Aktion Judika – Thesen der Gemeindebünde in der EKD

Im Jubiläumsjahr der Reformation laden die Gemeindebünde in der EKD zur Diskussion über den Weg der Evangelischen Kirche ein!

Diskutieren Sie mit! Hier oder auf Facebook.

Die Thesen

  1. Als Kirche der Reformation vertrauen wir auf Gottes Gerechtigkeit, in der er uns annimmt, befreit und ermächtigt, uns für ein Leben in gerechten Verhältnissen einzusetzen.

  2. Als Kirche der Reformation müssen wir uns zuerst selbst von Jesu Person und Botschaft her hinterfragen und erneuern lassen. Kirche der Reformation ist immer eine stets neu zu reformierende Kirche.

  3. Die notwendige Reformation der Kirche geht in die falsche Richtung, wenn sie in erster Linie um ihre Selbsterhaltung besorgt ist. Wir erkennen diese falsche Ausrichtung in den Reformideen der EKD, die in den Landeskirchen zentralistisch umgesetzt werden durch:

    – die finanzielle Schwächung der Ortsgemeinden trotz steigender Kirchensteuereinnahmen;
    – die Streichung und Reduzierung von Pfarrstellen;
    – die Fusionierung von Gemeinden zu anonymen Pfarrverbänden;
    – den Aufbau von zentralen „Service-Stellen“;
    – die Ausweitung von Verwaltungsbehörden mit immer größerer Kontrollfunktion;
    – die zunehmende Hierarchisierung kirchlicher Ämter;
    – die Durchsetzung eines verfehlten, unevangelischen Kirchenverständnisses, das Gemeinden nur noch als „Filialen“ einer sie dirigierenden Großorganisation versteht.


  4. Solche Maßnahmen verfehlen den Auftrag der Kirche, Freiheit, Gleichheit und Solidarität als Gemeinschaft der Glaubenden zu realisieren und in der Gesellschaft für ein Leben in gerechten Verhältnissen und Beziehungen einzutreten.

  5. Wir fordern die leitenden Organe unserer Kirche auf, sich neu auf ihren Auftrag zu besinnen und die Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Gemeinden zu stärken, damit sie diesen Auftrag in ihrem Umfeld verwirklichen können. Die Gemeinden und Mitarbeitenden der Kirche fordern wir auf, sich zu verbünden, den falschen Reformbemühungen Widerstand entgegenzusetzen und ihre Kirchenleitung im Sinne des Auftrags der Kirche in die Pflicht zu nehmen.

Wenn Sie mitmachen wollen und auch in Ihrer Gemeinde über diese Thesen im Jubiläumsjahr der Reformation diskutieren wollen, finden Sie Vorlagen und mehr unter: http://ev-gemeindebuende.de/

Lesen Sie hierzu auch den Newsletter des Gemeindebunds Bayern (April 2017):
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterApril2017.pdf

Nr. 3 der unabhängigen Kirchenzeitung „Die mündige Gemeinde“ erschienen

Die mündige Gemeinde - eine protestantische Zeitung - Nr. 3/2016
Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung – Nr. 3/2016

Editorial

Am 18. und 19. September 2016 trafen sich zum ersten Mal die Gemeindebünde der vier Landeskirchen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Nordkirche, Evangelisch-Lutherische Kirche Bayern und Evangelische Kirche im Rheinland in der evangelischen Landjugendakademie zu Altenkirchen. U.a. wurde der Wunsch nach einem basisorientierten Presseorgan geäußert, das sich kritisch mit den Reformprozessen innerhalb der EKD auseinandersetzt und eine alternative Berichterstattung zu den etablierten Kirchenzeitungen bieten soll.

Da die finanziellen Mittel und logistischen Möglichkeiten der Vereine begrenzt sind, entstand die Idee, diese Zeitschrift in einer Onlineausgabe zu veröffentlichen und es der Initiative der Gemeinden zu überlassen, für eine Verbreitung als Printmedium zu sorgen. Unter der Internetadresse  www.muendige-gemeinde.de stehen daher unterschiedliche Formatvorlagen zum Download bereit, die eine flexible Weiterverarbeitung ermöglichen.

„Die mündige Gemeinde“ knüpft in ihrer inhaltlichen Ausrichtung an die beiden ersten Ausgaben an, die unter der maßgeblichen Regie von Pfarrerin Katharina Dang in den Jahren 2013 und 2014 im Zeitungsformat erschienen sind. Auch diese Ausgaben finden Sie auf der Webseite. Unser Anliegen ist es, auch auf diesem Wege einen breit angelegten Diskurs um die Zukunft unserer Kirche zu unterstützen, die in allen Landeskirchen initiierten Reformprozesse kritisch zu begleiten und konstruktiv an alternativen Ideen mitzuarbeiten, die unsere Kirche – trotz struktureller und finanzieller Herausforderungen – als Kirche für andere und vor Ort bei den Menschen bewahrt.

Denn Kirche lebt von und an der Basis, ihre gesellschaftliche Relevanz erhält sie aus den Kirchengemeinden und den Einrichtungen und Werken, die vor Ort ihren Dienst verrichten. Zu diesem Ergebnis ist nicht nur die 5. Kirchenmitgliederuntersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD gekommen, sondern dies erweist sich täglich in der Begegnung mit den Nahen und Fernen der Gemeinden. Darum treten wir für die Stärkung der Ortsgemeinden ein und wenden uns gegen eine Verlagerung von finanziellen Ressourcen und organisatorischen Kompetenzen auf andere Ebenen.

Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.

Die Gemeindebünde Bayern
Gemeindebund Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Gemeinde im Aufwind der Nordkirche
KirchenBunt im Rheinland

Direkter Download: http://muendige-gemeinde.de/DmG/DmG_2016-03.pdf

gemeindebuende

http://ev-gemeindebuende.de/

 

„Kirche der Freiheit“ – Abgesang auf ein kirchliches Altpapier

2007, ein Jahr nach Erscheinen des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, legte Florian Lenz in seiner Diplomarbeit (Kirche der Freiheit? – Eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Impulspapiers der EKD, GRIN Verlag GmbH 2013) eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Dokuments vor, die im Nachhinein ein interessantes Licht auf die Entwicklung der vergangenen Jahre in unseren Landeskirchen wirft. Er kommt seinerzeit zu dem Schluss, dass die von Huber & Co. verantworteten Reformideen nur dann erfolgreich umgesetzt werden könnten, wenn sich die Evangelische Kirche eine neue Organisationsstruktur zu eigen machen würde:

Da sie (die EKD, Anm. des Autors) nach ihrem Selbstverständnis (…) keine Kirche mit Hierarchie ist, können Reformen nicht wie in einem Wirtschaftsunternehmen von oben verordnet werden, sondern sich nur langsam unter Einbeziehung vieler Interessengruppen von unten vollziehen.

Und:

Institutionalisierte Einflussmöglichkeiten auf innere Angelegenheiten der Landeskirchen besitzt sie (die EKD, Anm. des Autors) jedoch nicht, denn diese sind autonome Körperschaften.

Um das „Problem“ zu lösen, gab Lenz folgenden Tipp:

In dieser Hinsicht wäre es eine Überlegung wert, über ein Mehr an Bürokratie und Hierarchie in der EKD nachzudenken (…) stärker ausgeprägte Hierarchien mit entsprechenden Kompetenzen würden manch einen Aspekt des aufgezeigten Reformprozesses vereinfachen.

Nach neun Jahren können wir konstatieren: Die EKD und ihre Landeskirchen haben in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet! Obwohl z.B. die Evangelische Kirche im Rheinland offiziell nichts von einer Umsetzung des Impulspapiers wissen will (Aussage von Präses Rekowski auf der Veranstaltung „Kirchenleitung im Gespräch“ in Oberhausen im September 2013), hat sie die Vorgaben mustergültig realisiert. Nicht nur das Neue Kirchliche Finanzwesen und die Verwaltungsstrukturreform zeugen davon. Auch die Genehmigungspflicht der Haushalte (Gemeinden gegenüber dem Kirchenkreis, Kirchenkreise gegenüber der Landeskirche) beweisen das, deren Ausübung aus praktischen Gründen nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben wurde. Damit ist aber klar: Die Umbauprozesse sind in der Tat nicht von der Basis her konzipiert, sondern folgen den Mechanismen eines Großkonzerns in klassischer Top-Down-Manier. Abgesehen davon, dass dies mit der evangelischen Grundüberzeugung einer sich von unten aufbauenden Kirche nicht vereinbar ist, hinterlassen die initiierten Reformprozesse mittlerweile irreparable finanzielle und personelle Kollateralschäden, die den erhofften Nutzen zunichte machen.

„Zielorientierung steht im Mittelpunkt.“

Darüber hinaus formen sie unsere Kirche zu einer Organisation, die sich mehr und mehr von ökonomischen Gesichtspunkten leiten lässt. Insofern ist die Einführung des Neuen Kirchlichen Finanzwesens nur konsequent gewesen, auch wenn die Systematik der Doppelten Buchführung nicht unmittelbar kompatibel ist mit kirchlichen Strukturen und Inhalten. Beispielhaft sei an dieser Stelle die berühmt-berüchtigte „Linke Seite“ und die hier zu formulierenden „Ziele“ genannt. Schließlich ist es mehr als abenteuerlich, den Erfolg an Sachzielen wie „Zufriedenheit der Kirchenmitglieder“ oder „Verkündigung des Wortes Gottes“ (NKF-Infobrief Mai 2013 des Kirchenkreises Altenkirchen) zu bemessen. Da helfen auch solch gut gemeinten Ratschläge wie die von Dr. Lars Tutt, Leitender Dezernent des Finanzdezernats im Landeskirchenamt, nicht, der vorschlägt, „geistliche Qualitäten – wie etwa im Gottesdienst oder in der Seelsorge“ mit „Like-it-Button auf der Facebook-Seite der Gemeinde“ oder am „Kollektenaufkommen“ oder gar an „der Zahl der Seelsorgegespräche“ zu bewerten (ekir.info Nr. 6 / Dezember 2014, S. 12). Wer sich dann noch mit kommunalen Mitarbeitern austauscht, die das Procedere der Buchhaltungsumstellung schon hinter sich haben, weiß, worum es bei NKF in Wirklichkeit geht: um (Erfolgs-)Kontrolle. Was an sich nicht unbedingt verwerflich ist, wird spätestens jedoch dann äußerst fragwürdig, wenn man beobachtet, wer am Ende wen kontrolliert!

Und da sind wir wieder bei der Verwaltung, die inzwischen nicht nur erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen bindet, sondern merklich an Einfluss auch in die Gemeindearbeit vor Ort gewonnen hat, obwohl sie sich aufgrund der Zentralisierung aus diesen zurückziehen musste. Was sie daraus macht, liegt auch daran, welches Selbstverständnis sie von sich hat und welche Ziele sie verfolgt. Auch hierzu sei Florian Lenz zitiert:

Gewählte Führungen kommen und gehen, die bürokratische Verwaltung aber bleibt. Dies gilt auch für die EKD. Es bleibt zu diesem Zeitpunkt Spekulation, welche Interessen die bürokratischen Verwaltungsorgane der EKD und der Landeskirchen haben und welchen Einfluss sie in Bezug auf die Leuchtfeuer geltend machen werden. Es ist aber davon auszugehen, dass bei einer Fusion von Landeskirchen auch Verwaltungsstrukturen aufgelöst werden. Selbsterhaltung und somit Arbeitsplatzsicherheit der Mitarbeitenden in der Verwaltung wird daher mit Sicherheit ein Interesse der Verwaltung sein.

Schon 1970 hat es ja den Versuch auf der Synode in Stuttgart gegeben, die EKD-Organe durch eine Bundeskirche zu stärken. Damals haben sich die Landeskirchen erfolgreich dagegen gewehrt, da sie – man höre und staune! – eine Zunahme des Zentralismus und somit eine Abnahme ihrer Autonomie befürchteten. Gut 35 Jahre später scheinen sich solche Ängste unter dem Dauerbeschuss von negativen, jedoch sich nicht bewahrheitenden Prognosen, verflüchtigt zu haben. Willig werden Vorgaben, wie sie – ebenfalls 2006(!) im „Erweiterten Solidarpakt“ von der EKD diktiert sind, umgesetzt (Beschlusstext veröffentlicht unter wort-meldungen.de). Dass solche Vereinbarungen an Landessynoden vorbei getroffen und Presbyterien über solche Vorgänge nicht informiert wurden, gibt dem ganzen Sachverhalt ein gewisses unprotestantisches Gschmäckle und widerspricht der viel gepriesenen und versprochenen Transparenz.

„Das christliche Liebeshandeln wird dann undeutlich, wenn die christlichen Wurzeln in Vergessenheit geraten und der gemeinnützige Liebesdienst einer Unternehmensorientierung zum Opfer fällt, welche Effizienz und Kosten- und Leistungsrechnung zu Maßstäben macht.“

Kurz vor ihrem 10-jährigen Jubiläum und zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum scheint sich aber selbst in höheren Etagen die Erkenntnis durchzusetzen, dass mit „Kirche der Freiheit“ ein Dokument Einzug gefunden hat, das ein ungesundes und wesensfremdes wirtschaftliches Denken etablierte. Siegfried Eckert hat mit seinem Buch „2017. Reformation statt Reförmchen“ einen vielbeachteten Anfang gemacht. Laut wort-meldungen.de hat nun auch der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen-Nassaus, Volker Jung, ein vernichtendes Urteil über die Intention des Papiers gefällt und es knapp auf den Punkt gebracht:

„Die Parole „Wachsen gegen den Trend“ habe viel Druck gemacht und keinen Nutzen gebracht.“

Darüber hinaus kritisierte er auch den auf Leitungsebene schier unerschütterlichen Glauben an langfristige Prognosen, mit denen die Umbauprozesse bis heute als alternativlos begründet werden:

Jung distanziert sich vom Impulspapier „Kirche der Freiheit“ und der darin enthaltenen „einfachen Formel“ wonach in einem gegebenen Jahr 2030 die Mitgliederzahl und Finanzkraft der Kirche sinken würden: „Niemand wagt heute mehr eine Finanzprognose. Die tatsächliche Entwicklung der Finanzkraft hat sich zum Glück nicht so bestätigt wie prognostiziert. Die Finanzkraft sei nicht nur von der Mitgliederzahl abhängig. Bei guter wirtschaftlicher Situation verzeichnet die ev. Kirche auch bei Mitgliederschwund hohe Einnahmen.“

Jung ist beileibe nicht der einzige, der sich so deutlich vom Impulspapier distanziert. Lediglich Thies Gundlach, Vizepräsident der EKD, tingelt landauf, landab durch die Gegend, preist dessen Innovationspotenzial und verteidigt es tapfer gegen jede Kritik. Doch auch er wird eines Tages feststellen müssen, dass dieses Papier nicht selbiges wert gewesen ist, auf dem es geschrieben wurde. Allerdings hört man Kritik meist nur hinter verschlossenen Türen, auf schallgedämpften leeren Fluren der Landeskirchenämter oder wenn das Mikrofon ausgeschaltet ist. Und in Düsseldorf – so kann man in einem Beitrag im PräsesBlog unschwer nicht nur zwischen den Zeilen lesen – will man das leidige Thema gleich ganz ad acta legen und sich am liebsten erst gar nicht damit auseinandersetzen. Nachzuvollziehen ist das. Denn würde man Kritik von landeskirchlicher Leitungsebene laut und bis zur Basis hörbar äußern, müsste man sich schließlich auch einer öffentlichen Diskussion über die Vielzahl an negativen Folgen aussetzen, die gerade in den Kirchengemeinden zu spüren sind, ohne das die wirklich festmachen können, woraus sie resultieren.

„Reformen werden nicht von oben verordnet, sondern vollziehen sich von unten her.“

Dies wäre aber ein notwendiger Reinigungsprozess, der Voraussetzung dafür ist, dass adäquate Reformen angestoßen werden – und zwar dieses Mal von unten! Denn nicht nur die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung macht deutlich, wo Kirche verortet ist: in den Gemeinden und in den Diensten und Werken, die für jedermann ersichtlich konkrete Arbeit am Menschen leisten. EKD, Landeskirchen, ja selbst Kirchenkreise bleiben für die meisten abstrakte Größen, die nur wenig Bindungskraft entwickeln. Die besitzen aber nachweislich immer noch die Kirchengemeinden vor Ort (auch wenn Thies Gundlach das, wie auf einer Podiumsdiskussion in Bonn geschehen, vehement bestreitet). Deshalb ist auch dort zu entscheiden, wie den aktuellen Herausforderungen begegnet werden soll. Notwendig wäre hierfür eine direktere Kommunikation zwischen Kirchenleitung und Landessynode auf der einen und Presbyterien auf der anderen Seite.

Mit „Kirchenleitung im Gespräch“ wurde zwar ein zaghafter Anfang gemacht, jedoch glichen diese Abende mehr einer Alibiveranstaltung als einer Diskussion auf Augenhöhe. Auch das ist m.E. die Folge eines neuen Verständnisses von „Leitung“, die auf der Grundlage von „Kirche der Freiheit“ mehr und mehr als „Führung“ interpretiert wird. Umso mehr gilt es, den wahren Charakter dieses Dokuments offen zu legen (so wie es z.B. im Wormser Wort ausformuliert ist), die durch das  Impulspapier initiierten Umbaumaßnahmen ehrlich und offen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, wo es noch nicht zu spät ist, eingeleitete kontraproduktive Maßnahmen zu stoppen bzw. zu modifizieren, um dann endlich – endlich! – einen Aufbruch zu wagen, der dort seinen Ausgangspunkt nimmt, wo Kirche Jesu Christi den Menschen am nächsten kommt. Vielleicht schaffen wir das noch bis 2017 – schön wär’s!

Kirche vor Ort und bei den Menschen

Wir haben es sowohl mit einer organisatorischen und finanziellen als auch machtpolitischen Schwächung der Kirchengemeinden zugunsten von Kirchenkreisen und Landeskirche, aber auch in Richtung EKD zu tun, was, sollte dieser Kurs unverändert beibehalten werden, unsere Rheinische Kirche in den kommenden Jahren von einer presbyterial-synodalen Ordnung weg zu einem synodal-episkopalen System führen wird.

Wir stehen in der Tat vor der Frage: Welche Kirche wollen wir? Oder besser: Welche Kirche sollen wir um Gottes Willen sein? Da der Umbauprozess in verschiedenen Bereichen schon weit vorangeschritten ist und im Hintergrund von Seiten der EKD zumindest gefördert, wenn nicht sogar forciert wird (Stichwort: Erweiterter Solidarpakt), da eine selbstkritische und auf die Bedürfnisse der Basis achtende Infragestellung des bisherigen Kurses innerhalb der zweiten und dritten Führungsebenen kaum wahrnehmbar ist, da die Reorganisation unserer Landeskirche immer deutlicher einer konzernorientierten Philosophie folgt, ist eine Stärkung der ersten Ebene wohl nur durch die erste Ebene selbst einzuleiten. Voraussetzung hierfür ist eine von landeskirchlichen Strukturen unabhängige Solidarisierung und Vernetzung von Kirchengemeinden, Einrichtungen und Werken, wie sie in anderen Landeskirchen schon existieren – nicht, um notwendige Veränderungen zu boykottieren, sondern um einen wirklichen Reformprozess anzustoßen, der dort beginnt und investiert, wo die kirchliche Arbeit am deutlichsten Wirkung zeigt und einem weiteren Bedeutungsverlust am effektivsten entgegenwirkt: vor Ort bei den Menschen.

Ausführlicher Artikel auf kirchenbunt.de:

http://kirchenbunt.de/kirche-vor-ort-und-bei-den-menschen/

Gemeinwesen oder Großkonzern

Diese Skizze soll verdeutlichen, in welchem gesellschaftlichen Kontext die kirchlichen Umbaukonzepte entwickelt wurden. In zentralen Elementen folgen sie einer neoliberalen Agenda. Was völlig fehlt, ist die Anknüpfung an das große biblische Freiheitsepos, das den Auszug der Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten beschreibt. Auch einen handlungsleitenden Bezug auf den paulinischen Freiheitsbegriff (Vgl. z.B. Gal. 4-5) sucht man vergeblich. Was offenbar sehr zielgerichtet angestrebt wird, ist die Transformation eines immer noch bemerkenswert vielfältigen protestantischen Gemeinwesens in einen religiösen Dienstleistungskonzern.

Von Hans-Jürgen Volk

http://kirchenbunt.de/gemeinwesen-oder-grosskonzern/

Quo vadis, EKiR?

Über die Reformutation einer noch 
presbyterial-synodal strukturierten Landeskirche.

Von Andreas Reinhold

Es war eine Sternstunde des zivilen Ungehorsams, politischen Mutes und der persönlichen Glaubensfreiheit: 1529 verweigerten die evangelischen Stände auf dem Reichstag zu Speyer ihre Zustimmung für ein Edikt, das den Ländern und Reichsstädten der Reformation schon zugesagte Rechte und Sicherheiten, die ihnen drei Jahre zuvor eingeräumt worden waren, wieder genommen hätte. Gegen eine katholische Mehrheit und im Angesicht des kaiserlichen Stellvertreters König Ferdinand I. protestierten sie für die ungehinderte Verbreitung des evangelischen Glaubens, gegen die Verhängung der Reichsacht gegen Martin Luther und gegen ihre religiöse Entmündigung. Infolge ihres Aufbegehrens und Widerstandes setzte sich in Deutschland das Prinzip der Religionsfreiheit durch, und aus der reformatorischen Bewegung entwickelte sich eine protestantische Glaubenskultur, die gegenüber einer klerikal geprägten Kirche die geistliche Mündigkeit der Getauften, das Priestertum aller Gläubigen, betonte. Diese Überzeugung ist u.a. der Grund dafür, dass sich evangelische Kirchen von der Ortsgemeinde her entwickelt haben und übergeordnete Institutionen lediglich subsidiäre, also dienende Funktion besitzen.

In der Evangelischen Kirche im Rheinland manifestiert sich dieses Prinzip in ihrer presbyterial-synodalen Grundordnung: Die Presbyterien sind als Leitungsorgan ihrer Kirchengemeinden für alle Belange der Gemeindeentwicklung vor Ort verantwortlich: ihnen obliegt das ius liturgicum, die Verwaltung der Kirchensteuereinnahmen und die Pflicht, die Gemeinde personell adäquat auszustatten. Obwohl die Kirchenordnung immer wieder modifiziert und Kompetenzen neu sortiert wurden, blieb diese Grundstruktur lange Zeit bestehen, auch, weil sie nach der geltenden Kirchenordnung nicht angetastet werden darf! So heißt es in Art. 126.3KO: „Die Landeskirche ordnet unter Wahrung der presbyterial-synodalen Ordnung Auftrag und Dienst der Kirchengemeinden und Kirchenkreise.“ (Hervorhebung vom Autor).

Nun ist seit geraumer Zeit eine Entwicklung nicht nur innerhalb der EKiR erkennbar, die Entscheidungs- und Richtlinienkompetenzen in übergeordnete Ebenen (Kirchenkreis, Landeskirche) transferiert und eine stärkere Hierarchisierung mit teilweise verheerenden Auswirkungen auf die Ortsgemeinden bewirkt. Begründet wurde und wird dies hauptsächlich mit der Schaffung einer strafferen, effizienteren und damit wirtschaftlicheren Organisationsstruktur, innerhalb der finanzielle Mittel eingespart und vermeintlich effektiver eingesetzt werden können. Prognostizierte Einbußen bei den Kirchensteuereinnahmen, befürchtete Kirchenaustrittszahlen und die Sorge um eine ausreichend gefüllte Pensionskasse bildeten dabei die argumentative Basis, mit der Presbyterien und Kirchenkreise zu entsprechenden Maßnahmen bewogen und Synoden zu entsprechenden Beschlüssen geführt wurden. Dieser Prozess war und ist unübersichtlich vielschichtig und findet bis heute in mehreren Bereichen nahezu gleichzeitig statt. Stichwortartig seien an dieser Stelle genannt:

  • die Verwaltungsstrukturreform, mit der Kirchengemeinden dazu angehalten wurden, ihre eigenständigen Ämter vor Ort zugunsten einer zentralisierten Verwaltungsstelle auf Kirchenkreisebene aufzugeben;
  • die Personalplanung, die immer deutlicher auf Kirchenkreisebene gehoben wird;
  • die Einführung des Neuen Kirchlichen Finanzwesens (NKF), mit dem auf allen Ebenen von der kameralistischen auf die doppische Buchhaltung umgestellt wurde, um einen verbesserten Kontroll- und Steuerungsmechanismus in der Hand zu haben.

Darüber hinaus sei – quasi als „Nebenschauplätze“ – auf folgende Veränderungen hingewiesen:

  • Seit 2008 wird der Zugang zum Pfarrdienst durch ein zentralisiertes Bewerbungsverfahren auf Landeskirchenebene geregelt.
  • Die Kirchengemeinden wurden mittels einer Gebäudestrukturanalyse angehalten, ihre Immobilien analysieren und im Hinblick auf Auslastung, Unterhaltungskosten und Investitionslücken bewerten zu lassen.

Eine theologische Begründung all dieser Maßnahmen, die in weiten Teilen die Entscheidungshoheit der Presbyterien und damit einen Grundpfeiler evangelischen Kircheseins im Rheinland aufheben, zumindest aber einschränken, gab und gibt es bis heute nicht!

(…) Als Kirche Jesu Christi dürfen wir uns nicht artfremden Bedingungen unterwerfen und sollten deshalb skeptisch bleiben gegenüber Bestrebungen, auch die Institution Kirche  und ihre Gemeinden nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu formen. Wir haben vor allem theologisch zu verantworten, was wir reden und tun – gerade auch was das kirchliche Haushalten anbelangt, das weit mehr ist, als die ordentliche Verwaltung des Geldes: nämlich Kirche im Sinne Jesu Christi zu bleiben. Und die verwirklicht sich immer in der Gemeinschaft vor Ort, wo sie den Menschen in allen Belangen nahe kommt. Darum baut sich Kirche von unten auf. Und darum gehört die Leitung der Ortsgemeinden (wieder) in die Presbyterien.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://beffchen.de/quo-vadis-ekir/

Andreas Reinhold betreibt die Predigtseite www.kanzelgruss.de und den Blog http://beffchen.de/

EKiR aus den Fugen

Die Landessynode der EKiR scheut ernsthafte Korrekturen und verschärft den Bürokratieaufbau

Von Hans-Jürgen Volk

Es passt wenig zusammen in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Auf ihrer Landessynode in Bad Neuenahr, die vom 16.-22.01. 2014 tagte, präsentierte sich die zweitgrößte deutsche Landeskirche als mental wie strategisch aus den Fugen geraten. Die Widersprüche werden deutlich, wenn man den Präsesbericht von Manfred Rekowski und den Finanzbericht der Kirchenleitung, vorgetragen von dem Finanzdezernenten Bernd Baucks, nebeneinander legt. Mit am problematischsten ist die Diskrepanz zwischen der Stimmungslage der Synode, die Rekowski z.B. während der Abschlusspressekonferenz verbalisiert und dem Frust, der sich bei der Mitarbeiterschaft, in den Kirchenkreisen und den Gemeinden angestaut hat. Nimmt man nicht wahr, wie unbarmherzig provozierend diese zur Schau getragene Zufriedenheit mit dem eigenen Leitungshandeln auf die von Sparmaßnahmen betroffenen Beschäftigten wirken muss?

Die Rede von Rekowski wäre ein großer Wurf, der theologisch fundiert Perspektiven aufzeigt, hätte die EKiR tatsächlich einen massiven Einbruch ihrer Einnahmen zu beklagen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: bei 617,3 Mio. € liegt das Nettokirchensteueraufkommen voraussichtlich 2013 (Finanzbericht S. 15). Dies ist nominal das beste Ergebnis seit 20 Jahren!

(… ) Am Mitteleinsatz erkennt man die Strategie. Auf eine einfache Formel gebracht kann man die strategische Ausrichtung der EKiR wie folgt beschreiben.

  1. Die Mittel für die Arbeit mit Menschen werden reduziert.
  2. Dagegen weitet sich der Mitteleinsatz für Verwaltung aus.
  3. Deutlich mehr Mittel als bisher sollen der Kapitalbildung zur Absicherung zukünftiger Versorgungs- und Beihilfeansprüche zugeführt werden (bisher schon knapp ¼ des Netto-Kirchensteueraufkommens).

(…) Nach Hilden 2013 und Bad Neuenahr 2014 geht ein „weiter so“ tatsächlich nicht mehr. Wenn einen die Erkenntnis umtreibt, dass die eigene Kirche auf einem falschen Weg ist, kann man nicht dauerhaft mitgehen. Diese Erkenntnis teilen viele Presbyterinnen und Presbyter, Pfarrerinnen und Pfarrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie engagierte Gemeindeglieder, die immer wieder dem Druck ausgesetzt waren und sind, Vorgaben umzusetzen, die die kirchliche Arbeit im eigenen Umfeld schädigen und eine Verschlechterung für die eigene Situation bedeuten. Der drastische Sparkurs wird diese Dynamik verschärfen – vor allem dann, wenn keine Korrekturen bei misslungen Reformprojekten stattfinden. Nötig ist ein entschlossenes, konstruktives Innehalten. Der Weg der EKiR seit 2005/6 muss überprüft und eine neue Richtung gefunden werden. Die Erfahrung hat gezeigt, dass von dem rheinischen System der „kollegialen Leitung“ auf der Ebene der Landeskirche, also von ständigen Ausschüssen, Kollegium und Kirchenleitung keine Kurskorrektur zu erwarten ist. Es geht um einen Aufbruch von unten – für eine Kirche, die an ihrem Auftrag und an den Menschen orientiert ist und in der Geld wieder eine dienende Funktion einnimmt.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/ekir/ekir-aus-den-fugen.php

Hans-Jürgen Volk betreibt die Webseite „Zwischenrufe“: http://www.zwischenrufe-diskussion.de/pages/willkommen.php

 

 

Die EKiR im Umbruch

Von Hans-Jürgen Volk

Operationen an einer Landeskirche

Die  Evang. Kirche im Rheinland (EKiR) befindet sich erneut in einer Phase  des Umbruchs. Der mit einem Führungswechsel Anfang 2013 verbundene  Kurswechsel gibt Anlass zu neuerlicher  Reformkritik. Hans-Jürgen Volk über anfängliche Hoffnungen und erste  Ernüchterungen.

„Eine Begründung für  die Umbauprozesse war die Finanzlage und vor allem die langfristige  finanzielle Perspektive. Hier orientierte man sich an EKD-Zahlen,  vereinfachte diese wie folgt: »Die evangelische Kirche wird im Jahr 2030  ein Drittel weniger Mitglieder als 2002 haben und nur noch über die  Hälfte ihrer Finanzkraft verfügen.«4 Die »einfache Formel«  war geboren, die von nun an gebetsmühlenartig von Superintendenten und  Kirchenleitungsmitgliedern vorgetragen wurde. Es zeigte sich, dass nicht  viel dazu gehört, eine Landeskirche dauerhaft in eine depressive  Stimmung zu führen, zumindest was die Finanzentwicklung betrifft. Mit  der Realität hatte dies wenig zu tun: 2002 verfügte die EKiR über ein  Nettokirchensteueraufkommen von 529 Mio. Euro, 2013 werden es über 600  Mio. Euro sein. Nominal ist dies eine Steigerung von 14,5%. Auch unter  Berücksichtigung des Kaufkraftverlusts entspricht die tatsächliche  Finanzentwicklung seit über 10 Jahren keineswegs dem mit der »einfachen  Formel« dargestellten Negativszenario.

Die zweite Begründung  insbesondere für verfassungsrechtliche Veränderungen bestand in der  wachsenden Komplexität, die angeblich Presbyterien überfordern würde.  Das synodale Element müsse gegenüber dem presbyterialen gestärkt werden.  Durch »Reform«-Maßnahmen im Einheitslook wie die Forderung nach einem  Personalkonzept der Kirchenkreise, eine halbherzige Reform der vordem  dezentralen Rechnungsprüfung, die Umstellung auf NKF (»Neues kirchliches  Finanzwesen«) oder eine Verwaltungsstrukturreform vergrößerte man  allerdings die Komplexität und unterschätzte das Problem gesteigerter  Komplexität von zentral gelenkten Prozessen in einer derart  vielgestaltigen Landeskirche. Die Folge dieser Selbstüberschätzung war,  dass kaum etwas gelang, vieles aber gründlich daneben ging.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt Nr. 10/2013:
http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3466

EKiR: Manchmal muss es eben Mumm sein!

In einer Videobotschaft und in einem offenen Brief kündigt der Präses der Ev. Kirche im Rheinland Einsparungen von 35% auf landeskirchlicher Ebene bis zum Jahr 2018 an. Der Offenheit, mit der er die Sparmaßnahmen ankündigt, darf man durchaus Respekt zollen. Dennoch ist es jetzt an der Zeit, dass sich unsere Kirchengemeinden wieder mehr auf ihr presbyterial-synodales Prinzip rückbesinnen und sich von übergeordneten Institutionen emanzipieren.

Botschaft

Ein Kassensturz, so Präses Rekowski, habe ergeben, dass die finanzielle Situation auf landeskirchlicher Ebene dramatischer sei, als noch vor wenigen Monaten angenommen. Ursprünglich sollten 15% des Haushaltes bis zum Jahre 2023 eingespart werden, nun ist man zur Erkenntnis gekommen, dass es 35% bis zum Jahre 2018 sein müssen. Begründet wird dieser Einschnitt u.a. mit dem einleitenden Hinweis, dass die Mitgliederzahlen seit Jahrzehnten sinken und damit die Kirche weniger Kirchensteuer einnehmen würde. Diese Behauptung hat in den letzten Jahren schon zu teilweise drastischen Sparmaßnahmen in einzelnen Gemeinden geführt: Pfarrstellen- und Angestelltenabbau, (unfreiwillige) Fusionen, Veräußerung von Gebäuden etc. U.a. wurden auch strukturelle Veränderungen mit vorgeblich finanziellen Einbußen begründet und durchgesetzt. Diese Entwicklung wird nun weiter forciert.

Fakten

Der Brandbrief unseres Präses Rekowski beginnt mit dem Satz: “Wie können wir auch in Zukunft unsere Leitvorstellung ‘missionarisch Volkskirche sein’ verwirklichen, wenn unsere Mitgliederzahl seit 1970 um fast ein Drittel gesunken ist und weiter kontinuierlich sinkt und unsere Finanzkraft nicht zuletzt dadurch nachhaltig geringer wird?” Es ist bedenklich, dass das Damoklesschwert der zurückgehenden Mitgliederzahlen immer wieder gleichgesetzt wird mit geringeren Kirchensteuereinnahmen. Denn das ist schlichtweg falsch! Das Gegenteil ist der Fall: 1970 lagen die Mitgliedszahlen bei knapp 3,9 Millionen, das Kirchensteueraufkommen betrug umgerechnet etwa 200 Mio €. 1990 verzeichnete die EKiR 3,3 Millionen Mitglieder bei einem Kirchensteueraufkommen von 580 Mio € und im Jahre 2013 werden wir uns voraussichtlich über knapp 600 Mio € Kirchensteuereinnahmen freuen können bei 2,74 Millionen eingetragenen Schäfchen. Dass diese Tatsache – vorsichtig formuliert: – umgedeutet wird, lässt darauf schließen, dass man andere Gründe für die prekäre finanzielle Situation entweder zu vertuschen oder zumindest in den Hintergrund zu drängen versucht. So entsprechen laut Notiz des Internetbeauftragten der EKiR, Peter Reimann, die 35% einem Einsparvolumen von 20 Mio €. Das ist zufällig genau die Summe, die durch dubiose Geschäfte des kircheneigenen Unternehmens bbz GmbH, des Beihilfe- und Bezüge-Zentrums mit Sitz in Bad Dürkheim, veruntreut wurde.

Auch andere überdimensionale Kostenfaktoren sind auf unsachgemäße, ja dilettantische Projektplanung und -umsetzung des Landeskirchenamtes zurückzuführen. Nehmen wir z.B. den Wechsel des Buchungssystems auf das Neue Kirchliche Finanzwesen (NKF): 2011 bestätigte die Landessynode, anstatt der bisher verwendeten kameralistischen die doppische Buchführung einzuführen. Damit sollten die Kirchengemeinden und nicht zuletzt das LKA selbst ihre eigenen finanziellen Belange unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten realistischer abbilden und so zukunftsorientierter planen können. Leider erwies sich die Umstellung in der Kürze der vorgegebenen Zeit und vom Arbeits- und Technikaufwand her als Überforderung der zur Verfügung stehenden Kräfte und Ausstattung, so dass auf landeskirchlicher Ebene Know-How und Manpower teuer eingekauft werden musste, um die gesteckten Ziele wenigstens ansatzweise zu erreichen. Auch hier wurden Millionenbeträge zum Fenster rausgeworfen, u.a. deshalb, weil die vorgesehenen Budgets nicht eingehalten werden konnten (allein für das LKA erhöhte sich der finanzielle Bedarf laut Finanzbericht 2012 auf fast das Doppelte der veranschlagten 2 auf 3,8 Mio € – die Gesamtkosten übersteigen inzwischen das 10fache dieses Betrags!). Als weiterer Kostentreiber ist die Verwaltungsstrukturreform anzusehen, die im Januar 2013 in einem Gesetz verabschiedet wurde und den Kirchenkreisen vorschreibt, wie sie ihre Personalplanung zu gestalten haben. 15 Vollzeitstellen sind – unabhängig von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten – einzurichten. Und: “Zur Sicherung von Vertretung und zur Gewährleistung der notwendigen Fachlichkeit bestimmt die Kirchenleitung eine Mindestpersonalausstattung für die Aufgabenbereiche Personalwesen, Finanzwesen, Bau- und Liegenschaften, IT-Angelegenheiten, Leitung sowie Organisation und Controlling durch Rechtsverordnung gemäß § 27.” Was nichts anderes bedeutet, als dass Kirchenkreise, um dieser Vorgabe zu entsprechen, entweder Personal kostenintensiv aufstocken oder aber fusionieren müssen, da sich eine spürbare positive finanzielle Auswirkung einer solchen Verwaltungseinheit erst bei etwa 100.000 Kirchengliedern einstellt.

Analyse

Neben all den kritischen finanziellen Aspekten, die mir seit einigen Jahren Sorgen bereiten, schwant mir ein weit größeres Ungemach in unserer Evangelischen Kirche im Rheinland. Anscheinend ist man dabei, das Wesen unserer Kirche zu verändern! Bauchschmerzen bereitet mir deshalb ein Nebensatz im Brandbrief Rekowskis, der sich jedoch nahtlos in die Entwicklung der letzten Jahre einfügt. Im Schreiben heißt es: ”Am 28. September findet eine ‘Zukunftswerkstatt’ statt: Neben der Kirchenleitung wird der Ausschuss für Aufgabenkritik, die Vorsitzenden der Ständigen Ausschüsse sowie aus jedem Ausschuss je drei weitere Mitglieder darüber beraten, wie die Evangelische Kirche im Rheinland im Jahr 2030 aussehen soll. Hiervon versprechen wir uns wichtige Impulse für die weiteren Beratungen.” Kirche im Jahr 2030 – das rekuriert auf das noch von Bischof Huber initiierte Impulspapier der EKD “Kirche der Freiheit”, das im Jahre 2006 als Diskussionsgrundlage in die Gemeinden ging. Das darin entwickelte Modell von Kirche mit religiösen Eventzentren und der weitgehenden Aufgabe parochialer Strukturen, also der Ortsgemeinden mit ihren Pfarrern und Kirchen, ist Ausgeburt eines Denkens, das sich eher an unternehmerischen und wirtschaftlichen Prämissen orientiert als an den Leib Christi, der Kirche doch sein soll! Überhaupt vermisse ich in all diesen Diskussionen die theologische Grundlegung und Ausrichtung der anzugehenden Projekte und Umstrukturierungsmaßnahmen. Anstatt auf Gottes Wort zu hören und zu vertrauen, anstatt in den Gemeinden vor Ort nach Lösungsansätzen zu suchen und den Erfahrungen der Pfarrer, Presbyterien und haupt- und ehrenamtlich Tätigen zu lauschen, setzt man lieber auf externe Beratungsfirmen und Marketingstrategen, die unsere Evangelische Kirche im Rheinland wie ein seelenloses Wirtschaftsunternehmen behandeln, das mal ordentlich saniert werden muss. Wenn jedoch das Monetäre als unser Kapital ins Zentrum rückt und nicht der Mensch, dann verfehlen wir nicht nur den Auftrag Jesu, sondern pervertieren unsere Kirche zu einem Tempel, in dem sich alles nur noch um das Goldene Kalb “Wirtschaftlichkeit” dreht. Die schlechten Erfahrungen, die wir die letzten Jahre damit gemacht haben, müssten doch nun langsam zu der Erkenntnis führen, dass – Gott sei Dank! – die Evangelische Kirche im Rheinland kein Wirtschaftsunternehmen ist, dass unsere Pfarrer keine Manager, dass unsere Presbyter keine Abteilungsleiter und unsere Verwaltungsangestellten keine IT-Spezialisten sind – und dass unser Evangelium kein Konsumprodukt ist, dass nur professionell vermarktet werden muss. Wir sind Kirche Jesu Christi und das heißt vor allem, dass wir für die Menschen aus christlicher Liebe heraus Lebensbegleiter sein sollen. Und ich kenne keinen Mitarbeitenden vor Ort, der sich nicht zuerst als Christ und erst viel später als jemand sieht, der hier nur seinen Job macht. Und diesen Unterschied zur Gesellschaft muss sich unsere Kirche in allen Belangen bewahren!

Konsequenzen

1. Die von Präses Rekowski angedeutete Transparenz darf sich nicht nur in Worten, sondern muss sich auch in Taten zeigen. Dazu gehört auch, dass solche Hiobsbotschaften wie die geplante Einsparung von 35% nicht kurz vor den Sommerferien veröffentlicht werden, sondern zu einem Zeitpunkt, zu dem Gemeinden und Kirchenkreise noch die Möglichkeit haben, darauf angemessen zu reagieren!
2. Unsere Synodalen müssen gegenüber der Kirchenleitung mehr Selbstbewusstsein entwickeln und nicht nur Beschlussvorlagen abnicken, weil es inzwischen spät am Abend ist und der Zug nach Hause nicht wartet! (Ich weiß, dass ich an dieser Stelle manchem Abgeordneten Unrecht tue, gehe aber dieses Risiko um des deutlichen Wortes willen ein.)
3. Unsere Kirchengemeinden müssen sich davon frei machen, den Vorgaben der Landeskirche auf Schritt und Tritt Folge zu leisten. Die Presbyterien sind zu aller erst und nur Jesus Christus gegenüber und seiner Gemeinde vor Ort verpflichtet. Ihr Wohl und Gedeihen stehen im Vordergrund. Wenn man der Meinung ist, dass eine landeskirchliche Entscheidung der Verkündigung und Seelsorge vor Ort und der Entwicklung der Gemeinde schadet, dann reicht es nicht zu protestieren, sondern dann ist in der Tat Widerstand gefragt!
4. Kompetenzen dürfen nicht weiter “nach oben” verlagert werden, sondern müssen wieder dorthin, wo sie hingehören: in die Presbyterien und in die Gemeinden vor Ort.
5. Wir alle müssen uns fragen, an welcher Stelle wir zu distanziert, zu desinteressiert, zu lau, zu schläfrig und zu beschäftigt waren, so dass wir eine Entwicklung verpasst haben, die dazu führt, dass unsere Evangelische Kirche im Rheinland ihr presbyterial-synodales Profil zunehmend verliert.

Zu all dem braucht es Gottvertrauen und Mut – ich hoffe, wir Rheinländer bringen ihn auf. Einer meiner Professoren hatte einmal gesagt: Wie ist der Begriff “Pneuma” (Geist) am besten zu übersetzen? Mit Mumm! Der Heilige Geist verleiht Mut! Und manchmal muss es – um Jesu Christi und seiner Kirche Willen – eben Mumm sein.

Plädoyer wider die Einheitslösungen

Fragen und Probleme rund um kirchliche Reformprozesse (VI)
Von: Ingrid Schneider

Ein systemisch-integraler Blick auf die Reformen in der EKiR

Wer  sich die Reformdiskussionen in der EKD und ihren Landeskirchen  anschaut, wird bemerken: Der Trend geht hin zu größeren Einheiten – bei  Landeskirchen, Kirchenkreisen oder Dekanaten, in Gemeinden oder auch  Verwaltungseinheiten und Einrichtungen. Größer, weiter, schneller,  effizienter, komplexer, unübersichtlicher, zunehmend losgelöst von  Menschen vor Ort – ein Muster, das alltäglich erlebbar ist in unserer  Gesellschaft. Die Reformbemühungen innerhalb der rheinischen Kirche – so  Ingrid Schneider – weisen ebensolche Tendenzen zu größeren Einheiten  und übergeordneten Strukturen auf: ein Weg, der jedoch in die falsche  Richtung weist.

Durch Zusammenlegung von Kapazitäten  sollen neue Handlungsspielräume eröffnet, eine größere Professionalität  durch Spezifizierung ermöglicht, ein einheitliches und gleichbleibend  für Qualität sorgendes Bild nach außen erreicht und zugleich die  Steuerbarkeit in komplexen Systemen erhöht werden. Unter diesen  Gesichtspunkten sind viele der Maßnahmen, die (auch) in der rheinischen  Kirche in den letzten Jahren auf den Weg gebracht wurden, gut  verständlich und angemessen. Wenn hier im Folgenden dennoch ein Plädoyer  gehalten wird, auf diesem Wege in der rheinischen Kirche nicht  konsequent fortzufahren, dann hängt das mit einem systemisch-integralen  Blickwinkel zusammen. Aus ihm heraus stellen sich die entwickelten  Lösungen noch einmal in einem anderen Licht dar. Dann erscheinen fast  alle Reformanstrengungen als Lösungen, die aus dem Paradigma der Moderne  stammen. Doch wir tun nicht gut daran, dem im Raum Kirche das Feld so  weitgehend zu überlassen. So verlockend es auch erscheint, weil es  scheinbar in der Lage ist, die strukturellen und finanziellen Probleme  zu lösen, es bietet keine nachhaltigen Lösungen. In längeren Zeiträumen  gedacht vermag es keine Prozesse in Gang zu setzen, die Kirche in der  Gesellschaft einen guten Platz verschaffen. Und dies liegt an mehreren  Faktoren: Zum einen ist der zu zahlende Preis für kurz- und  mittelfristige Entlastung insbesondere im finanziellen Bereich viel zu  hoch. Funktionierende Strukturen werden zerstört und die  presbyterial-synodale Identität gefährdet. Darüber hinaus ist es ein  Paradigma, das den tradierten Werten von Kirche an vielen Stellen  widerspricht. In seiner extremen Ausprägung wird es oft genug in  kirchlichen Verlautbarungen zu Recht angegriffen, weil Menschlichkeit  und Menschenwürde nachrangig angesehen werden gegenüber dem finanziellen  Gewinn. Was muten wir uns selber zu, wenn wir hier das Feld komplett  öffnen? Drittens wird eine Unterordnung unter dieses Paradigma der  Verschiedenheit der Menschen in den Gemeinden und der Gesellschaft nicht  gerecht. Im Gegenteil, all jene Menschen, die sich durch diese mit  solchem Handeln verbundenen Werte nicht vertreten fühlen – und derer  gibt es eine Menge im Raum Kirche – werden sich mehr und mehr abwenden.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt//index.php?a=show&id=3303
(Deutsches Pfarrerblatt Nr. 1/2013)

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