Strategisch evangelisch – Die Kunst, Kirche zu gestalten

Wie ist Kirche heute zu leiten? Was sind sinnvolle Strategien im Umgang mit den vielfältigen Herausforderungen, mit denen sich Kirchenleitungen konfrontiert sehen? Lässt sich die evangelische Kirche überhaupt steuern? Diesen kybernetischen Fragen geht der Beitrag von Christoph Dinkel nach.

„Wenn Kirchenleitungen über eine Strategie für die evangelische Kirche nachdenken, überrascht es nicht, dass im Ergebnis die zentralistischen Tendenzen gestärkt werden. Das ist angesichts der Entwicklungen unserer Gesellschaft in gewissem Umfang unvermeidlich. Zentralisierung kann Kräfte freisetzen, die an der Basis sinnvoll für die konkrete Arbeit mit Menschen eingesetzt werden können. Zentralisierung ermöglicht in manchen Bereichen eine höhere Qualität und eine bessere Sichtbarkeit der Arbeit. Bedenklich werden Zentralisierungstendenzen allerdings dann, wenn sie die Autonomie der Gemeinden und ihrer Pfarrerinnen und Pfarrer beeinträchtigen, wenn also von oben verordnet wird, was zu tun ist, und die Gemeinden zu Filialen der Gesamtkirche und die Pfarrer zu Filialleitern der Kirchenorganisation werden. Dem Zentralisierungsdruck darf also nur dort nachgegeben werden, wo dies absolut unerlässlich ist.

Die evangelische Kirche – Schleiermacher wird nicht müde das einzuschärfen – ist von unten aufgebaut. Sie verdankt sich der Kommunikation des Evangeliums an konkreten Orten. Allein von dort her bezieht die Kirchenorganisation ihre Existenzberechtigung. Das Prinzip der Subsidiarität und die interne Pluralität gehören zum Wesen protestantischer Kirchentümer. Die föderale Struktur des Protestantismus ist ein hohes Gut. Das Zentrum und die Spitze wissen keinesfalls alles besser. Sie sind auch nicht notwendig strategisch kompetenter. Vielmehr hat gerade die Spitze spezifische Blindheiten, denn das meiste, was in der Kirche geschieht, bekommt die Leitung nie in den Blick. Fehler, die in einer föderal aufgestellten Kirche gemacht werden, schlagen auch nicht gleich auf alle durch. Fehler sind in einer kleinteilig organisierten Kirche besser einzudämmen und zu korrigieren als in einer zentralistischen Organisation.

Vor allem aber sichert die dezentrale und plurale Struktur der evangelischen Kirche ihre finanzielle Basis. Die meisten, die Kirchensteuer zahlen, zahlen sie nicht für die Landeskirche oder gar die EKD. Sie zahlen sie für die Gemeinde vor Ort, für das Kirchengebäude in der Nähe, für die Kantorei, den Posaunenchor und die Jugendarbeit, für die diakonische Einrichtung, die Vesperkirche und den diakonischen Pflegedienst in der Nachbarschaft. Kirchensteuer zahlt man für die Pastorin, die sichtbar in der Gemeinde präsent ist, die erreichbar ist, wenn ein Kasus anliegt. Religion lebt von der Nähe, von konkreter Hilfe und von konkreten Orten, an denen die Seele erbaut wird. Vertrauen wächst durch bekannte Gesichter und Menschen, die als Gesicht der Kirche bekannt sind. Nur auf der Basis dieses Vertrauens sind Menschen bereit, der Kirche ihr Geld zu geben. Gesteigerter Zentralismus widerspricht nicht nur dem Prinzip einer Kirche von unten und dem allgemeinen Priestertum, gesteigerter Zentralismus würde auch die finanzielle Basis der Kirche untergraben.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Nr. 2/2016: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=3987

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