Von der Wirtschaft lernen heißt siegen lernen.

oder: was Kirche von der Wirtschaft hätte lernen können.

Von Friedhelm Schneider, Pfr., Immobilienfachwirt

Überarbeitete Version eines Vortrags beim Tag des Pfarrvereins der EKM in Neudietendorf, 18. Juni 2014.

„Erwarten Sie also Parallelen zur kirchlichen Lage heute, wenn sie den Titel so analog formulieren? In der Tat haben Kräfte dominiert, die der Betriebswirtschaft Kräfte für Wachstum gegen den Trend und Erstarkung der Kirche zuschrieben. Betriebswirtschaft hatte in der Kirche spätestens ab der Jahrtausendwende die Theologie als Leitwissenschaft abgelöst. Gewähr für die Ablösung bot (und bietet) auch das biedermannmäßig aus der Wirtschaft anklopfende und arglos eingelassene Berater-Personal: Unternehmensberater wie Peter Barrenstein von McKinsey oder die Direktorin Marlehn Thieme der Deutschen Bank. Letztere aus einem Unternehmen, das zu Zeiten als Marlen Thieme in Führungspositionen der Kirche kam mit 25% Rendite prahlte, sich dann aber vor 2 Jahren kleinlaut aus triftigem Grund selbst einen Kulturwandel verordnen musste. Seither sitzt das Personal der Wirtschaft in den Führungsetagen der Kirche, im Rat der EKD und der Steuerungsgruppe zum Kirchenreformprozess. Man wird eingedenk schon dieser wenigen Fakten der EKD nicht zu nahe treten, wenn man ihr das Wort „Von der Wirtschaft lernen heißt siegen lernen“ als ihre Parole in den Mund legt.“

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag: http://wort-meldungen.de/?p=8590

Geißler fordert Kirche zum Kampf gegen Finanzkapitalismus auf

Worms (epd). Der CDU-Sozialpolitiker Heiner Geißler hat die Kirchen dazu aufgerufen, energischer gegen die Auswüchse der neoliberalen Finanzwirtschaft zu Felde ziehen. Statt deutlicher Worte zu den herrschenden Missständen lese er immer häufiger kirchliche Texte, die wie von Betriebswirtschaftlern verfasst klingen würden, sagte er am Dienstag beim 73. Deutschen Pfarrertag in Worms. Selbst Diakonie und Caritas betrachteten notleidende Patienten mittlerweile als «Kostenfaktor».

Statt von den Idealen der biblischen Nächstenliebe werde die Gesellschaft heute von Geld, Gier und Geiz dominiert, sagte der katholische CDU-Politiker, der vom deutschen Pfarrerverband als Hauptredner zu dem Pfarrertag eingeladen worden war: «Jeder sorgt für sich selber – das ist die moderne heidnische Parole, das Gegenteil von dem, was das Evangelium sagt.» Auch die Kirche sei mittlerweile mit diesem «Virus infiziert».

Lesen den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrertag/index.html

Lesen Sie hierzu einen Kommentar von Friedhelm Schneider: http://wort-meldungen.de/?p=8494

Reformation statt Reförmchen – Eine Streitschrift zur Lage der Ev. Kirche in Deutschland

Siegfried Eckert: 2017. Zweitausendsiebzehn. Reformation statt Re­förmchen, Gütersloher Verlagshaus 2014. gebunden 272 S. EUR 19,99. ISBN 978-3-579-08515-9.
Siegfried Eckert: 2017. Zweitausendsiebzehn. Reformation statt Re­förmchen, Gütersloher Verlagshaus 2014. gebunden 272 S. EUR 19,99. ISBN 978-3-579-08515-9.

Eine Rezension von Harald Schroeter-Wittke

„Sein Buch hat mir Spaß gemacht zu lesen! Es ist mit Verve geschrieben, mit Leidenschaft, aber auch mit Zorn, mit Mut und Unmut, mit Liebe und Frechheit. Der Popanz einer bei vielen Depressionen oder Burn-Out auslösenden Gesamtlage unserer Kirche wird in Frage gestellt, bisweilen lächerlich gemacht, so dass ich häufiger ins Schmunzeln und Lachen geraten bin – ein erster Schritt, um von dem Gefühl los zu kommen, von dem gefühlten Monster der Kirchenreform gänzlich gefressen zu werden. Nur so lässt sich den Herausforderungen Paroli bieten und werden die wahrlich nicht geringen Aufgaben, die auf uns zukommen, gestaltbar.

Mithilfe von eingestreuten Thesen aus Luthers 95 Thesen gegen den Ablasshandel von 1517 macht Eckert in seiner sprachlichen Analyse der Programmschrift deutlich,

  • wie stark die Ökonomisierung als bestimmende Denkkategorie und –haltung in unserer Kirche Einzug gehalten hat,
  • wie dadurch böse Unterstellungen und Misstrauen untereinander wachsen und wachsen,
  • wie sich durch den Druck, der auf allen Ebenen durch das Konkurrenzdenken erzeugt wird, eine schleichende Lähmung allerorten breit macht,
  • wie alle Lebensäußerungen (und damit auch Kultur und Kunst) zu Beiwerken dieses ökonomischen Denkens in der Ev. Kirche werden.

Demgegenüber behauptet Eckert, dass die EKD den Ernst der Lage noch gar nicht erkannt habe: „Nicht die äußeren Faktoren sind existenzgefährdend, der innere Zustand der Kirche stellt die viel größere Gefahr dar.“ (26)

Lesen Sie hier die ganze Rezension: http://www.theomag.de/91/hsw17.htm
(
Tà katoptrizómena, Heft 91/ 2014)

Die Marginalisierung, Geringschätzung und Überforderung der Gemeinde

Aus: „Die christliche Kirche ist die Gemeinde…“ (Barmen III) – Das Impulspapier der EKD und das evangelische Kirchenverständnis. (Vortrag von Prof. Dr. Eberhard L. J. Mechels, Wangerooger Straße 14, 26810 Westoverledingen-Ihrhove,  am 16. März 2013 in Erfurt)

Deutliche Indikatoren der hier beschriebenen Gesamtintention des Impulspapiers (Kirche der Freiheit) und seiner Befürworter sind die abschätzigen und z. T. diskriminierenden Termini und die Charakterisierungen, mit denen die Wirklichkeit unserer Gemeinden und die Arbeit der in ihnen tätigen Pfarrerinnen und Pfarrer beschrieben wird. Indikatoren sind ebenso die übersteigerten Anforderungen und Erwartungen an beide. Diese lassen befürchten, dass die Latte so hoch gelegt wird, dass es fast unvermeidlich ist, darunter durchzulaufen. Und, wenn das Reformprogramm bis 2030 nicht den gewünschten Erfolg haben sollte („Wachsen gegen den Trend“), dann weiß man schon, wer schuld ist. Der Imperativ der ständigen Steigerung kann sich ruinös auswirken. „Spätestens mit dem Reformpapier der EKD ist dies auch schriftlich dokumentiert“, dass der Druck auf die PfarrerInnen verstärkt wird, „ihre Kompetenzen zu steigern,  um den Trend des Mitgliederverlustes umzukehren (…).“ Das Bild eines idealen Pfarrers/einer idealen Pfarrerin ist implizit prägend, wenn alles zusammen erwartet wird: theologisch und rhetorisch qualifizierte Predigt, liturgisch präsente Gottesdienstgestaltung, sensible und spirituell animierte Seelsorge, religionspädagogisch ansprechende Bildungsarbeit, glaubwürdiges diakonisches Engagement, erfolgreiches Fundraising, kompetente Leitung und Verwaltung, künstlerisch-ästhetische Sensibilität im Umgang mit dem Kirchenraum, professionelle Öffentlichkeitsarbeit  und vielleicht noch mehr als dies.‘ Dieser hohe Anspruch ist nicht zu erfüllen (…) Mit dem im Impulspapier gebetsmühlenartig eingeforderten ‚Mentalitätswandel‘ bei den PfarrerInnen folgt es dem gesellschaftlichen Trend zu ständiger Optimierung, wie Isolde Karle (…) schrieb: ‚Stets muss nach neuen Angeboten gesucht und müssen neue Bedürfnislagen analysiert werden (…) Das Reformpapier ist (…)  von einem  Innovations- und Steigerungsstress gekennzeichnet, der die Pfarrerinnen und Pfarrer und andere kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Dauer auslaugen, erschöpfen und frustrieren wird‘.“ Klaus Martin Dober hat in einem sehr erhellenden Aufsatz gezeigt, dass hinter diesem Steigerungsdruck das Rollenbild des Pfarrers, der Pfarrerin als des Unternehmers/der Unternehmerin steckt. Die Strömung, der Sog des Komparativs, der beständigen Steigerung, des Wachstums, der unablässigen Selbstverbesserung folgt der Dynamik der Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Es ist der Sog, „sich ständig zu einem anderen zu machen“. Dober formuliert demgegenüber mit Recht die Aufgabe der PfarrerInnen heute „anders anders zu sein.“

Die Negativseite dieses übersteigerten Erwartungs- und Anforderungslevels, des gebetsmühlenartig eingeforderten Mentalitätswandels bei PfarrerInnen ist die Abqualifizierung der tatsächlich im Pfarramt geleisteten Arbeit. „Gegenwärtige Qualitätsmängel gibt es allerdings auch: Wir setzten die Anzahl von Gemeinden, in denen der Pfarrdienst derzeit in unbefriedigender Qualität getan wird, mangels konkreter Daten mit 20 bis 30 Prozent an.“ Dieser gewagten und unbelegten Behauptung, mittels derer sozusagen stehend freihändig „angesetzt“ wird, wird in einem Wettbewerb im Ungefähren nicht weniger wagemutig eine gerüchteweise Steigerung beigefügt: „Von Personalverantwortlichen der Kirchen kam die Rückmeldung, dass unsere Schätzung zu niedrig liege.“ Ähnlich kreativ sind die Verbalisierungskünste im Negativqualifizieren der  Gemeindewirklichkeit: „Milieuverengung“ und „Enge“ gehören ebenso zur Gebetsmühle wie „schmoren im eigenen Saft.“ „Es  geht in der aktuellen Diskussion mitnichten um eine fehlende Würdigung und mangelnde Aufwertung der Tätigkeit von nichtakademisch ausgebildeten Predigerinnen und Predigern. Es geht vielmehr konkret um die immer unerträglicher werdende Geringschätzung, ja geradezu Verachtung der Theologie und der Arbeit von Theologinnen und Theologen im Gemeindepfarramt. Auf der Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen zum Beispiel wird kirchenoffiziell und ohne Widerspruch davon geredet, dass die Streichung von Gemeindepfarrstellen den Gemeinden und Kirchenkreisen zugute komme (…) Nicht mehr die in der alltäglichen Wirklichkeit sehr aufwändige und aufreibende und mit einem hohen Maß an Leidenschaft verrichtete Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer kommt den Gemeinden zugute, sondern die Abschaffung ihrer Stellen. Wann ist je so abfällig und entwürdigend über diesen Berufsstand geredet worden.“

Lesen Sie hier den gesamten Vortrag im Pfälzischen Pfarrerblatt: http://www.pfarrerblatt.de/text_443.htm

EKiR: Manchmal muss es eben Mumm sein!

In einer Videobotschaft und in einem offenen Brief kündigt der Präses der Ev. Kirche im Rheinland Einsparungen von 35% auf landeskirchlicher Ebene bis zum Jahr 2018 an. Der Offenheit, mit der er die Sparmaßnahmen ankündigt, darf man durchaus Respekt zollen. Dennoch ist es jetzt an der Zeit, dass sich unsere Kirchengemeinden wieder mehr auf ihr presbyterial-synodales Prinzip rückbesinnen und sich von übergeordneten Institutionen emanzipieren.

Botschaft

Ein Kassensturz, so Präses Rekowski, habe ergeben, dass die finanzielle Situation auf landeskirchlicher Ebene dramatischer sei, als noch vor wenigen Monaten angenommen. Ursprünglich sollten 15% des Haushaltes bis zum Jahre 2023 eingespart werden, nun ist man zur Erkenntnis gekommen, dass es 35% bis zum Jahre 2018 sein müssen. Begründet wird dieser Einschnitt u.a. mit dem einleitenden Hinweis, dass die Mitgliederzahlen seit Jahrzehnten sinken und damit die Kirche weniger Kirchensteuer einnehmen würde. Diese Behauptung hat in den letzten Jahren schon zu teilweise drastischen Sparmaßnahmen in einzelnen Gemeinden geführt: Pfarrstellen- und Angestelltenabbau, (unfreiwillige) Fusionen, Veräußerung von Gebäuden etc. U.a. wurden auch strukturelle Veränderungen mit vorgeblich finanziellen Einbußen begründet und durchgesetzt. Diese Entwicklung wird nun weiter forciert.

Fakten

Der Brandbrief unseres Präses Rekowski beginnt mit dem Satz: “Wie können wir auch in Zukunft unsere Leitvorstellung ‘missionarisch Volkskirche sein’ verwirklichen, wenn unsere Mitgliederzahl seit 1970 um fast ein Drittel gesunken ist und weiter kontinuierlich sinkt und unsere Finanzkraft nicht zuletzt dadurch nachhaltig geringer wird?” Es ist bedenklich, dass das Damoklesschwert der zurückgehenden Mitgliederzahlen immer wieder gleichgesetzt wird mit geringeren Kirchensteuereinnahmen. Denn das ist schlichtweg falsch! Das Gegenteil ist der Fall: 1970 lagen die Mitgliedszahlen bei knapp 3,9 Millionen, das Kirchensteueraufkommen betrug umgerechnet etwa 200 Mio €. 1990 verzeichnete die EKiR 3,3 Millionen Mitglieder bei einem Kirchensteueraufkommen von 580 Mio € und im Jahre 2013 werden wir uns voraussichtlich über knapp 600 Mio € Kirchensteuereinnahmen freuen können bei 2,74 Millionen eingetragenen Schäfchen. Dass diese Tatsache – vorsichtig formuliert: – umgedeutet wird, lässt darauf schließen, dass man andere Gründe für die prekäre finanzielle Situation entweder zu vertuschen oder zumindest in den Hintergrund zu drängen versucht. So entsprechen laut Notiz des Internetbeauftragten der EKiR, Peter Reimann, die 35% einem Einsparvolumen von 20 Mio €. Das ist zufällig genau die Summe, die durch dubiose Geschäfte des kircheneigenen Unternehmens bbz GmbH, des Beihilfe- und Bezüge-Zentrums mit Sitz in Bad Dürkheim, veruntreut wurde.

Auch andere überdimensionale Kostenfaktoren sind auf unsachgemäße, ja dilettantische Projektplanung und -umsetzung des Landeskirchenamtes zurückzuführen. Nehmen wir z.B. den Wechsel des Buchungssystems auf das Neue Kirchliche Finanzwesen (NKF): 2011 bestätigte die Landessynode, anstatt der bisher verwendeten kameralistischen die doppische Buchführung einzuführen. Damit sollten die Kirchengemeinden und nicht zuletzt das LKA selbst ihre eigenen finanziellen Belange unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten realistischer abbilden und so zukunftsorientierter planen können. Leider erwies sich die Umstellung in der Kürze der vorgegebenen Zeit und vom Arbeits- und Technikaufwand her als Überforderung der zur Verfügung stehenden Kräfte und Ausstattung, so dass auf landeskirchlicher Ebene Know-How und Manpower teuer eingekauft werden musste, um die gesteckten Ziele wenigstens ansatzweise zu erreichen. Auch hier wurden Millionenbeträge zum Fenster rausgeworfen, u.a. deshalb, weil die vorgesehenen Budgets nicht eingehalten werden konnten (allein für das LKA erhöhte sich der finanzielle Bedarf laut Finanzbericht 2012 auf fast das Doppelte der veranschlagten 2 auf 3,8 Mio € – die Gesamtkosten übersteigen inzwischen das 10fache dieses Betrags!). Als weiterer Kostentreiber ist die Verwaltungsstrukturreform anzusehen, die im Januar 2013 in einem Gesetz verabschiedet wurde und den Kirchenkreisen vorschreibt, wie sie ihre Personalplanung zu gestalten haben. 15 Vollzeitstellen sind – unabhängig von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten – einzurichten. Und: “Zur Sicherung von Vertretung und zur Gewährleistung der notwendigen Fachlichkeit bestimmt die Kirchenleitung eine Mindestpersonalausstattung für die Aufgabenbereiche Personalwesen, Finanzwesen, Bau- und Liegenschaften, IT-Angelegenheiten, Leitung sowie Organisation und Controlling durch Rechtsverordnung gemäß § 27.” Was nichts anderes bedeutet, als dass Kirchenkreise, um dieser Vorgabe zu entsprechen, entweder Personal kostenintensiv aufstocken oder aber fusionieren müssen, da sich eine spürbare positive finanzielle Auswirkung einer solchen Verwaltungseinheit erst bei etwa 100.000 Kirchengliedern einstellt.

Analyse

Neben all den kritischen finanziellen Aspekten, die mir seit einigen Jahren Sorgen bereiten, schwant mir ein weit größeres Ungemach in unserer Evangelischen Kirche im Rheinland. Anscheinend ist man dabei, das Wesen unserer Kirche zu verändern! Bauchschmerzen bereitet mir deshalb ein Nebensatz im Brandbrief Rekowskis, der sich jedoch nahtlos in die Entwicklung der letzten Jahre einfügt. Im Schreiben heißt es: ”Am 28. September findet eine ‘Zukunftswerkstatt’ statt: Neben der Kirchenleitung wird der Ausschuss für Aufgabenkritik, die Vorsitzenden der Ständigen Ausschüsse sowie aus jedem Ausschuss je drei weitere Mitglieder darüber beraten, wie die Evangelische Kirche im Rheinland im Jahr 2030 aussehen soll. Hiervon versprechen wir uns wichtige Impulse für die weiteren Beratungen.” Kirche im Jahr 2030 – das rekuriert auf das noch von Bischof Huber initiierte Impulspapier der EKD “Kirche der Freiheit”, das im Jahre 2006 als Diskussionsgrundlage in die Gemeinden ging. Das darin entwickelte Modell von Kirche mit religiösen Eventzentren und der weitgehenden Aufgabe parochialer Strukturen, also der Ortsgemeinden mit ihren Pfarrern und Kirchen, ist Ausgeburt eines Denkens, das sich eher an unternehmerischen und wirtschaftlichen Prämissen orientiert als an den Leib Christi, der Kirche doch sein soll! Überhaupt vermisse ich in all diesen Diskussionen die theologische Grundlegung und Ausrichtung der anzugehenden Projekte und Umstrukturierungsmaßnahmen. Anstatt auf Gottes Wort zu hören und zu vertrauen, anstatt in den Gemeinden vor Ort nach Lösungsansätzen zu suchen und den Erfahrungen der Pfarrer, Presbyterien und haupt- und ehrenamtlich Tätigen zu lauschen, setzt man lieber auf externe Beratungsfirmen und Marketingstrategen, die unsere Evangelische Kirche im Rheinland wie ein seelenloses Wirtschaftsunternehmen behandeln, das mal ordentlich saniert werden muss. Wenn jedoch das Monetäre als unser Kapital ins Zentrum rückt und nicht der Mensch, dann verfehlen wir nicht nur den Auftrag Jesu, sondern pervertieren unsere Kirche zu einem Tempel, in dem sich alles nur noch um das Goldene Kalb “Wirtschaftlichkeit” dreht. Die schlechten Erfahrungen, die wir die letzten Jahre damit gemacht haben, müssten doch nun langsam zu der Erkenntnis führen, dass – Gott sei Dank! – die Evangelische Kirche im Rheinland kein Wirtschaftsunternehmen ist, dass unsere Pfarrer keine Manager, dass unsere Presbyter keine Abteilungsleiter und unsere Verwaltungsangestellten keine IT-Spezialisten sind – und dass unser Evangelium kein Konsumprodukt ist, dass nur professionell vermarktet werden muss. Wir sind Kirche Jesu Christi und das heißt vor allem, dass wir für die Menschen aus christlicher Liebe heraus Lebensbegleiter sein sollen. Und ich kenne keinen Mitarbeitenden vor Ort, der sich nicht zuerst als Christ und erst viel später als jemand sieht, der hier nur seinen Job macht. Und diesen Unterschied zur Gesellschaft muss sich unsere Kirche in allen Belangen bewahren!

Konsequenzen

1. Die von Präses Rekowski angedeutete Transparenz darf sich nicht nur in Worten, sondern muss sich auch in Taten zeigen. Dazu gehört auch, dass solche Hiobsbotschaften wie die geplante Einsparung von 35% nicht kurz vor den Sommerferien veröffentlicht werden, sondern zu einem Zeitpunkt, zu dem Gemeinden und Kirchenkreise noch die Möglichkeit haben, darauf angemessen zu reagieren!
2. Unsere Synodalen müssen gegenüber der Kirchenleitung mehr Selbstbewusstsein entwickeln und nicht nur Beschlussvorlagen abnicken, weil es inzwischen spät am Abend ist und der Zug nach Hause nicht wartet! (Ich weiß, dass ich an dieser Stelle manchem Abgeordneten Unrecht tue, gehe aber dieses Risiko um des deutlichen Wortes willen ein.)
3. Unsere Kirchengemeinden müssen sich davon frei machen, den Vorgaben der Landeskirche auf Schritt und Tritt Folge zu leisten. Die Presbyterien sind zu aller erst und nur Jesus Christus gegenüber und seiner Gemeinde vor Ort verpflichtet. Ihr Wohl und Gedeihen stehen im Vordergrund. Wenn man der Meinung ist, dass eine landeskirchliche Entscheidung der Verkündigung und Seelsorge vor Ort und der Entwicklung der Gemeinde schadet, dann reicht es nicht zu protestieren, sondern dann ist in der Tat Widerstand gefragt!
4. Kompetenzen dürfen nicht weiter “nach oben” verlagert werden, sondern müssen wieder dorthin, wo sie hingehören: in die Presbyterien und in die Gemeinden vor Ort.
5. Wir alle müssen uns fragen, an welcher Stelle wir zu distanziert, zu desinteressiert, zu lau, zu schläfrig und zu beschäftigt waren, so dass wir eine Entwicklung verpasst haben, die dazu führt, dass unsere Evangelische Kirche im Rheinland ihr presbyterial-synodales Profil zunehmend verliert.

Zu all dem braucht es Gottvertrauen und Mut – ich hoffe, wir Rheinländer bringen ihn auf. Einer meiner Professoren hatte einmal gesagt: Wie ist der Begriff “Pneuma” (Geist) am besten zu übersetzen? Mit Mumm! Der Heilige Geist verleiht Mut! Und manchmal muss es – um Jesu Christi und seiner Kirche Willen – eben Mumm sein.

Frisch erpresst – Die Diskussion in der katholischen Kirche

Auch in der katholischen Kirche regt sich Unmut über die aktuelle Kirchenpolitik.

Wer nicht zahlt, darf nicht Mitglied der katholischen Kirche sein. So hat es das Bundesverwaltungsgericht entschieden, so sehen es die deutschen Bischöfe, so sieht es Rom. Doch für immer mehr Geld bekommt der Gläubige immer weniger Gott

Von Michael Rutz (Christ & Welt Ausgabe 41/2012)

„Die 4,8 Milliarden Euro pro Jahr, die die 25 Millionen Katholiken in Deutschland allein in die Kasse ihrer Kirche spülen (und bei den Protestanten ist das nicht viel geringer), sind ein Ruhekissen, auf dem die Organisation sich gut betten kann. Die katholische Kirche stiftet mit ihrem Geld auch gewiss viel Segen: in Krankenhäusern, Schulen, Kindergärten, in der Weltkirche. Nur dort, wo es herkommt, kommt es immer weniger an – beim deutschen Kirchensteuerzahler, in der Gemeinde.

Aber wer zahlt, möchte für sein Geld auch eine Gegenleistung sehen. Er will eine funktionierende Gemeinde vor Ort als Zentrum der Glaubenspraxis, in der die heilige Messe am Sonntag ebenso angeboten wird wie die spirituelle Begleitung durch den Gemeindepfarrer, als biblischen Wesenskern der Kirche. Erwarten darf der Kirchensteuerzahler auch Angebote zur christlichen Sozialisierung der Familie, vor allem der Kinder: Jugendgruppen, Ministranten- und Pfadfinderstunden, attraktive musikalische Gemeindearbeit durch einen Kantor, Förderung der christlichen Arbeitsgemeinschaften im vorpolitischen Raum. Nur solche Gemeindearbeit sichert auch den Zusammenhalt, und zwar am Ort, wo die Gläubigen sind.

Die Wirklichkeit indes sieht anders aus: Gemeinden werden aufgelöst („zusammengelegt“), ihre Finanzmittel trotz höchster Kirchensteuereinnahmen gekürzt, ein Pfarrer muss, mit heißen Autoreifen, oft drei oder mehr Gemeinden betreuen, die Zeiten für die heilige Messe werden revidiert, in manchen Gemeinden wird die Messe – wenn überhaupt – nur noch am Samstag angeboten. Ein anderes Angebot kommt, wenn nicht ein Pfarrer vor Ort mit Ruhe und Hingabe für seine Gemeindemitglieder da sein kann, gar nicht mehr zustande. Kurz: Die Kirche verlässt ihre Gläubigen.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.christundwelt.de/detail/artikel/frisch-erpresst/

Struktur-k(r)ampf in der evangelischen Kirche

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (I):

Von Friedhelm Schneider

Das  Schlagwort von den (notwendigen) kirchlichen Reformprozessen ist in  aller Munde. Ob dabei die evang. Kirche viel zu lange einen »Reformstau«  zu beklagen hatte und sich deshalb nun im »Reformstress« befindet, sei  dahingestellt. In einer lockeren Folge von Beiträgen widmet sich  das »Deutsche Pfarrerblatt« der Theorie und Praxis kirchlicher  Reformprozesse in der EKD und in einzelnen Gliedkirchen. Es geht um die  kritische Beobachtung und Begleitung dieser Vorgänge. Den Auftakt macht  Friedhelm Schneider mit der Analyse eines Strukturwandels in der EKHN,  der sich zugleich als Kulturwandel verstehen lässt.

Der  Kirche wollen ihre Reformen nicht recht gelingen, sichtbarer Erfolg  bleibt aus. Denn es fehlt der Bezug zur Praxis – »Kirche der Freiheit«  (KdF), das Reformpapier der EKD, konnte »einer differenzierten  Situationsanalyse … ein eigenes Recht« nicht zugestehen. Und  »nur am Rande wird im Namen der ›Kirche der Freiheit‹ auch jene – von  der EKD selbst finanzierte – Forschung rezipiert.« So will  die Kritik an KdF auch heute, sechs Jahre nach Erscheinen, nicht enden  und die Frage steht im Raum, ob die Reformen nicht »neue und vielleicht  sogar schwerwiegendere Probleme« schafften als sie lösten. …

Die negativen Auswirkungen in Bezug auf die kirchlichen Zielsetzungen seien an drei Beispielen angezeigt:

1.  »Geistliche Gemeinschaft«, »Nähe zu den Menschen« – das waren  inhaltliches Denken und Handeln bestimmende Ziele der Kirche. Und heute?  Kenner konstatieren eine »große innerkirchliche  Selbstbeschäftigungsmaschinerie.« Der Weg zurück zu den Menschen wird nur über nicht-strukturelle Koordination zu erzielen sein.

2.  Machtwechsel von der Theologie zur Bürokratie, vom Kirchenpräsidenten  zum Finanzabteilungsleiter. Dazu bedenke man die Erkenntnisse Max  Webers: »Eine einmal durchgeführte Bürokratie gehört zu den am  schwersten zu zertrümmernden sozialen Gebilden … Als Instrument … war  und ist sie daher ein Machtmittel allerersten Ranges für den, der über  den bürokratischen Apparat verfügt.«

3. Finanzen und  Wirtschaftlichkeit. Generell gilt: kein System kann günstiger sein als  eines, das auf Selbstregulierung basiert. Denn in  betriebswirtschaftlicher Sicht erhöht die Gewichtsverlagerung zur  »Struktur« die Gemeinkosten und senkt damit die Wirtschaftlichkeit. Und  das mit wachsender Tendenz. Beispiel Gesundheitswesen: dort liegt der  Verwaltungskostenanteil mittlerweile bei 25%.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, Nr. 8/2012, S. 461 f.: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3215

Predigt zu Wolfgang Hubers 70. Geburtstag Berlin 19.8.2012

Von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Gal 2,16-21

Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben. 

Liebe Gemeinde,

es ist ein köstlich Ding, wenn uns die Perikopenordnung an einem solchen Tag einen solchen Predigttext beschert! Ein zentraler Text über die Rechtfertigungslehre wie dieser ist schon etwas Besonderes, wenn überall im Lande heute in unserer evangelischen Kirche Gottesdienst gefeiert wird. Wenn aber in einem dieser Gottesdienste auch noch einer gefeiert wird, der nicht nur ein evangelischer Landesbischof war, sondern dazu der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, dann darf man getrost die Frage stellen, was uns der Heilige Geist damit sagen will.

Es spricht viel dafür, dass es auch den eigenen Leistungen und Erfolgen nicht schadet, dass es vielleicht sogar besonders nützt, wenn sie nicht aus dem Kampf um Anerkennung, sondern aus dem Bewusstsein der Freiheit erwachsen. Aus dem Bewusstsein der geschenkten Freiheit.

Dass die Freiheit eines Christenmenschen letztlich nämlich nicht das Ergebnis einer Anstrengung ist, so sehr Anstrengungen auf dem Weg in die Freiheit eine Rolle spielen können, sondern dass sie eine geschenkte Freiheit ist, das ist mehr als ein Nebenaspekt. Es ist der Schlüssel für das Leben in der Freiheit.

Leistung ist nichts Schlechtes, sondern kann viel Segen bewirken. Und auch Leistungsmessung ist nicht zu vermeiden, so problematisch sie sich immer wieder gestaltet. Aber Leistung aus Freiheit trägt mehr Verheißung in sich als Leistung als Konsequenz von Kontrolle  und aus Angst vor Sanktion oder Anerkennungsverlust. Es gibt keine tragfähigere Grundlage für Gelingen als die Dankbarkeit für geschenkte Freiheit.

Aus dieser Perspektive heraus ist die aus bestimmten Unternehmensberatungskonzepten stammende gesellschaftliche Tendenz problematisch, nach der Erfolg vor allem oder gar allein auf Qualitätskontrolle fußt. Im Namen der Bekämpfung des Schlendrians tritt an die Stelle der Freiheit die Kontrolle. Nicht das Zutrauen in Kompetenz und Engagement der Mitarbeiter gibt den Ton an, sondern das Misstrauen. Der Nachweis über die Qualität der eigenen Arbeit stiehlt der echten Arbeit die Zeit. Der ständige Zwang zur Beweisführung über die Qualität der eigenen Arbeit wird zum Gift für die Arbeitsatmosphäre. Es tut den Unternehmen nicht gut, es tut den Universitäten nicht gut. Und es täte ganz bestimmt der Kirche nicht gut, wollten wir auf diesen Zug aufspringen.

Anstatt aus angestrengter Aktivität aus der Dankbarkeit zu leben und die damit verbundene Gelassenheit zu entwickeln, hat natürlich nichts zu tun mit der Glorifizierung des Mittelmaßes. Eine meiner Lieblingspassagen im EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ ist ein Satz über die Freiheit. Da heißt es: „‘Gottes „Kraft ist in den Schwachen mächtig‘ (2.Korinther 12,9), die Gegenwart seines Evangeliums ist nicht gebunden an leuchtende Kirchen oder wirkmächtige Predigten. Dies aber ist ein Satz über die Freiheit Gottes, nicht über die Entlastung von der Aufgabe, Kirche nach bestem Wissen und Gewissen einladend zu gestalten“ (S.34).

Lasst uns die Kirche verändern! Lasst uns ihre Ausstrahlungskraft erneuern! Lasst uns das Evangelium so weitersagen, dass die Welt es hört! Aber lasst es uns aus der Leidenschaft und Begeisterung heraus tun, die die Freiheit eines Christenmenschen mit sich bringt. Alle Instrumente der Motivation, alle Methoden der Mitgliedergewinnung und –bindung, alle Personalentwicklungsprogramme für unsere Pfarrerinnen und Pfarrer werden schal und sind am Ende kontraproduktiv, wenn sie zur Hauptsache werden und sich nicht mehr nähren aus der geschenkten Freiheit.

Paulus hat so recht, wenn er sagt: „Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.“ Aus der Gnade Gottes leben, darum geht es. Und als Kirche es auszustrahlen, in der Botschaft wie in der Ordnung, in den Predigten wie in den Strukturen. In den Inhalten der Verkündigung wie in der Art, wie die Landes- und EKD-Kirchenämter und alle sonstigen Institutionen unserer Kirche funktionieren. Es braucht Zuständigkeiten, Dienstordnungen und – wo kein anderer Weg bleibt – auch Sanktionen. Aber das alles atmet in der Perspektive der Rechtfertigungslehre den Geist der Gnade.

Lesen Sie hier die ganze Predigt: https://www.facebook.com/notes/heinrich-bedford-strohm/predigt-zu-wolfgang-hubers-70-geburtstag-berlin-1982012/399946130068261 oder http://www.bayern-evangelisch.de/www/landesbischof/downloads/Predigt_fuer_Wolfgang_Huber.pdf)

Theologieprofessorin beklagt „protestantische Dauerunruhe“

Die evangelische Theologieprofessorin Isolde Karle von der Ruhr-Universität Bochum hat die Reformbestrebungen in der evangelischen Kirche hinterfragt. Diese sei geprägt von „protestantischer Dauerunruhe“, sagte Karle am Mittwoch auf dem hessischen Pfarrtag in Gießen. Der derzeitige „Alarmismus“ der Kirche erstaune jedoch, schließlich habe es in der Geschichte schon viel größere Krisen gegeben. „Dabei gerät aus dem Blick, dass vieles gelingt.“

Karle stellte die Annahme infrage, dass derzeit ein günstiger Markt für Kirchen besteht. In der Forschung sei umstritten, ob es tatsächlich einen „Religionsboom“ gebe oder ob nicht vielmehr die Säkularisierung weiter fortschreite – das zumindest legten aktuelle Studien nahe. Zudem gehe es bei dem angeblichen Religionsboom um eine Religion, die weitgehend ohne Gott auskomme.

Aufgrund ihrer eigenen Finanzkrise – eine Folge der „immensen Ausweitung“ von Stellen und Gebäuden seit den 1970er Jahren – suche die evangelische Kirche die Nähe zur Wirtschaft, kritisierte Karle. Religion werde degradiert zu einer „Dienstleistung auf dem Markt“. Doch für die meisten Mitglieder sei die Kirche keine Organisation wie jede andere. Sie solle vielmehr ein Gegenüber bilden, eine Art „Kontrastprinzip“ und das „Außer-Alltägliche“ repräsentieren.

Es sei paradox, dass die Kirche die Regeln des Marketings und der Mediengesellschaft beherrschen müsse, gleichzeitig aber in eine Glaubwürdigkeitskrise gerate, wenn sie diese übernehme. „Kirche ist für die Menschen die Kirche vor Ort“, sagte die Theologin. Für über siebzig Prozent der Mitglieder sei es wichtig, dass der Pfarrer ein Vorbild ist. Die Mitglieder nähmen Kirche vor allem über den Pfarrer wahr, weshalb der Pfarrberuf gefördert werden müsse.

(epd vom 14. Juni 2012)

Zwölf Thesen zur Kirchenreform

Von Isolde Karle

1. Die evangelische Kirche ist von unten, von den Gemeinden her aufgebaut. Sie hat eine föderale Struktur und wird synodal-demokratisch geleitet. Als Kirche der Freiheit und Kirche der Vielfalt ist ihr eine hierarchische, einheitliche, autoritäre Struktur fremd. Prinzipiell haben alle Christen teil am Lehr- und Leitungsamt der Kirche. Tendenzen innerhalb der EKD und mancher Kirchenleitungen, die Kirche von oben her, top down, zu steuern, widersprechen dem Wesen des Protestantismus. Evangelische Kirchenleitung ist herausgefordert von oben von unten her zu denken. Reformvorschläge der Kirchenleitung müssen deshalb dem offenen Diskurs ausgesetzt werden und können nur gelingen, wenn sie von einer breiten Basis unterstützt, mitgetragen und befürwortet werden.

2. Die evangelische Kirche wächst aus den Gemeinden, den lokalen Zusammenschlüssen von Christinnen und Christen. Kleinere Einheiten kommen im Gegensatz zu größeren Einheiten mit wenig bürokratischer Kontrolle aus, weil die persönliche Bekanntschaft und der überschaubare Rahmen eine starke Vertrauensbasis schaffen. Die Vertrautheit von Orten und Personen hat eine kaum zu überschätzende Funktion für die Vermittlung elementarer Grundsicherheit. Die Bedeutung solcher Grundsicherheit nimmt mit der Anonymität und Mobilität der Gesellschaft eher zu statt ab.

3. Für die Kirchlichkeit des Protestantismus ist Gemeindereligiosität unverzichtbar. In den Gemeinden ringen nicht nur theologische Experten, sondern Menschen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen und Milieus darum, wie Kirche gestaltet werden soll. Hier gewinnt Kirche Kontur und Anschaulichkeit. Hier werden lebenslange Loyalitäten und Bindungen geschaffen, die für die Stabilisierung der Kirchenmitgliedschaft und die Bereitschaft, die Kirche finanziell zu tragen und zu unterstützen, essentiell sind.

4. Der Pfarrberuf ist Schlüsselberuf für die evangelische Kirche. Eine Pastorin kann die enorme Vielfalt und Komplexität ihrer Aufgaben nur dann bewältigen, wenn sie das Vertrauen der Menschen genießt und weitgehend autonom entscheiden kann, ob, wann und wie gehandelt werden soll. Neben den überprüfbaren theologischen Kompetenzen eines Pastors sind deshalb Glaubwürdigkeit, Charisma, Intuition und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, entscheidend für den Pfarrberuf als Profession.

5. Die Kirche ist auf intrinsisch motivierte Pastorinnen/Pastoren und Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter angewiesen. Intrinsische Motivation lässt sich von außen nicht erzeugen, wohl aber beeinträchtigen und zerstören. Nicht-Zutrauen ist eine wesentliche Ursache für Demotivation. Geht die Identifikation mit der Sache verloren, weil das planvolle Erfüllen von Zielvereinbarungen in den Vordergrund rückt, führt das zur Ent-Identifikation und Demotivation. Wichtiger als jedes Reformprogramm ist es, die Attraktivität des Pfarrberufs zu fördern, damit auch künftig theologisch qualifizierter Nachwuchs gewonnen werden kann.

6. Das Grundproblem vieler Kirchenreformprogramme ist, dass sie zuviel Steuerbarkeit und Planbarkeit unterstellen, dass sie Prozesse organisieren wollen, die sich nicht organisieren lassen. Die Kirche manövriert sich dadurch in einen Aktivismus hinein, der große Frustrationen hervorrufen und die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erschöpfen, auslaugen und überfordern wird. Die Organisation Kirche ist herausgefordert, die Rahmenbedingungen einer nicht zentralistischen Kirche so zu verbessern, dass die Wahrscheinlichkeit interaktiver Begegnungen und informeller Beziehungen steigt und Menschen sich gern in ihr und für sie engagieren.

7. Der Glaube kann nicht gekauft werden wie ein Produkt. Menschen entscheiden sich nicht nach Belieben für oder gegen den Glauben. Es ist insofern unwahrscheinlich, dass insbesondere distanzierte Kirchenmitglieder religiöse Angebote an weit entlegenen Orten wahrnehmen und für sich beanspruchen. Es bedarf in der funktional differenzierten Gesellschaft starker Zentren und überregionaler Angebote und Vernetzungen, aber diese dürfen nicht gegen die Gemeindekirche ausgespielt werden. In der Regel entwickeln sich religiöses Interesse und religiöse Identität über das selbstverständliche »Mitlaufen« in familiärer und kirchlicher Sozialisation, nicht über eine spontan getroffene Entscheidung.

8. In der Vielfalt ihrer Lebensformen ist die Familie die grundlegende und nachhaltigste Sozialisationsinstanz. Der Einfluss der Eltern-und Großelternpersonen ist für die Kirchenbindung der allermeisten Menschen entscheidend. Zugleich ist die Familie gerade in religiöser Hinsicht auf Unterstützung angewiesen. Da die Erziehung von Kindern und Jugendlichen vornehmlich lokal orientiert ist, haben die Kirchengemeinden (neben dem Religionsunterricht an Schulen) hier eine zentrale Aufgabe. Eine Kirche, die gegen den Trend wachsen will, findet in diesem Bereich am ehesten Anknüpfungspunkte.

9. Kirchengebäude gehen in ihrer Bedeutung über ihre unmittelbare Funktion, Versammlungsort für Christinnen und Christen zu sein, weit hinaus. Als sakrale Orte erinnern sie an existentielle Fragen der Religion. Sie sind exemplarische Orte der Präsenz Gottes in der Welt. Citykirchen sind Orte der kulturellen, Lokalkirchen vor allem Orte der biographischen Erinnerung. Kirchen symbolisieren in ihrer Stetigkeit und äußerlichen Invarianz die Unverfügbarkeit individueller und kollektiver Daseinsbedingungen.

10. Die mediale Präsenz der Kirche ist in der Mediengesellschaft von großer Bedeutung im Hinblick auf das Image und die gesellschaftliche Einflussmöglichkeiten der Kirche. Gleichwohl sind die lokalen Öffentlichkeiten nicht zu vernachlässigen. Sie sind sowohl zivilgesellschaftlich als auch für die gelebte Kirchlichkeit zentral und stellen überdies ein wichtiges Korrektiv der Massenmedien mit ihrer Neigung zur Simplifizierung und zum Alarmismus dar. Reale Begegnungen und reale Räume behalten auch in Zeiten fortschreitender Virtualisierung der Gesellschaft eine hohe Bedeutung. Die Kirche lebt in ihren grundlegenden Vollzügen von leiblicher, verletzlicher, auf den Nächsten bezogener Kommunikation.

11. Durch die Ökonomisierung der Kirche entsteht eine Eigendynamik der Organisation, die sich theologischen Beurteilungskriterien mehr und mehr entzieht. An die Stelle theologischer Steuerung tritt immer stärker eine managementförmige Steuerung. Theologie wird zur legitimierenden Zweitcodierung. Für die Kirche der Zukunft ist es unabdingbar, dass sie wieder zu einem eigenen theologischen Selbstverständnis findet, dass sie religiös sprachfähig ist und sich als Organisation nicht von den Zwängen ökonomischer Logik fremdbestimmen lässt. Die Kirche ist Teil der Gesellschaft und zugleich Gegenhorizont zu einer durchrationalisierten, leistungsorientierten Welt. Sie symbolisiert das Unverfügbare, nicht Mess- und Berechenbare und darin das Angewiesensein auf Gottes Güte, Gnade und Erbarmen.

12. Die eigentliche Krise der Kirche ist nicht eine Finanz-, sondern eine theologische Orientierungskrise. Was hat die Kirche Menschen in der modernen Gesellschaft zu sagen? Wie lässt sich theologisch substantiell und zugleich existentiell relevant von Gott reden, von Kreuz und Auferstehung, von Sünde und Vergebung, von Gnade, Liebe und Gerechtigkeit? Wie beheimaten sich Menschen im christlichen Glauben? Hier liegt die eigentliche Herausforderung, der sich Theologie und Kirche stellen müssen.

Quelle: Isolde Karle, „Kirche im Reformstress“, Gütersloh 2010, S. 256ff.
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