Gemeinschaft der Heiligen – zu Tode verwaltet?

Die Kirche ist »Gemeinschaft der Heiligen« – so sagt es das christliche Glaubensbekenntnis. Wenn diese Zuschreibung nicht nur ein Etikett ist, sondern die Wahrheit, dann gilt es, sie in aller Arbeit kirchlicher Verwirklichung ernst zu nehmen – und das heißt, wie Dorothea Wendebourg an den Bereichen Gottesdienst, Gemeinde und ordinationsgebundenes Amt zeigt: Die Kirche ist zuerst von der Dimension des Glaubens her zu verstehen, und dem hat die Verwaltung als Instrument der Organisation zu dienen.

„Angesichts dieser im wörtlichen Sinne elementaren Bedeutung der um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelten Ortsgemeinde sollte man annehmen, dass Überlegungen zur Kirchenreform ihrer Unterstützung und Stärkung höchste Priorität einräumen. Vielfach scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein. Wie in einer Kirchenzeitung schon vor 25 Jahren vom Vorsitzenden des hannoverschen Pfarrervereins beklagt wurde und heute noch stärker zu beklagen wäre, ist seit geraumer Zeit »eine groteske Geringschätzung der Ortsgemeinde« zu verzeichnen. Was sich stattdessen immer mehr verbreitet, ist vielmehr der Glaube an die effiziente Serviceeinheit der fusionierten Großgemeinde. Gewiss gibt es immer wieder Fälle, zumal in den östlichen Landeskirchen, in denen, sei es, weil nur noch ein Handvoll Christen am Ort lebt oder weil es weniger Pfarrer gibt als früher, Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Das Bedenkliche ist aber die planvolle Fusionierung, die nicht von der Not diktiert wird, sondern von einem Bild der Kirche, das sich aus administrativen und ökonomischen Idealen speist. Niemand wird bestreiten, dass die Kirche mit ihrem Geld verantwortungsvoll umgehen, also auch ökonomisch denken muss, und niemand wird leugnen, dass sie für geordnete Abläufe einer funktionierenden Verwaltung bedarf – wie schon gesagt. Doch beides, Geld wie Verwaltung, sind eben dienende Elemente, und wenn der Dienst, den sie zu leisten haben, sich an dem bemisst, was die Kirche ihrem Wesen nach ist, heißt das, an der Gemeinschaft der Heiligen, die sich in der Fülle um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelter Gottesdienstgemeinden konstituiert, realisiert, regeneriert und die so auch nach außen ausstrahlt und tätig wird.

Von solchen Gemeinden kann es, wenn die Kirche ein nachhaltiges geistliches Leben führen will, gar nicht genug geben; hier ist zu investieren, was an Pfarrern und Kirchenmusikern – beiderlei Geschlechts – zur Verfügung steht. Stattdessen geht mit der Geringschätzung der Ortsgemeinde eine »dramatische Abwertung des Gemeinde-Pfarramtes« einher, wie der hannoversche Kritiker weiter schreibt; überall werden Gemeindepfarrstellen gestrichen, die übergemeindlichen Pfarrstellen vermehrt – oft für Belange, die gar keines ordinierten Theologen bedürfen; es werden nichttheologische Stellen und immer neue Verwaltungsposten geschaffen – die neuen Großstrukturen sind kompliziert und bedürfen der Fachleute, die sie durchschauen. Von den Services, die das alles ermöglicht, sind viele durchaus schön. Doch der entscheidende Service, der die Wurzel der Gemeinschaft der Heiligen bildet, der regelmäßige Gottesdienst, wird zu einer Aktivität unter anderen, im Zentrum der Bemühungen stehen er und die dafür notwendigen Voraussetzungen kaum.

Nun könnte man einwenden, dass die Kirche ja nicht in der Ortsgemeinde aufgeht, dass sie die Christenheit allerorten umgreift. Warum sollte man also nicht mit der effizienteren Variante regionaler, gegebenenfalls auch wandernder Gottesdienste auskommen? Zweifellos ist die Kirche, von der das Glaubensbekenntnis spricht und die es nicht nur ecclesia sancta, sondern auch ecclesia catholica, »allgemeine christliche« Kirche nennt, mit keiner einzelnen Gemeinde identisch, umgreift sie die Christen aller Orte, ja, aller Zeiten, Lebende und Verstorbene. Auf Reisen in einer fremden Gemeinde oder nach einem Umzug in einer neuen Gemeinde zum Gottesdienst zu gehen und sich dort geistlich zugehörig zu fühlen, lässt diese ortsübergreifende Realität der Kirche handgreiflich erfahrbar werden. Aber sie wird eben konkret in Raum und Zeit erfahrbar, wo sie sich als Gottesdienstversammlung konstituiert. Das verlangt Verlässlichkeit und Regelmäßigkeit im gemeinsamen Zusammenkommen um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch. Sonst wird die Gemeinschaft der Heiligen eine abstrakte Chimäre – oder eben ein Faktor der Administration.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt 2/2019: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4683

Kirchenwirklichkeit als Krisenwirklichkeit?

Schaut man auf die Seite der Aufgaben und Aktivitäten innerhalb der Kirche, so scheint Kirche höchst vital. Umso erstaunlicher, dass dennoch regelmäßig und jüngst verstärkt von Krisen der Kirche geredet wird. Es gibt durchaus so etwas wie eine Diskrepanz zwischen kirchlicher Vitalität einerseits und der regelmäßigen Thematisierung von Krisen der Kirche andererseits. Gerald Kretzschmar greift diese Diskrepanz auf und fragt nach den Kontexten, in denen die Rede von der Krise der Kirche verortet ist, und welchen Funktionen die Krisenwahrnehmung dient. Gibt es neben der Krisenwahrnehmung andere Sichtweisen auf das kirchliche Leben?

Von Gerald Kretzschmar

„Das vierte und letzte Feld eines kirchlich-institutionellen Krisendiskurses bezieht sich schließlich auf den Bereich von Kirchenleitungen. Das Muster kirchenleitender Krisendiskurse basiert auf der Präsentation von rückläufigen Messzahlen z.B. in Bezug auf Finanzen, Personal und Mitglieder und/oder eben auf der Präsentation empirischer Befunde, die einen angeblich gravierenden Schwund von Religiosität und Kirchlichkeit belegen sollen. Auf die Zeichnung eines Krisenszenarios folgen in der Regel Vorschläge zur künftigen Gestaltung des kirchlichen Lebens. Meist stehen gar nicht so sehr die empirischen Analysen im Vordergrund, sondern spezifische Programmatiken, deren Realisierung weitreichende Folgen für das kirchliche Leben hat. Die Präsentation von Zahlen und anderen empirischen Befunden erfüllen weniger eine analytische, handlungsorientierende Funktion als vielmehr eine rhetorische Funktion, nämlich die der Erzeugung von Handlungsdruck. Ziel ist es, die jeweils empfohlene Programmatik als gleichsam zwangsläufig notwendig und alternativ­los zu inszenieren.

Ein prominentes Beispiel für einen Krisendiskurs, der diesem Muster folgt, ist der im Jahr 1999 von dem EKD-Papier »Das Evangelium unter die Leute bringen« angestoßene evangelikal-missionarische Reformprozess, der im weiteren Verlauf in das EKD-Impulspapier »Kirche der Freiheit« aus dem Jahr 2006 mündete. Dieser Krisendiskurs auf kirchenleitender Ebene wirkt sich bis in die Gegen­wart auf weite Teile des kirchlichen ­Lebens aus – und das mit weitreichenden Problematiken in Bezug auf die Gefährdung gewachsener und vitaler kirchlicher Strukturen, in Bezug auf die Wahrnehmung der ­Kirchen­mit­glieder und ihrer pluralen Formen der Kirchenbindung, aber auch in Bezug auf das Verständnis des Pfarrberufs, auf die Bedeutung der parochial verfassten Kirchengemeinden und damit einhergehend auf die Bedeutung örtlicher und personaler Bindungen. (…)

Die von Kirchenleitungen initiierten Krisendiskurse geben vor, dass es aus einer vermeintlichen Krise nur den Ausweg über eine ganz bestimmte Programmatik gibt. Sie gelte es jetzt dringend und konsequent in die Tat umzusetzen. Ähnlich wie bei den schlichten säkularisierungstheoretischen Krisendiskursen fällt auch hier wieder auf: Nur bestimmte Phänomene werden herausgegriffen und einseitig unter dem Aspekt des Rückgangs betrachtet, nicht aber unter dem des Wandels.

Ferner wird ein Kirchenbild aus der Vielzahl faktisch vorhandener und bindungsrelevanter Kirchenbilder programmatisch exponiert und als handlungsleitende Größe für anstehende Strukturveränderungen präsentiert. Aus der Sicht mediatisierter Kommunikation geht es vornehmlich um die Durchsetzung partikularer Interessen. Eine Teilgruppe innerhalb der plural verfassten und sozial wie funktional ausdifferenzierten Großorganisation Kirche versucht, das von ihr präferierte Kirchenbild mit den dazugehörigen Formen kirchlicher Praxis in der Kirche als ganzer durchzusetzen. Aus der Sicht mediatisierter Kommunikation ist es nicht problematisch, dass hier spezifische Kirchenbilder und die dazugehörigen Praxisimplikationen angesprochen werden. Wohl aber ist es problematisch, dass andere Kirchenbilder und Praxisformen, die gerade in ihrer Pluralität konstitutiv für den Erhalt des kirchlichen ­Lebens in der Gesellschaft sind, abgewertet oder ganz verdrängt werden sollen. In solchen Fällen verfehlen Kirchenleitungen ihre Aufgabe. (…)

Die Parochie ist die perspektivenreichste Organisationsform des kirchlichen Lebens. Sie trägt den für moderne Kirchenbindungsformen maßgeblichen Faktoren der persönlichen Bindung und der Örtlichkeit am stärksten Rechnung. Die Einbindung in ein persönliches Netzwerk und der Bezug zu einem konkreten Ort sind für die Menschen in der Moderne notwendige Korrespondenzgrößen zur alltäglich notwendigen und geforderten Mobilität.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, 1/2019: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4657

Das PuK-Paket – Was ist drin?

Die Januarausgabe der ABC-Nachrichten beschäftigt sich mit dem Reformprozess „Profil und Konzentration“ (PuK) der ELKB und enthält auch einen Beitrag des Gemeindebunds Bayern. Lesen Sie hier das Vorwort von Dr. Martin Seibold, Mitglied der Landessynode der ELKB:

Die Januarausgabe der ABC-Nachrichten beschäftigt sich mit dem Reformprozess „Profil und Konzentration“ (PuK) der ELKB.

Liebe Leserin, lieber Leser,

kennen Sie PuS? Nein, ich habe mich nicht verschrieben, ich meine nicht PuK, den aktuellen Zukunftsprozess „Profil und Konzentration“ in unserer Landeskirche, sondern PuS.

PuS hätte er heißen können, der dem aktuellen PuK-Prozess vorangegangene Zukunftsprozess „Perspektiven und Schwerpunkte“, der seine Revitalisierung im Juli 2009 auf einer Konferenz aller kirchenleitenden Organe in Tutzing erlebte, am schönen Starnberger See, wo ich als neu gewähltes Mitglied der Landessynode erstmals an einem derartigen Vorhaben mitwirken durfte. „PuS“ wurde im Anschluss überarbeitet und mündete im Jahr 2013 in der Handreichung „Grundlagen und Orientierungen kirchlichen Lebens“, der folgende Zukunft beschieden war, Zitat: „Die kirchenleitenden Organe haben die Handreichung zustimmend zur Kenntnis genommen.“

Vor diesem Hintergrund kann man sich vorstellen, dass die Folgen des Prozesses PuS – vorsichtig formuliert – überschaubar blieben. An einer Stelle jedoch war er, wenn vielleicht auch unbeabsichtigt, sehr zukunftsweisend: Die erstellte Handreichung sollte „… zu einer profilierten kirchlichen Praxis vor Ort ermutigen.“ War das der Anstoß zu „Profil und Konzentration“, also dem aktuellen Zukunftsprozess, der sieben Jahre später in der nächsten Konferenz aller kirchenleitenden Organe im Juni 2016, ebenfalls in Tutzing, das Licht der Welt erblickte, und der sich seither sehr präsent und ressourcenintensiv auf allen Ebenen unserer Kirche im wahrsten Sinne des Wortes Raum verschafft?Wohl eher nicht, denn PuK kommt zur „Erkenntnis, dass die bisherigen inhaltlichen Ansätze zwar hilfreich und umfassend waren, aber zu sehr beschreibend und auf Einigkeit zielend und daher zu wenig Wirkung entfalteten.“

Um nicht das gleiche Schicksal zu ereilen, bescheinigt PuK sich selbst einen völlig neuen Ansatz, um ein Bild der zukünftigen Entwicklung von Kirche zu entwerfen: „Um Kirche zu entwickeln, muss vom biblischen Auftrag aus gedacht werden. Dieser Auftrag muss konkretisiert werden in konzentrierten Grundaufgaben der heutigen Kirche. Das Denken von Aufgaben her muss das Denken in herkömmlichen Arbeitsformen und Strukturen ablösen.“

Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Inhalt vor Struktur. Ich bin sicher: diesen Ansatz wird wohl jeder sofort und ungeprüft unterschreiben. Besonders jeder, der schon einmal an den Strukturen unserer Kirche Anstoß genommen hat – also vermutlich jedes unserer Kirchenmitglieder. Aber jeder wird auch nach kurzem Nachdenken wissen: Den Inhalt des „biblischen Auftrags“ ekklesiologisch zu erschließen, ist zumindest seit dem Zeitpunkt umstritten, als es um die Frage ging, ob Unbeschnittene zur christlichen Gemeinde gehören oder nicht …

Was nun konkret die Inhalte zu PuK betrifft, lässt sich ohne jede Einschränkung sagen: Dieser Prozess ist transparent wie selten einer zuvor in unserer Landeskirche. Jeder kann sich zeitnah und umfassend über den Arbeitsstand informieren, es gibt eine eigene Internetseite, die immer auf dem Laufenden gehalten wird (https://puk.bayern-evangelisch.de).

Und jeder, der sich dort informiert, wird unmittelbar feststellen: PuK hat sich sehr breit aufgestellt: Eine Begleitgruppe, sechs Arbeitsgruppen mit je 10-12 Mitgliedern sowie Studientage und Konsultationen mit dem „Ziel, sich mit weiteren Fachleuten aus unserer Kirche über strategische Annahmen des PuK-Prozesses auszutauschen“, sind neben vielen anderen eingebunden. Somit können alle bisherigen Strukturen unserer Landeskirche sicher sein, im PuK-Prozess gebührend Berücksichtigung zu finden.

Ich möchte als nur mittelbar mit dem Geschehen befasstes Synodenmitglied an dieser Stelle nicht auf die Inhalte und das Vorgehen von PuK eingehen, sondern ein paar Eindrücke schildern, die mich im Blick auf das dort vermittelte Gemeindebild beschäftigen (zu mehr Einschätzungen verweise ich auf die verschiedenen Beiträge in diesen ABC-Nachrichten):

  • Mein erster Eindruck: Die Orts- und Kerngemeinde wird in der Bestandsaufnahme des PuK-Prozesses vor allem negativ konnotiert: Sie sei „statisch“, „selbstbezogen“, „wenig einladend“ und „Bindung vor allem nach innen entfaltend“. Der Gemeindebund Bayern (www.aufbruch-gemeinde.de) hat zurecht darauf hingewiesen: Dies wird in keiner Weise der haupt- und ehrenamtlichen Arbeit in den vielen Kirchengemeinden gerecht. Viele Gemeinden haben außerdem ein ausstrahlendes, lebendiges Gemeinde- und (Sonntags-) Gottesdienstleben mit traditionellen Formen, die schon manchen Zeitgeist überdauert haben.

  • Dazu kommt: Ohne es laufend öffentlich so zu benennen, wird insbesondere im Gemeindebereich Profilierung und Konzentration an vielen Stellen längst gelebt. Zusammenarbeit in der Predigtplanung, der Kinder-, Jugend- und Konfirmandenarbeit, in der Kirchenmusik, sowie Konsolidierung von Immobilien in Gemeinden und Pfarreien ist an vielen Orten bereits heute Normalität und wird von landeskirchlicher Seite durch Projekte wie das Immobilienprojekt, die Initiative „Räume für die Zukunft“ (sic!), Gesetzesinitiativen zur Zusammenarbeit in Zweckverbänden oder zwischen Dekanatsbezirken und Kirchengemeinden sowie die Reform der Verwaltungsstrukturen seit vielen Jahren behutsam, die nötigen Freiräume vor Ort belassend, nachhaltig unterstützt.

  • Dagegen scheint Ähnliches an vielen anderen Stellen unserer Kirche noch in weiter Ferne zu sein: Der Projekthaushalt 2019 zeugt in besonderer Weise von einem „immer noch mehr“ auf landeskirchlicher Ebene und selbst zusätzlich zu schaffende Stellen sind für manche PuK- Pilotprojekte im Gespräch, was einem Prozess der Konzentration wohl eher hinderlich ist.

  • Dass das zentrale Ergebnis der jüngsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 5), wonach der Pfarrer/die Pfarrerin vor Ort die beste Garantie dafür ist, Menschen an ihre Kirche zu binden, in PuK keine angemessene Berücksichtigung findet, ist aus meiner Sicht eine fatale Entscheidung!

Diese wenigen Eindrücke sollen genügen – sie lassen eine gewisse Skepsis meinerseits gegenüber dem PuK-Prozess erkennen. Dennoch bleibe ich aufgeschlossen und lasse mich gerne mit hineinnehmen in den Prozess, unsere Kirche weiter zu entwickeln.

Aber eines will mir einfach nicht in den Kopf: Sollte nicht an erster Stelle der Aufgaben einer Kirche stehen, alle Menschen zu Jesus Christus zu führen, dem Herrn und Heiland der Welt? Sollte nicht Kirche das Bekenntnis aller Menschen zum dreieinigen Gott zum Ziel haben, der seinen Sohn für unsere Sünden in den Tod am Kreuz gab und ihn am dritten Tag auferweckte, damit wir das ewige Leben haben? „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.“ (1.Timotheus 2)

Es könnte durchaus sein, dass PuS gescheitert ist, weil es diese Aufgabe für die Kirche nicht im Blick hatte. Wenn ja: droht PuK dann das gleiche Schicksal?

Seien Sie herzlich gegrüßt!

Dr. Martin Seibold
Mitglied im ABC-Vorstand und Mitglied der bayerischen Landessynode

Lesen Sie hier das ganze Januarheft des ABC (Arbeitskreis bekennender Christen in Bayern), das auch einen Beitrag des Gemeindebunds Bayern enthält: https://www.abc-bayern.de/wp-content/uploads/ABC-Nachrichten-2019.1-Internet.pdf

Herbsttagung 2018 der Synode der ELKB – Finanzen und PuK (Profil und Konzentration)

Quelle: bayern-evangelisch.de

Von Dr. Martin Seibold und Hans-Joachim Vieweger

Wie in jedem Jahr standen Finanzfragen im Mittelpunkt der Herbsttagung der Landessynode. Die Synode hat dabei u.a. den Haushalt für das Jahr 2019 mit einem Volumen von fast 960 Millionen Euro verabschiedet. Für die regulären Ausgaben gibt es eine Deckelung: sie dürfen nur um 1,7 Prozent steigen. Das Gemeindebudget steigt gemäß einer Vorfestlegung lediglich von rund 146 Millionen auf 146,5 Euro. Damit sinkt der Anteil des Gemeindebudgets gemessen an den regulären Gesamtausgaben erneut, und zwar von 16,06 Prozent im Haushaltsjahr 2018 auf nun 15,66 Prozent. Gemildert wird dieser negative Effekt dadurch, dass auch die Gemeinden von einem Nachtragshaushalt profitieren, der durch sprudelnde Kirchensteuereinnahmen in diesem Jahr möglich wurde. Dadurch fließen zehn Millionen Euro in den Gemeindebereich: 5 Millionen über die Schlüsselzuweisungen, über die die Gemeinden direkt verfügen können, sowie 5 Millionen, die Bauprojekten zugutekommen sollen. Der Nachtragshaushalt enthält darüber hinaus Mittel in Höhe von 3 Millionen Euro für die Seelsorge in der Pflege und 2 Millionen für Flüchtlingsprojekte.

Sehr viele Gelder, nämlich mehr als 60 Millionen Euro, fließen in den kommenden Jahren in Projekte und Investitionen. So wurden beispielsweise weitere 17,4 Mio. Euro für die Sanierung des Landeskirchenamtes beschlossen, 5,5 Mio. Euro für eine neue Immobiliensanierung in Nürnberg (Egidienplatz) und 10 Mio. Euro für eine Jugendbildungsstätte in Neukirchen (Dekanat Coburg). Die Problematik dieser Projekte ist, dass sie meist über mehrere Jahre gehen und damit die Möglichkeiten künftiger Haushalte begrenzen. Während der Haushalt mit Blick auf die jährlichen Erträge und Aufwendungen unterm Strich mit 24 Millionen Euro „im Plus“ ist, ergibt sich inklusive dieser sog. „Vorfestlegungen“ ein negatives Ergebnis von 34 Millionen Euro.

Zu den Finanzthemen der Synode gehörte auch die Abschaffung des Besonderen Kirchgelds – nicht zu verwechseln mit dem Allgemeinen Kirchgeld, das vor Ort von Kirchengemeinden (bzw. Gesamtkirchengemeinden) erhoben wird. Es betrifft bzw. betraf „Kirchenmitglieder, die mit einem Ehepartner verheiratet sind, der keiner umlageerhebenden Kirche, Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts angehört.“ Es war in Bayern im Jahr 2004 eingeführt worden, um von Familien Beiträge zu verlangen, bei denen „ein gut Verdienender austritt und die Kinder und die Ehefrau weiter in der Kirche bleiben“ und „alle Dienstleistungen der Kirche in Anspruch“ nehmen. Man wollte „die Lücke für ‚Oberschlaue‘“ schließen. (Zitate aus den Verhandlungen der damaligen Landessynode). In der Begründung zur jetzigen Abschaffung heißt es nachvollziehbar, dass, insbesondere auch durch den Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse, neue bei seiner Einführung nicht absehbare Konstellationen betroffen sind, die „eine zufriedenstellende Akzeptanz des Besonderen Kirchgeldes erschweren bzw. verhindern.“ So trifft das Kirchgeld zum Beispiel nicht nur „Ausgetretene“, sondern vermehrt Menschen, die noch nie Mitglied der Kirche waren oder auch Frauen in der Kinderpause, die vorher „gleichberechtigt“ verdient haben. Die Kirche verzichtet durch Abschaffung des Besonderen Kirchgelds auf Einnahmen von ca. 13 Mio. Euro. (…)

Profil und Konzentration“ (kurz: PuK) – unter diesem Motto steht ein Reformprozess, den die Landeskirche im Frühjahr 2017 gestartet hat. Ein wesentlicher Gedanke dabei ist, ganz neu vom Auftrag der Kirche her zu denken und nicht von bestehenden Strukturen. Soweit, so gut. Mit dem Zwischenbericht, der der Synode in Garmisch-Partenkirchen vorgestellt wurde, zeichnet sich aber „ein radikaler Paradigmenwechsel“ ab, der theologisch durchaus problematisch ist. Dabei wird aus der zutreffenden Analyse, dass „Menschen offen sind für relevante Formen des geistlichen Lebens, damit aber nicht automatisch die Bereitschaft verbinden, sich in eine der kirchlichen Sozialformen zu begeben“ vorschnell ein neues Kirchenmodell entwickelt – hin zu Formen einer „fließenden Zugehörigkeit“. Vor diesem Hintergrund soll auch der bisherige Gemeindebegriff erweitert werden – die entsprechende Arbeitsgruppe von „PuK“ spricht von „Orten des Evangeliums“. Es bleibt aber unklar, ob es sich bei diesen „Orten des Evangeliums“ im Sinn des lutherischen Bekenntnisses um „die Versammlung aller Gläubigen“ handelt, „bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden“ (vgl. CA 7). Stattdessen wird etwas diffus von „Resonanzräumen der Liebe Gottes“ gesprochen. Richtig problematisch wird es, wenn als Grundannahme von „PuK“ benannt wird, „dass kirchliche Arbeit künftig in kirchlichen Handlungsräumen organisiert wird.“ Das heißt, dass an die Stelle der bislang entscheidenden Ebenen Landeskirche und Kirchengemeinden künftig die Ebenen Landeskirche und Dekanatsbezirke treten könnten. Sollte „PuK“ so verstanden werden, wäre das in der Tat mit einer radikalen Veränderung des Kirchenbilds verbunden.

Welche Folgen das möglicherweise hat, könnte sich bereits bei der für 2020 geplanten Landesstellenplanung zeigen, zu der Oberkirchenrat Reimers einen kurzen Sachstand vortrug. Die Landeskirche müsse formulieren, welche Handlungsbereiche erforderlich seien und wie diese mit Stellen ausgestattet werden müssten. Dabei stelle sich, so Reimers unter Verweis auf „PuK“, die Frage, was sich landesweit organisieren lasse und was regional. Bei der regionalen Verteilung soll die Gemeindegliederzahl auch künftig eine entscheidende Rolle spielen – die Gemeinden sollten schließlich nicht das Gefühl bekommen, „dass wir uns von ihnen abwenden“, so Reimers. Aufhorchen ließ aber der folgende Satz: „Es ist uns in der Landesstellenplanung fern, die Kirchengemeinden zu schwächen, aber gleichzeitig wollen wir den Blick weiten.“ Man darf gespannt sein, was das heißen soll.

Nach der Umstellung des landeskirchlichen Haushalts auf die sog. „Doppik“ (anstelle der sog. „Kameralistik“) soll diese Form der kaufmännischen Rechnungslegung in den kommenden Jahren auch auf die Kirchengemeinden übertragen werden – Zielmarke ist das Jahr 2025. Dazu wurden im Dekanat Augsburg erste (und durchaus unterschiedliche) Erfahrungen gesammelt, die Erprobung wird nun auf den ganzen Kirchenkreis Augsburg ausgedehnt. Für das Projekt „Doppik für Kirchengemeinden“ wurden weitere 13,2 Mio. Euro genehmigt. (…)

Alle Infos zur Herbstsynode 2018 der ELKB unter: https://landessynode.bayern-evangelisch.de/herbsttagung-2018.php

„… aber kauf Dir keinen Schnaps davon!“ – Der Newsletter November 2018

„… aber kauf Dir keinen Schnaps davon!“ Zu diesem begleitenden Ratschlag fühlt sich mancher bemüßigt, wenn er beim Einkaufsbummel einem Obdachlosen etwas in seinen Pappbecher wirft. Da können kommunikativ Geübte viel heraushören von der seelsorgerlich-einfühlsamen Zuwendung bis zur paternalistischen Übergriffigkeit.

Diese Janusköpfigkeit eignet auch dem PUK-Papier – was den Umgang damit schwierig macht. Man bekommt ein Geschenk und weiß nicht recht, ob man sich freuen soll. PUK verspricht einerseits einen „…Kulturwandel zu mehr Vertrauen in dezentrales Gestalten (S.16)“, aber Gemeinden müssen sich andererseits eingliedern in Handlungsräume (S.17), die vorwiegend auf der mittleren Ebene definiert werden. Die Verfasser und die eine Verfasserin kündigen letztlich die Verlagerung von Macht und Ressourcen (schöner: Gestaltungsmöglichkeiten) ins Dekanat an, bleiben aber auch da sehr ungefähr (S.21). “In Zukunft könnte die gesamte Ressourcenverteilung über die Handlungsräume laufen (S.15).“ Je nach Dekanat könnte durch PUK die Ausstattung und damit die Autonomie der Ortsgemeinde weiter zurückgehen.

Die Gemeindearbeit wird nicht mehr so unreflektiert schlechtgeredet wie in vergangenen Reformpapieren. Dennoch bleibt sie die entscheidende Kontrastfolie, auf der das Neue leuchten soll. Die in den vergangenen Jahrzehnten der Kirchenentwicklung stark ausgeweiteten funktionalen Dienste oder die Praxis der Kirchenleitung selbst mit ihren zahllosen Reformprojekten werden nicht explizit hinterfragt. Dabei hat die letzte Kirchenmitgliedschaftsstudie deutlich gemacht, dass überparochiale Arbeitsformen so gut wie keine Relevanz für die Mitgliederbindung haben im Vergleich zur Ortsgemeinde als “zentraler Drehscheibe“ der Kirchenmitgliedschaft (siehe dazu Gerhard Wegner, Was bedeuten 500 Jahre Reformation? Ein Blick auf die Kirche und ihre Gemeinden, Vortrag beim Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in Bayern; Rothenburg ob der Tauber, 8. Mai 2017). Selbst zum Kirchentag – sicher ein Paradebeispiel für ein buntes übergemeindliches Angebot – fahren nachgewiesenermaßen fast ausschließlich die, die in einer Kirchengemeinde engagiert sind, um nur ein Beispiel herauszugreifen. Diese wichtigen empirischen Erkenntnisse werden bei PUK viel zu wenig berücksichtigt. Man vertraut erneut nicht der Gemeinde vor Ort, sondern die Zentrale baut Veränderungsdruck auf.

Nun hat die Zentralisierung von Macht – ganz gleich auf welcher Ebene – ihre Gefahren. Paul Tillich macht im Rahmen seiner Lehre vom Wirken des Heiligen Geistes (Systematische Theologie Band 3, Chicago 1963, S.391) darauf aufmerksam: Durch Zentralisierung von Macht werde eine Gruppe zwar „… fähig geschichtlich zu handeln, aber sie kann von dieser Macht keinen schöpferischen Gebrauch machen, weil sie eben die schöpferischen Potenzen unterdrückt hat, die in die Zukunft führen … ihre Taten sind, wenn oft auch großartig, Ausdruck des leeren Machtwillens, weil sie des Sinngehaltes beraubt sind, der nur aus der Begegnung moralisch, kulturell und religiös freier Persönlichkeiten und Gruppen geboren werden kann.“

In der Gemeindeentwicklung bestätigt sich diese Erkenntnis für mich immer wieder. Die schöpferischen Entwicklungen ergeben sich nicht aus großartig angelegten Strategien, sondern aus vielfältigen Beziehungen auf Augenhöhe. Dazu hier ein paar kleine Beispiele: Eine Elternbeirätin im Kindergarten, aus dem Osten und ungetauft, engagiert sich mit gegen einen Pegida – Aufmarsch und für den Martinsumzug. Schließlich lässt sie sich und ihr Kind taufen. Bei der Feier im vollen Gemeindesaal ist ein Großteil der Kindergottesdienstgemeinde versammelt. – Drei Väter, einer davon gehört gar nicht zur Gemeinde, haben Lust mit mir ein Krippenspiel auf die Beine zu stellen. Zwei kandidieren schließlich für den Kirchenvorstand. – Eine muslimische Mutter im Kindergarten entschließt sich beim Schulkindersegnungsgottesdienst mitzuwirken. Die muslimischen Eltern fühlen sich dadurch besser eingebunden. Die Reihe ließe sich fortsetzen. In den Kontakten und Beziehungen zeigen sich sehr wohl die altbekannten Anlässe für Gemeindeentwicklung, also Kasualien, religöse Sozialisation, der Jahreskreis mit seinen Festen. Aber das alles ist nur begrenzt strategisch planbar durch eine Pfarrerin. In anderen Gemeinden entstehen ähnliche oder ganz andere Dinge. All das führt nicht zwingend in Mitgliedschaft und ist auch nicht daraufhin angelegt. Gemeinden haben ein unübertroffenes schöpferisches Potential.

Vieles geschieht zum Beispiel durch Erzieher im Kindergarten, eine Berufsgruppe, die bezüglich ihrer Verortung im geistlichen Amt von der Kirchenleitung beharrlich ignoriert wird. Der Glaube wächst aber nicht, wenn man andere als Bedienstete oder potentielle Mitglieder sieht. Glaubens- und damit letztlich auch Kirchentwicklung geht zurück auf das Wirken des Wortes und des Geistes in einem Geflecht freier Begegnungen und Beziehungen, wie Tillich es beschreibt. Eine Gemeindepfarrerin wird wie andere Mitarbeitende gebraucht, um diese Entwicklungen zu erkennen, sie theologisch und praktisch aufzugreifen und zu gestalten. Sie wird m.E. vorwiegend immer noch als Generalistin gebraucht, weil gerade die verschiedenen Arbeitsfelder sich gegenseitig befruchten und weil Menschen sich in ihrem sehr persönlichen Glaubensweg und Engagement oft nicht „weiterverbinden“ lassen an die nächste zuständige Stelle.

Kirchenentwicklung braucht – mit Tillich – keine Großartigkeit. Die Großartigkeit braucht aber seit geraumer Zeit ein nicht geringer Teil des kirchlichen Personals. Zu viele Pfarrer beschäftigen sich mit der Organisation Kirche selbst und richten sich an ihr aus, statt an den Menschen. Der Pfarrberuf ist viel mehr als früher ein Karriereberuf geworden und führt über entsprechende Spezialisierungen oft in völlig fachfremde Tätigkeiten, die andere besser erledigen würden. Karrieren führen aber niemals in die Gemeinde. Und auf’s Ganze der Kirchenentwicklung gesehen offenbar auch nicht in die viel beschworene größere Nähe zu den Menschen. Sie führen in die Nähe zur Organisation und in großartige Bilder davon, wie die Kirche sein sollte. Die Vielfalt, das „Kleinklein“, die schiere Menge an Kontakten, die Unstrukturiertheit und die kreativen Herausforderungen sind Gründe geworden, die Gemeinde zu meiden. Die große Verheißung, die PUK den verbliebenen Generalisten nun macht, ist ausgerechnet die Funktion im neu zu organisierenden „Raum“.

Wie kommt es, dass die Gemeinde selbst gegen die kirchensoziologischen Erkenntnisse und die theologische Vernunft nicht als Zukunftsmodell wahrgenommen wird. Die Philosophin und Soziologin Maren Lehmann hat dazu einen sehr erhellenden Vortrag vor der VELKD-Bischofskonferenz gehalten, der die Kirchenleitenden selbst in den Blick nimmt (Die folgenden Zitate stammen alle aus: Maren Lehmann, Auf der Suche nach der verlorenen Gemeinde, Vortrag auf der Klausurtagung der Bischofskonferenz der VELKD, Goslar, 18. März 2017). Lehmann erkennt in den Kirchenleitungen folgende Haltung: „Man hat sie (die Gemeinde) vergessen, nachdem man ihr ausgewichen, ihr aus dem Weg gegangen war wie einer Kleinstadt, in der man aufgewachsen war, die einem aber jetzt allzu eng wird, in der alles viel zu klein, viel zu verbraucht, viel zu träge erscheint … Die Kirchenleitung kennt sich selbst in der Gemeinde … nicht mehr wieder und weicht ihr aus – in andere Formen der Geselligkeit, der Gemeinschaftlichkeit, der Begegnung.“ Die „…vergessene Gemeinde überlebt als Reminiszenz, als Traum, als Sehnsucht, als Wunsch … Keine wirkliche Gemeinde kann diesem Desiderat gerecht werden, aber jede wirkliche Gemeinde sieht sich einem Veränderungsdruck ausgesetzt, der aus der – typisch modernen, typisch kapitalistischen, typisch bildungsbürgerlichen, also typisch protestantischen – Erwartung resultiert, daß Veränderung schon als solche wünschenswert ist und durch Arbeit, Anstrengung, Anpassung ermöglicht wird.“ Die Kirchenleitungen nehmen von sich selbst an, dass sie besser zur Gesellschaft „passen“ und treiben die Gemeinden in „anschlussfähige(n), mithin religiös eher indifferente Kommunikationen“, fordern die Gemeinde auf, „… sich stärker an den Leitungsebenen und schwächer an den Leuten zu orientieren“. Die Gemeindepfarrer treibt Kirchenleitung damit in „…Erschöpfung und Vermeidungssehnsucht.“ Kurz: Lehmann konstatiert einen verhängnisvollen Kreislauf der reformfixierten Selbstbeschäftigung, der sich nicht aus dem Evangelium, sondern aus verengten Ideologien speist und in den die Kirchenleitung die Gemeinden beharrlich hineinzieht.

Wenn PUK wirklich etwas zum Guten bewegt haben wird, hat es diesen Kreislauf durchbrochen. Das heiß konkret: Bei der nächsten Landesstellenplanung werden die Sprengel kleiner, damit Pfarrerinnen ihre Arbeit wieder machen können. Es kommen mehr Mitarbeitende und finanzielle Ressourcen in der Gemeinde an, damit Kirchenvorstände Schwerpunkte setzen können. Die Hierarchien werden flacher. Karrieren führen in die Gemeinde und damit in die Nähe zu den Leuten. 20, 30 und mehr Jahre im überparochialen Dienst gibt es nicht mehr. Es gibt mehr Wechsel zwischen Funktion und Gemeinde. Die Prüfung von Nachrangigkeiten (S. 25) erstreckt sich auf die ganze Kirche und führt zu Konsequenzen vor allem im funktionalen Bereich. Der Pfarrberuf bleibt auf die Gemeinde bezogen und behält so seinen Sinn. Das heißt auch, die Kirchenleitung hört auf damit, sich klassische Kompetenzen des Pfarrberufs einzuverleiben und sie als funktionale Hybride wieder auszuspucken (Beispiel „Geistliche Begleitung“).

Es wird sich zeigen, ob PUK so viel Innovation anstoßen und dezentrale Strukturen schaffen kann. Zu befürchten ist, dass PUK im Sinne Tillichs eine großartige Aktion der Kirchenleitung bleibt, um angesichts der bevorstehenden Landesstellenplanung die Gemeinden weiter zu kürzen und den entstehenden Ärger auf die mittlere Ebene zu lenken. „… aber kauf Dir keinen Schnaps davon!“ Die Gemeinde könnte am Ende dasitzen und in ihrem Pappbecher ist gar nichts gelandet, im Gegenteil. Sie traut ihren Ohren nicht ob des Ratschlags, den sie trotzdem bekommt und der ihr insgeheim Verschwendung unterstellt. Ungläubig hebt sie den Blick und erkennt: Der wahre Süchtige steht vor ihr. Es würden weiter viele Chancen vertan. Die Gemeinde wird es überleben, weil sie Geschöpf des Geistes und des Wortes ist. „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ (M. Luther)

Hans-Ulrich Pschierer, Pfarrer in Fürth

Aufbruch Gemeinde – Gemeindebund Bayern

Der Newsletter November 2018 als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterNov2018.pdf

Die Kirche der Zukunft ist Gemeindekirche

Impuls zu einer grundlegenden Diskussion über den Weg unserer Kirche

Von Gisela Kittel

Es ist an der Zeit – und dazu möchte dieser Zwischenruf auffordern – auch einmal über einen anderen Weg nachzudenken. Denn der inzwischen in fast allen Landeskirchen eingeschlagene Kurs ist nicht, wie immer behauptet, alternativlos. Und er führte, so weit mir bisher bekannt, nicht in ein blühendes Kirchenland, sondern in noch mehr verödete Kirchenlandschaften. Um die Alternative in den Blick zu bekommen, ist freilich eine Voraussetzung nötig. Wir müssen endlich annehmen und akzeptieren, dass Christen in unserer Gesellschaft zu einer Minderheit geworden sind und dies immer mehr werden. Es gilt anzuerkennen, dass unsere Kirche schon lange keine „Volkskirche“ mehr ist und dass sie daher auch nur eine Stimme in der Stimmenvielfalt einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft sein kann. Das aber heißt, dass unsere Kirche einen anderen Weg einschlagen muss. Nicht in der Nachahmung allgemeiner Entwicklungen, nicht in der Kopie weltlicher Events und Großveranstaltungen kann die Zukunft der evangelischen Kirche liegen. Sie liegt in dem, was ihr durch ihre Botschaft vorgegeben ist: inmitten dieser Welt von anderer Art zu sein, eine Gemeinschaft von Menschen, die auf das Lob und die Ehre Gottes ausgerichtet ist und versucht, in der Nachfolge Jesu Christi zu leben

Mit anderen Worten:

Die Zukunft der evangelischen Kirche kann nur die Gemeindekirche sein:

  • Eine Kirche, deren Glieder einander von Angesicht kennen, einander die Hand geben, sich um einander kümmern;
  • deren Prediger und Schriftausleger die Worte der Schrift adressieren können, weil sie um die Schicksale, Freud und Leid, vieler Gemeindeglieder wissen und nicht als Wanderprediger mit Standardpredigten herumziehen;
  • deren Seelsorger Zeit und Atem haben, Menschen zu besuchen und, wo es nötig ist, über eine längere Strecke seelsorgerlich zu begleiten;
  • in der jedes Glied mit seiner besonderen „Gabe“ wertgeschätzt wird. Nicht nur Pfarrpersonen und Mitglieder „multiprofessioneller Teams“ haben „Talente“ und sollen „talentorientiert“ eingesetzt werden (vgl. Anm.2). Jedes Gemeindeglied ist „begabt“, hat nach 1. Kor 12 ein „Charisma“, das allerdings entdeckt, wach gerufen und zum Aufbau der Gemeinde gebraucht werden will (vgl. HK Frage 55).
  • Vor allem aber ist die Gemeindekirche eine Gemeinschaft, in der das gemeinsam Lob Gottes und das Bekenntnis zu ihm im Zentrum steht, die Jesus Christus als ihren Herrn auch über die Todesmächte anruft, auf sein Wort hört, zu ihm betet, in Fürbitte füreinander und für die Welt einsteht und die dann auch in tatkräftiger Hilfe einspringt, wo es nottut.
  • Diese Gemeinde ist das missionarische Zeichen in der Welt. Nur von ihr her und auf sie hin kann „Mission“ geschehen, die nicht nur zu einer unbestimmten religiösen Erhebung einzelner Individuen führt, sondern zu Glaube und Hoffnung und Liebe in Jesus Christus erweckt.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag als PDF: www.aufbruch-gemeinde.de/download/kittel1811.pdf

Kritik der aufblasbaren Kirche

Quelle: theomag

Über Klerikalismus, Banalität und Gleichheit

Wolfgang Vögele

„Selbst die Kirchenkritik folgt ihren Ritualen. Insider kennen die Namen der Journalisten, die in den überregionalen deutschen Tageszeitungen regelmäßig über die evangelische und die katholische Kirche schreiben. Kritische Artikel über die Kirche tauchen mit solider Regelmäßigkeit auf, und diese folgt den Feiertagen des Kirchenjahres. Genauso regelmäßig werden solche Artikel in den sozialen Netzwerken herumgereicht, stets schnell mit einer großen Menge von Kommentaren angereichert. Leser und User wissen genau, wer am besten formuliert, wer eher der konservativen oder der liberalen Kirchenkritik zuzurechnen ist, wo die Gewährsleute und Informanten in München, Hannover und Berlin zu suchen sind, welcher Journalist aus der Landeskirche ausgetreten und in eine kleine, vermeintlich konfliktfreie Freikirche gewechselt ist, welche Religionssoziologen und Meinungsforschungsinstitute im Hintergrund ihre Untersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Aber genauso regelmäßig wie die evangelischen Kirchen als reformunfähig, mitgliederfreundlich und eingemauert in ihre alltägliche frömmelnde Geschäftigkeit dargestellt werden, genauso regelmäßig verläuft jede Kritik im Sande. Es ändert sich nichts: Die Mühlen von Frömmigkeit, Strukturdebatten und Leitbildprozessen mahlen weiter, als ob nichts geschehen wäre und als ob nichts geschehen müsste. (…)

Eine andere Krise, die theologisch und kirchlich relevant erscheint, zielt auf die veränderte Rolle der Intellektuellen in öffentlichen Debatten. Immer wieder haben in letzter Zeit Intellektuelle beklagt, dass ihre philosophischen und politischen Interventionen nicht mehr in der Weise gehört werden, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Wer sich wie in der nostalgisch verklärten Vergangenheit in Essays und Büchern zu Wort meldet, wird kaum noch gehört, weil beides nicht mehr gelesen wird. Auf Twitter und Facebook, in Kommentaren von weniger als tausend Zeichen, kann niemand Meinungen, Kritik, Projekte und Initiativen ausreichend begründen. Dasselbe gilt für politische und kulturelle Talkshows, die zwar noch Reichweite und Zuschauerquoten versprechen, aber eben nicht mehr der Ort sind, ausführlich, begründet und auf hohem Niveau Argumente auszutauschen und Vorschläge zu machen. Auch dieser Prozess der De-Intellektualisierung der Gesellschaft schlägt in die Kirchen hinein, und er zeigt sich am schwindenden Einfluss der Theologie auf das kirchliche und gemeindliche Leben.[1] Beispiele dafür sollen in den folgenden Überlegungen dargestellt werden.

Es ist der Prozess der Banalisierung zu beschreiben, dem kirchliches Leben im Moment unterworfen ist (2.-9.). Danach sollen Ursachen für solche Banalisierungsprozesse beschrieben werden (10.-13.), die im Moment zu neuen theologischen Deutungsmodellen verdichtet werden, weswegen solchen Modellen ebenfalls ein kritischer Blick gebührt (14.-17.). Am Ende steht ein unzureichender, erster Vorschlag, die gegenseitige Lähmung zwischen Kräften der Kritik und der Beharrung zu überwinden (18.). (…)

Notwendige Konzentrationsprozesse

Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass gegenwärtiges kirchliches Leben sowohl in seinen Binnenbeziehungen wie auch in seinen Beziehungen zur Gesellschaft und zur Zivilgesellschaft wie auch zu anderen Religionen von der Frage des Umgangs mit dem Pluralismus geprägt ist. Evangelischer Glaube muss damit umgehen, dass seine eigenen Gewissheiten von anderen Glaubenden, von anderen religiösen Personen, von Menschen ohne Religion nicht unbedingt geteilt werden. Um diese Fragen und Probleme zu behandeln, können unterschiedliche Wege eingeschlagen werden. In diesem Essay wurde herausgearbeitet, dass sich dabei ein Weg der Banalisierung und ein Weg der Intellektualisierung und Theologisierung unterscheiden lassen. Wer mit Harmlosigkeit und Anbiederung und Nivellierung von Differenzen punkten will, der ver­schenkt die Botschaft des Evangeliums. Der Weg des Fundamentalismus, der Abgrenzung von bestimmten Bereichen der Erfahrung, steht theologisch nicht offen. Offen dagegen steht ein Weg der Besinnung auf theologische Argumentation und Interpretation, eine Konzentration auf Theologie, Gottesdienst und Predigt. Daran wäre weiter zu arbeiten.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus Ta Katoptrizomena, Heft 115: https://www.theomag.de/115/wv046.htm

Vorschläge zur Landesstellenplanung – Newsletter September 2018

Der neue Landesstellenplan wirft seine gewaltigen Schatten voraus und sorgt für gehörige Unruhe in unserer Landeskirche. Der fehlende Nachwuchs an Pfarrerinnen und Pfarrern, die vielen drohenden Vakanzen verschärfen dieses Thema. Kirchenleitungen müssen in die Zukunft sehen und die nötigen Schritte für eine flächendeckende Versorgung der Gemeinden, nicht nur mit Pfarrerinnen und Pfarrern, sondern selbstverständlich auch mit anderen kirchlichen Berufsgruppen bedenken. Das ist ihre Aufgabe und sie machen das sorgsam, sofern sie aufmerksam darauf achten, was an der Basis gärt.

Wir haben einen Vorschlag für den Landesstellenplan, der ganz andere Akzente setzt als eine vielleicht zehnprozentige Kürzung darstellt. Wir denken konsequent von der Basis, von den Gemeinden her und wollen doch das Ganze nicht aus dem Blick verlieren.

Ich denke mit Schaudern daran, wieviele Kräfte bei der Umsetzung eines neuen Landesstellenplanes gebunden werden – und erst recht durch die Verquickung mit dem PUK- Prozess -, wieviele Sitzungen in den verschiedenen Gremien abgehalten werden müssen, wieviele Verletzungen es geben wird, wieviel kostbare Zeit und wieviel finanzielle Mittel dafür aufgebracht werden müssen. Viele Stellen könnten so sinnvoller eingesetzt werden. Bei der Umsetzung der letzten Landesstellenplanung, mussten wir in unserem Dekanat eine halbe Pfarrstelle kürzen und benötigten dafür – mit Hilfe der Gemeindeakademie Rummelsberg – 17 Zusammenkünfte. Und noch heute, nach einer so langen Zeit, sind Menschen, Gemeindeglieder voller Frust und Verletzungen.

Deshalb ist unser Vorschlag:

  • Es werden keine Stellen gekürzt. Alle Stellen bleiben erhalten mit Ausnahme großer Zuwachsgebiete – die müssen mehr Stellen bekommen – aber da kann ohne große Landesstellenplanung reagiert werden.
  • Die zu erwartenden Vakanzen werden in einem Dekanat durch ein rotierendes Verfahren geschultert. Das bedeutet: Keine Stelle wird gekürzt. Der Dekanatsausschuss beschließt, welche Pfarrstellen vakant bleiben und nicht ausgeschrieben werden. Es wird nicht immer die gleiche Stelle treffen, so dass die Hoffnung bestehen bleibt, auch in meiner Gemeinde wird wieder einmal ein Pfarrer, eine Pfarrerin ihren Dienst tun können.
  • Damit es gerecht zugeht, wird eine Vakanzquote für alle Dekanate eingeführt (8,5% oder mehr) – wie es sie schon einmal in unserer Landeskirche gegeben hat. Dadurch wird gewährleistet, dass in jedem Dekanat eine vergleichbare Situation besteht.
  • Das Gehalt der Pfarrerinnen und Pfarrer erhält bei einer Vakanz die Gemeinde (vielleicht auch ohne den Anteil, der durch den Religionsunterricht erworben wird). Gemeinden sind sehr kreativ und können mit diesen finanziellen Mitteln ihre Gemeindearbeit besser aufrechterhalten, z.B. die Sekretärinnenstunden aufstocken, eine Jugendmitarbeiterin befristet einstellen, Kooperationen anbahnen usw.
  • Die Pfarrerin, der Pfarrer, die eine Vakanz zu vertreten haben, werden vom Religionsunterricht befreit. Freilich ist zu prüfen, ob der Religionsunterricht dann aufrechterhalten werden kann.

Wir wollen uns nicht bannen lassen von dem Diktat der ausgerechneten Möglichkeiten. Wer sich nur an Zahlen festhält und seine Entscheidungen davon abhängig macht, spricht die Gegenwart heilig, verrät aber die Zukunft.

Noch eine Stimme zu dem Reformprozess Profil und Konzentration:

Als Fazit der 5. Kirchenmitgliedschaftsstudie hält die Theologieprofessorin Isolde Karle fest: „Eine Kirchenreform im umfassenden Sinn ist nicht indiziert. Vieles läuft gut in der evangelischen Kirche, sie kann an Bewährtes anschließen. Behutsame Korrekturen sind hier und da erforderlich, aber dabei geht es um eine sensible Feinsteuerung, nicht um grundsätzliche Innovationen und Strukturveränderungen“ (lsolde Karle, Die fünfte EKD- Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S. 127).

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan
1. Vorsitzender
V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern
Im Sprecherkreis „Gemeindebund Bayern – Aufbruch Gemeinde“

Einladung zum Aktionstag 2018
Der Gemeindebund Bayern lädt ein zu seinem jährlichen Aktionstag

am 24.11.2018 von 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr.
Ort: Ev. GMZ, Nürnberg Nord, Rollnerstr. 104, 90408 Nürnberg
Gäste:
– Kirchenrat Pietro Peral, Referent für kirchliche Planungsfragen
– Pfarrerin Corinna Hector, 1. Vorsitzende Pfarrerverein

Kirche profilieren – worauf konzentrieren? Zum ELKB-Reformprogramm „Profil und Konzentration“ (PuK)

Bereits im Januar hat Prof. Dr. Werner Thiede im Korrespondenzblatt zum Reformprogramm PuK Stellung genommen. Lesen Sie hier die erweiterte Fassung. Sein Fazit lautet:

„Der Kirchentwicklungsprozess der ELKB unter der Überschrift „Profil und Konzentration“ ist nicht grundlos in Gang gekommen. Die Gründe sind allerdings unterschiedlicher Natur – sie reichen von statistisch verursachten Sorgen über organisatorischen Reformbedarf bis hin zu theologischen Richtungskämpfen und Profilierungsbemühungen. Das hier analysierte und kommentierte Papier ist denn auch nicht wirklich aus einem Guss. Es verarbeitet und verstärkt neuere Kirchenreformanstöße, berücksichtigt aber neueste Gegenreden im Blick auf solche Anstöße kaum. Die Aufforderungen zu geistlicher Vertiefung sind lobens- und begrüßenswert, lassen jedoch theologische Präzision – wie auch in anderen Zusammenhängen des Papiers – durchweg vermissen. Sollte das Absicht gewesen sein, um möglichst hohe Anschlussfähigkeit zu erzielen? Jedenfalls formuliert Corinna Hektor zufolge PuK „so offen, dass sich jeder raus-lesen kann, was er gern ausprobieren oder behalten möchte.“Solche Offenheit bedeutet für den PuK-Prozess aber auch eine Chance zur Selbstkorrektur. Sandra Zeidler meint, mit PuK werde „unsere Landeskirche nie zur Trendsetterin, zum neuen Gesicht der 2000-jährigen Werbekampagne, zum IT-Girl der Reformation. Das mag im Blick auf die bisherige Textfassung und Ausrichtung zutreffen. Doch die Geschichte geht weiter. Vielleicht diagnostiziert sich der Prozess mit der Zeit auf Grund von kritischen Rückmeldungen selber, dass er zu radikal und einseitig ausgegriffen hat? Andreas Kahnt, seines Zeichens Vorsitzender des Verbands evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland, hat vor noch nicht langer Zeit geseufzt: „Ein Ärgernis sind auch die ständigen Strukturveränderungen. Noch ehe eine Reform der Kirchenleitung umgesetzt ist, kommt schon die nächste. Pfarrer müssen die Veränderungen vor Ort umsetzen, und das belastet nicht selten.“ Wäre nicht auch dies im Blick auf PuK zu bedenken?

Geht es um notwendige Verbesserungen und um Kurskorrektur, so braucht es dafür wie einst im Reformationszeitalter eine tragfähige Basis, auf die geistlich und geschichtlich zu bauen ist. In diesem Sinn sollte sich das Großprojekt PuK auch neu und verstärkt auf die reformatorischen und biblischen Kernaussagen zum Kirchenverständnis zurückbesinnen – und sich dafür die erforderlichen Zeiträume nehmen. Denn Hektor hat Recht: „Auch die Frage, wieviel Einheit und wieviel Verschiedenheit diese Kirche braucht und aushält, wird sich nicht auf die Schnelle beantworten lassen.“ In diesem Sinne hat die Würzburger Dekanatssynode im Herbst 2017 ein Moratorium für PuK gefordert – mit der durchdachten, hier abschließend zu zitierenden Begründung: „Kirche braucht Gesicht, nicht Profil. Unsere Kirche lebt von überschaubaren und gemeinschaftsorientierten Kommunikationsformen. Diese verwirklichen sich vor allem in den Gemeinden von überschaubarer Größe, hier ist auch die Bedeutung intakter Landgemeinden hervorzuheben. Beinahe alle Menschen, die sich zur Kirche zugehörig fühlen und Mitglieder sind, wurden in den überschaubaren Zusammenhängen einer Kirchengemeinde oder des Religionsunterrichts von der Botschaft des Evangeliums berührt. Auch Menschen, die später in Bildungseinrichtungen, bei kirchlichen Initiativen oder Bewegungen mitarbeiten oder sich kirchlich beheimaten, haben in einer Kirchengemeinde ihr Christenleben begonnen. Nicht zu unterschätzen ist hier die Bedeutung der Kasualien. Generell wird in Frage gestellt, ob eine Kirchenreform von „oben nach unten“ unserem Selbstverständnis als Kirche der Reformation entspricht und deshalb möglich und wünschenswert ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Aufsatz: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/PuKProfilundKonzentration2.pdf

Das autoritäre Echo – Kirche in Zeiten des Rechtspopulismus

Von Hans-Jürgen Volk

Wer heute rechtspopulistische Strömungen analysiert, darf den Wurzelboden nicht vergessen, aus dem sich diese politischen Entwicklungen nähren. Hierzu zählt nach Hans-Jürgen Volk auch die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik der Schröder- und Agenda 2010-Jahre. Volk zeigt aber auch auf, inwiefern die evangelische Kirche im Strom dieser neoliberalen Neuausrichtung mitgeschwommen ist und dies nun mit einem Vertrauensverlust bezahlt, der wenig verwunderlich ist

„Die evangelische Kirche ist mit dem Strom geschwommen. Wahrnehmbar für einzelne Gemeindeglieder sind vor allem die Schließung von Kirchen und Gemeindezentren, Fusionen von Gemeinden und Kirchenkreisen und die immer größer werdende Schwierigkeit, bei eigenen Anliegen einen verlässlichen Ansprechpartner zu finden. Kurz: Für den in den letzten Jahren stetig gestiegen Kirchensteuerbeitrag gibt es immer weniger Gegenleistung. Das erzeugt Frust und Entfremdung. Frust erzeugt die Bevormundung der Praktiker vor Ort durch Menschen, die ihr berufliches Leben vor allem in Büros und Sitzungsräumen verbringen. Frust ohne ­Ende entstand durch die vielfachen sozialen Härten bei kirchlichen Mitarbeitern, die von Rückbauprozessen und Sparprogrammen trotz stetig steigender Kirchensteuereinnahmen betroffen sind. Wenn Vertreter der Kirche sich öffentlich wohlmeinend zur Flüchtlingsfrage oder zu sozialen Themen äußern, wird dies als moralisierend empfunden. Die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Verfassung ist Teil einer Problemlage, die Rechtspopulisten in Deutschland Auftrieb gegeben hat.

Nötig wäre eine konsequente Umkehr von einem falschen und letztlich unkirchlichen Kurs, wie sie das »Wormser Wort« einfordert. Nötig wären mutige Schritte, innerhalb des kirchlichen Lebens eine wirksame Teilhabe der Kirchenmitglieder zu ermöglichen. Die Mitglieder könnten durch kirchliche Plebiszite bei Fusionsprozessen und anderen strukturellen Veränderungen mit eingebunden werden. Mutig wäre es, z.B. Spitzenämter auf Kirchenkreisebene durch eine Wahl der Kirchemitglieder zu vergeben. Mutig wäre es, Gewaltenteilung und Machtkontrolle zu praktizieren.

Wer Menschen als Objekt betrachtet und behandelt, die sich denen mit angeblich größerem Überblick unterzuordnen und zu fügen haben, erzeugt Frust und Entfremdung. Das Hartz IV-Regiment macht den Menschen, der eigentlich als Bürger der Souverän sein sollte, zum Fürsorge- und Strafobjekt, das man gelegentlich demütigen muss. Eine evangelische Kirche sollte hier bewusst Gegenakzente setzen und partnerschaftlich mit Gemeindegliedern und Beschäftigten umgehen. Unsere Gesellschaft, die in der Tat durch rechtspopulistische Kräfte bedroht ist, braucht eine Kirche, die mit ihren Strukturen und ihrem Umgang mit Kirchenmitgliedern und Beschäftigten ihre Botschaft bezeugt. Das könnte heißen: mehr direkte Demokratie und Teilhabe in den verschiedenen kirchlichen Körperschaften und Einrichtungen, die Pflege eines bewusst sozialen Umgangs mit den eigenen Beschäftigten, größere Spielräume für die, die vor Ort in der kirchlichen Arbeit engagiert sind sowie die Rückkehr zum Prinzip der kollegialen Leitung und der Einmütigkeit. Hierbei hilft es nicht, Einmütigkeit formaljuristisch zu interpretieren. Das Ringen um Einmütigkeit ist eine geistliche Aufgabe, die auf Augenhöhe in partnerschaftlich-geschwisterlicher Weise zu leisten ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Heft 7/2018, S. 374ff.: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4539