Die Kirche der Zukunft ist Gemeindekirche

Impuls zu einer grundlegenden Diskussion über den Weg unserer Kirche

Von Gisela Kittel

Es ist an der Zeit – und dazu möchte dieser Zwischenruf auffordern – auch einmal über einen anderen Weg nachzudenken. Denn der inzwischen in fast allen Landeskirchen eingeschlagene Kurs ist nicht, wie immer behauptet, alternativlos. Und er führte, so weit mir bisher bekannt, nicht in ein blühendes Kirchenland, sondern in noch mehr verödete Kirchenlandschaften. Um die Alternative in den Blick zu bekommen, ist freilich eine Voraussetzung nötig. Wir müssen endlich annehmen und akzeptieren, dass Christen in unserer Gesellschaft zu einer Minderheit geworden sind und dies immer mehr werden. Es gilt anzuerkennen, dass unsere Kirche schon lange keine „Volkskirche“ mehr ist und dass sie daher auch nur eine Stimme in der Stimmenvielfalt einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft sein kann. Das aber heißt, dass unsere Kirche einen anderen Weg einschlagen muss. Nicht in der Nachahmung allgemeiner Entwicklungen, nicht in der Kopie weltlicher Events und Großveranstaltungen kann die Zukunft der evangelischen Kirche liegen. Sie liegt in dem, was ihr durch ihre Botschaft vorgegeben ist: inmitten dieser Welt von anderer Art zu sein, eine Gemeinschaft von Menschen, die auf das Lob und die Ehre Gottes ausgerichtet ist und versucht, in der Nachfolge Jesu Christi zu leben

Mit anderen Worten:

Die Zukunft der evangelischen Kirche kann nur die Gemeindekirche sein:

  • Eine Kirche, deren Glieder einander von Angesicht kennen, einander die Hand geben, sich um einander kümmern;
  • deren Prediger und Schriftausleger die Worte der Schrift adressieren können, weil sie um die Schicksale, Freud und Leid, vieler Gemeindeglieder wissen und nicht als Wanderprediger mit Standardpredigten herumziehen;
  • deren Seelsorger Zeit und Atem haben, Menschen zu besuchen und, wo es nötig ist, über eine längere Strecke seelsorgerlich zu begleiten;
  • in der jedes Glied mit seiner besonderen „Gabe“ wertgeschätzt wird. Nicht nur Pfarrpersonen und Mitglieder „multiprofessioneller Teams“ haben „Talente“ und sollen „talentorientiert“ eingesetzt werden (vgl. Anm.2). Jedes Gemeindeglied ist „begabt“, hat nach 1. Kor 12 ein „Charisma“, das allerdings entdeckt, wach gerufen und zum Aufbau der Gemeinde gebraucht werden will (vgl. HK Frage 55).
  • Vor allem aber ist die Gemeindekirche eine Gemeinschaft, in der das gemeinsam Lob Gottes und das Bekenntnis zu ihm im Zentrum steht, die Jesus Christus als ihren Herrn auch über die Todesmächte anruft, auf sein Wort hört, zu ihm betet, in Fürbitte füreinander und für die Welt einsteht und die dann auch in tatkräftiger Hilfe einspringt, wo es nottut.
  • Diese Gemeinde ist das missionarische Zeichen in der Welt. Nur von ihr her und auf sie hin kann „Mission“ geschehen, die nicht nur zu einer unbestimmten religiösen Erhebung einzelner Individuen führt, sondern zu Glaube und Hoffnung und Liebe in Jesus Christus erweckt.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag als PDF: www.aufbruch-gemeinde.de/download/kittel1811.pdf

Kritik der aufblasbaren Kirche

Quelle: theomag

Über Klerikalismus, Banalität und Gleichheit

Wolfgang Vögele

„Selbst die Kirchenkritik folgt ihren Ritualen. Insider kennen die Namen der Journalisten, die in den überregionalen deutschen Tageszeitungen regelmäßig über die evangelische und die katholische Kirche schreiben. Kritische Artikel über die Kirche tauchen mit solider Regelmäßigkeit auf, und diese folgt den Feiertagen des Kirchenjahres. Genauso regelmäßig werden solche Artikel in den sozialen Netzwerken herumgereicht, stets schnell mit einer großen Menge von Kommentaren angereichert. Leser und User wissen genau, wer am besten formuliert, wer eher der konservativen oder der liberalen Kirchenkritik zuzurechnen ist, wo die Gewährsleute und Informanten in München, Hannover und Berlin zu suchen sind, welcher Journalist aus der Landeskirche ausgetreten und in eine kleine, vermeintlich konfliktfreie Freikirche gewechselt ist, welche Religionssoziologen und Meinungsforschungsinstitute im Hintergrund ihre Untersuchungen zur Verfügung gestellt haben. Aber genauso regelmäßig wie die evangelischen Kirchen als reformunfähig, mitgliederfreundlich und eingemauert in ihre alltägliche frömmelnde Geschäftigkeit dargestellt werden, genauso regelmäßig verläuft jede Kritik im Sande. Es ändert sich nichts: Die Mühlen von Frömmigkeit, Strukturdebatten und Leitbildprozessen mahlen weiter, als ob nichts geschehen wäre und als ob nichts geschehen müsste. (…)

Eine andere Krise, die theologisch und kirchlich relevant erscheint, zielt auf die veränderte Rolle der Intellektuellen in öffentlichen Debatten. Immer wieder haben in letzter Zeit Intellektuelle beklagt, dass ihre philosophischen und politischen Interventionen nicht mehr in der Weise gehört werden, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Wer sich wie in der nostalgisch verklärten Vergangenheit in Essays und Büchern zu Wort meldet, wird kaum noch gehört, weil beides nicht mehr gelesen wird. Auf Twitter und Facebook, in Kommentaren von weniger als tausend Zeichen, kann niemand Meinungen, Kritik, Projekte und Initiativen ausreichend begründen. Dasselbe gilt für politische und kulturelle Talkshows, die zwar noch Reichweite und Zuschauerquoten versprechen, aber eben nicht mehr der Ort sind, ausführlich, begründet und auf hohem Niveau Argumente auszutauschen und Vorschläge zu machen. Auch dieser Prozess der De-Intellektualisierung der Gesellschaft schlägt in die Kirchen hinein, und er zeigt sich am schwindenden Einfluss der Theologie auf das kirchliche und gemeindliche Leben.[1] Beispiele dafür sollen in den folgenden Überlegungen dargestellt werden.

Es ist der Prozess der Banalisierung zu beschreiben, dem kirchliches Leben im Moment unterworfen ist (2.-9.). Danach sollen Ursachen für solche Banalisierungsprozesse beschrieben werden (10.-13.), die im Moment zu neuen theologischen Deutungsmodellen verdichtet werden, weswegen solchen Modellen ebenfalls ein kritischer Blick gebührt (14.-17.). Am Ende steht ein unzureichender, erster Vorschlag, die gegenseitige Lähmung zwischen Kräften der Kritik und der Beharrung zu überwinden (18.). (…)

Notwendige Konzentrationsprozesse

Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass gegenwärtiges kirchliches Leben sowohl in seinen Binnenbeziehungen wie auch in seinen Beziehungen zur Gesellschaft und zur Zivilgesellschaft wie auch zu anderen Religionen von der Frage des Umgangs mit dem Pluralismus geprägt ist. Evangelischer Glaube muss damit umgehen, dass seine eigenen Gewissheiten von anderen Glaubenden, von anderen religiösen Personen, von Menschen ohne Religion nicht unbedingt geteilt werden. Um diese Fragen und Probleme zu behandeln, können unterschiedliche Wege eingeschlagen werden. In diesem Essay wurde herausgearbeitet, dass sich dabei ein Weg der Banalisierung und ein Weg der Intellektualisierung und Theologisierung unterscheiden lassen. Wer mit Harmlosigkeit und Anbiederung und Nivellierung von Differenzen punkten will, der ver­schenkt die Botschaft des Evangeliums. Der Weg des Fundamentalismus, der Abgrenzung von bestimmten Bereichen der Erfahrung, steht theologisch nicht offen. Offen dagegen steht ein Weg der Besinnung auf theologische Argumentation und Interpretation, eine Konzentration auf Theologie, Gottesdienst und Predigt. Daran wäre weiter zu arbeiten.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus Ta Katoptrizomena, Heft 115: https://www.theomag.de/115/wv046.htm

Vorschläge zur Landesstellenplanung – Newsletter September 2018

Der neue Landesstellenplan wirft seine gewaltigen Schatten voraus und sorgt für gehörige Unruhe in unserer Landeskirche. Der fehlende Nachwuchs an Pfarrerinnen und Pfarrern, die vielen drohenden Vakanzen verschärfen dieses Thema. Kirchenleitungen müssen in die Zukunft sehen und die nötigen Schritte für eine flächendeckende Versorgung der Gemeinden, nicht nur mit Pfarrerinnen und Pfarrern, sondern selbstverständlich auch mit anderen kirchlichen Berufsgruppen bedenken. Das ist ihre Aufgabe und sie machen das sorgsam, sofern sie aufmerksam darauf achten, was an der Basis gärt.

Wir haben einen Vorschlag für den Landesstellenplan, der ganz andere Akzente setzt als eine vielleicht zehnprozentige Kürzung darstellt. Wir denken konsequent von der Basis, von den Gemeinden her und wollen doch das Ganze nicht aus dem Blick verlieren.

Ich denke mit Schaudern daran, wieviele Kräfte bei der Umsetzung eines neuen Landesstellenplanes gebunden werden – und erst recht durch die Verquickung mit dem PUK- Prozess -, wieviele Sitzungen in den verschiedenen Gremien abgehalten werden müssen, wieviele Verletzungen es geben wird, wieviel kostbare Zeit und wieviel finanzielle Mittel dafür aufgebracht werden müssen. Viele Stellen könnten so sinnvoller eingesetzt werden. Bei der Umsetzung der letzten Landesstellenplanung, mussten wir in unserem Dekanat eine halbe Pfarrstelle kürzen und benötigten dafür – mit Hilfe der Gemeindeakademie Rummelsberg – 17 Zusammenkünfte. Und noch heute, nach einer so langen Zeit, sind Menschen, Gemeindeglieder voller Frust und Verletzungen.

Deshalb ist unser Vorschlag:

  • Es werden keine Stellen gekürzt. Alle Stellen bleiben erhalten mit Ausnahme großer Zuwachsgebiete – die müssen mehr Stellen bekommen – aber da kann ohne große Landesstellenplanung reagiert werden.
  • Die zu erwartenden Vakanzen werden in einem Dekanat durch ein rotierendes Verfahren geschultert. Das bedeutet: Keine Stelle wird gekürzt. Der Dekanatsausschuss beschließt, welche Pfarrstellen vakant bleiben und nicht ausgeschrieben werden. Es wird nicht immer die gleiche Stelle treffen, so dass die Hoffnung bestehen bleibt, auch in meiner Gemeinde wird wieder einmal ein Pfarrer, eine Pfarrerin ihren Dienst tun können.
  • Damit es gerecht zugeht, wird eine Vakanzquote für alle Dekanate eingeführt (8,5% oder mehr) – wie es sie schon einmal in unserer Landeskirche gegeben hat. Dadurch wird gewährleistet, dass in jedem Dekanat eine vergleichbare Situation besteht.
  • Das Gehalt der Pfarrerinnen und Pfarrer erhält bei einer Vakanz die Gemeinde (vielleicht auch ohne den Anteil, der durch den Religionsunterricht erworben wird). Gemeinden sind sehr kreativ und können mit diesen finanziellen Mitteln ihre Gemeindearbeit besser aufrechterhalten, z.B. die Sekretärinnenstunden aufstocken, eine Jugendmitarbeiterin befristet einstellen, Kooperationen anbahnen usw.
  • Die Pfarrerin, der Pfarrer, die eine Vakanz zu vertreten haben, werden vom Religionsunterricht befreit. Freilich ist zu prüfen, ob der Religionsunterricht dann aufrechterhalten werden kann.

Wir wollen uns nicht bannen lassen von dem Diktat der ausgerechneten Möglichkeiten. Wer sich nur an Zahlen festhält und seine Entscheidungen davon abhängig macht, spricht die Gegenwart heilig, verrät aber die Zukunft.

Noch eine Stimme zu dem Reformprozess Profil und Konzentration:

Als Fazit der 5. Kirchenmitgliedschaftsstudie hält die Theologieprofessorin Isolde Karle fest: „Eine Kirchenreform im umfassenden Sinn ist nicht indiziert. Vieles läuft gut in der evangelischen Kirche, sie kann an Bewährtes anschließen. Behutsame Korrekturen sind hier und da erforderlich, aber dabei geht es um eine sensible Feinsteuerung, nicht um grundsätzliche Innovationen und Strukturveränderungen“ (lsolde Karle, Die fünfte EKD- Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S. 127).

Dr. Gerhard Schoenauer, Dekan
1. Vorsitzender
V.i.S.d.P.: Gemeindebund Bayern
Im Sprecherkreis „Gemeindebund Bayern – Aufbruch Gemeinde“

Einladung zum Aktionstag 2018
Der Gemeindebund Bayern lädt ein zu seinem jährlichen Aktionstag

am 24.11.2018 von 10.00 Uhr bis 14.00 Uhr.
Ort: Ev. GMZ, Nürnberg Nord, Rollnerstr. 104, 90408 Nürnberg
Gäste:
– Kirchenrat Pietro Peral, Referent für kirchliche Planungsfragen
– Pfarrerin Corinna Hector, 1. Vorsitzende Pfarrerverein

Kirche profilieren – worauf konzentrieren? Zum ELKB-Reformprogramm „Profil und Konzentration“ (PuK)

Bereits im Januar hat Prof. Dr. Werner Thiede im Korrespondenzblatt zum Reformprogramm PuK Stellung genommen. Lesen Sie hier die erweiterte Fassung. Sein Fazit lautet:

„Der Kirchentwicklungsprozess der ELKB unter der Überschrift „Profil und Konzentration“ ist nicht grundlos in Gang gekommen. Die Gründe sind allerdings unterschiedlicher Natur – sie reichen von statistisch verursachten Sorgen über organisatorischen Reformbedarf bis hin zu theologischen Richtungskämpfen und Profilierungsbemühungen. Das hier analysierte und kommentierte Papier ist denn auch nicht wirklich aus einem Guss. Es verarbeitet und verstärkt neuere Kirchenreformanstöße, berücksichtigt aber neueste Gegenreden im Blick auf solche Anstöße kaum. Die Aufforderungen zu geistlicher Vertiefung sind lobens- und begrüßenswert, lassen jedoch theologische Präzision – wie auch in anderen Zusammenhängen des Papiers – durchweg vermissen. Sollte das Absicht gewesen sein, um möglichst hohe Anschlussfähigkeit zu erzielen? Jedenfalls formuliert Corinna Hektor zufolge PuK „so offen, dass sich jeder raus-lesen kann, was er gern ausprobieren oder behalten möchte.“Solche Offenheit bedeutet für den PuK-Prozess aber auch eine Chance zur Selbstkorrektur. Sandra Zeidler meint, mit PuK werde „unsere Landeskirche nie zur Trendsetterin, zum neuen Gesicht der 2000-jährigen Werbekampagne, zum IT-Girl der Reformation. Das mag im Blick auf die bisherige Textfassung und Ausrichtung zutreffen. Doch die Geschichte geht weiter. Vielleicht diagnostiziert sich der Prozess mit der Zeit auf Grund von kritischen Rückmeldungen selber, dass er zu radikal und einseitig ausgegriffen hat? Andreas Kahnt, seines Zeichens Vorsitzender des Verbands evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland, hat vor noch nicht langer Zeit geseufzt: „Ein Ärgernis sind auch die ständigen Strukturveränderungen. Noch ehe eine Reform der Kirchenleitung umgesetzt ist, kommt schon die nächste. Pfarrer müssen die Veränderungen vor Ort umsetzen, und das belastet nicht selten.“ Wäre nicht auch dies im Blick auf PuK zu bedenken?

Geht es um notwendige Verbesserungen und um Kurskorrektur, so braucht es dafür wie einst im Reformationszeitalter eine tragfähige Basis, auf die geistlich und geschichtlich zu bauen ist. In diesem Sinn sollte sich das Großprojekt PuK auch neu und verstärkt auf die reformatorischen und biblischen Kernaussagen zum Kirchenverständnis zurückbesinnen – und sich dafür die erforderlichen Zeiträume nehmen. Denn Hektor hat Recht: „Auch die Frage, wieviel Einheit und wieviel Verschiedenheit diese Kirche braucht und aushält, wird sich nicht auf die Schnelle beantworten lassen.“ In diesem Sinne hat die Würzburger Dekanatssynode im Herbst 2017 ein Moratorium für PuK gefordert – mit der durchdachten, hier abschließend zu zitierenden Begründung: „Kirche braucht Gesicht, nicht Profil. Unsere Kirche lebt von überschaubaren und gemeinschaftsorientierten Kommunikationsformen. Diese verwirklichen sich vor allem in den Gemeinden von überschaubarer Größe, hier ist auch die Bedeutung intakter Landgemeinden hervorzuheben. Beinahe alle Menschen, die sich zur Kirche zugehörig fühlen und Mitglieder sind, wurden in den überschaubaren Zusammenhängen einer Kirchengemeinde oder des Religionsunterrichts von der Botschaft des Evangeliums berührt. Auch Menschen, die später in Bildungseinrichtungen, bei kirchlichen Initiativen oder Bewegungen mitarbeiten oder sich kirchlich beheimaten, haben in einer Kirchengemeinde ihr Christenleben begonnen. Nicht zu unterschätzen ist hier die Bedeutung der Kasualien. Generell wird in Frage gestellt, ob eine Kirchenreform von „oben nach unten“ unserem Selbstverständnis als Kirche der Reformation entspricht und deshalb möglich und wünschenswert ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Aufsatz: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/PuKProfilundKonzentration2.pdf

Das autoritäre Echo – Kirche in Zeiten des Rechtspopulismus

Von Hans-Jürgen Volk

Wer heute rechtspopulistische Strömungen analysiert, darf den Wurzelboden nicht vergessen, aus dem sich diese politischen Entwicklungen nähren. Hierzu zählt nach Hans-Jürgen Volk auch die verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik der Schröder- und Agenda 2010-Jahre. Volk zeigt aber auch auf, inwiefern die evangelische Kirche im Strom dieser neoliberalen Neuausrichtung mitgeschwommen ist und dies nun mit einem Vertrauensverlust bezahlt, der wenig verwunderlich ist

„Die evangelische Kirche ist mit dem Strom geschwommen. Wahrnehmbar für einzelne Gemeindeglieder sind vor allem die Schließung von Kirchen und Gemeindezentren, Fusionen von Gemeinden und Kirchenkreisen und die immer größer werdende Schwierigkeit, bei eigenen Anliegen einen verlässlichen Ansprechpartner zu finden. Kurz: Für den in den letzten Jahren stetig gestiegen Kirchensteuerbeitrag gibt es immer weniger Gegenleistung. Das erzeugt Frust und Entfremdung. Frust erzeugt die Bevormundung der Praktiker vor Ort durch Menschen, die ihr berufliches Leben vor allem in Büros und Sitzungsräumen verbringen. Frust ohne ­Ende entstand durch die vielfachen sozialen Härten bei kirchlichen Mitarbeitern, die von Rückbauprozessen und Sparprogrammen trotz stetig steigender Kirchensteuereinnahmen betroffen sind. Wenn Vertreter der Kirche sich öffentlich wohlmeinend zur Flüchtlingsfrage oder zu sozialen Themen äußern, wird dies als moralisierend empfunden. Die evangelische Kirche in ihrer jetzigen Verfassung ist Teil einer Problemlage, die Rechtspopulisten in Deutschland Auftrieb gegeben hat.

Nötig wäre eine konsequente Umkehr von einem falschen und letztlich unkirchlichen Kurs, wie sie das »Wormser Wort« einfordert. Nötig wären mutige Schritte, innerhalb des kirchlichen Lebens eine wirksame Teilhabe der Kirchenmitglieder zu ermöglichen. Die Mitglieder könnten durch kirchliche Plebiszite bei Fusionsprozessen und anderen strukturellen Veränderungen mit eingebunden werden. Mutig wäre es, z.B. Spitzenämter auf Kirchenkreisebene durch eine Wahl der Kirchemitglieder zu vergeben. Mutig wäre es, Gewaltenteilung und Machtkontrolle zu praktizieren.

Wer Menschen als Objekt betrachtet und behandelt, die sich denen mit angeblich größerem Überblick unterzuordnen und zu fügen haben, erzeugt Frust und Entfremdung. Das Hartz IV-Regiment macht den Menschen, der eigentlich als Bürger der Souverän sein sollte, zum Fürsorge- und Strafobjekt, das man gelegentlich demütigen muss. Eine evangelische Kirche sollte hier bewusst Gegenakzente setzen und partnerschaftlich mit Gemeindegliedern und Beschäftigten umgehen. Unsere Gesellschaft, die in der Tat durch rechtspopulistische Kräfte bedroht ist, braucht eine Kirche, die mit ihren Strukturen und ihrem Umgang mit Kirchenmitgliedern und Beschäftigten ihre Botschaft bezeugt. Das könnte heißen: mehr direkte Demokratie und Teilhabe in den verschiedenen kirchlichen Körperschaften und Einrichtungen, die Pflege eines bewusst sozialen Umgangs mit den eigenen Beschäftigten, größere Spielräume für die, die vor Ort in der kirchlichen Arbeit engagiert sind sowie die Rückkehr zum Prinzip der kollegialen Leitung und der Einmütigkeit. Hierbei hilft es nicht, Einmütigkeit formaljuristisch zu interpretieren. Das Ringen um Einmütigkeit ist eine geistliche Aufgabe, die auf Augenhöhe in partnerschaftlich-geschwisterlicher Weise zu leisten ist.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt Heft 7/2018, S. 374ff.: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4539

Das Kirchenverständnis der Reformatoren, gegründet in den Zeugnissen des Neuen Testaments

Mich wundert schon, dass eine evangelische Landeskirche, noch dazu lutherischer Prägung, ihr eigenes Handeln, ihre eigenen, die von ihr zu leistenden Werke, derart in das Zentrum ihrer Erneuerungsbemühungen stellt. Aber besteht nicht der grundlegende Auftrag der Kirche zu allererst darin,  immer  wieder  neu Kirche, d.  h.  Gemeinde Jesu Christi, zu werden?

„Wenn ich die Reformpapiere richtig verstanden habe, so soll an die Stelle eines „verzagten Festhaltens am Vergangenen“ jetzt der „kraftvolle Blick in die Zukunft“ treten. Die Denkbewegung der kirchlichen Arbeit gehe in der Regel „aus, von dem was ist, von dem, wie kirchliche Arbeit jetzt organisiert ist“. Dagegen hat sich die Begleitgruppe zu „Profil und Konzentration“ dafür entschieden, „von der Zukunft her Kirche zu denken“ (Inhaltliche Einführung zur Konferenz der kirchenleiten- den Organe am 10./11. Juni 2016 in Tutzing). Doch ist das die Alternative, ob wir die Kirche von der Gegenwart oder der Zukunft her denken, einer Zukunft zumal, wie wir sie uns ausmalen oder prognostizieren? Müssen wir dagegen nicht immer wieder sehr selbstkritisch die Gestalt und Ausrichtung der Kirche von Jesus Christus her bedenken?

Genau das ist ja mit der so oft und falsch zitierten Formel von der „ecclesia semper reformanda“ gemeint (vgl. meinen Aufsatz in DPfBl 4/2018, 207-210). Dass sich die Kirche gerade nicht den Strukturen und Maßstäben der Welt anzupassen hat, sondern sich, da selbst in den sich wandelnden Zeiten unterwegs, immer wieder neu zurückformen, reformieren, lassen muss in die Gestalt und Form, die Jesus Christus entspricht, darum geht es. Wie das schon im Wirken Jesu, seiner Sammlung der „kleinen Herde“ (Lk 12,32), geschah und dann später in den urchristlichen Gemeinden gelebt wurde, hat Gerhard Lohfink überzeugend dargestellt. („Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Kirche im Kontrast“, Aktualisierte Neuausgabe, Stuttgart 2015). Sein Votum: „Aber offenbar leben viele Christen weit von der Welt der Bibel entfernt. Einer der Grundgedanken der Bibel (…) ist der Gedanke, dass Gott in der Welt ein Volk haben muss (…) Ein Volk gerade um der Welt willen und um über dieses Volk die ganze Welt zu erreichen (…) Um aber Welt verändern zu können, darf sich das Gottesvolk nicht der Gesellschaft anpassen oder sogar ‚Anschlussfähigkeit‘ an die Gesellschaft demonstrieren, sondern muss das Neue leben, das mit Abraham in die Welt gekommen ist und durch Jesus vollendet wurde.“ (S.174)1

Reformierte Christen haben im Heidelberger Katechismus die schöne Frage 54, die sich übrigens ziemlich deutlich an einen Passus im Großen Katechismus Luthers anlehnt (vgl. Bekenntnisschriften der ev.-luth. Kirche, 657,25-38). Da wird gefragt:

„Was glaubst du von der »heiligen allgemeinen christlichen Kirche«?

Die Antwort lautet:

„Daß der Sohn Gottes aus dem ganzen Menschengeschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und Wort in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält, und daß ich ein lebendiges Glied derselben bin und ewig bleiben werde.“

Nicht wir, unsere Synoden, Bischöfe, Projektgruppen, Fachabteilungen sind es, die die Kirche „entwickeln“, „bauen“, in die Zukunft führen können. Der Sohn Gottes ist es, der seine Kirche „versammelt, schützt und erhält“. Unser Tun ist an anderer Stelle gefordert. Wie der Sämann in den Gleichnissen Jesu sollen wir das Wort aussäen. Für das Wachsen und Gedeihen ist dagegen ein anderer zuständig. Dies zu wissen und zu glauben, ist eine große Entlastung für alle, die „im Weinberg des Herrn“ tätig sind.“

Prof. i. R. Dr. Gisela Kittel, Detmold

Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 139ff. Lesen Sie hier den ganzen Artikel: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/kittel1806.pdf

 

Und Gott lachte

Ich hatte einen Traum. Ob es ein Albtraum war, das weiß ich nicht, ob es ein Wahrtraum war, kann ich nicht sagen. Aber dass er mich nicht loslässt und immer wieder kommt, mit jedem Sonntagsblatt und Synode aktuell und manchmal einfach so zwischen Abend und Morgen, das ist wahr.

Ich sah und siehe, meine Kirche und ihre Mitarbeitenden beschäftigt mit immer neuen Papieren, die immer die gleichen Fragen stellen. Und ich sah, wie sie geschäftig mit Eifer neue Antworten suchten auf die alten Fragen und Papiere entwarfen, wie Kreise tagten, die die Texte beschlossen und Moderatoren sie Unkundigen deuteten. Wer nicht mitmachen mochte, wem alles bekannt vorkam, den erklärte man zu einem Fossil, versteinert, Sie verstehen? Am Ende waren die Antworten ebenso alt wie die Fragen, aber das sagte niemand – ob jemand es merkte?

Und ich sah andere, die das Unberechenbare in Zahlen fassen, Zukunft planen und so Zuversicht schöpfen wollten. Und ich verstand die Verzweiflung, die sie trieb und doch ihre Antworten nicht. Wie viele überhaupt noch in der Kirche sein würden in dreißig Jahren, wie viele Mitarbeitende wir uns leisten können, fragten sie und fügten nicht hinzu „nach menschlichem Ermessen“ oder „so Gott will“, der Unberechenbare kam in den Rechnungen nicht vor.

Und wieder andere sah ich, die priesen neue Medien. Per WLAN mit Gott verbunden oder wenigstens mit der Kirchenleitung und jeden Tag eine Predigt des Bischofs frei Haus: Was brauchst Du die kalten Kirchen noch, sagten sie, außer als Raum für den godspot. Per Internet Starprediger frei Haus und das Echo zurück, das andere in den Gemeinden selten hören: „Es liegt so viel Segen in Ihren Worten!“ schrieben einige und fanden keine Schleimspur. Andere erfanden Events, bis sie so am Ende waren, dass sie nicht einmal mehr berichten konnten von all dem Guten, das sie erzeugt hatten.

Ja, da gab es auch Menschen, die Kirche am Evangelium gemessen planten und redeten, als seien sie von Paulus persönlich unterrichtet worden. Gemeinden sahen sie und sahen die nicht, die in keiner Gemeinde sein wollten. Sie träumten von Kirche ohne Kirchenleitung und sahen keinen Wandel der Zeiten. Am Ende rangen sie dann nur noch mit den anderen, die alles das für bloß historisch erklärten, das man nicht übertragen könne, wie sie sagten.

Wieder andere waren beschäftigt, Arbeitszeit in Dienstordnungen zu fassen und weil es nicht ging, konnten sie manchen Besuch nicht mehr machen und mussten Predigten suchten im weltweiten Netz.

Ob das auch Arbeitszeit sei, fragten sie dann und merkten nicht, wie sie Freiheit verspielten und Kreativität. Dass sie vor den unendlichen Ansprüchen von Menschen sich retten wollten, die einen verschlingen können, das spürte ich, aber auch, wie Menschen sich abgewiesen fühlten von ihnen, ausgegrenzt, weil die sich abgrenzten.

Und ich sah, dass es mit meiner Kirche gar nicht so schlecht stehe, wenn Menschen Rat suchen und Hilfe und Orientierung. Ich sah, die ihr wieder beitraten und mithalfen an ihrem Ort. Nur fanden sie, was sie taten, gering geschätzt in den Papieren und in der Versammlung der klugen und kirchenleitenden Menschen. Die hatten wohl keine Zeit, das Einzelne zu sehen, weil sie das Ganze planten und indem sie es planten, zerfiel ihnen alles in Teile und die Teile wieder in Teile, bis Verzweiflung sie ergriff und sie Fachleute suchten, das Ganze wieder herzustellen. Und schrieben neue Papiere und hörten neue Referate, aber was Kirche sei, das wussten sie nicht, das sollte die mittlere Ebene planen.

Dass Kirche ein Teil dieser Gesellschaft sei, die so vielfältig ist, dass kein Teil Wirkung im Ganzen haben kann, das sahen sie nicht. Dass ihre Worte kaum jemand las, selbst nicht die verkürzte Form in der Zeitung, und Geschichten aus dem Plenum keinen interessierten, das sahen sie nicht. Dass keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Interessengruppe alle erreichte, wollten sie nicht sehen.

Und ich sah, dass Menschen nach Kirche fragten, die eine Grundlage für das Leben suchten, einen Halt in der Auseinandersetzung um Menschen und Meinungen. Weil aber all die Geschäftigen beschäftigt waren und eingedeckt mit Papieren und Bilanzen, Prognosen und Berechnungen, Ängsten und Streit, wer denn nun Kirche sei, suchten die Menschen andere Orte. In kleinen Gemeinden, die Wärme boten und Antwort und wirkliche Menschen.

Und so träumte ich, dass all das, was das Ende der Kirche verhindern sollte, dieses Ende beschleunigen könnte. Und spürte die Angst der Rechner, die am Ende noch mit einer Mehrung der Mitglieder nicht nur ihre Prognosen dahingehen sahen, auch alle Berechenbarkeit und das Geld werde nicht reichen, so sagten sie. 2050 machen die Letzten das Licht aus und gründen eine Immobiliengesellschaft und stellen Leute ein für kundige Führungen durch erhabene Räume.

Was Gott im Himmel machte, das sah ich nicht. Vielleicht hatte er keine Zeit für all diese Geschäfte, beschäftigt mit Gebeten derer, die keine Worte mehr fanden für ihren Glauben, den sie suchten und noch immer nicht hatten. Und manche vermissten ihn nicht, weil sie gar nicht wussten, was sie vermissen könnten und niemand ihnen davon redete.

Und ich erwachte und erschrak, weil ich merkte, dass ich lange schon wach gewesen war. Und hätte nun gern, dass es ein Traum gewesen sei, Alb- oder Wunschtraum. Denn es war mir, als ob Gott lachte. Und sein Lachen hallte wider von einem Ende der Welt zum anderen, aber all die Geschäftigen hörten es nicht, weil sie zu laut waren und die Frommen hörten es nicht, weil ihr Gott nicht lachen konnte. Und dass sie alle nur lebten, weil er lachen konnte, das sahen sie nicht. Dass er noch lacht oder lächelt und seine Liebe kein Ende habe, das wünsche ich mir und uns allen. Ob ich es glauben kann? Manchmal weiß ich selbst das nicht.

Ja, wir müssen überlegen, wie mit weniger Pfarrerinnen und Pfarrern das Evangelium weitergegeben werden kann – nur: War davon irgendwo die Rede? Wer wird diesen Beruf ergreifen oder auch nur sein Leben der Kirche widmen, wenn das ihre Arbeit sein soll?

Martin Ost, Berlin

Korrespondenzblatt Nr. 6/2018, S. 136f.: http://www.pfarrverein-bayern.de/sites/www.pfarrverein-bayern.de/files/korrespondenzblaetter/Kblatt-1806.pdf

Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus

Von Frank Weyen (Deutsches Pfarrerblatt Heft 5/2018)

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist.

„Das neoliberalistische Wirtschaftsmodell hat seinen Siegeszug durch die westlichen Gesell­schaften ungebremst vollzogen. Die Kirchen blieben davon nicht verschont. Frank Weyen stellt in seinem Beitrag zunächst die Grundlagen neoliberalistischen Denkens dar. In einem zweiten Schritt arbeitet er heraus, wie neoliberalistische Denk- und Gestaltungsformen in kirchlichen Debatten und Verlautbarungen Einzug hielten, um daran anschließend zu skizzieren, zu welchen absehbaren Konsequenzen diese Strategien in der Kirche führen werden.“

„Über diese Beispiele hinaus ließen sich noch weitere aus der kirchlichen Praxis heranziehen, z.B. der Ersatz der althergebrachten Kameralistik zu Gunsten der Doppelten Buchführung, Doppik genannt, in einem System, dass über Jahrhunderte hinweg mit der einfachen Einnahme-Ausgabenrechnung gut gefahren ist, sodass es auch betriebswirtschaftliche Laien in den Kirchenpflegen und Presbyterien verstehen konnten. »Die sozialen Sicherungssysteme werden zunehmend Markt-, betriebswirtschaftlichen Leistungs- und Konkurrenzgesetzen unterworfen. Genauso wie Länder, Regionalverbände und Kommunen, die ihre Verwaltung schon vor der Jahrtausendwende mittels sog. neuer Steuerungsmodelle auf eine nur schwer messbare Qualitätssicherung orientiert haben, streben sie nach größtmöglicher kaufmännischer Effizienz, während ihr eigentlicher Zweck, Menschen in schwierigen Lebenslagen wirksam zu unterstützen, deutlich dahinter zurücktritt. Ganz im Sinne der Ökonomisierung des Sozialen verdrängt dabei ein betriebswirtschaftlich orientiertes Leitbild von Qualitätsmanagement traditionelle Orientierungen von religiös oder ethisch motivierter Nächstenliebe, von Subsidiarität und Solidarität«.

Oder auch die Einführung von Jahresdienstgesprächen im Pfarrberuf: Der Fragenkatalog dokumentiert neben seelsorglichen und dienstrechtlichen Erörterungsgegenständen auch Fragen nach Selbstoptimierung, Effizienzsteigerung und Zielvereinbarungen für die folgenden Jahre.

Vielleicht sind aber auch die Optimierungen von Kirchgemeinden durch Bildung größerer Einheiten ein gesellschaftliches Spiegelbild neoliberalistischen Denkens. Ökonomische Sachzwänge treten hierbei in den Konflikt mit der theologischen Programmatik.

Auf der anderen Seite haben sich die Landeskirchen einem Sparzwang unterworfen, der sich als Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern als Konsequenz aus dem neoliberalistischen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Steuersenkungen und niedrigen Erwerbseinkommen auswirkte. Infolgedessen wurden auch bei kirchlichen Mitarbeitenden Gehaltsgrenzen eingeführt und sogar das Pfarrsalär durch Entkoppelung von den Besoldungsstufen und durch Streichung bzw. Kürzung von Sonderzuwendungen z.B. in der Westfälischen Kirche massiv geschmälert. Dieser Vorgang produziert in Folge das, was die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle mit der Deprofessionalisierung des Pfarrberufes als Schlüsselberuf (Grethlein) der Kirche bezeichnet hat. »Die entscheidende Schwachstelle des Neoliberalismus bilden zudem weder das kaum mehr übersehbare Scheitern seiner ökonomischen Konzepte noch sein Plädoyer für eine Hochleistungs-, Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft, in der sich nur die leistungsstärksten Mitglieder behaupten, sondern sein unermüdlicher Kampf gegen einen Wohlfahrtsstaat, der Leistungsschwächere auffängt, sie sozial integriert und überhaupt erst zu gleichberechtigten Gesellschaftsmitgliedern macht.«

Vereine, Parteien und sonstige Freizeitangebote können gleiches tun wie die Kirchen. Das charakteristische Sujet, der Verkündigungs- und Bildungscharakter, den kirchliche Angebote stets als protestantische Merkmale ausgezeichnet haben, und die zu den Identitätsmerkmalen protestantischer Kirchlichkeit mit seinem Bildungsideal gehören, gehen dabei jedoch gänzlich verloren. Die Konsequenz daraus ist ein massiver Relevanzverlust kirchlicher Themen unter der Bevölkerung und eine bis zur theologischen Unkenntlichkeit sich selbst herabmindernde neoliberalistisch geprägte Werbung um Menschen, die als Mission oder Missionierung euphemisiert wird.

Damit gehen zugleich von den Kirchen gegenüber der Gesellschaft bereitgestellte Faktoren verloren, die für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig sind. Daher ist die teils durch Eventisierung, Unterhaltungs- und Freizeitprogramm der kirchlichen Angebote selbst verursachte theologische Deprofessionalisierung zugleich ein Beitrag dazu, dass kirchliche Antworten auf die Anfragen unserer Zeit nicht mehr angemessen vernommen, ja mittlerweile durch die Bevölkerung sogar aktiv ignoriert werden.

Der Zugriff des Monetarismus auf das kirchliche Leben sowie alle ökonomischen Optimierungsbestrebungen stellen eine freiwillige Einwilligung der Kirchen auf dieses ideologische Gesellschaftsmodell dar, anstatt daran zu arbeiten, ein politisch-ökonomisches Gegenmodell zu entwickeln, beispielsweise durch die Stärkung vorhandener ordoliberaler Alternativen wie die Soziale Marktwirtschaft oder den Rheinischen Kapitalismus.

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen in diesem Zusammenhang weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne (J.F. Lyotard) dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist (Mt. 28,19; Lk. 10).

Was dabei durch die freiwillige Einwilligung in die Unterwanderung der Kirche durch neoliberalistisches Begriffs- und Gedankengut zu kurz zu kommen droht, sind die protestantische Programmatik sowie der Verkündigungs- und Bildungscharakter der Kirche, um dem zunehmenden religiösen Analphabetismus unter der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dies wäre ein Wirkungshorizont, der der kirchlich-theologischen Programmatik entspräche und dieser Wirkungshorizont würde zugleich mehr Theologie wagen.“

Lesen Sie hier den ganzen Artikel aus dem Deutschen Pfarrerblatt, Heft 5/2018: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4506

Gemeinde oder nicht Gemeinde – das ist hier die Frage! (Newsletter April 2018)

Ich wünsche mir, dass diejenigen, die so vorschnell die Initiative samt Umsetzung an sich reißen, genau hinschauen und die gewaltigen Potentiale entdecken, die sich auf Gemeindeebene bereits entfalten oder noch entfalten könnten.

Von Pfr. Karl-Friedrich Wackerbarth (Prien)

Im Herbst letzten Jahres war im Sonntagsblatt zu lesen, dass Herr OKR Dr. Barzen in den nächsten 5 Jahren jeweils 1 Million in den Haushalt einstellt, um seitens der Landeskirche Briefe an Jugendliche und junge Erwachsene zu verschicken. Im Prinzip eine schöne Idee und ich will die finanzielle Seite mal ignorieren, auch wenn es mir schwerfällt. Eine schöne Idee – aber ist die Ebene angemessen? Was, so frage ich mich, ist die Aufgabe unseres Landeskirchenamtes? Schon als die Briefaktion an Ausgetretene gestartet wurde, habe ich mir diese Frage gestellt.

Ich erlebe es als übergriffige Einmischung in unsere Arbeit vor Ort. Über Motive solcher Aktionen kann ich nur Vermutungen anstellen, weil die Gründe leider nicht offen dargelegt werden. Scheinbar traut der Landeskirchenrat oder der Landessynodalausschuss es den Kirchengemeinden nicht zu, die richtigen Prioritäten in Ihrer Arbeit vor Ort zu setzen. So scheint das Fazit zu lauten: Dann mache(n) wir/ich es halt selber!

Würde den Gemeinden vor Ort das Budget für solche Aktionen zur Verfügung gestellt, hätten diese bestimmt so manches Konzept in der Schublade, wie sie z.B. Ihre Jugendlichen erreichen könnte. Aber darauf scheint unsere Kirchenführung nicht zu vertrauen und so wird unter dem Deckmantel der Fürsorge den Gemeinden die Arbeit abgenommen und Briefe verschickt, von denen die Gemeinden weder über Inhalt noch über deren Adressaten informiert werden.

Und das geht nicht gut. Wenn ich nach diesem Prinzip arbeiten würde, wäre ein „Burnout“ absehbar. Nicht nur, weil ich mir alles selber auflade, sondern auch weil ich den Konflikt mit der Gemeinde / den Mitarbeitenden, die nicht so „funktionieren“ wie ich es mir vorstelle, nicht eingehe. Und das rächt sich!

Sollte meine Vermutung zutreffen, dann haben wir ein dickes Kommunikationsproblem. Eines, das für mich auch den immer befremdlicher wirkenden PuK-Prozeß erklärt. Es scheint der Eindruck auf vielen Ebenen der kirchenleitenden Organe zu herrschen, dass Kirchengemeinden keine qualitativ gute Arbeit mehr machen. Sicher gibt es solche Gemeinden auch.

Aber es gibt auch andere, und nicht zu knapp:

  • Gemeinden, die ganz selbstverständlich die Leitsätze von PuK* im Zentrum ihrer Arbeit haben und die nur den Kopf schütteln, dass man solche Zielsetzungen überhaupt erwähnen muss in der Kirche.
  • Gemeinden, die schon immer den Blick nach außen, in den sie unmittelbar umgebenden Lebens-„Raum“, gerichtet haben und selbstverständlich in Kooperation mit der Kommune, den örtlichen Einrichtungen und den Geschwistern anderer Konfessionen unterwegs sind.
  • Gemeinden, die sich als Teil eines größeren Ganzen, kirchlich und gesellschaftlich, sehen und die ihre Arbeit nicht allein für sich, sondern in Verantwortung gegenüber der Gesamtkirche verstehen.

Die Gemeinde Prien und ich ganz persönlich haben keine Lust mehr, immer wieder in einen Topf geworfen zu werden mit den Vertretern eines beengten binnenkirchlichen Milieus. Ich habe keine Lust mehr mich rechtfertigen zu müssen gegen Vorwürfe, die einfach nicht zutreffen und die mit ein wenig gutem Willen hinsichtlich Nachfrage und Information gegenstandslos wären. Ich wünsche mir stattdessen, dass diejenigen, die so vorschnell die Initiative samt Umsetzung an sich reißen, genau hinschauen und die gewaltigen Potentiale entdecken, die sich auf Gemeindeebene bereits entfalten oder noch entfalten könnten. Und ich wünsche mir, dass die nötigen Konflikte ausgefochten werden. Gemeinden, die im eigenen Sumpf versauern, brauchen einen Weckruf. Ja, gewiss!

Aber andererseits brauchen Menschen in kirchenleitenden Funktionen genaue Kenntnis, was in der bunten Landschaft bayrischer Gemeinden wirklich passiert und was nicht.

  • Wissen beispielsweise diejenigen, die sich die Briefe an Jugendliche ausgedacht haben, dass unsere Gemeinde, wie so viele andere Gemeinden auch, seit Jahren auf eigene Kosten eine Stelle in der Jugendarbeit finanziert? Übrigens äußerst erfolgreich.
  • Wissen diese Menschen, welche Anstrengungen es Jahr für Jahr bedeutet, die Mittel für diese Stelle zusammenzubringen?
  • Und ahnen sie, wie dann die Ankündigung wirkt, mal eben 1. Million € für so eine Briefaktion im Jahr auszugeben?

Ich glaube, wir haben viel zu reden. Scheinbar genügen die Dokumentationen wie Statistiken und Visitationsunterlagen nicht. Welchen Geist eine Gemeinde lebt und atmet, kann man ja auch nicht auf Papier oder digital einfangen. Gemeinden und Kirchenleitung haben sich scheinbar weit voneinander entfernt.

Es wird Zeit, diesen Prozess umzudrehen!


* Grundaufgaben von PuK (Profil und Konzentration)

  1. Christus verkündigen und geistliche Gemeinschaft leben
  2. Lebensfragen klären und Lebensphasen seelsorgerlich begleiten
  3. Christliche und soziale Bildung ermöglichen
  4. Not von Menschen sichtbar machen und Notleidenden helfen
  5. Nachhaltig und gerecht haushalten

Lesen Sie den Newsletter vom April 2018 als PDF: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/NewsletterApril2018.pdf

Die Neuentdeckung der Kirche – Eine Erinnerung an Martin Luthers ekklesiologische Grundoptionen

Die Kirche hat da ihr Sein, wo eine Gemeinde (gottesdienstlich) um einen Altar und um eine Kanzel versammelt ist.

Von Wilhelm Christe

Kirche als Organisation und Ortsgemeinde

An dieser »Neuentdeckung der Kirche« seien noch zwei Akzentuierungen herausgestellt: Zum einen versteht Luther die Kirche nicht zuerst von der Institution, der Organisation her: also nicht, wie es sich damals nahe legte, von der Kirche als »heiliger Ordnung«, als »Hierarchie« her, die ein eigenes sakrales Recht besaß und sich vor allem im Papst, den Bischöfen, Priestern und Ordensleuten darstellte, d.h. wesentlich Klerikerkirche war. Heute müsste man von Luther her sagen: die Kirche besteht nicht zuerst in den einem Verein ähnlichen Großorganisationen von Landeskirche oder EKD, denen man durch bloß formale Mitgliedschaft angehört, sondern Kirche ist primär die eben verborgene geistliche Gemeinschaft der Glaubenden auf der ganzen Welt, über alle Grenzen von Institutionen und Organisationen hinweg. Sie ist primär Gemeinschaft, Gemeinde, ein »Haufen«, wie Luther sagt, von Menschen, die Jesus Christus im Heiligen Geist gerufen und versammelt hat, eben sein einiges Volk auf der ganzen Erde. Man sollte, so denke ich, das ruhig stehen lassen und nicht sofort apologetisch umdeuten: Luthers Kirchenbegriff hat durchaus eine geistig-geistliche, »spiritualistische« (und aktualistische) Schlagseite!

Und das Zweite: Was die äußere, sichtbare Gestalt dieser weltweiten unsichtbaren Kirche betrifft, so kristallisiert sie sich zuerst und bleibend in der Gemeinde vor Ort, der Pfarrgemeinde, als Gemeinschaft der Menschen, die um eine Kirche, einen Kirchturm herum leben. Und dies deshalb, weil die Pfarrgemeinde, die Ortsgemeinde zusammen mit ihrem Kirchengebäude der genuine Ort ist, an dem die Predigt des Evangeliums und die Feier von Taufe und Abendmahl geschehen, also jene Vollzüge, die Kirche immer wieder neu entstehen lassen. Dies geschieht eben nicht in den übergeordneten Strukturen etwa des Dekanates, der Landeskirche oder der EKD. Joachim Ringleben formuliert deshalb treffend: »Die Kirche hat da ihr Sein, wo eine Gemeinde (gottesdienstlich) um einen Altar und um eine Kanzel versammelt ist.«

Luther lehnt indessen solche übergemeindlichen Einheiten und Dienste nicht rundweg ab, sie sind ihm aber sekundär, müssen der Grundgestalt der sichtbaren Kirche, der Ortsgemeinde, sowie ihrem Grundgeschehen dienen und sind nach diesem Maßstab jeweils pragmatisch (»de jure humano«), fern aller theologischen Überhöhung, ein­zurichten.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel im Deutschen Pfarrerblatt, Heft 4/2018: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/index.php?a=show&id=4489