EKiR: Manchmal muss es eben Mumm sein!

In einer Videobotschaft und in einem offenen Brief kündigt der Präses der Ev. Kirche im Rheinland Einsparungen von 35% auf landeskirchlicher Ebene bis zum Jahr 2018 an. Der Offenheit, mit der er die Sparmaßnahmen ankündigt, darf man durchaus Respekt zollen. Dennoch ist es jetzt an der Zeit, dass sich unsere Kirchengemeinden wieder mehr auf ihr presbyterial-synodales Prinzip rückbesinnen und sich von übergeordneten Institutionen emanzipieren.

Botschaft

Ein Kassensturz, so Präses Rekowski, habe ergeben, dass die finanzielle Situation auf landeskirchlicher Ebene dramatischer sei, als noch vor wenigen Monaten angenommen. Ursprünglich sollten 15% des Haushaltes bis zum Jahre 2023 eingespart werden, nun ist man zur Erkenntnis gekommen, dass es 35% bis zum Jahre 2018 sein müssen. Begründet wird dieser Einschnitt u.a. mit dem einleitenden Hinweis, dass die Mitgliederzahlen seit Jahrzehnten sinken und damit die Kirche weniger Kirchensteuer einnehmen würde. Diese Behauptung hat in den letzten Jahren schon zu teilweise drastischen Sparmaßnahmen in einzelnen Gemeinden geführt: Pfarrstellen- und Angestelltenabbau, (unfreiwillige) Fusionen, Veräußerung von Gebäuden etc. U.a. wurden auch strukturelle Veränderungen mit vorgeblich finanziellen Einbußen begründet und durchgesetzt. Diese Entwicklung wird nun weiter forciert.

Fakten

Der Brandbrief unseres Präses Rekowski beginnt mit dem Satz: “Wie können wir auch in Zukunft unsere Leitvorstellung ‘missionarisch Volkskirche sein’ verwirklichen, wenn unsere Mitgliederzahl seit 1970 um fast ein Drittel gesunken ist und weiter kontinuierlich sinkt und unsere Finanzkraft nicht zuletzt dadurch nachhaltig geringer wird?” Es ist bedenklich, dass das Damoklesschwert der zurückgehenden Mitgliederzahlen immer wieder gleichgesetzt wird mit geringeren Kirchensteuereinnahmen. Denn das ist schlichtweg falsch! Das Gegenteil ist der Fall: 1970 lagen die Mitgliedszahlen bei knapp 3,9 Millionen, das Kirchensteueraufkommen betrug umgerechnet etwa 200 Mio €. 1990 verzeichnete die EKiR 3,3 Millionen Mitglieder bei einem Kirchensteueraufkommen von 580 Mio € und im Jahre 2013 werden wir uns voraussichtlich über knapp 600 Mio € Kirchensteuereinnahmen freuen können bei 2,74 Millionen eingetragenen Schäfchen. Dass diese Tatsache – vorsichtig formuliert: – umgedeutet wird, lässt darauf schließen, dass man andere Gründe für die prekäre finanzielle Situation entweder zu vertuschen oder zumindest in den Hintergrund zu drängen versucht. So entsprechen laut Notiz des Internetbeauftragten der EKiR, Peter Reimann, die 35% einem Einsparvolumen von 20 Mio €. Das ist zufällig genau die Summe, die durch dubiose Geschäfte des kircheneigenen Unternehmens bbz GmbH, des Beihilfe- und Bezüge-Zentrums mit Sitz in Bad Dürkheim, veruntreut wurde.

Auch andere überdimensionale Kostenfaktoren sind auf unsachgemäße, ja dilettantische Projektplanung und -umsetzung des Landeskirchenamtes zurückzuführen. Nehmen wir z.B. den Wechsel des Buchungssystems auf das Neue Kirchliche Finanzwesen (NKF): 2011 bestätigte die Landessynode, anstatt der bisher verwendeten kameralistischen die doppische Buchführung einzuführen. Damit sollten die Kirchengemeinden und nicht zuletzt das LKA selbst ihre eigenen finanziellen Belange unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten realistischer abbilden und so zukunftsorientierter planen können. Leider erwies sich die Umstellung in der Kürze der vorgegebenen Zeit und vom Arbeits- und Technikaufwand her als Überforderung der zur Verfügung stehenden Kräfte und Ausstattung, so dass auf landeskirchlicher Ebene Know-How und Manpower teuer eingekauft werden musste, um die gesteckten Ziele wenigstens ansatzweise zu erreichen. Auch hier wurden Millionenbeträge zum Fenster rausgeworfen, u.a. deshalb, weil die vorgesehenen Budgets nicht eingehalten werden konnten (allein für das LKA erhöhte sich der finanzielle Bedarf laut Finanzbericht 2012 auf fast das Doppelte der veranschlagten 2 auf 3,8 Mio € – die Gesamtkosten übersteigen inzwischen das 10fache dieses Betrags!). Als weiterer Kostentreiber ist die Verwaltungsstrukturreform anzusehen, die im Januar 2013 in einem Gesetz verabschiedet wurde und den Kirchenkreisen vorschreibt, wie sie ihre Personalplanung zu gestalten haben. 15 Vollzeitstellen sind – unabhängig von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten – einzurichten. Und: “Zur Sicherung von Vertretung und zur Gewährleistung der notwendigen Fachlichkeit bestimmt die Kirchenleitung eine Mindestpersonalausstattung für die Aufgabenbereiche Personalwesen, Finanzwesen, Bau- und Liegenschaften, IT-Angelegenheiten, Leitung sowie Organisation und Controlling durch Rechtsverordnung gemäß § 27.” Was nichts anderes bedeutet, als dass Kirchenkreise, um dieser Vorgabe zu entsprechen, entweder Personal kostenintensiv aufstocken oder aber fusionieren müssen, da sich eine spürbare positive finanzielle Auswirkung einer solchen Verwaltungseinheit erst bei etwa 100.000 Kirchengliedern einstellt.

Analyse

Neben all den kritischen finanziellen Aspekten, die mir seit einigen Jahren Sorgen bereiten, schwant mir ein weit größeres Ungemach in unserer Evangelischen Kirche im Rheinland. Anscheinend ist man dabei, das Wesen unserer Kirche zu verändern! Bauchschmerzen bereitet mir deshalb ein Nebensatz im Brandbrief Rekowskis, der sich jedoch nahtlos in die Entwicklung der letzten Jahre einfügt. Im Schreiben heißt es: ”Am 28. September findet eine ‘Zukunftswerkstatt’ statt: Neben der Kirchenleitung wird der Ausschuss für Aufgabenkritik, die Vorsitzenden der Ständigen Ausschüsse sowie aus jedem Ausschuss je drei weitere Mitglieder darüber beraten, wie die Evangelische Kirche im Rheinland im Jahr 2030 aussehen soll. Hiervon versprechen wir uns wichtige Impulse für die weiteren Beratungen.” Kirche im Jahr 2030 – das rekuriert auf das noch von Bischof Huber initiierte Impulspapier der EKD “Kirche der Freiheit”, das im Jahre 2006 als Diskussionsgrundlage in die Gemeinden ging. Das darin entwickelte Modell von Kirche mit religiösen Eventzentren und der weitgehenden Aufgabe parochialer Strukturen, also der Ortsgemeinden mit ihren Pfarrern und Kirchen, ist Ausgeburt eines Denkens, das sich eher an unternehmerischen und wirtschaftlichen Prämissen orientiert als an den Leib Christi, der Kirche doch sein soll! Überhaupt vermisse ich in all diesen Diskussionen die theologische Grundlegung und Ausrichtung der anzugehenden Projekte und Umstrukturierungsmaßnahmen. Anstatt auf Gottes Wort zu hören und zu vertrauen, anstatt in den Gemeinden vor Ort nach Lösungsansätzen zu suchen und den Erfahrungen der Pfarrer, Presbyterien und haupt- und ehrenamtlich Tätigen zu lauschen, setzt man lieber auf externe Beratungsfirmen und Marketingstrategen, die unsere Evangelische Kirche im Rheinland wie ein seelenloses Wirtschaftsunternehmen behandeln, das mal ordentlich saniert werden muss. Wenn jedoch das Monetäre als unser Kapital ins Zentrum rückt und nicht der Mensch, dann verfehlen wir nicht nur den Auftrag Jesu, sondern pervertieren unsere Kirche zu einem Tempel, in dem sich alles nur noch um das Goldene Kalb “Wirtschaftlichkeit” dreht. Die schlechten Erfahrungen, die wir die letzten Jahre damit gemacht haben, müssten doch nun langsam zu der Erkenntnis führen, dass – Gott sei Dank! – die Evangelische Kirche im Rheinland kein Wirtschaftsunternehmen ist, dass unsere Pfarrer keine Manager, dass unsere Presbyter keine Abteilungsleiter und unsere Verwaltungsangestellten keine IT-Spezialisten sind – und dass unser Evangelium kein Konsumprodukt ist, dass nur professionell vermarktet werden muss. Wir sind Kirche Jesu Christi und das heißt vor allem, dass wir für die Menschen aus christlicher Liebe heraus Lebensbegleiter sein sollen. Und ich kenne keinen Mitarbeitenden vor Ort, der sich nicht zuerst als Christ und erst viel später als jemand sieht, der hier nur seinen Job macht. Und diesen Unterschied zur Gesellschaft muss sich unsere Kirche in allen Belangen bewahren!

Konsequenzen

1. Die von Präses Rekowski angedeutete Transparenz darf sich nicht nur in Worten, sondern muss sich auch in Taten zeigen. Dazu gehört auch, dass solche Hiobsbotschaften wie die geplante Einsparung von 35% nicht kurz vor den Sommerferien veröffentlicht werden, sondern zu einem Zeitpunkt, zu dem Gemeinden und Kirchenkreise noch die Möglichkeit haben, darauf angemessen zu reagieren!
2. Unsere Synodalen müssen gegenüber der Kirchenleitung mehr Selbstbewusstsein entwickeln und nicht nur Beschlussvorlagen abnicken, weil es inzwischen spät am Abend ist und der Zug nach Hause nicht wartet! (Ich weiß, dass ich an dieser Stelle manchem Abgeordneten Unrecht tue, gehe aber dieses Risiko um des deutlichen Wortes willen ein.)
3. Unsere Kirchengemeinden müssen sich davon frei machen, den Vorgaben der Landeskirche auf Schritt und Tritt Folge zu leisten. Die Presbyterien sind zu aller erst und nur Jesus Christus gegenüber und seiner Gemeinde vor Ort verpflichtet. Ihr Wohl und Gedeihen stehen im Vordergrund. Wenn man der Meinung ist, dass eine landeskirchliche Entscheidung der Verkündigung und Seelsorge vor Ort und der Entwicklung der Gemeinde schadet, dann reicht es nicht zu protestieren, sondern dann ist in der Tat Widerstand gefragt!
4. Kompetenzen dürfen nicht weiter “nach oben” verlagert werden, sondern müssen wieder dorthin, wo sie hingehören: in die Presbyterien und in die Gemeinden vor Ort.
5. Wir alle müssen uns fragen, an welcher Stelle wir zu distanziert, zu desinteressiert, zu lau, zu schläfrig und zu beschäftigt waren, so dass wir eine Entwicklung verpasst haben, die dazu führt, dass unsere Evangelische Kirche im Rheinland ihr presbyterial-synodales Profil zunehmend verliert.

Zu all dem braucht es Gottvertrauen und Mut – ich hoffe, wir Rheinländer bringen ihn auf. Einer meiner Professoren hatte einmal gesagt: Wie ist der Begriff “Pneuma” (Geist) am besten zu übersetzen? Mit Mumm! Der Heilige Geist verleiht Mut! Und manchmal muss es – um Jesu Christi und seiner Kirche Willen – eben Mumm sein.

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