Gemeinden vor Ort profilieren – Kirchengemeinden in der PuK-Programmatik

Von Prof. Dr. Werner Thiede (Korrespondenzblatt, Nr. 1/2018, S. 5-9)

Vielleicht diagnostiziert sich der Prozess mit der Zeit auf Grund von kritischen Rückmeldungen selber, dass er die Ortsgemeinden noch einmal in anderer Weise wahrnehmen und fördern sollte.

„Wie gestaltet sich evangelische Kirche in Bayern künftig? Die aktuellen Reformbestrebungen unter der Überschrift „Profil und Konzentration“ (PuK) werden hier bestimmend sein. (…)

Nun ist es zweifellos sinnvoll, dass über Gemeinden auch in sie unmittelbar übergreifenden Größen nachgedacht wird, also räumlich benachbarte Gemeinden sich aufeinander beziehen und kooperieren. Solches kann in der Regel gut auf Dekanatsebene organisiert werden. Doch sollte diese Ebene auch nicht überschätzt oder womöglich überfordert werden. So warnt der Synodale Hans-Joachim Vieweger, dass in PuK (Profil und Konzentration) eine abstrakte Raumebene eine unangemessen große Bedeutung bekommt. Und das in einer Zeit, in der sich andere evangelische Kirchen genauso wie das katholische Erzbistum München und Freising gerade wieder von der Zentralisierung auf der so genannten ‚mittleren Ebene‘ verabschieden.

Der Grund für solche Verabschiedungstendenzen dürfte mit der Erkenntnis zu tun haben, dass der ortsgemeindlichen, also direkten Beziehungsebene doch ein größeres Gewicht zukommt, als in neuerer Zeit oft angenommen wird. So erklärt Gerhard Wegner: „Wer verlässliche Weitergabe des Glaubens will – die letztlich nie- mals ohne Familien läuft –, der braucht Gelegenheiten und Angebote an Beziehungen; Einübung in den Glauben funktioniert nicht abstrakt-medial.“ Im Unterschied zur Gemeinschaftsorientierung in Kirchengemeinden erfolge eine Außenorientierung deshalb nicht automatisch, weil sie stets mit erheblichem zusätzlichem Energieaufwand verbunden sei, der irgendwoher bestritten werden müsse. Die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung habe – gegen ihre eigene Intention und entgegen der Tradition ihrer Vorgängerinnen! – erkennbar die Bedeutung der Kirchengemeinden wiederentdeckt. Da überrasche vor allem eine Zahl, die interessanterweise in der Auswertung zunächst übersehen worden sei: „So fühlen sich 45 % der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 % der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelisch-diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber weit ab.“ Demnach erweist sich die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor als „die mit Abstand wichtigste Drehscheibe von Kirchenmitgliedschaft.

Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund deren randständiger Existenz Abstand halten würden, ist mit diesen Zahlen widerlegt.“ Wie Wegner ausführt, gibt es um die Hochverbundenen herum einen Resonanzraum von etwa 45 Prozent der Mitglieder, die prinzipiell das entscheidende Potenzial für eine kirchliche Kommunikation darstellen: „Sucht man nach kommunikativen Potenzialen, so liegen sie in diesem Feld, und nicht unter den Distanzierten.“ Durch die Präsenz der Kirche als Ortsgemeinde gewinne die evangelische Kirche einen Großteil ihrer Sichtbarkeit in der Fläche. „Die der Kirche Höherverbundenen zeigen nicht nur in allen religiösen und kirchlichen Dimensionen höhere Werte auf. Sie sind auch diejenigen, die insgesamt gegenüber Innovationen in der Kirche aufgeschlossener sind.“ Damit ergebe sich die große Bedeutung einer meist kirchengemeindlichen oder jedenfalls intensiveren kirchlichen Kommunikation gerade bei denjenigen, die neue Formen und eine sich insgesamt experimentell verstehende Kirche haben wollten. Eine  besonders große Bedeutung hätten Kirchengemeinden zudem hinsichtlich der Gewinnung und Aktivierung von Ehrenamtlichen; auf deren Kosten gehe es, sobald man Kirchengemeinden fusioniere.“

Nach etwa zwanzig Jahren Strukturumbau der Evangelischen Kirche zeigen sich die angerichteten Schäden unübersehbar. Sie sind vor allem in jenen Landeskirchen und Kirchenkreisen zu spüren, die im sogenannten ‚Reformprozess‘ kühn voranschritten. Eine bedenkliche Verschiebung im evangelischen Kirchenverständnis habe sich ereignet – mit den Folgen einer Umdeutung des Predigtamtes, einer unevangelischen Vorordnung bestimmter Ämter und Dienste vor andere kirchliche Dienste und einer Veränderung in der Grundorientierung kirchlichen Lebens. Weil die christliche Kirche weithin nicht mehr als die Versammlung der Glaubenden gesehen werde, die auf das Wort ihres Herrn hört, sondern primär als soziale Organisation, sei die Selbsterhaltung des derart organisierten Apparates an die erste Stelle der Vorsorge gerückt: So schreitet die Institution ‚Kirche‘ über engagierte und bisher ihren Gemeinden treu verbundene Gemeindeglieder hinweg. Droht nicht solches womöglich mit dem PuK-Konzept in der ELKB umgesetzt zu werden?“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Korrespondenzblatt Nr. 1/Januar 2018, S. 5-9): http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kblatt-1801thiede.pdf

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