„Kirche der Freiheit“ – Abgesang auf ein kirchliches Altpapier

2007, ein Jahr nach Erscheinen des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, legte Florian Lenz in seiner Diplomarbeit (Kirche der Freiheit? – Eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Impulspapiers der EKD, GRIN Verlag GmbH 2013) eine religions- und organisationssoziologische Analyse des Dokuments vor, die im Nachhinein ein interessantes Licht auf die Entwicklung der vergangenen Jahre in unseren Landeskirchen wirft. Er kommt seinerzeit zu dem Schluss, dass die von Huber & Co. verantworteten Reformideen nur dann erfolgreich umgesetzt werden könnten, wenn sich die Evangelische Kirche eine neue Organisationsstruktur zu eigen machen würde:

Da sie (die EKD, Anm. des Autors) nach ihrem Selbstverständnis (…) keine Kirche mit Hierarchie ist, können Reformen nicht wie in einem Wirtschaftsunternehmen von oben verordnet werden, sondern sich nur langsam unter Einbeziehung vieler Interessengruppen von unten vollziehen.

Und:

Institutionalisierte Einflussmöglichkeiten auf innere Angelegenheiten der Landeskirchen besitzt sie (die EKD, Anm. des Autors) jedoch nicht, denn diese sind autonome Körperschaften.

Um das „Problem“ zu lösen, gab Lenz folgenden Tipp:

In dieser Hinsicht wäre es eine Überlegung wert, über ein Mehr an Bürokratie und Hierarchie in der EKD nachzudenken (…) stärker ausgeprägte Hierarchien mit entsprechenden Kompetenzen würden manch einen Aspekt des aufgezeigten Reformprozesses vereinfachen.

Nach neun Jahren können wir konstatieren: Die EKD und ihre Landeskirchen haben in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet! Obwohl z.B. die Evangelische Kirche im Rheinland offiziell nichts von einer Umsetzung des Impulspapiers wissen will (Aussage von Präses Rekowski auf der Veranstaltung „Kirchenleitung im Gespräch“ in Oberhausen im September 2013), hat sie die Vorgaben mustergültig realisiert. Nicht nur das Neue Kirchliche Finanzwesen und die Verwaltungsstrukturreform zeugen davon. Auch die Genehmigungspflicht der Haushalte (Gemeinden gegenüber dem Kirchenkreis, Kirchenkreise gegenüber der Landeskirche) beweisen das, deren Ausübung aus praktischen Gründen nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben wurde. Damit ist aber klar: Die Umbauprozesse sind in der Tat nicht von der Basis her konzipiert, sondern folgen den Mechanismen eines Großkonzerns in klassischer Top-Down-Manier. Abgesehen davon, dass dies mit der evangelischen Grundüberzeugung einer sich von unten aufbauenden Kirche nicht vereinbar ist, hinterlassen die initiierten Reformprozesse mittlerweile irreparable finanzielle und personelle Kollateralschäden, die den erhofften Nutzen zunichte machen.

„Zielorientierung steht im Mittelpunkt.“

Darüber hinaus formen sie unsere Kirche zu einer Organisation, die sich mehr und mehr von ökonomischen Gesichtspunkten leiten lässt. Insofern ist die Einführung des Neuen Kirchlichen Finanzwesens nur konsequent gewesen, auch wenn die Systematik der Doppelten Buchführung nicht unmittelbar kompatibel ist mit kirchlichen Strukturen und Inhalten. Beispielhaft sei an dieser Stelle die berühmt-berüchtigte „Linke Seite“ und die hier zu formulierenden „Ziele“ genannt. Schließlich ist es mehr als abenteuerlich, den Erfolg an Sachzielen wie „Zufriedenheit der Kirchenmitglieder“ oder „Verkündigung des Wortes Gottes“ (NKF-Infobrief Mai 2013 des Kirchenkreises Altenkirchen) zu bemessen. Da helfen auch solch gut gemeinten Ratschläge wie die von Dr. Lars Tutt, Leitender Dezernent des Finanzdezernats im Landeskirchenamt, nicht, der vorschlägt, „geistliche Qualitäten – wie etwa im Gottesdienst oder in der Seelsorge“ mit „Like-it-Button auf der Facebook-Seite der Gemeinde“ oder am „Kollektenaufkommen“ oder gar an „der Zahl der Seelsorgegespräche“ zu bewerten (ekir.info Nr. 6 / Dezember 2014, S. 12). Wer sich dann noch mit kommunalen Mitarbeitern austauscht, die das Procedere der Buchhaltungsumstellung schon hinter sich haben, weiß, worum es bei NKF in Wirklichkeit geht: um (Erfolgs-)Kontrolle. Was an sich nicht unbedingt verwerflich ist, wird spätestens jedoch dann äußerst fragwürdig, wenn man beobachtet, wer am Ende wen kontrolliert!

Und da sind wir wieder bei der Verwaltung, die inzwischen nicht nur erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen bindet, sondern merklich an Einfluss auch in die Gemeindearbeit vor Ort gewonnen hat, obwohl sie sich aufgrund der Zentralisierung aus diesen zurückziehen musste. Was sie daraus macht, liegt auch daran, welches Selbstverständnis sie von sich hat und welche Ziele sie verfolgt. Auch hierzu sei Florian Lenz zitiert:

Gewählte Führungen kommen und gehen, die bürokratische Verwaltung aber bleibt. Dies gilt auch für die EKD. Es bleibt zu diesem Zeitpunkt Spekulation, welche Interessen die bürokratischen Verwaltungsorgane der EKD und der Landeskirchen haben und welchen Einfluss sie in Bezug auf die Leuchtfeuer geltend machen werden. Es ist aber davon auszugehen, dass bei einer Fusion von Landeskirchen auch Verwaltungsstrukturen aufgelöst werden. Selbsterhaltung und somit Arbeitsplatzsicherheit der Mitarbeitenden in der Verwaltung wird daher mit Sicherheit ein Interesse der Verwaltung sein.

Schon 1970 hat es ja den Versuch auf der Synode in Stuttgart gegeben, die EKD-Organe durch eine Bundeskirche zu stärken. Damals haben sich die Landeskirchen erfolgreich dagegen gewehrt, da sie – man höre und staune! – eine Zunahme des Zentralismus und somit eine Abnahme ihrer Autonomie befürchteten. Gut 35 Jahre später scheinen sich solche Ängste unter dem Dauerbeschuss von negativen, jedoch sich nicht bewahrheitenden Prognosen, verflüchtigt zu haben. Willig werden Vorgaben, wie sie – ebenfalls 2006(!) im „Erweiterten Solidarpakt“ von der EKD diktiert sind, umgesetzt (Beschlusstext veröffentlicht unter wort-meldungen.de). Dass solche Vereinbarungen an Landessynoden vorbei getroffen und Presbyterien über solche Vorgänge nicht informiert wurden, gibt dem ganzen Sachverhalt ein gewisses unprotestantisches Gschmäckle und widerspricht der viel gepriesenen und versprochenen Transparenz.

„Das christliche Liebeshandeln wird dann undeutlich, wenn die christlichen Wurzeln in Vergessenheit geraten und der gemeinnützige Liebesdienst einer Unternehmensorientierung zum Opfer fällt, welche Effizienz und Kosten- und Leistungsrechnung zu Maßstäben macht.“

Kurz vor ihrem 10-jährigen Jubiläum und zwei Jahre vor dem Reformationsjubiläum scheint sich aber selbst in höheren Etagen die Erkenntnis durchzusetzen, dass mit „Kirche der Freiheit“ ein Dokument Einzug gefunden hat, das ein ungesundes und wesensfremdes wirtschaftliches Denken etablierte. Siegfried Eckert hat mit seinem Buch „2017. Reformation statt Reförmchen“ einen vielbeachteten Anfang gemacht. Laut wort-meldungen.de hat nun auch der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen-Nassaus, Volker Jung, ein vernichtendes Urteil über die Intention des Papiers gefällt und es knapp auf den Punkt gebracht:

„Die Parole „Wachsen gegen den Trend“ habe viel Druck gemacht und keinen Nutzen gebracht.“

Darüber hinaus kritisierte er auch den auf Leitungsebene schier unerschütterlichen Glauben an langfristige Prognosen, mit denen die Umbauprozesse bis heute als alternativlos begründet werden:

Jung distanziert sich vom Impulspapier „Kirche der Freiheit“ und der darin enthaltenen „einfachen Formel“ wonach in einem gegebenen Jahr 2030 die Mitgliederzahl und Finanzkraft der Kirche sinken würden: „Niemand wagt heute mehr eine Finanzprognose. Die tatsächliche Entwicklung der Finanzkraft hat sich zum Glück nicht so bestätigt wie prognostiziert. Die Finanzkraft sei nicht nur von der Mitgliederzahl abhängig. Bei guter wirtschaftlicher Situation verzeichnet die ev. Kirche auch bei Mitgliederschwund hohe Einnahmen.“

Jung ist beileibe nicht der einzige, der sich so deutlich vom Impulspapier distanziert. Lediglich Thies Gundlach, Vizepräsident der EKD, tingelt landauf, landab durch die Gegend, preist dessen Innovationspotenzial und verteidigt es tapfer gegen jede Kritik. Doch auch er wird eines Tages feststellen müssen, dass dieses Papier nicht selbiges wert gewesen ist, auf dem es geschrieben wurde. Allerdings hört man Kritik meist nur hinter verschlossenen Türen, auf schallgedämpften leeren Fluren der Landeskirchenämter oder wenn das Mikrofon ausgeschaltet ist. Und in Düsseldorf – so kann man in einem Beitrag im PräsesBlog unschwer nicht nur zwischen den Zeilen lesen – will man das leidige Thema gleich ganz ad acta legen und sich am liebsten erst gar nicht damit auseinandersetzen. Nachzuvollziehen ist das. Denn würde man Kritik von landeskirchlicher Leitungsebene laut und bis zur Basis hörbar äußern, müsste man sich schließlich auch einer öffentlichen Diskussion über die Vielzahl an negativen Folgen aussetzen, die gerade in den Kirchengemeinden zu spüren sind, ohne das die wirklich festmachen können, woraus sie resultieren.

„Reformen werden nicht von oben verordnet, sondern vollziehen sich von unten her.“

Dies wäre aber ein notwendiger Reinigungsprozess, der Voraussetzung dafür ist, dass adäquate Reformen angestoßen werden – und zwar dieses Mal von unten! Denn nicht nur die 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung macht deutlich, wo Kirche verortet ist: in den Gemeinden und in den Diensten und Werken, die für jedermann ersichtlich konkrete Arbeit am Menschen leisten. EKD, Landeskirchen, ja selbst Kirchenkreise bleiben für die meisten abstrakte Größen, die nur wenig Bindungskraft entwickeln. Die besitzen aber nachweislich immer noch die Kirchengemeinden vor Ort (auch wenn Thies Gundlach das, wie auf einer Podiumsdiskussion in Bonn geschehen, vehement bestreitet). Deshalb ist auch dort zu entscheiden, wie den aktuellen Herausforderungen begegnet werden soll. Notwendig wäre hierfür eine direktere Kommunikation zwischen Kirchenleitung und Landessynode auf der einen und Presbyterien auf der anderen Seite.

Mit „Kirchenleitung im Gespräch“ wurde zwar ein zaghafter Anfang gemacht, jedoch glichen diese Abende mehr einer Alibiveranstaltung als einer Diskussion auf Augenhöhe. Auch das ist m.E. die Folge eines neuen Verständnisses von „Leitung“, die auf der Grundlage von „Kirche der Freiheit“ mehr und mehr als „Führung“ interpretiert wird. Umso mehr gilt es, den wahren Charakter dieses Dokuments offen zu legen (so wie es z.B. im Wormser Wort ausformuliert ist), die durch das  Impulspapier initiierten Umbaumaßnahmen ehrlich und offen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, wo es noch nicht zu spät ist, eingeleitete kontraproduktive Maßnahmen zu stoppen bzw. zu modifizieren, um dann endlich – endlich! – einen Aufbruch zu wagen, der dort seinen Ausgangspunkt nimmt, wo Kirche Jesu Christi den Menschen am nächsten kommt. Vielleicht schaffen wir das noch bis 2017 – schön wär’s!

Kirche vor Ort und bei den Menschen

Wir haben es sowohl mit einer organisatorischen und finanziellen als auch machtpolitischen Schwächung der Kirchengemeinden zugunsten von Kirchenkreisen und Landeskirche, aber auch in Richtung EKD zu tun, was, sollte dieser Kurs unverändert beibehalten werden, unsere Rheinische Kirche in den kommenden Jahren von einer presbyterial-synodalen Ordnung weg zu einem synodal-episkopalen System führen wird.

Wir stehen in der Tat vor der Frage: Welche Kirche wollen wir? Oder besser: Welche Kirche sollen wir um Gottes Willen sein? Da der Umbauprozess in verschiedenen Bereichen schon weit vorangeschritten ist und im Hintergrund von Seiten der EKD zumindest gefördert, wenn nicht sogar forciert wird (Stichwort: Erweiterter Solidarpakt), da eine selbstkritische und auf die Bedürfnisse der Basis achtende Infragestellung des bisherigen Kurses innerhalb der zweiten und dritten Führungsebenen kaum wahrnehmbar ist, da die Reorganisation unserer Landeskirche immer deutlicher einer konzernorientierten Philosophie folgt, ist eine Stärkung der ersten Ebene wohl nur durch die erste Ebene selbst einzuleiten. Voraussetzung hierfür ist eine von landeskirchlichen Strukturen unabhängige Solidarisierung und Vernetzung von Kirchengemeinden, Einrichtungen und Werken, wie sie in anderen Landeskirchen schon existieren – nicht, um notwendige Veränderungen zu boykottieren, sondern um einen wirklichen Reformprozess anzustoßen, der dort beginnt und investiert, wo die kirchliche Arbeit am deutlichsten Wirkung zeigt und einem weiteren Bedeutungsverlust am effektivsten entgegenwirkt: vor Ort bei den Menschen.

Ausführlicher Artikel auf kirchenbunt.de:

http://kirchenbunt.de/kirche-vor-ort-und-bei-den-menschen/

Gemeinwesen oder Großkonzern

Diese Skizze soll verdeutlichen, in welchem gesellschaftlichen Kontext die kirchlichen Umbaukonzepte entwickelt wurden. In zentralen Elementen folgen sie einer neoliberalen Agenda. Was völlig fehlt, ist die Anknüpfung an das große biblische Freiheitsepos, das den Auszug der Kinder Israels aus der Knechtschaft in Ägypten beschreibt. Auch einen handlungsleitenden Bezug auf den paulinischen Freiheitsbegriff (Vgl. z.B. Gal. 4-5) sucht man vergeblich. Was offenbar sehr zielgerichtet angestrebt wird, ist die Transformation eines immer noch bemerkenswert vielfältigen protestantischen Gemeinwesens in einen religiösen Dienstleistungskonzern.

Von Hans-Jürgen Volk

http://kirchenbunt.de/gemeinwesen-oder-grosskonzern/

EKiR: Manchmal muss es eben Mumm sein!

In einer Videobotschaft und in einem offenen Brief kündigt der Präses der Ev. Kirche im Rheinland Einsparungen von 35% auf landeskirchlicher Ebene bis zum Jahr 2018 an. Der Offenheit, mit der er die Sparmaßnahmen ankündigt, darf man durchaus Respekt zollen. Dennoch ist es jetzt an der Zeit, dass sich unsere Kirchengemeinden wieder mehr auf ihr presbyterial-synodales Prinzip rückbesinnen und sich von übergeordneten Institutionen emanzipieren.

Botschaft

Ein Kassensturz, so Präses Rekowski, habe ergeben, dass die finanzielle Situation auf landeskirchlicher Ebene dramatischer sei, als noch vor wenigen Monaten angenommen. Ursprünglich sollten 15% des Haushaltes bis zum Jahre 2023 eingespart werden, nun ist man zur Erkenntnis gekommen, dass es 35% bis zum Jahre 2018 sein müssen. Begründet wird dieser Einschnitt u.a. mit dem einleitenden Hinweis, dass die Mitgliederzahlen seit Jahrzehnten sinken und damit die Kirche weniger Kirchensteuer einnehmen würde. Diese Behauptung hat in den letzten Jahren schon zu teilweise drastischen Sparmaßnahmen in einzelnen Gemeinden geführt: Pfarrstellen- und Angestelltenabbau, (unfreiwillige) Fusionen, Veräußerung von Gebäuden etc. U.a. wurden auch strukturelle Veränderungen mit vorgeblich finanziellen Einbußen begründet und durchgesetzt. Diese Entwicklung wird nun weiter forciert.

Fakten

Der Brandbrief unseres Präses Rekowski beginnt mit dem Satz: “Wie können wir auch in Zukunft unsere Leitvorstellung ‘missionarisch Volkskirche sein’ verwirklichen, wenn unsere Mitgliederzahl seit 1970 um fast ein Drittel gesunken ist und weiter kontinuierlich sinkt und unsere Finanzkraft nicht zuletzt dadurch nachhaltig geringer wird?” Es ist bedenklich, dass das Damoklesschwert der zurückgehenden Mitgliederzahlen immer wieder gleichgesetzt wird mit geringeren Kirchensteuereinnahmen. Denn das ist schlichtweg falsch! Das Gegenteil ist der Fall: 1970 lagen die Mitgliedszahlen bei knapp 3,9 Millionen, das Kirchensteueraufkommen betrug umgerechnet etwa 200 Mio €. 1990 verzeichnete die EKiR 3,3 Millionen Mitglieder bei einem Kirchensteueraufkommen von 580 Mio € und im Jahre 2013 werden wir uns voraussichtlich über knapp 600 Mio € Kirchensteuereinnahmen freuen können bei 2,74 Millionen eingetragenen Schäfchen. Dass diese Tatsache – vorsichtig formuliert: – umgedeutet wird, lässt darauf schließen, dass man andere Gründe für die prekäre finanzielle Situation entweder zu vertuschen oder zumindest in den Hintergrund zu drängen versucht. So entsprechen laut Notiz des Internetbeauftragten der EKiR, Peter Reimann, die 35% einem Einsparvolumen von 20 Mio €. Das ist zufällig genau die Summe, die durch dubiose Geschäfte des kircheneigenen Unternehmens bbz GmbH, des Beihilfe- und Bezüge-Zentrums mit Sitz in Bad Dürkheim, veruntreut wurde.

Auch andere überdimensionale Kostenfaktoren sind auf unsachgemäße, ja dilettantische Projektplanung und -umsetzung des Landeskirchenamtes zurückzuführen. Nehmen wir z.B. den Wechsel des Buchungssystems auf das Neue Kirchliche Finanzwesen (NKF): 2011 bestätigte die Landessynode, anstatt der bisher verwendeten kameralistischen die doppische Buchführung einzuführen. Damit sollten die Kirchengemeinden und nicht zuletzt das LKA selbst ihre eigenen finanziellen Belange unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten realistischer abbilden und so zukunftsorientierter planen können. Leider erwies sich die Umstellung in der Kürze der vorgegebenen Zeit und vom Arbeits- und Technikaufwand her als Überforderung der zur Verfügung stehenden Kräfte und Ausstattung, so dass auf landeskirchlicher Ebene Know-How und Manpower teuer eingekauft werden musste, um die gesteckten Ziele wenigstens ansatzweise zu erreichen. Auch hier wurden Millionenbeträge zum Fenster rausgeworfen, u.a. deshalb, weil die vorgesehenen Budgets nicht eingehalten werden konnten (allein für das LKA erhöhte sich der finanzielle Bedarf laut Finanzbericht 2012 auf fast das Doppelte der veranschlagten 2 auf 3,8 Mio € – die Gesamtkosten übersteigen inzwischen das 10fache dieses Betrags!). Als weiterer Kostentreiber ist die Verwaltungsstrukturreform anzusehen, die im Januar 2013 in einem Gesetz verabschiedet wurde und den Kirchenkreisen vorschreibt, wie sie ihre Personalplanung zu gestalten haben. 15 Vollzeitstellen sind – unabhängig von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten – einzurichten. Und: “Zur Sicherung von Vertretung und zur Gewährleistung der notwendigen Fachlichkeit bestimmt die Kirchenleitung eine Mindestpersonalausstattung für die Aufgabenbereiche Personalwesen, Finanzwesen, Bau- und Liegenschaften, IT-Angelegenheiten, Leitung sowie Organisation und Controlling durch Rechtsverordnung gemäß § 27.” Was nichts anderes bedeutet, als dass Kirchenkreise, um dieser Vorgabe zu entsprechen, entweder Personal kostenintensiv aufstocken oder aber fusionieren müssen, da sich eine spürbare positive finanzielle Auswirkung einer solchen Verwaltungseinheit erst bei etwa 100.000 Kirchengliedern einstellt.

Analyse

Neben all den kritischen finanziellen Aspekten, die mir seit einigen Jahren Sorgen bereiten, schwant mir ein weit größeres Ungemach in unserer Evangelischen Kirche im Rheinland. Anscheinend ist man dabei, das Wesen unserer Kirche zu verändern! Bauchschmerzen bereitet mir deshalb ein Nebensatz im Brandbrief Rekowskis, der sich jedoch nahtlos in die Entwicklung der letzten Jahre einfügt. Im Schreiben heißt es: ”Am 28. September findet eine ‘Zukunftswerkstatt’ statt: Neben der Kirchenleitung wird der Ausschuss für Aufgabenkritik, die Vorsitzenden der Ständigen Ausschüsse sowie aus jedem Ausschuss je drei weitere Mitglieder darüber beraten, wie die Evangelische Kirche im Rheinland im Jahr 2030 aussehen soll. Hiervon versprechen wir uns wichtige Impulse für die weiteren Beratungen.” Kirche im Jahr 2030 – das rekuriert auf das noch von Bischof Huber initiierte Impulspapier der EKD “Kirche der Freiheit”, das im Jahre 2006 als Diskussionsgrundlage in die Gemeinden ging. Das darin entwickelte Modell von Kirche mit religiösen Eventzentren und der weitgehenden Aufgabe parochialer Strukturen, also der Ortsgemeinden mit ihren Pfarrern und Kirchen, ist Ausgeburt eines Denkens, das sich eher an unternehmerischen und wirtschaftlichen Prämissen orientiert als an den Leib Christi, der Kirche doch sein soll! Überhaupt vermisse ich in all diesen Diskussionen die theologische Grundlegung und Ausrichtung der anzugehenden Projekte und Umstrukturierungsmaßnahmen. Anstatt auf Gottes Wort zu hören und zu vertrauen, anstatt in den Gemeinden vor Ort nach Lösungsansätzen zu suchen und den Erfahrungen der Pfarrer, Presbyterien und haupt- und ehrenamtlich Tätigen zu lauschen, setzt man lieber auf externe Beratungsfirmen und Marketingstrategen, die unsere Evangelische Kirche im Rheinland wie ein seelenloses Wirtschaftsunternehmen behandeln, das mal ordentlich saniert werden muss. Wenn jedoch das Monetäre als unser Kapital ins Zentrum rückt und nicht der Mensch, dann verfehlen wir nicht nur den Auftrag Jesu, sondern pervertieren unsere Kirche zu einem Tempel, in dem sich alles nur noch um das Goldene Kalb “Wirtschaftlichkeit” dreht. Die schlechten Erfahrungen, die wir die letzten Jahre damit gemacht haben, müssten doch nun langsam zu der Erkenntnis führen, dass – Gott sei Dank! – die Evangelische Kirche im Rheinland kein Wirtschaftsunternehmen ist, dass unsere Pfarrer keine Manager, dass unsere Presbyter keine Abteilungsleiter und unsere Verwaltungsangestellten keine IT-Spezialisten sind – und dass unser Evangelium kein Konsumprodukt ist, dass nur professionell vermarktet werden muss. Wir sind Kirche Jesu Christi und das heißt vor allem, dass wir für die Menschen aus christlicher Liebe heraus Lebensbegleiter sein sollen. Und ich kenne keinen Mitarbeitenden vor Ort, der sich nicht zuerst als Christ und erst viel später als jemand sieht, der hier nur seinen Job macht. Und diesen Unterschied zur Gesellschaft muss sich unsere Kirche in allen Belangen bewahren!

Konsequenzen

1. Die von Präses Rekowski angedeutete Transparenz darf sich nicht nur in Worten, sondern muss sich auch in Taten zeigen. Dazu gehört auch, dass solche Hiobsbotschaften wie die geplante Einsparung von 35% nicht kurz vor den Sommerferien veröffentlicht werden, sondern zu einem Zeitpunkt, zu dem Gemeinden und Kirchenkreise noch die Möglichkeit haben, darauf angemessen zu reagieren!
2. Unsere Synodalen müssen gegenüber der Kirchenleitung mehr Selbstbewusstsein entwickeln und nicht nur Beschlussvorlagen abnicken, weil es inzwischen spät am Abend ist und der Zug nach Hause nicht wartet! (Ich weiß, dass ich an dieser Stelle manchem Abgeordneten Unrecht tue, gehe aber dieses Risiko um des deutlichen Wortes willen ein.)
3. Unsere Kirchengemeinden müssen sich davon frei machen, den Vorgaben der Landeskirche auf Schritt und Tritt Folge zu leisten. Die Presbyterien sind zu aller erst und nur Jesus Christus gegenüber und seiner Gemeinde vor Ort verpflichtet. Ihr Wohl und Gedeihen stehen im Vordergrund. Wenn man der Meinung ist, dass eine landeskirchliche Entscheidung der Verkündigung und Seelsorge vor Ort und der Entwicklung der Gemeinde schadet, dann reicht es nicht zu protestieren, sondern dann ist in der Tat Widerstand gefragt!
4. Kompetenzen dürfen nicht weiter “nach oben” verlagert werden, sondern müssen wieder dorthin, wo sie hingehören: in die Presbyterien und in die Gemeinden vor Ort.
5. Wir alle müssen uns fragen, an welcher Stelle wir zu distanziert, zu desinteressiert, zu lau, zu schläfrig und zu beschäftigt waren, so dass wir eine Entwicklung verpasst haben, die dazu führt, dass unsere Evangelische Kirche im Rheinland ihr presbyterial-synodales Profil zunehmend verliert.

Zu all dem braucht es Gottvertrauen und Mut – ich hoffe, wir Rheinländer bringen ihn auf. Einer meiner Professoren hatte einmal gesagt: Wie ist der Begriff “Pneuma” (Geist) am besten zu übersetzen? Mit Mumm! Der Heilige Geist verleiht Mut! Und manchmal muss es – um Jesu Christi und seiner Kirche Willen – eben Mumm sein.