Jeder hat seinen Blues – Anmerkungen zu „Profil und Konzentration“ (PuK) – Newsletter November 2017

Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein.

Von Dr. Gerhard Schoenauer

Jede hat ihre eigene Geschichte. Jeder hat seine eigene Vorstellung, wie Kirche aussehen soll. Jede hat ihren eigenen Traum von Kirche und Gemeinde. Jeder kennt auch den Kampf um seine Kirche und das Leiden an seiner Kirche. „Jeder hat seinen Blues“.[1]

Darum ist es zu begrüßen, dass die Verantwortlichen für das Strategiepapier „Profil und Konzentration“ eine breite Diskussion wünschen, eine Beteiligung an diesem Prozess.[2] Dem wollen wir gerne nachkommen – konstruktiv, aber auch mit vielen Fragen.

Durchaus positiv und ganz im Sinne des Gemeindebundes sind Aussagen des Strategiepapiers wie:

  • „Kirche muss vom biblischen Auftrag her gedacht werden.“
  • geistliche Profilierung: „Die ELKB lebt aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus in Wort und Sakrament.“
  • die Nähe zu den Menschen: „(…) dass die Kirche heute verstärkt dorthin gehen muss, wo die Menschen leben.“
  • Blick auf die einzelne Gemeinde: „Die Gemeinden werden ihre Funktion behalten als stabile Präsenz vor Ort.(…) Angeordnete Fusionen oder Ähnliches soll es nicht geben.“
  • Völlig korrekt wird – endlich! – nach „Analyse der bisherigen Prozesse zur Kirchentwicklung“ festgestellt, dass diese „(…) zu sehr beschreibend und auf Einigkeit zielend (waren) und daher zu wenig Wirkung entfalteten.“ (1.2) Das sind dürre Worte dafür, dass man Millionen in den Sand gesetzt hat, aber immerhin.
  • Zu begrüßen ist auch, dass die ursprüngliche Einleitung zu dem Strategiepapier von der Landessynode nicht übernommen wurde. Der Gemeindebund hat alle Synodalen dazu aufgefordert. In der ursprünglichen Fassung wurden parochiale Gemeinden als ein überaltertes Auslaufmodell charakterisiert: „.die parochiale Gemeinde ist in ihrer oft statischen selbstbezogenen Organisation zu wenig einladend und entfaltet Bindung vor allem nach innen.“

Es ließen sich noch mehr Punkte finden, denen wir gerne zustimmen könnten, die freilich auch verschiedene Auslegungsvarianten und Lesarten zulassen. Das Papier ist so weit gefasst, dass sich viele Anliegen unterschreiben lassen. Jeder hat seinen Blues. Das mag für eine Diskussionsgrundlage auch hilfreich sein. Aufs Ganze gesehen allerdings, wird eine Richtung vorgegeben, die viele kritische Fragen aufwirft:

  • Das Strukturpapier „Profil und Konzentration“ atmet den Geist eines Pro- Existenzdenkens. Eine kleine Gruppe entwirft ein neues Kirchenmodell, weiß, was für andere gut ist und was nicht und entscheidet, wie die Zukunft der Kirche aussehen soll. Die Beteiligung ist zwar erwünscht, aber wichtige Pfeiler sind schon fest eingerammt und es geht mehr um die Umsetzung eines Programmes als und um dessen Ausrichtung. Die Gemeinden werden zum Objekt der Fürsorge, aber nicht zu gleichwertigen Partnerinnen. Es wäre sinnvoll gewesen, zunächst einmal die Gemeinden zu fragen, was sie für ihren Dienst und ihre Arbeit benötigen und sie auf diese Weise bei der Entstehung dieses Papiers mit einzubeziehen. So hätte man verhindern können, was die Gemeinde unter die Herrschaft vorgedachter Pläne bringt und ihr vorschreibt, wie sie in Zukunft arbeiten soll. PuK soll unter breiter Beteiligung durchgeführt werden, ergebnisoffen. Letztlich aber jedoch steht eine bereits fertige Konzeption dahinter, was vermuten lässt: Es handelt sich entgegen aller Beteuerungen um einen Top-Down-Prozess. Andere Kirchenmodelle, die es durchaus gibt, kommen nicht den Blick. Warum, so fragen wir weiter, wurden bei der Erstellung des Papiers nicht Vertreter der theologischen Fakultäten mit einbezogen?
  • Die Sprache suggeriert zwar den großen Sprung, die Neuausrichtung aller Arbeitsformen in der ganzen Kirche und die entsprechende strategische Verteilung der Ressourcen. Gleichzeitig steht aber der funktionale Bereich gar nicht zur Disposition. Die bestehende Benachteiligung der Gemeindeebene wird festgeschrieben, indem man sich die Kritik daran auch noch vom Hals schafft bzw. die Verantwortung und den Diskurs auf die mittlere Ebene verschiebt. Man scheut die Vielfalt und Diversität, ändert wenig an der Verteilung der Macht, nichts an der des Geldes. Man legt erneut das Gewand des Modernisierers an und zementiert ganz konservativ die zentralistischen Steuerungsmechanismen der Institution.
  • Die in diesem Papier sehr verbreitete apodiktische Sprache (muss, soll) kann so gedeutet werden: Hier wird eine Kirche neu gebaut. Die Mahnung von Dietrich Bonhoeffer könnte uns alle da sehr viel behutsamer sein lassen: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung; denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen – ER baut. Wir sollen verkündigen – ER baut. Wir sollen zu ihm beten – ER baut. Wir kennen seinen Plan nicht. Es ist ein großer Trost, den Christus seiner Kirche gibt: Du bekenne, verkündige, zeuge von mir. Ich allein aber will bauen, wo es mir gefällt. Fahr mir nicht ins Regiment. Kirche, tu du das Deine recht, dann hast du genug getan. Aber tue es auch recht. Sieh nicht nach Meinungen und Ansichten, frage nicht nach Urteilen, rechne nicht immer wieder.“[3]
  • Ich frage mich, wie weit ist dieser Prozess wirklich offen, wenn andere wichtige Prozesse wie z.B. „die Landesstellenplanung oder die Verwaltungsreform auf der gemeinsamen PuK- Strategie aufsetzen können oder diese bereits in Aspekten vorweggenommen haben“, wenn bereits finanzielle Mittel für die Umsetzung bereitgestellt werden, wenn die knappe Zeitschiene eine Beteiligung der Gemeinden nur schwer ermöglicht? Irgendwie ähnelt es auch der Geschichte vom Hasen und Igel. Die einen sind schon angekommen, beginnen schon den PuK-prozess umzusetzen, die anderen sind nicht einmal losgelaufen, haben noch keinerlei Kenntnis davon, in welche Richtung sie aufbrechen sollen.
  • Am Anfang standen Kürzungen im Raum, dann kam PuK. Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit Reformpapieren sind diese meist verbunden gewesen mit Kürzungen von Geldern und Personal im Bereich der Gemeinden. Steckt das hinter dem Wort „Konzentration“?
  • Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen, so fasst Gerhard Wegner, der Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen: „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“.
  • Auch Soziologen wie Dr. Maren Lehmann (Universität Erfurt) kommen auf gleiche Ergebnisse: „Was bleibt, und zwar im Wortsinne: was Bestand hat, allen Formalisierungsbemühungen zum Trotz, ist die variantenreich wildernde religiöse Kommunikation. Sie bleibt auch dann, wenn man darauf verzichtet, ihr durch konfessionelle, dogmatisch erfahrene Beobachter Orientierung und Verlässlichkeit zu geben. Die Gemeinde hat daher auf jeden Fall Zukunft. Die Mitgliedschaftskirche nicht.“[4]
  • Was nun die Gemeinde betrifft, finden sich in PuK doch unterschiedliche und manchmal schwer einzuordnende Aussagen. Die Gemeinden sollen ihre Funktion als stabile Präsenz vor Ort behalten, andererseits müssen sie eine Organisationsgröße haben, die der Raumlogik von PuK entspricht, also größere Pfarreien, Regionen, fusionierte Gemeinden usw. Ein weiteres Beispiel: „Parochialgemeinden müssen sich als Teil von Handlungsräumen verstehen, die diese über die entsprechenden Gremien mitgestalten, dann aber auch an den verabredeten Schwerpunktsetzungen mitwirken.“ Einerseits werden die Offenheit, was ein Handlungsraum ist, welche Größe er hat usw. konstatiert, auf der anderen Seite doch wieder größere Einheiten beschrieben: „Es wird vorgeschlagen, den Begriff „Handlungsraum“ zu verstehen als den Dekanatsbezirk oder Teil eines Dekanatsbezirks oder Vielfaches von Dekanatsbezirken.“
  • Fraglich erscheint uns auch, wie die Umsetzung auf mittlerer Ebene geschehen kann, wenn dem Stellenanteil des Dekans, der Dekanin bei der neuen Landesstellenplanung kein größeres Zeitbudget zur Verfügung gestellt werden soll. Das ist nur schwer mit der Vorgabe, gut, gerne und wohlbehalten in dieser Kirche arbeiten zu können, zu vereinbaren.
  • Weitere Fragen werden hier nur kurz angerissen:
    • Immer wieder wird auf die Notwendigkeit von Kooperationsbereitschaft der Gemeinden verwiesen, auf Netzwerkbildung. Das ist zu begrüßen und geschieht vielerorts längst und in großem Umfang und viele arbeiten daran, dies auszubauen. Dafür braucht es kein Strukturpapier. Und wir wissen alle, dass es immer Gemeinden geben wird, die nur ihren eigenen Kirchturm im Blick haben und eben andere, die darüber hinausschauen.
    • „In den jeweiligen Räumen sollen Zentralkirchen identifiziert werden.“ Warum hat man nicht aus anderen Landeskirchen Erfahrungen gesammelt, in denen solch ein Unternehmen gescheitert ist?
    • „50 % der Arbeitskraft Hauptamtlicher für die Kommunikation mit den bisher unerreichten Kirchengemeindegliedern soll sichergestellt werden.“ Dass dies längst geschieht und eine völlig überflüssige Feststellung ist, hat Ulrich Pschierer in seinem Artikel „die gärtnernde Kirche“ sehr deutlich beschrieben.[5] Religionsunterricht, Kasualien, Konfirmandenarbeit, Seelsorgebesuche, Grußworte bei Vereinsjubiläen, Öffentlichkeitsarbeit, Arbeit in Kindertagesstätten und Diakonie erreicht Menschen weit über den Kreis der Hochverbunden hinaus.

Wir nehmen das ernst: Es soll ein offener Prozess sein und darum kann und darf auch ein anderes Kirchenmodell angedeutet und kurz umrissen werden. Jeder hat seinen Blues:

Die einzelnen Gemeinden bilden die Basis und sind die primäre Gestalt der Kirche (dafür lassen sich sowohl theologische wie soziologische Argumente finden). In den lateinamerikanischen Kirchen gibt es das Sprichwort. „Das universale Wort spricht nur Dialekt“. Die Verkündigung des Wortes von Angesicht zu Angesicht, das gemeinsame Feiern an einem Tisch (die diakonische Dimension der Gemeinde hat ihren Ursprung in der Tischgemeinschaft), die Not meines Nächsten, der in meiner Straße direkt vor meiner Haustüre anzutreffen ist – hier muss Kirche vor Ort sein, nicht in einem unbestimmten Raum. Eine Kirche der „Armen“, der Benachteiligten und Vergessenen, der Gescheiterten, der Alten und nicht Mobilen sollten wir bleiben und werden. Zentralkirchen und Kausalagenturen sind nicht die richtige Antwort. Die Nähe zu den Menschen braucht eine Kirche der „kurzen Wege“. Sehr große Gemeinden müssten geteilt und verkleinert werden. Die Zahl derer, die Verantwortung für die Gemeinde übernehmen, würde sich vergrößern, die Beteiligung vermehren. Zur Stärkung der einzelnen Gemeinden gehört auch eine neue Regelung des gesamten Finanzwesens. Die Entscheidung darüber, welche Projekte, welche übergemeindlichen Aufgaben finanziert werden, muss auf gemeindenaher Ebene getroffen werden. Die krautige Vielfalt, ein buntes Kaleidoskop der Gemeinden, die unter einem landeskirchlichen Dach aufblühen, sind ein großer Schatz der Kirche und der Ausgangspunkt für jede Kirchenreform. Jede Gemeinde hat eben ihren Blues. „Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig“ (so der Schriftsteller Robert Menasse). Wenn irgendwo wieder einer das Klagelied über die so klein werdende Gottesdienstgemeinde, über das schwindende Interesse an gemeindlichen Aktivitäten anstimmt und dafür die Enge parochialer Grenzen verantwortlich macht, sollten wir in aller Gelassenheit singen:

Verzage nicht, du Häuflein klein
obschon die Feinde willens sein,
dich gänzlich zu verstören,
und suchen deinen Untergang,
davon dir wird recht angst und bang;
es wird nicht lange währen. (EG 249/1)
 

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan Pegnitz, 1. Vorsitzender des Gemeindebundes Bayern V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern


[1] Martin Luther King

[2] Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in der Einbringungsrede der Bayerischen Landessynode: „Das vorgelegte Papier ist eine Diskussionsgrundlage. (…) Eine zweite Ebene der Weiterarbeit ist die Dialogarbeit in den Gemeinden.

[3] GS IV 134,f

[4] Texte aus der VELKD, Nr.179, September 2017, S.9.

[5] Korrespondenzblatt, Nr.10 Oktober 2017, S. 170.

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Die „gärtnernde“ Kirche – Newsletter August 2017

Von Visionen, Humus und Dünger

Von Pfr. Hans-Ulrich Pschierer

Der in diesem Jahr verstorbene Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat im Blick auf die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts konstatiert: „Die Moderne ist das Zeitalter artifizieller gesellschaftspolitischer Entwürfe, das Zeitalter der Planer, Visionäre (…) und ‚Gärtner‘, die die Gesellschaft als jungfräuliches Stück Land auffassen, das unter fachmännischer Obhut zu bestellen und zu kultivieren ist. Der Ehrgeiz und die Anmaßung auf diesem Gebiet ist grenzenlos.“ Bauman sah neben den Segnungen der Moderne die teilweise zerstörerische Eigendynamik ihrer „rational-technisierten Tendenzen“. Er identifizierte diese Tendenzen in der „Einschränkung der Interessenvertretung und Selbstverwaltung an der gesellschaftlichen Basis“ und dem dadurch bedingten „Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus.“ (Z. Bauman, Dialektik der Ordnung, Hamburg 2012, 3. Aufl., S.128f.)

Auch unsere Kirche hat in den letzten Jahrzehnten viele Planer, Visionäre und „Gärtner“ gesehen. Immer ging es dabei um eine bessere Organisation des Gartens mit dem Ziel der Bestandssicherung. Kirchengemeinden, bisher Basis der Kirche, kamen in diesem Denken vor allem als defizitär, weil angeblich milieuverengt und ohne große Ausstrahlung in den Blick.  Im Bestreben, die „Beete zu reinigen“, griff man diese Basis an. Die Zukunft der Kirche sah man in Zentralisierung und in einer Stärkung von spezialisierten und funktionalen Diensten. In seiner Auswertung zur letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) konstatiert Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit Blick auf die letzte große „Vision“ von Kirche: „So stellte das Reformpapier der EKD ‚Kirche der Freiheit‘ in großen Teilen geradezu ein Abschaffungsprogramm von Kirchengemeinden dar und propagiert anstelle von ihnen unter dem Titel der ‚Leuchtfeuer‘ religiöse Dienstleistungszentren, die nunmehr die religiöse Versorgung der Bevölkerung angesichts schwindender Ressourcen möglichst effizient organisieren soll.“ (G. Wegner, Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung, Leipzig 2015, S.102)

Auch die bayrische Landeskirche hat nicht nur diesen Prozess mit finanziellen und personellen Ressourcen unterstützt, sondern insgesamt eine große Umverteilung zum Nachteil der Gemeinden vorgenommen. Aus dem letzten von OKR Hübner vorgelegten innerkirchlichen Finanzausgleich geht hervor, dass der Anteil der Gemeinden am  verteilbaren Kirchensteueraufkommen in den Jahren 2007 bis 2015 drastisch verringert wurde. Das verteilbare Kirchensteueraufkommen ist um 37 % gestiegen, der Gemeindeanteil aber um 14% gesunken. In den Gemeinden hat sich das in der personellen und finanziellen Ausstattung deutlich negativ ausgewirkt. Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen. In meiner bisherigen Dienstzeit war ich nach 7 Jahren Gemeindedienst 9 Jahre am Predigerseminar und hatte Einblick in viele andere funktionale Arbeitsbereiche.

Seit 7 Jahren bin ich nun wieder in der Gemeinde. Schon in der Ausstattung mit Sekretär-, Mesner- und Hausmeisterstunden ist der Unterschied zwischen beiden Diensten deutlich spürbar. Von Zeitbudgets, um sich angemessen vorzubereiten, auf Ungeplantes zu reagieren und an der Qualität zu arbeiten, will ich gar nicht reden. Klaus Raschzok hat in seinem Artikel im Korrespondenzblatt zum Verhältnis von Gemeinde- und Funktionspfarramt vom „Neidfaktor“ gesprochen (KorrBl. 2017/5 S.79) Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse muss solcher „Neid“ m.E. nicht verwundern.

Entsprechend hat seit vielen Jahren eine Bewegung in Richtung Funktion eingesetzt, die auch von anderen Faktoren unterstützt wird, die Wegner verdeutlicht: „Ganz praktisch setzt sich die Distanz gegenüber Kirchengemeinden dann auch in pastoralen Karrierewegen um. Für viele Pastoren ist der Weg aus der Kirchengemeinde heraus in den  übergemeindlichen Dienst oder in kirchliche Leitungsämter ein Stück Befreiung, da sie auf diesen Ebenen besser über ihre Arbeitszeit verfügen und auf größere Distanz(!) zu den immer wieder andrängenden Wünschen der Kirchenmitglieder und zu dem ach so diffusen Arbeitsprofil in den Kirchengemeinden geraten können.“ (a.a.O. S.103) Klaus Raschzok beklagt entsprechend das „Funktionsstellen-Hopping“ angesichts von Unlust oder Unfähigkeit zum Gemeindedienst (ebd.). Einige „hoppen“ noch nicht mal. Sie „hocken“ vielmehr und bauen ihre Macht aus. Nicht wenige Stellen in den Werken und Diensten sind seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten gleich besetzt.

Freilich hat sich die Marginalisierung der Gemeinden durch die Ergebnisse der letzten KMU empirisch als Fehlentwicklung herausgestellt. Es hat sich gezeigt, dass die Ortsgemeinden durch ihre verschiedenen Arbeitsbereiche und über die Milieus hinweg deutlich mehr Mitglieder ansprechen und binden, als durch funktionale Dienste zu erreichen sind. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.3.2017 kommt der führende Religionssoziologe Detlef Pollack zu Wort: „Die Kirche habe ihr Geld lange in ‚funktionale Dienste‘ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. ‚Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.‘ Mittlerweile liegt  die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer ‚ganz persönlichen Leidenserfahrung‘. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“ (FAZ „Wo bleibt die Kirchensteuer?“ von Reinhard Bingener) Wegner bestätigt das und bringt uns wieder zu Bauman und zum Thema Garten zurück: „Es scheint (…) eben gerade die Diffusität der kirchengemeindlichen Kommunikation zu sein, die einen Humus für sozial-integrative, sozialmoralische bis sozial-protestative Haltungen bietet.“ (a.a.O. S. 116)

„Hier liegen Schätze (…), die durch stärkere Formatierung – insbesondere in Formen neoliberaler Governance – ausgeschaltet würden.“ (a.a.O. S.118). Für die in Jahren des Gemeindepfarramts ausgebildete und offenbar keineswegs selbstverständliche Fähigkeit, sehr verschiedene Arbeitsformen nicht nur zu bewältigen, sondern fruchtbar aufeinander zu beziehen, kennt die kirchliche Personalentwicklung keine Anerkennung außer dem Angebot, eine Sonderstelle anzunehmen, also sich zu spezialisieren und in die Funktion zu gehen. Karrieren in der Kirche führen nicht in die viel beschworene größere „Nähe zu den Menschen“, sondern vor allem in größere Nähe zur Organisation und ihrer Hierarchie. Gemeinsam mit der finanziellen Hungerkur stellt deshalb die Abwertung des Gemeindepfarramts einen Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche dar, wie ihn Bauman als Gefahr für die Gesellschaft konstatiert. Sie fördert außerdem die Erosion der kirchlichen Basis.

Doch der von Bauman genannte Ehrgeiz und die Anmaßung der „Gärtner“ bleibt davon unbeeindruckt. Ja, er nimmt teilweise absurde Formen an, etwa in der Behauptung, dass Gemeindepfarrerinnen 80 % ihrer Arbeitskraft nur in die Hochverbundenen stecken würden. Man fragt sich, wer da gerechnet hat. Schon die 6 Pflichtstunden Religionsunterricht sind etwa 20-25% einer pädagogischen Vollzeitstelle (und tragen nebenbei bemerkt positiv nicht unerheblich zur Refinanzierung der Gemeindestellen bei und auch negativ zur Attraktivität der vielen vom Unterricht befreiten Funktionsstellen). Von den 75%, die eine Gemeinde also faktisch noch vom Pfarrer hat, bestreitet er wenigstens die Kasualien, in meinem Fall noch die Betreuung von drei gemeindlichen Kindertagesstätten, weiterhin – in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen – den monatlichen Familiengottesdienst, den Gemeindebrief, die Konfiarbeit zusammen mit der Kollegin, die Seelsorgebesuche bei – bis dahin oft  unerreichten – Menschen zuhause und die Gottesdienste, die schon allein an den kirchlichen Festen weit über den Kreis der Hochverbundenen hinausgehen. Das differiert natürlich unter den Kolleginnen und Kollegen, aber ungewöhnlich ist mein Stellenprofil nicht. Wer glaubt,  ich hätte nur mit Hochverbundenen zu tun, kann gerne mal vorbeikommen. Hier wird  einfach etwas erfunden, um dann „ex negativo“ zu argumentieren, nach dem Motto: Die Gemeinden erreichen nur Hochverbundene, also müssen die Gelder heraus aus den Gemeinden und hinein in die überparochiale Arbeit. Da sind wir wieder im Garten. Soll der Hase doch rennen. Am Ende der Furche steht immer ein Igel und ruft: „Ich bin schon da!“  Der Nachweis, dass man durch diese Umverteilung – mit vertretbarem Ressourceneinsatz! – all die sogenannten Distanzierten erreicht, steht noch aus und scheint schon allein  angesichts der Kirchenentwicklung der letzten 30 Jahre nicht zu erbringen.

Der versierte Gärtner neigt deshalb dazu, nicht nur ein Apfelbäumchen zu pflanzen, sondern zur Sicherheit gleich noch ein paar Kisten Äpfel dazu zu ordern, um bei der Ernte gut da zu stehen und nichts „dem Zufall“ oder sollte ich besser sagen „dem lieben Gott“ zu überlassen.

„Oberhalb“ der Gemeindeebene scheut man keinen Aufwand, um den Misserfolg strategisch auszuschließen. Am verschwenderischen Ressourceneinsatz für kirchliche Prestigeprojekte und deren mediale Vermarktung ließe sich das vielfach nachweisen. Dabei werden oft gar keine konkreten Ziele benannt. So kann man sie nicht verfehlen. Für „Visionen“ muss man eben auch einmal „Geld in die Hand nehmen“, heißt es dann gerne. Mit diesen Ressourcen werden im schlimmsten Fall auch noch Imagekampagnen mit identitärem Beigeschmack finanziert. Dann schaut z.B. Jahre lang von jeder kirchlichen Handreichung ein irritierend deutscher, schwarz-rot-goldener Luther herunter. Eine Kirchenleitung, die dergestalt auf die medial vermittelbare Corporate Identity setzt, hat vor der Sperrigkeit und Komplexität der eigenen Botschaft längst kapituliert. Aber wehe, man würde sich das sparen und jede Gemeinde auf ihre Art der Reformation gedenken lassen.

Im Gegenzug nimmt man hässliche Begleiterscheinungen in Kauf: Bei seit Jahren stetig steigenden Steuereinnahmen setzen viele Gemeinden, weil sie unter ständigen Sparzwang gestellt werden, gerade bei den Kasualien ihren Service herunter und die Gebühren hoch. Anderes Beispiel: Für eine Gemeinde wie unsere mit fast 4000 Seelen (das sind anteilig deutlich über eine Million an erbrachten Kirchensteuern), sieht die magere Schlüsselzuweisung einfach keine Stunden für hauptamtliche Jugendarbeit vor. Das ist sehr schmerzlich für uns, weil wir viele Jugendliche haben, die sich gerne engagieren. Nun kann eine Gemeinde mit gutem Grund einfach auf die Dekanatsebene oder die nächstgelegene Jugendkirche verweisen und viele tun das auch. Manchmal fragt vielleicht noch jemand leise, ob die bayrische Landeskirche wirklich diesen oder jenen Beauftragten braucht und wie sie damit die Milieuverengung aufbrechen will. Aber die meisten schweigen, um nicht als „unsachlich“ zu gelten. Wenn die Jugendlichen auf der Dekanatsebene nicht ankommen, machen die klugen „Gärtner“ auf ein „Vernetzungsproblem“ aufmerksam. Früher wären viele Kollegen daraufhin noch Mitglied einer Arbeitsgruppe geworden, die sich mit diesem Problem beschäftigt.

Nach einschlägigen Erfahrungen zucken inzwischen die meisten nur noch bedauernd die Schultern. Das Ergebnis: Verantwortung versickert! Nach Bauman ist auch dies ein typischer Mechanismus einer rational-technisierten Moderne.

Um der finanziellen Austrocknung abzuhelfen, schicken die „Gärtner“ Fundraising- beauftragte, die dafür sorgen, dass Gemeinden von nun an bei allem, was sie tun, stets zuerst und zuletzt um mehr Geld bitten. Dann werden z.B. Kirchgeldbriefe verschickt mit dem Verweis, dass dieses Geld „direkt den Gemeinden zu Gute komme“. Distanziertere fragen sich da, was denn bitte mit der Kirchensteuer selbst geschieht. Werbeaktionen werden gestartet, für die natürlich auch die Gemeindepfarrerin als „Gesicht“ der Gemeinde zusätzlich Zeit und Energie aufbringen muss. Immer mehr „guten Ideen“ flattern in die Pfarrämter, während die Ressourcen zur Umsetzung verschwinden. So gliedert die finanzielle Abhängigkeit Gemeinden ein in die funktionale Dynamik der Organisation. Gemeinden werden zu Filialen einer religiösen Organisation mit einem grandiosen finanziellen Appetit. Der „Gärtner“ lobt die Kreativität in der Finanzbeschaffung vor Ort, schaut nebenher aus nach den besten Lehrlingen für eine Gartenbaukarriere. Von innen gesehen ist das schön.  Nur von außen betrachtet scheint das Wasser in diesem Garten immer schneller zu versickern. Wenn die Kirchensteuerzahlerin zusammen mit dem – schön gestalteten – Kirchgeldbrief die Zeitungsnachricht von kirchlichen Rekordeinnahmen auf dem Tisch hat, drängt sich ihr der Eindruck auf, dass hier die Gier zur rational-technisierten Grundhaltung geworden ist. In vielen Gesprächen gerade mit den Distanzierten und den Nicht-Mitgliedern, sehe ich mich als Gemeindepfarrer immer öfter herausgefordert, mich genau dafür zu rechtfertigen. Eine der Kirche verbundene Bekannte holte auf Wunsch ihrer kranken Schwiegereltern einen Kollegen für ein Krankenabendmahl. Er kam, tat seine Arbeit und beim Gehen drückte sie ihm ein Kuvert mit 20 Euro in die Hand. Er schaute hinein und merkte an, dass dieser Service eigentlich 50 Euro koste. Sie gab ihm die fehlenden 30 Euro und trat am nächsten Tag aus. Solche „Kreativität“ in der Finanzbeschaffung spricht sich  auch so herum. Da brauchen wir nicht einmal eine „best-practice“ – Kampagne.

Wer den Gemeinden bei steigenden Einnahmen seit Jahren immer mehr Mittel vorenthält, treibt sie in Sorge und Aktionismus und damit in die Unglaubwürdigkeit und Distanz zu den Mitgliedern. Die Fixierung auf den Selbsterhalt im Verbund mit der ständig präsenten Mitgliedschaftsfrage führt nicht in die Nähe, sondern in immer größere Ferne zu den Menschen. Die Botschaft von Gottes Hingabe am Kreuz, die jeder Angst und Sorge um den Selbsterhalt grundlegend widerspricht und die vor Ort in Verkündigung, Unterricht,  Seelsorge und Feier gelebt werden muss, ist immer noch vielen Menschen ihre  Kirchensteuer wert. Weniger binnenkirchlich, sondern aus der Distanz betrachtet, wird diese Botschaft angesichts der gezeichneten Fehlentwicklung immer mehr zum Zeugnis gegen die Kirche selbst.

Bauman sieht die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts nicht nur als Störfälle der Moderne. Sie sind vielmehr auch Folge ihrer rational-technisierten und funktionalistischen Tendenzen. Seine Analyse zielt darauf, dass auch ein repräsentatives, demokratisches  System vor diesen Tendenzen nicht gefeit ist. Hier liegen m.E. wichtige kritische Impulse für die Kirchentwicklung. Dabei geht es nicht um die Idealisierung von Kirchengemeinden, sehr wohl aber um die Stärkung ihrer Selbstverwaltung und Eigenverantwortung und gegen ihre funktionale Entmündigung über den finanziellen und personalplanerischen Hebel. Es wird gerne betont, dass funktionaler und parochialer Dienst, Gesamtkirche und Kirchengemeinde, nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Genau das geschieht aber seit Jahren zum Nachteil der Parochie. Deshalb ist die weder theologisch noch empirisch zu rechtfertigende finanzielle Benachteiligung der Ortsgemeinden aus den letzten Jahrzehnten zu korrigieren.

Gerade in ihrer Diversität sichern Gemeinden sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche und der Gesellschaft. Sie sind in aller menschlichen Bedingtheit die soziale Gestalt, inmitten derer die Botschaft konkret und plausibel, aber auch befragbar und gestaltbar ist. Seit fast 10 Jahren macht der „Aufbruch Gemeinde“ und der daraus entstandene „Gemeindebund“ auf die Fehlentwicklung in unserer Kirche aufmerksam. Dafür mussten sich die Kritikerinnen und Kritiker oft als „Nestbeschmutzer“ bezeichnen lassen. Das passt nun wieder zum Thema Garten. In einer Kirche, die sich als Garten Gottes versteht, könnte offene Kritik ja der Dünger sein!

Hans-Ulrich Pschierer, Pfarrer in Fürth,
V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern
Im Sprecherkreis „Gemeindebund Bayern – Aufbruch Gemeinde“

Der Newsletter als PDF

Angst und Verantwortung – Newsletter Mai 2017

Von Matthias Ewelt

Die Überschrift lässt viele, die den Anliegen von „Aufbruch Gemeinde“ nahestehen oder sich im Gemeindebund engagieren, erst einmal schmunzeln. Fürchten muss sich nun vor  unserem kleinen Haufen niemand in der großen Kirche. Zu wenige sind wir, zu wenig Einfluss können wir nehmen. Allerdings gibt es einen Hintergrund zu dieser Frage: Muss man Angst vor dem Gemeindebund haben?

Pfarrerinnen und Pfarrer zur Anstellung erzählen uns, dass sie unsere Anliegen wichtig finden, sich aber nicht offen für uns engagieren möchten, weil sie berufliche Nachteile befürchten. Selbst aus Kirchenvorständen hören wir solche Rückmeldungen. Mehrfach berichteten Aktive des Gemeindebundes, dass sie in Bewerbungssituationen zu ihrem Engagement im Gemeindebund Stellung nehmen mussten. Wohlwollend oder neugierig erschienen ihnen die Rückfragen leider nicht.

Was kann einer Kirche Besseres passieren, als Menschen, die sich für das Wohl unserer Kirchengemeinden einsetzen? Es tut einer demokratisch verfassten Kirche gut, wenn eine Gruppe sich parteiisch für die Gemeinden – als Lobby und ohne Rücksicht auf Kompromisse und das große Ganze – einbringt. Kompromisse allein schaffen kaum Veränderungen. Wir glauben nicht, dass alles demokratische Engagement in die Synode gehört oder dort ausreicht. In welchen Systemen ist es je sinnvoll gewesen, nur ein -und zwar ein auf Interessenausgleich ausgerichtetes- Gremium allein für ausreichend zu halten, das System  als Ganzes voranzubringen?

Aufbruch Gemeinde sieht eine Entwicklung, die sich wegbewegt von der einzelnen Kirchengemeinde und der Verkündigung des Evangeliums vor Ort hin zu besagtem Großen und Ganzen. Aber seit biblischen Zeiten und unterstützt durch aktuelle Mitgliedschaftsuntersuchungen wissen wir, dass Bindung in allererster Linie da passiert, wo man lebt und wo die eigene Kirchengemeinde ist. Aktuelle Beiträge der Presse unterstützen uns bei diesem Anliegen. Eine Kirche tut sich unserer Meinung nach etwas Gutes, das nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern es zu fördern, so gut es eben geht.

In den letzten Newslettern haben wir nachgewiesen, dass allein die Verschiebung der finanziellen Ressourcen in den letzten Jahren und Jahrzehnten weg von den Gemeinden beträchtlich gewesen ist (Anstieg der Kirchensteuern: 46,7%, Anstieg der direkten Zuweisungen an die Gemeinden: 13%). Und das ist nicht aufgrund tendenziöser Zahlenauswahl oder Zahlenspielchen geschehen, sondern mit Zahlen, die uns allen zur Verfügung stehen.

Bei unseren kritischen Ansätzen kommt jedes Mal die direkte Reaktion, dass doch etwa 80% der Mittel in die Kirchengemeinden flößen, weil wir die indirekten Mittel,  wie Personalkosten und Zuweisungen zu Bauvorhaben außer Acht ließen. Dabei wird vergessen, dass unser Anliegen nicht allein den Geldfluss betrifft. Auch die Zentralisierung von Entscheidungen und Ressourcenvergaben, sowie die Stärkung aller Ebenen außer der der Gemeinden wird von uns sehr kritisch gesehen.

Kurz gesagt: über diese genannten 80% der Mittel der Gemeinden verfügt die Gemeinde nicht selbst. Sie kann kaum Verantwortung dafür übernehmen. Es gibt wenig Transparenz für diese Mittel, also für jeden Euro, der vor Ort indirekt ankommt. Ja, als Gesamtbudget schon, aber nicht heruntergebrochen auf „meine“ Gemeinde.

Übrigens, dass sich Gemeinden und deren Pfarrerinnen und Pfarrer als Bittsteller empfinden, wird häufig zurückgewiesen mit den Worten, Kirchengemeinden seien keine Bittsteller, sie seien schließlich selbst Körperschaften und auch Eigentümerinnen von Immobilien. Wir  sehen schon auch, dass wir das nicht sein müssten, denn Kirchensteuermittel stehen den Gemeinden sogar nach Kirchengesetz zu (leider nicht wie viel…).

Ob man sich als Bittsteller wahrnimmt, darüber urteilt jedoch das antragstellende Subjekt und nicht der Zahlungsgeber. Der Bittseller ist hinterher froh und dankbar, wenn er (überhaupt) etwas bekommen hat. Ein Antragsteller hingegen weiß bereits vorab, was ihm zusteht.

Anstelle von Hinweisen, dass manche Gemeinden ihre Hausaufgaben nicht machten und deshalb ihre Finanzen nicht in Ordnung seien, fänden wir ein Projekt zur Unterstützung von Kirchengemeinden bei der Konsolidierung ihrer Finanzen gut.

Dass es nun erste Signale gibt, die vor etwa 6 Jahren erstellten Gebäudekonzeptionen zu besprechen und verbindlich werden zu lassen, finden wir gut.

Den geordneten Dialog mit Gemeinden, die unter zu vielen Immobilien leiden, oder die möglicherweise auch tatsächlich die Energie nicht aufbringen können oder wollen, sich darum zu kümmern, fänden wir gut. Der Hinweis allein auf den einzuhaltenden Raumplan (also wie viele Quadratmeter kirchliche Immobilien haben dürfen) hilft vor Ort kaum etwas.

Natürlich sind weder die Hauptamtlichen noch die Ehrenamtlichen bisher im Stande, die tatsächlichen Budgets, die wir vom Gemeindebund errechnet haben, selber zu bewältigen. Ganz einfach, weil das bisher nicht erforderlich war. Für die Dekanatsbezirke Rosenheim und Pegnitz liegen uns seriöse Hochrechnungen vom Landeskirchenamt vor, wie eine Finanzierung der Gemeinden aussehen könnte, wenn tatsächlich alles Geld (bzw. die genannten 80%) vor Ort verwaltet würde (inklusive Baumittel und Personal) und 20% beim Landeskirchenamt für allgemeine  Zwecke  verbliebe.  Diese  80/20  Vorstellung  ist  wie gesagt nicht unsere, aber wir nehmen sie gerne auf. Allerdings mit deutlich mehr Verantwortung und Handlungsspielräumen auf Seiten der Gemeinden.

Grundlage unserer Überlegungen ist wie immer bei uns, dass die Einnahmen aus Kirchensteuern geteilt durch die Anzahl der Mitglieder auf die Gemeinden nach Gemeindegliederzahl verteilt werden (bzw. eben 80% davon).

Aber auch mit solch deutlich größeren Summen und mit solch deutlich größerer Verantwortung können Menschen in der Kirche lernen umzugehen. Alle Kirchen des lutherischen Weltbundes, die nicht zentral verwaltet werden, sondern ein Zusammenschluss einzelner Gemeinden sind, tun das ohnehin.

Es wäre nur eine Frage des Wollens und Begleitens.

Neustadt an der Aisch im Mai 2017
Gemeindebund Bayern, Matthias Ewelt

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterMai2017.pdf

Aktion Judika – Thesen der Gemeindebünde in der EKD

Im Jubiläumsjahr der Reformation laden die Gemeindebünde in der EKD zur Diskussion über den Weg der Evangelischen Kirche ein!

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Die Thesen

  1. Als Kirche der Reformation vertrauen wir auf Gottes Gerechtigkeit, in der er uns annimmt, befreit und ermächtigt, uns für ein Leben in gerechten Verhältnissen einzusetzen.

  2. Als Kirche der Reformation müssen wir uns zuerst selbst von Jesu Person und Botschaft her hinterfragen und erneuern lassen. Kirche der Reformation ist immer eine stets neu zu reformierende Kirche.

  3. Die notwendige Reformation der Kirche geht in die falsche Richtung, wenn sie in erster Linie um ihre Selbsterhaltung besorgt ist. Wir erkennen diese falsche Ausrichtung in den Reformideen der EKD, die in den Landeskirchen zentralistisch umgesetzt werden durch:

    – die finanzielle Schwächung der Ortsgemeinden trotz steigender Kirchensteuereinnahmen;
    – die Streichung und Reduzierung von Pfarrstellen;
    – die Fusionierung von Gemeinden zu anonymen Pfarrverbänden;
    – den Aufbau von zentralen „Service-Stellen“;
    – die Ausweitung von Verwaltungsbehörden mit immer größerer Kontrollfunktion;
    – die zunehmende Hierarchisierung kirchlicher Ämter;
    – die Durchsetzung eines verfehlten, unevangelischen Kirchenverständnisses, das Gemeinden nur noch als „Filialen“ einer sie dirigierenden Großorganisation versteht.


  4. Solche Maßnahmen verfehlen den Auftrag der Kirche, Freiheit, Gleichheit und Solidarität als Gemeinschaft der Glaubenden zu realisieren und in der Gesellschaft für ein Leben in gerechten Verhältnissen und Beziehungen einzutreten.

  5. Wir fordern die leitenden Organe unserer Kirche auf, sich neu auf ihren Auftrag zu besinnen und die Eigenständigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Gemeinden zu stärken, damit sie diesen Auftrag in ihrem Umfeld verwirklichen können. Die Gemeinden und Mitarbeitenden der Kirche fordern wir auf, sich zu verbünden, den falschen Reformbemühungen Widerstand entgegenzusetzen und ihre Kirchenleitung im Sinne des Auftrags der Kirche in die Pflicht zu nehmen.

Wenn Sie mitmachen wollen und auch in Ihrer Gemeinde über diese Thesen im Jubiläumsjahr der Reformation diskutieren wollen, finden Sie Vorlagen und mehr unter: http://ev-gemeindebuende.de/

Lesen Sie hierzu auch den Newsletter des Gemeindebunds Bayern (April 2017):
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterApril2017.pdf

Newsletter Gemeindebund Bayern Februar 2017 – Von Erfolgsmodellen und harten Fakten

Transparenter Umgang mit Statistischem und Wünschenswertem

Von Matthias Ewelt

Von zwei Erfolgsmodellen in unserer Kirche wird immer wieder berichtet. Zum einen das „Erfolgsmodell Jugendkirche“, das dezidiert so genannt wurde und zum anderen die Erfolge der beiden Kircheneintrittsstellen.

Wenn Unternehmungen unserer Kirche erfolgreich sind, ist das erst einmal ein Grund zur Freude. Dennoch sollten wir mit dem Wort „Erfolg“ differenzierter umgehen. So war es bei Dekanatsentwicklungen bisher ein ungeschriebenes aber sinnvolles und deshalb nachvollziehbares Gesetz, die harten Faktoren wie Gemeindemitgliederzahlen,  Einrichtungen und Pflichtaufgaben zu zählen, die sog. „weichen Faktoren“ jedoch nicht (wie viele kommen in meinen Gottesdienst?, etc.).

Auch unser ausführlicher Pfarrerbildprozess mit den Dienstordnungen zielt –aus wirklich  sehr gutem Grund- auf eine strukturelle Vergleichbarkeit und nicht auf unterschiedliche Erfolge und die charismatische Wirkung der Hauptamtlichen (wie etwa in den USA).

Der Erfolg der Jugendkirche wird mit im Schnitt 150 Gottesdienstbesuchern, hohem ehrenamtlichen Engagement und einer großen regionalen Reichweite begründet. Der Erfolg der Kircheneintrittsstellen mit den vielen generierten Eintritten, vor allem von Menschen,  die beim klassischen Gemeindeeintritt nicht „anbeißen“. Allerdings: schon die harten Zahlen sind, mit Verlaub, erst einmal andere. Die Kircheneintrittszahlen waren z.B. 2011 bis auf einen Eintritt exakt auf dem Niveau von 2001 (3139/3140). Ein insgesamt seitdem erfolgter Anstieg war aber auch in den Kirchengemeinden zu verzeichnen, so dass dieser nicht aufs Konto der Stellen gehen kann, sondern einen Trend abbildet. Der berechtigte Einwand könnte lauten: der Erfolg liegt nicht bei den absoluten Zahlen, sondern bei den bisher nicht erreichten Eintrittswilligen liegt, die mit Gemeinde nichts anfangen können. Das ist jedoch eher eine Frage, ob und wie wir die Rahmenbedingungen für Eintritte verändern wollen. Kircheneintrittsstellen sind jedenfalls nicht die einzig mögliche Antwort.

Das Grundparadigma der Gemeindebindung in unserer parochial strukturierten Volkskirche ist bei den Jugendkirchen berührt (siehe auch Kirchliche Mitgliedschaftsuntersuchung). Den Besucherzahlen in den Jugendkirchen müssten die örtlichen Jugendgottesdiensten in Gemeinden und Dekanaten der Region gegenübergestellt werden, und auch die Investition in Gebäude und Equipment im Vergleich zu den genannten Erfolgen. Jede Gemeinde und jedes Dekanat, das für seine Jugendarbeit ähnlich gutes Material und diese Möglichkeiten hätte, würde vermutlich auf ähnliche Teilnehmerzahlen bei Jugendgottesdiensten kommen und dabei einen klaren Gemeinde- oder mindestens regionalen Bezug zur Kirche vor Ort behalten, wenn wir das noch wollen.

Wenn es nur um die Erfolge geht, wäre das zu kurz gegriffen, weil es die Grundstruktur in Frage stellt. Die Frage, was in der bisherigen Gemeindestruktur alles möglich wäre an Erfolgen, wenn die intensiven finanziellen und Stellenbemühungen dort angesiedelt blieben, wurde ja nicht alternativ ausprobiert. Allerdings kommen manche Angebote in den Gemeinden auch ohne dieses qualitativ hochwertige Material vielfach auf Zahlenerfolge, die nicht weiter ausgewertet, ausgebaut oder gefördert worden sind.

Bisher hat der Erfolg in Zahlen keine Rolle gespielt. Er war ein weicher Faktor und Landesstellenpläne sind leidlich gelungen, weil diese Faktoren aus Stellen- und in der Folge auch Budgetentscheidungen draußen geblieben sind. Wenn nun aber Erfolg das Thema ist, dann können gerade einzelne Gemeinden aus einer Fülle dieser Faktoren heraus, die sie schon immer im Köcher hatten und bisher nicht verwenden konnten, neue Stellen  und Gelder anfordern. Beispiele?

  • Spendenbereitschaft pro Kopf Gemeindemitglied
  • Gottesdienstbesuchszahlen prozentual zur Gesamtmitgliederzahl
  • Zahl Ehrenamtlicher in besonderen Projekten

Manch amerikanisch denkender Kirchenvorstand ist mir schon so gekommen: die Kirche muss in Wachstum denken und nicht den Niedergang der Gemeindegliederzahlen betrauern. Ich werde nicht müde zu begründen, dass in einer Volkskirche für mehr evangelische Zuzüge in einer Gemeinde der Bürgermeister zuständig ist und für mehr evangelische Geburten     die Eltern und die Politik. Das begründete  bisher  grundsätzlich  unsere  Stellenverteilung und nicht die Zahlen an Veranstaltungen, Ehrenamtlichen, Bindungsgefühl, Teilnehmenden und generierten Spenden.

Lassen Sie uns bitte lieber miteinander darauf achten, dass dieser von mir beschriebene Weg der Erfolgsgeschichten bei der Errichtung von Stellen und Investitionen so nicht weiter verfolgt wird. Denn er bringt uns meiner Meinung nach entweder in schreckliche Erklärungsnöte oder führt in Verteilungskämpfe um Geld und Stellen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Feiern wir gerne Erfolge, aber dann bitte schön 1. nicht nur die allerneuesten, sondern auch die stetigen und althergebrachten; 2. als weiche Faktoren, nachdem die harten Faktoren über Stellenausstattung, Dienstbeschreibungen und Budget befunden haben und 3. mindestens mit einer statistisch, besser noch wirtschaftlich belastbaren Abwägung von Aufwand, Nutzen und vor allen Dingen, Vergleichbarkeit.

Quellen: Kirchliches Leben in Zahlen

V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterFeb2017.pdf

Dekanatssynode Rügheim fordert Sonderzahlung

Eingabe der Dekanatssynode Rügheim an die Landessynode der ELKB

Sehr geehrte Frau Präsidentin Dr. Preidel, sehr geehrte Damen und Herren Synodale,

die von der Herbstsynode des DB Rügheim am 17.10.15 beschlossene Eingabe wurde von der Landessynode der ELKB leider abgelehnt (Eingabe 88 LS Ansbach). Die Herbstsynode des DB Rügheim hat während ihrer Tagung am 15.10.16 den ablehnenden Bescheid (Schreiben des Hr. KR Dr. Frisch vom 27.04.16) zur Kenntnis genommen. Das Problem mangelnder Finanzierung der Kirchengemeinden besteht aber weiterhin. Deshalb hat die Dekanatssynode Rügheim eine neue Eingabe an die Landessynode beschlossen, mit folgendem Wortlaut:

Eingabe der Dekanatssynode Rügheim an die Landessynode der ELKB

Die Dekanatssynode Rügheim hat sich am 15.10.16 unter anderem mit der finanziellen Situation der Kirchengemeinden befasst und stellt fest:

Steigende Personal- und Sachkosten im laufenden Haushalt können in vielen Kirchengemeinden nicht mehr durch die jährliche Schlüsselzuweisung ausgeglichen werden. Das führt zu einer angespannten finanziellen Situation in den Gemeinden und zur Verringerung der Rücklagen, während gleichzeitig der Gesamthaushalt der ELKB auch im vergangenen Jahr wieder mit einem Überschuss abschließt.

Die Dekanatssynode Rügheim stellt deshalb den Antrag, die Landessynode möge zunächst für das Jahr 2016 und für das Jahr 2017 jeweils eine Sonderzahlung an die Kirchengemeinden beschließen, mit Option weiterer Zahlungen in den Folgejahren, solange der Gesamthaushalt der ELKB einen Überschuss erwirtschaftet.

Diese Sonderzahlung soll – unabhängig von der durch die Vorsteuerung verursachten Deckelung des Haushaltes der Gemeindeabteilung im LKA – aus dem allgemeinen Finanzhaushalt der ELKB entnommen werden.

Beschluss: Einstimmig, ohne Enthaltungen.
J. Blechschmidt, Dekan

Kopien: Frau Traudi Wießler, Landessynodale
Herrn Robert Glenk, Landessynodaler

„Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele Synodale und Kirchengemeinden sich anschließen könnten, bzw. eine eigene Eingabe mit ähnlichem Inhalt einbringen.“

Gemeinde vor Ort – Zukunft der Kirche

Newsletter des Gemeindebunds Bayern, Dezember 2016

Die Ergebnisse der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD lassen erkennen: Die Ortsgemeinden sind der Herzschlag der Kirche. Theologisch war das vielen längst klar, aber jetzt ist es auch noch durch eine breite, empirische Untersuchung unterfüttert und bestätigt. Es ist erstaunlich, dass der Fokus auf die Kirchengemeinden in den seit 1972 durchgeführten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen kaum eine Rolle spielt. Dementsprechend wurden andere Organisationsformen der Kirchen favorisiert und die Ortsgemeinden als im Kern bornierte  und  rückständige  Restbestände der  Volkskirche  angesehen.  In  dem EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ fand diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Sie enthält eine  erschreckende Geringschätzung der  Ortsgemeinde.  In  ihr, so  diese  EKD-Schrift,  herrschen „ungutes Kirchturmdenken, überzogene Autonomievorstellungen, Defizite in der Verantwortungsbereitschaft für das Ganze, Mängel in der Identifikation vieler Mitarbeitenden, fehlende Qualitätsstandards, Milieuverengung“ usw. Demgemäß sollte der Ressourcenanteil für Ortsgemeinden von bisher 80 % auf 50 % heruntergefahren werden. Der Ungeist dieser Schrift hat in vielen Landeskirchen Einzug gehalten. Es ist nur  zu hoffen, dass durch die neue Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ein Umdenken einsetzt. Waren doch jahrzehntelang diese Untersuchungen Ausgangspunkt für Veränderungen der kirchlichen Strukturen.

Kirchengemeinden bilden die Basis der evangelischen Kirche. Dies lässt sich durch die KMU 5 an vielen Beispielen belegen. Drei möchte ich nennen:

  1. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen. Man kann davon ausgehen, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder der evangelischen Kirchen über die Ortsgemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“ – so Gerhard Wegner, Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD.
  2. Wie schon bei allen bisherigen Kirchenmitgliederbefragungen haben die Pfarrerinnen und Pfarrer in den Ortsgemeinden eine Schlüsselrolle. Die hohe Wertschätzung des Pfarramtes wurde durch die Kirchenmitglieder eindrücklich bestätigt.
  3. Kirchengemeinden sind nach wie vor der wichtigste Ort religiöser Erfahrungen. Die religiösen Bedürfnisse, die von Kirchenmitgliedern artikuliert werden, werden in den Kirchengemeinden befriedigt. Das hängt mit der Nähe zu den Menschen zusammen, was gerade für die Verlierer unserer Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist. Die Dimension des Sozialen spielt dabei eine herausragende Rolle.

Aus all dem lässt sich folgern: Die parochial verfassten Ortsgemeinden müssen der Ausgangspunkt einer Kirchenreform sein und dürfen nicht länger als deren Problem behandelt werden. Ein Aufbruch des Protestantismus in Deutschland geschieht von unten. Die Ressourcen einer Kirchengemeinde müssen von daher erheblich gesteigert werden, was bei einem guten Kirchensteueraufkommen auch möglich ist. (Die Kirchensteuereinnahmen der EKD sind im letzten Jahrzehnt um über 30 % gestiegen. In den Jahren 1967 bis 1970 haben sie sich verdoppelt und von 1970 bis 1990 verdreifacht.)

Wenn theologische Argumente nicht mehr überzeugen, dann vielleicht empirische Ergebnisse. Trotzdem sei in Erinnerung gerufen, was Jürgen Moltmann bei einem öffentlichen Festvortrag zur Barmer Theologischen Erklärung zum Auftakt des Studientages der vier kirchenleitenden Organe der evangelischen Landeskirche in Bayern den Synodalen ins Stammbuch geschrieben hat:

„Die Gemeinden sind nicht Ortsvereine der Landeskirche. Und alles, was den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – ansonsten sind es überflüssige Super – Strukturen.“

V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern,
Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan
1. Vorsitzender

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterDez2016.pdf

Finanzausstattung der Gemeinden in der ELKB verschlechtert

Eindrücke von der Herbsttagung der bayerischen Landessynode in Bad Reichenhall vom 20. – 24. November 2016 (Auszug)

Von Dr. Martin Seibold und Hans-Joachim Vieweger (Mitglieder der Landessynode der ELKB)

Landeskirchlicher Haushalt …

Die Synode hat dem landeskirchlichen Haushalt für das kommende Jahr 2017 mit einem Volumen von (erstmals) mehr als 900 Millionen Euro zugestimmt. Obwohl die Ausgaben durch die so genannte „Vorsteuerung“ gedeckelt wurden und trotz weiter wachsender Kirchensteuereinnahmen steht unterm Strich nur ein kleiner Überschuss.

Ein ganz wesentlicher Teil des Haushalts sind die Personalkosten, von denen wiederum allein rund 200 Millionen Euro für die Altersvorsorge bestimmt sind. Dabei sind die Verpflichtungen, die die Landeskirche gegenüber ihren Mitarbeitern hat, noch nicht „ausfinanziert“, wie Bilanzexperten sagen. Vor diesem Hintergrund debattiert schon seit einer ganzen Weile ein „Gemischter Ausschuss Versorgung“ (bestehend aus Mitgliedern des Landeskirchenrats und der Landessynode) über mögliche Veränderungen bei der Altersversorgung. Klare Vorschläge liegen derzeit noch nicht vor, offenbar tut sich der – von Versorgungsempfängern dominierte – Ausschuss schwer, zu Einschnitten im Versorgungssystem zu kommen.

… und Gemeindefinanzen

Heftig diskutiert wurde im Zusammenhang mit dem Haushalt über den Vorwurf des Gemeindebunds, die Gemeinden würden finanziell vernachlässigt, sie seien die Verlierer (Wir berichteten). Oberkirchenrat Dr. Hans-Peter Hübner meinte unter Hinweis auf das gesamte Gemeindebudget in Höhe von 148 Millionen Euro: „Verlierer sehen anders aus.“ Freilich: In diesem Betrag sind auch die Ausgaben für Dekanate und Verwaltungsstellen sowie für Bauprojekte enthalten. Die „Schlüsselzuweisungen“, die unmittelbar bei den Kirchengemeinden ankommen und über die die Gemeinden verfügen können (freilich abzüglich der „Ergänzungszuweisung“), liegt nur bei knapp 80 Millionen Euro. Interessant ist dabei, wie sich dieser Haushaltsposten in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Gemessen an den geplanten Ausgaben fiel der Anteil der Schlüsselzuweisungen von 10,14 Prozent im Jahr 2007 kontinuierlich auf nur noch 8,81 Prozent im Haushalt für das Jahr 2017 (für Kenner: ein Vergleich mit den „Ist-Zahlen“ würde aus Gemeindesicht noch schlechter ausfallen). Das heißt: Verglichen mit anderen Haushaltsposten hat sich die unmittelbare Finanzausstattung der Gemeinden in den letzten Jahren verschlechtert – wobei zu einem vollständigen Bild selbstverständlich auch andere Unterstützungen für die Gemeinden, insbesondere im Baubereich, gehören.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Nr. 3 der unabhängigen Kirchenzeitung „Die mündige Gemeinde“ erschienen

Die mündige Gemeinde - eine protestantische Zeitung - Nr. 3/2016
Die mündige Gemeinde – eine protestantische Zeitung – Nr. 3/2016

Editorial

Am 18. und 19. September 2016 trafen sich zum ersten Mal die Gemeindebünde der vier Landeskirchen Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Nordkirche, Evangelisch-Lutherische Kirche Bayern und Evangelische Kirche im Rheinland in der evangelischen Landjugendakademie zu Altenkirchen. U.a. wurde der Wunsch nach einem basisorientierten Presseorgan geäußert, das sich kritisch mit den Reformprozessen innerhalb der EKD auseinandersetzt und eine alternative Berichterstattung zu den etablierten Kirchenzeitungen bieten soll.

Da die finanziellen Mittel und logistischen Möglichkeiten der Vereine begrenzt sind, entstand die Idee, diese Zeitschrift in einer Onlineausgabe zu veröffentlichen und es der Initiative der Gemeinden zu überlassen, für eine Verbreitung als Printmedium zu sorgen. Unter der Internetadresse  www.muendige-gemeinde.de stehen daher unterschiedliche Formatvorlagen zum Download bereit, die eine flexible Weiterverarbeitung ermöglichen.

„Die mündige Gemeinde“ knüpft in ihrer inhaltlichen Ausrichtung an die beiden ersten Ausgaben an, die unter der maßgeblichen Regie von Pfarrerin Katharina Dang in den Jahren 2013 und 2014 im Zeitungsformat erschienen sind. Auch diese Ausgaben finden Sie auf der Webseite. Unser Anliegen ist es, auch auf diesem Wege einen breit angelegten Diskurs um die Zukunft unserer Kirche zu unterstützen, die in allen Landeskirchen initiierten Reformprozesse kritisch zu begleiten und konstruktiv an alternativen Ideen mitzuarbeiten, die unsere Kirche – trotz struktureller und finanzieller Herausforderungen – als Kirche für andere und vor Ort bei den Menschen bewahrt.

Denn Kirche lebt von und an der Basis, ihre gesellschaftliche Relevanz erhält sie aus den Kirchengemeinden und den Einrichtungen und Werken, die vor Ort ihren Dienst verrichten. Zu diesem Ergebnis ist nicht nur die 5. Kirchenmitgliederuntersuchung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD gekommen, sondern dies erweist sich täglich in der Begegnung mit den Nahen und Fernen der Gemeinden. Darum treten wir für die Stärkung der Ortsgemeinden ein und wenden uns gegen eine Verlagerung von finanziellen Ressourcen und organisatorischen Kompetenzen auf andere Ebenen.

Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.

Die Gemeindebünde Bayern
Gemeindebund Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
Gemeinde im Aufwind der Nordkirche
KirchenBunt im Rheinland

Direkter Download: http://muendige-gemeinde.de/DmG/DmG_2016-03.pdf

gemeindebuende

http://ev-gemeindebuende.de/

 

Keine Regionalisierung mit Fusionen von oben in der ELKB

Die Vorsitzende des Pfarrer- und Pfarrerinnenverbands in der ELKB Corinna Hektor in ihrem Bericht im Korrespondenzblatt Nr. 11/2016: „Geschafft! Wir bleiben dran.“ (Anm. der Red.: Der Gemeindebund Bayern auch!)

„»Keine Regionalisierung mit Fusionen von oben« – dieses Versprechen beruhigt. Es deutet an, dass Entwicklungen nach »Kirche der Freiheit«, wie man sie in Hannover besichtigen kann, bei uns nicht geplant sind. Anders ausgedrückt: man muss nicht alle Fehler nachmachen. Denn solche Veränderungen haben Folgen. So kann man in IDEA-Spektrum nachlesen, was sich analog zu Hannover und Berlin nun auch in der Nordkirche belegen lässt: »Drei von zehn Mitgliedern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) lassen sich nicht kirchlich bestatten. Das geht aus einer Studie mit dem Titel ›The times, they are a-changin‹… der Arbeitsstelle ›Kirche im Dialog‹ der Nordkirche hervor. … Die Herausgeber der Studie vermuten, dass die Zahl in der Zwischenzeit weiter gestiegen ist. Neuere Erhebungen gebe es aber nicht. Sie folgern, dass die kirchliche Begleitung in den ›Schwellenmomenten des Lebens‹ für Kirchenmitglieder ›nicht mehr selbstverständlich‹« ist. In Bayern sind wir davon Gott sei Dank weit entfernt. Und wir wünschen uns, dass das so bleibt.

Die Mitgliedschaftsuntersuchungen sprechen eine deutliche Sprache. Sie passt zu den Erfahrungen der KollegInnen, zu den Wünschen von Kirchenvorständen, zu den Erkenntnisse aus der empirischen Sozialforschung: Am besten funktionieren kleine, überschaubare Einheiten; direkter Kontakt ist wichtig und personale Beziehung. Großgebilde schwächen die persönliche Verbundenheit der Mitglieder. Wenn das stimmt, sind überschaubare Gemeinden sinnvoll, sollten traditionelle, gewachsene Strukturen respektiert werden. Es hilft dabei nur wenig, Gemeinden formal eigenständig zu lassen, aber PfarrerInnen für zehn oder mehr solcher Einheiten zuständig zu erklären, da die Menge der Gemeinden und Orte, die jemand im Blick haben kann, begrenzt ist.

Martin Luther sagt dazu: »Es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben.« Dahinter steht die Überzeugung: Verkündigung und Seelsorge brauchen personale Beziehung. Das trägt. Dass das tatsächlich funktioniert, freut auch unseren Landesbischof, der auf Facebook begeistert schreibt, dass in Gollhofen die Zahl der Eintritte die der Austritte übersteigt und wie lebendig diese kleine Gemeinde sei. »In den volkskirchlich verwurzelten Dörfern des Dekanats Uffenheim ist ein Gottesdienstbesuch von 20-30 % keine Seltenheit – auch wenn kein Bischof da ist.« Gollhofen hat laut landeskirchlicher Statistik 542 Gemeindeglieder in 2015; auch wenn es sich einen Pfarrer mit anderen Gemeinden teilt, ist das klein. Auch das Dekanat Uffen-heim ist mit 38 Kirchengemeinden und knapp 11.000 Gemeindegliedern eher übersichtlich – und offenbar durchaus funktional.

Überschaubarkeit tut gut. Das gilt in jeder Region, in Stadt und Land. Und es gilt auch dort, wo Zuzugsgebiete neue Lösungen brauchen. Außerdem gibt es neben den Gemeinden nötige Funktionsstellen und wichtige Dienste, die gut ausgestattet und ebenfalls überschaubar sein müssen. Und Raum für Experimente und Projekte tut der Kirche auch gut.

Was also ändern?“

Lesen Sie hier den ganzen Bericht: http://www.pfarrverein-bayern.de/ablage/kblatt-1611.pdf (Ab S. 144)

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