Gemeinde vor Ort – Zukunft der Kirche

Newsletter des Gemeindebunds Bayern, Dezember 2016

Die Ergebnisse der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD lassen erkennen: Die Ortsgemeinden sind der Herzschlag der Kirche. Theologisch war das vielen längst klar, aber jetzt ist es auch noch durch eine breite, empirische Untersuchung unterfüttert und bestätigt. Es ist erstaunlich, dass der Fokus auf die Kirchengemeinden in den seit 1972 durchgeführten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen kaum eine Rolle spielt. Dementsprechend wurden andere Organisationsformen der Kirchen favorisiert und die Ortsgemeinden als im Kern bornierte  und  rückständige  Restbestände der  Volkskirche  angesehen.  In  dem EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ fand diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Sie enthält eine  erschreckende Geringschätzung der  Ortsgemeinde.  In  ihr, so  diese  EKD-Schrift,  herrschen „ungutes Kirchturmdenken, überzogene Autonomievorstellungen, Defizite in der Verantwortungsbereitschaft für das Ganze, Mängel in der Identifikation vieler Mitarbeitenden, fehlende Qualitätsstandards, Milieuverengung“ usw. Demgemäß sollte der Ressourcenanteil für Ortsgemeinden von bisher 80 % auf 50 % heruntergefahren werden. Der Ungeist dieser Schrift hat in vielen Landeskirchen Einzug gehalten. Es ist nur  zu hoffen, dass durch die neue Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ein Umdenken einsetzt. Waren doch jahrzehntelang diese Untersuchungen Ausgangspunkt für Veränderungen der kirchlichen Strukturen.

Kirchengemeinden bilden die Basis der evangelischen Kirche. Dies lässt sich durch die KMU 5 an vielen Beispielen belegen. Drei möchte ich nennen:

  1. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen. Man kann davon ausgehen, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder der evangelischen Kirchen über die Ortsgemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“ – so Gerhard Wegner, Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD.
  2. Wie schon bei allen bisherigen Kirchenmitgliederbefragungen haben die Pfarrerinnen und Pfarrer in den Ortsgemeinden eine Schlüsselrolle. Die hohe Wertschätzung des Pfarramtes wurde durch die Kirchenmitglieder eindrücklich bestätigt.
  3. Kirchengemeinden sind nach wie vor der wichtigste Ort religiöser Erfahrungen. Die religiösen Bedürfnisse, die von Kirchenmitgliedern artikuliert werden, werden in den Kirchengemeinden befriedigt. Das hängt mit der Nähe zu den Menschen zusammen, was gerade für die Verlierer unserer Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist. Die Dimension des Sozialen spielt dabei eine herausragende Rolle.

Aus all dem lässt sich folgern: Die parochial verfassten Ortsgemeinden müssen der Ausgangspunkt einer Kirchenreform sein und dürfen nicht länger als deren Problem behandelt werden. Ein Aufbruch des Protestantismus in Deutschland geschieht von unten. Die Ressourcen einer Kirchengemeinde müssen von daher erheblich gesteigert werden, was bei einem guten Kirchensteueraufkommen auch möglich ist. (Die Kirchensteuereinnahmen der EKD sind im letzten Jahrzehnt um über 30 % gestiegen. In den Jahren 1967 bis 1970 haben sie sich verdoppelt und von 1970 bis 1990 verdreifacht.)

Wenn theologische Argumente nicht mehr überzeugen, dann vielleicht empirische Ergebnisse. Trotzdem sei in Erinnerung gerufen, was Jürgen Moltmann bei einem öffentlichen Festvortrag zur Barmer Theologischen Erklärung zum Auftakt des Studientages der vier kirchenleitenden Organe der evangelischen Landeskirche in Bayern den Synodalen ins Stammbuch geschrieben hat:

„Die Gemeinden sind nicht Ortsvereine der Landeskirche. Und alles, was den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – ansonsten sind es überflüssige Super – Strukturen.“

V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern,
Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan
1. Vorsitzender

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterDez2016.pdf

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