Newsletter Gemeindebund Bayern Februar 2017 – Von Erfolgsmodellen und harten Fakten

Transparenter Umgang mit Statistischem und Wünschenswertem

Von Matthias Ewelt

Von zwei Erfolgsmodellen in unserer Kirche wird immer wieder berichtet. Zum einen das „Erfolgsmodell Jugendkirche“, das dezidiert so genannt wurde und zum anderen die Erfolge der beiden Kircheneintrittsstellen.

Wenn Unternehmungen unserer Kirche erfolgreich sind, ist das erst einmal ein Grund zur Freude. Dennoch sollten wir mit dem Wort „Erfolg“ differenzierter umgehen. So war es bei Dekanatsentwicklungen bisher ein ungeschriebenes aber sinnvolles und deshalb nachvollziehbares Gesetz, die harten Faktoren wie Gemeindemitgliederzahlen,  Einrichtungen und Pflichtaufgaben zu zählen, die sog. „weichen Faktoren“ jedoch nicht (wie viele kommen in meinen Gottesdienst?, etc.).

Auch unser ausführlicher Pfarrerbildprozess mit den Dienstordnungen zielt –aus wirklich  sehr gutem Grund- auf eine strukturelle Vergleichbarkeit und nicht auf unterschiedliche Erfolge und die charismatische Wirkung der Hauptamtlichen (wie etwa in den USA).

Der Erfolg der Jugendkirche wird mit im Schnitt 150 Gottesdienstbesuchern, hohem ehrenamtlichen Engagement und einer großen regionalen Reichweite begründet. Der Erfolg der Kircheneintrittsstellen mit den vielen generierten Eintritten, vor allem von Menschen,  die beim klassischen Gemeindeeintritt nicht „anbeißen“. Allerdings: schon die harten Zahlen sind, mit Verlaub, erst einmal andere. Die Kircheneintrittszahlen waren z.B. 2011 bis auf einen Eintritt exakt auf dem Niveau von 2001 (3139/3140). Ein insgesamt seitdem erfolgter Anstieg war aber auch in den Kirchengemeinden zu verzeichnen, so dass dieser nicht aufs Konto der Stellen gehen kann, sondern einen Trend abbildet. Der berechtigte Einwand könnte lauten: der Erfolg liegt nicht bei den absoluten Zahlen, sondern bei den bisher nicht erreichten Eintrittswilligen liegt, die mit Gemeinde nichts anfangen können. Das ist jedoch eher eine Frage, ob und wie wir die Rahmenbedingungen für Eintritte verändern wollen. Kircheneintrittsstellen sind jedenfalls nicht die einzig mögliche Antwort.

Das Grundparadigma der Gemeindebindung in unserer parochial strukturierten Volkskirche ist bei den Jugendkirchen berührt (siehe auch Kirchliche Mitgliedschaftsuntersuchung). Den Besucherzahlen in den Jugendkirchen müssten die örtlichen Jugendgottesdiensten in Gemeinden und Dekanaten der Region gegenübergestellt werden, und auch die Investition in Gebäude und Equipment im Vergleich zu den genannten Erfolgen. Jede Gemeinde und jedes Dekanat, das für seine Jugendarbeit ähnlich gutes Material und diese Möglichkeiten hätte, würde vermutlich auf ähnliche Teilnehmerzahlen bei Jugendgottesdiensten kommen und dabei einen klaren Gemeinde- oder mindestens regionalen Bezug zur Kirche vor Ort behalten, wenn wir das noch wollen.

Wenn es nur um die Erfolge geht, wäre das zu kurz gegriffen, weil es die Grundstruktur in Frage stellt. Die Frage, was in der bisherigen Gemeindestruktur alles möglich wäre an Erfolgen, wenn die intensiven finanziellen und Stellenbemühungen dort angesiedelt blieben, wurde ja nicht alternativ ausprobiert. Allerdings kommen manche Angebote in den Gemeinden auch ohne dieses qualitativ hochwertige Material vielfach auf Zahlenerfolge, die nicht weiter ausgewertet, ausgebaut oder gefördert worden sind.

Bisher hat der Erfolg in Zahlen keine Rolle gespielt. Er war ein weicher Faktor und Landesstellenpläne sind leidlich gelungen, weil diese Faktoren aus Stellen- und in der Folge auch Budgetentscheidungen draußen geblieben sind. Wenn nun aber Erfolg das Thema ist, dann können gerade einzelne Gemeinden aus einer Fülle dieser Faktoren heraus, die sie schon immer im Köcher hatten und bisher nicht verwenden konnten, neue Stellen  und Gelder anfordern. Beispiele?

  • Spendenbereitschaft pro Kopf Gemeindemitglied
  • Gottesdienstbesuchszahlen prozentual zur Gesamtmitgliederzahl
  • Zahl Ehrenamtlicher in besonderen Projekten

Manch amerikanisch denkender Kirchenvorstand ist mir schon so gekommen: die Kirche muss in Wachstum denken und nicht den Niedergang der Gemeindegliederzahlen betrauern. Ich werde nicht müde zu begründen, dass in einer Volkskirche für mehr evangelische Zuzüge in einer Gemeinde der Bürgermeister zuständig ist und für mehr evangelische Geburten     die Eltern und die Politik. Das begründete  bisher  grundsätzlich  unsere  Stellenverteilung und nicht die Zahlen an Veranstaltungen, Ehrenamtlichen, Bindungsgefühl, Teilnehmenden und generierten Spenden.

Lassen Sie uns bitte lieber miteinander darauf achten, dass dieser von mir beschriebene Weg der Erfolgsgeschichten bei der Errichtung von Stellen und Investitionen so nicht weiter verfolgt wird. Denn er bringt uns meiner Meinung nach entweder in schreckliche Erklärungsnöte oder führt in Verteilungskämpfe um Geld und Stellen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Feiern wir gerne Erfolge, aber dann bitte schön 1. nicht nur die allerneuesten, sondern auch die stetigen und althergebrachten; 2. als weiche Faktoren, nachdem die harten Faktoren über Stellenausstattung, Dienstbeschreibungen und Budget befunden haben und 3. mindestens mit einer statistisch, besser noch wirtschaftlich belastbaren Abwägung von Aufwand, Nutzen und vor allen Dingen, Vergleichbarkeit.

Quellen: Kirchliches Leben in Zahlen

V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterFeb2017.pdf

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