Erwachen zur Mündigkeit

Jürgen Moltmann:  Gemeinden sind keine Ortsvereine der Landeskirche

Die Evangelische Kirche ist auf Reformkurs. Das muss sie auch. Denn sie verliert Mitglieder und um die Finanzen steht es nicht gut. Da ist es richtig, dass die Kirche rechtzeitig reagiert, Reformprogramme entwirft und dazu auch Fachleute außerhalb der Kirche zu Rate zieht. Doch neben viel Zustimmung zu den Reformen gibt es auch Kritik. Sie kommt zum Beispiel von dem Tübinger Theologieprofessor Jürgen Moltmann. Bei einem Vortrag aus Anlass des Jubiläums 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung und den Synoden von Barmen und Dahlem plädierte er dafür, Gemeinden nicht zu entmündigen, sondern zu stärken.

Kommentar von Jürgen Moltmann

Vor 75 Jahren wurde die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet. Heute sind wir in einer ganz anderen Situation. Es droht uns nicht eine ideologische Politisierung der Kirche wie durch die Nazis und die Deutschen Christen damals. Aber es droht uns meines Erachtens eine nicht minder gefährliche ideologische Ökonomisierung der Kirche: durch den totalen Markt.

Wie kann Kirche effektiver werden? Wie kann die Zahl der Taufen, Trauungen und kirchlichen Beerdigungen erhöht werden? Wie kann Kirche auf ihr „Kerngeschäft“ verschlankt werden? Wie kann Kirche „ihr Angebot“ attraktiver machen? Wie kann sie ihren „religiösen Service“ für ihre „Kunden“ verbessern? Wer so fragt, sucht Rat nicht im Evangelium, sondern bei McKinsey. Das ist allerdings aufwändig und sehr teuer. Und bringt – nichts. Durch Effektivitätskontrollen wird nur das Vertrauen der Pastorinnen, Pastoren und Gemeindeglieder zerstört. Es entmündigt und macht die aktiven Brüder und Schwestern zu passiven Kunden. Aus selbstständigen Gemeinden wird eine Art „betreutes Wohnen“ in den Kirchen. Diese „Betreuungskirchen“ haben wir allerdings schon während der Kirchenreformen in den 60er Jahren ad acta gelegt. Wir suchen die „Gemeindekirche“ und finden sie auch. Die Gemeinden sind nicht Ortsvereine der Landeskirche. Und alles, was in den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – ansonsten sind es überflüssige Super-Strukturen.

Nur in der „versammelten Gemeinde“ Christi hören die Existenzkämpfe der alten Welt auf und das Leben der zukünftigen neuen Welt Gottes wird vorweggenommen. Wo eine Gemeinde aus einer Parochie, das heißt einem kirchlichen Betreuungsbezirk, zu einer Gemeinschaft wird, wird sie selbstständig. Hier nimmt man Anteil, hilft sich gegenseitig und teilt, was man hat. Es erwachen die Geistesgaben und Lebenskräfte. Wir erleben dieses Erwachen zur Mündigkeit in evangelischen Gemeinden, die anfangen, ihr Gemeindeleben selbst zu gestalten. Es ist die Gemeinschaft, die reich macht, reich an Menschen, auf die man sich verlassen kann, reich an Initiativen und Kräften. Alle guten Initiativen für Kindergärten, die „Tafel“, Hilfen für Hartz-IV-Empfänger und Sprachunterricht für Migranten sind an der Basis entstanden. Wird eine Gemeinde zur Gemeinschaft, dann wird sie zur Quelle des Lebens für viele. Natürlich fordert das eine selbstständige Beteiligung heraus. Aber eine Kirche, die nichts fordert, tröstet auch nicht.

Jürgen Moltmann ist emeritierter Professor für Systematische Theologie in Tübingen
(Quelle: http://www.die-kirche.de/ )

Auch die NZ berichtete am 25.06.2009:

Anbiederung an den Zeitgeist?

Moltmann kritisiert Reformkurs der Kirche

Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann (83) hat den Reformkurs der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) scharf kritisiert. In der EKD werde heute gefragt, wie Kirche «effektiver» werden könne und sich die Zahl von Taufen, Trauungen und kirchlichen Beerdigungen erhöhen lasse, sagte der international renommierte frühere Professor für Systematische Theologie. Mit diesen Fragen suche die Kirche nicht Rat in der Bibel, sondern bei der Unternehmensberatung McKinsey.

Der Theologe sprach zur Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung, die vor 75 Jahren verabschiedet worden war und mit der sich Teile der evangelischen Kirche gegen die Gleichschaltung mit der nationalsozialistischen Ideologie wehrten. Heute ist nach Moltmanns Überzeugung nicht die ideologische Politisierung das Problem der Kirche, sondern eine «nicht minder gefährliche ideologische Ökonomisierung».

Er kritisierte insbesondere die Wirtschaftssprache im Reformpapier «Kirche der Freiheit», das der Rat der EKD 2006 veröffentlicht hatte und das vom EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber erst jüngst beim Jahresempfang des Kirchenkreises Nürnberg verteidigt wurde. Wer Kirchenmitglieder als «Kunden» betrachte, der mache aus Ortsgemeinden ein «betreutes Wohnen». Doch seien Kirchengemeinden nicht der «Ortsverein» der Landeskirche. Vielmehr habe die Barmer Erklärung betont, dass die Ortsgemeinde die entscheidende Größe der Kirche sei. «Alles, was in den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – sonst sind es überflüssige Superstrukturen», betonte Moltmann.

Jürgen Moltmann wurde 1926 geboren und lehrte von 1967 bis 1994 Systematische Theologie an der Universität Tübingen. Seine «Theologie der Hoffnung» (1964) zählt zu den folgenreichsten theologischen Büchern aus Deutschland.

epd, 25.6.2009

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