Synode der ELKB – Ein neuer Reformprozess mit Chancen und Risiken

Eindrücke von der Frühjahrstagung der bayerischen Landessynode in Coburg vom 26. – 30. März 2017 (Auszug)

Von Hans-Joachim Vieweger (Mitglied der Landessynode der ELKB)

„Unter der Überschrift ‘Profil und Konzentration’ hat die Landessynode in Coburg den Startschuss für einen umfassenden missionarischen Reformprozess gegeben.” So heißt es auf der Internetseite unserer Landeskirche. Ein „missionarischer Reformprozess” – was will man mehr, könnte man jetzt sagen. Doch „PuK”, wie „Profil und Konzentration” im Kirchenjargon heißt, hat neben Chancen auch Risiken.

Zunächst das Positive: „PuK” will, so haben es Landesbischof Heinrich Bedford- Strohm und Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel bei der Präsentation gesagt, „vom biblischen Auftrag her denken“, nicht von bestehenden Strukturen. Bislang war es in der Kirche meist so, dass neue Aufgaben zusätzlich zu den bisherigen Aufgaben hinzukamen („additiv”). Um den Verzicht auf Bestehendes, also die Benennung von „Nachrangigkeiten”, hat man sich meist gedrückt. Selbst Aufgaben, die sich objektiv überholt hatten, wurden weiterbetrieben – die Stelleninhaber definierten ihr Arbeitsgebiet einfach um. Wenn sich an dieser Einstellung durch „PuK” etwas ändert, insbesondere bei den Aufgaben auf landeskirchlicher Ebene, wäre das ein großer Gewinn.

Selbstverständlich muss es auch Änderungen in den Kirchengemeinden geben, doch der Prozess kann – obwohl immer wieder auf die Bedeutung dezentraler Entscheidungen hingewiesen wurde – auch auf Kosten der Gemeinden gehen und ihnen Handlungsspielraum nehmen. Zu Recht hat der Gemeindebund Bayern im Vorfeld der Synode den negativen Unterton des „PuK”-Papiers gegenüber den Kirchengemeinden kritisiert. So hieß es ursprünglich, die parochiale Gemeinde sei „in ihrer oft statischen selbstbezogenen Organisation zu wenig einladend”. Eine Behauptung, die von den Verfassern des Impulspapiers aufgrund der Kritik zurückgezogen wurde.

Die eigentliche Problematik besteht m.E. darin, dass kirchliches Handeln künftig vor allem in „Räumen” gedacht werden soll, die mehr umfassen als die Kirchengemeinden (in der Regel sollen Dekanate für diese „Räume” verantwortlich sein). Räume seien die Antwort auf die missionarische Herausforderung durch die Unerreichten, so die These. Doch während Kirchengemeinden nach lutherischem Verständnis Kirche sind („die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden”), kann ich für die „Räume” keine theologische Begründung erkennen.

Zusammenarbeit im Raum ist sicher wichtig, aber wenn – wie das Impulspapier andeutet – künftig Stellen und Budgets auf dieser Ebene verteilt werden sollen: Welche Verteilungskämpfe drohen dann womöglich? Und wie will man absichern, dass hier „gerade keine neue Gremienebene” geschaffen wird?

Die Synode hat freilich nicht das gesamte Impulspapier verabschiedet, sondern nur einige Leitsätze. Beides ist nun möglich: Dass die missionarischen Chancen genutzt werden, aber eben auch, dass eine – für die meisten Menschen – abstrakte Raumebene eine unangemessen große Bedeutung bekommt. Und das in einer Zeit, in der sich andere evangelischen Kirchen genauso wie das katholische Erzbistum München und Freising gerade wieder von der Zentralisierung auf der so genannten „mittleren Ebene” verabschieden.

Eine wichtige Rolle bei den Diskussionen um “Profil und Konzentration” spielte übrigens die Frage, ob man heute noch von einer Volkskirche sprechen kann. Vom Auftrag her schon, meinte Professor Christoph Markschies, weil es eben darum gehe, die „Botschaft von der freien Gnade an alles Volk auszurichten“ (so die sechste These der Barmer Erklärung). In einem gewissen Kontrast dazu steht freilich, was Pfarrerin Kathrin Oxen vom „EKD-Zentrum für evangelische Predigtkultur“ in Wittenberg über ihre Erfahrungen im Osten berichtete. Sie sei anfangs erschrocken darüber, „wie leicht es offenbar gewesen ist, viele Menschen von der Kirche abzubringen.“ Bei aller negativer Erfahrung (es gebe „keinen Hunger nach Gott“ in der Ost-Gesellschaft) gelte aber zugleich: Auch hier gibt es Kirche, klein, mit weniger Kaffee und Kuchen und Ausflügen, dafür mit mehr Gewicht auf Gottesdiensten, Bibelwochen und Friedensarbeit. Ihr Fazit: „Eine Volkskirche werden wir nicht bleiben können, wir werden eine Jüngerkirche werden.“

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

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