So nicht! – Eine Auseinandersetzung mit dem Buch des Theologischen Referenten der Landessynode der ELKB

Von Dr. Karl Eberlein             Der Artikel als PDF

Zu: Ralf Frisch: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017 (Evangelische Verlagsanstalt), 280 Seiten, 24€

Ralf Frisch: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017 (Evangelische Verlagsanstalt), 280 Seiten, 24€

Vorliegendes Werk ist seitens der Präsidentin der Landessynode, Dr. Annekathrin Preidel, sehr anerkennend gewürdigt worden.[1] Also bin auch ich mit einer ausgesprochen positiven Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen: Erwartet habe ich mir eine seriöse, sicher auch kritische kirchliche Bestandsaufnahme. Erwartet habe ich weiter Denkanstöße, die durchaus auch Sand in unserem kirchlichen Getriebe sein können, aber inhaltlich konsistent und gedanklich nachvollziehbar deutlich machen, was für unsere Kirche an der Zeit ist. In beiderlei Hinsicht hat sich für mich diese Erwartungshaltung leider nicht bestätigt.

Ralf Frisch ist enttäuscht von seiner Kirche. Er schreibt aus einer „enttäuschten Liebe“ heraus (17). Aber er gibt die Hoffnung für seine Kirche nicht auf und tröstet sich dabei etwa mit dem Lied Jochen Kleppers „Die Nacht ist vorgedrungen …“ (17). Und für diese Hoffnung braucht er schließlich ein Überspringen der Zeiten. Als literarische Fiktion stellt er sich einen 50-jährigen Schlaf vor, aus dem er im Jahr 2068 erwacht. Dann ist endlich vor dem Hintergrund nahezu apokalyptisch beschriebener Zeiten (270ff) in der Kirche alles anders und besser geworden (277ff). Dann ist er „glücklicher in die evangelische Kirche verliebt als je zuvor“ (280).

Der Autor, der solches schreibt, ist kein Irgendjemand. Er ist Professor an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Theologischer Referent der Landessynode und in dieser Funktion auch am Prozess „Profil und Konzentration“ (PuK) beteiligt. Und er widmet sein Buch der Synodalpräsidentin sowie „den Weggefährten in der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, die eine höchst vitale, intellektuell und spirituell quicklebendige Widerlegung aller kirchenkritischen Thesen der folgenden Seiten darstellen“ (8). Eine solche Widmung lässt aufhorchen – und motiviert zusätzlich, sich mit den Darlegungen dieses Buches etwas genauer auseinanderzusetzen.

Das Anliegen

Was hat Ralf Frisch aktuell an der von ihm (eigentlich) so geliebten Kirche zu kritisieren? Kurz gesagt: eigentlich alles – vom äußeren Erscheinungsbild über die innere Motivation der Akteure bis hin zur grundsätzlichen Ausrichtung. Der Autor ist in seiner Polemik alles andere als zimperlich. Die Versuchung ist groß, sich gleich hierauf zu stürzen. Trotzdem möchte ich an den Anfang eine eher behutsame Formulierung stellen, die für mich so etwas wie die Kernthese des ganzen Buches ist: Es brauche in der Kirche ein „neues Gefühl“, „dass der christliche Glaube ein Medium des Kontakts zu den letzten Dingen und zu den Tiefenschichten des menschlichen Daseins ist und nicht nur eine religiöse Gestalt der sozialen, politischen und moralischen Verbesserung der Lebensumstände von Menschen“ (29). Es gehe um „den letzten Sinn und das letzte Geheimnis des Seins“ (30). Eben dies müsse wieder erheblich stärker ins kirchliche Bewusstsein treten.

Mit dieser Intention ist Ralf Frisch nun keineswegs der einsame Rufer in der Wüste. Solche und ähnliche Töne sind schon seit längerer Zeit zu hören, etwa von bekannten Theologen (Hans-Martin Barth, Johannes Fischer u.a.[2]) bis hin zu Kommentatoren der FAZ. Ralf Frisch greift also etwas auf, über das ohnehin schon geredet wird und worüber (sicher auch kontrovers) geredet werden muss. Es geht ja schließlich um das Wesen und den Auftrag der Kirche. Zu wünschen wäre dann allerdings, dass der Autor gemäß des Buchtitels tatsächlich brauchbare reformatorische Impulse gibt und diese mit sorgfältigen Analysen und umsichtigen Wahrnehmungen verbindet. In einem immerhin 280 Seiten starken Buch darf man so etwas erwarten, man findet es aber nicht bzw. viel zu wenig. An die Stelle treten polemische Rundumschläge, Verzerrungen bis hin zu Unterstellungen sowie diffuse ekklesiologische Ausführungen.[3]

Polemische Rundumschläge gegen die eigene Kirche

Mit der evangelischen Kirche in Deutschland verhält es sich für Frisch wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: „In einer leeren, innerlich nackten Kirche kann man keine wirklich tiefen und wirklich erhebenden religiösen Erfahrungen machen“ (36). „Wenn der Protestantismus jemals zugrunde gehen sollte, dann geht er allenfalls an seiner Kraftlosigkeit, an seiner Substanzlosigkeit und an seiner Selbstbanalisierung und Selbsttrivialisierung zugrunde“ (71). Der deutsche Protestantismus verharre „vielerorts in seiner saturierten Bequemlichkeit“ (73). Die evangelische Kirche diene „als Petersilie auf jeder Suppe“ (107). Der „Bezug auf das Heilige“ sei derzeit „allenfalls ein Produkt neben anderen kirchlichen Produkten und Dienstleistungen“ (108). Es seien „gar nicht so wenige“ der Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen „geistlich desorientiert, spirituell leer, transzendental obdachlos und nicht mehr verliebt in das Evangelium“ (165). Natürlich müssen dann die Pfarrer auch noch speziell ins Visier kommen: Die ohnehin beklagenswerte „Dominanz der Pfarrerinnen und Pfarrer in ihren Gemeinden“ sei „dann umso schlimmer, wenn sie mit einer theologischen, spirituellen, ästhetischen, rhetorischen, liturgischen, dramaturgischen und emotionalen Lieblosigkeit einhergeht, für die es keine Rechtfertigung geben kann“ (256).

So und ähnlich gehen Rundumschläge in wohldosierter Streuung durch das ganze Buch. Gewiss: Für all das, was da angeführt wird, gibt es auch Beispiele. Die Frage ist nur, ob eine solche Addition von Negativ-Wahrnehmungen ein auch nur halbwegs faires und seriöses Gesamtbild ergibt. Ich nehme einmal an, dass sich Frisch der karikierenden Art seiner Darstellung sehr wohl bewusst ist. Aber er ist anscheinend der Meinung, dass es eine solche Methode der Aufmerksamkeitserregung braucht, um überhaupt gehört zu werden. Sollte dem tatsächlich so sein, wäre das ein Alarmzeichen für die Diskurskultur in unserer Kirche – auch mit Hinblick auf den anstehenden PuK-Prozess.

Verzerrungen und Unterstellungen

Wiederholt schimmert bei Ralf Frisch durch, dass er das soziale und diakonische Engagement seiner Kirche als Ersatzhandlung versteht: Weil die Kirche „von den letzten Dingen schweigt“, müsse sie sich auf die „vorletzten, weltlichen Dinge“ konzentrieren (154). Auffallend ist hier, wie die Unterscheidung, die Dietrich Bonhoeffer zwischen dem „Letzten“ und dem „Vorletzten“ vorgenommen hat, nun völlig gegen Bonhoeffers Intention in Stellung gebracht wird. Bonhoeffer war bekanntlich der Meinung, dass die Gewissheit des Letzten das Vorletzte keineswegs entwichtet, sondern umgekehrt Kraft gibt für ein entschlossenes Handeln in dieser Welt. Und dass in der Kirche über die letzten Dinge geschwiegen wird, ist eine steile Behauptung, die keineswegs nur, aber allein schon durch jede kirchliche Beerdigung zu widerlegen ist. Behaupten kann man so etwas allenfalls, wenn man das, was medial in bewusst selektiver Auswahl von der Kirche wahrgenommen wird, schon für die kirchliche Realität selber hält. Etwas anderes wäre es, sprachliche Schwierigkeiten und Defizite konkret aufzuzeigen, die es in unserer Kirche in der Tat geben kann, wenn es darum geht, die befreiende Kraft des Evangeliums in allen(!) seinen Dimensionen zur Sprache zu bringen.

Mehr als ärgerlich ist sodann, wenn Frisch dann speziell das kirchlichen Engagement für Flüchtlinge als Ersatzhandlung versteht (168f): „Es scheint jedenfalls geradezu, als hätten wir als Kirche nur darauf gewartet, dass unser Land von einer Herausforderung überwältigt wird, auf die wir uns nun stürzen können, um zu demonstrieren, wie unentbehrlich wir sind. Aber täuschen wir uns nicht: die Flüchtlinge sind nicht der Messias – so sehr uns ihr Wohlergehen und ihre Zukunftsperspektiven (…) am Herzen liegen müssen.“ Bei derartigen Unterstellungen hilft auch der angefügte Nachsatz nicht mehr viel.

Mehr als ärgerlich ist schließlich auch, wenn Ralf Frisch meint, im Gefolge der von ihm diagnostizierten sozialethischen Vereinseitigung auch bei der Gestaltung kirchlicher Räume ein ästhetisches Defizit dergestalt feststellen zu müssen, dass „eine im buchstäblichen Sinn sozialdemokratisierte Mehrzweckästhetik dominiert“, die „allenfalls langweilt“ (227). Es wäre besser, der Autor würde seine eigenen ästhetischen Kriterien auch wirklich benennen, statt mit solchen verallgemeinernden, irgendwie auch zynischen Formulierungen so manchen intensiven Bemühungen bei der Gestaltung von Kirchenräumen ins Gesicht zu schlagen.

Eine diffuse Ekklesiologie

Wenn Ralf Frisch ein spirituell erfahrungsintensivierter und ästhetisch neu eingekleideter Protestantismus vor Augen schwebt, stellt sich auch die Frage, mit welcher organisatorischen Verfasstheit solches einhergehen kann. Sehe ich es richtig, dann hat sich der Autor von der Vorstellung einer Kirche, die wirklich vor Ort nahe bei den Menschen ist, bereits verabschiedet: „Die sichtbare evangelische Kirche der Zukunft (…) könnte nicht mehr Volkskirche für alle, sondern eine Kirche für diejenigen sein, die inmitten der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft einen Ort suchen, an dem sich eine Tür zum ganz Anderen und zu einer ganz anderen Erfahrung der Welt und ihrer Gesellschaft öffnet“ (238).

Diese Art des Rückzugs bedeutet für Frisch zugleich eine Relativierung der Bedeutung von Kirchenmitgliedschaft und damit auch des Gemeinschaftscharakters der Kirche. Unabhängig von solcher Mitgliedschaft könne man gegen entsprechende Bezahlung religiöse Dienstleistungen in Gestalt von Übergangsritualen anbieten, ebenso „spirituelle Krafträume“, die als „religiöse Fitnessstudios“ fungieren könnten (246). Denen, für die die Kirche nach wie vor primär „als Gemeinde und als Gemeinschaft“ zu verstehen ist, hält er vor, dass es ihnen „verständlicherweise“ ja auch um monetäre Gründe gehe: Als „Profiteure der Volkskirche“ seien sie „naturgemäß“ daran interessiert, „dass diese Volkskirche noch lange Bestand hat“ (247). Dass man auch aus theologischen Gründen und um der Menschen selbst willen weiter für eine flächendeckend organisierte Volkskirche eintreten kann, um auf dieser Basis die „Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen VI), scheint Frisch nicht sonderlich in Betracht zu ziehen.

In alledem ist nun höchst bemerkenswert, dass er sich selbst als ein entschiedener Verfechter der Barmer Theologischen Erklärung (BTE) präsentiert. Denjenigen unter den universitären Theologen, die sich skeptisch zur Aufnahme der BTE in die Kirchenverfassung geäußert haben, bescheinigt er schon mal in der weiteren Konsequenz eine „Selbstabschaffung der christlichen Theologie und des Protestantismus“ (204). Dabei scheint er selber übersehen zu haben, dass die BTE nicht nur aus den ersten beiden Thesen besteht (hierzu 142ff), sondern hieran gleich die dritte und vierte These anschließen, in denen es eben um die Gestalt und die Ordnung der Kirche sowie um ihren Gemeinschaftscharakter geht. Mit seinen eigenen Vorstellungen ist er weit davon entfernt. Und wenn er sodann auch noch „Luthers Unterscheidung von geistlichem und weltlichem Regiment“ innerkirchlich(!) als „Unterscheidung und Zuordnung von geistlichem und kybernetischem Handeln“ angewandt sehen möchte (111) und damit weiter in Gegensatz zu der von ihm so verteidigten BTE gerät – ja, dann wird es endgültig diffus.

Die Kirche des Jahres 2068

Wie eingangs schon erwähnt, steht am Schluss des Buches die literarische Fiktion eines 50-jährigen Schlafes, auch dem Frisch im Jahr 2068 erwacht. Er skizziert ein düsteres gesellschaftliches und globales Szenario (270ff): gesteigerte soziale und politische Verwerfungen; brutale Abschottungsstrategien gegenüber Völkerwanderungen; soziale Eiszeit; weitere Ausbreitung eines militanten politischen Islam; Ende der europäischen Vision; exzessive Biotechnologie usw. Kirchlicherseits ist die „Zeit der kirchensteuerfinanzierten Mehrheitsvolkskirche“ vorüber (273).

Am Ende dieser Zukunftsschilderungen fragt der Autor: „Aber gibt es auch Hoffnungsschimmer in der wenig erhebenden, halszuschnürenden Gegenwart dieses fernen Jahres 2068?“ (276). Seine Antwort: „Ja, es gibt Hoffnung – insbesondere aus kirchlicher Sicht“ (277). Damit leitet der Autor seine ekklesiologische Zukunftsvision (277ff) ein. Die „evangelische Kirche des Jahres 2068 verkörpert eine im besten Sinne öffentliche, ausstrahlungsstarke Theologie“. Sie ist „als Minderheitskirche freier denn je“. Sie erscheint „endlich als faszinierende Alternative zum Geist ihrer Zeit“ und leitet Menschen „zu spirituellen Exerzitien im Alltag“ an. Diese Kirche „erschöpft sich nicht in inflationärer Präsenz“, sie „konzentriert sich“. Ihr Herz „schlägt in geistlichen Zentren, in die sie ihre großen Kirchen und Bildungsorte verwandelt hat“. Auch ästhetisch stimmt jetzt alles: „Neu gebaute Kirchen sind Architekturen des offenen Himmels.“ Durch bezahlte spirituelle Dienstleistungen und durch Zuwendungen (sicher auch finanzstarker) Geldgeber hat man also auch hierfür noch genügend finanzielle Mittel, um sich nicht mehr in Kirchenräumen mit einer langweiligen Mehrzweckästhetik (vgl. 227) aufhalten zu müssen.

Mit dieser seiner Landeskirche feiert dann Ralf Frisch „ein Fest des euphorischen Nichtwiedererkennens“. Verwundert ist man freilich, dass Ralf Frisch dabei immer noch von der evangelischen Kirche und der Landeskirche im Singular redet. Denn auch dies gehört für ihn zum ekklesiologischen Zukunftsszenario (und er schildert dies ohne großes Bedauern): „Viele christliche Gruppierungen, die sich im Jahr 2017 noch der institutionalisierten Volkskirche zugehörig fühlten, haben sich allerdings mittlerweile von ihrer Mutterkirche abgespalten. Aus dem innervolkskirchlichen Pluralismus ist ein Pluralismus verschiedener Kirchen geworden“ (277).

Wenn man all das liest (und das vorher bereits Ausgeführte mit dazu nimmt), dann zeichnen sich etwa folgende Konturen dieses Hoffnungsszenarios ab: Der gerade mal gut zehn Jahre alte forsche EKD-Imperativ, „gegen den Trend“ wachsen zu sollen und zu können (Impulspapier „Kirche der Freiheit“), ist nun völlig verschwunden. An die Stelle getreten ist nicht nur ein Mut zur Minderheit (dem ich durchaus folgen könnte), sondern geradezu eine Sehnsucht nach Minderheit. Die ELKB des Jahres 2068 hat eine spirituelle Großreinigung hinter sich. Diejenigen, die in eine derart aus ihren spirituellen Zentren leuchtende Kirche nicht so recht passen, haben sich quasi selber entsorgt: Sie gehören dann entweder überhaupt keiner Kirche mehr an – oder sie sind jetzt in anderen Gruppierungen, die sich von der ELKB losgelöst haben, zu finden.

Vielleicht wird (so möchte ich ergänzen) dieses Bild noch etwas dadurch getrübt, dass da immer noch einige Ortsgemeinden mit ihrer banalen Alltäglichkeit und mit ihrer spirituellen und ästhetischen Unterbelichtung da sind, die man als Auslaufmodelle dahinfristen lässt. Nicht auszuschließen wäre dann freilich auch (wie ich weiter ergänzend hinzufügen möchte), dass dieser ELKB mit ihren spirituellen Krafträumen und Fitnessstudios (vgl. 246) ein Evang.-Luth. Gemeindebund in Bayern gegenübersteht, der sich keineswegs aus Ewig-Gestrigen zusammensetzen muss, wohl aber die Zeichen der Zeit anders deutet. Es könnte ja sein, dass es gerade in gesellschaftlich raueren Zeiten (von denen Frisch ja ausgeht) umso mehr eine Kirche vor Ort (wirklich am Ort!) mit entsprechenden Vernetzungen und Interaktionsmöglichkeiten braucht – statt die spirituell und ästhetisch besonders Sensiblen an besondere Orte zu locken, die der komplexen Alltäglichkeit entzogen sind.

Kurzum: Das, was Ralf Frisch als ekklesiologisches Hoffnungsbild skizziert, ist für mich eher ein Szenario des Erschreckens – und das aus theologischen, nicht aus besitzstandswahrenden Gründen. Da gibt ein Autor keine reformatorischen Denkanstöße mehr, sondern geht glatt an dem vorbei, was man noch eine halbwegs seriöse lutherische Ekklesiologie nennen könnte.

Nach-Gedanken

Ralf Frisch ist nicht der erste, der einen Blick in die Kirche in 50 Jahren wirft. Kurz vor ihm hat es bereits die Synodalpräsidentin Dr. Annekathrin Preidel im Rahmen ihrer Eröffnungsansprache auf der Synodaltagung in Coburg (27.3.2017) getan (mit der Variation, dass sie nicht vom Jahr 2068, sondern vom Jahr 2067 redet). Bei ihr schaut das „Fest des Nichtwiedererkennens“ (gleiche Formulierung wie bei Frisch!) mit der evangelischen Kirche, das die jetzt Jungen noch erleben werden, so aus: „Sie hat weniger Mitglieder, aber sie ist geistesgegenwärtig und vital. Sie ist weniger schwerfällig und weniger bürokratisch. Ihre Sprache ist verständlicher geworden. Spirituelle Inhalte zeugen von einem neuen Geist in unserer Kirche. Diejenigen, die im Jahr 2067 nach wie vor vom Evangelium begeistert sind, haben die alten Strukturen losgelassen, um neu aufzubrechen. Sie haben sich in kleinen flexiblen Keimzellen organisiert.“ Im Jahr 2067 gehe es auch darum, „den Mut zu haben, zur Profilkirche zu werden – zur Jugendkirche, zur Vesperkirche, zur Meditiationskirche, zur Kirche der ästhetischen Erfahrung, zur Kirche der ‚fresh expressions’“. Die Christen werden – so Preidel im Anschluss an den Planungsreferenten Thomas Prieto Peral – „interessante Leute“ sein (man beachte das Futur!).[4] Für die Kirche der Gegenwart jedoch gilt: „Wenn wir nicht schwimmen lernen, werden wir untergehen wie ein Stein“, nämlich an der „eigenen bleiernen Schwere und Behäbigkeit“.

Bei der Synodalpräsidentin klingt gewiss einiges wieder etwas anders als bei Frisch, in der Relation von Gegenwart und Zukunft sind jedoch die Übereinstimmungen sehr deutlich: Die Zukunft wird in sehr hellen Farben gemalt. Eigene Leitvorstellungen werden zur zukünftigen Realität erklärt. Und dazu braucht es die düstere Eintönung der Gegenwart. Diese Art von Reformrhetorik ist in unserer Kirche keineswegs neu – auch wenn sie inhaltlich sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich plausibilisiert werden kann (was natürlich all diejenigen irritiert, die nicht nur ein Kurzzeitgedächtnis haben). Es setzt sich das fort, was auch sonst schon in der kirchlichen Reformrhetorik der Fall war: Es werden weder die eigenen Mitgliedschaftsbefragungen wirklich ernst genommen noch relevante religions- und kirchensoziologische Untersuchungen, sobald diese dem eigenen Weltbild widersprechen. Vor allem aber kommt ein biblisch-theologisches Nachdenken zu kurz, das nicht bereits durch vereinzelte, gezielt ausgewählte Bibelzitate gewährleistet ist.

Was also vor allem fehlt, ist ein wirklich genaues(!) Hinsehen in unsere Gegenwart. Hierfür brauchen wir gewiss keine rosa, aber eben auch keine schwarz gefärbte Brille. Wir brauchen ein genaues Hinschauen auf die ‚Logik‘ (auch: ‚Theo-Logik‘) des Vorhandenen, wo manches auf den zweiten Blick sich anders darstellt, als man es zunächst beurteilt hat. Erst wenn diese ‚Logiken‘ einmal verstanden worden sind, kann auch erwogen werden, woran unter veränderten Bedingungen weiter festzuhalten ist – und woran nicht. Man könnte so etwa darauf kommen, dass die Frage nach dem Stellenwert von örtlichen Kirchengemeinden sich nicht so ohne weiteres unter dem Aspekt vergänglicher volkskirchlicher Strukturen abhandeln lässt. Man könnte statt dessen entdecken, dass hier grundsätzliche Fragen der Ekklesiologie berührt sind, wo uns der Apostel Paulus in seinen Korintherbriefen einiges ins Stammbuch geschrieben hat (übrigens auch zur Bewertung berauschender spiritueller Erfahrungen, von denen Ralf Frisch so gerne redet; vgl. 25ff).

Kurzum: Ein biblisch geschärfter Blick könnte zu einem geistlichen Realismus und zu protestantischer Nüchternheit führen, wenn es um die Kirche der Gegenwart geht. Dann (aber erst dann!) mag man auch ein Fernglas in die Hand nehmen, um in eine Zeit in 50 Jahren zu schauen. Allerdings sollten wir dabei auch wissen: Durch ein solches Fernglas schauen wir allemal nur unsere eigenen Zukunftsprojektionen und noch lange nicht das, was vom Herrn der Kirche tatsächlich auf uns zukommen wird. Vielleicht tun wir dabei auch gut daran, unser geschichtliches Gedächtnis zu aktivieren: In den für uns etwas deutlicher überblickbaren Zeiträumen der jüngeren Vergangenheit ist es schließlich meist anders gekommen, als man es erwartet, erhofft oder auch befürchtet hatte. So leicht lässt sich der Herr der Kirche nun Mal nicht in die Karten schauen!

So bleibt zu hoffen, dass die Töne, denen ich in meinem Beitrag nachzulauschen versucht habe, nicht die Marschmusik für den (in seiner Kontur noch völlig offenen) Prozess „Profil und Konzentration“ sein werden.

Dr. Karl Eberlein, Pfarrer i.R. und ehem. Mitglied der Landessynode,
Roth-Eckersmühlen


[1] In ihrer Kolumne in den beiden Sonntagsblättern vom 11.6.17

[2] H.-M. Barth, Das Vaterunser als Thema öffentlicher christlicher Theologie, in: Deutsches Pfarrerblatt 2/2016, 64-67; J. Fischer, Gefahr der Unduldsamkeit, in: Zeitzeichen 5/2016, 43-45.

[3] Wenigstens angemerkt sei, dass in dem Buch nicht nur auf die Kirche selber geschaut wird, sondern auch auf die allgemeine religiös-weltanschauliche Situation. Dabei ist neben dem Atheismus insbesondere der Islam im Visier. Was hier Frisch an grobschlächtiger Analyse und Auseinandersetzung bietet, unterscheidet sich ganz erheblich von der seriösen Tonlage, wie man sie etwa von der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen her kennt.

[4] Verblüfft stellt man in diesem Zusammenhang nun auch noch Folgendes fest: Diese Zukunftsbeschreibungen des Jahres 2067 sind inhaltlich sehr nahe an dem, was in der Fassung des PuK-Konzeptes vom 6.3.2017 bereits für 2030 als Zukunftsszenario in den Raum gestellt wurde (dort 8f). In der nach den synodalen Beratungen veröffentlichten Fassung (29.3.2017) ist diese Passage – worauf mich Pfarrerin Cornelia Meinhard aufmerksam gemacht hat – ersatzlos gestrichen. So genau wollte man sich wohl konsensual und zeitlich in der näheren Zukunft lieber doch nicht festlegen. Ersatzweise werden so auf individueller Basis für die Zukunftsreise die Jahre 2068 (Frisch) bzw. 2067 (Preidel) gesetzt und damit Zeiträume, in denen mit ziemlicher Sicherheit die aktuell in der Kirche Verantwortlichen keine Rechenschaft mehr über ihre Annahmen im Jahr 2017 ablegen müssen.