Aktion Judika – Thesen der Gemeindebünde in der EKD

Im Jubiläumsjahr der Reformation laden die Gemeindebünde in der EKD zur Diskussion über den Weg der Evangelischen Kirche ein!

Diskutieren Sie mit! Hier oder auf Facebook.

Die Thesen

  1. Als Kirche der Reformation vertrauen wir auf Gottes Gerechtigkeit, in der er uns annimmt, befreit und ermächtigt, uns für ein Leben in gerechten Verhältnissen einzusetzen.

  2. Als Kirche der Reformation müssen wir uns zuerst selbst von Jesu Person und Botschaft her hinterfragen und erneuern lassen. Kirche der Reformation ist immer eine stets neu zu reformierende Kirche.

  3. Die notwendige Reformation der Kirche geht in die falsche Richtung, wenn sie in erster Linie um ihre Selbsterhaltung besorgt ist. Wir erkennen diese falsche Ausrichtung in den Reformideen der EKD, die in den Landeskirchen zentralistisch umgesetzt werden durch:

    – die finanzielle Schwächung der Ortsgemeinden trotz steigender Kirchensteuereinnahmen;
    – die Streichung und Reduzierung von Pfarrstellen;
    – die Fusionierung von Gemeinden zu anonymen Pfarrverbänden;
    – den Aufbau von zentralen „Service-Stellen“;
    – die Ausweitung von Verwaltungsbehörden mit immer größerer Kontrollfunktion;
    – die zunehmende Hierarchisierung kirchlicher Ämter;
    – die Durchsetzung eines verfehlten, unevangelischen Kirchenverständnisses, das Gemeinden nur noch als „Filialen“ einer sie dirigierenden Großorganisation versteht.


  4. Solche Maßnahmen verfehlen den Auftrag der Kirche, Freiheit, Gleichheit und Solidarität als Gemeinschaft der Glaubenden zu realisieren und in der Gesellschaft für ein Leben in gerechten Verhältnissen und Beziehungen einzutreten.

  5. Wir fordern die leitenden Organe unserer Kirche auf, sich neu auf ihren Auftrag zu besinnen und die Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Gemeinden zu stärken, damit sie diesen Auftrag in ihrem Umfeld verwirklichen können. Die Gemeinden und Mitarbeitenden der Kirche fordern wir auf, sich zu verbünden, den falschen Reformbemühungen Widerstand entgegenzusetzen und ihre Kirchenleitung im Sinne des Auftrags der Kirche in die Pflicht zu nehmen.

Wenn Sie mitmachen wollen und auch in Ihrer Gemeinde über diese Thesen im Jubiläumsjahr der Reformation diskutieren wollen, finden Sie Vorlagen und mehr unter: http://ev-gemeindebuende.de/

Lesen Sie hierzu auch den Newsletter des Gemeindebunds Bayern (April 2017):
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterApril2017.pdf

Nr. 3 der unabhängigen Kirchenzeitung „Die mündige Gemeinde“ erschienen

Die mündige Gemeinde - eine protestantische Zeitung - Nr. 3/2016
Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung – Nr. 3/2016

Editorial

Am 18. und 19. September 2016 trafen sich zum ersten Mal die Gemeindebünde der vier Landeskirchen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Nordkirche, Evangelisch-Lutherische Kirche Bayern und Evangelische Kirche im Rheinland in der evangelischen Landjugendakademie zu Altenkirchen. U.a. wurde der Wunsch nach einem basisorientierten Presseorgan geäußert, das sich kritisch mit den Reformprozessen innerhalb der EKD auseinandersetzt und eine alternative Berichterstattung zu den etablierten Kirchenzeitungen bieten soll.

Da die finanziellen Mittel und logistischen Möglichkeiten der Vereine begrenzt sind, entstand die Idee, diese Zeitschrift in einer Onlineausgabe zu veröffentlichen und es der Initiative der Gemeinden zu überlassen, für eine Verbreitung als Printmedium zu sorgen. Unter der Internetadresse  www.muendige-gemeinde.de stehen daher unterschiedliche Formatvorlagen zum Download bereit, die eine flexible Weiterverarbeitung ermöglichen.

„Die mündige Gemeinde“ knüpft in ihrer inhaltlichen Ausrichtung an die beiden ersten Ausgaben an, die unter der maßgeblichen Regie von Pfarrerin Katharina Dang in den Jahren 2013 und 2014 im Zeitungsformat erschienen sind. Auch diese Ausgaben finden Sie auf der Webseite. Unser Anliegen ist es, auch auf diesem Wege einen breit angelegten Diskurs um die Zukunft unserer Kirche zu unterstützen, die in allen Landeskirchen initiierten Reformprozesse kritisch zu begleiten und konstruktiv an alternativen Ideen mitzuarbeiten, die unsere Kirche – trotz struktureller und finanzieller Herausforderungen – als Kirche für andere und vor Ort bei den Menschen bewahrt.

Denn Kirche lebt von und an der Basis, ihre gesellschaftliche Relevanz erhält sie aus den Kirchengemeinden und den Einrichtungen und Werken, die vor Ort ihren Dienst verrichten. Zu diesem Ergebnis ist nicht nur die 5. Kirchenmitgliederuntersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD gekommen, sondern dies erweist sich täglich in der Begegnung mit den Nahen und Fernen der Gemeinden. Darum treten wir für die Stärkung der Ortsgemeinden ein und wenden uns gegen eine Verlagerung von finanziellen Ressourcen und organisatorischen Kompetenzen auf andere Ebenen.

Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.

Die Gemeindebünde Bayern
Gemeindebund Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Gemeinde im Aufwind der Nordkirche
KirchenBunt im Rheinland

Direkter Download: http://muendige-gemeinde.de/DmG/DmG_2016-03.pdf

gemeindebuende

http://ev-gemeindebuende.de/

 

Erstes gemeinsames Treffen der Gemeindebünde in der EKD

4Am 18. und 19. September 2016 trafen sich Vertreterinnen der Gemeindebünde der Gliedkirchen der EKD in Altenkirchen. Ihre Teilnahme hatten zugesagt u.a. die Gemeindebünde in Bayern (Aufbruch Gemeinde), der Nordkirche (Gemeinde im Aufwind) und Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz (Gemeindebund). Lesen Sie hier einen Bericht: http://kirchenbunt.de/schritte-in-eine-andere-richtung/

Frau Prof. em. Dr. Gisela Kittel stellte in ihrem in Altenkirchen gehaltenen Referat die folgenden theologischen Implikationen heraus, die der gegenwärtige Strukturumbau der evangelischen Kirche einschließt:

  • Ein anderes Kirchenverständnis. Nach dem Neuen Testament und den Bekenntnissen der Reformatoren ist die “ekklesia” die Versammlung der Glaubenden, die sich je am konkreten Ort unter dem Wort Gottes versammeln, das Mahl miteinander feiern und in ihrem Zusammenleben zeigen, dass sie “Leib Jesu Christi” sind, der “Tempel des lebendigen Gottes”, das Haus Gottes, aus lebendigen Steinen erbaut, und dass sie allein ihrem Herrn Jesus Christus gehören. Von diesen Zeugnissen her müsse man eingestehen, dass die heutige evangelische Kirche, die sich vornehmlich als Großorganisation versteht, wieder dabei ist, in vorreformatorisches Denken zurückzufallen.
  • Ein die biblische Offenbarung verharmlosendes Gottesverständnis. Was aus der biblischen Gottesrede gemacht werde, ist der milde lächelnde, all unsere Planungen absegnende gütige Gott-Vater, uns in allem verfügbar, und dem man “vertrauen” und so “das Leben gestalten” soll. Von Jesus Christus und seinem heiligenden Geist sei schon gar nicht mehr die Rede.
  • Weil Gott, von dem in dieser Weise gesprochen wird, keine richtende und rettende Instanz mehr ist, daher habe auch sein Ruf und Auftrag keine wegweisende Bedeutung mehr. Es gehe eigentlich nur noch um die Frage, “wie wir eine gesellschaftlich relevante Kirche bleiben” können (Bischof Dröge); “was unsere Kirche in Zukunft wieder bemerkenswerter” mache (Impulspapier der ev.-ref. Kirche 2016); “dass die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung stark” sein möge (Kirche der Freiheit, S.85) etc.

Die Ortsgemeinde als Befehlsempfänger und Bittsteller?

Aus fast allen Kirchenkreisen der Nordkirche kamen VertreterInnen zum 2. Treffen des Freien Forums Ortsgemeinde nach Hamburg-Eilbek. Zu Gast waren Hans-Jürgen Schuster und Pfr. Johannes Taig aus dem Vorstand des Gemeindebunds Bayern.

Kurzvortrag beim 2. Treffen des Freien Forums Ortsgemeinde in der Nordkirche am 01.09.2012 im Gemeindehaus der Versöhnungskirche in Hamburg-Eilbek

Von Pfarrer Johannes Taig, Hof

Sehr geehrte Mitglieder des Freien Forums Ortsgemeinde in der Nordkirche, sehr geehrte Gäste und Interessierte, liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte mich herzlich für die Einladung zum heutigen Tag bedanken und Ihnen zur Gründung des Freien Forums Ortsgemeinde in der Nordkirche gratulieren. Bei unserem ersten Aktionstag des Forums Aufbruch Gemeinde in der bayerischen Landeskirche (ELKB), am 11. Oktober 2008 in Nürnberg, sagte Christian Möller: „Eigentlich müsste es für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern ein Grund zur Freude sein, dass heute ein Aktionstag fränkischer Kirchengemeinden unter dem Motto ‚Aufbruch Gemeinde‘ stattfindet. Dass aus ‚Betreuungsgemeinden‘ endlich ‚Beteiligungsgemeinden‘ werden, die bewusst den Weg der Kirche vor Ort selber gestalten, indem sie sich als Basis der Kirche begreifen und daraus Konsequenzen ziehen – diese Forderung beginnt in dem ‚Aufbruch Gemeinde‘ heute konkrete Gestalt anzunehmen. Wenn dieser Anfang sich in der ganzen Landeskirche und dann gar in der ganzen Evangelischen Kirche in Deutschland mit ähnlichen Aktionstagen ausbreitete, könnten sich die Kirchenleitungen glücklich preisen, dass sie es mit aktiven Beteiligungsgemeinden zu tun bekommen, die vor einer Verantwortung für die ganze Kirche nicht zurückscheuen.“

Nun – die Glücklichpreisungen hielten sich in der ELKB in engen Grenzen. Wir wurden als Kirchenrebellen und außerparlamentarische Opposition eingestuft. Da ging es teilweise schon schrill zur Sache. Wenn wir die Kirche verändern wollten, dann sollten wir uns doch bitteschön in die Synode wählen lassen. Ich zumindest war schon da. In der bayerischen Landessynode gibt es Arbeitskreise, die z.B. „Offene Kirche“ oder 3. Arbeitskreis und auch „Gemeinde unterwegs“ heißen. Letzterer setzt sich schwerpunktmäßig für die Belangen der Ortsgemeinde ein. Die Mehrheit in der Synode hat er nicht. Das ist der Punkt. Wenn mich jemand fragt, warum ich beim „Aufbruch Gemeinde“ bin, obwohl ich doch in der Synode sitze, dann sage ich: Gerade deshalb! Es braucht auch außerhalb der Synode Menschen, die die Stärkung der Ortsgemeinde zu ihrem Anliegen machen und dadurch denen, die in den Kirchenparlamenten diese Anliegen vertreten, den Rücken stärken. Solche Foren und Gemeindebünde können Anträge und Eingaben an die Parlamente richten und in ihrer eigenen Arbeit dieses Thema diskutieren und wachhalten. Das ist unsere und auch Ihre Aufgabe, die Sie ja auch auf Ihrer Homepage formuliert haben.

Inzwischen unterstützen auch einige Synodale unsere Arbeit namentlich. 239 Menschen haben sich bisher auf der Unterstützerliste des Aufbruchs Gemeinde eingetragen. Der im Februar gegründete Gemeindebund Bayern hat bisher 24 Mitgliedsgemeinden, der Gemeindebund Berlin-Brandenburg 48. Dort ist der Leidensdruck der Gemeinden höher als in Bayern, da viele von ihnen von Zwangsfusion bedroht sind, die sie ihrer gewohnten Selbständigkeit und vieler ihrer angestammten Rechte beraubt.

Warum sind es noch nicht mehr Menschen und Gemeinden, die sich zu unserem Thema zusammenfinden?

Drei Aspekte fallen mir ein:

  • Zum Ersten ist der Leidensdruck für viele Gemeinden noch nicht spürbar genug. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirchen schwimmen – Dank guter Konjunktur – immer noch im Geld, und können so teils sich widersprechende Wünsche und Anliegen immer noch gleichzeitig bedienen. Die von „Kirche der Freiheit“ (KdF) an die Wand gemalte schwere Finanzkrise der Kirche steht auch nach 6 Jahren nur auf dem Papier. Während seitdem die Mitgliederzahl der Evang. Kirchen in Deutschland um 6% zurückgegangen ist, ist das Kirchensteueraufkommen um über 1 % gestiegen! „Leuchtfeuer“ entzünden – wie es KdF als unabdingbar ansieht – oder als Kirche in der Fläche (und damit in der Ortsgemeinde) bleiben, ist bis heute noch keine notwendige Alternative.
  • Dies führt zum Zweiten dazu, dass die Mehrheit der Kirchengemeinden sich nach wie vor gut versorgt fühlt und mehrheitlich immer noch davon ausgeht, dass dies auch so bleibt. Diese Betreuungs- oder Versorgungsmentalität ist in Deutschland nicht nur gegenüber Vater Staat, sondern auch gegenüber Mutter Kirche ebenso tiefsitzend, wie verbreitet.
  • Erschwerend kommt schließlich ein Drittes hinzu: Angst. Wir bekommen offene Rückmeldung von MitarbeiterInnen, die befürchten, ihre Kirchenkarriere sei beendet, wenn sie sich offen für unsere Anliegen einsetzen. Gemeinden und Kirchenvorstände befürchten bei einer Mitgliedschaft im Gemeindebund benachteiligt zu werden. Offenbar hat man Angst, die Vorgesetzten und die Kirchenleitung könnte das Vertrauen in eine Basis und bestimmte MitarbeiterInnen verlieren, die selbst initiativ werden. Wenn da etwas dran sein sollte, dann ist dies ein ernstes Krankheitssymptom für eine sich evangelisch nennende Kirche. Eine solche Kirche setzt nicht länger auf die Freiheit ihrer Christenmenschen und das Priestertum aller Gläubigen, sondern auf eine klerikale Amtsautorität im Modus der Anmaßung, die in einer evangelischen Kirche nichts verloren hat. In einer evangelischen Kirche muss mit Gründen der Schrift und Argumenten der Vernunft (Luther) auf Augenhöhe (!) gestritten werden und nicht nach dem landesherrlichen Kirchenregiment.

Leider ist der Eindruck nicht unbegründet, dass in den aktuellen Entwicklungen in der EKD die „Gründe der Schrift“ und damit die Theologie eine immer geringere Rolle spielen. Mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ (KdF) haben sich andere Taktgeber und Begründungszusammenhänge vor allem aus der Organisationstheorie und der Ökonomie in die Köpfe und Herzen der Kirchengestalter eingeschlichen. Diese Vorstellungen sind seither am Werk, wenn auch in der ELKB behauptet wird, KdF sei heute bereits mehr ein historisches Dokument als Leitbild kirchlichen Handelns. Das dies wenig zutreffend ist, sieht man daran, dass die Diskussion über KdF nicht verstummen will, zuletzt in der Märzausgabe von „zeitzeichen“ und in der Augustausgabe des Deutschen Pfarrerblatts, in der Friedhelm Schneider unter dem Titel „Struktur-k(r)ampf in der evangelischen Kirche“ (Nr. 8/2012, S. 481 ff.) über die Auswirkungen der Reformprozesse in der Evang. Kirche Hessen-Nassau (EKHN) äußerst kritisch berichtete. Sein Bericht soll der Auftakt einer Reihe mit Analysen aus anderen Landeskirchen im Pfarrerblatt sein.

Drei Methoden lassen sich übergreifend beobachten:

1. Das Prinzip der zentralen Steuerung

Die jüngste Analyse von Friedhelm Schneider zeigt am Beispiel von Hessen-Nassau, wie sich das Schwergewicht kirchlichen Leitungshandelns – leider muss man sagen: wie in ganz alten Zeiten – zugunsten der strukturellen Koordination verschoben hat. Man unterscheidet zwischen struktureller und nicht-struktureller Koordination:

Quelle: Friedhelm Schneider a.a.O

„Die negativen Auswirkungen in Bezug auf die kirchlichen Zielsetzungen seien an drei Beispielen angezeigt:

  • »Geistliche Gemeinschaft«, »Nähe zu den Menschen« – das waren inhaltliches Denken und Handeln bestimmende Ziele der Kirche. Und heute? Kenner konstatieren eine »große innerkirchliche Selbstbeschäftigungsmaschinerie.« Der Weg zurück zu den Menschen wird nur über nicht-strukturelle Koordination zu erzielen sein.
  • Machtwechsel von der Theologie zur Bürokratie, vom Kirchenpräsidenten zum Finanzabteilungsleiter. Dazu bedenke man die Erkenntnisse Max Webers: »Eine einmal durchgeführte Bürokratie gehört zu den am schwersten zu zertrümmernden sozialen Gebilden … Als Instrument … war und ist sie daher ein Machtmittel allerersten Ranges für den, der über den bürokratischen Apparat verfügt.« (Manche sprechen schon von der seit KdF entstandenen Reformbürokratie. Anm. d. V.)
  • Finanzen und Wirtschaftlichkeit. Generell gilt: kein System kann günstiger sein als eines, das auf Selbstregulierung basiert. Denn in betriebswirtschaftlicher Sicht erhöht die Gewichtsverlagerung zur »Struktur« die Gemeinkosten und senkt damit die Wirtschaftlichkeit. Und das mit wachsender Tendenz.“ (Schneider a.a.O)

Es leuchtet ja jedem auf den ersten Blick ein, dass Dinge wie Solidarität, geistliche Gemeinschaft, Kreativität, intrinsische (von innen kommende) Motivation, Überzeugungskraft, geradezu wie die Luft zum Atmen für ein lebendiges kirchliches Leben sind. Dass inzwischen auch die Ökonomie begriffen hat, dass hiermit auch eine höhere Wirtschaftlichkeit einhergeht, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Man kann KdF, wo mit Argumenten aus dem Wirtschaftsleben argumentiert wird, auch widersprechen aus ökonomischen und organisationstheoretischen Gründen.

Isolde Karle bringt es in ihren „12 Thesen zur Kirchenreform“ auf den Punkt: „Die evangelische Kirche ist von unten, von den Gemeinden her aufgebaut. Sie hat eine föderale Struktur und wird synodal-demokratisch geleitet. Als Kirche der Freiheit und Kirche der Vielfalt ist ihr eine hierarchische, einheitliche, autoritäre Struktur fremd. Prinzipiell haben alle Christen teil am Lehr- und Leitungsamt der Kirche. Tendenzen innerhalb der EKD und mancher Kirchenleitungen, die Kirche von oben her, top down, zu steuern, widersprechen dem Wesen des Protestantismus. Evangelische Kirchenleitung ist herausgefordert von oben von unten her zu denken. Reformvorschläge der Kirchenleitung müssen deshalb dem offenen Diskurs ausgesetzt werden und können nur gelingen, wenn sie von einer breiten Basis unterstützt, mitgetragen und befürwortet werden.“ (Isolde Karle, „Kirche im Reformstress“, Gütersloh 2010, S. 256ff.)

2. Das Prinzip der Regionalisierung und Filialisierung der Gemeinden

Es gab auch in der Wirtschaft einmal eine Zeit, in der alle glaubten, größere Einheiten seien irgendwie effizienter, wirtschaftlicher, attraktiver, besser, schöner und und und. Daimler hat bekanntlich mit Chrysler dazugelernt. Das blöde an der Kirche ist, dass sie ein noch größerer Tanker ist, so dass sie einen einmal eingeschlagenen Kurs noch mindestens 10 Jahre weiterfahren muss, bevor sie die Kurve kriegt. Deshalb besichtigen wir in der Kirche länger die Fehler, aus denen andere längst gelernt haben. Die Beispiele vom Segen solcher Großeinheiten in Gemeinde und Diakonie sind äußerst überschaubar. Stattdessen wird an wesentlich mehr Beispielen sehr offensichtlich, wie viel intrinsische Motivation, wie viel Engagement, geistliche Gemeinschaft, Solidarität und kreative Selbstregulierung bei der Bildung solcher Großeinheiten in kürzester Zeit auf der Strecke bleiben können. Ebenso einleuchtend dürfte sein, dass die Gemeinden am Ort im Vorteil sind: Sie kennen und erkennen die Veränderungen in ihrem Umfeld am besten und können am schnellsten darauf reagieren – wenn man sie lässt und hierfür entsprechend ausstattet.

Aufgehoben habe ich, was der Professor für Landschaftsökologie an der TU München, Ludwig Trepl, kurz nach Erscheinen von KdF im Juli 2006 im Forum der EKD schrieb. Fast jedes Schlagwort ist ein Zitat: „Die Verfasser (von KdF) scheinen nicht bedacht zu haben, daß die derzeitige Wiederkehr der Religion (S. 14) nicht zuletzt und vielleicht sogar hauptsächlich daher kommt, daß viele Leute nach jahrelanger Dauerbeschallung den jungdynamischen Wirtschaftsfundamentalisten-Jargon einfach nicht mehr ertragen können. Und daß das so hoffnungsvoll begonnene Unternehmen, die Kirche in eine Firma umzuwandeln, die mit Beheimatung handelt und damit Marktführer in der Wellness-Branche werden will, eventuell fehlschlägt, weil gerade solche Kunden, die Beheimatung auf einer Beheimatungsebene suchen, nicht ausgerechnet dahin gehen, wo in Kompetenzzentren Führungskräfte voller kommunikativer Kompetenz unter Einsatz moderner Führungsinstrumente immerzu auf sie einkommunizieren, daß sie doch bittschön aufgabenorientiert ihr Qualitätsbewußtsein erhöhen sollen, am besten mit einer Qualitätsoffensive. Daß diese Kunden also den Geist, die Farbe und den Klang des anstehenden Mentalitätswechsels (S. 101) nicht so recht als das erkennen können, was sie in einer Kirche erwarten. Mein Vorschlag an die EKD wäre, den sicher notwendigen Veränderungsprozeß nicht ausgerechnet solchen Mitarbeitern anzuvertrauen, die durch Talent und Neigung zum Kaufmannsberuf bestimmt waren, aber von einem gnadenlosen Vater zum Theologiestudium gezwungen wurden.“ (Zitat Ende)

Solche und andere Reaktionen machen deutlich, dass sich die Kirche hier mit einer ihr fremden Begrifflichkeit auch eine ihr fremde Denkweise eingefangen hat. Dies macht auch der Begriff „Agendasetting“ (KdF, S. 85) deutlich. Die Kirche wolle mehr als bisher gesellschaftlich relevante Themen in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einbringen („Themenmanagement“). Das geht natürlich nur von oben nach unten. Das ist ein Beispiel für die Filialisierung der Gemeinden, die dann unten das mit ihren Mitgliedern (oder sollen wir Kunden sagen?) kommunizieren und machen sollen, was sie von oben vorgegeben bekommen. Hier haben wir sie: Die Ortsgemeinde als Filiale der Kirchenleitung einer Landeskirche, bzw. der EKD.

Dabei wird doch theologisch und folgerichtig auch strukturell in der Kirche nur umgekehrt ein Schuh draus. Kirche Jesu Christi ist dort, wo Menschen um Kanzel, Altar und Taufstein (CA VII) versammelt sind. Die Ortsgemeinde ist der Grundbaustein unserer Kirche und was darüber ist, ist Dienst und hat auch nur als Dienst seine Existenzberechtigung. Dienst, der dafür sorgt, dass die Ortsgemeinden ihre Aufgaben erfüllen können. Was sie dafür brauchen, wissen sie selbst am besten.

3. Das Prinzip der medialen Präsenz als Qualitätsmerkmal kirchlicher Aktivität.

Das ist in dem gerade Gesagten schon angeklungen. Mediale Präsenz ist nicht erst seit der Erfindung des Internets eine hoch zeitgeistige Angelegenheit, die tief in unser Selbstverständnis eingreift. Prüfen Sie sich selbst: Einmal in der Tagesschau erwähnt werden; einmal groß in der Zeitung stehen; einmal so viele Facebookfans haben wie Justin Bieber; einmal einen Nachruf im Spiegel kriegen – aber bitte nicht den kleinen auf der vorletzten Seite, sondern eine Seite extra. Neulich schrieb mir ein Kollege, ich sollte nicht meinen, er halte sich für was Besseres, nur weil er über 1000 Followers bei Twitter und Co hätte, die seine Beiträge interessant finden. Wie kommt er nur drauf? Weil sich die Identität eines Menschen, die Frage, ob ein Mensch recht, richtig, wertvoll – kurz gerechtfertigt – ist, heute in ungekanntem Ausmaß daran entscheidet, welche mediale Aufmerksamkeit er erlangt und welche Spuren er dort hinterlässt.

Folgerichtig ist auch in der Kirche die mediale Präsenz zunehmend zum Qualitätsmerkmal, sprich zur Rechtfertigung kirchlicher Arbeit geworden. Als kürzlich in Wiesbaden ein Pfarrer einen „erotischen Gottesdienst“ ab 16 ankündigte, in dem er auch schlimme Wörter in den Mund nehmen wollte, war das dem Evangelischen Pressedienst eine Meldung wert und Spiegel Online schickte einen Reporter hin. Um die „Zärtlichkeit Gottes“ zu preisen spielte die Orgel „Love me tender“. Schlimme Wörter nahm er dann doch nicht in den Mund, was die Sache zu einem gelungenen Event machte, für das sicher schon ein kirchlicher Innovationspreis bereitsteht, auch wenn das Fazit des Reporters lautete: „Insgesamt herrschte mehr Esoterik als Erotik.“ Was für ein Fazit eines evangelischen Gottesdienstes!

Wohlgemerkt, auch ein Apostel Paulus wollte den Juden ein Jude sein, den Schwachen ein Schwacher. „Ich bin allen alles geworden“, schreibt er im 1. Korintherbrief (9,19 ff.). Aber er tut das nicht für die „Gefällt mir“- Angabe, nicht, um den Beifall möglichst vieler in möglichst vielen Milieus zu erhalten. Er macht sich mit niemand gemein im Modus der Arschkriecherei. Er sucht den Anknüpfungspunkt, um Menschen für das Evangelium zu gewinnen. Deshalb widersteht er einem Petrus in Antiochia ins Angesicht (Galater 2,11 ff.). Denn hier gilt: Eine Kirche, die sich den fremden Konventionen und den Rechtfertigungszusammenhängen der sie umgebenden Welt ergibt, um den Beifall, die Anerkennung und die Aufmerksamkeit möglichst vieler zu erhalten – eine solche Kirche ruiniert sich und macht sich dem Erdboden gleich. Sie darf die Inhalte und Artikel nicht schuldig bleiben, mit denen sie steht und fällt. Sie muss dafür Sorge tragen, dass von der „Kommunikation des Evangeliums“ am Ende nicht nur Kommunikation übrigbleibt. Das ist zu wenig.

Noch einmal Isolde Karle: „Die eigentliche Krise der Kirche ist nicht eine Finanz-, sondern eine theologische Orientierungskrise. Was hat die Kirche Menschen in der modernen Gesellschaft zu sagen? Wie lässt sich theologisch substantiell und zugleich existentiell relevant von Gott reden, von Kreuz und Auferstehung, von Sünde und Vergebung, von Gnade, Liebe und Gerechtigkeit? Wie beheimaten sich Menschen im christlichen Glauben? Hier liegt die eigentliche Herausforderung, der sich Theologie und Kirche stellen müssen.“ (Isolde Karle a.a.O)

Hoffnungszeichen heißt mein letzter Punkt.

Im Zuge der Verabschiedung eines Gesetzes über besondere Gemeindeformen hat die bayerische Landessynode einstimmig auch die Kirchenverfassung geändert. Wo vorher eher schwammige Formulierungen standen, steht jetzt glasklar: „Artikel 20: In der Kirchengemeinde verwirklicht sich Kirche Jesu Christi im örtlichen Bereich.“ Und in Artikel 37 heißt es: „Dem Auftrag der Kirche Jesu Christi dienen auch besondere Gemeindeformen, Gemeinschaften besonderer Frömmigkeitsprägung, Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften, sowie Einrichtungen und Dienste.“

Am 19. August 2012 predigte der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm anlässlich des 70. Geburtstags seines Lehrers Wolfgang Huber in Berlin und sagte in seiner Predigt Folgendes:

„Es gibt keine tragfähigere Grundlage für Gelingen als die Dankbarkeit für geschenkte Freiheit. Aus dieser Perspektive heraus ist die aus bestimmten Unternehmensberatungskonzepten stammende gesellschaftliche Tendenz problematisch, nach der Erfolg vor allem oder gar allein auf Qualitätskontrolle fußt. Im Namen der Bekämpfung des Schlendrians tritt an die Stelle der Freiheit die Kontrolle. Nicht das Zutrauen in Kompetenz und Engagement der Mitarbeiter gibt den Ton an, sondern das Misstrauen. Der Nachweis über die Qualität der eigenen Arbeit stiehlt der echten Arbeit die Zeit. Der ständige Zwang zur Beweisführung über die Qualität der eigenen Arbeit wird zum Gift für die Arbeitsatmosphäre. Es tut den Unternehmen nicht gut, es tut den Universitäten nicht gut. Und es täte ganz bestimmt der Kirche nicht gut, wollten wir auf diesen Zug aufspringen. … Lasst uns die Kirche verändern! Lasst uns ihre Ausstrahlungskraft erneuern! Lasst uns das Evangelium so weitersagen, dass die Welt es hört! Aber lasst es uns aus der Leidenschaft und Begeisterung heraus tun, die die Freiheit eines Christenmenschen mit sich bringt. Alle Instrumente der Motivation, alle Methoden der Mitgliedergewinnung und –bindung, alle Personalentwicklungsprogramme für unsere Pfarrerinnen und Pfarrer werden schal und sind am Ende kontraproduktiv, wenn sie zur Hauptsache werden und sich nicht mehr nähren aus der geschenkten Freiheit.“

Landesbischof Bedford-Strohm hat uns für 2014 in Aussicht gestellt an unserem jährlichen Aktionstag teilzunehmen. OKR Dr. Hübner, der das Gemeindereferat im Landeskirchenamt in München leitet, nimmt regelmäßig an unseren Aktionstagen teil, spricht ein Grußwort und beteiligt sich an der Diskussion. Wir stehen mit ihm in einem konstruktiven Dialog. Er ist im Moment dabei, seine Zusage einzulösen, ein alternatives Finanzierungsmodell für die bayerischen Ortsgemeinden anhand eines Probedekanats durchzurechnen zu lassen. In diesem Modell, das wir vorgeschlagen haben, landet das durchschnittliche Kirchensteueraufkommen pro Gemeindeglied nicht zuerst in München, sondern bei den Ortsgemeinden, die dann 20% für übergemeindliche Aufgaben abgeben.

In einem solchen Modell würde die Eigenverantwortung der Kirchengemeinden für alle ihre Angelegenheiten und Aufgaben von der Verkündigung über das Personal bis zu den Bauangelegenheiten steigen. Aus von oben betreuten Gemeinden werden Beteiligungsgemeinden, die den Weg der Kirche vor Ort bewusst selbst gestalten. Genau das ist es, was wir wollen. Weil wir den Ortskirchengemeinden und nicht zuletzt dem Heiligen Geist in der Kirche mehr zutrauen, als jeder zentralen Organisation und Planwirtschaft. Dieses Zutrauen wünsche ich mir für die ganze Kirche und auch Ihnen vom Freien Forum Ortsgemeinde in der Nordkirche. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Artikel als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/Hamburg12.09.01.pdf

Freies Forum Ortsgemeinde in der Nordkirche gegründet

Am 2. Februar 2012 hat sich in der Nordkirche ein „Freies Forum Ortsgemeinde“ gegründet: www.freies-forum-ortsgemeinde.de. Wir gratulieren und wünschen Kraft, Durchhaltevermögen, ein dickes Fell und Gottes Segen für die weitere Arbeit!

Zur Situation in der Nordkirche schreibt die Mitinitatorin Pastorin Sabine Jeute im Deutschen Pfarrerblatt, Heft 4/2012, S.225 ff:

Es  bleibt nach dem Beschluss zur Einrichtung von Kirchspielen die Sorge um  die Selbstständigkeit der Ortsgemeinde im Kirchenkreis Dithmarschen und  in der Landeskirche – nicht aber um ihre Zukunftsfähigkeit! Gerade eine Reformkirche braucht starke Ortsgemeinden als Basis ihres kirchlichen Lebens, denn »Wesentliche Stufen der Biographie werden am Wohnort durchlebt. Hier ist die Kirche in Reichweite.«  Sie kann weder auf ihre Vielfalt noch auf ihre Unvollkommenheit  verzichten. Die Kirche im Norden braucht selbstbewusste Kirchengemeinden  mit Mitgliedern, die gerne in ihrer Bibel lesen und mehr ausstrahlen  als angeleitete Profildarsteller. Darum lässt sich mit Isolde Karle folgern: »Wird  die geistliche mit der gesellschaftlichen Kommunikation systematisch  verflochten, sind die Kirchengemeinden nicht länger das Problem für eine  Kirchenreform, sondern werden sie zum Ausgangspunkt einer Belebung der Kirche.«

Die  nordelbischen Kirchengemeinden brauchen nach jahrelangen Reformen in  ihren Kirchenkreisen eine angemessene Würdigung und Stärkung statt  konzeptionelle Steuerung! Die Ortsgemeinde ist und bleibt der Ernstfall  des Glaubens. In ihrer Wohnwelt fragen die Menschen nach Sinn und Ziel.  Hier trauen sie sich, weil sie sich zu Hause fühlen. Für diese Menschen  brauchen wir Kirchengemeinden mit gewachsenen Strukturen, eben  Ortsgemeinden, die auch noch finanziell und selbstverantwortlich  gestalten können. Mögen wir noch so viel von kirchlichen Leuchttürmen  träumen, ich finde, die Kirchengemeinden in Dithmarschen und anderswo,  ob groß oder klein, brauchen ihr Licht nicht unter den Scheffel zu  stellen. Im Blick auf ihre vielfältige Existenz in der Kirche im  Norden sollte ein freies Forum für »Gemeinden im Aufwind« angedacht  werden.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel … 

Gründungsversammlung Gemeindebund Bayern am 4. Februar 2012

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessierte, FreundInnen und UnterstützerInnen von Aufbruch Gemeinde,

auf dem Kirchentag in Dresden haben wir großen Zuspruch für unsere Sache erfahren. Mit einigen von Ihnen kamen wir ins Gespräch und Sie haben Ihre Bereitschaft signalisiert, uns zu unterstützen. Andere von Ihnen haben schon längst auf unserer Unterstützerliste unterschrieben.

Nun sind wir daran, einen „Gemeindebund Bayern“ zu gründen. Darum bitten wir Sie, im Kirchenvorstand Ihrer Gemeinde unser gemeinsames Anliegen vorzubringen. Es wäre schön, wenn wir noch mehr Gemeinden dafür gewinnen könnten. Die vorläufige Satzung und die Beitrittserklärung finden sie unter http://www.aufbruch-gemeinde.de/gemeindebund.htm.

Der Gemeindebund soll sich stark machen für die einzelnen Ortsgemeinden – vergleichbar vielleicht dem Städtetag auf kommunaler Ebene.

Am 4. Februar 2012 findet die Gründungsveranstaltung in Nürnberg, in der Gustav-Adolf-Kirche statt. Bitte merken Sie sich diesen Termin vor. Nähere Informationen werden rechtzeitig bekanntgegeben.

Wir wünschen Ihnen alle Gute und würden uns freuen, bald von Ihnen zu hören.

Herzlich Grüße!

Im Namen des Sprecherkreises

Dr. Gerhard Schoenauer

Der Kirchengemeindetag in Württemberg

Auch in anderen Landeskirchen gibt es Zusammenschlüsse, die sich für die Kirchengemeinden am Ort stark machen, z.B. den Kirchengemeindetag in Württemberg: http://www.kirchengemeindetag.de.

Anlässlich des 10 jährigen Jubiläums gab Dekan i.R. Walter Blaich 2003 einen Rückblick auf die Arbeit:

Verehrte, liebe Damen und Herren,
gern bin ich der Einladung gefolgt, mich für Sie zu erinnern. Ich freue mich, dass ich Ihnen ein wenig davon erzählen darf, wie das vor 10 Jahren war.

Eigentlich müsste hier Hans-Martin Freudenreich stehen. Denn er hatte die Idee „Evangelischer Kirchengemeindetag“. Er lässt Sie heute herzlich grüßen. Es geht ihm nach überstandenem Herzinfarkt wieder ordentlich, doch nicht so, dass er sich öffentliche Auftritte zumuten könnte. Dem Kirchengemeindetag wünscht er auch für die Zukunft ein erfolgreiches Arbeiten.

Die Anfänge gehen zurück auf das Jahr 1991. Auf Anregung von Dekan Hans Martin Freudenreich, Mühlacker, haben beim Dekanskonvent in jenem Jahr in Bad Boll einige Dekane beschlossen, Überlegungen für eine eigene Vertretung der Kirchengemeinden anzustellen. Diese Gruppe traf sich, auch ein Kirchenpfleger war dabei, erstmals im August 1991. Es kam am 29. und 30.Januar 1993 in der Evang. Akademie Bad Boll zu einer Tagung zum Thema „Wer vertritt die Interessen der Gesamtheit der Kirchengemeinden?“. Wesentliches Ergebnis dieser Tagung war die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, die die Aufgabenstellung für eine als notwendig erkannte Organisation der Kirchengemeinden erarbeiten und die Gründung einer mit dem Arbeitstitel „Kirchengemeindetag“ benannten Organisation vorbereiten sollte. Die Gruppe arbeitete im Lauf des Jahres 1993 so zügig, dass auf Samstag, 9.Oktober 1993 Hans Martin Freudenreich im Auftrag der Vorbereitungsgruppe zur Gründung eines Vereins „Kirchengemeindetag der evang. Landeskirche in Württemberg“ einladen konnte.

An diesem 9.Oktober wurde hier im Raum der „Evang. Kirchengemeindetag in Württemberg“ als nicht eingetragener Verein gegründet. Die vom vorbereitenden Ausschuss entworfene Satzung wurde beschlossen. In ihr sind die Ziele des Vereins so formuliert: „Der evangelische Kirchengemeindetag in Württemberg will den Kirchengemeinden und Kirchenbezirken in der evang. Landeskirche in Württemberg die Möglichkeit geben, Fragen, die sie gemeinsam betreffen, auszutauschen und abzuklären, gemeinsame Anliegen und Interessen gemeinsam zu vertreten und an der Regelung von Angelegenheiten, die sie gemeinsam berühren, durch Vorschläge und Stellungnahmen mitzuwirken.“

Von Anfang an haben wir uns bemüht, die Gemeinden und Bezirke aus der ganzen Landeskirche einzubeziehen, etwa durch die Arbeit des Erweiterten Vorstands, in dem alle Prälaturen und die Kirchenpflegervereinigung vertreten sind, und unsere Arbeit auf eine breite Basis zu stellen durch Umfragen bei den Mitgliedern, durch regionale Studientage, durch besondere Arbeitsgruppen und eine enge Zusammenarbeit mit der Kirchenpflegervereinigung.

Bei der Gründungsversammlung waren 120 Gemeinden und Kirchenbezirke vertreten. Fünf Jahre später hatten wir 600 Mitglieder, darunter 39 Kirchenbezirke. Zunächst fanden wir eher Zuspruch bei den gewählten Mitgliedern der Kirchengemeinderäte als bei den Pfarrerinnen und Pfarrern, mehr in städtischen und größeren Gemeinden als in den kleineren und Landgemeinden. Die Gründung war eigentlich überfällig in einer Zeit, in der die Basis zunehmend gefragt war. Wir dachten: Es ist besser die vorhandenen Gemeinden zu stärken als Gemeindeneugründungen zu initiieren.

Dazu kam, dass bei abnehmenden finanziellen Ressourcen Interessenskonflikte auch in einer Kirche zunehmen mussten. Und alle waren dafür mehr oder weniger gut aufgestellt über ihre Berufs- und Interessenverbände, nur die Kirchengemeinden und Kirchenbezirke nicht. Wie sehr dennoch unsere zentralistisch-hierarchische Tradition – mindestens damals vor 10 Jahren – unser Denken noch prägte, zeigte sich auch in den kritischen Fragen, die uns gestellt wurden. Eine Beobachtung am Rande: Erst in den letzten 10 bis 15Jahren findet man zunehmend auf den kirchlichen Briefköpfen nicht mehr nur „Pfarramt Oberhausen“ sondern auch oder statt dessen Evang. Kirchengemeinde …

Von den Bedenken, die uns begegneten nenne ich die zwei häufigsten:

  1. Wofür brauchen wir denn dazu noch eine neue Organisation. Wir haben doch Oberkirchenrat und Landessynode (meist in dieser Reihenfolge genannt). Vielen Kritikern war nicht klar, dass die Kirchengemeinden in unserer Kirchenverfassung anders als in manchen anderen Landeskirchen nur ganz am Rande erwähnt sind. Und die Landessynode hat laut Kirchenverfassung die Aufgabe, die Gesamtheit der Kirchengenossen bzw. die gesamte Landeskirche und nicht die einzelnen Kirchengemeinden und Kirchenbezirke zu vertreten, was deutlich schon durch die Direktwahl der Synodalen zum Ausdruck kommt. Dass zwischen Kirchengemeinden und Oberkirchenrat sehr wohl ernsthafte Konflikte entstehen können, sehen wir aktuell wieder an der Frage des Verteilschlüssels der Kirchensteuer.

  2. Die zweite Frage, die uns bei der Gründung sogar vom Direktor des Oberkirchenrats gestellt wurde, war die, ob ein privatrechtlich organisierter Verein der Aufgabe denn angemessen sei. Wir haben das sehr überlegt und kamen zu der Meinung, es dauere viel zu lange, wenn wir eine Verankerung in der Kirchenverfassung anstreben. So setzten wir auf freiwillige Mitgliedschaft und vertrauten bei Auseinandersetzungen allein auf unsere Argumente.

Im übrigen fanden wir beim Oberkirchenrat eigentlich von Anfang an Unterstützung. Wohl ging ganz am Anfang das Gerücht um, ein Kollegialmitglied habe gesagt, er nehme diesen Verein erst dann ernst, wenn wenigstens die Hälfte aller Kirchengemeinden Mitglied seien. Doch so lange hat es nicht gedauert. Unsere Anliegen wurden gehört, wenn auch nicht immer erhört. Wir bekamen die Gesetzesvorlagen zur Stellungnahme zugesandt, wenn auch manchmal recht kurzfristig. Und auch die Zusammenarbeit mit der Landessynode war erfreulich. O-Ton aus der Synode: „Jetzt haben doch auch die Kirchengemeinden ein Forum“.

Wir hatten damals den Eindruck, dass in der Arbeitsrechtlichen Kommission manche Kompromisse die Interessen der Kirchengemeinden nicht genügend berücksichtigten. So baten wir den Oberkirchenrat, der die beiden Kirchengemeindevertreter benannte (den einen auf Vorschlag der Kirchenpflegervereinigung), den anderen Vertreter künftig auf unseren Vorschlag hin zu benennen. Darauf ging der Oberkirchenrat sofort ein, und Dekan Hartmut Leins war bereit, diese wichtige und aufwändige Aufgabe zu übernehmen.

Die Themen, mit denen wir uns in den ersten Jahren befasst haben: Die Gründung des Kirchengemeindetags fand statt, als der Entwurf des Diakonengesetzes bereits in die Landessynode eingebracht war. Das hat uns damals gewaltig gefordert, denn wir mussten ja unseren eigenen Arbeitsstil erst finden. Andererseits war dieses Diakonengesetz ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit unseres Engagements. Denn zum Diakonengesetz hatten sich alle möglichen Leute und Einrichtungen geäußert, Interessenvertretungen hatten Druck gemacht, nur die Kirchengemeinden hatte niemand um ihre Meinung gefragt. So haben wir zum Entwurf dieses Gesetzes schnell eine Umfrage bei unseren Mitgliedern gestartet und eine daraus resultierende Stellungnahme an den Rechtsausschuss der Synode gegeben. Wir sprachen uns dafür aus, dass die Anstellungsebene mit der Ebene, auf der die Diakone hauptsächlich Dienst tun, identisch sein sollte. Es kam damals dann zu dem Kompromiss der grundsätzlichen Anstellung auf Bezirksebene. Das entsprach nicht den Wünschen der Mehrheit unserer Mitglieder, aber immerhin wurde damals in vielen Gemeinden auf Grund unseres Fragebogens der Dienst der Diakone und Diakoninnen grundsätzlich und gründlich diskutiert. Ähnlich war es bei einer Umfrage zur Bedeutung der Kindergartenarbeit, die wir machten. Es wurde uns zurückgemeldet, welchen hohen Stellenwert die Kindergartenarbeit in den meisten unserer Gemeinden hat.

Weitere Themen aus der Anfangszeit: Die Revision der Kirchengemeinde- und Kirchenbezirksordnung, das kirchliche Arbeitsrecht. Zur Neufassung der kirchlichen Haushaltsordnung gaben wir in Zusammenarbeit mit der Kirchenpflegervereinigung eine Stellungnahme ab. Zur Modifizierung der Kirchensteuerzuweisungen an die Kirchengemeinden hatten wir eigene Vorschläge, die von der Landessynode leider nicht aufgenommen wurden und praktisch von Anfang an hat uns die Frage der Verteilung der Kirchensteuermittel zwischen Landeskirche und Kirchengemeinden beschäftigt, wobei wir stets davon ausgingen, dass über die Verteilung der Aufgaben zwischen Landeskirche und Kirchengemeinden bzw. Kirchenbezirken neu nachgedacht werden und entsprechend auch das Aufkommen aus der einheitlichen Kirchensteuer verteilt werden sollte.

Eine Entscheidung ist mir schwer gefallen: Wir hatten nach gründlicher Vorbereitung in unseren Gremien der Mitgliederversammlung 1997 einen Beschluss zur Strukturreform der Mittleren Ebene vorgelegt, dessen Hauptziel die Stärkung der Selbstverwaltung der Kirchengemeinden einerseits und die Zusammenfassung wichtiger Dienste in zum Teil neu abzugrenzenden Kirchenbezirken andererseits war. Die Diskussion damals zeigte, dass wir bei einer Abstimmung mit einer knappen Mehrheit für unsere Beschlussvorlage rechnen konnten, dass aber viele, vor allem kleinere und ländliche Gemeinden nicht zustimmen würden. So zogen wir unseren Beschlussantrag zurück, weil es dem Vorstand wichtig war, dass Äußerungen des Kirchengemeindetags von einer großen Mehrheit quer durch die verschiedenen Gemeinden getragen wurden. Doch nun waren etliche Gemeinden aus großen Städten verärgert. Sie fühlten sich nicht nur von der Landessynode sondern nun auch vom Kirchengemeindetag im Stich gelassen. Es kam zu einer schweren Krise, die wir dann mit der Gründung der AG Großstadtforum bewältigen konnten.

Noch eine typische Erfahrung will ich nennen: Der Pfarrer einer Gemeinde, um deren Beitritt zum Kirchengemeindetag ich mich persönlich bemüht hatte, schrieb mir schließlich, der Kirchengemeinderat habe beschlossen, nicht beizutreten. Gleichzeitig nannte er aber eine ganze Reihe von Forderungen, die man bzw. die Dekane beim Oberkirchenrat durchsetzen müssten. Es war praktisch alles das dabei, was auf der Arbeitsliste unseres Vorstands. Ich konnte nur antworten, ohne ein gewisses Maß an Engagement auch von Seiten der Gemeinden gehe es halt nicht.

Dem Kirchengemeindetag wünsche ich für die Zukunft: Kräftige Unterstützung durch die Kirchengemeinden und Kirchenbezirke, damit er seine Interessenvertretung zum Nutzen und Wohl der Gemeinden und der ganzen Kirche weiter wahrnehmen kann. Zwei Dinge speziell: Helfen Sie mit, dass die Verwaltung weiter zu noch besserer Effektivität entwickelt wird. Ich halte das für besonders wichtig in einer Zeit, da wir doch zunehmend auch reduzierte Pfarrstellen mit eigener Geschäftsführung haben. Machen Sie den Gemeinden deutlich, dass die Verwaltung für die Kirchengemeinden keine Gefahr sondern eine große Hilfe ist, wenn Sie in die gewählten Gremien eingebunden ist. Das ist allerdings nach wie vor mein Problem bei den Verwaltungsstellen, deren Arbeit ich sehr schätze.

Und zum andern ist uns, der ersten Generation der Verantwortlichen im Kirchengemeindetag eines nicht gelungen, was uns von Anfang an wichtig war: Bei den Gemeinden das Bewusstsein ihrer Eigenständigkeit mehr zu fördern. Die Kirchengemeinden sollten mehr selber in die Hand nehmen Das ist, ich habe es anfangs schon gesagt, bei der Tradition unserer Kirche schwierig. Nach dem Krieg hat man da einen echten Neuanfang versäumt, obwohl es Vorschläge gab. Ich denke an meinen Lehrer Hermann Diem.
Vielleicht gelingt es Ihnen, der neuen Generation.
Ich danke Ihnen.

Quelle: http://www.kirchengemeindetag.de/taetigkeitsbericht.htm?id=1&pg=1

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