Predigt zu Wolfgang Hubers 70. Geburtstag Berlin 19.8.2012

Von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Gal 2,16-21

Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben. 

Liebe Gemeinde,

es ist ein köstlich Ding, wenn uns die Perikopenordnung an einem solchen Tag einen solchen Predigttext beschert! Ein zentraler Text über die Rechtfertigungslehre wie dieser ist schon etwas Besonderes, wenn überall im Lande heute in unserer evangelischen Kirche Gottesdienst gefeiert wird. Wenn aber in einem dieser Gottesdienste auch noch einer gefeiert wird, der nicht nur ein evangelischer Landesbischof war, sondern dazu der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, dann darf man getrost die Frage stellen, was uns der Heilige Geist damit sagen will.

Es spricht viel dafür, dass es auch den eigenen Leistungen und Erfolgen nicht schadet, dass es vielleicht sogar besonders nützt, wenn sie nicht aus dem Kampf um Anerkennung, sondern aus dem Bewusstsein der Freiheit erwachsen. Aus dem Bewusstsein der geschenkten Freiheit.

Dass die Freiheit eines Christenmenschen letztlich nämlich nicht das Ergebnis einer Anstrengung ist, so sehr Anstrengungen auf dem Weg in die Freiheit eine Rolle spielen können, sondern dass sie eine geschenkte Freiheit ist, das ist mehr als ein Nebenaspekt. Es ist der Schlüssel für das Leben in der Freiheit.

Leistung ist nichts Schlechtes, sondern kann viel Segen bewirken. Und auch Leistungsmessung ist nicht zu vermeiden, so problematisch sie sich immer wieder gestaltet. Aber Leistung aus Freiheit trägt mehr Verheißung in sich als Leistung als Konsequenz von Kontrolle  und aus Angst vor Sanktion oder Anerkennungsverlust. Es gibt keine tragfähigere Grundlage für Gelingen als die Dankbarkeit für geschenkte Freiheit.

Aus dieser Perspektive heraus ist die aus bestimmten Unternehmensberatungskonzepten stammende gesellschaftliche Tendenz problematisch, nach der Erfolg vor allem oder gar allein auf Qualitätskontrolle fußt. Im Namen der Bekämpfung des Schlendrians tritt an die Stelle der Freiheit die Kontrolle. Nicht das Zutrauen in Kompetenz und Engagement der Mitarbeiter gibt den Ton an, sondern das Misstrauen. Der Nachweis über die Qualität der eigenen Arbeit stiehlt der echten Arbeit die Zeit. Der ständige Zwang zur Beweisführung über die Qualität der eigenen Arbeit wird zum Gift für die Arbeitsatmosphäre. Es tut den Unternehmen nicht gut, es tut den Universitäten nicht gut. Und es täte ganz bestimmt der Kirche nicht gut, wollten wir auf diesen Zug aufspringen.

Anstatt aus angestrengter Aktivität aus der Dankbarkeit zu leben und die damit verbundene Gelassenheit zu entwickeln, hat natürlich nichts zu tun mit der Glorifizierung des Mittelmaßes. Eine meiner Lieblingspassagen im EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ ist ein Satz über die Freiheit. Da heißt es: „‘Gottes „Kraft ist in den Schwachen mächtig‘ (2.Korinther 12,9), die Gegenwart seines Evangeliums ist nicht gebunden an leuchtende Kirchen oder wirkmächtige Predigten. Dies aber ist ein Satz über die Freiheit Gottes, nicht über die Entlastung von der Aufgabe, Kirche nach bestem Wissen und Gewissen einladend zu gestalten“ (S.34).

Lasst uns die Kirche verändern! Lasst uns ihre Ausstrahlungskraft erneuern! Lasst uns das Evangelium so weitersagen, dass die Welt es hört! Aber lasst es uns aus der Leidenschaft und Begeisterung heraus tun, die die Freiheit eines Christenmenschen mit sich bringt. Alle Instrumente der Motivation, alle Methoden der Mitgliedergewinnung und –bindung, alle Personalentwicklungsprogramme für unsere Pfarrerinnen und Pfarrer werden schal und sind am Ende kontraproduktiv, wenn sie zur Hauptsache werden und sich nicht mehr nähren aus der geschenkten Freiheit.

Paulus hat so recht, wenn er sagt: „Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.“ Aus der Gnade Gottes leben, darum geht es. Und als Kirche es auszustrahlen, in der Botschaft wie in der Ordnung, in den Predigten wie in den Strukturen. In den Inhalten der Verkündigung wie in der Art, wie die Landes- und EKD-Kirchenämter und alle sonstigen Institutionen unserer Kirche funktionieren. Es braucht Zuständigkeiten, Dienstordnungen und – wo kein anderer Weg bleibt – auch Sanktionen. Aber das alles atmet in der Perspektive der Rechtfertigungslehre den Geist der Gnade.

Lesen Sie hier die ganze Predigt: https://www.facebook.com/notes/heinrich-bedford-strohm/predigt-zu-wolfgang-hubers-70-geburtstag-berlin-1982012/399946130068261 oder http://www.bayern-evangelisch.de/www/landesbischof/downloads/Predigt_fuer_Wolfgang_Huber.pdf)

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