"Nach reformatorischem Selbstverständnis gibt es nur das eine Predigtamt. Aufsichtsämter wie das evangelische Bischofs- bzw. Dekansamt, die streng genommen nur Funktionen des einen gleichberechtigten und nicht-hierarchisch gestuften Predigtamtes sind, gehören in den Bereich der menschlichen Ordnung. Es sollte nachdenklich stimmen, dass die frühen Wittenberger reformatorischen Ordinationsformulare sich gerade nicht an der spätmittelalterlichen Priesterweihe, sondern stattdessen an der Bischofsweihe orientierten. Pfarrerinnen und Pfarrer sind Bischöfinnen und Bischöfe ihrer Gemeinden." (Prof. Klaus Raschzok)

Pfarrberuf/ Pfarrerbild

   
 


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Es ist noch gar nicht so lange her, dass auch in der Synode nicht wenige der Meinung waren, man könne die Berufsgruppe der PfarrerInnen im Zuge notwendiger Einsparmaßnahmen wie andere Berufsgruppen in der Kirche kürzen. Viele Aufgaben der PfarrerInnen könnten leicht Ehrenamtliche übernehmen. Hier hat sich die Meinung bei manchen geändert, auch durch die Erfahrung, in der eigenen Gemeinde keinen Pfarrer zu haben. Isolde Karle hat gezeigt, dass die Rechnung nicht aufgeht: Wo PfarrerInnen (und andere Hauptamtliche wie DiakonInnen und ReligionspädagogInnen) fehlen, gibt es bald nicht mehr, sondern weniger Menschen, die sich zum ehrenamtlichen Dienst motivieren lassen. Auch das Impulspapier "Kirche der Freiheit" sieht im Pfarrberuf eine Schlüsselfunktion für eine Kirche, die gegen den Trend wieder wachsen will und entwirft ein entsprechendes Anforderungsprofil. Ein berechtigtes Unternehmen - oder eine Fehlentwicklung?


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Literatur

Die Episkopalisierung der evangelischen Kirche

Die nicht zuletzt durch die Mechanismen der modernen Mediengesellschaft bedingten Verschiebungen im Selbst-Verständnis des evangelischen Bischofsamtes wirken sich ebenfalls unmittelbar auf den Pfarrberuf aus. Sie sind eng mit der Organisationswerdung der evangelischen Landeskirchen verbunden. Stillschweigend vollzieht sich in der öffentlichen Wahrnehmung eine Anpassung an das Modell des nachkonziliaren römischen Bischofsamtes mit seinem bischöflichen Gesamtanspruch auf alle Kirchenmitglieder ungeachtet der Zuständigkeitsbereiche der Pfarrerschaft. Pfarrerinnen und Pfarrer werden damit in den Kirchengemeinden vor Ort zu Vertreterinnen und Vertretern der Bischöfe, die das eigentliche kirchliche Geschehen in ihrer medialen Präsenz steuern und darstellen, und die bei öffentlich bedeutsamen Anlässen wie zum Beispiel Trauerfeiern im Zusammenhang von großen Unglücksfällen selbst wie Gemeindepfarrerinnen und Gemeindepfarrer gottesdienstlich agieren.

Hinzu kommt die Vernachlässigung der Grundaufgabe einer Sorge für den Pfarrberuf und damit der Ausfall einer ursprünglichen Kernaufgabe des evangelischen Bischofsamtes. Der zunehmende Macht- und Steuerungsanspruch des bischöflichen Amtes in den evangelischen Landeskirchen durch eine Übersteigerung des Gedankens der Vertretung der Kirchen in der medial geprägten Öffentlichkeit und das damit korrespondierende medial geprägte Agieren der evangelischen Bischöfinnen und Bischöfe (bis hin zur Kleidung!) macht aus den Pfarrerinnen und Pfarrern Hintergrund-Mitarbeiter der Kirche. Eine Zurücksetzung des Geistlichen Amtes und eine fatale Hierarchisierung im öffentlichen Erscheinungsbild der evangelischen Kirchen sind die unbeabsichtigten Folgen. Pfarrerinnen und Pfarrer werden damit - wie im römisch-katholischen Kirchenverständnis - lediglich als die Vertreterinnen und Vertreters des Bischofs vor Ort in seiner Abwesenheit wahrgenommen. Die »Kirche der Freiheit« ist damit möglicherweise nichts anderes als eine Kirche der Freiheit des EKD-Ratsvorsitzenden, dessen virtuosen denkerischen Vorgaben sich die einzelnen Pfarrerinnen und Pfarrer als »Leitende Geistliche« anzupassen haben.

Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass die landesbischöfliche Sorge um den Pfarrberuf weitgehend nur als Hintergrundaufgabe ausgeübt werden kann, die in der medial orientierten Öffentlichkeit kaum Punktgewinne einträgt. Angesichts der in wenigen Jahren anstehenden Wahl eines neuen Landesbischofs in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sind aus diesem Grund bereits jetzt Anfragen an das erforderliche Profil eines zukünftigen Landesbischofs oder einer Landesbischöfin zu richten. Gehört die Sorge für das Geistliche Amt noch zu den Kernaufgaben des Bischofsamtes? Wird dies bejaht, dann ist hier auch der Pfarrer- und Pfarrerinnenverein gefordert, seine Stimme zu erheben und an einer entsprechenden Bewusstseinsbildung innerhalb der Landessynode zu arbeiten.

Ein Seitenblick in die Verfassung der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern macht deutlich, dass sich auch hier bereits - sicherlich ungewollt und in bester Absicht - eine Verschiebung vollzogen hat. Artikel 61 (Aufgaben des Landesbischofs) nennt in Absatz (1) Ziffer 2 des Aufgabenkatalogs bezeichnenderweise das Gespräch mit den Gemeinden vor dem Gespräch mit den Pfarrerinnen und Pfarrern. Analog dazu ist auch Artikel 64 Absatz (3) Ziffer 2 der bayerischen Kirchenverfassung mit dem Aufgabenkatalog der Oberkirchenräte in den Kirchenkreisen konstruiert. Aufgabe des evangelischen Bischofsamtes ist es, neben der Sorge für den Pfarrberuf, die sich nicht zuletzt im Wachen über die Schrift- und Bekenntnisgemäßheit der Verkündigung vollzieht, das Gespräch in der Pfarrerschaft anzuregen und nicht lediglich Leitlinien für die Umsetzung vorgegebener Anliegen durch die Pfarrerinnen und Pfarrer zu kommunizieren. Ich sehe hierin letztlich eine mangelnde Bereitschaft, dem Geistlichen Amt im besten reformatorischen Sinne das zuzugestehen, was das römische Kirchenverständnis an Verantwortung für die Kirche allein dem Bischof zubilligt, und spüre in solchen Tendenzen immer wieder den fatalen Anpassungsdruck an die öffentlich wesentlich plausiblere Schwesterkirche. Besonders problematisch wird dies, wenn das implizite Leitbild der evangelischen als der »besseren katholischen Kirche« das öffentliche Handeln bei Konfliktfällen mit Pfarrerinnen und Pfarrern zu steuern beginnt und wir auch hier als evangelische Kirchen ungewollt an einer römischen Hierarchisierung partizipieren.

Aus: Dr. Klaus Raschzok, Gefragt, nötig, präsent - Zur Diskussion um den Pfarrberuf (Korrespondenzblatt Nr. 6/2008, S.81 ff.) pdf-Datei, Adobe Reader erforderlich

 
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