Gemeinschaft der Heiligen – zu Tode verwaltet?

Die Kirche ist »Gemeinschaft der Heiligen« – so sagt es das christliche Glaubensbekenntnis. Wenn diese Zuschreibung nicht nur ein Etikett ist, sondern die Wahrheit, dann gilt es, sie in aller Arbeit kirchlicher Verwirklichung ernst zu nehmen – und das heißt, wie Dorothea Wendebourg an den Bereichen Gottesdienst, Gemeinde und ordinationsgebundenes Amt zeigt: Die Kirche ist zuerst von der Dimension des Glaubens her zu verstehen, und dem hat die Verwaltung als Instrument der Organisation zu dienen.

„Angesichts dieser im wörtlichen Sinne elementaren Bedeutung der um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelten Ortsgemeinde sollte man annehmen, dass Überlegungen zur Kirchenreform ihrer Unterstützung und Stärkung höchste Priorität einräumen. Vielfach scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein. Wie in einer Kirchenzeitung schon vor 25 Jahren vom Vorsitzenden des hannoverschen Pfarrervereins beklagt wurde und heute noch stärker zu beklagen wäre, ist seit geraumer Zeit »eine groteske Geringschätzung der Ortsgemeinde« zu verzeichnen. Was sich stattdessen immer mehr verbreitet, ist vielmehr der Glaube an die effiziente Serviceeinheit der fusionierten Großgemeinde. Gewiss gibt es immer wieder Fälle, zumal in den östlichen Landeskirchen, in denen, sei es, weil nur noch ein Handvoll Christen am Ort lebt oder weil es weniger Pfarrer gibt als früher, Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Das Bedenkliche ist aber die planvolle Fusionierung, die nicht von der Not diktiert wird, sondern von einem Bild der Kirche, das sich aus administrativen und ökonomischen Idealen speist. Niemand wird bestreiten, dass die Kirche mit ihrem Geld verantwortungsvoll umgehen, also auch ökonomisch denken muss, und niemand wird leugnen, dass sie für geordnete Abläufe einer funktionierenden Verwaltung bedarf – wie schon gesagt. Doch beides, Geld wie Verwaltung, sind eben dienende Elemente, und wenn der Dienst, den sie zu leisten haben, sich an dem bemisst, was die Kirche ihrem Wesen nach ist, heißt das, an der Gemeinschaft der Heiligen, die sich in der Fülle um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelter Gottesdienstgemeinden konstituiert, realisiert, regeneriert und die so auch nach außen ausstrahlt und tätig wird.

Von solchen Gemeinden kann es, wenn die Kirche ein nachhaltiges geistliches Leben führen will, gar nicht genug geben; hier ist zu investieren, was an Pfarrern und Kirchenmusikern – beiderlei Geschlechts – zur Verfügung steht. Stattdessen geht mit der Geringschätzung der Ortsgemeinde eine »dramatische Abwertung des Gemeinde-Pfarramtes« einher, wie der hannoversche Kritiker weiter schreibt; überall werden Gemeindepfarrstellen gestrichen, die übergemeindlichen Pfarrstellen vermehrt – oft für Belange, die gar keines ordinierten Theologen bedürfen; es werden nichttheologische Stellen und immer neue Verwaltungsposten geschaffen – die neuen Großstrukturen sind kompliziert und bedürfen der Fachleute, die sie durchschauen. Von den Services, die das alles ermöglicht, sind viele durchaus schön. Doch der entscheidende Service, der die Wurzel der Gemeinschaft der Heiligen bildet, der regelmäßige Gottesdienst, wird zu einer Aktivität unter anderen, im Zentrum der Bemühungen stehen er und die dafür notwendigen Voraussetzungen kaum.

Nun könnte man einwenden, dass die Kirche ja nicht in der Ortsgemeinde aufgeht, dass sie die Christenheit allerorten umgreift. Warum sollte man also nicht mit der effizienteren Variante regionaler, gegebenenfalls auch wandernder Gottesdienste auskommen? Zweifellos ist die Kirche, von der das Glaubensbekenntnis spricht und die es nicht nur ecclesia sancta, sondern auch ecclesia catholica, »allgemeine christliche« Kirche nennt, mit keiner einzelnen Gemeinde identisch, umgreift sie die Christen aller Orte, ja, aller Zeiten, Lebende und Verstorbene. Auf Reisen in einer fremden Gemeinde oder nach einem Umzug in einer neuen Gemeinde zum Gottesdienst zu gehen und sich dort geistlich zugehörig zu fühlen, lässt diese ortsübergreifende Realität der Kirche handgreiflich erfahrbar werden. Aber sie wird eben konkret in Raum und Zeit erfahrbar, wo sie sich als Gottesdienstversammlung konstituiert. Das verlangt Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit im gemeinsamen Zusammenkommen um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch. Sonst wird die Gemeinschaft der Heiligen eine abstrakte Chimäre – oder eben ein Faktor der Administration.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt 2/2019: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4683

Kirchenwirklichkeit als Krisenwirklichkeit?

Schaut man auf die Seite der Aufgaben und Aktivitäten innerhalb der Kirche, so scheint Kirche höchst vital. Umso erstaunlicher, dass dennoch regelmäßig und jüngst verstärkt von Krisen der Kirche geredet wird. Es gibt durchaus so etwas wie eine Diskrepanz zwischen kirchlicher Vitalität einerseits und der regelmäßigen Thematisierung von Krisen der Kirche andererseits. Gerald Kretzschmar greift diese Diskrepanz auf und fragt nach den Kontexten, in denen die Rede von der Krise der Kirche verortet ist, und welchen Funktionen die Krisenwahrnehmung dient. Gibt es neben der Krisenwahrnehmung andere Sichtweisen auf das kirchliche Leben?

Von Gerald Kretzschmar

„Das vierte und letzte Feld eines kirchlich-institutionellen Krisendiskurses bezieht sich schließlich auf den Bereich von Kirchenleitungen. Das Muster kirchenleitender Krisendiskurse basiert auf der Präsentation von rückläufigen Messzahlen z.B. in Bezug auf Finanzen, Personal und Mitglieder und/oder eben auf der Präsentation empirischer Befunde, die einen angeblich gravierenden Schwund von Religiosität und Kirchlichkeit belegen sollen. Auf die Zeichnung eines Krisenszenarios folgen in der Regel Vorschläge zur künftigen Gestaltung des kirchlichen Lebens. Meist stehen gar nicht so sehr die empirischen Analysen im Vordergrund, sondern spezifische Programmatiken, deren Realisierung weitreichende Folgen für das kirchliche Leben hat. Die Präsentation von Zahlen und anderen empirischen Befunden erfüllen weniger eine analytische, handlungsorientierende Funktion als vielmehr eine rhetorische Funktion, nämlich die der Erzeugung von Handlungsdruck. Ziel ist es, die jeweils empfohlene Programmatik als gleichsam zwangsläufig notwendig und alternativ­los zu inszenieren.

Ein prominentes Beispiel für einen Krisendiskurs, der diesem Muster folgt, ist der im Jahr 1999 von dem EKD-Papier »Das Evangelium unter die Leute bringen« angestoßene evangelikal-missionarische Reformprozess, der im weiteren Verlauf in das EKD-Impulspapier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 mündete. Dieser Krisendiskurs auf kirchenleitender Ebene wirkt sich bis in die Gegen­wart auf weite Teile des kirchlichen ­Lebens aus – und das mit weitreichenden Problematiken in Bezug auf die Gefährdung gewachsener und vitaler kirchlicher Strukturen, in Bezug auf die Wahrnehmung der ­Kirchen­mit­glieder und ihrer pluralen Formen der Kirchenbindung, aber auch in Bezug auf das Verständnis des Pfarrberufs, auf die Bedeutung der parochial verfassten Kirchengemeinden und damit einhergehend auf die Bedeutung örtlicher und personaler Bindungen. (…)

Die von Kirchenleitungen initiierten Krisendiskurse geben vor, dass es aus einer vermeintlichen Krise nur den Ausweg über eine ganz bestimmte Programmatik gibt. Sie gelte es jetzt dringend und konsequent in die Tat umzusetzen. Ähnlich wie bei den schlichten säkularisierungstheoretischen Krisendiskursen fällt auch hier wieder auf: Nur bestimmte Phänomene werden herausgegriffen und einseitig unter dem Aspekt des Rückgangs betrachtet, nicht aber unter dem des Wandels.

Ferner wird ein Kirchenbild aus der Vielzahl faktisch vorhandener und bindungsrelevanter Kirchenbilder programmatisch exponiert und als handlungsleitende Größe für anstehende Strukturveränderungen präsentiert. Aus der Sicht mediatisierter Kommunikation geht es vornehmlich um die Durchsetzung partikularer Interessen. Eine Teilgruppe innerhalb der plural verfassten und sozial wie funktional ausdifferenzierten Großorganisation Kirche versucht, das von ihr präferierte Kirchenbild mit den dazugehörigen Formen kirchlicher Praxis in der Kirche als ganzer durchzusetzen. Aus der Sicht mediatisierter Kommunikation ist es nicht problematisch, dass hier spezifische Kirchenbilder und die dazugehörigen Praxisimplikationen angesprochen werden. Wohl aber ist es problematisch, dass andere Kirchenbilder und Praxisformen, die gerade in ihrer Pluralität konstitutiv für den Erhalt des kirchlichen ­Lebens in der Gesellschaft sind, abgewertet oder ganz verdrängt werden sollen. In solchen Fällen verfehlen Kirchenleitungen ihre Aufgabe. (…)

Die Parochie ist die perspektivenreichste Organisationsform des kirchlichen Lebens. Sie trägt den für moderne Kirchenbindungsformen maßgeblichen Faktoren der persönlichen Bindung und der Örtlichkeit am stärksten Rechnung. Die Einbindung in ein persönliches Netzwerk und der Bezug zu einem konkreten Ort sind für die Menschen in der Moderne notwendige Korrespondenzgrößen zur alltäglich notwendigen und geforderten Mobilität.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, 1/2019: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4657

Kritik der aufblasbaren Kirche

Quelle: theomag

Über Klerikalismus, Banalität und Gleichheit

Wolfgang Vögele

„Selbst die Kirchenkritik folgt ihren Ritualen. Insider kennen die Namen der Journalisten, die in den überregionalen deutschen Tageszeitungen regelmäßig über die evangelische und die katholische Kirche schreiben. Kritische Artikel über die Kirche tauchen mit solider Regelmäßigkeit auf, und diese folgt den Feiertagen des Kirchenjahres. Genauso regelmäßig werden solche Artikel in den sozialen Netzwerken herumgereicht, stets schnell mit einer großen Menge von Kommentaren angereichert. Leser und User wissen genau, wer am besten formuliert, wer eher der konservativen oder der liberalen Kirchenkritik zuzurechnen ist, wo die Gewährsleute und Informanten in München, Hannover und Berlin zu suchen sind, welcher Journalist aus der Landeskirche ausgetreten und in eine kleine, vermeintlich konfliktfreie Freikirche gewechselt ist, welche Religionssoziologen und Meinungsforschungsinstitute im Hintergrund ihre Untersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Aber genauso regelmäßig wie die evangelischen Kirchen als reformunfähig, mitgliederfreundlich und eingemauert in ihre alltägliche frömmelnde Geschäftigkeit dargestellt werden, genauso regelmäßig verläuft jede Kritik im Sande. Es ändert sich nichts: Die Mühlen von Frömmigkeit, Strukturdebatten und Leitbildprozessen mahlen weiter, als ob nichts geschehen wäre und als ob nichts geschehen müsste. (…)

Eine andere Krise, die theologisch und kirchlich relevant erscheint, zielt auf die veränderte Rolle der Intellektuellen in öffentlichen Debatten. Immer wieder haben in letzter Zeit Intellektuelle beklagt, dass ihre philosophischen und politischen Interventionen nicht mehr in der Weise gehört werden, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Wer sich wie in der nostalgisch verklärten Vergangenheit in Essays und Büchern zu Wort meldet, wird kaum noch gehört, weil beides nicht mehr gelesen wird. Auf Twitter und Facebook, in Kommentaren von weniger als tausend Zeichen, kann niemand Meinungen, Kritik, Projekte und Initiativen ausreichend begründen. Dasselbe gilt für politische und kulturelle Talkshows, die zwar noch Reichweite und Zuschauerquoten versprechen, aber eben nicht mehr der Ort sind, ausführlich, begründet und auf hohem Niveau Argumente auszutauschen und Vorschläge zu machen. Auch dieser Prozess der De-Intellektualisierung der Gesellschaft schlägt in die Kirchen hinein, und er zeigt sich am schwindenden Einfluss der Theologie auf das kirchliche und gemeindliche Leben.[1] Beispiele dafür sollen in den folgenden Überlegungen dargestellt werden.

Es ist der Prozess der Banalisierung zu beschreiben, dem kirchliches Leben im Moment unterworfen ist (2.-9.). Danach sollen Ursachen für solche Banalisierungsprozesse beschrieben werden (10.-13.), die im Moment zu neuen theologischen Deutungsmodellen verdichtet werden, weswegen solchen Modellen ebenfalls ein kritischer Blick gebührt (14.-17.). Am Ende steht ein unzureichender, erster Vorschlag, die gegenseitige Lähmung zwischen Kräften der Kritik und der Beharrung zu überwinden (18.). (…)

Notwendige Konzentrationsprozesse

Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass gegenwärtiges kirchliches Leben sowohl in seinen Binnenbeziehungen wie auch in seinen Beziehungen zur Gesellschaft und zur Zivilgesellschaft wie auch zu anderen Religionen von der Frage des Umgangs mit dem Pluralismus geprägt ist. Evangelischer Glaube muss damit umgehen, dass seine eigenen Gewissheiten von anderen Glaubenden, von anderen religiösen Personen, von Menschen ohne Religion nicht unbedingt geteilt werden. Um diese Fragen und Probleme zu behandeln, können unterschiedliche Wege eingeschlagen werden. In diesem Essay wurde herausgearbeitet, dass sich dabei ein Weg der Banalisierung und ein Weg der Intellektualisierung und Theologisierung unterscheiden lassen. Wer mit Harmlosigkeit und Anbiederung und Nivellierung von Differenzen punkten will, der ver­schenkt die Botschaft des Evangeliums. Der Weg des Fundamentalismus, der Abgrenzung von bestimmten Bereichen der Erfahrung, steht theologisch nicht offen. Offen dagegen steht ein Weg der Besinnung auf theologische Argumentation und Interpretation, eine Konzentration auf Theologie, Gottesdienst und Predigt. Daran wäre weiter zu arbeiten.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus Ta Katoptrizomena, Heft 115: https://www.theomag.de/115/wv046.htm

Das autoritäre Echo – Kirche in Zeiten des Rechtspopulismus

Von Hans-Jürgen Volk

Wer heute rechtspopulistische Strömungen analysiert, darf den Wurzelboden nicht vergessen, aus dem sich diese politischen Entwicklungen nähren. Hierzu zählt nach Hans-Jürgen Volk auch die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik der Schröder- und Agenda 2010-Jahre. Volk zeigt aber auch auf, inwiefern die evangelische Kirche im Strom dieser neoliberalen Neuausrichtung mitgeschwommen ist und dies nun mit einem Vertrauensverlust bezahlt, der wenig verwunderlich ist

„Die evangelische Kirche ist mit dem Strom geschwommen. Wahrnehmbar für einzelne Gemeindeglieder sind vor allem die Schließung von Kirchen und Gemeindezentren, Fusionen von Gemeinden und Kirchenkreisen und die immer größer werdende Schwierigkeit, bei eigenen Anliegen einen verlässlichen Ansprechpartner zu finden. Kurz: Für den in den letzten Jahren stetig gestiegen Kirchensteuerbeitrag gibt es immer weniger Gegenleistung. Das erzeugt Frust und Entfremdung. Frust erzeugt die Bevormundung der Praktiker vor Ort durch Menschen, die ihr berufliches Leben vor allem in Büros und Sitzungsräumen verbringen. Frust ohne ­Ende entstand durch die vielfachen sozialen Härten bei kirchlichen Mitarbeitern, die von Rückbauprozessen und Sparprogrammen trotz stetig steigender Kirchensteuereinnahmen betroffen sind. Wenn Vertreter der Kirche sich öffentlich wohlmeinend zur Flüchtlingsfrage oder zu sozialen Themen äußern, wird dies als moralisierend empfunden. Die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Verfassung ist Teil einer Problemlage, die Rechtspopulisten in Deutschland Auftrieb gegeben hat.

Nötig wäre eine konsequente Umkehr von einem falschen und letztlich unkirchlichen Kurs, wie sie das »Wormser Wort« einfordert. Nötig wären mutige Schritte, innerhalb des kirchlichen Lebens eine wirksame Teilhabe der Kirchenmitglieder zu ermöglichen. Die Mitglieder könnten durch kirchliche Plebiszite bei Fusionsprozessen und anderen strukturellen Veränderungen mit eingebunden werden. Mutig wäre es, z.B. Spitzenämter auf Kirchenkreisebene durch eine Wahl der Kirchemitglieder zu vergeben. Mutig wäre es, Gewaltenteilung und Machtkontrolle zu praktizieren.

Wer Menschen als Objekt betrachtet und behandelt, die sich denen mit angeblich größerem Überblick unterzuordnen und zu fügen haben, erzeugt Frust und Entfremdung. Das Hartz IV-Regiment macht den Menschen, der eigentlich als Bürger der Souverän sein sollte, zum Fürsorge- und Strafobjekt, das man gelegentlich demütigen muss. Eine evangelische Kirche sollte hier bewusst Gegenakzente setzen und partnerschaftlich mit Gemeindegliedern und Beschäftigten umgehen. Unsere Gesellschaft, die in der Tat durch rechtspopulistische Kräfte bedroht ist, braucht eine Kirche, die mit ihren Strukturen und ihrem Umgang mit Kirchenmitgliedern und Beschäftigten ihre Botschaft bezeugt. Das könnte heißen: mehr direkte Demokratie und Teilhabe in den verschiedenen kirchlichen Körperschaften und Einrichtungen, die Pflege eines bewusst sozialen Umgangs mit den eigenen Beschäftigten, größere Spielräume für die, die vor Ort in der kirchlichen Arbeit engagiert sind sowie die Rückkehr zum Prinzip der kollegialen Leitung und der Einmütigkeit. Hierbei hilft es nicht, Einmütigkeit formaljuristisch zu interpretieren. Das Ringen um Einmütigkeit ist eine geistliche Aufgabe, die auf Augenhöhe in partnerschaftlich-geschwisterlicher Weise zu leisten ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Heft 7/2018, S. 374ff.: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4539

Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus

Von Frank Weyen (Deutsches Pfarrerblatt Heft 5/2018)

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist.

„Das neoliberalistische Wirtschaftsmodell hat seinen Siegeszug durch die westlichen Gesell­schaften ungebremst vollzogen. Die Kirchen blieben davon nicht verschont. Frank Weyen stellt in seinem Beitrag zunächst die Grundlagen neoliberalistischen Denkens dar. In einem zweiten Schritt arbeitet er heraus, wie neoliberalistische Denk- und Gestaltungsformen in kirchlichen Debatten und Verlautbarungen Einzug hielten, um daran anschließend zu skizzieren, zu welchen absehbaren Konsequenzen diese Strategien in der Kirche führen werden.“

„Über diese Beispiele hinaus ließen sich noch weitere aus der kirchlichen Praxis heranziehen, z.B. der Ersatz der althergebrachten Kameralistik zu Gunsten der Doppelten Buchführung, Doppik genannt, in einem System, dass über Jahrhunderte hinweg mit der einfachen Einnahme-Ausgabenrechnung gut gefahren ist, sodass es auch betriebswirtschaftliche Laien in den Kirchenpflegen und Presbyterien verstehen konnten. »Die sozialen Sicherungssysteme werden zunehmend Markt-, betriebswirtschaftlichen Leistungs- und Konkurrenzgesetzen unterworfen. Genauso wie Länder, Regionalverbände und Kommunen, die ihre Verwaltung schon vor der Jahrtausendwende mittels sog. neuer Steuerungsmodelle auf eine nur schwer messbare Qualitätssicherung orientiert haben, streben sie nach größtmöglicher kaufmännischer Effizienz, während ihr eigentlicher Zweck, Menschen in schwierigen Lebenslagen wirksam zu unterstützen, deutlich dahinter zurücktritt. Ganz im Sinne der Ökonomisierung des Sozialen verdrängt dabei ein betriebswirtschaftlich orientiertes Leitbild von Qualitätsmanagement traditionelle Orientierungen von religiös oder ethisch motivierter Nächstenliebe, von Subsidiarität und Solidarität«.

Oder auch die Einführung von Jahresdienstgesprächen im Pfarrberuf: Der Fragenkatalog dokumentiert neben seelsorglichen und dienstrechtlichen Erörterungsgegenständen auch Fragen nach Selbstoptimierung, Effizienzsteigerung und Zielvereinbarungen für die folgenden Jahre.

Vielleicht sind aber auch die Optimierungen von Kirchgemeinden durch Bildung größerer Einheiten ein gesellschaftliches Spiegelbild neoliberalistischen Denkens. Ökonomische Sachzwänge treten hierbei in den Konflikt mit der theologischen Programmatik.

Auf der anderen Seite haben sich die Landeskirchen einem Sparzwang unterworfen, der sich als Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern als Konsequenz aus dem neoliberalistischen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Steuersenkungen und niedrigen Erwerbseinkommen auswirkte. Infolgedessen wurden auch bei kirchlichen Mitarbeitenden Gehaltsgrenzen eingeführt und sogar das Pfarrsalär durch Entkoppelung von den Besoldungsstufen und durch Streichung bzw. Kürzung von Sonderzuwendungen z.B. in der Westfälischen Kirche massiv geschmälert. Dieser Vorgang produziert in Folge das, was die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle mit der Deprofessionalisierung des Pfarrberufes als Schlüsselberuf (Grethlein) der Kirche bezeichnet hat. »Die entscheidende Schwachstelle des Neoliberalismus bilden zudem weder das kaum mehr übersehbare Scheitern seiner ökonomischen Konzepte noch sein Plädoyer für eine Hochleistungs-, Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft, in der sich nur die leistungsstärksten Mitglieder behaupten, sondern sein unermüdlicher Kampf gegen einen Wohlfahrtsstaat, der Leistungsschwächere auffängt, sie sozial integriert und überhaupt erst zu gleichberechtigten Gesellschaftsmitgliedern macht.«

Vereine, Parteien und sonstige Freizeitangebote können gleiches tun wie die Kirchen. Das charakteristische Sujet, der Verkündigungs- und Bildungscharakter, den kirchliche Angebote stets als protestantische Merkmale ausgezeichnet haben, und die zu den Identitätsmerkmalen protestantischer Kirchlichkeit mit seinem Bildungsideal gehören, gehen dabei jedoch gänzlich verloren. Die Konsequenz daraus ist ein massiver Relevanzverlust kirchlicher Themen unter der Bevölkerung und eine bis zur theologischen Unkenntlichkeit sich selbst herabmindernde neoliberalistisch geprägte Werbung um Menschen, die als Mission oder Missionierung euphemisiert wird.

Damit gehen zugleich von den Kirchen gegenüber der Gesellschaft bereitgestellte Faktoren verloren, die für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig sind. Daher ist die teils durch Eventisierung, Unterhaltungs- und Freizeitprogramm der kirchlichen Angebote selbst verursachte theologische Deprofessionalisierung zugleich ein Beitrag dazu, dass kirchliche Antworten auf die Anfragen unserer Zeit nicht mehr angemessen vernommen, ja mittlerweile durch die Bevölkerung sogar aktiv ignoriert werden.

Der Zugriff des Monetarismus auf das kirchliche Leben sowie alle ökonomischen Optimierungsbestrebungen stellen eine freiwillige Einwilligung der Kirchen auf dieses ideologische Gesellschaftsmodell dar, anstatt daran zu arbeiten, ein politisch-ökonomisches Gegenmodell zu entwickeln, beispielsweise durch die Stärkung vorhandener ordoliberaler Alternativen wie die Soziale Marktwirtschaft oder den Rheinischen Kapitalismus.

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen in diesem Zusammenhang weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne (J.F. Lyotard) dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist (Mt. 28,19; Lk. 10).

Was dabei durch die freiwillige Einwilligung in die Unterwanderung der Kirche durch neoliberalistisches Begriffs- und Gedankengut zu kurz zu kommen droht, sind die protestantische Programmatik sowie der Verkündigungs- und Bildungscharakter der Kirche, um dem zunehmenden religiösen Analphabetismus unter der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dies wäre ein Wirkungshorizont, der der kirchlich-theologischen Programmatik entspräche und dieser Wirkungshorizont würde zugleich mehr Theologie wagen.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, Heft 5/2018: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4506

Sechs konkrete theologische Grundregeln kirchenleitenden Handelns

Jedes kirchenleitende Handeln wird in theologischer Verantwortlichkeit darauf zu achten haben, dass der von ihr zu leistende Dienst an den Gemeinden diesen eine primäre Dignität zugestehen muss und ihre eigene Dignität subsidiärer Natur bleibt.

„Im Hinblick auf die soziologisch-empirisch feststellbare Tatsache, dass es in der Kirche Machtstrukturen gibt, wird allerdings zu formulieren sein, wie damit umzugehen ist. Eine Voraussetzung für diese Formulierung ist, dass deren Prämisse theologischer Art ist.

  1. Jedes kirchenleitende Handeln wird nach Luther davon ausgehen müssen, dass die Existenz und das Leben der Kirche nicht auf menschliche Kunst und menschliches Handeln zurückzuführen ist, sondern auf Gott selber (Heiligkeit der Kirche). »Denn wir sind es doch nicht, die da könnten die Kirche erhalten; unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen; unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewest, ist’s noch, wird’s sein, der da spricht: ›Ich bin bei euch bis zur Welt Ende‹, wie Hebr. 13, 8 steht: ›Jesus Christus heri et hodie et in saecula‹« (W 2, XX, 1621).
  2. Jedes kirchenleitende Handeln wird die Gebrochenheit und die Zerrissenheit (um das Wort »Sünde« zu vermeiden) menschlichen Handelns innerhalb und außerhalb der Kirche als ein Teil des Wesens der Kirche zu berücksichtigen haben (peccatrix). Wo dies innerhalb der Kirche nicht geschieht, setzt sich die Kirche gegenüber ihren Mitgliedern absolut, beschwert die Gewissen oder spielt sich auf als Mittlerinstanz zwischen Gott und den Menschen. Wo dies außerhalb der Kirche nicht geschieht, setzt sich die Kirche gegenüber der Welt absolut und gibt diese der Verlorenheit anheim oder maßt sich eine Bevormundung an.
  3. Jedes kirchenleitende Handeln wird damit um seine eigene Begrenztheit wissen und daher den Auftrag als alleinige Autorität anzuerkennen haben und für die Ämter in der Kirche keinen Autoritätsanspruch erheben (Apostolizität der Kirche). Der verliehene Auftrag und die damit verbundene Macht sind nicht identisch mit der Wahrheit des Evangeliums, sondern werden im Vollzug sich von dieser beurteilen lassen müssen. Die Verantwortung der Gewissen vor Gott hat einen höheren Stellenwert, als die Oboedienz gegenüber menschlichen Autoritäten oder Ordnungen.
  4. Jedes kirchenleitende Handeln wird in theologischer Verantwortlichkeit darauf zu achten haben, dass der von ihr zu leistende Dienst an den Gemeinden diesen eine primäre Dignität zugestehen muss und ihre eigene Dignität subsidiärer Natur bleibt (Allgemeinheit der Kirche).
  5. Jedes kirchenleitende Handeln wird seine Funktion daran zu messen haben, ob es gelingt, eine konsensuale Gemeinschaft unter den Gemeinden und innerhalb der Gemeinden zu fördern, sofern es nur eine Kirche Jesu Christi gibt (Einheit der Kirche).
  6. Jedes kirchenleitende Handeln erfolgt aufgrund der Sendung Jesu Christi: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.« (Joh. 20,21) Dabei ist die Sendung Jesu Christi das Analogans und das Handeln der Kirchenleitung das Analogatum. Damit ist die Aufopferung Jesu Christi, sein Leiden und seine Demut Vorbild (Exempel) für das Selbstverständnis kirchenleitenden Handelns.“

Aus: Joachim Kuklik, „Macht und Wahrheit in der evangelischen Kirche – »Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener«“ (Deutsches Pfarrerblatt, Heft 11/2017, S. 628ff.). Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4396

„… und dafür braucht es Gemeinden“ – Neue Erkenntnisse aus Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft.

Von Prof. Dr. Gerhard Wegner
Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD
Mitglied im wissenschaftlichen Beirat KMU V

„Die Reformation und die Kirchengemeinde – 500 Jahre einer höchst widerspruchsvollen Entwicklung. Das gilt zumindest, wenn man einen Blick auf die Entwicklung der lutherischen Kirchen wirft. Da stehen zu Beginn bei Martin Luther revolutionäre Thesen von einer Kirche, die ihre Basis in den sich selbst organisierenden, ja im Grunde genommen genossenschaftlich organisierten, Kirchengemeinden hat. In denen sich die Menschen als Priester und Priesterinnen ihresgleichen versammeln und einen oder eine der ihren damit beauftragen, kontinuierlich das Evangelium auszulegen und die Sakramente zu spenden. Keine heilige Hierarchie und kein sakraler Überbau mehr. Die Bauern forderten gar, dass sie ihre Pastoren selbst wählen könnten. Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen mit Gott. Es waren genau diese Gedanken, die Luther im Volk äußerst populär machten und zumindest in den ersten Jahren aus der Reformation eine wirkliche Volksbewegung erwachsen ließen.

Aber dann kamen ganz andere Entwicklungen. Nüchtern gesagt: die Kirche wurde verstaatlicht. Kein Vertrauen mehr in die Basis. Landesherren übernehmen die Kirche in ihre Obhut, bereichern sich dabei an den Kirchengütern und stehen nun selbst an der Spitze der Kirche, die etwas verkündigen soll was durchaus in Distanz zu staatlicher Gewalt steht: das Reich Gottes. Spätestens mit der Abkehr von den Bauern 1525 – unter Legitimierung ihrer Abschlachtung – ist die Reformation keine Volksbewegung mehr. Seitdem ist eine Kirchengemeinde zumindest immer auch eine abhängige Filiale; in der Wahrnehmung vieler gesteuert „von denen da oben“. Viele Entwicklungen hat es gegeben in den fünfhundert Jahren. Aber eines unser Probleme bleibt, dass das „Oben und Unten“ immer noch vielfach so erlebt wird – obwohl das niemand mehr so will. Der Kraft, die möglicherweise in einer „genossenschaftlichen“ Organisation der Kirche vor Ort steckt, wird nicht vertraut. Im Gegenteil! Oder ändert sich das gerade in Bayern?

Die widersprüchliche Dynamik von Kirche und Kirchengemeinde

Nun kann man diese Entwicklungen kontrovers diskutieren: man kann sie kritisieren, man kann sie legitimieren, man kann sie für unvermeidlich halten. Was aber unbestritten ist: seit Beginn unterliegt unsere Kirche – und zwar insbesondere die Situation der Gemeinden – einer widersprüchlichen und höchst ambivalenten Dynamik. Da steht auf der einen Seite der aus dem Priestertum aller Gläubigen erwachsene Anspruch auf sozusagen „selbstwirksame“ Kirchenmitglieder, der sich in einer entsprechend funktionierenden Gemeinde ausdrückt. Er hat sich in dieser Form in besonderer Deutlichkeit sicherlich eher nicht in den lutherischen, sondern in den reformierten Kirchen verwirklicht. Auf der anderen Seite wirkt sich aber das staatskirchliche Erbe unserer Kirche bis heute aus. Es steht für eine 400-jährige Tradition einer betonten ‚Verwaltung‘ der christlichen Religion; in der sie selbst letztlich quasi als Teil des staatlichen Handelns erfahren worden ist. Sie lebt vor allem in der letztlich anstaltlichen, parochialen Gemeindetradition Mittel und Nordeuropa weiterhin fort. Und sie führt bis heute dazu, dass die Kirchengemeinden faktisch immer wieder an den Rand der Aufmerksamkeit der Kirche rücken, denn das organisationsentscheidende Zentrum liegt in den nach wie vor quasi parastaatlich organisierten Synoden und hierarchisch wirkenden Amtsstrukturen.

Zwar betont unsere Kirche immer wieder, dass ihr Zentrum natürlich in den Gemeinden läge (wobei der Begriff auch nicht selten komplett vergeistigt wird). Gleichzeitig aber bildet sich spätestens mit den ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen ein prägender Mythos heraus, demgemäß die realen Kirchengemeinden eigentlich eine Verfallsform des Christlichen seien. In ihnen würden sich nur mehr Restbestände der Mitgliedschaft finden, die eigentlich  längst aus der Gesellschaft ausgewandert seien. Viel spannender seien jene vielen Christen, die sich nicht an ihnen beteiligen würden – die ‚Distanzierten‘ – wobei seltsamerweise die Menschen in den Gemeinden aber genau jene sind, die sich der Kirche und dem christlichen Glauben am stärksten verbunden fühlen. Diese aber, so meint man, würden sich nur mit sich selbst beschäftigen. Und genau dies sei, so die weitverbreitete These, einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und der religiösen Kommunikation in der Gesellschaft. Das alles wird immer wieder penetrant behauptet – und daraus werden organisatorische Konsequenzen gezogen, die sich seit der „Kirche der Freiheit“ letztlich in eine Reduktion der Ressourcen, die den Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt werden, umsetzen sollen. Untersucht worden ist hingegen die Lage in den Kirchengemeinden in den letzten 50 Jahren so gut wie nicht. So ist es wirklich erstaunlich: Statt einmal genau hinzuschauen, was die der Kirche treu Verbundenen und sich religiös Engagierenden tatsächlich denken und tun, richtet sich das Augenmerk vieler Kirchenleitungen – und zwar je stärker die Krise offensichtlich wird, umso deutlicher – eher auf die anderen: auf die, die sich in Distanz zur Kirche befinden. Als wären die einen von den anderen völlig getrennt. Diese Situation lässt sich bestenfalls als paradox beschreiben – ebenso paradox wie es die Geschichte der Kirchen und ihrer Gemeinden seit 500 Jahren ist. Von diesen 500 Jahren sind zumindest die letzten 150 Jahre als ein beständiges Schwanken zwischen einer sich emanzipierenden Welt der Kirchengemeinden und den Steuerungsansprüchen der Kirchenleitungen beschreibbar.

Die neueren Entwicklungen, die nunmehr quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit die Gefahr heraufführen, dass die Gemeinden faktisch weiter marginalisiert werden, werden durch die Vorstellung der Möglichkeit neuerer Gemeindeformen jenseits der Parochie legitimiert. Tatsächlich aber geht es hier oft genug, so meine These, nicht wirklich um die Bildung sich selbst organisierender Gemeinden, sondern um die Bereitstellung religiöser und sonstiger Dienstleistungen, die sich an die unter den distanzierten Christenmenschen vermuteten religiösen und sozialen Konsumentenwünschen orientieren. Natürlich kann man – und muss man – diese Vorstellungen im Blick auf eine Stabilisierung der Kirchenmitgliedschaft unter jenen, die sich mit Gedanken an Austritt tragen, diskutieren. Und natürlich wird man auch nicht behaupten können, dass die Kirchengemeinden, wie sie sich heute darstellen, allesamt nur strahlende Perlen einer christlich religiösen Massenkultur wären. Die Kirchengemeinden tragen selbst zum Rückgang der Kirchlichkeit und der religiösen Kommunikation ohne Zweifel Entscheidendes bei. Sie tun dies genauso, wie es Pastorinnen und Pastoren als zentrale Repräsentanten der evangelischen Kirchen tun. Wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen kritisch in den Blick nimmt, dann also auf keinen Fall mit restaurativen Absichten. Die Krise der Kirche muss ernsthaft in den Blick genommen werden; wir stecken mit Leib und Seele fest in einer Institution, die sich im Bedeutungsrückgang befindet. Aber ob der Abzug von Ressourcen, statt einer entschlossenen Zuwendung zu den Kirchengemeinden und ihrer Stärkung, der richtige Weg ist, scheint mir ausgesprochen zweifelhaft zu sein.

(…)

Es ist nun erstaunlich, dass sich die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung – wenn auch wider Willen – deutlich von der Tradition ihrer Vorgängerinnen abgewendet hat und sich im Auswertungsband (‚Vernetzte Vielfalt‘) deutlich der Bedeutung der Kirchengemeinden zugewendet hat. Hier überrascht vor allen Dingen eine Zahl, die interessanterweise in der Auswertung zunächst übersehen worden ist: so fühlen sich 45 % der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 % der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelisch diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber  weit ab. Nähere Berechnungen haben ergeben, dass zwischen den Verbundenen mit der Ortsgemeinde und denen mit der evangelischen Kirche insgesamt keine Differenzen bestehen: es sind dieselben Menschen. Das lässt nur die eine Schlussfolgerung zu, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche insgesamt gleichzusetzen ist. Und umgekehrt: wer sich der Ortsgemeinde verbunden fühlt, fühlt sich in der Regel auch der evangelischen Kirche generell verbunden. Ja, die starke Verbundenheit (sehr verbunden) liegt bei der Gemeinde mit 22% noch höher als bei der Kirche insgesamt mit 15%.

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund deren randständiger Existenz Abstand halten würde, ist mit diesen Zahlen widerlegt. Und hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: die Vorstellung davon, dass sich die Kirchenmitglieder in eine kleine Gruppe Hochverbundener und Hochreligiöser von bis zu 15% und dem großen Rest kirchlich Distanzierter aufteilen ließen stimmt so nicht. Tatsächlich sieht es sehr viel differenzierter aus. Es gibt etwa 15% stark Verbundene, von denen große Teile in den Kirchengemeinden auch aktiv sind.

Aber dann gibt es einen – wie ich es nennen möchte – „Resonanzraum“ um die zentrale Gemeinschaft in der Kirchengemeinden herum von insgesamt etwa 45% der Mitglieder, die prinzipiell das entscheidende Potenzial für eine kirchliche Kommunikation darstellen. Des weiteren wird man dann wahrscheinlich von weiteren etwa 45% distanzierten Kirchenmitgliedern und 10% kurz vor dem Austritt Stehenden sprechen können. Das Kommunikationsfeld ist also wesentlich differenzierter, als viele denken und es ist, zumindest was die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kommunikation anbetrifft, stark an die Kirchengemeinden angebunden. 45%: das sind aber etwa 10 Millionen Menschen, die sich über die Kirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. Diese Gruppe stellt das zentrale Feld von denjenigen Menschen dar, unter denen sich relativ verlässlich Resonanzen auf die Kommunikation der evangelischen Kirche erwarten lassen. Sucht man nach kommunikativen Potenzialen, so liegen sie in diesem Feld, und nicht unter den Distanzierten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem KorrBl. Nr. 6/2017, S. 107 ff.:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kblatt-1706wegner.pdf

Geld für Gemeinden – Wo bleibt die Kirchensteuer?

Obwohl die Einnahmen sprudeln, kommt in den Gemeinden erstaunlich wenig davon an. In der evangelischen Kirche begehren die ersten Pfarrer auf. Sie beklagen Verschwendung.

Von Reinhard Bingener (FAZ vom 27.03.2017)

„Dabei hat eine aufwendige soziologische Untersuchung erst jüngst nachgewiesen, dass gerade die mittleren Ebenen der kirchlichen Hierarchie von den Mitgliedern so gut wie gar nicht wahrgenommen werden. Das wohl interessanteste Ergebnis der Großstudie bestand darin, dass es sich mit den einfachen Pfarrern ganz anders verhält. Die Wahrscheinlichkeit eines Kirchenaustritts sinkt gegen null, wenn ein Kirchenmitglied den Pfarrer auch nur namentlich kennt oder ihn schon einmal von ferne gesehen hat. Die Kirche hätte also ein Interesse daran, ihre Präsenz vor Ort zu stärken.

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack war an dieser Kirchenmitgliedschaftstudie beteiligt und bestätigt die Eindrücke von Pfarrer Wackerbarth. Die Kirche habe ihr Geld lange in „funktionale Dienste“ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. „Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.“ Mittlerweile liegt die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer „ganz persönlichen Leidenserfahrung“. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kirchensteuer-kommt-in-gemeinden-nicht-an-14942573.html

 

Nüchternheit statt Hype

Landesbischof Christoph Meyns über ökonomisch basierte Methoden in kirchlichen Strukturen

„Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre werden auf allen Ebenen kirchlichen Lebens zunehmend Instrumente der Betriebswirtschaft und des klassischen Managements eingesetzt. In seinem Beitrag „Nüchternheit statt Hype“ in der aktuellen Ausgabe Nr. 152 der Online-Publikation „VELKD-Informationen“ setzt sich Landesbischof Dr. Christoph Meyns (Wolfenbüttel) kritisch mit dem Einsatz betriebswirtschaftlicher Verfahren in kirchlichen Strukturen und Arbeitsfeldern auseinander. So helfe ein gutes Marketing zwar „Gemeinden und Einrichtungen im Konkurrenzkampf mit anderen Gemeinden der gleichen Region“. Eine „gesamtkirchliche Wirksamkeit“ gehe davon aber nicht aus. Bischof Meyns‘ Fazit: „Die Kirche kann von der Betriebswirtschaftslehre viel lernen. Methodengläubigkeit und der unreflektierte Import von Marketing- und Managementinstrumenten führen dagegen nicht weiter.“

Lesen Sie hier die ganze VELKD-Information Nr. 152: http://www.velkd.de/velkd-infos-152

Quelle: http://www.ekd.de/presse/pm140_2016_velkd_information_nuechternheit.html

 

10 Jahre „Kirche der Freiheit“ – kritische Würdigungen im Rundfunk

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Impulspapiers der EKD „Kirche der Freiheit“ wird im Rundfunk berichtet und das auch kritisch! Nein, nicht in kirchlichen Medien, sondern z.B. beim WDR und NDR …

10 Jahre „Kirche der Freiheit“
NDR Kultur – 03.07.2016 08:40 Uhr Autor/in: Bingener, Reinhard
Bessere Predigten, schlankere Strukturen und ein deutlicheres Profil: ehrgeizige Ziele des Reformprogramms „Kirche der Freiheit“. Was ist aus den Reformen geworden?

10 Jahre „Kirche der Freiheit“
WDR 5 Diesseits von Eden | 03.07.2016 | 07:40 Min.
Das Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ sollte den Protestantismus fit machen für die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Was hat der Impuls bisher gebracht? Im Interview die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle.

Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“
Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?
Von Michael Hollenbach
Deutschlandradio Kultur vom 26.06.2016

Kirche der Freiheit
Zehn Jahre EKD-Reformprozess. Von Holger Gohlad
24:26 min | 26.6.2016 | 12.05 Uhr | SWR2
Geistliche Profilierung, Schwerpunktsetzung, Beweglichkeit und Außenorientierung lauten die vier Hauptthemen, die Anfang Juli 2006 die künftige Richtung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgaben. Eine Expertenkommission hatte dazu Gedanken und Strategievorschläge in einem 110 Seiten umfassenden Impulspapier „Kirche der Freiheit“ festgehalten.