„… und dafür braucht es Gemeinden“ – Neue Erkenntnisse aus Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft.

Von Prof. Dr. Gerhard Wegner
Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD
Mitglied im wissenschaftlichen Beirat KMU V

„Die Reformation und die Kirchengemeinde – 500 Jahre einer höchst widerspruchsvollen Entwicklung. Das gilt zumindest, wenn man einen Blick auf die Entwicklung der lutherischen Kirchen wirft. Da stehen zu Beginn bei Martin Luther revolutionäre Thesen von einer Kirche, die ihre Basis in den sich selbst organisierenden, ja im Grunde genommen genossenschaftlich organisierten, Kirchengemeinden hat. In denen sich die Menschen als Priester und Priesterinnen ihresgleichen versammeln und einen oder eine der ihren damit beauftragen, kontinuierlich das Evangelium auszulegen und die Sakramente zu spenden. Keine heilige Hierarchie und kein sakraler Überbau mehr. Die Bauern forderten gar, dass sie ihre Pastoren selbst wählen könnten. Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen mit Gott. Es waren genau diese Gedanken, die Luther im Volk äußerst populär machten und zumindest in den ersten Jahren aus der Reformation eine wirkliche Volksbewegung erwachsen ließen.

Aber dann kamen ganz andere Entwicklungen. Nüchtern gesagt: die Kirche wurde verstaatlicht. Kein Vertrauen mehr in die Basis. Landesherren übernehmen die Kirche in ihre Obhut, bereichern sich dabei an den Kirchengütern und stehen nun selbst an der Spitze der Kirche, die etwas verkündigen soll was durchaus in Distanz zu staatlicher Gewalt steht: das Reich Gottes. Spätestens mit der Abkehr von den Bauern 1525 – unter Legitimierung ihrer Abschlachtung – ist die Reformation keine Volksbewegung mehr. Seitdem ist eine Kirchengemeinde zumindest immer auch eine abhängige Filiale; in der Wahrnehmung vieler gesteuert „von denen da oben“. Viele Entwicklungen hat es gegeben in den fünfhundert Jahren. Aber eines unser Probleme bleibt, dass das „Oben und Unten“ immer noch vielfach so erlebt wird – obwohl das niemand mehr so will. Der Kraft, die möglicherweise in einer „genossenschaftlichen“ Organisation der Kirche vor Ort steckt, wird nicht vertraut. Im Gegenteil! Oder ändert sich das gerade in Bayern?

Die widersprüchliche Dynamik von Kirche und Kirchengemeinde

Nun kann man diese Entwicklungen kontrovers diskutieren: man kann sie kritisieren, man kann sie legitimieren, man kann sie für unvermeidlich halten. Was aber unbestritten ist: seit Beginn unterliegt unsere Kirche – und zwar insbesondere die Situation der Gemeinden – einer widersprüchlichen und höchst ambivalenten Dynamik. Da steht auf der einen Seite der aus dem Priestertum aller Gläubigen erwachsene Anspruch auf sozusagen „selbstwirksame“ Kirchenmitglieder, der sich in einer entsprechend funktionierenden Gemeinde ausdrückt. Er hat sich in dieser Form in besonderer Deutlichkeit sicherlich eher nicht in den lutherischen, sondern in den reformierten Kirchen verwirklicht. Auf der anderen Seite wirkt sich aber das staatskirchliche Erbe unserer Kirche bis heute aus. Es steht für eine 400-jährige Tradition einer betonten ‚Verwaltung‘ der christlichen Religion; in der sie selbst letztlich quasi als Teil des staatlichen Handelns erfahren worden ist. Sie lebt vor allem in der letztlich anstaltlichen, parochialen Gemeindetradition Mittel und Nordeuropa weiterhin fort. Und sie führt bis heute dazu, dass die Kirchengemeinden faktisch immer wieder an den Rand der Aufmerksamkeit der Kirche rücken, denn das organisationsentscheidende Zentrum liegt in den nach wie vor quasi parastaatlich organisierten Synoden und hierarchisch wirkenden Amtsstrukturen.

Zwar betont unsere Kirche immer wieder, dass ihr Zentrum natürlich in den Gemeinden läge (wobei der Begriff auch nicht selten komplett vergeistigt wird). Gleichzeitig aber bildet sich spätestens mit den ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen ein prägender Mythos heraus, demgemäß die realen Kirchengemeinden eigentlich eine Verfallsform des Christlichen seien. In ihnen würden sich nur mehr Restbestände der Mitgliedschaft finden, die eigentlich  längst aus der Gesellschaft ausgewandert seien. Viel spannender seien jene vielen Christen, die sich nicht an ihnen beteiligen würden – die ‚Distanzierten‘ – wobei seltsamerweise die Menschen in den Gemeinden aber genau jene sind, die sich der Kirche und dem christlichen Glauben am stärksten verbunden fühlen. Diese aber, so meint man, würden sich nur mit sich selbst beschäftigen. Und genau dies sei, so die weitverbreitete These, einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und der religiösen Kommunikation in der Gesellschaft. Das alles wird immer wieder penetrant behauptet – und daraus werden organisatorische Konsequenzen gezogen, die sich seit der „Kirche der Freiheit“ letztlich in eine Reduktion der Ressourcen, die den Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt werden, umsetzen sollen. Untersucht worden ist hingegen die Lage in den Kirchengemeinden in den letzten 50 Jahren so gut wie nicht. So ist es wirklich erstaunlich: Statt einmal genau hinzuschauen, was die der Kirche treu Verbundenen und sich religiös Engagierenden tatsächlich denken und tun, richtet sich das Augenmerk vieler Kirchenleitungen – und zwar je stärker die Krise offensichtlich wird, umso deutlicher – eher auf die anderen: auf die, die sich in Distanz zur Kirche befinden. Als wären die einen von den anderen völlig getrennt. Diese Situation lässt sich bestenfalls als paradox beschreiben – ebenso paradox wie es die Geschichte der Kirchen und ihrer Gemeinden seit 500 Jahren ist. Von diesen 500 Jahren sind zumindest die letzten 150 Jahre als ein beständiges Schwanken zwischen einer sich emanzipierenden Welt der Kirchengemeinden und den Steuerungsansprüchen der Kirchenleitungen beschreibbar.

Die neueren Entwicklungen, die nunmehr quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit die Gefahr heraufführen, dass die Gemeinden faktisch weiter marginalisiert werden, werden durch die Vorstellung der Möglichkeit neuerer Gemeindeformen jenseits der Parochie legitimiert. Tatsächlich aber geht es hier oft genug, so meine These, nicht wirklich um die Bildung sich selbst organisierender Gemeinden, sondern um die Bereitstellung religiöser und sonstiger Dienstleistungen, die sich an die unter den distanzierten Christenmenschen vermuteten religiösen und sozialen Konsumentenwünschen orientieren. Natürlich kann man – und muss man – diese Vorstellungen im Blick auf eine Stabilisierung der Kirchenmitgliedschaft unter jenen, die sich mit Gedanken an Austritt tragen, diskutieren. Und natürlich wird man auch nicht behaupten können, dass die Kirchengemeinden, wie sie sich heute darstellen, allesamt nur strahlende Perlen einer christlich religiösen Massenkultur wären. Die Kirchengemeinden tragen selbst zum Rückgang der Kirchlichkeit und der religiösen Kommunikation ohne Zweifel Entscheidendes bei. Sie tun dies genauso, wie es Pastorinnen und Pastoren als zentrale Repräsentanten der evangelischen Kirchen tun. Wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen kritisch in den Blick nimmt, dann also auf keinen Fall mit restaurativen Absichten. Die Krise der Kirche muss ernsthaft in den Blick genommen werden; wir stecken mit Leib und Seele fest in einer Institution, die sich im Bedeutungsrückgang befindet. Aber ob der Abzug von Ressourcen, statt einer entschlossenen Zuwendung zu den Kirchengemeinden und ihrer Stärkung, der richtige Weg ist, scheint mir ausgesprochen zweifelhaft zu sein.

(…)

Es ist nun erstaunlich, dass sich die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung – wenn auch wider Willen – deutlich von der Tradition ihrer Vorgängerinnen abgewendet hat und sich im Auswertungsband (‚Vernetzte Vielfalt‘) deutlich der Bedeutung der Kirchengemeinden zugewendet hat. Hier überrascht vor allen Dingen eine Zahl, die interessanterweise in der Auswertung zunächst übersehen worden ist: so fühlen sich 45 % der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 % der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelisch diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber  weit ab. Nähere Berechnungen haben ergeben, dass zwischen den Verbundenen mit der Ortsgemeinde und denen mit der evangelischen Kirche insgesamt keine Differenzen bestehen: es sind dieselben Menschen. Das lässt nur die eine Schlussfolgerung zu, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche insgesamt gleichzusetzen ist. Und umgekehrt: wer sich der Ortsgemeinde verbunden fühlt, fühlt sich in der Regel auch der evangelischen Kirche generell verbunden. Ja, die starke Verbundenheit (sehr verbunden) liegt bei der Gemeinde mit 22% noch höher als bei der Kirche insgesamt mit 15%.

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund deren randständiger Existenz Abstand halten würde, ist mit diesen Zahlen widerlegt. Und hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: die Vorstellung davon, dass sich die Kirchenmitglieder in eine kleine Gruppe Hochverbundener und Hochreligiöser von bis zu 15% und dem großen Rest kirchlich Distanzierter aufteilen ließen stimmt so nicht. Tatsächlich sieht es sehr viel differenzierter aus. Es gibt etwa 15% stark Verbundene, von denen große Teile in den Kirchengemeinden auch aktiv sind.

Aber dann gibt es einen – wie ich es nennen möchte – „Resonanzraum“ um die zentrale Gemeinschaft in der Kirchengemeinden herum von insgesamt etwa 45% der Mitglieder, die prinzipiell das entscheidende Potenzial für eine kirchliche Kommunikation darstellen. Des weiteren wird man dann wahrscheinlich von weiteren etwa 45% distanzierten Kirchenmitgliedern und 10% kurz vor dem Austritt Stehenden sprechen können. Das Kommunikationsfeld ist also wesentlich differenzierter, als viele denken und es ist, zumindest was die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kommunikation anbetrifft, stark an die Kirchengemeinden angebunden. 45%: das sind aber etwa 10 Millionen Menschen, die sich über die Kirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. Diese Gruppe stellt das zentrale Feld von denjenigen Menschen dar, unter denen sich relativ verlässlich Resonanzen auf die Kommunikation der evangelischen Kirche erwarten lassen. Sucht man nach kommunikativen Potenzialen, so liegen sie in diesem Feld, und nicht unter den Distanzierten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem KorrBl. Nr. 6/2017, S. 107 ff.:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kblatt-1706wegner.pdf

Geld für Gemeinden – Wo bleibt die Kirchensteuer?

Obwohl die Einnahmen sprudeln, kommt in den Gemeinden erstaunlich wenig davon an. In der evangelischen Kirche begehren die ersten Pfarrer auf. Sie beklagen Verschwendung.

Von Reinhard Bingener (FAZ vom 27.03.2017)

„Dabei hat eine aufwendige soziologische Untersuchung erst jüngst nachgewiesen, dass gerade die mittleren Ebenen der kirchlichen Hierarchie von den Mitgliedern so gut wie gar nicht wahrgenommen werden. Das wohl interessanteste Ergebnis der Großstudie bestand darin, dass es sich mit den einfachen Pfarrern ganz anders verhält. Die Wahrscheinlichkeit eines Kirchenaustritts sinkt gegen null, wenn ein Kirchenmitglied den Pfarrer auch nur namentlich kennt oder ihn schon einmal von ferne gesehen hat. Die Kirche hätte also ein Interesse daran, ihre Präsenz vor Ort zu stärken.

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack war an dieser Kirchenmitgliedschaftstudie beteiligt und bestätigt die Eindrücke von Pfarrer Wackerbarth. Die Kirche habe ihr Geld lange in „funktionale Dienste“ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. „Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.“ Mittlerweile liegt die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer „ganz persönlichen Leidenserfahrung“. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kirchensteuer-kommt-in-gemeinden-nicht-an-14942573.html

 

Nüchternheit statt Hype

Landesbischof Christoph Meyns über ökonomisch basierte Methoden in kirchlichen Strukturen

„Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre werden auf allen Ebenen kirchlichen Lebens zunehmend Instrumente der Betriebswirtschaft und des klassischen Managements eingesetzt. In seinem Beitrag „Nüchternheit statt Hype“ in der aktuellen Ausgabe Nr. 152 der Online-Publikation „VELKD-Informationen“ setzt sich Landesbischof Dr. Christoph Meyns (Wolfenbüttel) kritisch mit dem Einsatz betriebswirtschaftlicher Verfahren in kirchlichen Strukturen und Arbeitsfeldern auseinander. So helfe ein gutes Marketing zwar „Gemeinden und Einrichtungen im Konkurrenzkampf mit anderen Gemeinden der gleichen Region“. Eine „gesamtkirchliche Wirksamkeit“ gehe davon aber nicht aus. Bischof Meyns‘ Fazit: „Die Kirche kann von der Betriebswirtschaftslehre viel lernen. Methodengläubigkeit und der unreflektierte Import von Marketing- und Managementinstrumenten führen dagegen nicht weiter.“

Lesen Sie hier die ganze VELKD-Information Nr. 152: http://www.velkd.de/velkd-infos-152

Quelle: http://www.ekd.de/presse/pm140_2016_velkd_information_nuechternheit.html

 

10 Jahre „Kirche der Freiheit“ – kritische Würdigungen im Rundfunk

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Impulspapiers der EKD „Kirche der Freiheit“ wird im Rundfunk berichtet und das auch kritisch! Nein, nicht in kirchlichen Medien, sondern z.B. beim WDR und NDR …

10 Jahre „Kirche der Freiheit“
NDR Kultur – 03.07.2016 08:40 Uhr Autor/in: Bingener, Reinhard
Bessere Predigten, schlankere Strukturen und ein deutlicheres Profil: ehrgeizige Ziele des Reformprogramms „Kirche der Freiheit“. Was ist aus den Reformen geworden?

10 Jahre „Kirche der Freiheit“
WDR 5 Diesseits von Eden | 03.07.2016 | 07:40 Min.
Das Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ sollte den Protestantismus fit machen für die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Was hat der Impuls bisher gebracht? Im Interview die Bochumer Theologieprofessorin Isolde Karle.

Zehn Jahre Impulspapier „Kirche der Freiheit“
Mit viel Pathos falsche Ziele gesetzt?
Von Michael Hollenbach
Deutschlandradio Kultur vom 26.06.2016

Kirche der Freiheit
Zehn Jahre EKD-Reformprozess. Von Holger Gohlad
24:26 min | 26.6.2016 | 12.05 Uhr | SWR2
Geistliche Profilierung, Schwerpunktsetzung, Beweglichkeit und Außenorientierung lauten die vier Hauptthemen, die Anfang Juli 2006 die künftige Richtung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgaben. Eine Expertenkommission hatte dazu Gedanken und Strategievorschläge in einem 110 Seiten umfassenden Impulspapier „Kirche der Freiheit“ festgehalten.

 

Erstes gemeinsames Treffen der Gemeindebünde in der EKD

4Am 18. und 19. September 2016 trafen sich Vertreterinnen der Gemeindebünde der Gliedkirchen der EKD in Altenkirchen. Ihre Teilnahme hatten zugesagt u.a. die Gemeindebünde in Bayern (Aufbruch Gemeinde), der Nordkirche (Gemeinde im Aufwind) und Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz (Gemeindebund). Lesen Sie hier einen Bericht: http://kirchenbunt.de/schritte-in-eine-andere-richtung/

Frau Prof. em. Dr. Gisela Kittel stellte in ihrem in Altenkirchen gehaltenen Referat die folgenden theologischen Implikationen heraus, die der gegenwärtige Strukturumbau der evangelischen Kirche einschließt:

  • Ein anderes Kirchenverständnis. Nach dem Neuen Testament und den Bekenntnissen der Reformatoren ist die “ekklesia” die Versammlung der Glaubenden, die sich je am konkreten Ort unter dem Wort Gottes versammeln, das Mahl miteinander feiern und in ihrem Zusammenleben zeigen, dass sie “Leib Jesu Christi” sind, der “Tempel des lebendigen Gottes”, das Haus Gottes, aus lebendigen Steinen erbaut, und dass sie allein ihrem Herrn Jesus Christus gehören. Von diesen Zeugnissen her müsse man eingestehen, dass die heutige evangelische Kirche, die sich vornehmlich als Großorganisation versteht, wieder dabei ist, in vorreformatorisches Denken zurückzufallen.
  • Ein die biblische Offenbarung verharmlosendes Gottesverständnis. Was aus der biblischen Gottesrede gemacht werde, ist der milde lächelnde, all unsere Planungen absegnende gütige Gott-Vater, uns in allem verfügbar, und dem man “vertrauen” und so “das Leben gestalten” soll. Von Jesus Christus und seinem heiligenden Geist sei schon gar nicht mehr die Rede.
  • Weil Gott, von dem in dieser Weise gesprochen wird, keine richtende und rettende Instanz mehr ist, daher habe auch sein Ruf und Auftrag keine wegweisende Bedeutung mehr. Es gehe eigentlich nur noch um die Frage, “wie wir eine gesellschaftlich relevante Kirche bleiben” können (Bischof Dröge); “was unsere Kirche in Zukunft wieder bemerkenswerter” mache (Impulspapier der ev.-ref. Kirche 2016); “dass die evangelische Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung stark” sein möge (Kirche der Freiheit, S.85) etc.

Warum die Kirche keine Pfarrer mehr braucht

Von Pfr. Dr. Christoph Bergner

„Die EKD hat schon 2006 in ihrem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ die Reduzierung von 50% der Kirchengemeinden bis 2030 gefordert. Selbstverständlich müssen auch die Pfarrstellen reduziert werden. Das soll durch ein Netzwerk von Prädikanten aufgefangen werden. Da nur ein geringer Bedarf an qualifizierter Theologie nötig zu sein scheint, können Gemeinden auch von Ehrenamtlichen versorgt werden. Martin Luther sah das noch anders. So sagte er in einer Tischrede: „In Kürze wird es an Pfarrern und Predigern so sehr mangeln, dass man die jetzigen aus der Erde wieder herauskratzen würde, wenn man sie haben könnte. Denn Ärzte und Juristen bleiben genug, die Welt zu regieren; man muss aber zweihundert Pfarrer haben, wo man an einem Juristen genug hat. Wenn zu Erfurt einer ist, ists genug. Aber mit den Predigern geht’s nicht so zu; es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben. Mein gnädiger Herr (der Kurfürst zu Sachsen) hat an zwanzig Juristen genug, dagegen muss er wohl an die 1800 Pfarrer haben. Wir müssen noch mit der Zeit aus Juristen und Ärzten Pfarrer machen, das werdet ihr sehen.“ Zum Reformationsjubiläum steht Luther mit seiner Vorstellung eines qualifizieren Pfarramts in der EKD ziemlich allein da. Wer „Dörfer und Flecken“ mit Pfarrern versorgen will, wird bei den Personalplanern der Kirche nur noch ein müdes Lächeln erwarten dürfen. (…)

Die Kirche hat sich unter einen enormen Reformdruck gesetzt. Der wichtigste Grund waren jeweils schlechte Prognosen und ein scharfer Blick auf Probleme und Defizite. Aber die funktionale Bestimmung der Kirche offenbart nicht nur vielfältige Defizite, sie ist selbst hoch defizitär. Sie setzt ein Karussell in Gang, das kaum noch zu bremsen ist. Wer z.B. Pfarrstellen an bestimmten Kennziffern festmacht, muss ständig Stellen überprüfen und verändern. Der Zwang zur Reform macht die Reform zum Selbstzweck.

Die funktionale Bestimmung definiert die Kirche aber vor allem von außen, von organisatorischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen her. Wolfgang Schäuble hat jüngst kritisiert, dass der Kirche „der spirituelle Kern“ abhandengekommen sei. „Es entsteht der Eindruck, als gehe es der evangelischen Kirche primär um Politik, als seien politische Überzeugungen ein festeres Band als der eigene Glaube.“

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob Prognosen der Maßstab sind, an dem sich Kirche orientieren soll. Immanuel Kant hat in seiner Schrift „Der Streit der Fakultäten“ behauptet, eine „wahrsagende Geschichtsschreibung“ sei nur dann möglich, „wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum Voraus verkündigt (…) Geistliche weissagen gelegentlich den gänzlichen Verfall der Religion und die nahe Erscheinung des Antichrist, während dessen sie gerade das tun, was erforderlich ist, ihn einzuführen.“ Auch wenn niemand in offiziellen Papieren der EKD den Antichrist erwartet, so ist es in den hochkomplexen Strukturen der Moderne um die Prognosemöglichkeiten noch schlechter bestellt als zu Kants Zeiten. (…)

Vielleicht entdeckt auch die evangelische Kirche wieder die Bedeutung des Pastors und Pfarrers. Dann würde ihr auch wieder wichtig, was ihren Dienst eigentlich ausmacht und wofür sie in dieser Gesellschaft gebraucht wird. Nicht der funktionale Dienst, sondern die personale Präsenz ist die Voraussetzung für ihre unverzichtbare pastorale Aufgabe.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://wort-meldungen.de/wp-content/uploads/2016/06/Warum-die-Kirche-keine-Pfr.-mehr-braucht.pdf

Der Artikel ist auch im Deutschen Pfarrerblatt Nr. 8/2006 erschienen: http://pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4105

Wie der Reformprozess in der EKD die Kirche hierarchisiert

Von Ingo Baldermann

Es geht um den Kern: um eine betriebswirtschaftlich kontrollierte Evaluation der Effizienz von Gottesdienst und Seelsorge, Predigt und Unterricht, und alles unter der Verheißung, dadurch das Profil zu schärfen und der kirchlichen Arbeit neue Attraktivität zu verleihen. Ob die Vertreter dieser Strategie nicht merken, wie sie mit den Kategorien des Marketing das Wesen der Kirche verändern? Sie gewinnt tatsächlich ein neues Profil: das eines Konzerns, der seine religiösen Wahrheiten möglichst gewinnbringend zu vermarkten sucht. Ich versuche einige der Konsequenzen beim Namen zu nennen …

„6. Bisher war die Kirche in der modernen wie schon in der spätantiken Gesellschaft gerade dadurch  attraktiv, dass hier exemplarisch ein anderes Zusammenleben praktiziert wurde als in den autoritären Strukturen der Massengesellschaft, die damals wie heute ohne Sklavenarbeit nicht funktioniert. Diese Attraktivität, die unsre Gemeinden noch immer trägt, wird von Grund auf zerstört, wenn die Kirche nun nach den Kriterien einer  ideologisch radikalisierten Betriebswirtschaft umstrukturiert wird. In diesen Strukturen werden wir alle heimatlos.

7. Durch die NKF (Neue kirchliche Finanzordnung) wird die genaue Erfassung und Erhaltung aller Sachwerte zum entscheidenden Maßstab, und die Erfahrung zeigt, wie blühende Gemeinden dadurch unversehens bettelarm gerechnet werden können und nicht mehr die notwendigsten Mittel für ihre profilierte Gemeindearbeit behalten. Dagegen explodieren die Kosten der Verwaltung durch das Anwerben „hochqualifizierter Fachkräfte“. Wir vergessen nicht, wie durch die beflissene Anpassung an die Praktiken moderner Geldwirtschaft schon Kirchensteuergelder in Millionenhöhe durch Fehlspekulation sinnlos verbrannt worden sind. Fazit: Auf der Suche nach dem Sinn derart sinnlos und zerstörerisch wirkender Ordnungen gewinnt man am ehesten Klarheit durch die Frage: Cui bono – wem nützt das? Hier ist die Antwort erschreckend einfach: Die von oben her (wie gegenwärtig auch in den Schulen) angeordnete Qualitätskontrolle erzeugt von selbst hierarchisch strenge autoritäre Strukturen. Die neue „Ordnung“ wird von oben nach unten durchgesetzt und kontrolliert, und so wird die Verwaltung, bisher von den Gemeinden dankbar als Hilfe akzeptiert, zu einer Kontrollinstanz, die künftig auf keine Kritik der Basis mehr hören, geschweige denn antworten muss.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekd/jetzt-auch-noch-dies-qualitaetsmanagement-in-der-ekd.php

Kirche der Reformation – Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr

kittelDieses Buch setzt sich kritisch mit den Reformprozessen der vergangenen Jahre auseinander und fordert Korrekturen . Herausgeber sind Dr. Gisela Kittel und Dr. Eberhard Mechels, die Neukirchener Verlagsgesellschaft sorgt für den Druck. Autoren aus verschiedenen Landeskirchen haben sich daran beteiligt und reflektieren die Konsequenzen und Kollateralschäden, die im Zuge von Strukturveränderungen, Zentralisierung und Hierarchisierung zu beobachten sind.

Auf den Seiten des Verlags heißt es:

Mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 möchte dieses Buch die evangelische Kirche in Deutschland an ihre reformatorischen Wurzeln erinnern. Befragt wird die Kirche selbst, wie weit sie noch von ihrem reformatorischen Erbe geprägt ist. Insbesondere stehen die Reform- und Umbauprozesse zur Debatte, denen die evangelischen Gemeinden und Kirchenkreise in den letzten 20 Jahren, spätestens aber seit dem Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit“ 2006, ausgesetzt wurden. Erstmals werden Stimmen der kirchlichen Basis öffentlich gemacht, die beschreiben, was die durchgeführten Strukturreformen auf der Ebene der Gemeinden bewirken und was bei Durchsetzung dieser Reformen auch in bisher noch nicht so stark betroffenen kirchlichen Regionen zu erwarten ist. Von einem „Wachsen gegen den Trend“ kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Eher hat sich das Gegenteil eingestellt. Angesichts der im Gang befindlichen Umbauprozesse fragt das Buch nach den theologischen Grundlagen. Es erinnert an die Luther und Calvin gemeinsamen reformatorischen Grundentscheidungen und zeigt im Kontrast dazu die den heutigen Umbauprozess steuernde Kirchentheorie auf, sowie das immer deutlicher hervortretende hierarchische Kirchenverständnis.
Das Buch ist unter das Motto der ersten Ablassthese Martin Luthers aus dem Jahr 1517 gestellt. Damit knüpft es bewusst an das Datum an, welches den Anlass zur Jubiläumsfeier im Jahr 2017 gibt. Mit Bezug auf die 1. These betont es die Notwendigkeit der Umkehr, der Buße.

Alle Infos im Flyer: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/KdR.pdf
oder direkt beim Verlag: http://www.v-r.de/de/kirche_der_reformation/t-3072/1088417/

Kirche vor weiterem Umbruch?

Klaus Winterhoff mahnt harte Strukturmaßnahmen und weitere „Reformen“ an

Von Hans-Jürgen Volk

„Klaus Winterhoff gehört zu den grauen EKD-Eminenzen, die in den vergangenen Jahren die Umbauprozesse innerhalb der EKD und den evangelischen Landeskirchen maßgeblich angeregt und gesteuert haben. Bis vor kurzem war er Vizepräsident und Finanzdezernent der Ev. Kirche von Westfalen sowie Mitglied im Rat der EKD und Vorsitzender des einflussreichen EKD-Finanzbeirats.

In einem Gespräch mit epd anlässlich seines Ausscheidens aus der westfälischen Kirchenleitung fordert Winterhoff weitere „Reformen“: „Der Status quo hat nirgendwo Verheißung – am allerwenigsten in der Kirche.“ Nach dem Reformationsjubiläum sei ein „Kassensturz“ fällig, so Winterhoff und beklagt ein „weiteres Absinken der Kirchensteuereinnahmen“ um das Jahr 2020. Als Grund benennt er, dass dann die geburtenstarken Jahrgänge verstärkt in den Ruhestand gehen werden.

Winterhoff irrt. Er liegt mit seiner Einschätzung ebenso falsch, wie bereits im Jahre 2008. Damals stiegen die Einnahmen aus Kirchensteuermitteln nach dem Einbruch in den Jahren 2004 und 2005, der vor allem der von rot-grün auf den Weg gebrachten Steuerreform geschuldet war, bereits deutlich an – 2006 um + 6,4 %, 2007 um ca. + 8,5 %. Beim Einbringen des EKD Haushalts 2009 äußerte sich Winterhoff wie folgt: „Angesichts der weiterhin absehbaren Kirchensteuerrückgänge infolge der demographischen Entwicklung, der Unbeständigkeit wirtschaftlicher Entwicklungen in einer globalisierten Welt sowie der anhaltenden Tendenz der deutschen Steuergesetzgebung zur Verlagerung des staatlichen Steueraufkommens von den einkommensabhängigen zu den verbrauchsorientierten Steuerarten, muss diese Entwicklung nach wie vor als vorübergehend angesehen werden.“ Tatsächlich entwickelten sich die Kirchensteuereinnahmen in den Folgejahren überaus positiv. 2006 lag das Aufkommen bei 3,988 Milliarden Euro, 2014 bei 5,2 Milliarden.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://kirchenbunt.de/kirche-vor-weiterem-umbruch/

Gemeinde der Zukunft

Vortrag vor dem Regionalen Strukturausschuss der Siegener Gemeinden am 30. Januar 2016 von Manfred Alberti

„Das EKD Konzept „Kirche der Freiheit“ hat auf die genialen Ideen der Leitungsgremien in Hannover gesetzt und wollte „Leuchtfeuer“ in den Mittelpunkt der Ausstrahlung der Evangelischen Kirche setzen wie ein weitbekanntes Markenprodukt. Nach immer stärker werdender Kritik, auch weil sich das Konzept nicht durchsetzte und kaum Erfolg zeigte, hat nun die V Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD deutlich erkennen lassen, warum dieses Konzept der Kirche der Freiheit mit der Kirchenlenkung von oben zum Scheitern verurteilt war: Die völlige Missdeutung und Missachtung der Rolle der Gemeinden.

In den Augen der Gemeindeglieder sind die Gemeinden die eigentlichen Repräsentanten der Kirche, nicht irgendwelche Leitungsgremien. Die Gemeindepfarrer und -pfarrerinnen sind die Repräsentanten der Kirche, die Presbyter, Mitarbeiter und Gottesdienstbesucher die Ansprechpartner in religiösen Fragen: Ferne Akademien der Landeskirchen spielen da keine Rolle. Mit Sicherheit kennen viele Gemeindeglieder besser den Namen ihres Gemeindepfarrers als den Namen des EKD-Vorsitzenden: Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel: Verbinden Sie viel mit dem bayrischen Landesbischof und EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm? (…)

Evangelisches Kirchenverständnis ist aufgebaut auf in ihrem Glauben mündigen Gemeindegliedern. Das ist eine Kernkompetenz evangelischen Glaubens. (…)

Die gemeindegliedernahe Ortsgemeinde ist der Kern der Kirchenbindung: Wenn dieses Fundament wieder stärker die Grundlage der Kirchenpolitik der EKD werden würde und die EKD und die Landeskirchen ihre primäre Aufgabe darin sähen, diese Gemeinden zu unterstützen, dann würde die Evangelische Kirche ein stabileres Fundament für die Zukunft haben als mit noch so tollen Leuchtfeuern. Das Schiff der Gemeinde braucht seine Orientierung nicht aus Marketingkonzepten der Wirtschaft sondern aus dem immer wieder neu aktuellen Nachdenken über die Bibel und den Glauben.

Diese Rückkehr von einem falschen Weg ist eine gute Orientierung für das Reformationsjubiläum im nächsten Jahr. In einem Satz gesagt im Sinne Luthers und der anderen Reformatoren: Nicht die Großorganisation Kirche soll im Mittelpunkt stehen, sondern der Glaube der einzelnen Gemeindeglieder und ihrer Gemeinde.“

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag: http://kirchenbunt.de/gemeinde-der-zukunft/

 

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