  Funktionäre und Technokraten bestimmen die Tagesordnung. Wichtige Themen  der Kirche wie z.B. die Bedeutung des Gottesdienstes, die Aufgabe der  Seelsorge und des Religionsunterrichts standen seit 25 Jahren nicht mehr  auf der Tagesordnung einer Synode.

2. Die Strukturveränderung an  sich ist zum Prinzip kirchenleitenden Handelns geworden. Die Anlage  dieses Prozesses löst ständig neue Reformen aus. Die Reform ist zur  Dauerbeschäftigung geworden.

3. Insgesamt hat es keine  Einsparungen gegeben, sondern Umschichtungen von unten nach oben.  Verlierer sind die Gemeinden und der Pfarrdienst.

4. Die Sprache der Reform klingt ökonomisch. Doch die ökonomischen Ergebnisse sind dürftig. Die tatsächlichen Kosten sind hoch.

5.  Der Verwaltungsaufwand ist gestiegen. Für seine Verwaltung gibt ein  Dekanat etwa das Fünffache aus wie 20 Jahre zuvor. Vermutlich hat die  Kirche noch nie so viel Geld für ihre Verwaltung ausgegeben wie heute.  Vermutlich war ihre Organisation noch nie so schlecht und die leitenden  Mitarbeiter noch nie so gut bezahlt.

6. Die Gemeinden werden zu  Filialen der Kirche. Nachdem Kirchenmusiker, Gemeindepädagogen und Fach-  und Profilstellen auf der Ebene des Dekanates angesiedelt worden sind,  sollen nun die Gemeindepfarrstellen folgen. Sie werden zu Pfarrstellen  der Region. Nach den Diakoniestationen sollen auch die Kindergärten aus  den Gemeinden abgezogen werden.

7. Das Gegenüber von kirchlichen  Mitarbeitern ist nicht mehr die Gemeinde und ihr Kirchenvorstand,  sondern ein Gremium, das von der täglichen Arbeit weit entfernt ist und  deshalb durch Dokumentationen und Präsentationen unterrichtet werden  muss und sich vor allem als Kontrollorgan versteht.

8. Die  Kirchenvorstände sind weitgehend entmündigt. Sie werden durch  Ehrenamtsakademien darauf vorbereitet, die Arbeit zu übernehmen, die  früher durch den Pfarrer gemacht wurde.

9. Die Fluktuation von  Ehrenamtlichen ist gestiegen. Gerade kompetente Mitglieder ­haben die  Synoden in den letzten Jahren verlassen. Der Niveauverlust und die hohe  Fluktuation erleichtern die Durchsetzung von Reform­schritten.

10.  Die EKHN hat in den letzten 5 Jahren nichts unternommen, um nachhaltig  für pastoralen Nachwuchs zu werben. Das hat verschiedene Gründe. Einer  darf dabei nicht übersehen werden: Die Zusammenlegung von Gemeinden, die  Fusion von Dekanaten lässt sich besser durchsetzen, wenn kein Personal  mehr da ist.

11. Die Dauerdebatte über die Zukunft der Kirche und  die stetige Dramatisierung von Problemen machen die Kirche offenbar als  Arbeitsgeber unattraktiv.

12. Die klassischen  Organisationsvorteile der Kirche – flache Hierarchien, hohe Präsenz vor  Ort, Selbstorganisation und intrinsisch motivierte Mitarbeiter – sind  reduziert worden.

13. Die Reformen werden nicht von den Menschen  und den Notwendigkeiten vor Ort her gedacht, sondern von Organisations-  und Machtfragen her entwickelt. Sie wirken deshalb nur beschränkt nach  außen. Die Evaluation der Dekanatsstrukturreform zeigte, dass das  Dekanat kaum wahrgenommen wird. So erklärten etwa 82% der  Kirchenvorstände und 71% der Gemeindeglieder, dass sie nicht die Region,  sondern die Kirchengemeinde gestärkt sehen möchten. Vom Dekanat wussten  nur 21% der Mitglieder bei starker Bindung, 10% bei mittlerer Bindung  und 5% bei schwacher Kirchenbindung. Das ursprüngliche Ziel, gerade die  Kirchenfernen durch die Dekanatsstrukturreform zu erreichen, wurde  bislang verfehlt.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3233

Gegen zentrale Steuerungslogik

Unter diesem Titel erschien der Rückblick auf die dreijährige  Arbeit des Forums Aufbruch Gemeinde im Korrespondenzblatt Nr. 6/2011. Dr. Herbert Lindner schrieb hierzu einen Leserbrief unter dem Titel „Zukunft der Gemeinde“ im Korrespondenzblatt Nr. 8/2011.  Sein Vorwurf: „Eine einflächig gedachte und praktizierte »Beteiligungskirche« hätte nach allem was die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen zeigen, einen scharfen Rückgang in den Mitgliederzahlen und eine Milieuverengung innerhalb der verbleibenden Mitglieder zur Folge. Hier müsste sehr viel genauer nachgedacht und ekklesiologisch und kirchenpraktisch argumentiert werden. Kirchliches Handeln muss »multifaktoriell«  bleiben, denn es lässt sich eindimensional nicht optimieren.“

Johannes Taig antwortet Dr. Lindner im Korrespondenzblatt Nr 10/2011, S. 169f.:

Soziologie statt Theologie?

Dr. Lindners Kritik im Korrespondenzblatt Nr. 8/2011 stützt sich hauptsächlich auf der Vorwurf der „Eindimensionalität“ der Anliegen von Aufbruch Gemeinde: „Eine einflächig gedachte und praktizierte »Beteiligungskirche« hätte nach allem, was die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen zeigen, einen scharfen Rückgang in den Mitgliederzahlen und eine Milieuverengung innerhalb der verbleibenden Mitglieder zur Folge.“(S. 146) Mit Verlaub: Weder vertritt Aufbruch Gemeinde eine „einflächig gedachte Beteiligungskirche“, die Lindner offenbar als Gemeindeprofil versteht, noch kann man aus den Mitgliedschaftsuntersuchungen solche Schlussfolgerungen ziehen.

Grundlage seiner Argumentation sind die bisher vier Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft, die, um es verkürzt zu sagen, ergeben hätten, dass die Ortsgemeinde sozusagen als Geburtsort der Kirchenmitgliedschaft zu gelten habe, die Kirchenmitgliedschaft im Weiteren aber durch allerlei andere „übergemeindliche“ Angebote gepflegt und stabilisiert werden müsse. Der moderne Mensch schwirre nun einmal herum und sei nicht auf die Ortsgemeinde festzulegen. Hieraus zieht Lindner direkt genauere Angaben, wie die Kirchensteuereinahmen entsprechend auf die verschiedenen Bereiche und Ebenen der Kirche von der Ortsgemeinde bis zum landesweiten Dienst zu verteilen wären – also so ähnlich, wie dies heute bereits der Fall ist. Dies halte ich für wenig überzeugend.

Nicht nur weil theologische Gesichtspunkte hier durch vermeintlich eindeutige soziologische Befunde vollständig ersetzt und damit scheinbar überflüssig werden, sondern weil die soziologischen Befunde der bisherigen Untersuchungen keineswegs so eindeutig und vergleichbar sind, wie Lindner glauben machen will. Wer mehr hierzu lesen möchte, sei auf den Beitrag von Jan Hermelink in dem von ihm zitierten Band „Kirchenreform“ (hrsg. von Isolde Karle, Leipzig 2009, ab Seite 143 ff) verwiesen. Hermelink weist dort unter der Überschrift „Kirche als Dachorganisation und Symbolisierung des Unverfügbaren“ darauf hin, dass der Einfluss „übergemeindlichen“ und „zielorientierten“ Handelns der „Kirche“ auf die Kirchenmitgliedschaft grundsätzlich überschätzt wird. Hermelink begründet dies ausdrücklich an den erhobenen Befunden.

In diesem Zusammenhang gehört auch, was Wolfgang Schoberth im gleichen KorrBl. (Nr. 8/2011) auf Seite 148 schreibt: „Es wäre freilich fatal, wenn hier die in Theologie und Kirche allerdings nicht selten anzutreffende Naivität ausschlaggebend wäre, die die religionssoziologischen Untersuchungen und Theorien für die Wirklichkeit selbst hält: Wie jede Wissenschaft liefert auch die Religionsforschung ein methodisch konstruiertes Bild der Wirklichkeit, nicht diese selbst; und dieses Bild ist wiederum abhängig von den Kategorien, die als analytische Leitsonden angewandt werden. Die theologische Analyse und das kirchenleitende Handeln kommen nicht darum herum, die soziologischen Forschungen noch einmal kritisch und innerhalb eines theologischen Referenzrahmens zu reflektieren. Dann freilich zeigt sich ein Bild, das von den gängigen pseudo-soziologischen Konstrukten theologischer Theoriebildung noch einmal gründlich unterschieden ist. Die theologisch wie empirisch entscheidende Frage ist die nach Kirchenstrukturen, die dem entsprechen, was als das Wesen der Kirche erkannt wird. Die Diskussion darum wäre allererst zu öffnen.“ (http://aufbruch-gemeinde.de/wordpress/?p=279) Für Lindner ist sie bereits erledigt!

Noch einmal: „Warum sollte die Kirche und warum sollten die an ihrer Gestaltung verantwortlich Beteiligten ein Interesse daran haben, sich in konkreten Gestaltungsaufgaben an dogmatischen Modellen der Kirche zu orientieren? Aus meiner Sicht zum einen deshalb, weil die Kirche nur in Orientierung an einer genuin theologischen Selbstbeschreibung ihrer Eigenart als religiöser Organisation entsprechen kann: Um festzuhalten, dass ihr primärer Referenzrahmen das gesellschaftliche Teilsystem „Religion“ ist – und nicht „Medien“ oder „Wirtschaft“ -, ist die Kirche darauf angewiesen, sich selbst (auch) religiös zu beschreiben und damit zugleich ihre Differenz zu anderen gesellschaftlichen Organisationen deutlich zu machen. Die Orientierung an dogmatischen Beschreibungen der Kirche scheint mir zum anderen notwendig zu sein, um inhaltlich begründet aus bestehenden Gestaltungsmöglichkeiten wählen und mit den normativen Implikationen nicht-theologischer Beschreibungen kritisch umgehen zu können. Um dies an einem Beispiel zu erläutern: Eine an Bonhoeffer anschließende dogmatische Beschreibung der Kirche wird deren intrinsische Sozialität hervorheben und daher die Bedeutung von Ortsgemeinden unterstreichen, in der diese Sozialität in der realen Interaktion der Glaubenden Gestalt gewinnt. Eine an ihr orientierte Gestaltung der Kirche wird daher solche Gestaltungsmöglichkeiten ergreifen, durch die Ortsgemeinden mit ihren vielfältigen und oft unscheinbaren Möglichkeiten direkter Begegnung gestärkt werden. Und sie wird Tendenzen der Abwertung von Ortsgemeinden widersprechen, wie sie sich in „Kirche der Freiheit“ als Folge einer spezifischen nicht-theologischen Beschreibungen der Kirche als Organisation beobachten lassen. (Markus Höfner, Geglaubte und empirische Kirche, in: Isolde, Karle, Kirchenreform, aaO, S. 53 f)

Ich muss an dieser Stelle hoffentlich nicht noch einmal betonen, dass auch nach der Auffassung des „Forums Aufbruch Gemeinde“ kirchliches Handeln multifaktoriell bleiben muss und sich das Leben der Kirche nicht in den Gemeinden am Ort erschöpft. Umgekehrt gilt: Eindimensional wird das Leben der Gemeinden am Ort gerade dann, wenn diesen von der Zentrale die Aufgabe der „Grundversorgung“ und mithin die Aufgabe der Bewältigung des „grauen Alltags“ zugewiesen wird und alles, was an der Kirche toll ist und die Mitglieder bindet, angeblich von übergemeindlichen Diensten angeboten werden muss. Gerade Kirchengemeinden, die vonseiten der „Zentrale“ zur „Filiale“ degradiert werden, und deren Aufgabe mehr und mehr darin besteht, die Angebote von weiter oben nach unten zu kommunizieren, werden eindimensional! Die Entwicklung dahin ist weit fortgeschritten und tägliche Praxis, vom Immobilienmanagement bis zur Unterschriftenaktion zur Transaktionssteuer. Und wie viele Schreiben, die wichtige Entscheidungen für die Gemeinde beinhalten, gehen über den Schreibtisch mit dem Vermerk: „Der Beschluss des Kirchenvorstands wird nachgereicht.“ „Beteiligungsgemeinde“ meint eben nicht Uniformität im Sinne einer bestimmten Gemeindeprofilierung, sondern die grundsätzliche Möglichkeit, das eigene Gemeindeleben und damit die eigene Verkündigung aktiv zu gestalten und Eigenverantwortung zu übernehmen. Tatsache ist, dass Gemeinden, die auch in finanzieller Hinsicht mit dem Rücken zur Wand stehen, dazu immer weniger Möglichkeiten haben.

Dass Lindner die Schuld an dieser Situation ganz bei den Gemeinden sieht, die eben faul und egoistisch sind, statt zu fusionieren, bzw. zu kooperieren, kann von diesen schon als Spott und Hohn empfunden werden. Dort wird es vielerorts ein böses Erwachen geben, weil nun die Pfarrhausrücklage nicht länger durch Sonderzuweisungen abgefedert wird, sondern voll auf den Haushalt durchschlägt. Zukünftig wird auch noch eine Gemeinderücklage für die anderen Immobilien gefordert, aber keiner hat bisher eine Idee, wovon die Gemeinden sie bilden sollen. Man kann den Gemeinden nicht ständig neue Lasten zuweisen und auf der Einnahmenseite alles beim Alten lassen. Da wird “freiwilliges Engagement an Zeit und Geld”, das es in den Gemeinden längst gibt, auch keine Wunder vollbringen können. Es war übrigens in den 70er Jahren eine kirchenpolitische Entscheidung, den Bauunterhalt nicht in den innerkirchlichen Finanzausgleich (Schlüsselzuweisung) einzupreisen, sondern bei der Zentrale zu lassen. Man kann ihn jetzt nicht einfach an die Gemeinden zurückgeben, ohne das Finanzierungssystem zu ändern.

Es wird nicht funktionieren, wenn Lindner meint, er könnte den Ortgemeinden die zukünftige Marschrichtung „Konzentration und Kooperation“ mit dem Argument vorgeben, dass nur so die „Basisstruktur“ der Ortsgemeinde erhalten werden könnte. Organisationstheoretische, soziologische oder ökonomische Gründe werden nicht ausreichend sein können und dürfen (!) für eine Kirche, die sich als Kirche Jesu Christi versteht. Die Diskussion darum wäre allererst zu öffnen und sie wird sich auch nicht in gewohnt paternalistischer Manier beschränken lassen auf die Synode. In wessen Interesse wäre das denn? Der Gemeindebund Bayern (www.aufbruch-gemeinde.de), der am 4. Februar 2012 in Nürnberg gegründet werden wird, wird sich u.a. mit solchen Fragen befassen.

Pfr. Johannes Taig
Mitglied der Landessynode
Mitglied im Grundfragenausschuss

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