Dekanatssynode Würzburg fordert Moratorium für „Profil und Konzentration“ (PuK)

Kirche braucht kein Profil, Kirche braucht Gesicht!

Eingabe zur Tagung der Landessynode vom 26.11.-30.11.2017 in Amberg-Sulzbach

Die Landessynode möge folgendes beschließen:

  • Von der Information zur echten Beteiligung, von top down zum magnus consensus
  • Wir schlagen ein Moratorium für den Prozess „Profil und Konzentration“ vor.
  • In der dadurch gewonnenen Zeit kann die Basis mit ihren Experten in die Gestaltung des Prozesses einbezogen werden.
  • Kirche braucht kein Profil, Kirche braucht Gesicht!

Wir begrüßen bei „Profil und Konzentration“ den Versuch einer Antwort auf Säkularisierung und fehlende Pfarrerinnen und Pfarrer zu finden. Sicherlich ist es sinnvoll, dass sich Kirche in den Sozialraum orientiert, dass Gemeinden Kooperationsmöglichkeiten suchen und gemeinsam die Diakonie gemeindeorientierter weiterentwickeln.

Wir kritisieren an „Profil und Konzentration“ jedoch, dass bisher die Menschen der Basis, z.B. die Kirchenvorstände, aber auch Mitarbeiter der Diakonischen Werke und Bildungseinrichtungen vor Ort nicht angemessen zu Wort kommen konnten und bei der ersten Konzeptentwicklung nicht einbezogen wurden.

Weiterhin sehen wir den kirchlichen Auftrag, die Verkündigung des Evangeliums, immer als ein Beziehungsgeschehen in Wort und Tat. Das findet in „Profil und Konzentration“ nicht genügend Beachtung. Die Kirche lebt aus überschaubaren und gemeinschaftsorientierten Kommunikationsformen vor Ort, besonders in der Gemeinde und den Diensten vor Ort. Hierfür ist auch eine gut begleitete Gruppe von Ehrenamtlichen essentiell wichtig.  Bei vielfältigen persönlichen Begegnungen und in Beziehungsnetzen blicken die Menschen sich ins Gesicht und sehen nicht nur ihr Profil. Das gilt insgesamt für die Kirche. Sie braucht kein Profil, sie braucht Gesicht. Das zeigen auch die Ergebnisse der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD. Gerade angesichts der Globalisierung und der sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft sehen wir die Notwendigkeit einer Stärkung von kirchlichen Formen in der Gemeinde und den Diensten vor Ort. Darauf sollte auch die Ressourcenverteilung ausgerichtet sein.

Wir bitten die Landessynode, während der Zeit dieses Moratoriums die Basis am Prozess „Profil und Konzentration“ als Experten sachgerecht einzubinden, wie das für die kirchenleitenden Organe und die mittlere Ebene bereits geschehen ist. Hier leben die Experten für die Lage unserer Kirche vor Ort und die Lebenswirklichkeit ihrer Mitglieder. Ihre Ideen müssen in das Konzept „Profil und Konzentration“ gleichberechtigt eingearbeitet werden. Danach muss z.B. eine Veränderung der Arbeitspakete und eine Prüfung von Elementen des Prozesses möglich sein.

Ebenso schlagen wir vor, die den Prozess „Profil und Konzentration“ begleitenden Arbeitsgruppen in einem transparenten Prozess unter angemessener Beteiligung der Basis in den jeweiligen Kirchenkreisen neu zu bilden.

Befragen wir die Basis und hören auf ihre Lösungsvorschläge! Z.B. durch Ideenwerkstätten mit Beteiligung der Ortsgemeinden und Dekanate. Diskussionsveranstaltungen an der Basis mit Akteuren aus der Breite der Gesellschaft, in den Diakonischen Werken und Bildungseinrichtungen vor Ort.

Ein solches Moratorium kann auch der Selbstbesinnung der Kirche dienen.

Begründung:

Unsere Kirche muss sich mit den Gegebenheiten der globalisierten Welt wie unserer pluralistischen Gesellschaft auseinandersetzen und mit ihnen umgehen. Dieser Impuls aus dem Papier findet allgemeine Zustimmung.

Kirchengemeinden und Kirchenvorstände sind dazu auch bereit, ebenso die Einrichtungen und Dienste (z.B. Rudolf-Alexander-Schröder-Haus, Diakonisches Werk). Die Herausforderungen sind durchaus im Blick.

Einige Beispiele: Mit Beunruhigung werden Austrittszahlen unter jungen Erwachsenen wahrgenommen. Glaubenskurse eröffnen den Zugang zum christlichen Glauben neu. Stadt- und Landgemeinden denken darüber nach, wie sie die Jugend besser erreichen können, dazu wurde die Jugendarbeit neu geordnet. Das Bildungswerk wie das Diakonische Werk haben viele Ehrenamtliche bei der Betreuung von Flüchtlingen kompetent gemacht. Das Projekt „Interkulturelle Kirche“ überwindet beim Feiern internationaler Gottesdienste die Grenzen von Nationalitäten und Milieus. Die Zusammenarbeit von Diakonie und Kirche wird gestärkt. Kitas werden als wichtige Orte der Glaubensvermittlung wahrgenommen, der Kita-Zweckverband unterstützt in Verwaltung und bei Baufragen.

Gemeinden, Einrichtungen und Dienste nehmen aufmerksam die Entwicklungen in unserer Gesellschaft und Kirche wahr.

Deswegen wünschen sie sich die Gemeinden, Einrichtungen und Dienste eine ehrliche Aussage über die äußeren Notwendigkeiten, die den Prozess „Profil und Konzentration“ ausgelöst haben:

  • Eine transparente Kommunikation darüber, dass es in Zukunft, etwa ab dem Jahr 2025 sehr viel weniger Pfarrerinnen und Pfarrer geben wird.
  • Im Augenblick ist die finanzielle Lage der Kirche hervorragend (das sogenannte dagobertinische Zeitalter dauert noch an), auch hier bedarf es einer differenzierten und transparenten Aussage darüber, dass das so ist und ab wann sich das ändern könnte.

    Das Papier „Profil und Konzentration“ wurde in den Kirchenvorständen wie im Dekanatsausschuss, in dem auch Vertreter der Einrichtungen und Dienste präsent sind, diskutiert, folgende Argumente wurden dabei vorgebracht:

  1. Die Bedeutung der Beziehungen vor Ort
    Kirche braucht Gesicht, nicht Profil. Unsere Kirche lebt von überschaubaren und gemeinschaftsorientierten Kommunikationsformen. Diese verwirklichen sich vor allem in den Gemeinden von überschaubarer Größe, hier ist auch die Bedeutung intakter Landgemeinden hervorzuheben.
    Beinahe alle Menschen, die sich zur Kirche zugehörig fühlen und Mitglieder sind, wurden in den überschaubaren Zusammenhängen einer Kirchengemeinde oder des Religionsunterrichts von der Botschaft des Evangeliums berührt. Auch Menschen, die später in Bildungseinrichtungen, bei kirchlichen Initiativen oder Bewegungen mitarbeiten oder sich kirchlich beheimaten, haben in einer Kirchengemeinde ihr Christenleben begonnen. Nicht zu unterschätzen ist hier die Bedeutung der Kasualien.
    Generell wird in Frage gestellt, ob eine Kirchenreform von „oben nach unten“ unserem Selbstverständnis als Kirche der Reformation entspricht und deshalb möglich und wünschenswert ist.
  2. Die Erkenntnisse der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung
    Die Kirchengemeinden weisen einhellig auf die Bedeutung der Pfarrperson für die Bindung der Gemeindeglieder an die Kirche hin. Das schwedische Modell einer Kirche mit bürokratisch organisierten Zentralpfarrämtern wird einhellig abgelehnt. Zentralisierung kann es in der Verwaltung geben, nicht bei den Pfarrerinnen und Pfarrern.
    Sowohl in dieser Untersuchung wie auch in kirchensoziologischen Forschungen (Isolde Karle) wird die Bedeutung der Pfarrperson herausgearbeitet. „Die Person des Gemeindepfarrers und der Gemeindepfarrerin hat für viele eine integrierende Funktion, weil man ihr in den verschiedensten Feldern gemeindlichen Lebens begegnet. Dies schafft nicht nur Vertrauen, sondern vermag auch über den persönlichen Kontakt genau jene Querverbindungen von der Seelsorge zur Verkündigung zum Konfirmandenunterricht und zurück herzustellen, die ansonsten in sich ausdifferenziert blieben und damit wichtige Kommunikationsmöglichkeiten gar nicht entstehen ließen: Die Kontinuität derselben Berufsperson in verschiedenen kirchlichen Kommunikationszusammenhängen spielt aufgrund des Vertrauens eine zentrale Rolle im Pfarramt“ (Isolde Karle bereits 2004 im Dt. Pfarrerblatt). Diese Einsichten werden von der Kirchenmitgliedschaftsstudie aus dem Jahr 2014 bestätigt.
    Vor diesem Hintergrund werden multiprofessionelle Teams als nicht unproblematisch gesehen. Es wird auf die nicht einfachen, parallelen Erfahrungen der katholischen Schwesterkirche verwiesen.
    Selbstverständlich muss eine hervorragende Vernetzung und Zusammenarbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer mit den Mitgliedern der anderen Berufsgruppen angestrebt sein. Die besondere Bedeutung des Gemeindepfarramtes darf aber nicht abgewertet werden. Kirche erreicht durch Arbeitsfelder vor Ort in der Kirchengemeinde (z.B. Kasualien, Schule, Kindertagesstätten, Altenheimen usw.) und durch überparochiale Dienste mehr Kirchenferne als in „Profil und Konzentration“ dargestellt.
  3. Gemeinde und Sozialraum
    Schon lange ist besonders den Stadtgemeinden (z.B. auf dem Heuchelhof oder in Eisingen) die Bedeutung des Sozialraumes klar. Das gilt auch für die Diakonie, die in Zusammenarbeit mit der Stadt Würzburg an der Sozialraumanalyse eines Stadtteils arbeitet. Gemeinden vernetzen sich bereits jetzt im Sozialraum und werden als wichtige Partner wahrgenommen. Hier wird durch eine Auflösung der Kirchengemeinden in den „Raum“ hinein keine Verbesserung erwartet. Kirche ist über die Gemeinden, die Diakonie, über Einrichtungen und Dienste sehr kleinräumig und vor Ort präsent. Das ist ihre Stärke und darf nicht beschädigt werden.
  4. Die Bedeutung der eng verbundenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
    Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass besonders die eng verbundenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zentral für das Leben der Kirchengemeinden sind. Sie müssen ausgebildet und kompetent gemacht werden und wollen auch gerne ihren Beitrag leisten. Sie dürfen keinesfalls aus dem Blick geraten, wenn die Halbdistanzierten und eher kirchenfernen Mitglieder erreicht werden sollen. Es wird als Gefahr angesehen, sich von den eng verbundenen Mitarbeitern abzuwenden und seine Zeit vor allem den eher Kirchenfernen zuzuwenden, da dann gerade die Stützen der Gemeindearbeit verloren gehen könnten. Besser der Pfarrer /die Pfarrerin beteiligt die eng verbundenen Mitglieder und Mitarbeiter daran, auf Halbdistanzierte zuzugehen.
  5. Vermischung von Strukturfragen und theologischen Fragen
    „Profil und Konzentration“ vermischt die theologische Debatte mit der Strukturdebatte. Hier muss klar getrennt werden. Gegen die theologischen Aussagen von „Profil und Konzentration“ (Christus verkündigen und geistliche Gemeinschaft leben..) wird es kaum Einwände geben.
    Die Strukturaussagen (besonders das Denken in Räumen und die Vorstellung multiprofessioneller Teams) sind kritisch zu hinterfragen. Hier muss eine Trennung, besser noch eine Gewichtung stattfinden. Auf diese Schwierigkeit weist das Papier „Profil und Konzentration“ selbst hin (vgl. S. 5: Herausforderung 3: Keine Strukturprozesse ohne inhaltliche Mitte sowie Chance 2: Freiräume auf allen Ebenen fördern).
    Im Augenblick wird mit „Profil und Konzentration“ genauso verfahren wie mit einem der früheren Strukturprozesse: Beschluss in den kirchenleitenden Gremien, Einsetzen von Begleitgruppen, Information der Gemeinden und Einrichtungen in der Fläche, Einrichten von Erprobungsdekanaten, Zeitplan, Umsetzung.
    Wünschenswert ist eine Einigung über gemeinsame inhaltliche Ziele, die dann den Strukturprozess bestimmen.
    Die einzelnen Arbeitsfelder und übergeordneten Einrichtungen sowie Abteilungen des Landeskirchenamtes beschäftigen sich mit „Profil und Konzentration“ genau wie mit einem der anderen Strukturprozesse (Verwaltungsstrukturreform, Landesstellenplan, Pfarrerbildprozess).

Beschluss der Dekanatssynode Würzburg am 14.10.2017
mit 55 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme und 4 Enthaltungen

Für das Präsidium der Dekanatssynode
Dekanin Dr. Edda Weise              Luitpold Graf Wolffskeel

 

Jeder hat seinen Blues – Anmerkungen zu „Profil und Konzentration“ (PuK) – Newsletter November 2017

Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein.

Von Dr. Gerhard Schoenauer

Jede hat ihre eigene Geschichte. Jeder hat seine eigene Vorstellung, wie Kirche aussehen soll. Jede hat ihren eigenen Traum von Kirche und Gemeinde. Jeder kennt auch den Kampf um seine Kirche und das Leiden an seiner Kirche. „Jeder hat seinen Blues“.[1]

Darum ist es zu begrüßen, dass die Verantwortlichen für das Strategiepapier „Profil und Konzentration“ eine breite Diskussion wünschen, eine Beteiligung an diesem Prozess.[2] Dem wollen wir gerne nachkommen – konstruktiv, aber auch mit vielen Fragen.

Durchaus positiv und ganz im Sinne des Gemeindebundes sind Aussagen des Strategiepapiers wie:

  • „Kirche muss vom biblischen Auftrag her gedacht werden.“
  • geistliche Profilierung: „Die ELKB lebt aus der Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Christus in Wort und Sakrament.“
  • die Nähe zu den Menschen: „(…) dass die Kirche heute verstärkt dorthin gehen muss, wo die Menschen leben.“
  • Blick auf die einzelne Gemeinde: „Die Gemeinden werden ihre Funktion behalten als stabile Präsenz vor Ort.(…) Angeordnete Fusionen oder Ähnliches soll es nicht geben.“
  • Völlig korrekt wird – endlich! – nach „Analyse der bisherigen Prozesse zur Kirchentwicklung“ festgestellt, dass diese „(…) zu sehr beschreibend und auf Einigkeit zielend (waren) und daher zu wenig Wirkung entfalteten.“ (1.2) Das sind dürre Worte dafür, dass man Millionen in den Sand gesetzt hat, aber immerhin.
  • Zu begrüßen ist auch, dass die ursprüngliche Einleitung zu dem Strategiepapier von der Landessynode nicht übernommen wurde. Der Gemeindebund hat alle Synodalen dazu aufgefordert. In der ursprünglichen Fassung wurden parochiale Gemeinden als ein überaltertes Auslaufmodell charakterisiert: „.die parochiale Gemeinde ist in ihrer oft statischen selbstbezogenen Organisation zu wenig einladend und entfaltet Bindung vor allem nach innen.“

Es ließen sich noch mehr Punkte finden, denen wir gerne zustimmen könnten, die freilich auch verschiedene Auslegungsvarianten und Lesarten zulassen. Das Papier ist so weit gefasst, dass sich viele Anliegen unterschreiben lassen. Jeder hat seinen Blues. Das mag für eine Diskussionsgrundlage auch hilfreich sein. Aufs Ganze gesehen allerdings, wird eine Richtung vorgegeben, die viele kritische Fragen aufwirft:

  • Das Strukturpapier „Profil und Konzentration“ atmet den Geist eines Pro- Existenzdenkens. Eine kleine Gruppe entwirft ein neues Kirchenmodell, weiß, was für andere gut ist und was nicht und entscheidet, wie die Zukunft der Kirche aussehen soll. Die Beteiligung ist zwar erwünscht, aber wichtige Pfeiler sind schon fest eingerammt und es geht mehr um die Umsetzung eines Programmes als und um dessen Ausrichtung. Die Gemeinden werden zum Objekt der Fürsorge, aber nicht zu gleichwertigen Partnerinnen. Es wäre sinnvoll gewesen, zunächst einmal die Gemeinden zu fragen, was sie für ihren Dienst und ihre Arbeit benötigen und sie auf diese Weise bei der Entstehung dieses Papiers mit einzubeziehen. So hätte man verhindern können, was die Gemeinde unter die Herrschaft vorgedachter Pläne bringt und ihr vorschreibt, wie sie in Zukunft arbeiten soll. PuK soll unter breiter Beteiligung durchgeführt werden, ergebnisoffen. Letztlich aber jedoch steht eine bereits fertige Konzeption dahinter, was vermuten lässt: Es handelt sich entgegen aller Beteuerungen um einen Top-Down-Prozess. Andere Kirchenmodelle, die es durchaus gibt, kommen nicht den Blick. Warum, so fragen wir weiter, wurden bei der Erstellung des Papiers nicht Vertreter der theologischen Fakultäten mit einbezogen?
  • Die Sprache suggeriert zwar den großen Sprung, die Neuausrichtung aller Arbeitsformen in der ganzen Kirche und die entsprechende strategische Verteilung der Ressourcen. Gleichzeitig steht aber der funktionale Bereich gar nicht zur Disposition. Die bestehende Benachteiligung der Gemeindeebene wird festgeschrieben, indem man sich die Kritik daran auch noch vom Hals schafft bzw. die Verantwortung und den Diskurs auf die mittlere Ebene verschiebt. Man scheut die Vielfalt und Diversität, ändert wenig an der Verteilung der Macht, nichts an der des Geldes. Man legt erneut das Gewand des Modernisierers an und zementiert ganz konservativ die zentralistischen Steuerungsmechanismen der Institution.
  • Die in diesem Papier sehr verbreitete apodiktische Sprache (muss, soll) kann so gedeutet werden: Hier wird eine Kirche neu gebaut. Die Mahnung von Dietrich Bonhoeffer könnte uns alle da sehr viel behutsamer sein lassen: „Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung; denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen – ER baut. Wir sollen verkündigen – ER baut. Wir sollen zu ihm beten – ER baut. Wir kennen seinen Plan nicht. Es ist ein großer Trost, den Christus seiner Kirche gibt: Du bekenne, verkündige, zeuge von mir. Ich allein aber will bauen, wo es mir gefällt. Fahr mir nicht ins Regiment. Kirche, tu du das Deine recht, dann hast du genug getan. Aber tue es auch recht. Sieh nicht nach Meinungen und Ansichten, frage nicht nach Urteilen, rechne nicht immer wieder.“[3]
  • Ich frage mich, wie weit ist dieser Prozess wirklich offen, wenn andere wichtige Prozesse wie z.B. „die Landesstellenplanung oder die Verwaltungsreform auf der gemeinsamen PuK- Strategie aufsetzen können oder diese bereits in Aspekten vorweggenommen haben“, wenn bereits finanzielle Mittel für die Umsetzung bereitgestellt werden, wenn die knappe Zeitschiene eine Beteiligung der Gemeinden nur schwer ermöglicht? Irgendwie ähnelt es auch der Geschichte vom Hasen und Igel. Die einen sind schon angekommen, beginnen schon den PuK-prozess umzusetzen, die anderen sind nicht einmal losgelaufen, haben noch keinerlei Kenntnis davon, in welche Richtung sie aufbrechen sollen.
  • Am Anfang standen Kürzungen im Raum, dann kam PuK. Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit Reformpapieren sind diese meist verbunden gewesen mit Kürzungen von Geldern und Personal im Bereich der Gemeinden. Steckt das hinter dem Wort „Konzentration“?
  • Warum – das haben schon viele angemerkt – wurden die Ergebnisse der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung kaum berücksichtigt? Nach dieser Untersuchung müssten die parochial verfassten Ortsgemeinden der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform sein. Die Verbundenheit mit der evangelischen Kirche ist mit der Verbundenheit zur Ortsgemeinde gleichzusetzen, so fasst Gerhard Wegner, der Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD die Ergebnisse dieser Untersuchung zusammen: „Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft“.
  • Auch Soziologen wie Dr. Maren Lehmann (Universität Erfurt) kommen auf gleiche Ergebnisse: „Was bleibt, und zwar im Wortsinne: was Bestand hat, allen Formalisierungsbemühungen zum Trotz, ist die variantenreich wildernde religiöse Kommunikation. Sie bleibt auch dann, wenn man darauf verzichtet, ihr durch konfessionelle, dogmatisch erfahrene Beobachter Orientierung und Verlässlichkeit zu geben. Die Gemeinde hat daher auf jeden Fall Zukunft. Die Mitgliedschaftskirche nicht.“[4]
  • Was nun die Gemeinde betrifft, finden sich in PuK doch unterschiedliche und manchmal schwer einzuordnende Aussagen. Die Gemeinden sollen ihre Funktion als stabile Präsenz vor Ort behalten, andererseits müssen sie eine Organisationsgröße haben, die der Raumlogik von PuK entspricht, also größere Pfarreien, Regionen, fusionierte Gemeinden usw. Ein weiteres Beispiel: „Parochialgemeinden müssen sich als Teil von Handlungsräumen verstehen, die diese über die entsprechenden Gremien mitgestalten, dann aber auch an den verabredeten Schwerpunktsetzungen mitwirken.“ Einerseits werden die Offenheit, was ein Handlungsraum ist, welche Größe er hat usw. konstatiert, auf der anderen Seite doch wieder größere Einheiten beschrieben: „Es wird vorgeschlagen, den Begriff „Handlungsraum“ zu verstehen als den Dekanatsbezirk oder Teil eines Dekanatsbezirks oder Vielfaches von Dekanatsbezirken.“
  • Fraglich erscheint uns auch, wie die Umsetzung auf mittlerer Ebene geschehen kann, wenn dem Stellenanteil des Dekans, der Dekanin bei der neuen Landesstellenplanung kein größeres Zeitbudget zur Verfügung gestellt werden soll. Das ist nur schwer mit der Vorgabe, gut, gerne und wohlbehalten in dieser Kirche arbeiten zu können, zu vereinbaren.
  • Weitere Fragen werden hier nur kurz angerissen:
    • Immer wieder wird auf die Notwendigkeit von Kooperationsbereitschaft der Gemeinden verwiesen, auf Netzwerkbildung. Das ist zu begrüßen und geschieht vielerorts längst und in großem Umfang und viele arbeiten daran, dies auszubauen. Dafür braucht es kein Strukturpapier. Und wir wissen alle, dass es immer Gemeinden geben wird, die nur ihren eigenen Kirchturm im Blick haben und eben andere, die darüber hinausschauen.
    • „In den jeweiligen Räumen sollen Zentralkirchen identifiziert werden.“ Warum hat man nicht aus anderen Landeskirchen Erfahrungen gesammelt, in denen solch ein Unternehmen gescheitert ist?
    • „50 % der Arbeitskraft Hauptamtlicher für die Kommunikation mit den bisher unerreichten Kirchengemeindegliedern soll sichergestellt werden.“ Dass dies längst geschieht und eine völlig überflüssige Feststellung ist, hat Ulrich Pschierer in seinem Artikel „die gärtnernde Kirche“ sehr deutlich beschrieben.[5] Religionsunterricht, Kasualien, Konfirmandenarbeit, Seelsorgebesuche, Grußworte bei Vereinsjubiläen, Öffentlichkeitsarbeit, Arbeit in Kindertagesstätten und Diakonie erreicht Menschen weit über den Kreis der Hochverbunden hinaus.

Wir nehmen das ernst: Es soll ein offener Prozess sein und darum kann und darf auch ein anderes Kirchenmodell angedeutet und kurz umrissen werden. Jeder hat seinen Blues:

Die einzelnen Gemeinden bilden die Basis und sind die primäre Gestalt der Kirche (dafür lassen sich sowohl theologische wie soziologische Argumente finden). In den lateinamerikanischen Kirchen gibt es das Sprichwort. „Das universale Wort spricht nur Dialekt“. Die Verkündigung des Wortes von Angesicht zu Angesicht, das gemeinsame Feiern an einem Tisch (die diakonische Dimension der Gemeinde hat ihren Ursprung in der Tischgemeinschaft), die Not meines Nächsten, der in meiner Straße direkt vor meiner Haustüre anzutreffen ist – hier muss Kirche vor Ort sein, nicht in einem unbestimmten Raum. Eine Kirche der „Armen“, der Benachteiligten und Vergessenen, der Gescheiterten, der Alten und nicht Mobilen sollten wir bleiben und werden. Zentralkirchen und Kausalagenturen sind nicht die richtige Antwort. Die Nähe zu den Menschen braucht eine Kirche der „kurzen Wege“. Sehr große Gemeinden müssten geteilt und verkleinert werden. Die Zahl derer, die Verantwortung für die Gemeinde übernehmen, würde sich vergrößern, die Beteiligung vermehren. Zur Stärkung der einzelnen Gemeinden gehört auch eine neue Regelung des gesamten Finanzwesens. Die Entscheidung darüber, welche Projekte, welche übergemeindlichen Aufgaben finanziert werden, muss auf gemeindenaher Ebene getroffen werden. Die krautige Vielfalt, ein buntes Kaleidoskop der Gemeinden, die unter einem landeskirchlichen Dach aufblühen, sind ein großer Schatz der Kirche und der Ausgangspunkt für jede Kirchenreform. Jede Gemeinde hat eben ihren Blues. „Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig“ (so der Schriftsteller Robert Menasse). Wenn irgendwo wieder einer das Klagelied über die so klein werdende Gottesdienstgemeinde, über das schwindende Interesse an gemeindlichen Aktivitäten anstimmt und dafür die Enge parochialer Grenzen verantwortlich macht, sollten wir in aller Gelassenheit singen:

Verzage nicht, du Häuflein klein
obschon die Feinde willens sein,
dich gänzlich zu verstören,
und suchen deinen Untergang,
davon dir wird recht angst und bang;
es wird nicht lange währen. (EG 249/1)
 

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan Pegnitz, 1. Vorsitzender des Gemeindebundes Bayern V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern


[1] Martin Luther King

[2] Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in der Einbringungsrede der Bayerischen Landessynode: „Das vorgelegte Papier ist eine Diskussionsgrundlage. (…) Eine zweite Ebene der Weiterarbeit ist die Dialogarbeit in den Gemeinden.

[3] GS IV 134,f

[4] Texte aus der VELKD, Nr.179, September 2017, S.9.

[5] Korrespondenzblatt, Nr.10 Oktober 2017, S. 170.

Der Newsletter als PDF

So nicht! – Eine Auseinandersetzung mit dem Buch des Theologischen Referenten der Landessynode der ELKB

Von Dr. Karl Eberlein             Der Artikel als PDF

Zu: Ralf Frisch: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017 (Evangelische Verlagsanstalt), 280 Seiten, 24€

Ralf Frisch: Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017 (Evangelische Verlagsanstalt), 280 Seiten, 24€

Vorliegendes Werk ist seitens der Präsidentin der Landessynode, Dr. Annekathrin Preidel, sehr anerkennend gewürdigt worden.[1] Also bin auch ich mit einer ausgesprochen positiven Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen: Erwartet habe ich mir eine seriöse, sicher auch kritische kirchliche Bestandsaufnahme. Erwartet habe ich weiter Denkanstöße, die durchaus auch Sand in unserem kirchlichen Getriebe sein können, aber inhaltlich konsistent und gedanklich nachvollziehbar deutlich machen, was für unsere Kirche an der Zeit ist. In beiderlei Hinsicht hat sich für mich diese Erwartungshaltung leider nicht bestätigt.

Ralf Frisch ist enttäuscht von seiner Kirche. Er schreibt aus einer „enttäuschten Liebe“ heraus (17). Aber er gibt die Hoffnung für seine Kirche nicht auf und tröstet sich dabei etwa mit dem Lied Jochen Kleppers „Die Nacht ist vorgedrungen …“ (17). Und für diese Hoffnung braucht er schließlich ein Überspringen der Zeiten. Als literarische Fiktion stellt er sich einen 50-jährigen Schlaf vor, aus dem er im Jahr 2068 erwacht. Dann ist endlich vor dem Hintergrund nahezu apokalyptisch beschriebener Zeiten (270ff) in der Kirche alles anders und besser geworden (277ff). Dann ist er „glücklicher in die evangelische Kirche verliebt als je zuvor“ (280).

Der Autor, der solches schreibt, ist kein Irgendjemand. Er ist Professor an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Theologischer Referent der Landessynode und in dieser Funktion auch am Prozess „Profil und Konzentration“ (PuK) beteiligt. Und er widmet sein Buch der Synodalpräsidentin sowie „den Weggefährten in der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, die eine höchst vitale, intellektuell und spirituell quicklebendige Widerlegung aller kirchenkritischen Thesen der folgenden Seiten darstellen“ (8). Eine solche Widmung lässt aufhorchen – und motiviert zusätzlich, sich mit den Darlegungen dieses Buches etwas genauer auseinanderzusetzen.

Das Anliegen

Was hat Ralf Frisch aktuell an der von ihm (eigentlich) so geliebten Kirche zu kritisieren? Kurz gesagt: eigentlich alles – vom äußeren Erscheinungsbild über die innere Motivation der Akteure bis hin zur grundsätzlichen Ausrichtung. Der Autor ist in seiner Polemik alles andere als zimperlich. Die Versuchung ist groß, sich gleich hierauf zu stürzen. Trotzdem möchte ich an den Anfang eine eher behutsame Formulierung stellen, die für mich so etwas wie die Kernthese des ganzen Buches ist: Es brauche in der Kirche ein „neues Gefühl“, „dass der christliche Glaube ein Medium des Kontakts zu den letzten Dingen und zu den Tiefenschichten des menschlichen Daseins ist und nicht nur eine religiöse Gestalt der sozialen, politischen und moralischen Verbesserung der Lebensumstände von Menschen“ (29). Es gehe um „den letzten Sinn und das letzte Geheimnis des Seins“ (30). Eben dies müsse wieder erheblich stärker ins kirchliche Bewusstsein treten.

Mit dieser Intention ist Ralf Frisch nun keineswegs der einsame Rufer in der Wüste. Solche und ähnliche Töne sind schon seit längerer Zeit zu hören, etwa von bekannten Theologen (Hans-Martin Barth, Johannes Fischer u.a.[2]) bis hin zu Kommentatoren der FAZ. Ralf Frisch greift also etwas auf, über das ohnehin schon geredet wird und worüber (sicher auch kontrovers) geredet werden muss. Es geht ja schließlich um das Wesen und den Auftrag der Kirche. Zu wünschen wäre dann allerdings, dass der Autor gemäß des Buchtitels tatsächlich brauchbare reformatorische Impulse gibt und diese mit sorgfältigen Analysen und umsichtigen Wahrnehmungen verbindet. In einem immerhin 280 Seiten starken Buch darf man so etwas erwarten, man findet es aber nicht bzw. viel zu wenig. An die Stelle treten polemische Rundumschläge, Verzerrungen bis hin zu Unterstellungen sowie diffuse ekklesiologische Ausführungen.[3]

Polemische Rundumschläge gegen die eigene Kirche

Mit der evangelischen Kirche in Deutschland verhält es sich für Frisch wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: „In einer leeren, innerlich nackten Kirche kann man keine wirklich tiefen und wirklich erhebenden religiösen Erfahrungen machen“ (36). „Wenn der Protestantismus jemals zugrunde gehen sollte, dann geht er allenfalls an seiner Kraftlosigkeit, an seiner Substanzlosigkeit und an seiner Selbstbanalisierung und Selbsttrivialisierung zugrunde“ (71). Der deutsche Protestantismus verharre „vielerorts in seiner saturierten Bequemlichkeit“ (73). Die evangelische Kirche diene „als Petersilie auf jeder Suppe“ (107). Der „Bezug auf das Heilige“ sei derzeit „allenfalls ein Produkt neben anderen kirchlichen Produkten und Dienstleistungen“ (108). Es seien „gar nicht so wenige“ der Haupt-, Neben- und Ehrenamtlichen „geistlich desorientiert, spirituell leer, transzendental obdachlos und nicht mehr verliebt in das Evangelium“ (165). Natürlich müssen dann die Pfarrer auch noch speziell ins Visier kommen: Die ohnehin beklagenswerte „Dominanz der Pfarrerinnen und Pfarrer in ihren Gemeinden“ sei „dann umso schlimmer, wenn sie mit einer theologischen, spirituellen, ästhetischen, rhetorischen, liturgischen, dramaturgischen und emotionalen Lieblosigkeit einhergeht, für die es keine Rechtfertigung geben kann“ (256).

So und ähnlich gehen Rundumschläge in wohldosierter Streuung durch das ganze Buch. Gewiss: Für all das, was da angeführt wird, gibt es auch Beispiele. Die Frage ist nur, ob eine solche Addition von Negativ-Wahrnehmungen ein auch nur halbwegs faires und seriöses Gesamtbild ergibt. Ich nehme einmal an, dass sich Frisch der karikierenden Art seiner Darstellung sehr wohl bewusst ist. Aber er ist anscheinend der Meinung, dass es eine solche Methode der Aufmerksamkeitserregung braucht, um überhaupt gehört zu werden. Sollte dem tatsächlich so sein, wäre das ein Alarmzeichen für die Diskurskultur in unserer Kirche – auch mit Hinblick auf den anstehenden PuK-Prozess.

Verzerrungen und Unterstellungen

Wiederholt schimmert bei Ralf Frisch durch, dass er das soziale und diakonische Engagement seiner Kirche als Ersatzhandlung versteht: Weil die Kirche „von den letzten Dingen schweigt“, müsse sie sich auf die „vorletzten, weltlichen Dinge“ konzentrieren (154). Auffallend ist hier, wie die Unterscheidung, die Dietrich Bonhoeffer zwischen dem „Letzten“ und dem „Vorletzten“ vorgenommen hat, nun völlig gegen Bonhoeffers Intention in Stellung gebracht wird. Bonhoeffer war bekanntlich der Meinung, dass die Gewissheit des Letzten das Vorletzte keineswegs entwichtet, sondern umgekehrt Kraft gibt für ein entschlossenes Handeln in dieser Welt. Und dass in der Kirche über die letzten Dinge geschwiegen wird, ist eine steile Behauptung, die keineswegs nur, aber allein schon durch jede kirchliche Beerdigung zu widerlegen ist. Behaupten kann man so etwas allenfalls, wenn man das, was medial in bewusst selektiver Auswahl von der Kirche wahrgenommen wird, schon für die kirchliche Realität selber hält. Etwas anderes wäre es, sprachliche Schwierigkeiten und Defizite konkret aufzuzeigen, die es in unserer Kirche in der Tat geben kann, wenn es darum geht, die befreiende Kraft des Evangeliums in allen(!) seinen Dimensionen zur Sprache zu bringen.

Mehr als ärgerlich ist sodann, wenn Frisch dann speziell das kirchlichen Engagement für Flüchtlinge als Ersatzhandlung versteht (168f): „Es scheint jedenfalls geradezu, als hätten wir als Kirche nur darauf gewartet, dass unser Land von einer Herausforderung überwältigt wird, auf die wir uns nun stürzen können, um zu demonstrieren, wie unentbehrlich wir sind. Aber täuschen wir uns nicht: die Flüchtlinge sind nicht der Messias – so sehr uns ihr Wohlergehen und ihre Zukunftsperspektiven (…) am Herzen liegen müssen.“ Bei derartigen Unterstellungen hilft auch der angefügte Nachsatz nicht mehr viel.

Mehr als ärgerlich ist schließlich auch, wenn Ralf Frisch meint, im Gefolge der von ihm diagnostizierten sozialethischen Vereinseitigung auch bei der Gestaltung kirchlicher Räume ein ästhetisches Defizit dergestalt feststellen zu müssen, dass „eine im buchstäblichen Sinn sozialdemokratisierte Mehrzweckästhetik dominiert“, die „allenfalls langweilt“ (227). Es wäre besser, der Autor würde seine eigenen ästhetischen Kriterien auch wirklich benennen, statt mit solchen verallgemeinernden, irgendwie auch zynischen Formulierungen so manchen intensiven Bemühungen bei der Gestaltung von Kirchenräumen ins Gesicht zu schlagen.

Eine diffuse Ekklesiologie

Wenn Ralf Frisch ein spirituell erfahrungsintensivierter und ästhetisch neu eingekleideter Protestantismus vor Augen schwebt, stellt sich auch die Frage, mit welcher organisatorischen Verfasstheit solches einhergehen kann. Sehe ich es richtig, dann hat sich der Autor von der Vorstellung einer Kirche, die wirklich vor Ort nahe bei den Menschen ist, bereits verabschiedet: „Die sichtbare evangelische Kirche der Zukunft (…) könnte nicht mehr Volkskirche für alle, sondern eine Kirche für diejenigen sein, die inmitten der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft einen Ort suchen, an dem sich eine Tür zum ganz Anderen und zu einer ganz anderen Erfahrung der Welt und ihrer Gesellschaft öffnet“ (238).

Diese Art des Rückzugs bedeutet für Frisch zugleich eine Relativierung der Bedeutung von Kirchenmitgliedschaft und damit auch des Gemeinschaftscharakters der Kirche. Unabhängig von solcher Mitgliedschaft könne man gegen entsprechende Bezahlung religiöse Dienstleistungen in Gestalt von Übergangsritualen anbieten, ebenso „spirituelle Krafträume“, die als „religiöse Fitnessstudios“ fungieren könnten (246). Denen, für die die Kirche nach wie vor primär „als Gemeinde und als Gemeinschaft“ zu verstehen ist, hält er vor, dass es ihnen „verständlicherweise“ ja auch um monetäre Gründe gehe: Als „Profiteure der Volkskirche“ seien sie „naturgemäß“ daran interessiert, „dass diese Volkskirche noch lange Bestand hat“ (247). Dass man auch aus theologischen Gründen und um der Menschen selbst willen weiter für eine flächendeckend organisierte Volkskirche eintreten kann, um auf dieser Basis die „Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmen VI), scheint Frisch nicht sonderlich in Betracht zu ziehen.

In alledem ist nun höchst bemerkenswert, dass er sich selbst als ein entschiedener Verfechter der Barmer Theologischen Erklärung (BTE) präsentiert. Denjenigen unter den universitären Theologen, die sich skeptisch zur Aufnahme der BTE in die Kirchenverfassung geäußert haben, bescheinigt er schon mal in der weiteren Konsequenz eine „Selbstabschaffung der christlichen Theologie und des Protestantismus“ (204). Dabei scheint er selber übersehen zu haben, dass die BTE nicht nur aus den ersten beiden Thesen besteht (hierzu 142ff), sondern hieran gleich die dritte und vierte These anschließen, in denen es eben um die Gestalt und die Ordnung der Kirche sowie um ihren Gemeinschaftscharakter geht. Mit seinen eigenen Vorstellungen ist er weit davon entfernt. Und wenn er sodann auch noch „Luthers Unterscheidung von geistlichem und weltlichem Regiment“ innerkirchlich(!) als „Unterscheidung und Zuordnung von geistlichem und kybernetischem Handeln“ angewandt sehen möchte (111) und damit weiter in Gegensatz zu der von ihm so verteidigten BTE gerät – ja, dann wird es endgültig diffus.

Die Kirche des Jahres 2068

Wie eingangs schon erwähnt, steht am Schluss des Buches die literarische Fiktion eines 50-jährigen Schlafes, auch dem Frisch im Jahr 2068 erwacht. Er skizziert ein düsteres gesellschaftliches und globales Szenario (270ff): gesteigerte soziale und politische Verwerfungen; brutale Abschottungsstrategien gegenüber Völkerwanderungen; soziale Eiszeit; weitere Ausbreitung eines militanten politischen Islam; Ende der europäischen Vision; exzessive Biotechnologie usw. Kirchlicherseits ist die „Zeit der kirchensteuerfinanzierten Mehrheitsvolkskirche“ vorüber (273).

Am Ende dieser Zukunftsschilderungen fragt der Autor: „Aber gibt es auch Hoffnungsschimmer in der wenig erhebenden, halszuschnürenden Gegenwart dieses fernen Jahres 2068?“ (276). Seine Antwort: „Ja, es gibt Hoffnung – insbesondere aus kirchlicher Sicht“ (277). Damit leitet der Autor seine ekklesiologische Zukunftsvision (277ff) ein. Die „evangelische Kirche des Jahres 2068 verkörpert eine im besten Sinne öffentliche, ausstrahlungsstarke Theologie“. Sie ist „als Minderheitskirche freier denn je“. Sie erscheint „endlich als faszinierende Alternative zum Geist ihrer Zeit“ und leitet Menschen „zu spirituellen Exerzitien im Alltag“ an. Diese Kirche „erschöpft sich nicht in inflationärer Präsenz“, sie „konzentriert sich“. Ihr Herz „schlägt in geistlichen Zentren, in die sie ihre großen Kirchen und Bildungsorte verwandelt hat“. Auch ästhetisch stimmt jetzt alles: „Neu gebaute Kirchen sind Architekturen des offenen Himmels.“ Durch bezahlte spirituelle Dienstleistungen und durch Zuwendungen (sicher auch finanzstarker) Geldgeber hat man also auch hierfür noch genügend finanzielle Mittel, um sich nicht mehr in Kirchenräumen mit einer langweiligen Mehrzweckästhetik (vgl. 227) aufhalten zu müssen.

Mit dieser seiner Landeskirche feiert dann Ralf Frisch „ein Fest des euphorischen Nichtwiedererkennens“. Verwundert ist man freilich, dass Ralf Frisch dabei immer noch von der evangelischen Kirche und der Landeskirche im Singular redet. Denn auch dies gehört für ihn zum ekklesiologischen Zukunftsszenario (und er schildert dies ohne großes Bedauern): „Viele christliche Gruppierungen, die sich im Jahr 2017 noch der institutionalisierten Volkskirche zugehörig fühlten, haben sich allerdings mittlerweile von ihrer Mutterkirche abgespalten. Aus dem innervolkskirchlichen Pluralismus ist ein Pluralismus verschiedener Kirchen geworden“ (277).

Wenn man all das liest (und das vorher bereits Ausgeführte mit dazu nimmt), dann zeichnen sich etwa folgende Konturen dieses Hoffnungsszenarios ab: Der gerade mal gut zehn Jahre alte forsche EKD-Imperativ, „gegen den Trend“ wachsen zu sollen und zu können (Impulspapier „Kirche der Freiheit“), ist nun völlig verschwunden. An die Stelle getreten ist nicht nur ein Mut zur Minderheit (dem ich durchaus folgen könnte), sondern geradezu eine Sehnsucht nach Minderheit. Die ELKB des Jahres 2068 hat eine spirituelle Großreinigung hinter sich. Diejenigen, die in eine derart aus ihren spirituellen Zentren leuchtende Kirche nicht so recht passen, haben sich quasi selber entsorgt: Sie gehören dann entweder überhaupt keiner Kirche mehr an – oder sie sind jetzt in anderen Gruppierungen, die sich von der ELKB losgelöst haben, zu finden.

Vielleicht wird (so möchte ich ergänzen) dieses Bild noch etwas dadurch getrübt, dass da immer noch einige Ortsgemeinden mit ihrer banalen Alltäglichkeit und mit ihrer spirituellen und ästhetischen Unterbelichtung da sind, die man als Auslaufmodelle dahinfristen lässt. Nicht auszuschließen wäre dann freilich auch (wie ich weiter ergänzend hinzufügen möchte), dass dieser ELKB mit ihren spirituellen Krafträumen und Fitnessstudios (vgl. 246) ein Evang.-Luth. Gemeindebund in Bayern gegenübersteht, der sich keineswegs aus Ewig-Gestrigen zusammensetzen muss, wohl aber die Zeichen der Zeit anders deutet. Es könnte ja sein, dass es gerade in gesellschaftlich raueren Zeiten (von denen Frisch ja ausgeht) umso mehr eine Kirche vor Ort (wirklich am Ort!) mit entsprechenden Vernetzungen und Interaktionsmöglichkeiten braucht – statt die spirituell und ästhetisch besonders Sensiblen an besondere Orte zu locken, die der komplexen Alltäglichkeit entzogen sind.

Kurzum: Das, was Ralf Frisch als ekklesiologisches Hoffnungsbild skizziert, ist für mich eher ein Szenario des Erschreckens – und das aus theologischen, nicht aus besitzstandswahrenden Gründen. Da gibt ein Autor keine reformatorischen Denkanstöße mehr, sondern geht glatt an dem vorbei, was man noch eine halbwegs seriöse lutherische Ekklesiologie nennen könnte.

Nach-Gedanken

Ralf Frisch ist nicht der erste, der einen Blick in die Kirche in 50 Jahren wirft. Kurz vor ihm hat es bereits die Synodalpräsidentin Dr. Annekathrin Preidel im Rahmen ihrer Eröffnungsansprache auf der Synodaltagung in Coburg (27.3.2017) getan (mit der Variation, dass sie nicht vom Jahr 2068, sondern vom Jahr 2067 redet). Bei ihr schaut das „Fest des Nichtwiedererkennens“ (gleiche Formulierung wie bei Frisch!) mit der evangelischen Kirche, das die jetzt Jungen noch erleben werden, so aus: „Sie hat weniger Mitglieder, aber sie ist geistesgegenwärtig und vital. Sie ist weniger schwerfällig und weniger bürokratisch. Ihre Sprache ist verständlicher geworden. Spirituelle Inhalte zeugen von einem neuen Geist in unserer Kirche. Diejenigen, die im Jahr 2067 nach wie vor vom Evangelium begeistert sind, haben die alten Strukturen losgelassen, um neu aufzubrechen. Sie haben sich in kleinen flexiblen Keimzellen organisiert.“ Im Jahr 2067 gehe es auch darum, „den Mut zu haben, zur Profilkirche zu werden – zur Jugendkirche, zur Vesperkirche, zur Meditiationskirche, zur Kirche der ästhetischen Erfahrung, zur Kirche der ‚fresh expressions’“. Die Christen werden – so Preidel im Anschluss an den Planungsreferenten Thomas Prieto Peral – „interessante Leute“ sein (man beachte das Futur!).[4] Für die Kirche der Gegenwart jedoch gilt: „Wenn wir nicht schwimmen lernen, werden wir untergehen wie ein Stein“, nämlich an der „eigenen bleiernen Schwere und Behäbigkeit“.

Bei der Synodalpräsidentin klingt gewiss einiges wieder etwas anders als bei Frisch, in der Relation von Gegenwart und Zukunft sind jedoch die Übereinstimmungen sehr deutlich: Die Zukunft wird in sehr hellen Farben gemalt. Eigene Leitvorstellungen werden zur zukünftigen Realität erklärt. Und dazu braucht es die düstere Eintönung der Gegenwart. Diese Art von Reformrhetorik ist in unserer Kirche keineswegs neu – auch wenn sie inhaltlich sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich plausibilisiert werden kann (was natürlich all diejenigen irritiert, die nicht nur ein Kurzzeitgedächtnis haben). Es setzt sich das fort, was auch sonst schon in der kirchlichen Reformrhetorik der Fall war: Es werden weder die eigenen Mitgliedschaftsbefragungen wirklich ernst genommen noch relevante religions- und kirchensoziologische Untersuchungen, sobald diese dem eigenen Weltbild widersprechen. Vor allem aber kommt ein biblisch-theologisches Nachdenken zu kurz, das nicht bereits durch vereinzelte, gezielt ausgewählte Bibelzitate gewährleistet ist.

Was also vor allem fehlt, ist ein wirklich genaues(!) Hinsehen in unsere Gegenwart. Hierfür brauchen wir gewiss keine rosa, aber eben auch keine schwarz gefärbte Brille. Wir brauchen ein genaues Hinschauen auf die ‚Logik‘ (auch: ‚Theo-Logik‘) des Vorhandenen, wo manches auf den zweiten Blick sich anders darstellt, als man es zunächst beurteilt hat. Erst wenn diese ‚Logiken‘ einmal verstanden worden sind, kann auch erwogen werden, woran unter veränderten Bedingungen weiter festzuhalten ist – und woran nicht. Man könnte so etwa darauf kommen, dass die Frage nach dem Stellenwert von örtlichen Kirchengemeinden sich nicht so ohne weiteres unter dem Aspekt vergänglicher volkskirchlicher Strukturen abhandeln lässt. Man könnte statt dessen entdecken, dass hier grundsätzliche Fragen der Ekklesiologie berührt sind, wo uns der Apostel Paulus in seinen Korintherbriefen einiges ins Stammbuch geschrieben hat (übrigens auch zur Bewertung berauschender spiritueller Erfahrungen, von denen Ralf Frisch so gerne redet; vgl. 25ff).

Kurzum: Ein biblisch geschärfter Blick könnte zu einem geistlichen Realismus und zu protestantischer Nüchternheit führen, wenn es um die Kirche der Gegenwart geht. Dann (aber erst dann!) mag man auch ein Fernglas in die Hand nehmen, um in eine Zeit in 50 Jahren zu schauen. Allerdings sollten wir dabei auch wissen: Durch ein solches Fernglas schauen wir allemal nur unsere eigenen Zukunftsprojektionen und noch lange nicht das, was vom Herrn der Kirche tatsächlich auf uns zukommen wird. Vielleicht tun wir dabei auch gut daran, unser geschichtliches Gedächtnis zu aktivieren: In den für uns etwas deutlicher überblickbaren Zeiträumen der jüngeren Vergangenheit ist es schließlich meist anders gekommen, als man es erwartet, erhofft oder auch befürchtet hatte. So leicht lässt sich der Herr der Kirche nun Mal nicht in die Karten schauen!

So bleibt zu hoffen, dass die Töne, denen ich in meinem Beitrag nachzulauschen versucht habe, nicht die Marschmusik für den (in seiner Kontur noch völlig offenen) Prozess „Profil und Konzentration“ sein werden.

Dr. Karl Eberlein, Pfarrer i.R. und ehem. Mitglied der Landessynode,
Roth-Eckersmühlen


[1] In ihrer Kolumne in den beiden Sonntagsblättern vom 11.6.17

[2] H.-M. Barth, Das Vaterunser als Thema öffentlicher christlicher Theologie, in: Deutsches Pfarrerblatt 2/2016, 64-67; J. Fischer, Gefahr der Unduldsamkeit, in: Zeitzeichen 5/2016, 43-45.

[3] Wenigstens angemerkt sei, dass in dem Buch nicht nur auf die Kirche selber geschaut wird, sondern auch auf die allgemeine religiös-weltanschauliche Situation. Dabei ist neben dem Atheismus insbesondere der Islam im Visier. Was hier Frisch an grobschlächtiger Analyse und Auseinandersetzung bietet, unterscheidet sich ganz erheblich von der seriösen Tonlage, wie man sie etwa von der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen her kennt.

[4] Verblüfft stellt man in diesem Zusammenhang nun auch noch Folgendes fest: Diese Zukunftsbeschreibungen des Jahres 2067 sind inhaltlich sehr nahe an dem, was in der Fassung des PuK-Konzeptes vom 6.3.2017 bereits für 2030 als Zukunftsszenario in den Raum gestellt wurde (dort 8f). In der nach den synodalen Beratungen veröffentlichten Fassung (29.3.2017) ist diese Passage – worauf mich Pfarrerin Cornelia Meinhard aufmerksam gemacht hat – ersatzlos gestrichen. So genau wollte man sich wohl konsensual und zeitlich in der näheren Zukunft lieber doch nicht festlegen. Ersatzweise werden so auf individueller Basis für die Zukunftsreise die Jahre 2068 (Frisch) bzw. 2067 (Preidel) gesetzt und damit Zeiträume, in denen mit ziemlicher Sicherheit die aktuell in der Kirche Verantwortlichen keine Rechenschaft mehr über ihre Annahmen im Jahr 2017 ablegen müssen.

 

Nr. 6 der unabhängigen Kirchenzeitung „Die mündige Gemeinde“ erschienen

Klicken Sie das Titelbild …

Liebe Leserinnen und Leser,

leider hat es viel zu lange gedauert, bis diese neue Ausgabe unserer Zeitschrift erschienen ist. Umso mehr freuen Sie sich hoffentlich, dass dieses Projekt nicht eingeschlafen ist, sondern lediglich eine kurze Pause eingelegt hat.  Auch in diesem Heft werfen wir wieder einen kritischen Blick auf die Verfassung, in der sich unsere Kirche derzeit befindet und die uns Sorgen bereitet.

Pfarrer i.R. Manfred Alberti analysiert in seinem Beitrag das Prozedere von Synoden- und Presbyteriumsentscheidungen und macht Vorschläge, wie diese transparenter und basisorientierter getroffen werden können.

Pfarrer Hans-Ulrich Pschierer blickt zurück auf die Strukturveränderungen, die vor allem auf Kosten der Souveränität der Ortsgemeinden und deren Ressourcen gehen.

Ein neues Buch von Werner Thiede stellen wir vor, das nach dem Kurs der evangelischen Kirche fragt, worauf Dr. Gisela Kittel noch einmal pointiert das reformatorische Kirchenverständnis darlegt.

Aus einem traurigen Anlass widmen wir die letzte Seite einem hochgeachteten Wegbegleiter, der leider von uns gegangen ist: Eberhard Mechels. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und freuen uns über konstruktive Kritik.

Pfr. Andreas Reinhold (für die Gemeindebünde innerhalb der EKD)

Link zum Download der Ausgabe: http://muendige-gemeinde.de/

Die „gärtnernde“ Kirche – Newsletter August 2017

Von Visionen, Humus und Dünger

Von Pfr. Hans-Ulrich Pschierer

Der in diesem Jahr verstorbene Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat im Blick auf die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts konstatiert: „Die Moderne ist das Zeitalter artifizieller gesellschaftspolitischer Entwürfe, das Zeitalter der Planer, Visionäre (…) und ‚Gärtner‘, die die Gesellschaft als jungfräuliches Stück Land auffassen, das unter fachmännischer Obhut zu bestellen und zu kultivieren ist. Der Ehrgeiz und die Anmaßung auf diesem Gebiet ist grenzenlos.“ Bauman sah neben den Segnungen der Moderne die teilweise zerstörerische Eigendynamik ihrer „rational-technisierten Tendenzen“. Er identifizierte diese Tendenzen in der „Einschränkung der Interessenvertretung und Selbstverwaltung an der gesellschaftlichen Basis“ und dem dadurch bedingten „Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus.“ (Z. Bauman, Dialektik der Ordnung, Hamburg 2012, 3. Aufl., S.128f.)

Auch unsere Kirche hat in den letzten Jahrzehnten viele Planer, Visionäre und „Gärtner“ gesehen. Immer ging es dabei um eine bessere Organisation des Gartens mit dem Ziel der Bestandssicherung. Kirchengemeinden, bisher Basis der Kirche, kamen in diesem Denken vor allem als defizitär, weil angeblich milieuverengt und ohne große Ausstrahlung in den Blick.  Im Bestreben, die „Beete zu reinigen“, griff man diese Basis an. Die Zukunft der Kirche sah man in Zentralisierung und in einer Stärkung von spezialisierten und funktionalen Diensten. In seiner Auswertung zur letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) konstatiert Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD mit Blick auf die letzte große „Vision“ von Kirche: „So stellte das Reformpapier der EKD ‚Kirche der Freiheit‘ in großen Teilen geradezu ein Abschaffungsprogramm von Kirchengemeinden dar und propagiert anstelle von ihnen unter dem Titel der ‚Leuchtfeuer‘ religiöse Dienstleistungszentren, die nunmehr die religiöse Versorgung der Bevölkerung angesichts schwindender Ressourcen möglichst effizient organisieren soll.“ (G. Wegner, Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung, Leipzig 2015, S.102)

Auch die bayrische Landeskirche hat nicht nur diesen Prozess mit finanziellen und personellen Ressourcen unterstützt, sondern insgesamt eine große Umverteilung zum Nachteil der Gemeinden vorgenommen. Aus dem letzten von OKR Hübner vorgelegten innerkirchlichen Finanzausgleich geht hervor, dass der Anteil der Gemeinden am  verteilbaren Kirchensteueraufkommen in den Jahren 2007 bis 2015 drastisch verringert wurde. Das verteilbare Kirchensteueraufkommen ist um 37 % gestiegen, der Gemeindeanteil aber um 14% gesunken. In den Gemeinden hat sich das in der personellen und finanziellen Ausstattung deutlich negativ ausgewirkt. Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen. In meiner bisherigen Dienstzeit war ich nach 7 Jahren Gemeindedienst 9 Jahre am Predigerseminar und hatte Einblick in viele andere funktionale Arbeitsbereiche.

Seit 7 Jahren bin ich nun wieder in der Gemeinde. Schon in der Ausstattung mit Sekretär-, Mesner- und Hausmeisterstunden ist der Unterschied zwischen beiden Diensten deutlich spürbar. Von Zeitbudgets, um sich angemessen vorzubereiten, auf Ungeplantes zu reagieren und an der Qualität zu arbeiten, will ich gar nicht reden. Klaus Raschzok hat in seinem Artikel im Korrespondenzblatt zum Verhältnis von Gemeinde- und Funktionspfarramt vom „Neidfaktor“ gesprochen (KorrBl. 2017/5 S.79) Angesichts der tatsächlichen Verhältnisse muss solcher „Neid“ m.E. nicht verwundern.

Entsprechend hat seit vielen Jahren eine Bewegung in Richtung Funktion eingesetzt, die auch von anderen Faktoren unterstützt wird, die Wegner verdeutlicht: „Ganz praktisch setzt sich die Distanz gegenüber Kirchengemeinden dann auch in pastoralen Karrierewegen um. Für viele Pastoren ist der Weg aus der Kirchengemeinde heraus in den  übergemeindlichen Dienst oder in kirchliche Leitungsämter ein Stück Befreiung, da sie auf diesen Ebenen besser über ihre Arbeitszeit verfügen und auf größere Distanz(!) zu den immer wieder andrängenden Wünschen der Kirchenmitglieder und zu dem ach so diffusen Arbeitsprofil in den Kirchengemeinden geraten können.“ (a.a.O. S.103) Klaus Raschzok beklagt entsprechend das „Funktionsstellen-Hopping“ angesichts von Unlust oder Unfähigkeit zum Gemeindedienst (ebd.). Einige „hoppen“ noch nicht mal. Sie „hocken“ vielmehr und bauen ihre Macht aus. Nicht wenige Stellen in den Werken und Diensten sind seit vielen Jahren, teilweise seit Jahrzehnten gleich besetzt.

Freilich hat sich die Marginalisierung der Gemeinden durch die Ergebnisse der letzten KMU empirisch als Fehlentwicklung herausgestellt. Es hat sich gezeigt, dass die Ortsgemeinden durch ihre verschiedenen Arbeitsbereiche und über die Milieus hinweg deutlich mehr Mitglieder ansprechen und binden, als durch funktionale Dienste zu erreichen sind. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.3.2017 kommt der führende Religionssoziologe Detlef Pollack zu Wort: „Die Kirche habe ihr Geld lange in ‚funktionale Dienste‘ fernab der Gemeinden investiert, sagt Pollack. ‚Diese Werke und Dienste werden nach der Studie jedoch kaum in Anspruch genommen.‘ Mittlerweile liegt  die Veröffentlichung der Studie drei Jahre zurück. Was ist seither passiert? Pollack spricht von einer ‚ganz persönlichen Leidenserfahrung‘. Die Datenlage sei eindeutig, aber gehandelt werde nicht.“ (FAZ „Wo bleibt die Kirchensteuer?“ von Reinhard Bingener) Wegner bestätigt das und bringt uns wieder zu Bauman und zum Thema Garten zurück: „Es scheint (…) eben gerade die Diffusität der kirchengemeindlichen Kommunikation zu sein, die einen Humus für sozial-integrative, sozialmoralische bis sozial-protestative Haltungen bietet.“ (a.a.O. S. 116)

„Hier liegen Schätze (…), die durch stärkere Formatierung – insbesondere in Formen neoliberaler Governance – ausgeschaltet würden.“ (a.a.O. S.118). Für die in Jahren des Gemeindepfarramts ausgebildete und offenbar keineswegs selbstverständliche Fähigkeit, sehr verschiedene Arbeitsformen nicht nur zu bewältigen, sondern fruchtbar aufeinander zu beziehen, kennt die kirchliche Personalentwicklung keine Anerkennung außer dem Angebot, eine Sonderstelle anzunehmen, also sich zu spezialisieren und in die Funktion zu gehen. Karrieren in der Kirche führen nicht in die viel beschworene größere „Nähe zu den Menschen“, sondern vor allem in größere Nähe zur Organisation und ihrer Hierarchie. Gemeinsam mit der finanziellen Hungerkur stellt deshalb die Abwertung des Gemeindepfarramts einen Angriff auf den sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche dar, wie ihn Bauman als Gefahr für die Gesellschaft konstatiert. Sie fördert außerdem die Erosion der kirchlichen Basis.

Doch der von Bauman genannte Ehrgeiz und die Anmaßung der „Gärtner“ bleibt davon unbeeindruckt. Ja, er nimmt teilweise absurde Formen an, etwa in der Behauptung, dass Gemeindepfarrerinnen 80 % ihrer Arbeitskraft nur in die Hochverbundenen stecken würden. Man fragt sich, wer da gerechnet hat. Schon die 6 Pflichtstunden Religionsunterricht sind etwa 20-25% einer pädagogischen Vollzeitstelle (und tragen nebenbei bemerkt positiv nicht unerheblich zur Refinanzierung der Gemeindestellen bei und auch negativ zur Attraktivität der vielen vom Unterricht befreiten Funktionsstellen). Von den 75%, die eine Gemeinde also faktisch noch vom Pfarrer hat, bestreitet er wenigstens die Kasualien, in meinem Fall noch die Betreuung von drei gemeindlichen Kindertagesstätten, weiterhin – in Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen – den monatlichen Familiengottesdienst, den Gemeindebrief, die Konfiarbeit zusammen mit der Kollegin, die Seelsorgebesuche bei – bis dahin oft  unerreichten – Menschen zuhause und die Gottesdienste, die schon allein an den kirchlichen Festen weit über den Kreis der Hochverbundenen hinausgehen. Das differiert natürlich unter den Kolleginnen und Kollegen, aber ungewöhnlich ist mein Stellenprofil nicht. Wer glaubt,  ich hätte nur mit Hochverbundenen zu tun, kann gerne mal vorbeikommen. Hier wird  einfach etwas erfunden, um dann „ex negativo“ zu argumentieren, nach dem Motto: Die Gemeinden erreichen nur Hochverbundene, also müssen die Gelder heraus aus den Gemeinden und hinein in die überparochiale Arbeit. Da sind wir wieder im Garten. Soll der Hase doch rennen. Am Ende der Furche steht immer ein Igel und ruft: „Ich bin schon da!“  Der Nachweis, dass man durch diese Umverteilung – mit vertretbarem Ressourceneinsatz! – all die sogenannten Distanzierten erreicht, steht noch aus und scheint schon allein  angesichts der Kirchenentwicklung der letzten 30 Jahre nicht zu erbringen.

Der versierte Gärtner neigt deshalb dazu, nicht nur ein Apfelbäumchen zu pflanzen, sondern zur Sicherheit gleich noch ein paar Kisten Äpfel dazu zu ordern, um bei der Ernte gut da zu stehen und nichts „dem Zufall“ oder sollte ich besser sagen „dem lieben Gott“ zu überlassen.

„Oberhalb“ der Gemeindeebene scheut man keinen Aufwand, um den Misserfolg strategisch auszuschließen. Am verschwenderischen Ressourceneinsatz für kirchliche Prestigeprojekte und deren mediale Vermarktung ließe sich das vielfach nachweisen. Dabei werden oft gar keine konkreten Ziele benannt. So kann man sie nicht verfehlen. Für „Visionen“ muss man eben auch einmal „Geld in die Hand nehmen“, heißt es dann gerne. Mit diesen Ressourcen werden im schlimmsten Fall auch noch Imagekampagnen mit identitärem Beigeschmack finanziert. Dann schaut z.B. Jahre lang von jeder kirchlichen Handreichung ein irritierend deutscher, schwarz-rot-goldener Luther herunter. Eine Kirchenleitung, die dergestalt auf die medial vermittelbare Corporate Identity setzt, hat vor der Sperrigkeit und Komplexität der eigenen Botschaft längst kapituliert. Aber wehe, man würde sich das sparen und jede Gemeinde auf ihre Art der Reformation gedenken lassen.

Im Gegenzug nimmt man hässliche Begleiterscheinungen in Kauf: Bei seit Jahren stetig steigenden Steuereinnahmen setzen viele Gemeinden, weil sie unter ständigen Sparzwang gestellt werden, gerade bei den Kasualien ihren Service herunter und die Gebühren hoch. Anderes Beispiel: Für eine Gemeinde wie unsere mit fast 4000 Seelen (das sind anteilig deutlich über eine Million an erbrachten Kirchensteuern), sieht die magere Schlüsselzuweisung einfach keine Stunden für hauptamtliche Jugendarbeit vor. Das ist sehr schmerzlich für uns, weil wir viele Jugendliche haben, die sich gerne engagieren. Nun kann eine Gemeinde mit gutem Grund einfach auf die Dekanatsebene oder die nächstgelegene Jugendkirche verweisen und viele tun das auch. Manchmal fragt vielleicht noch jemand leise, ob die bayrische Landeskirche wirklich diesen oder jenen Beauftragten braucht und wie sie damit die Milieuverengung aufbrechen will. Aber die meisten schweigen, um nicht als „unsachlich“ zu gelten. Wenn die Jugendlichen auf der Dekanatsebene nicht ankommen, machen die klugen „Gärtner“ auf ein „Vernetzungsproblem“ aufmerksam. Früher wären viele Kollegen daraufhin noch Mitglied einer Arbeitsgruppe geworden, die sich mit diesem Problem beschäftigt.

Nach einschlägigen Erfahrungen zucken inzwischen die meisten nur noch bedauernd die Schultern. Das Ergebnis: Verantwortung versickert! Nach Bauman ist auch dies ein typischer Mechanismus einer rational-technisierten Moderne.

Um der finanziellen Austrocknung abzuhelfen, schicken die „Gärtner“ Fundraising- beauftragte, die dafür sorgen, dass Gemeinden von nun an bei allem, was sie tun, stets zuerst und zuletzt um mehr Geld bitten. Dann werden z.B. Kirchgeldbriefe verschickt mit dem Verweis, dass dieses Geld „direkt den Gemeinden zu Gute komme“. Distanziertere fragen sich da, was denn bitte mit der Kirchensteuer selbst geschieht. Werbeaktionen werden gestartet, für die natürlich auch die Gemeindepfarrerin als „Gesicht“ der Gemeinde zusätzlich Zeit und Energie aufbringen muss. Immer mehr „guten Ideen“ flattern in die Pfarrämter, während die Ressourcen zur Umsetzung verschwinden. So gliedert die finanzielle Abhängigkeit Gemeinden ein in die funktionale Dynamik der Organisation. Gemeinden werden zu Filialen einer religiösen Organisation mit einem grandiosen finanziellen Appetit. Der „Gärtner“ lobt die Kreativität in der Finanzbeschaffung vor Ort, schaut nebenher aus nach den besten Lehrlingen für eine Gartenbaukarriere. Von innen gesehen ist das schön.  Nur von außen betrachtet scheint das Wasser in diesem Garten immer schneller zu versickern. Wenn die Kirchensteuerzahlerin zusammen mit dem – schön gestalteten – Kirchgeldbrief die Zeitungsnachricht von kirchlichen Rekordeinnahmen auf dem Tisch hat, drängt sich ihr der Eindruck auf, dass hier die Gier zur rational-technisierten Grundhaltung geworden ist. In vielen Gesprächen gerade mit den Distanzierten und den Nicht-Mitgliedern, sehe ich mich als Gemeindepfarrer immer öfter herausgefordert, mich genau dafür zu rechtfertigen. Eine der Kirche verbundene Bekannte holte auf Wunsch ihrer kranken Schwiegereltern einen Kollegen für ein Krankenabendmahl. Er kam, tat seine Arbeit und beim Gehen drückte sie ihm ein Kuvert mit 20 Euro in die Hand. Er schaute hinein und merkte an, dass dieser Service eigentlich 50 Euro koste. Sie gab ihm die fehlenden 30 Euro und trat am nächsten Tag aus. Solche „Kreativität“ in der Finanzbeschaffung spricht sich  auch so herum. Da brauchen wir nicht einmal eine „best-practice“ – Kampagne.

Wer den Gemeinden bei steigenden Einnahmen seit Jahren immer mehr Mittel vorenthält, treibt sie in Sorge und Aktionismus und damit in die Unglaubwürdigkeit und Distanz zu den Mitgliedern. Die Fixierung auf den Selbsterhalt im Verbund mit der ständig präsenten Mitgliedschaftsfrage führt nicht in die Nähe, sondern in immer größere Ferne zu den Menschen. Die Botschaft von Gottes Hingabe am Kreuz, die jeder Angst und Sorge um den Selbsterhalt grundlegend widerspricht und die vor Ort in Verkündigung, Unterricht,  Seelsorge und Feier gelebt werden muss, ist immer noch vielen Menschen ihre  Kirchensteuer wert. Weniger binnenkirchlich, sondern aus der Distanz betrachtet, wird diese Botschaft angesichts der gezeichneten Fehlentwicklung immer mehr zum Zeugnis gegen die Kirche selbst.

Bauman sieht die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts nicht nur als Störfälle der Moderne. Sie sind vielmehr auch Folge ihrer rational-technisierten und funktionalistischen Tendenzen. Seine Analyse zielt darauf, dass auch ein repräsentatives, demokratisches  System vor diesen Tendenzen nicht gefeit ist. Hier liegen m.E. wichtige kritische Impulse für die Kirchentwicklung. Dabei geht es nicht um die Idealisierung von Kirchengemeinden, sehr wohl aber um die Stärkung ihrer Selbstverwaltung und Eigenverantwortung und gegen ihre funktionale Entmündigung über den finanziellen und personalplanerischen Hebel. Es wird gerne betont, dass funktionaler und parochialer Dienst, Gesamtkirche und Kirchengemeinde, nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Genau das geschieht aber seit Jahren zum Nachteil der Parochie. Deshalb ist die weder theologisch noch empirisch zu rechtfertigende finanzielle Benachteiligung der Ortsgemeinden aus den letzten Jahrzehnten zu korrigieren.

Gerade in ihrer Diversität sichern Gemeinden sozialen und kulturellen Pluralismus in der Kirche und der Gesellschaft. Sie sind in aller menschlichen Bedingtheit die soziale Gestalt, inmitten derer die Botschaft konkret und plausibel, aber auch befragbar und gestaltbar ist. Seit fast 10 Jahren macht der „Aufbruch Gemeinde“ und der daraus entstandene „Gemeindebund“ auf die Fehlentwicklung in unserer Kirche aufmerksam. Dafür mussten sich die Kritikerinnen und Kritiker oft als „Nestbeschmutzer“ bezeichnen lassen. Das passt nun wieder zum Thema Garten. In einer Kirche, die sich als Garten Gottes versteht, könnte offene Kritik ja der Dünger sein!

Hans-Ulrich Pschierer, Pfarrer in Fürth,
V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern
Im Sprecherkreis „Gemeindebund Bayern – Aufbruch Gemeinde“

Der Newsletter als PDF

Profil und Konzentration (PuK) – Anmerkungen zum neuen Reformprozess in der ELKB

Von Corinna Hektor
1. Vorsitzende des Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins in der ELKB

Die Kirche braucht eine Reformation. Diese Reformation ist aber nicht die Angelegenheit nur des Papstes noch der Kardinale. Es ist eine Angelegenheit der ganzen Christenheit, oder besser, Gottes allein. Nur er weiß die Stunde der Reformation. M. Luther

Was verbirgt sich nun eigentlich hinter PuK, werde ich immer wieder gefragt. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Auf alle Fälle eine Menge Begeisterung, große Aufbruchsstimmung und die Hoffnung, damit alles zurückzulassen, was gerade Probleme, Ärger und Arbeit verursacht. Das ist schön zu sehen. Schwierig wird es, wenn man nachfragt, wohin es eigentlich gehen soll.

Näher zu den Menschen, aber in Räumen, viel größer gedacht als die bisherigen Gemeinden, in der Fläche bleiben, mit Zielgruppengemeinden und ganz neue Formen, Raum für Experimente und Umgestaltung, es gibt viel zu entdecken. PuK ist hier sehr sehr offen – für fast alles. Das hat eine Menge Charme, da findet jeder etwas. Sobald man an die Umsetzung denkt, stellen sich allerdings viele Fragen. Wer entscheidet künftig, was ein Raum ist und wer in diesem Raum welche Rolle und welche Aufgabe hat? Wie vertragen sich bisherige Strukturen und Regeln mit der neuen Freiheit?

Als Pfarrvertretung hatten wir bislang wenig Möglichkeiten, uns ausführlich mit dem Papier zu befassen. Wir waren ja in die Entstehung nicht einbezogen und die Sondersitzung der Pfarrerkommission steht noch aus. Einige wichtige Punkte aus unserer bisherigen Diskussion kann ich aber bereits nennen:

Wir haben kein Erkenntnisproblem, sagt das PuK-Papier, sondern ein Umsetzungsproblem. Stimmt. Eigentlich hätten wir es besser wissen können. Mitgliedschaftsstudien, H. Lindners Untersuchungen zur Beteiligung an Kirchenvorstandswahlen, die Zahlen zum Gottesdienstbesuch, Negativ-Beispiele aus anderen Landeskirchen und die florierende Arbeit so mancher Freikirche – sie alle zeigen: überschaubare, kleine Einheiten funktionieren am besten. Soziologische Literatur stützt diese Erfahrung wissenschaftlich. Auch große Gemeinden haben kaum mehr als 200 ehrenamtlich Mitarbeitende. Das ist die Grenze der Überschaubarkeit und der Möglichkeit, Kontakte zu pflegen. Und das zeigt sich auch in anderen Bereichen. So entsprach der Gottesdienstbesuch meiner knapp über 2000 Seelen großen Gemeinde in etwa dem einer großen Münchner Innenstadtgemeinde.

Es wäre darum gut gewesen, bei Überlegungen für die Zukunft der Volkskirche die für teuer Geld im Auftrag der EKD erstellte Studie einzubeziehen als Momentaufnahme von Erwartungen, Haltung und Bindungsverhalten unserer Mitglieder. Erst recht da, wo sie über die Jahrzehnte Kontinuität zeigt: bei den zentralen Erwartungen und der ebenso zentralen Rolle des Pfarrers / der Pfarrerin. Sicher: Empirie ist nicht alles, aber eine Strategie, die nur von den persönlichen Einschätzungen der Mitglieder der Projektgruppe und deren Gemeinde- und Leitungserfahrung lebt, auch nicht.

Der in der Vision einer Kirche der Zukunft vorausgesetzte Abschied von der Volkskirche erscheint mir jedenfalls voreilig. Da gebe ich E. Herms recht, wenn er schreibt: Nichts verrät größere Unkenntnis vom Wesen und Auftrag der Kirche, als wenn schwindende Mitgliederzahlen zum Anlass von Gedanken über das Ende der Volkskirche werden. Für mich definiert sie sich weniger über Prozentzahlen als in einer Haltung als Kirche für das Volk. Und was wäre die Alternative?

Zudem habe ich einige Anfragen an das Bild des ewigen Aufbruchs. ‚Semper reformanda‘  ist ja kein Slogan der Reformation, sondern des 20. Jahrhunderts. J. H. Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD, sagt „Wer je in irgendeiner Institution Verantwortung getragen hat, weiß, welche administrative, gedankliche und körperliche Anstrengung es kostet, gute Dinge zu bewahren und Normalität am Leben zu erhalten. Vielleicht reden deshalb viele Verantwortungsträger lieber davon „Zukunft zu gestalten“, irgendendetwas „zukunftsfähig zu machen“ und was der hässlichen Floskeln mehr ist. Eine halbwegs gelingende Normalität, ein geregelter Ablauf ohne Not und Grauen, eine verlässliche Herrschaft des Rechts, eine gute Ordnung – das wäre schon ziemlich viel.“ Auch das keine neue Erkenntnis – aber eine wichtige. Normalität ist ein Segen.

Luther hat sich gegen alle Schwärmer gewandt, der Täuferrepublik ebenso misstraut wie den Bilderstürmen und der Eventkirche seiner Zeit: den Auftritten des populären Predigers Tetzel. Er wollte eine Veränderung, weg von dem, was damals bestens funktionierte: eine gute Show, Erlösung gegen Cash, weg von vollen Marktplätzen und gut gefüllten Kirchen. Zurück zu dem, was wesentlich ist. Wort und Sakrament. Und gut. Auf Ordnungen und Strukturen hat er dennoch nicht verzichtet. Die Parochie ebenso geschätzt wie die Unabhängigkeit der Verkündigung und eine wohlbegründete Streitkultur.

Ohne Verstand, Weisheit und Gesetze können weder Türken noch Tataren leben und haushalten. M. Luther

Strukturen sind das, was entsteht, wenn etwas größer wird und länger andauert – was wir bei Kirche ja auch für die Zukunft hoffen. Sie sortieren und vereinfachen, wenn sie gut sind. Ihre Karikatur heißt Bürokratie. Die kennen wir auch. Daran muss man arbeiten, denn ich will bestimmt nicht behaupten, dass an unseren Abläufen  und Strukturen alles ideal ist. Aber auch in Veränderungen brauchen wir Nüchternheit, langen Atem, Klarheit und Verfahrenssicherheit. Wenn PuK umgesetzt wird, werden sich wohl neue Handlungs- und Entscheidungsebenen profilieren. Die mittlere Ebene wird viel stärker werden. Das hat den Vorteil, dass deutlich schneller und unabhängiger entschieden werden kann; wenn es gut geht passend zur Situation am Ort. Es birgt aber auch die Gefahr, dass damit ohne die Kontrolle einer zentralen Regelung und starken Gemeinden mit festen Stellen DekanInnen und Dekanatsausschüsse entscheiden. In Hannover sind so sehr eigenständige Kirchenkreise entstanden, regelrechte Fürstentümer. Diese Form der Machtkonzentration auf der mittleren Ebene schafft große persönliche Abhängigkeiten.

Aufgefallen ist mir auch, dass bei allem Wunsch nach Neuland gleichzeitig die Präsenz und die Angebote in der Fläche bewahrt werden sollen. Das verspricht mehr und Besseres in größeren Dimensionen und mit weniger Menschen. Aber Arbeitskraft, die in neue Formen gesteckt wird, kann nicht gleichzeitig in das fließen, was auch erhalten werden soll. Und neue Projekte, die gleichzeitig das bewältigen sollen, was bisher als Parochie am Ort war, werden nicht genug Luft haben für beides. Der durchgehende Ton einer Abwertung von Ortsgemeinde und bestehenden Formen lässt da eine Richtung vermuten, das Problem löst er nicht. Gleichzeitig wissen wir, dass die Autoren recht haben, wenn sie konstatieren, dass es nicht einfach so weitergehen kann, weil uns die Ressourcen ausgehen, vor allem die Menschen, die die Arbeit tragen sollen.

Dieses Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden. Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Kein Wesen, sondern ein Werden. Keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht; werden es aber. M. Luther

Aus der Projektgruppe war zu hören, es soll nun ein Diskussionsprozess in den Dekanaten und Gemeinde beginnen. Allerdings soll nicht die Strategie diskutiert werden, sondern deren Umsetzung. Wie die Diskussionsbeiträge oder Ergebnisse dann von wem weiterbearbeitet werden sollen, habe ich leider nicht heraushören können. Insgesamt ist offenbar noch vieles im Fluss. Auch im Papier selbst. „Kirchentheoretisch unterkomplex“ hat es ein Vertreter der Fakultäten in der Diskussion genannt. Das erinnert an seinen geistigen Vorgänger „Kirche der Freiheit“, das man in Bayern mit guten Gründen nicht adaptierte und auf EKD-Ebene heute so auch nicht mehr machen würde – ebenso wie der Reflex, Kritik mit dem Hinweis zu begegnen, es sei ja nur ein Impuls – und gleichzeitig den Anspruch zu erheben eine umsetzbare Strategie entwickelt zu haben.

Ist das Papier eine Strategie, kann man es auf seine Umsetzbarkeit hin befragen. Wenn es nur ein Impuls ist, sollte das  ausgefeilte Konzept noch folgen oder in der angestoßenen Diskussion erst entstehen. Dafür liefert PuK eine Menge Stoff. Doch wer so in den Wald hineinruft, sollte damit rechnen, dass er Antwort bekommt – und dass sich die Erstellung einen Konzeptes noch eine Weile hinzieht. Denn Erfahrungen, Fragen und Einschätzungen werden weit auseinandergehen. Wie nötig ist z.B. eine wenigstens formale Abdeckung in der Fläche und wie essentiell gute Arbeits- und Existenzbedingungen für Gemeinden, Arbeitsbereiche und Mitarbeitende andererseits – notfalls auf Kosten der Fläche? Auch die Frage, wieviel Einheit und wieviel Verschiedenheit diese Kirche braucht und aushält, wird sich nicht auf die Schnelle beantworten lassen.

Gleichzeitig wird mit dem Prozess aber bereits der Aufbruch in eine neue Zeit ausgerufen. „Hier schreibt die Synodalpräsidentin“ ist im Rothenburger Sonntagsblatt zum Synodenbeginn zu lesen. Von der Rhetorik und den Bildern, die sie heraufbeschwört, will ich gar nicht reden. Dass aber bereits vor Diskussion und Beschluss in der Synode und vor einer Veröffentlichung der Ergebnisse alle eventuellen Kritiker als ewig gestrige, Unken und ihr Platz in der Kirche als Sumpf diffamiert werden, verrät eine Menge über Diskussionskultur und Selbstverständnis. Nur zwei Bemerkungen: Es stimmt mich immer misstrauisch, wenn Kritik grundsätzlich ausgeschlossen wird. Mit welchen Bildern auch immer. Wer die Kritiker dabei Echoräumen zuweist, sollte sich aber bewusst sein, dass  gerade so eine Haltung einen Echoraum ausmacht. Und wer die biblischen Bilder vom Aufbruch aus Ägypten bemüht, sollte nachlesen, was nach der Euphorie des „jetzt geht‘s los“ in der Bibel kommt: 40 Jahre Wüste!

Wer gestalten will, braucht einen langen Atem und Geduld. Und wer es innerkirchlich tut, hat dienende Funktion und steht nicht über den Strukturen – auch wenn das manchmal nervt und immer verlangsamt. So ungeduldig ich auch bin, ich habe gelernt als Chance zu sehen, dass Dinge gut bedacht werden, Kritik gewälzt, Probleme erkannt und anerkannt, manches gebessert wird und anderes sehenden Auges in Kauf genommen. Übergänge müssen gestaltet werden, nicht nur verkündet. Wege geklärt werden. Und für alle, die Verantwortung oder gar ihren Beruf und ihr Auskommen in der Kirche haben, muss klar sein, was sie erwarten können – und  wie sie ihr Expertenwissen einbringen können.

Ich kann nur sagen: lesen Sie selbst – am besten beides und die leider sträflich vernachlässigte Mitgliedschaftsuntersuchung auch! Im Intranet finden sich die Einbringungsrede und die beschlossenen 5 Punkte und nach einem Gespräch mit dem Planungsbeauftragten erfreulicherweise auch wieder die überarbeitete Vorlage 3 (Stand 19.5.2017). Schön, dass das so schnell geklappt hat. Schade allerdings, dass der Text so gut versteckt ist. Er steht unter Landessynode bei den Dokumenten unter https://www2.elkb.de/intranet/node/13308  (Passwort erforderlich). Damit wird hoffentlich künftig auch auf Dekanatssynoden und in Pfarrkapiteln das Projekt mit allen nötigen Unterlagen dargestellt. Bisher wurden leider oft die Papiere nur in Auswahl zitiert, nachlesen war nicht vorgesehen. Die Diskussion fördert das nicht.

Unklar ist auch, welche Rolle dabei eigentlich die Finanzen spielen. Ich hatte mich sehr gefreut zu hören, dass nach Zielen und Theologie gefragt werden soll, nicht nach Einsparmöglichkeiten. Gleichzeitig erlebe ich aber, dass die Diskussionen sehr unter dem Diktat des Sparens stehen. Fakt ist: Wir haben gute Einnahmen. Wie in den vergangenen Jahren auch. Aber es ist damit zu rechnen, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Darum beschränkt die Synode das Haushaltsvolumen über die Vorsteuerung.

In früheren Jahren hat man stattdessen mit zweckbestimmten Rücklagen und Fonds dafür sorgen wollen, dass der Geldsegen von heute die Kirche auch in Zukunft erhält. FSGtheol., Kirchensanierungsfonds, Pfarrhaussanierungsfonds. Davon ist wenig geblieben. Es gibt ja keine Rücklagen mehr. Aber gewirkt haben sie doch. Nicht nur was saniert werden konnte ist ein Segen, sondern auch das Finanzierungssicherungsgesetz – obwohl das Geld kaum verbraucht wurde. Es war ein Signal an den Nachwuchs, dass man Stellen haushaltsunabhängig absichern wollte. Wir brauchen euch – und ihr seid uns etwas wert. Das war gut und es hat gewirkt. Solche Signale wünsche ich mir auch heute. Investitionen für die Zukunft. Denn Investitionen sind es, die Zukunft ermöglichen. Wer dagegen den Eindruck vermittelt, wir hätten kein Geld mehr, macht depressiv – und wirkt angesichts der Kirchensteuereinnahmen unglaubwürdig. Beides hilft uns nicht weiter.

So oder so wird der Prozess im Konzert der aktuell laufenden großen Prozesse und Projekte der Landeskirche Folgen haben, in all seiner Offenheit und Diversität – und hoffentlich auch mit seiner Begeisterung. Landesstellenplanung, Verwaltungsreform, Assistenz im Pfarramt, Miteinander der Berufsgruppen, Pfarrbildprozess, die Umstrukturierung des PSZ, Vorsteuerung und Sparanstrengungen, große Gesetzesvorhaben, um nur einige zu nennen, sie alle binden Kraft und setzen Fakten – oder um in der Sprache von PuK zu bleiben – Strukturen. Ich bin gespannt, was da wem diktieren wird, wo es lang geht auf dem Weg durch die Wüste.“

Lesen Sie hier den gesamten Frühjahrsbericht der 1. Vorsitzenden des Pfarrervereins aus dem KorrBl. 6/2017, S. 93ff.:
http://www.pfarrverein-bayern.de/ablage/kblatt-1706.pdf

 

 

Volkskirche sein in Gemeinde und landesweitem Dienst

Von Prof. Dr. Klaus Raschzok

Lehrstuhlinhaber für Praktische Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau und Vorsitzender des Grundfragenausschusses der Landessynode der ELKB

„Entscheidend für eine zukünftige Landesstellenplanung ist die Arbeit an einer Bewusstseinsveränderung: Sie hat auf die Wahrnehmbarkeit der gesamten Volkskirche in der Ortskirchengemeinde zu zielen, auch und gerade im Sinne der Verantwortung. Dazu darf sich die Ortskirchengemeinde jedoch nicht mehr ausschließlich von der Gemeindekirchlichkeit her verstehen. Zugleich steht auf landeskirchlicher Ebene die Zurücknahme des organisationalen Verständnisses der Kirche zugunsten einer Dienstleistungsorganisation für die zu einer Landeskirche zusammengeschlossenen Ortskirchengemeinden wie Funktionsgemeinden an. Daher ist die Forderung, zukünftig noch mehr finanzielle Mitteln in die Hand der Ortskirchengemeinden zu geben, durch die Arbeit an der Haltung den Geldmitteln gegenüber in der Landessynode zu ersetzen. Es handelt sich immer um anvertrautes Geld der Ortskirchengemeinden, das weitgehend von diesen erwirtschaftet worden ist und im Umgang einer Haltung der Achtung und des Respektes bedarf.

Daher nochmals meine  zentrale These: Dem Pfarrberuf ist die (gesamte) Volkskirche anvertraut, nicht nur die Gemeindekirche. Damit trägt der Kirchenvorstand vor Ort über die Schlüsselstellung des Pfarrberufs für die Volkskirche zugleich auch eine weit über die Gemeindekirche hinausreichende Verantwortung. Dem Kirchenvorstand ist zugleich auch die Sorge für die Volkskirche anvertraut. Dies ist vielen kirchlich Engagierten in keiner Weise bewusst. Ebenso wenig nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer diese Verantwortung wahr, weil auch ihnen ihre eigene volkskirchliche Rolle überhaupt nicht bewusst ist und sie ihre volkskirchlichen Aufgaben zum Teil eher als Last und Abhaltung vom gemeindekirchlichen Arbeitsbereich empfinden. Oder: Sie diese aufgrund ihrer gemeindekirchlichen Frömmigkeitsprägung verdrängen. Eine sinnvolle Verhältnisbestimmung von pastoralem parochialen und übergemeindlichem Dienst hat daher bei der Ortskirchengemeinde im volkskirchlichen Verständnis  anzusetzen und ist konsequent an die Ortskirchengemeinde zurückzubinden.

Ein abschließender prüfender Blick in die Verfassung der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern bestätigt meine These, dass eine sachgerechte Verhältnisbestimmung von parochialem und übergemeindlichem Dienst nur vom Verständnis der Ortsgemeinde aus als der grundlegenden Organisationsform der gegenwärtigen Volkskirche möglich ist. Die Kirchenverfassung definiert die Kirchengemeinde als Verwirklichung der gesamten Kirche vor Ort, ordnet bewusst die Einrichtungen und Dienste den Kirchengemeinden zu, betont die Verantwortung der Pfarrerinnen und Pfarrer für die Einheit der Gemeinde wie der Kirche und legt dem Pfarrberuf damit die Verpflichtung auf, die wechselseitige Zusammenarbeit der Kirchenmitglieder und kirchlichen Dienste zu fördern.“

Lesen Sie hier beide Teile seiner Überlegungen im KorrBl. Nr. 5 und 6/ 2017:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kblatt-1706raschzok.pdf

„… und dafür braucht es Gemeinden“ – Neue Erkenntnisse aus Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft.

Von Prof. Dr. Gerhard Wegner
Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD
Mitglied im wissenschaftlichen Beirat KMU V

„Die Reformation und die Kirchengemeinde – 500 Jahre einer höchst widerspruchsvollen Entwicklung. Das gilt zumindest, wenn man einen Blick auf die Entwicklung der lutherischen Kirchen wirft. Da stehen zu Beginn bei Martin Luther revolutionäre Thesen von einer Kirche, die ihre Basis in den sich selbst organisierenden, ja im Grunde genommen genossenschaftlich organisierten, Kirchengemeinden hat. In denen sich die Menschen als Priester und Priesterinnen ihresgleichen versammeln und einen oder eine der ihren damit beauftragen, kontinuierlich das Evangelium auszulegen und die Sakramente zu spenden. Keine heilige Hierarchie und kein sakraler Überbau mehr. Die Bauern forderten gar, dass sie ihre Pastoren selbst wählen könnten. Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen mit Gott. Es waren genau diese Gedanken, die Luther im Volk äußerst populär machten und zumindest in den ersten Jahren aus der Reformation eine wirkliche Volksbewegung erwachsen ließen.

Aber dann kamen ganz andere Entwicklungen. Nüchtern gesagt: die Kirche wurde verstaatlicht. Kein Vertrauen mehr in die Basis. Landesherren übernehmen die Kirche in ihre Obhut, bereichern sich dabei an den Kirchengütern und stehen nun selbst an der Spitze der Kirche, die etwas verkündigen soll was durchaus in Distanz zu staatlicher Gewalt steht: das Reich Gottes. Spätestens mit der Abkehr von den Bauern 1525 – unter Legitimierung ihrer Abschlachtung – ist die Reformation keine Volksbewegung mehr. Seitdem ist eine Kirchengemeinde zumindest immer auch eine abhängige Filiale; in der Wahrnehmung vieler gesteuert „von denen da oben“. Viele Entwicklungen hat es gegeben in den fünfhundert Jahren. Aber eines unser Probleme bleibt, dass das „Oben und Unten“ immer noch vielfach so erlebt wird – obwohl das niemand mehr so will. Der Kraft, die möglicherweise in einer „genossenschaftlichen“ Organisation der Kirche vor Ort steckt, wird nicht vertraut. Im Gegenteil! Oder ändert sich das gerade in Bayern?

Die widersprüchliche Dynamik von Kirche und Kirchengemeinde

Nun kann man diese Entwicklungen kontrovers diskutieren: man kann sie kritisieren, man kann sie legitimieren, man kann sie für unvermeidlich halten. Was aber unbestritten ist: seit Beginn unterliegt unsere Kirche – und zwar insbesondere die Situation der Gemeinden – einer widersprüchlichen und höchst ambivalenten Dynamik. Da steht auf der einen Seite der aus dem Priestertum aller Gläubigen erwachsene Anspruch auf sozusagen „selbstwirksame“ Kirchenmitglieder, der sich in einer entsprechend funktionierenden Gemeinde ausdrückt. Er hat sich in dieser Form in besonderer Deutlichkeit sicherlich eher nicht in den lutherischen, sondern in den reformierten Kirchen verwirklicht. Auf der anderen Seite wirkt sich aber das staatskirchliche Erbe unserer Kirche bis heute aus. Es steht für eine 400-jährige Tradition einer betonten ‚Verwaltung‘ der christlichen Religion; in der sie selbst letztlich quasi als Teil des staatlichen Handelns erfahren worden ist. Sie lebt vor allem in der letztlich anstaltlichen, parochialen Gemeindetradition Mittel und Nordeuropa weiterhin fort. Und sie führt bis heute dazu, dass die Kirchengemeinden faktisch immer wieder an den Rand der Aufmerksamkeit der Kirche rücken, denn das organisationsentscheidende Zentrum liegt in den nach wie vor quasi parastaatlich organisierten Synoden und hierarchisch wirkenden Amtsstrukturen.

Zwar betont unsere Kirche immer wieder, dass ihr Zentrum natürlich in den Gemeinden läge (wobei der Begriff auch nicht selten komplett vergeistigt wird). Gleichzeitig aber bildet sich spätestens mit den ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen ein prägender Mythos heraus, demgemäß die realen Kirchengemeinden eigentlich eine Verfallsform des Christlichen seien. In ihnen würden sich nur mehr Restbestände der Mitgliedschaft finden, die eigentlich  längst aus der Gesellschaft ausgewandert seien. Viel spannender seien jene vielen Christen, die sich nicht an ihnen beteiligen würden – die ‚Distanzierten‘ – wobei seltsamerweise die Menschen in den Gemeinden aber genau jene sind, die sich der Kirche und dem christlichen Glauben am stärksten verbunden fühlen. Diese aber, so meint man, würden sich nur mit sich selbst beschäftigen. Und genau dies sei, so die weitverbreitete These, einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und der religiösen Kommunikation in der Gesellschaft. Das alles wird immer wieder penetrant behauptet – und daraus werden organisatorische Konsequenzen gezogen, die sich seit der „Kirche der Freiheit“ letztlich in eine Reduktion der Ressourcen, die den Kirchengemeinden zur Verfügung gestellt werden, umsetzen sollen. Untersucht worden ist hingegen die Lage in den Kirchengemeinden in den letzten 50 Jahren so gut wie nicht. So ist es wirklich erstaunlich: Statt einmal genau hinzuschauen, was die der Kirche treu Verbundenen und sich religiös Engagierenden tatsächlich denken und tun, richtet sich das Augenmerk vieler Kirchenleitungen – und zwar je stärker die Krise offensichtlich wird, umso deutlicher – eher auf die anderen: auf die, die sich in Distanz zur Kirche befinden. Als wären die einen von den anderen völlig getrennt. Diese Situation lässt sich bestenfalls als paradox beschreiben – ebenso paradox wie es die Geschichte der Kirchen und ihrer Gemeinden seit 500 Jahren ist. Von diesen 500 Jahren sind zumindest die letzten 150 Jahre als ein beständiges Schwanken zwischen einer sich emanzipierenden Welt der Kirchengemeinden und den Steuerungsansprüchen der Kirchenleitungen beschreibbar.

Die neueren Entwicklungen, die nunmehr quer durch Deutschland das Schwergewicht der Ressourcen auf die mittleren Kirchenebenen legen und damit die Gefahr heraufführen, dass die Gemeinden faktisch weiter marginalisiert werden, werden durch die Vorstellung der Möglichkeit neuerer Gemeindeformen jenseits der Parochie legitimiert. Tatsächlich aber geht es hier oft genug, so meine These, nicht wirklich um die Bildung sich selbst organisierender Gemeinden, sondern um die Bereitstellung religiöser und sonstiger Dienstleistungen, die sich an die unter den distanzierten Christenmenschen vermuteten religiösen und sozialen Konsumentenwünschen orientieren. Natürlich kann man – und muss man – diese Vorstellungen im Blick auf eine Stabilisierung der Kirchenmitgliedschaft unter jenen, die sich mit Gedanken an Austritt tragen, diskutieren. Und natürlich wird man auch nicht behaupten können, dass die Kirchengemeinden, wie sie sich heute darstellen, allesamt nur strahlende Perlen einer christlich religiösen Massenkultur wären. Die Kirchengemeinden tragen selbst zum Rückgang der Kirchlichkeit und der religiösen Kommunikation ohne Zweifel Entscheidendes bei. Sie tun dies genauso, wie es Pastorinnen und Pastoren als zentrale Repräsentanten der evangelischen Kirchen tun. Wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen kritisch in den Blick nimmt, dann also auf keinen Fall mit restaurativen Absichten. Die Krise der Kirche muss ernsthaft in den Blick genommen werden; wir stecken mit Leib und Seele fest in einer Institution, die sich im Bedeutungsrückgang befindet. Aber ob der Abzug von Ressourcen, statt einer entschlossenen Zuwendung zu den Kirchengemeinden und ihrer Stärkung, der richtige Weg ist, scheint mir ausgesprochen zweifelhaft zu sein.

(…)

Es ist nun erstaunlich, dass sich die neueste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung – wenn auch wider Willen – deutlich von der Tradition ihrer Vorgängerinnen abgewendet hat und sich im Auswertungsband (‚Vernetzte Vielfalt‘) deutlich der Bedeutung der Kirchengemeinden zugewendet hat. Hier überrascht vor allen Dingen eine Zahl, die interessanterweise in der Auswertung zunächst übersehen worden ist: so fühlen sich 45 % der Kirchenmitglieder ihrer Ortsgemeinde sehr und ziemlich verbunden und ebenso etwa 44 % der evangelischen Kirche insgesamt. Die Landeskirchen, andere evangelisch diakonische Einrichtungen fallen demgegenüber  weit ab. Nähere Berechnungen haben ergeben, dass zwischen den Verbundenen mit der Ortsgemeinde und denen mit der evangelischen Kirche insgesamt keine Differenzen bestehen: es sind dieselben Menschen. Das lässt nur die eine Schlussfolgerung zu, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche insgesamt gleichzusetzen ist. Und umgekehrt: wer sich der Ortsgemeinde verbunden fühlt, fühlt sich in der Regel auch der evangelischen Kirche generell verbunden. Ja, die starke Verbundenheit (sehr verbunden) liegt bei der Gemeinde mit 22% noch höher als bei der Kirche insgesamt mit 15%.

Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft. Die seit vielen Jahrzehnten gepflegte Vorstellung von der Existenz einer großen Gruppe von Evangelischen, die sich der evangelischen Kirche als solcher verbunden fühlen, aber zu den Kirchengemeinden aufgrund deren randständiger Existenz Abstand halten würde, ist mit diesen Zahlen widerlegt. Und hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt: die Vorstellung davon, dass sich die Kirchenmitglieder in eine kleine Gruppe Hochverbundener und Hochreligiöser von bis zu 15% und dem großen Rest kirchlich Distanzierter aufteilen ließen stimmt so nicht. Tatsächlich sieht es sehr viel differenzierter aus. Es gibt etwa 15% stark Verbundene, von denen große Teile in den Kirchengemeinden auch aktiv sind.

Aber dann gibt es einen – wie ich es nennen möchte – „Resonanzraum“ um die zentrale Gemeinschaft in der Kirchengemeinden herum von insgesamt etwa 45% der Mitglieder, die prinzipiell das entscheidende Potenzial für eine kirchliche Kommunikation darstellen. Des weiteren wird man dann wahrscheinlich von weiteren etwa 45% distanzierten Kirchenmitgliedern und 10% kurz vor dem Austritt Stehenden sprechen können. Das Kommunikationsfeld ist also wesentlich differenzierter, als viele denken und es ist, zumindest was die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Kommunikation anbetrifft, stark an die Kirchengemeinden angebunden. 45%: das sind aber etwa 10 Millionen Menschen, die sich über die Kirchengemeinde der Kirche insgesamt verbunden fühlen. Diese Gruppe stellt das zentrale Feld von denjenigen Menschen dar, unter denen sich relativ verlässlich Resonanzen auf die Kommunikation der evangelischen Kirche erwarten lassen. Sucht man nach kommunikativen Potenzialen, so liegen sie in diesem Feld, und nicht unter den Distanzierten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem KorrBl. Nr. 6/2017, S. 107 ff.:
http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kblatt-1706wegner.pdf

Angst und Verantwortung – Newsletter Mai 2017

Von Matthias Ewelt

Die Überschrift lässt viele, die den Anliegen von „Aufbruch Gemeinde“ nahestehen oder sich im Gemeindebund engagieren, erst einmal schmunzeln. Fürchten muss sich nun vor  unserem kleinen Haufen niemand in der großen Kirche. Zu wenige sind wir, zu wenig Einfluss können wir nehmen. Allerdings gibt es einen Hintergrund zu dieser Frage: Muss man Angst vor dem Gemeindebund haben?

Pfarrerinnen und Pfarrer zur Anstellung erzählen uns, dass sie unsere Anliegen wichtig finden, sich aber nicht offen für uns engagieren möchten, weil sie berufliche Nachteile befürchten. Selbst aus Kirchenvorständen hören wir solche Rückmeldungen. Mehrfach berichteten Aktive des Gemeindebundes, dass sie in Bewerbungssituationen zu ihrem Engagement im Gemeindebund Stellung nehmen mussten. Wohlwollend oder neugierig erschienen ihnen die Rückfragen leider nicht.

Was kann einer Kirche Besseres passieren, als Menschen, die sich für das Wohl unserer Kirchengemeinden einsetzen? Es tut einer demokratisch verfassten Kirche gut, wenn eine Gruppe sich parteiisch für die Gemeinden – als Lobby und ohne Rücksicht auf Kompromisse und das große Ganze – einbringt. Kompromisse allein schaffen kaum Veränderungen. Wir glauben nicht, dass alles demokratische Engagement in die Synode gehört oder dort ausreicht. In welchen Systemen ist es je sinnvoll gewesen, nur ein -und zwar ein auf Interessenausgleich ausgerichtetes- Gremium allein für ausreichend zu halten, das System  als Ganzes voranzubringen?

Aufbruch Gemeinde sieht eine Entwicklung, die sich wegbewegt von der einzelnen Kirchengemeinde und der Verkündigung des Evangeliums vor Ort hin zu besagtem Großen und Ganzen. Aber seit biblischen Zeiten und unterstützt durch aktuelle Mitgliedschaftsuntersuchungen wissen wir, dass Bindung in allererster Linie da passiert, wo man lebt und wo die eigene Kirchengemeinde ist. Aktuelle Beiträge der Presse unterstützen uns bei diesem Anliegen. Eine Kirche tut sich unserer Meinung nach etwas Gutes, das nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern es zu fördern, so gut es eben geht.

In den letzten Newslettern haben wir nachgewiesen, dass allein die Verschiebung der finanziellen Ressourcen in den letzten Jahren und Jahrzehnten weg von den Gemeinden beträchtlich gewesen ist (Anstieg der Kirchensteuern: 46,7%, Anstieg der direkten Zuweisungen an die Gemeinden: 13%). Und das ist nicht aufgrund tendenziöser Zahlenauswahl oder Zahlenspielchen geschehen, sondern mit Zahlen, die uns allen zur Verfügung stehen.

Bei unseren kritischen Ansätzen kommt jedes Mal die direkte Reaktion, dass doch etwa 80% der Mittel in die Kirchengemeinden flößen, weil wir die indirekten Mittel,  wie Personalkosten und Zuweisungen zu Bauvorhaben außer Acht ließen. Dabei wird vergessen, dass unser Anliegen nicht allein den Geldfluss betrifft. Auch die Zentralisierung von Entscheidungen und Ressourcenvergaben, sowie die Stärkung aller Ebenen außer der der Gemeinden wird von uns sehr kritisch gesehen.

Kurz gesagt: über diese genannten 80% der Mittel der Gemeinden verfügt die Gemeinde nicht selbst. Sie kann kaum Verantwortung dafür übernehmen. Es gibt wenig Transparenz für diese Mittel, also für jeden Euro, der vor Ort indirekt ankommt. Ja, als Gesamtbudget schon, aber nicht heruntergebrochen auf „meine“ Gemeinde.

Übrigens, dass sich Gemeinden und deren Pfarrerinnen und Pfarrer als Bittsteller empfinden, wird häufig zurückgewiesen mit den Worten, Kirchengemeinden seien keine Bittsteller, sie seien schließlich selbst Körperschaften und auch Eigentümerinnen von Immobilien. Wir  sehen schon auch, dass wir das nicht sein müssten, denn Kirchensteuermittel stehen den Gemeinden sogar nach Kirchengesetz zu (leider nicht wie viel…).

Ob man sich als Bittsteller wahrnimmt, darüber urteilt jedoch das antragstellende Subjekt und nicht der Zahlungsgeber. Der Bittseller ist hinterher froh und dankbar, wenn er (überhaupt) etwas bekommen hat. Ein Antragsteller hingegen weiß bereits vorab, was ihm zusteht.

Anstelle von Hinweisen, dass manche Gemeinden ihre Hausaufgaben nicht machten und deshalb ihre Finanzen nicht in Ordnung seien, fänden wir ein Projekt zur Unterstützung von Kirchengemeinden bei der Konsolidierung ihrer Finanzen gut.

Dass es nun erste Signale gibt, die vor etwa 6 Jahren erstellten Gebäudekonzeptionen zu besprechen und verbindlich werden zu lassen, finden wir gut.

Den geordneten Dialog mit Gemeinden, die unter zu vielen Immobilien leiden, oder die möglicherweise auch tatsächlich die Energie nicht aufbringen können oder wollen, sich darum zu kümmern, fänden wir gut. Der Hinweis allein auf den einzuhaltenden Raumplan (also wie viele Quadratmeter kirchliche Immobilien haben dürfen) hilft vor Ort kaum etwas.

Natürlich sind weder die Hauptamtlichen noch die Ehrenamtlichen bisher im Stande, die tatsächlichen Budgets, die wir vom Gemeindebund errechnet haben, selber zu bewältigen. Ganz einfach, weil das bisher nicht erforderlich war. Für die Dekanatsbezirke Rosenheim und Pegnitz liegen uns seriöse Hochrechnungen vom Landeskirchenamt vor, wie eine Finanzierung der Gemeinden aussehen könnte, wenn tatsächlich alles Geld (bzw. die genannten 80%) vor Ort verwaltet würde (inklusive Baumittel und Personal) und 20% beim Landeskirchenamt für allgemeine  Zwecke  verbliebe.  Diese  80/20  Vorstellung  ist  wie gesagt nicht unsere, aber wir nehmen sie gerne auf. Allerdings mit deutlich mehr Verantwortung und Handlungsspielräumen auf Seiten der Gemeinden.

Grundlage unserer Überlegungen ist wie immer bei uns, dass die Einnahmen aus Kirchensteuern geteilt durch die Anzahl der Mitglieder auf die Gemeinden nach Gemeindegliederzahl verteilt werden (bzw. eben 80% davon).

Aber auch mit solch deutlich größeren Summen und mit solch deutlich größerer Verantwortung können Menschen in der Kirche lernen umzugehen. Alle Kirchen des lutherischen Weltbundes, die nicht zentral verwaltet werden, sondern ein Zusammenschluss einzelner Gemeinden sind, tun das ohnehin.

Es wäre nur eine Frage des Wollens und Begleitens.

Neustadt an der Aisch im Mai 2017
Gemeindebund Bayern, Matthias Ewelt

Der Newsletter als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterMai2017.pdf

Synode der ELKB – Ein neuer Reformprozess mit Chancen und Risiken

Eindrücke von der Frühjahrstagung der bayerischen Landessynode in Coburg vom 26. – 30. März 2017 (Auszug)

Von Hans-Joachim Vieweger (Mitglied der Landessynode der ELKB)

„Unter der Überschrift ‘Profil und Konzentration’ hat die Landessynode in Coburg den Startschuss für einen umfassenden missionarischen Reformprozess gegeben.” So heißt es auf der Internetseite unserer Landeskirche. Ein „missionarischer Reformprozess” – was will man mehr, könnte man jetzt sagen. Doch „PuK”, wie „Profil und Konzentration” im Kirchenjargon heißt, hat neben Chancen auch Risiken.

Zunächst das Positive: „PuK” will, so haben es Landesbischof Heinrich Bedford- Strohm und Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel bei der Präsentation gesagt, „vom biblischen Auftrag her denken“, nicht von bestehenden Strukturen. Bislang war es in der Kirche meist so, dass neue Aufgaben zusätzlich zu den bisherigen Aufgaben hinzukamen („additiv”). Um den Verzicht auf Bestehendes, also die Benennung von „Nachrangigkeiten”, hat man sich meist gedrückt. Selbst Aufgaben, die sich objektiv überholt hatten, wurden weiterbetrieben – die Stelleninhaber definierten ihr Arbeitsgebiet einfach um. Wenn sich an dieser Einstellung durch „PuK” etwas ändert, insbesondere bei den Aufgaben auf landeskirchlicher Ebene, wäre das ein großer Gewinn.

Selbstverständlich muss es auch Änderungen in den Kirchengemeinden geben, doch der Prozess kann – obwohl immer wieder auf die Bedeutung dezentraler Entscheidungen hingewiesen wurde – auch auf Kosten der Gemeinden gehen und ihnen Handlungsspielraum nehmen. Zu Recht hat der Gemeindebund Bayern im Vorfeld der Synode den negativen Unterton des „PuK”-Papiers gegenüber den Kirchengemeinden kritisiert. So hieß es ursprünglich, die parochiale Gemeinde sei „in ihrer oft statischen selbstbezogenen Organisation zu wenig einladend”. Eine Behauptung, die von den Verfassern des Impulspapiers aufgrund der Kritik zurückgezogen wurde.

Die eigentliche Problematik besteht m.E. darin, dass kirchliches Handeln künftig vor allem in „Räumen” gedacht werden soll, die mehr umfassen als die Kirchengemeinden (in der Regel sollen Dekanate für diese „Räume” verantwortlich sein). Räume seien die Antwort auf die missionarische Herausforderung durch die Unerreichten, so die These. Doch während Kirchengemeinden nach lutherischem Verständnis Kirche sind („die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden”), kann ich für die „Räume” keine theologische Begründung erkennen.

Zusammenarbeit im Raum ist sicher wichtig, aber wenn – wie das Impulspapier andeutet – künftig Stellen und Budgets auf dieser Ebene verteilt werden sollen: Welche Verteilungskämpfe drohen dann womöglich? Und wie will man absichern, dass hier „gerade keine neue Gremienebene” geschaffen wird?

Die Synode hat freilich nicht das gesamte Impulspapier verabschiedet, sondern nur einige Leitsätze. Beides ist nun möglich: Dass die missionarischen Chancen genutzt werden, aber eben auch, dass eine – für die meisten Menschen – abstrakte Raumebene eine unangemessen große Bedeutung bekommt. Und das in einer Zeit, in der sich andere evangelischen Kirchen genauso wie das katholische Erzbistum München und Freising gerade wieder von der Zentralisierung auf der so genannten „mittleren Ebene” verabschieden.

Eine wichtige Rolle bei den Diskussionen um “Profil und Konzentration” spielte übrigens die Frage, ob man heute noch von einer Volkskirche sprechen kann. Vom Auftrag her schon, meinte Professor Christoph Markschies, weil es eben darum gehe, die „Botschaft von der freien Gnade an alles Volk auszurichten“ (so die sechste These der Barmer Erklärung). In einem gewissen Kontrast dazu steht freilich, was Pfarrerin Kathrin Oxen vom „EKD-Zentrum für evangelische Predigtkultur“ in Wittenberg über ihre Erfahrungen im Osten berichtete. Sie sei anfangs erschrocken darüber, „wie leicht es offenbar gewesen ist, viele Menschen von der Kirche abzubringen.“ Bei aller negativer Erfahrung (es gebe „keinen Hunger nach Gott“ in der Ost-Gesellschaft) gelte aber zugleich: Auch hier gibt es Kirche, klein, mit weniger Kaffee und Kuchen und Ausflügen, dafür mit mehr Gewicht auf Gottesdiensten, Bibelwochen und Friedensarbeit. Ihr Fazit: „Eine Volkskirche werden wir nicht bleiben können, wir werden eine Jüngerkirche werden.“

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)

image_pdfimage_print