Vis-a-vis-Kommunikation vor Ort

Prof. Dipl.-Psych. Dr. Richard Riess ist Mitglied im Beirat des Forums Aufbruch Gemeinde. Er plädiert für die Stärkung der Ortsgemeinde besonders im Hinblick auf die Seelsorge an älteren Menschen.

Zur Seelsorge an älteren Menschen im Nahbereich

Wer im Dorf oder gar in der Großstadt wohnt, wird nachempfinden, wie wertvoll und wichtig die kirchliche Seelsorge vor Ort sein kann – insbesondere die Seelsorge an älteren Menschen. Immer stärker steigt in ganzen Stadtteilen die Zahl der Singles, der kinderlosen Paare und der geschiedenen Partner. Und selbst ältere Ehepaare, deren Kinder in der Zwischenzeit längst flügge geworden und in alle Welt verstreut sind, leben meist nicht mehr in einem festen Verbund, kämpfen sich noch eine Weile durch die letzte Lebensphase und landen schließlich als Witwen oder Witwer in Pflegeheim. Meist halten die erwachsenen Kinder mit ihren Familien oder Lebenspartnerschaften durchaus noch lockeren Kontakt, aber eben einen eher lockeren Kontakt, der sich nicht selten auf den Besuch am Geburtstag und an Weihnachten beschränkt. Selbst die Grabpflege wird offensichtlich mehr und mehr zu einem Problem. Nicht ohne Grund nehmen in letzter Zeit klassische oder neuere Alternativen zur Beerdigung wie die Einäscherung, das Vergraben der Urne im Friedwald oder die Seebestattung zu. Sosehr wir die Säkularisierung mit ihren Folgeerscheinungen wie Selbstbestimmung und Mobilität, Digitalisierung und globaler Vernetzung begrüßen und nützen, sosehr zahlen wir dafür auch in zunehmendem Maße einen hohen, sehr hohen Preis: Vereinsamung, soziale Kälte und Heimatlosigkeit. Für jüngere Menschen, die in diese ständig sich verändernde Welt sozusagen organisch hineinwachsen, ist ein solcher Tribut noch eher tragbar. Älteren Menschen hingegen, deren Augen und Ohren, Beine und Gedächtnis schwach und schwächer, deren Reichweite geringer und deren Rhythmen von Jahr zu Jahr langsamer werden, wachsen nicht selten solche eklatanten Wandlungen über den Kopf. In ihren Augen liegt oftmals nicht nur ein Schimmer von Überforderung und Verwirrung, sondern auch eine Art von kreatürlicher, ja kosmischer Verlorenheit. Wer die Veröffentlichungen namhafter Soziologen wie Peter L. Berger, Richard Sennett oder Zygmunt Bauman über die Jahre mitverfolgt hat, wird sie kennen: die warnenden Hinweise auf die wachsende Fremdbestimmung und Entfremdung des Menschen, das Unbehagen in der Moderne (Peter L. Berger) und das Ausgegrenztsein ganzer Bevölkerungsgruppen als ein »verworfenes Leben« (Zygmunt Bauman). Auch Richard Sennett sieht am Ende nur ein Mittel im Kampf gegen das Wegdriften in diese Wirklichkeit: authentische, konkrete, mitmenschliche Gemeinschaft. »Ich habe …  gelernt – so fasst er seine ebenso aufschlussreiche wie bewegende Untersuchung über den ›flexiblen Menschen‹ zusammen -, dass Veränderung, wenn sie kommt, sich im Kleinen entwickelt, örtlich, schrittweise in den Gemeinden… Ein Regime, das Menschen keinen tiefen Grund gibt, sich umeinander zu kümmern, kann seine Legitimität nicht lange aufrechterhalten.« (R. Sennett, Der flexible Mensch. Berlin 1998, 203).

Menschen, die in ihrem Leben die Zeiten größerer Abhängigkeit oder intensivsten Angewiesenseins durchleben wie Kinder oder auch Ältere, brauchen – geradezu wie ein Lebenselixier – das elementare Gefühl von vertrauensvoller Bindung, (»bonding«) und Einbindung, sozialer Verbundenheit und religiöser Rückbindung – und zwar im Nahbereich, überschaubar, mit Namen und erreichbar. Damit rückt – wie in der Vergangenheit – auch für die Zukunft der Kirche die Gemeinde vor Ort wieder verstärkt in den Blickpunkt unseres Handelns. Es ist unter anderem ein Verdienst des Forums »Aufbruch Gemeinde«, dass es – durchaus auch stellvertretend für andere Gruppierungen – trotz manchen Missverständnisses und manchen Unverständnisses diese Aufgabe auf sich genommen hat. Das bedeutet ja keineswegs, dass andere Aufgaben der Kirche und der Kirchenleitung hinfällig würden. Es weist aber auf einen Akzent hin, der im Raum der Kirche über viele Jahrhunderte hinweg durch die seelsorgerliche Arbeit vor Ort gesetzt worden und der in Zukunft erst recht zu setzen ist – nicht zuletzt in der Seelsorge an älteren Menschen.

Die Achtung vor dem Alter ist in der jüdisch-christlichen Tradition – Gott sei Dank – seit alters tief verankert. So spiegelt sich diese Geschichte auch bis in unsere Gegenwart hinein in einer Vielfalt von Fürsorge, Leibsorge und Seelsorge für ältere Menschen: von den Gottesdiensten über die unterschiedlichsten Bildungsangebote und Seniorenkreise, begleitetes Wohnen und Pflegeheime bis hin zu den ambulanten Diensten der Diakonie und der Sterbebegleitung in den Hospizen. Aus dem Fundus der vielen Möglichkeiten möchte ich freilich in diesem Zusammenhang nur auf drei Aspekte der Seelsorgepraxis zu sprechen kommen, wie sie weithin von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden ausgeübt wird. Auch die drei Schlüsselbegriffe, die ich hier der Anschaulichkeit halber nenne, sind nur Beispiele für viele andere:

1. Akzeptanz

Auch und gerade in der Seelsorge im Alter ist die unaufdringliche und vorurteilsfreie Akzeptanz dessen, was ist und wie es geworden ist, das A und das O der seelsorgerlichen Zuwendung. Das geschieht vor allem durch aktives, aufmerksames Zuhören und ein tolerantes Ernstnehmen dessen, was im Augenblick nicht selten assoziativ, unsortiert (manchmal sogar wirr) und langsam zum Ausdruck kommt. Eine einfühlsame Seelsorge mit älteren Menschen braucht deshalb Zeit, mitunter viel Zeit und eine Sensibilität für die großen Lebensfragen, die oftmals eher versteckt in oder hinter den Formulierungen liegen. Auch wenn und gerade wenn eine kürzliche Episode oder eine frühe Geschichte schon mehrfach erzählt worden ist, ist das ein Signal dafür, dass sich für den Betreffenden dahinter ein besonders wichtiges Ereignis verbirgt – selbst wenn man meinen könnte, es würde hier – im Bild gesprochen – eine Schallplatte an einem bestimmten Punkt oder einem Kratzer hängen bleiben. Es ist bekanntlich eine Frage von Gedächtnis, Zeiterleben und Intensität, die die Persönlichkeit des älter werdenden Menschen weitestgehend kennzeichnen, und durch Wiederholungen sucht er die synaptischen Verbindungen wiederzubeleben und das Verlorengegangene buchstäblich wieder zu holen. Dazu braucht er, dazu braucht sie Zeit, viel Zeit. So wie auch für die Seelsorgerin und den Seelsorger Zeithaben und Sensibelwerden für die großen Themen des Lebens unentbehrliche Voraussetzungen der Seelsorge sind.

2. Beziehung

Auch und gerade in der Seelsorge im Alter ist die persönliche Beziehung von grundlegender Bedeutung. So wichtig Kontaktaufnahme und Erstbegegnung auch sind, so wichtig werden doch ihre Weiterführung und ihre Vertiefung. Ähnlich wie beim kleinen Kind (wie auch beim Erwachsenen) sind beim älteren Menschen emotionale Offenheit und Vertrauen unersetzbare Voraussetzungen für eine angst- und vorurteilsfreie Beziehung. Die formellen, repräsentativen Besuche an runden (und nicht nur an runden) Geburtstagen, soweit sie überhaupt wahrgenommen werden, haben ihren eigenen Wert. Aber sie reichen nicht aus und werden weithin als ein pastorales »Muss« des Pfarrers oder der Pfarrerin empfunden. Ohne Nachsorge verpuffen sie aber rasch. Es ist das »Weg-Vom-Fenster-Gefühl« (im Sinne von Sebastian Haffner), die Angst vor dem Vergessenwerden und dem sozialen Verlorensein, die den alten Menschen weithin bekümmern. Die Gemeinde vor Ort hätte in dieser Hinsicht in der Tat ein weites Feld von segensreichen Aufgaben vor sich. Ich denke an diesem Punkt nicht einmal primär an die Pfarrer und Pfarrerinnen, die ohnehin mit vielen Aufgaben ausgelastet sind. Aber an dieser Stelle liegt weithin noch ein großes Potenzial brach: die Fantasie und der Elan von Kirchengemeinden, diese Aufgabe an kompetente Persönlichkeiten zu delegieren und mit geschulten Kräften Besuchsdienste aufzubauen.

Das gleiche gilt auch für den Aufbau von Nachbarschaftshilfen. Es ist kein Ding der Unmöglichkeit, kleine Netzwerke, Stützgruppen oder Patenschaf-ten von zwei oder drei Personen aus der Gemeinde für eine ältere Person auf Zeit ins Leben zu rufen, damit man nicht – wie so oft in den Städten – immer wieder hochbetagte Alleinstehende hilflos, krank und halbverhungert in ihren Wohnungen auffindet. Pfarrer, Kirchenvorsteher und andere kompetente Persönlichkeiten der Gemeinde könnten, nein, können so zu Initiatoren, Koordinatorinnen und Schrittmachern von sozialen Netzwerken werden, die unsere sich zunehmend säkularisierende Gesellschaft mehr denn je braucht. Dass es in der Gemeinde und in der Kirche ein hohes, ein weithin unterschätztes Potenzial an Hilfsbereitschaft und sozialem Engagement gibt, zeigt nicht nur, aber auch die Mitarbeit vieler Menschen in der Telefonseelsorge und in der Hospizarbeit.

3. Charisma

Auch und gerade in der Seelsorge im Alter sind ein authentischer Glaube und spirituelle Kraft für die noch verbleibende Zeit, für das Aushalten von zunehmender Gebrechlichkeit und das Erleiden von multimorbiden Erkrankungen und den nahenden Tod von unschätzbarer Bedeutung. Es sind die allmähliche Ablösung vom Kinderglauben und die unmerkliche Ausbildung eines neuen Gottvertrauens und einer eher mystisch zu nennenden Gelassen-heit, die den älter werdenden Menschen mehr und mehr erfüllen. Das seelsorgerliche Gespräch, Teil einer seelsorgerlichen Beziehung, kann unschwer an diese Entwicklung anknüpfen. Hilfreich erscheinen mir in diesem Fall beispielsweise Fragen, die sich an diesem Motiv festmachen lassen, wie: Gibt es irgend-ein Wort, ein Bild, ein Lied, eine Begegnung, ein Gebet, eine Formulierung im Glaubensbekenntnis, ein Ereignis, einen Ort, einen Menschen, die für Ihr Leben und für Ihren Glauben von lebenswichtiger Bedeutung geworden sind und Sie bis heute begleiten und tragen und auch in Zukunft tragen können?

Das Gespräch darüber wird höchstwahrscheinlich sehr wertvoll sein und das Gegenüber mit seinem ureigenen Charisma, seiner ihm eigenen Geistesgabe, bestärken und ermutigen können. Aber auch Anregungen von außen (»extra nos«) können für den eigenen Glauben hilfreich und förderlich sein: die Auswahl und das gemeinsame Lesen eines biblischen Textes, eines Liedes, das Mitbringen eines eigens geschriebenen Wortes, das man auf den Nachttisch legen und zur Not auch ohne Brille lesen kann, das Geschenk einer Kerze, einer Blume, eines kleinen hölzernen Kreuzes, ein Zweig, ein Segenszeichen auf die Stirn, wo es erlaubt ist und erbeten wird – wie überhaupt symbolische Gesten der Zuwendung unterschiedlichster Art. Es sind dies alles sakramentale Gaben, die selbst aus dem Empfangen kommen, das Empfangene weitergeben und in das tief greifende Grundgefühl einmünden mögen:

Es ist gut so, wie es ist,
und es wird am Ende auch gut sein,
wie es sein wird.

Akzeptanz, Beziehung, Charisma – das klingt nach einem Dreiklang und auch nach einem kleinen ABC der Seelsorgepraxis, einem kleinen ABC, abgekürzt, bruchstückhaft und unvollendet. So wie das ganze Leben fast immer zu kurz, eher fragmentarisch und unvollkommen erscheint. Aber in dem allem steckt auch ein unschätzbarer Trost: Dass es, dieses Leben, auch nicht vollendet und vollkommen sein muss. Wie überhaupt dieses »Muss« im Alter immer mehr seine Gewalt über den Menschen verlieren kann. Denn es ist auch ein Glück des Alters, dass wir nicht mehr dies und das und alles auf einmal müssen müssen. Es ist ja Gott selbst, der seine Sonne über alles Vollendete wie auch über alles Unvollendete scheinen lässt und liebevoll wie »der große Gärtner« von Emil Nolde auf die kleinen Pflanzen schaut. Um diese Betrachtung mit einem Bild von Emil Nolde und mit einem Wort von Dietrich Bonhoeffer zu schließen, das auch mich in meinem Älterwerden von Tag zu Tag tröstet und trägt. Dietrich Bonhoeffer hat bekanntlich einmal so von dem Fragment des Lebens gesprochen:

»Wenn unser Leben
auch nur ein entferntester Abglanz
eines solchen Fragmentes ist,
in dem wenigstens eine kurze Zeit lang
die sich immer stärker häufenden,
verschiedenen Themata zusammenstimmen,
und in dem der große Kontrapunkt
vom Anfang bis zum Ende
durchgehalten wird,
so dass schließlich nach dem Abbruch
höchstens noch der Choral
›Vor deinen Thron tret ich hiermit‹
intoniert werden kann,
dann wollen wir uns
auch über unser fragmentarisches Leben
nicht beklagen,
sondern sogar daran
froh werden.«

Prof. Dipl.-Psych. Dr. Richard Riess, Erlangen

Hier finden Sie den ganzen Artikel, der im Korrespondenzblatt Nr. 5/2010 erschienen ist, als PDF:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/rieskomvorort.pdf

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