Beim „Forum Aufbruch Gemeinde“ mitarbeiten?!

Von Prof. Dr. Dietrich Stollberg im März 2010

Schon öfters bin ich gefragt worden, warum ich im Beirat des „Forum Aufbruch Gemeinde“ mitarbeite. Das kann ich leicht beantworten.

  1. Ich berate gerne, wenn es darum geht, festgefahrene Strukturen zu lockern und für die Zukunft zu öffnen. Mich beschäftigt als Praktischen Theologen, der fast sein ganzes Berufsleben lang an der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern mitgewirkt hat, die Frage nach der Kirche heute. Die Zukunft der Kirche ist in Gefahr, wenn sich ihre jetzige Struktur nicht ändert. Das gilt für beide westlichen Großkirchen. Daher habe ich meine Mitarbeit zugesagt, als ich gefragt wurde, ob ich dem Beirat des „Forums Aufbruch Gemeinde“ angehören wolle.
  2. Unsere evangelischen Landeskirchen sind weitgehend strukturell einem obrigkeitsstaatlichen Modell verpflichtet, das zu erheblichen Teilen noch aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen, ja teilweise aus der Zeit des Feudalismus stammt. (Mein Großvater war noch königlich-bayrischer Pfarrer.) Eine Veränderung, zuerst einmal des Selbstverständnisses sowohl der übergeordneten Verwaltungsorgane als auch der untergeordneten Gemeinden ist notwendig. Diese – vor allem auch mentale – Erneuerung wird nicht von heute auf morgen geschehen, muss aber gefördert werden. Sie ist die Voraussetzung für aktive und selbständige Gemeinden. Denn wir brauchen eine Demokratisierung der Kirche.
  3. Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich nach dem 2. Weltkrieg und vor allem seit ca. 1968 radikal verändert. Wir haben inzwischen viele Religionen und Kulturen in unserem Land, wir sind sehr beweglich geworden und wohnen oftmals im Laufe unseres Lebens an verschiedenen Orten in ganz verschiedenen Bundesländern, kommen also auch in unterschiedlichste Kirchengemeinden, wir leben unter anderen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen als unsere Vorfahren usw.
  4. Unsere Staatsform hat sich geändert. Wir leben nicht mehr in einem Kaiserreich oder Fürstentümern, sondern in einer Demokratie. Wir lernen allmählich, dass es nicht genügt, uns „von oben“ regieren zu lassen, sondern selbst aktiv in das politische Geschehen vor Ort und überregional einzugreifen. „Vater Staat“, der für uns sorgt und dem wir zu gehorchen haben, gibt es nicht mehr. Er soll auch nie mehr kommen. Denn wo ein von passiven Untertanen geprägter und obrigkeitlich regierter Staat hinführt, das haben wir von 1933 – 1945 leidvoll lernen müssen. Heute brauchen wir dringend mündige, politisch wachsame und aktive Bürger.
  5.  Daher kann es auch keine „Mutter Kirche“ in dem Sinne mehr geben, dass sie an der Seite des „Vaters Staat“ die Untertanen geistlich versorgt und moralisch bei der Stange hält. Aus  Versorgungseinheiten sollen Gemeinschaften mündiger Mitglieder, aus Betreuungsgemeinden Beteiligungsgemeinden werden. Dazu bedarf es engagierter Gemeindeglieder, die die Kirche nicht als sozialen Versorgungsbetrieb verstehen, sondern als selbständige Gemeinschaft derer, die denselben Gott anbeten. Sie müssen die Geschicke ihrer Gemeinde selbst in die Hand nehmen und dürfen sie auch nicht allein ihren Pfarrerinnen und Pfarrern überlassen.
  6. Das Christentum ist aus kleinen Gemeinden entstanden. Kirchengemeinden sind, auch theologisch gesehen, grundsätzlich keine Filialen oder kleine Verwaltungseinheiten einer übergeordneten Großorganisation. Tatsächlich werden sie aber so „von oben herab“ behandelt und sind entsprechend den meisten Kirchenverfassungen rechtlich auch so zugeordnet. Für die Gemeindeglieder ist das bequem, höhlt die Kirche aber aus. Man kann das schon am spärlichen Kirchenbesuch beobachten.
  7. Weil mich diese Entwicklung mit Sorge erfüllt, interessiert mich die Arbeit des „Forums Aufbruch Gemeinde“ und ähnlicher Aktivitäten in anderen Landeskirchen. Mich interessiert, wie mündige Gemeinden ihr gemeinsames Leben gestalten, wenn sie so dürfen, wie sie wollen, und sich Mühe geben, ihrem christlichen Glauben eine selbständige Form zu geben. In den USA, wo ich studiert habe, konnte ich selbständige Gemeinden kennenlernen, die ihr Gemeindeleben einschließlich ihrer Bauvorhaben und anderer wirtschaftlich aufwändiger Projekte selbständig regeln und sich einen Pfarrer oder eine Pfarrerin, die Mitgliedschaft in einem überregionalen Verbund (einer konfessionell geprägten Kirche oder Diözese) mit überregionalen Aufgaben (z. B. einer theologischen Hochschule für die Ausbildung der Theologen) leisten und bei einer für unsere Verhältnisse kleinen Mitgliederzahl (z. B. von 700 Mitgliedern) durchaus lebensfähig sind. ‚
  8. Dabei sind eine Reihe von Problemen zu beachten, die bei der Begeisterung für mündige und selbständige Gemeinden berücksichtigt werden müssen: z. B. die Art der Vernetzung mit anderen Gemeinden desselben Bekenntnisses, etwa der Augsburgischen Konfession; eine möglichst einheitliche liturgische Ausrichtung, damit man sich auch trotz der Mobilität unserer Gesellschaft andernorts liturgisch zuhause fühlen kann; wo nötig, gegenseitige finanzielle und personelle Hilfe (besonders gegenüber kleinen Gemeinden).
  9. Solche Fragen mit dem „Forum Aufbruch Gemeinde“ zu bedenken und praktische Folgerungen zu ziehen – darin sehe ich eine lohnende Aufgabe im Beirat, in den man mich berufen hat.

Prof. Dr. Dietrich Stollberg
Lilienstr. 10
90762 Fürth

Erschienen im Korrespondenzblatt Nr. 5/2010

Hier finden Sie den Artikel als PDF:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/stollbergmitarbeit.pdf

image_pdfimage_print