Gemeinschaft der Heiligen – zu Tode verwaltet?

Die Kirche ist »Gemeinschaft der Heiligen« – so sagt es das christliche Glaubensbekenntnis. Wenn diese Zuschreibung nicht nur ein Etikett ist, sondern die Wahrheit, dann gilt es, sie in aller Arbeit kirchlicher Verwirklichung ernst zu nehmen – und das heißt, wie Dorothea Wendebourg an den Bereichen Gottesdienst, Gemeinde und ordinationsgebundenes Amt zeigt: Die Kirche ist zuerst von der Dimension des Glaubens her zu verstehen, und dem hat die Verwaltung als Instrument der Organisation zu dienen.

„Angesichts dieser im wörtlichen Sinne elementaren Bedeutung der um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelten Ortsgemeinde sollte man annehmen, dass Überlegungen zur Kirchenreform ihrer Unterstützung und Stärkung höchste Priorität einräumen. Vielfach scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein. Wie in einer Kirchenzeitung schon vor 25 Jahren vom Vorsitzenden des hannoverschen Pfarrervereins beklagt wurde und heute noch stärker zu beklagen wäre, ist seit geraumer Zeit »eine groteske Geringschätzung der Ortsgemeinde« zu verzeichnen. Was sich stattdessen immer mehr verbreitet, ist vielmehr der Glaube an die effiziente Serviceeinheit der fusionierten Großgemeinde. Gewiss gibt es immer wieder Fälle, zumal in den östlichen Landeskirchen, in denen, sei es, weil nur noch ein Handvoll Christen am Ort lebt oder weil es weniger Pfarrer gibt als früher, Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Das Bedenkliche ist aber die planvolle Fusionierung, die nicht von der Not diktiert wird, sondern von einem Bild der Kirche, das sich aus administrativen und ökonomischen Idealen speist. Niemand wird bestreiten, dass die Kirche mit ihrem Geld verantwortungsvoll umgehen, also auch ökonomisch denken muss, und niemand wird leugnen, dass sie für geordnete Abläufe einer funktionierenden Verwaltung bedarf – wie schon gesagt. Doch beides, Geld wie Verwaltung, sind eben dienende Elemente, und wenn der Dienst, den sie zu leisten haben, sich an dem bemisst, was die Kirche ihrem Wesen nach ist, heißt das, an der Gemeinschaft der Heiligen, die sich in der Fülle um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelter Gottesdienstgemeinden konstituiert, realisiert, regeneriert und die so auch nach außen ausstrahlt und tätig wird.

Von solchen Gemeinden kann es, wenn die Kirche ein nachhaltiges geistliches Leben führen will, gar nicht genug geben; hier ist zu investieren, was an Pfarrern und Kirchenmusikern – beiderlei Geschlechts – zur Verfügung steht. Stattdessen geht mit der Geringschätzung der Ortsgemeinde eine »dramatische Abwertung des Gemeinde-Pfarramtes« einher, wie der hannoversche Kritiker weiter schreibt; überall werden Gemeindepfarrstellen gestrichen, die übergemeindlichen Pfarrstellen vermehrt – oft für Belange, die gar keines ordinierten Theologen bedürfen; es werden nichttheologische Stellen und immer neue Verwaltungsposten geschaffen – die neuen Großstrukturen sind kompliziert und bedürfen der Fachleute, die sie durchschauen. Von den Services, die das alles ermöglicht, sind viele durchaus schön. Doch der entscheidende Service, der die Wurzel der Gemeinschaft der Heiligen bildet, der regelmäßige Gottesdienst, wird zu einer Aktivität unter anderen, im Zentrum der Bemühungen stehen er und die dafür notwendigen Voraussetzungen kaum.

Nun könnte man einwenden, dass die Kirche ja nicht in der Ortsgemeinde aufgeht, dass sie die Christenheit allerorten umgreift. Warum sollte man also nicht mit der effizienteren Variante regionaler, gegebenenfalls auch wandernder Gottesdienste auskommen? Zweifellos ist die Kirche, von der das Glaubensbekenntnis spricht und die es nicht nur ecclesia sancta, sondern auch ecclesia catholica, »allgemeine christliche« Kirche nennt, mit keiner einzelnen Gemeinde identisch, umgreift sie die Christen aller Orte, ja, aller Zeiten, Lebende und Verstorbene. Auf Reisen in einer fremden Gemeinde oder nach einem Umzug in einer neuen Gemeinde zum Gottesdienst zu gehen und sich dort geistlich zugehörig zu fühlen, lässt diese ortsübergreifende Realität der Kirche handgreiflich erfahrbar werden. Aber sie wird eben konkret in Raum und Zeit erfahrbar, wo sie sich als Gottesdienstversammlung konstituiert. Das verlangt Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit im gemeinsamen Zusammenkommen um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch. Sonst wird die Gemeinschaft der Heiligen eine abstrakte Chimäre – oder eben ein Faktor der Administration.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt 2/2019: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4683

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